Gewerkschaftsbund und SED-Kommando

Historische Entwicklung und politische Rolle des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes FDGB in der DDR. Von der Gründung bis zum Mauerbau


Hausarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Historische Entwicklung und Selbstverständnis des FDGB

2. Der 17. Juni 1953

3. Zwischen Aufstand und Mauerbau. Die Jahre 1956-1961

4. Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Gegründet als Interessenvertretung der Arbeiterklasse entwickelte sich der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) im Laufe der Zeit zu einer staatstragenden Massenorganisation und zum „Erfüllungsgehilfen der SED“.[1] Wie ist diese Entwicklung zu erklären? Und welche politische Rolle im Machtgefüge der DDR fiel dem FDGB zu? Was hatte der FDGB mit der Teilung Deutschlands zu schaffen?

Im Folgenden sollen die historische Entwicklung des FDGB bis zum Mauerbau 1961 aufgezeigt und das Selbstverständnis dieser Organisation bestimmt werden, um diese Fragen zu beantworten. Denn erst bei Betrachtung der Gründungsgeschichte und des ständigen Wandels der Einheitsgewerkschaft kann dessen tragende Rolle geklärt werden.

Der gewählte zeitliche Rahmen von 1945 bis 1961 hat mehrere Gründe. Zum einen stellt diese Arbeit den Versuch dar, den Mauerbau mit den Handlungen der FDGB zu verbinden. Zum anderen ist dieses Thema von solchem Umfang dass es problemlos ganze Regale mit Büchern füllen könnte. Eines der bedeutendsten Ereignisse in der Geschichte des FDGB ist ohnehin recht früh angesiedelt: Der Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953. Die Verknüpfung der geschehenen Ereignisse mit den Handlungen des Gewerkschaftsbundes verdeutlicht den Charakter des FDGB innerhalb der DDR wie kaum ein anderes Beispiel. Die Unterteilung in eine Geschichte vor, während und nach diesen Ereignissen ist also die Konsequenz der Bedeutsamkeit des Arbeiteraufstandes.

Im ersten Kapitel dieser Arbeit werden die Entstehung und erste Wandlungen der Gewerkschaftsideologie beschrieben. Versucht wird ein grundsätzliches Verständnis der Geschichte, des Selbstverständnisses und der Motive des FDGB vorzugeben, um die weitere Entwicklung in all ihren Facetten fassen zu können.

Im Folgenden wird der Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953 in einem gesonderten Kapitel behandelt. Es soll veranschaulicht werden, welche Schuld der FDGB an den Aufständen und deren Eskalation trug und was dieses für die weitere Geschichte der DDR zu bedeuten hatte.

Das dritte Kapitel beschreibt die Ereignisse zwischen den Aufständen des Jahres 53‘ und der Abschottung der DDR im Jahr 61‘. Hier soll verdeutlicht werden in welchem Ausmaß der FDGB Machtwerkzeug der SED war und wie sehr die Geschichte des FDGB mit der Schließung des Eisernen Vorhanges verknüpft war.

Im abschließenden Fazit laufen schlussendlich alle Fäden zusammen und die eingehend gestellten Fragen werden beantwortet. Es soll verdeutlicht werden, dass die Entwicklung der DDR ohne den FDGB definitiv ein andere gewesen wäre.

1. Historische Entwicklung und Selbstverständnis des FDGB

Der Anfang der Geschichte des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes FDGB ist im Jahre 1945 anzusetzen. In der Sowjetischen Besatzungszone setzte sich die von der kommunistischen Obrigkeit durchdachte gewerkschaftspolitische Strategie, eine Zersplitterung der Gewerkschaften in ideologische und weltanschauliche Gruppen zu vermeiden und stattdessen eine Einheitsgewerkschaft zu etablieren, durch. Mit dem „Befehl Nr.2 des obersten Chefs der Sowjetischen Militäradministration Marschall G.K. Shukow“ vom 10.06.1945 wurden erste Grundlagen und Möglichkeiten geschaffen, freie Gewerkschaften zu gründen. Die Freiheiten dieser Gewerkschaften wurden aber schon im darauffolgenden Unterpunkt gehemmt.[2]

