Über die Zwiespältigkeit der Figur Hildeburg in Gottfried Kellers „Sinngedicht“


Seminararbeit, 2014

23 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Einzigartigkeit der Binnenerzählung „Die Geisterseher“

2 Zwiespältige Darstellung der Figur Hildeburg
2.1 Zwiespältiges an Hildeburgs Aussehen
2.2 Hildeburg als emotionales und rationales Wesen
2.3 Hildeburg als passives Opfer und als aktive Verführerin

3 Funktion(en) dieser zwiespältigen Darstellung Hildeburgs
3.1 Funktion innerhalb des Werks
3.2 Funktion für das Geschlechterverhältnis
3.3 Funktion im Zusammenhang mit der Epoche des Realismus

4 Schlusswort

Literaturverzeichnis

Persönliche Erklärung

Einleitung

„Die Geisterseher“ ist eine Binnenerzählung im „Sinngedicht“ von Gottfried Keller. In dieser Erzählung, die vom Oheim beschrieben wird, geht es um eine Dreiecksbeziehung. Hildeburg ist in zwei Männerverliebt, die sie beide auch lieben. Bei den zwei Männern handelt es sich um den Erzähler, den Oheim, und dessen Jugendfreund Mannelin. Im Verlaufe der Erzählung wird sie mehrere Male dazu gedrängt, sich für einen der beiden Männer zu entscheiden. Dies kann sie allerdings nicht, da sie für eine solche Entscheidung beide Männer angeblich zu stark liebt. Um dieses Dilemma zu lösen, entscheidet sie sich schlussendlich dafür, beide Männer einem Test zu unterziehen. In der Geisterszene verkleidet sich Hildeburg als Geist und überfällt in der Nacht die Männer, um herauszufinden, wie sie auf den angeblichen Geist reagieren. Während der Oheim sich vor dem Geist fürchtet, durchschaut Mannelin die Täuschung. Schlussendlich entscheidet sich Hildeburg für Mannelin.

Im Zentrum der Binnenerzählung steht die Frauenfigur Hildeburg. Sie wird beim Lesen als zwiespältig oder ambivalent wahrgenommen. Es ist eine Figur, die sich auf den ersten Blick nicht einfach charakterisieren lässt. Sie entspricht keinem stereotypen Frauenbild. Vielmehr, so scheint es, hat sie viele Facetten und widerspricht sich in ihrem Handeln mehrmals. Diese Figur und deren Zwiespältigkeitfaszinierten mich beim Lesen sehr. Aus diesem Grund stelle ich sie ins Zentrum dieser Seminararbeit.

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, sich näher mit der Figur Hildeburgs auseinanderzusetzten. Dabei stehen zwei Fragen im Zentrum. Zu Beginn geht es darumzu untersuchen, inwiefern Hildeburg als zwiespältige Figur dargestellt wird.Hierfür wird in einem ersten Schritt näher darauf eingegangen, weshalb es sich bei der Binnenerzählung „Die Geisterseher“ um einen Spezialfall handelt, bevor anhand verschiedener Kriterien versucht wird, die zwiespältige Darstellung Hildeburgs näher zu beschreiben. Diese wird anhand der Beschreibung ihres Aussehens, desVerhältnises Emotionen und Vernunft und anhand ihrer inneren Haltung untersucht.

In einem weiteren Schritt wird der Frage nachgegangen, welche Funktion diese zwiespältige Darstellung erfüllt.Hierfür werden drei mögliche Funktionsbereiche genauer beschrieben und anschliessend diskutiert. Bei den Funktionsbereichen handelt es sich um die Funktion der Figur innerhalb des Werkes, ihre Funktion in Bezug auf das Geschlechterverhältnis und der Funktion im Zusammenhang mit der Epoche des Realismus.

