Objektive und subjektive Rationalität. Ein Vergleich der Theorien Achams und Habermas'


Hausarbeit, 2014

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Subjektive Rationalität nach Acham
2.1 Zweckrationales Handeln
2.2 Wertrationales Handeln

3. Objektive Rationalität nach Acham

4. Habermas' Handlungsbegriffe und der Bezug zu Achams Rationalitätskonzept
4.1 Teleologisches Handeln
4.2 Normenreguliertes Handeln
4.3 Dramaturgisches Handeln

5. Folgen des Eigeninteresses

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Rationalität ist die Bezeichnung für die Fähigkeit, Verfahren diskursiver Einlösung von Geltungsansprüchen zu entwickeln, ihnen zu folgen und über sie zu verfügen, sodass der Begriff kurz als die Fähigkeit zur Erzeugung von Wohlfundiertheit charakterisiert werden kann.[1] Im aktuellen Sprachgebrauch werden Begriffe wie rational, irrational oder Vernunft inflationär verwendet und deren philosophischen Bedeutungen kein Stellenwert zugeschrieben. Die vorliegende Arbeit wird den Begriff der Rationalität auf den objektiven und subjektiven Aspekt hin untersuchen. Als Basis dafür gilt Karl Achams Schrift Über einige Rationalitätskonzeptionen in den Sozialwissenschaften, erschienen in Rationalität durch den Herausgeber Herbert Schnädelbach im Jahr 1984. Auf Grundlage dieses Textes wird im ersten Teil der Abhandlung untersucht, was subjektive und objektive Rationalität nach Acham charakterisiert und voneinander unterscheidet. In Folge dessen soll eine weitere Begriffsbestimmung von Rationalität herangezogen werden. Diese bezieht sich auf das Werk Rationalität – eine vorläufige Begriffsbestimmung von Jürgen Habermas, welche in seinem ersten Band der Theorie des kommunikativen Handelns 1985 beschrieben wird. In diesem Abschnitt der vorliegenden Abhandlung wird erläutert, was Habermas unter den Handlungsbegriffen des teleologischen, normenregulierten und dramaturgischen Handelns versteht und wie sich diese in Beziehung zu seinen Diskursen, seiner Welten-Teilung und zu Achams Rationalitätskonzeptionen bringen lassen. Die Fragestellung ist letztlich ein Vergleich von objektiver und subjektiver Rationalität zweier Autoren und soll Antworten auf die Frage liefern, welche Gemeinsamkeiten und Differenzen sich bei diesen Rationalitätsabhandlungen feststellen lassen.

Im letzten Teil soll ein Ausblick darauf gegeben werden, wie sich eigeninteressierte Handlungen, die auf rationalen Aspekten begründet zu sein scheinen, auf das Gemeinwohl auswirken. Dazu wird Die Philosophie des Egoismus von dem individualistischen Anarchisten James Walker herangezogen, deren Übersetzung im Jahr 1979 erschienen ist.

2. Subjektive Rationalität nach Acham

Die subjektive Rationalität nach Karl Acham diskutiert die Geeignetheit der Mittel in Anbetracht vorgegebener Ziele von Handlungen.[2] Sie wird ebenso als Handlungs-Rationalität bezeichnet, wobei diesbezüglich zwei Komponenten zu unterscheiden sind: Das zweckrationale Handeln versus dem wertrationalen Handeln.

2.1 Zweckrationales Handeln

Im Fall des zweckrationalen Handelns, welches auch als instrumental-rationales Handeln bezeichnet wird, stehen die formalen Aspekte einer Handlung im Vordergrund. Ein Analytiker beschäftigt sich mit der prozeduralen Komponente der Handlung und bezeichnet ein Verhalten dann als rational, wenn der Aktor die effektivsten oder zweckmäßigsten Mittel bezüglich vorgegebener und angestrebter Ziele gewählt hat, um diese zu verwirklichen.[3]