Es wird bestimmt, daß für die ganze Zeit des Okkupationsregimes die Tätigkeit aller in Punkt 1 und Punkt 2 genannten Organisationen unter der Kontrolle der Sowjetischen Militärischen Administration und entsprechend den von ihr gegebenen Instruktionen vor sich gehen wird.“[3]

Durch diese Bestimmungen wurden die Machtverhältnisse schon vor der eigentlichen Gründung des FDGB geklärt und so auch dessen politische Richtung vorgegeben und kontrolliert. Dies geschah aus dem Willen heraus, es nie wieder rechtsideologischen Gruppen zu ermöglichen Einfluss in die Geschicke der Politik zu nehmen. So fiel dieser Befehl auf fruchtbaren Boden innerhalb der Gesellschaft. Durch die Zerschlagung der deutschen Gewerkschaften im Februar des Jahres 1933 durch das NS-Regime beziehungsweise deren Zwangseingliederung in die Deutsche Arbeitsfront (DAF) wurde jegliches gewerkschaftliche Handeln bis zum Ende des Krieges unterdrückt. Die DAF stellte keinen echten Ersatz für die zuvor bestandenen Gewerkschaften dar, entwickelte sich aber trotzdem bis 1944 zur größten Massenorganisation des nationalsozialistischen Deutschlands. Durch die nun von Shukow erlassenen, wenn auch begrenzten, gewerkschaftlichen Freiheiten waren ein organisierter Neuanfang und eine Aufarbeitung des Geschehenen möglich.[4]

Die schon vor 1933 bestandenen gewerkschaftlichen Strömungen stritten sich ab dem 02. Juni 1945 darum, welche Partei die Vormacht in der geplanten Einheitsgewerkschaft innehaben sollte und so die politische Richtung vorgeben konnte. Formell bestand nach der Zerschlagung der Gewerkschaften im Nationalsozialismus zwar keine dieser Organisationen mehr. Doch blieben die jeweiligen Ideologien über den Krieg hinaus erhalten. Diese waren die sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften des ehemaligen Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) und des Allgemeinen Deutschen Angestelltenbundes (AfA-Bund), die kommunistische Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO), die Christlichen Gewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB [1919])[5] und die liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine.[6]

Anzumerken ist, dass der hier beschriebene DGB [1919] nicht mit dem heutigen Deutschen Gewerkschaftsbund zu verwechseln ist. Der heutige DGB [1949]wurde erst im Jahr 1949 als geplante Einheitsgewerkschaft gegründet und setzte sich hauptsächlich aus ehemaligen ADGB-Angehörigen (die nicht dem FDGB beitraten) zusammen, während der historische DGB [1919] am besten mit dem heutigen Christlichen Gewerkschaftsbund Deutschlands (CGB) zu vergleichen ist.[7]

Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch keine weitere Rechtsgrundlage geschaffen war, drängten allen voran die Sozialdemokraten zur schnellen Gründung, vermutlich um den KPD-nahen Gewerkschaften den Wind aus den Segeln zu nehmen und diese so unter ihrer Kontrolle ruhig zu stellen. Dieses Vorhaben aber scheiterte an der politischen Nähe der kommunistischen Organisationen zur Sowjetbesatzung. Zu einer Versammlung im Juni wurden Walter Ulbricht und 3 weitere Kommunisten, Jakob Kaiser von den Frei-Gewerkschaftern, Ernst Lämmer von der Hirsch-Duncker-Richtung und 4 Sozialdemokraten (von denen einer ohne Wissen der anderen bereits zur KPD übergelaufen war), von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) eingeladen, um diese offiziell mit der Gründung einer Einheitsgewerkschaft zu beauftragen. Nach längeren Verhandlungen setzte sich die KPD-nahe Gewerkschaft durch. Der am 15. Juni ins Leben gerufene Gewerkschaftsausschussverband, bestehend aus den zuvor beauftragten zehn Gewerkschaftern, arbeitete das erste 4-Punkte Gewerkschaftsbekenntnis aus, dessen Inhalte die Leitlinie für künftiges Handeln bilden sollten.[8]