1 Einzigartigkeit der Binnenerzählung „Die Geisterseher“

Es kann gesagt werden, dass die Binnenerzählung „Die Geisterseher“ in vielerlei Hinsicht von den anderen Erzählungen abweicht. So ist es beispielsweise die einzige Erzählung, die nicht von Reinhart oder Lucie erzählt wird. Diese zwei streiten sich zu diesem Zeitpunkt über das Thema Wahlfreiheit bei der Partnerwahl, das sich durch die eben von Reinhart erzählte Geschichte „Die arme Baronin“ weiter zugespitzt hat. Ihr Erzählwettstreit wird vom Oheim unterbrochen. Er erzählt die Geschichte über Hildeburg, um Reinharts Ansicht bezüglich der Frauenwahl zu beeinflussen: „Mit unserer Wahlfreiheit und Herrlichkeit, bester Freund, ist es nämlich nicht gar so weit her, und wir dürfen nicht zu sehr darauf pochen!“[1] Alles, was der Leser und die Leserin in „Die Geisterseher“ erfahren, basiert auf dem Erinnerungsvermögen und den Interpretationen des Oheims. Es handelt sich um ein autobiographisches Erlebnis des Oheims, dasvon seiner Jugend und von seiner grossen Liebe, die er nicht hatte erobern können, erzählt. Bereits zu Beginn erwähnt er, dass seine Erzählung möglicherweise fehlerhaft und verzerrt sein könnte:

Es ist bald geschehen, daß man alt wird (sagte er), so rasch, daß man beim Rückblicke auf den durchlaufenen Weg sich nur auf einzelnes etwa besinnen und sich namentlich nicht mit reumütigen Betrachtungen über die begangenen dummen Streiche aufhalten kann.[2]

Im Vergleich zu den anderen Figuren, die in den Binnenerzählungen vorkommen, handelt es sich bei Hildeburg um eine abweichende Figur. Sie stellt kein richtiges oder falsches Idealbeispiel dar. Vielmehr wird sie als mehrdimensionaler Charakter beschrieben, der auf den ersten Blick nur schwer zu fassen ist. Denn es scheint, als würde sie sich bezüglich ihrer Handlungen und Aussagen teilweise selbst widersprechen. Dadurch entsteht beim Leser und bei der Leserin der Eindruck einer zwiespältigen und ambivalenten Figur. Interessant ist auch, dass es sich inhaltlich um eine ähnliche Versuchsanordnung handelt wie beim Experiment von Reinhart. Beide, Reinhart und Hildeburg, versuchen, anhand eines Experimentes den idealen Partner zu finden. Reinhart richtet sich dabei nach seinem gefundenen Sinngedicht und versucht, möglichst viele Frauen zu küssen, bis dass er eine findet, die den Kriterien des Sinngedichts entspricht. Hildeburg führt ein ähnlich naturwissenschaftliches Experiment durch. Sie inszeniert die Geisterszene, um beide Männer zu prüfen. Anhand deren Reaktion entscheidet sie sich später für einen der beiden Männer. Diese Gemeinsamkeit zwischenReinhart und Hildeburg kommt nicht von ungefähr. Wie am Ende der Erzählung vermittelt wird, handelt es sich bei Hildeburg um die Mutter von Reinhart. Somit scheint auf den ersten Blick klar, von wem Reinhart das naturwissenschaftliche Denken vererbt hat.

2 Zwiespältige Darstellung der Figur Hildeburg

Wie bereist angedeutet, handelt es sich bei Hildeburg um eine Figur, die von den in den vorherigen Binnenerzählungen beschriebenen Figuren abweicht. Ein Grund hierfür ist, dass sie weder ein positives noch ein negatives Idealbeispiel darstellt. Vielmehr handelt es sich um eine ambivalente Figur, deren Haltung und Absicht für die Lesenden nicht immer sofort ersichtlich werden. Nachfolgend wird näher auf diese zwiespältige Darstellung Hildeburgs eingegangen. Hierfür werden drei zentrale Dimensionen untersucht. In einem ersten Schritt wird das AussehenHildeburgs beschrieben und diskutiert. In einem zweiten Schritt wird darauf eingegangen, inwiefern sie als eine emotionale oder rationale Figur beschrieben werden kann. Weiter wird diskutiert, ob sie eher als passive oder aktive Figur dargestellt wird.

