Die narrative Identität. Konstitution und Repräsentation von Zeiterfahrungen in der Erzählung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
23 Seiten, Note: 1

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. NARRATIVE PSYCHOLOGIE UND GESCHICHTE

2. ERZÄHLUNG, MORALISCHE IDENTITÄT UND HISTORISCHES BEWUSSTSEIN

3. POSTMODERNE KONSTRUKION DES SELBST

4. ERZÄHLUNG ALS EIN DISKURS

5. IDENTITÄT ALS NEBENPRODUKT DER ERZÄHLUNG

6. GESCHICHTE, IDENTITÄT UND KULTURELLE WERTE

7. VERGLEICHENDE FORSCHUNGSPERSPEKTIVE

8. LITERATURVERZEICHNIS

1. NARRATIVE PSYCHOLOGIE UND GESCHICHTE

Das Erzählen von Geschichten bildet einen wesentlichen Teil einer narrativen Psychologie und gewinnt in dem Maße an der Bedeutung, indem die Erforschung des (auto-)biographischen Denkens und geschichtlichen Denkens wie anderer Modi historischer Sinnbildung zum großen Teil fehlen. Im Mittelpunkt des hier interessierenden Themenkomplexes steht die Frage nach der Konstitution und Repräsentation von Zeiterfahrungen.

Kennerh J. Gergen und Jürgen Straub teilen die gleiche Meinung, was es die Konstitution und die Repräsentation von der Zeit und die Geschichte angeht. Die Konstitution und die Repräsentation von Zeit und Geschichte ist an die narrativen Sinnbildungsleistungen von den Subjekten angebunden. Umstritten bleibt aber, ob denn ein narrativ strukturiertes Zeit- und Geschichtsbewusstsein die Orientierungsfunktionen erfüllen kann, die für eine vernunftgemäße Gestaltung der Alltagspraxis sowie für Identitätsbildungsprozesse unabdingbar, beziehungsweise wünschenswert sind.

Eine Psychologie historisch-narrativer Welt- und Selbstauffassungen hat nicht nur mit erfahrungwissenschaftlicher Mitteln zu klären, wie die Menschen ihre Welt und ihr Selbst historisieren und wie sie hierfür erforderliche historische Kompetenz ontogenetisch erwerben, sondern ist diese narrative Psychologie historischer Sinnbildung vielmehr in die normativen Fragen verstrickt. Die historischen Sinnbildungsleistungen haben zu ihrer Grundlage die Erklärung, wieso bestimmte Leistungen als erstrebenswert oder als nicht erstrebenswert gehalten werden. Eine Voraussetzung dafür bildet "der historische Sinn" (Straub, 1998.) selbst, der eine menschliche Möglichkeit darstellt, die Wirklichkeit in der bestimmten Weise zu symbolisieren und gestalten, aber der stellt zugleich keine Notwendigkeit dar.