1. Entschlossener Kampf gegen die nazistische Ideologie und das Gift des deutschen Militarismus. (…) 2. Einsatz aller Arbeitskräfte, um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern und Berlin durch angestrengte Arbeit wieder aufzubauen. (…) 3. Vertretung der Arbeiter und Angestellten im Rahmen der Bestimmungen der Besatzungsbehörden durch Abschlüsse von Tarifverträgen und Organisierung des Arbeitsschutzes und des Arbeitseinsatzes. (…) 4. Erziehung der Arbeiterschaft im Geiste des Antifaschismus, des demokratischen Fortschritts und zur Erkenntnis ihrer sozialen Lage. (…)[9]

Der vom FDGB erhobene Anspruch eine Gesamtdeutsche Gewerkschaft darzustellen, konnte, aufgrund eines Vetos der Französischen Besatzung im Alliierten Kontrollrat, nicht erfüllt werden.[10] Der FDGB konzentrierte sich von da an ausschließlich auf die Sowjetische Zone, in welcher er nicht nur legitimiert handeln konnte, sondern explizit von der dortigen Militäradministration unterstützt wurde. Durch die Gründung der Sozialistischen Einheitspartei SED im Jahre 1946, die die KPD und die SPD in sich zusammen führte, war die politische Richtung des FDGB endgültig bestimmt, denn der Großteil der Mitglieder waren Sozialdemokraten und Kommunisten.[11] Allerdings unterwarfen sich einige der frühen Mitglieder, insbesondere Christdemokraten und einige wenige Sozialdemokraten, nicht sofort der SED. Dies lag auch an der Masse von christlich demokratischen und sozialdemokratischen Betriebsräten, welche über alle Zonen verbreitet waren. Dennoch weitete die SED ihren Einfluss auch innerbetrieblich immer weiter aus. Das kommunistische Verständnis, welches die SED dem FDGB mehr oder minder aufzwang, machte aus der als Kompromiss aller politischen Richtungen gegründeten Einheitsgewerkschaft „eine zentralistische Monopolorganisation mit untergeordneten Verbänden“.[12] Wie sehr der FDGB unter direkter Kontrolle der SED, der SBZ und damit auch der Stalinistischen Politideologie stand, wird erst bei Verknüpfung des Gewerkschaftsbundes mit der Gründung der DDR im Jahr 1949 wirklich anschaulich.

Stalin forderte die SED 1947 dazu auf, „alle wie immer gearteten parteilosen Organisationen der Arbeiterklasse in Hilfsorgane (…) zu verwandeln“.[13]

Dieser Aufruf leitete eine Änderung der Strukturen in SED und FDGB ein. Soweit möglich wurden sozial- und christdemokratische Funktionäre aus der Partei gedrängt oder verhaftet. Durch Einsetzen von SED Männern in alle wichtigen Positionen des FDGB konnte die stalinistische Haltung durch alle Schichten der Organisation dringen. Ernst Lämmer wurde innerhalb kürzester Zeit als CDU Vorsitzender entmachtet. Seinen Posten als 3. Vorsitzender des FDGB behielt er zwar inne, doch wurde er schlichtweg zu wichtigen Beratungen nicht mehr eingeladen.[14] Durch die nun vollkommen der Sowjetunion ergebenen Organisationen wie Partei und Gewerkschaftsbund, hatte Stalin keinen Widerstand mehr zu fürchten. Die Zuspitzung des Ost-West Konfliktes, der schließlich in der Trennung Deutschlands und der Staatsgründung der DDR ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte, kam den Funktionären des SED Regimes und nicht zuletzt dem FDGB zu Gute. 1948 schon war der FDGB Mitglied des Demokratischen Blocks, einem Verbund von Parteien und Organisation unter Führung der SED. Durch dieses Engagement in der Blockpolitik der DDR, sicherte sich die Führung des FDGB eine eigene Fraktion in der Volkskammer und wurde an der Regierungsbildung beteiligt. Letzter Gegenspieler aus parteigewerkschaftlicher Sicht waren ab da nur noch die Betriebsräte, welche sich teils noch als frei oder gar sozial-/christdemokratisch bzw. liberal sahen. Um jegliches Anfechten der Macht des FDGB und damit der SED entgegenzuwirken, wurden 1948 alle Betriebsräte aufgelöst und durch von FDGB Männern geführte Betriebsgewerkschaftsleitungen (BGL) ersetzt.[15]

[...]