Der Beobachter einer solchen Handlung weiß nicht notwendigerweise, welche Ziele der Handelnde verfolgt. Doch weiß er, dass dieser seinem Ziel möglichst nahe zu kommen versucht und bestrebt sein wird, die Zielsetzung zu erfüllen. Werden diese Bestrebungen auf die marktwirtschaftliche Situation übertragen, bedeutet das auch hier das maximale Streben nach Erfolg. Der Produzent versucht demnach seine Marktanteile und somit seinen Profit zu erhöhen, während der Konsument den Nutzen maximiert, welchen er durch einen Vergleich der vorherrschenden Güter auf dem Markt zu erwarten hat.[4]

Als theoretische Idealisierung dieses Menschen ist die fiktive Figur des homo oeconomicus heranzuziehen. Entstanden aus der Theorie des Utilitarismus, ist dieser nun eine Modellvorstellung der Wirtschaftstheorie und stellt einen ausschließlich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten denkenden und handelnden Menschen dar. Die vollständige Kenntnis seiner wirtschaftlichen Entscheidungsmöglichkeiten und deren Folgen, sowie die vollkommene Information über alle Märkte und Eigenschaften sämtlicher Güter charakterisiert diesen Idealtypus.[5] Das ursprüngliche Ziel, elementare wirtschaftliche Zusammenhänge beschreiben zu können, ist jedoch nicht mehr aktuell. Das Prinzip der Nutzenmaximierung hat in der heutigen Gesellschaft keinen obersten Stellenwert mehr, da moralische und ethische Aspekte an Priorität gewonnen haben. Soziale Standards wie beispielsweise Fairness werden zur Leitregel und Handlungen sind somit nicht mehr nur nutzenorientiert. Das zweckrationale Handeln lässt sich schließlich als effektorientiert zusammenfassen.

Um zu beschreiben wie größere und kleinere Einheiten zusammenwirken, um die Integration oder Anpassung des Gesamtsystems zu bewerkstelligen, wird oftmals die Spieltheorie angeführt.[6] Diese dient in erster Linie dazu, die Beziehung zwischen Nützlichkeit und subjektiver Wahrscheinlichkeit zu beschreiben, Beiträge zur Konstruktion einer kardinalen Nutzenskala und Entscheidungsimplikationen von statistischen Test zu leisten, sowie eine Rationalität in Wettbewerbssituationen zu definieren.[7] Das heißt, dass die Theorie zur Vereinfachung von Entscheidungsprozessen genutzt wird. Jedoch geht die Spieltheorie vom homo oeconomicus als Handelnden aus und berücksichtigt weder soziales Verhalten zwischen Handelnden noch greift sie Konflikte des realen Lebens auf. Um dennoch Entscheidungsprozesse vereinfachen zu können, liegt die Lösung demnach in einer neuen Zielsetzung für die handelnde Person. Das Ziel kann nach dem Sozialwissenschaftler Herbert A. Simon nicht mehr in der Maximierung des Nutzens liegen, sondern viel mehr in der Zufriedenstellung des Subjekts.[8] Demzufolge ändert sich auch die Definition von rationalen Handlungen:

„Wenn wir uns nun fragen, was in der Ökonomie unter rationalem Verhalten verstanden wird, so zeigt sich, daß ein Mensch als rational gilt, wenn er in sich logisch kohärente Ziele verfolgt; wenn sich eine logische Kohärenz zwischen Mitteln, Zielen und den antizipierbaren Folgen der Zielrealisierung nachweisen läßt; […] wenn schließlich der Einsatz der Mittel den angestrebten Zielen – im Sinne von Effektivitätsforderungen adäquat ist.“[9]

Die Forderung lautet demnach, die Folgen der Realisierung von Handlungszielen, die Folgen der Mittelverwendung und die mit diesen verbundenen Nebenwirkungen empirisch zu erforschen und auf ihre logische Verträglichkeit mit den leitenden Wertaxiomen hin zu untersuchen.[10] Diese Forderung sprengt jedoch den Rahmen der Subjektivität, sodass festgestellt werden muss, dass es außer der Bedingung der Kohärenz kein Kriterium für die Rationalität der Zwecke gibt, da diese Zwecke willkürlich und bei jedem Individuum unterschiedlich sind.[11]