Die narrative Psychologie, hinsichtlich ihrer Entwicklungstendenz, bedeutet die Wiederaufnahme eines Ansatzes in der Psychologie überhaupt, mit dem die Bedeutung des Erzählens von den Geschichten für das menschliche Verstehen und Handeln hervorgehoben wird. Das schon früher vorhandene Interesse an der Beschreibung des menschlichen Lebens in den Geschichten wurde durch die Wende der Psychologie zu der objektiven und positivistischen Suche nach den Verhaltensgesetzen großteils unterdrückt. Die zunehmende Beachtung der Erzählung in den letzten Jahrzehnten ist somit zum großen Teil eine Antwort auf die dem Positivismus innewohnenden Grenzen für das Verstehen menschlicher Erfahrungen und Handlungen. Die narrative Psychologie ist interdisziplinär. Jürgen Straub hat in seiner Theorie auf die Interdisziplinarität der narrativen Psychologie hingewiesen. (Straub, 1999.) Die Anthropologie, Geschichtswissenschaften, Ethik, Philosophie, Psychologie und die Pädagogik (unter anderen Wissenschaften) erforschen die Narrationen. Das zunehmend auftretende Interesse an der Erzählung steht weiter in einer engen Relation zum Postmodernismus, als einer grundlegenden kulturellen Bewegung, in welcher an der Glaube an die Eignung der wissenschaftlichen Methode zur Lösung der sozialen und persönlichen Probleme von Menschen gezweifelt wird. Der Verlust vom Vertrauen in die traditionelle Wissenschaft, dass vor allem aufgrund von Erfahrungen der westlichen Welt mit Weltkriegen und der nuklearen Bedrohung zum Ausdruck trat, kennzeichnet den Beginn der Postmoderne. Im postmodernen Theoriegefüge wird jedes Verstehen als eine Konstruktion des menschlichen Geistes aufgefasst, wobei "dieses Verstehen den sogenannten Verzerrungen historisch variabler konzeptueller Schemata, einem evolutionärem Wandel unterworfenen biologischen Ausstattung des Menschen und schließlich auch persönlichen Bedürfnissen und Zielen unterworfen sei". (Straub, 1998.) Diesbezüglich teilt Straub genauso wie Gergen die Ansicht, dass die Erzählung das wesentliche strukturierende Schema ist, durch das die einzelnen menschlichen Wesen eigenes Verhältnis zu sich selbst, zu den anderen Menschen und zur physischen Umwelt organisieren und mit dem Sinn und der Bedeutung behaften. Erst durch dieses (Erzähl-) Schema wird die Bildung und die Präsentation von der Identität des Menschen im Rahmen seiner Lebensgeschichte und vorhandener, mehr oder weniger bewusster, Historie möglich. Die Bildung der narrativen Identität ist die Konstitution der Identität durch die Erzählungen selbst, durch die Geschichten aus eigener Lebenspraxis wie durch die Geschichten über die historischen Zusammenhänge. Die narrative Psychologie, (einschließlich von den Theorien zur narrativen Identität nach Straub und Gergen) geht von der Vorstellung einer autonomen, selbstbewussten und selbstbestimmten Lebensführung sprach- und handlungsfähiger Subjekte aus. Ist gemeinsam mit der Geschichtswissenschaft der Idee verpflichtet, dass menschliches Handeln viel besser durch die narrativen Erklärungen als durch die Gesetzeserklärungen zu verstehen. Die sinnbildenden Operationen der narrativen Strukturierung, die der Ordnung und Interpretation persönlicher Erfahrungen dienen, werden ebenfalls eingesetzt, um die historischen Erklärungen vergangener Ereignisse zu bilden. Im diesen Rahmen interessiert sich die narrative Psychologie vor allem für den Vorgang und die Funktionsweise des narrativen Verstehens bei den Menschen. Sie befasst sich mit den Erzählungen aus der Perspektive der ersten Person, nämlich wie die Menschen die Erzählung einsetzen, wenn sie ihr Selbst, ihre Handlungen und die Geschehnisse um sich herum begreifen und den Handlungen ihrer Interaktionspartner Sinn und Bedeutung verleihen. Die geschichtswissenschaftlichen narrativen Erklärungen dienen auch dem Verständnis von weit zurückliegenden Ereignissen der historischen Vergangenheit, aber auch dazu, Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit zu begreifen. Eine Erzählung wird somit zur Konstruktion einer Geschichte eingesetzt, die eine Erklärung dafür liefert, wie es zu einem bestimmten Desaster kommen konnte.

Narratives Denken kann als ein Vehikel dafür angesehen werden, das die Kluft zwischen dem Wunsch, zu wissen, was in der Vergangenheit geschah, und dem Wunsch, die Bedeutung dieser vergangenen Ereignisse für die Gegenwart zu kennen, überbrückt. Insoweit überwindet das narrative Denken den Riss zwischen einer Historie, die sicheres Wissen über das in der Vergangenheit Geschehene repräsentiert und einer Historie als einer bloßen Interpretation vergangener Episoden. Die Überwindung dieser Differenzen erfolgt durch eine Art der Dialektik als Synthese. Jede These ist nichts als eine Abstraktion von der lebendigen Welt der Erfahrung. Diese Dialektik bietet kein endgültiges Wissen. Stattdessen werden die Wirklichkeiten eröffnet die Erfüllung des Anspruches, sie absolut zu kennen.