[1] Deutscher Gewerkschaftsbund (Hg.): Der FDGB. Erfüllungsgehilfe der SED, 3. Aufl., Düsseldorf 1964, S. 7.

[2] Vgl. Befehl Nr. 2 des Obersten Chefs der Sowjetischen Militärischen Administration (10.06.1945), in: documentArchiv.de [Hrsg.], unter: http://www.documentArchiv.de/ddr/smad_bef02.html, Stand: 12.02.14.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Georg Müller: Ahaus 1933. Installation des nationalsozialistischen Systems, München 2004, S.97- 99.

[5] Die Zahl [1919] bezieht sich auf das Gründungsjahr des DGB [1919] zur besseren Unterscheidung zum heutigen DGB [1949].

[6] Vgl. Ulrich Gill: FDGB. Die DDR-Gewerkschaft von 1945 bis zu ihrer Auflösung 1990, 1. Aufl., Köln 1991, S. 23-27. ; Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.): Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB). Geschichte und Organisation, 1. Aufl., Bonn 1988, S. 11-16.

[7] Vgl. 60 Jahre Deutscher Gewerkschaftsbund, unter: http://www.dgb.de/uber-uns/bewegte-zeiten/60-jahre-dgb, Stand: 01.04.14. ; Vgl. Geschichte des Christlichen Gewerkschaftsbundes CGB, unter: http://www.cgb.info/ueber-uns/geschichte-gegenwart.html, Stand: 01.04.14.

[8] Vgl. Gill, FDGB, S. 23-27. ; Friedrich-Ebert-Stiftung, FDGB, S. 11-16.

[9] Walter Ulbricht: Zur Geschichte der neusten Zeit. Die Niederlage Hitlerdeutschlands und die Schaffung der antifaschistisch-demokratischen Ordnung, Band 1, Dietz 1955, S. 150-152.

[10] Manfred Scharrer: Die Anfänge des FDGB, Berlin 2011, S. 125.

[11] SPD: Zwangsvereinigung. SED-Regime / SED-Diktatur, unter: http://www.spd.de/linkableblob/5704/data/geschichte_zwangsvereinigung_sed.pdf; Stand.12.02.14.

[12] Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.), Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, S. 18-22. ; Zitiert nach: Gill, FDGB, S. 32.

[13] Josef W. Stalin: Werke, Band 6, Stuttgart 1952, S. 157, in: Gill, FDGB, S. 33.

[14] Vgl. Ernst Lämmer: Manches war doch anders. Erinnerungen eines deutschen Demokraten, Frankfurt a.M. 1968, S. 283.

[15] Vgl. Wolfgang Eckelmann: FDGB – Intern. Innenansichten einer Massenorganisation der SED, Berlin 1990, S.13-14. ; Vgl. Gewerkschaftshochschule „Fritz Heckert“ (Hg.): Geschichte des FDGB. Chronik 1945-1986, 3. Auflage, Berlin 1987, S. 34-52.; Vgl. Gill, FDGB, S. 37-39.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Gewerkschaftsbund und SED-Kommando
Untertitel
Historische Entwicklung und politische Rolle des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes FDGB in der DDR. Von der Gründung bis zum Mauerbau
Hochschule
Universität Siegen  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Einführung in die Neuzeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V275508
ISBN (eBook)
9783656682189
ISBN (Buch)
9783656682233
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Arbeit zitieren
Kevin Hofius (Autor), 2014, Gewerkschaftsbund und SED-Kommando, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275508

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