2.1 Zwiespältiges an Hildeburgs Aussehen

Hildeburg ist eine junge Frau aus gutem Hause. Ihr Vater ist ein wohlhabender Bankier. Wie alt sie ist, wird nicht eindeutig gesagt. Der Oheim beschreibt sie als „junges Mädchen“[3]. Ihr Aussehen wird zu Beginn der Binnenerzählung „Die Geisterseher“ vom Oheim beschrieben, als sich dieser daran zurückerinnert, wie er und sein JugendfreundMannelinHildeburgzum ersten Male gesehen hatten:

Wie Mannelinim innersten dachte, wußteich freilich nicht; ich dagegen kann nicht leugnen, daß ich mich heimlich für prädestiniert hielt, weil die Schöne eben so stark brünett war, wie ich selber, Mannelin hingegen der blonden Menschenart angehörte. In der That waren ihre wagerechten Augenbrauen so sammetdunkel, wie der heraldische schwarze Zobel auf den altenWappenschilden, und über der Stirne hing die krause Nacht eines Tituskopfes –na, ich will keine Beschreibung zum besten geben, nur anmerken will ichnoch, daß an festlichen Tagen ein paar kleine Brillantsterne aus der nächtlichen Wildnis funkelten wie Leuchtwürmchen. Und dennoch fiel der Blick, der von dem Schimmer angezogen wurde, so gleich hinunter in den warmen Glanz der dunklen Augen, die meistens gütig ihn empfingen.[4]

Bei näherer Betrachtung dieses Zitates wird das Gegensätzliche an Hildeburg erstmals deutlich. Sie wird vom Oheim als schönes Wesen beschrieben. Mit ihrem Aussehen hat sie eine bestimmte Wirkung auf Männer. Trotzdem scheint sie keinem typischen Schönheitsideal zu entsprechen. Dies kann unteranderem durch die Beschreibung der waagerechten Augenbrauen begründet werden. Waagerechte Augenbrauen galten zumindest im 19. und 20. Jahrhundert nicht als Merkmal typischer Schönheit. Als schöne Augenbraue gilteher eine leicht gewölbte Form[5]. Bezüglich der Charaktereigenschaften, die mit waagerechten Augenbrauen in Verbindung gesetzt werden, gibt es unterschiedliche Ansätze. Sie werden häufig in Verbindung mit Nachdenklichkeit, Klarheit, Geradlinigkeit oder Gerechtigkeitsempfinden gebracht[6]. All diese genannten Eigenschaften können auf Hildeburg übertragen werden und markierenwiederum die Mehrdimensionalität ihres Wesens. Einerseits zeigt sich ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, indem sie sich zu Beginn der Erzählung stark darum bemüht, keinen der beiden Männer zu bevorzugen. Andererseits steht diese Eigenschaft mit ihrer „Geradlinigkeit“ in einem gewissen Konflikt. Obwohl sie einerseits keinen der beiden Männer bevorzugen will, möchte sie andererseits durch das Experiment am Ende der Geschichte Klarheit darüber haben, welcher Mann zu ihr passt und welcher nicht.

[...]


[1] Keller, Gottfried : Das Sinngedicht. Novellen. In : Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe. Hg. v. Walter Morgenthaler u. a. Bd. 7. Basel, Zürich. 1998. S.176.

[2] Keller, Band 7, S. 177.

[3] Keller, Band 7, S. 179.

[4] Keller, Band 7, S. 181f.

[5] Information aus: Felser, Georg: Bin ich so wie du mich siehst? Die Psychologie der Partnerwahrnehmung. München 1999.

[6] Information aus: Pedde, Antje: ‚Große Dichtung redet von Frau oft nicht anders als der Biertisch‘. Würzburg 2009. S. 241.

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Details

Titel
Über die Zwiespältigkeit der Figur Hildeburg in Gottfried Kellers „Sinngedicht“
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Deparement Germanistik)
Veranstaltung
Gottfried Keller
Autor
Jahr
2014
Seiten
23
Katalognummer
V274659
ISBN (eBook)
9783656667049
ISBN (Buch)
9783656667018
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, zwiespältigkeit, figur, hildeburg, gottfried, kellers, sinngedicht
Arbeit zitieren
Student Marc Roux (Autor), 2014, Über die Zwiespältigkeit der Figur Hildeburg in Gottfried Kellers „Sinngedicht“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274659

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