2. ERZÄHLUNG, MORALISCHE IDENTITÄT UND HISTORISCHES BEWUSSTSEIN

Kenneth J. Gergen näherte sich dem Themenkomplex Erzählungen in einer sozialkonstruktionistischen Betrachtungsweise. Er untersuchte, die mit den Erzählungen verbundene Verwobenheit von der Identität und der Geschichte. Ihn interessierte vor allem die Verbundenheit des historischen Bewusstseins mit der Ausbildung der moralischen Identität. (Gergen, 1998.)

Einer von den Themenschwerpunkten in seiner Theorie ist die Erzählung selbst. Nämlich die Frage nach dem Wesen der Erzählung und nach dem Ort des Entstehens, Verstehens und der Aufbewahrung einer Erzählung. Zweiter Themenschwerpunkt ist die Identität. Die Identität wird als ein Nebenprodukt der Erzählung selbst definiert. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Geschichte, Identität und den kulturellen Werten. (Gergen, 1998.) Die Geschichte, die Identität und die kulturellen Werte werden wechselseitig bedingt.

3. POSTMODERNE KONSTRUKION DES SELBST

Die zunehmende Anzahl und Vielfalt sozialer Beziehungen, die, im Zeitalter der Moderne, durch die neuen Technologien ermöglicht werden, begünstigen seitens des Subjektes die Verinnerlichung vieler Standpunkte und Meinungen. Je mehr dieser Perspektivenvielfalt zunimmt, um so mehr wird der Begriff der Objektivität als ein neutraler Standpunkt, fragwürdig. Dieser "Verlust einer objektiven Wahrheit" (Gergen, 1998.) ist nach Gergen das Kernproblem des postmodernen Bewusstseins. In Folge dessen wird zunehmend das modernistische Modell vom Subjekten als soziale Konstruktion, dessen Handeln in einer komplizierten Weise mit den gesellschaftlichen Prozessen verwoben ist, abgelöst.

"Die Sprache unseres Selbst setzt die Grenzen unseres Seins". (Wittgenstein, 1984.) Das Wesentliche am zitierten Satz von Wittgenstein ist, dass eine grundlegende Beziehung zwischen der Sprache des Geistes und dem alltäglichen Leben besteht. Die Äußerung eigener Ideen, zur Sprache gebrachten Wertvorstellungen, die Äußerung eigener Hoffnungen und Überzeugungen, im Grunde das Sprechen über die psychischen Ereignisse besitzt große Bedeutung für das Leben eines Menschen, wie für seine private so auch für seine berufliche Perspektive. Diese Sprache des Geistes liefert nicht nur Erklärungsmuster für viele Bereiche des Lebens, sondern sie spielt eine wesentliche Rolle in Bezug auf die Entscheidungsfindungen im Leben. Der eigene geistige Wortschatz hat im diesen Zusammenhang im Allgemeinen eine enorme Bedeutung für das menschliche Leben. Diese Sprache des Geistes ist weiter von wesentlicher Bedeutung in Bezug auf die Struktur einer Kultur. Das Konzept des Selbsts variiert erheblich in den verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten. Die Belege hierfür finden sich in der theoretischen Position und Reflexion von Jürgen Straub über die kulturvergleichende Psychologie. (Straub, 2002.) Der westliche Wortschatz wäre beispielsweise für die Maori voll befremdlich und umgekehrt unsere Persönlichkeitskonzepte für diese unbegreiflich. Andersrum waren die Begriffe wie die Seele, Melancholie etc.in der einen Epoche der abendländischen Geschichte von zentraler Bedeutung, während diese Begriffe, in einer anderen Epoche fast gar keine Beachtung finden konnten. Die Begriffe wie die Neurose, Konditionierung, Selbstverwirklichung etc. erweitern unseren gegenwärtigen Wortschatz und insoweit können als ein Beitrag für die Kultur angesehen werden.