2.2 Wertrationales Handeln

Im Gegensatz zum zweckrationalen Handeln ist das wertrationale Handeln gesinnungsorientiert. Hierbei gibt es keine zweckmäßigen oder utilitaristischen Gründe für ein bestimmtes Verhalten, da der Wert im Handlungsvollzug selbst begründet liegt und eben nicht in der Herbeiführung eines Ziels.[12] Dieses Handeln wird bestimmt vom bewussten Glauben an den Eigenwert einer Handlung in ethischer, ästhetischer oder religiöser Hinsicht. Ein wertrationales Verhalten ist Handeln ohne Rücksicht auf vorauszusehende Folgen und rein aus der individuellen Überzeugung. Die Regeln und Forderungen, nach denen gehandelt wird, sind ebenfalls individuell und unterliegen keinem universalistischem Prinzip. Eine wertrationale Handlung ist beispielsweise die Fahrt mit dem Fahrrad bei starkem Regen. Der Wert liegt dabei auf der Umweltschonung, welche gefährdet wäre, wenn ein Fahrzeug mit Schadstoffproduktion verwendet würde. Weber fasst dieses Handeln folgendermaßen zusammen:

„Rein wertrational handelt, wer ohne Rücksicht auf die vorauszusehenden Folgen handelt im Dienst einer Überzeugung von dem, was Pflicht, Würde, Schönheit, religiöse Weisung, Pietät, oder die Wichtigkeit einer 'Sache' gleichviel welcher Art ihm zu gebieten scheinen. Stets ist (im Sinn unserer Terminologie) wertrationales Handeln ein Handeln nach 'Geboten' oder gemäß 'Forderungen', die der Handelnde an sich gestellt glaubt. Nur soweit menschliches Handeln sich an solchen Forderungen orientiert – was stets nur in einem sehr verschieden großen, meist ziemlich bescheidenen Bruchteil der Fall ist -, wollen wir von Wertrationalität reden.“[13]

Doch wie beim zweckrationalen Handeln ist es auch hier die Heterogonie, die es unmöglich macht, von einer notwendigerweise rationalen Handlung zu sprechen. Individuelle Normen, Kontextabhängigkeit und Flexibilität lassen es nicht zu, für einen Beobachter eine klare Linie zwischen rationalen und irrationalen Handlungen zu ziehen, wenn dieser Beobachter nicht die einzelnen Werte eines jeden Individuums kennt.

[...]


[1] Vgl. Carl Friedrich Gethmann: Rationalität, in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Stuttgart/Weimar 1995, Bd. 3, S.468.

[2] Vgl. Karl Acham: Über einige Rationalitätskonzeptionen in den Sozialwissenschaften, in:

Rationalität, Hg. H. Schnädelbach, Frankfurt am Main 1984, S. 32.

[3] Vgl. Acham (1984, S.33).

[4] Vgl. Acham (1984, S.34).

[5] Vgl. http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/19635/homo-oeconomicus (letzter Zugriff am 15.03.2014, 15.30Uhr)

[6] Vgl. Acham (1984, S.35).

[7] Ebd.

[8] Vgl. Acham (1984, S.36).

[9] Acham (1984, S.37f.).

[10] Vgl. Acham (1984, S.38).

[11] Ebd.

[12] Vgl. Acham (1984, S.33).

[13] Jürgen Prott: Grundkurs Soziologie: Eine Einführung für Studienanfänger, Berlin 2001, S.52.

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Details

Titel
Objektive und subjektive Rationalität. Ein Vergleich der Theorien Achams und Habermas'
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Seminar Rationalität
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V274365
ISBN (eBook)
9783656666110
ISBN (Buch)
9783656666097
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
objektive, rationalität, vergleich, theorien, achams, habermas
Arbeit zitieren
Alina Winkelmann (Autor), 2014, Objektive und subjektive Rationalität. Ein Vergleich der Theorien Achams und Habermas', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274365

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