Gergen vertritt die These, dass die abendländische Kultur gegenwärtig einen grundlegenden Wandel ihrer Konzeption des Selbst vollzieht, indem bestimmte Ausdrücke zur Beschreibung des Subjektes verschwinden. (Gergen, 1991.) Vor allem die vorhersehbaren und die berechenbaren Eigenschaften des Selbst wie z.B. Tiefgründigkeit, Engagement und Charakterstärke werden zunehmend kritisiert.

In der neu entstehenden Begriffswelt wird das Selbst als Substanz durch das Selbst als Konstruktion ersetzt. Das Selbst wird hierbei als ein Produkt der Gesellschaft (unter Bewahrung der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit) gesehen. Parallel mit dem Wandel der Sprache des Geistes verändert sich das Alltagsleben in der Gegenwart.

Im Zeitalter der Romantik, etwa Ende des 18. Jahrhunderts bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde das rationale Denken als "Deckmantel" der entscheidenden Beweggründe des Handels betrachtet, denn die wahre Identität eines Menschen soll weit unter dieser Oberfläche liegen. (März, 1998.) Den Lebensgeist dieses Zeitalters charakterisierten die Begriffe wie die Phantasie, Schöpferkraft, Moral, Gedankenfreiheit etc. Ganz im Sinne der romantischen Tradition kennzeichnete für viele das tiefe Innere des Menschen diesen Lebensgeist, während für die anderen diese Tiefe etwas furchterregendes bedeutete, etwas bösartiges anzeichnete.

Die modernistische Weltanschauung, die Ende des 19. Jahrhunderts begann und weit in das 20. Jahrhundert hineinreichte, kann zum großen Teil auf die Industrialisierung, die Weltkriege und auf den technologischen Fortschritt zurückgeführt werden. Nach dieser Sicht schien der Mensch die grundlegendsten Gesetzmäßigkeiten der Welt begriffen zu haben. Naturbeherrschung diente als ein Zeichen für diese Veränderung. Der leitende und ungebrochene Glaube an das Elementare (im Verhalten, Reduzierung der Form auf die Funktion in der Kunst usw.) macht die Kernidee des modernen Weltbildes aus. Das "mechanistische Selbst" (Gergen, 1998.) bildete den Mittelpunkt dieses Weltbildes. Der Mensch wurde weitgehend als ein Produkt von Umwelteinflüssen betrachtet. Diese Einflüsse wie die Determiniertheit des menschlichen Verhaltens fanden ihren Ausdruck in den Begriffen wie die Umweltassoziation, Bestrafung, Belohnung, Triebreduktion, soziale Stimuli etc. Die Schulen, vor allem die religiöse Erziehung unter den anderen Arten der Erziehung, sollen zur Formung des Menschen beitragen, wie die "großen Fabriken" selbst die Grundlagen der Persönlichkeit herstellen sollen. Eine richtige Sozialisation sollte im diesen Zusammenhang einen erwachsenen, voll entwickelten, ausgeglichenen und emotional voll angepassten Menschen hervorbringen. So soll der richtig sozialisierte Mensch eigentlich selbst das Zentrum seines Handelns sein, während sein Handeln zuverlässig, wissenschaftlich erfahrbar und vorhersehbar sein sollte. Nachdem der Mensch nach den universellen Gesetzmäßigkeiten von Vererbung und Umwelteinflüssen geformt wurde, sollte sein Verhalten in allen Situationen zuverlässig und konstant sein.

Der Zeitalter der Postmoderne (das 20. Jahrhundert wie beginnendes 21. Jahrhundert) ist durch einen Wandel in den Konzeptionen von Wissenschaft über Menschen, Wissenschaft im Allgemeinen, Kunst und Gesellschaft gekennzeichnet. Der Zustand der sozialen Sättigung ist ein wesentliches Charakteristikum dieser postmodernen Welt. Der Prozess der sozialen Sättigung ist nach Gergen durch die immer häufigere Konfrontationen der Menschen miteinander gekennzeichnet, bzw. durch die zunehmende Häufigkeit von Kontakten, durch die Intensität der Beziehungen und räumliche wie zeitliche Spanne, über die diese Beziehungen aufrechterhalten werden können. (Gergen, 1998.) Das Sprengen der Beschränkung des Beziehungsmusters auf die unmittelbare Umgebung ist somit ein wesentliches Kennzeichen der Postmoderne. Auf ein hohes Maß sozialer Sättigung über Kontinente hinweg verweist z.B. der Anstieg der Überseegespräche, die Zunahme der Überseeflüge und das Fernsehen als ein weltweites Informationsmedium. Nach Gergens Auffassung (Gergen, 1998.) ist eine unmittelbare Auswirkung dieser sozialen Sättigung eine Art Besetzung des Selbst. "In dem Maße, wie wir mit anderen Menschen konfrontiert werden, lernen wir auch ihre Einstellungen, Wertvorstellungen, Ideologien und ihre Lebensweise kennen. Wir werden hierdurch in die Lage versetzt, die Welt mit ihren Augen zu sehen. ... tatsächlich werden wir in zunehmenden Maße mit anderen Menschen besetzt". (Gergen 1998.) Im diesen Zusammenhang "ergibt sich für uns verstärkt die Möglichkeit einer Selbstreflexion. Jede neue Stimme, um die das Arsenal der Meinungen in uns bereichert wird, beeinflusst die bereits vorhandenen - positiv oder negativ". (Gergen, 1998.) Zum Beispiel prägt unser Denken die Faszination von der technischen Perfektion eines Porsches einerseits, andererseits das Bewusstsein über die zunehmende Luftverschmutzung. "Ein modernistischer Zweifel" (Gergen, 1998.) ist somit immer häufiger ein Bestandteil unseres Denkens, unserer Vorstellungen und Ansichten.

Im Zeitalter der Postmoderne vereinigt ein Mensch in sich viele Meinungen, Standpunkte und Wertvorstellungen. Heute zeigt sich um so eher das Fehlen der Natürlichkeit und Wahrhaftigkeit. Es lässt sich im diesen Zusammenhang immer weniger eine objektive Wahrheit verzeichnen. Was bedeutet das für den Menschen? Jedes Handeln des postmodernen Menschen wird immer häufiger von Zweifel, Ablehnung und Kompensation begleitet. (Titze, 2006.) Das Thema die objektive Wahrheit wird mehr in dem Abschnitt die Erzählung als ein Diskurs betrachtet.

In der postmodernen Sicht verliert die Annahme einer einzigen, objektiv erfassbaren Realität zunehmend an der Relevanz. Nicht mehr die Welt selbst steht im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Art und Weise wie sich die Subjekten für die Konstruktion dieser Welt einsetzen. Diesem Sinne nach gibt es keine eine Welt, sondern die verschiedenen Welten als eigens konstruierten Wirklichkeiten.

Wenn Gergen vom postmodernen Selbst spricht, bezieht er sich auf die zwei wesentlichen Aspekte, auf "den Wechsel von Produkt zur Perspektive" und auf die "Individualisierung zum Selbstkonzept als Beziehung". (Gergen, 1998.) Was es den Wechsel von Produkt zur Perspektive angeht, das postmoderne Selbst meint die Verlagerung des Interesses vom Produkt selbst, vom tatsächlich geschaffenen Gegenstand auf die jeweilige Betrachtungsweise des Produkts. Das Entscheidende dabei bildet die Erkenntnis, dass ein und derselbe Sachverhalt auf die völlig verschiedenen Weisen gesehen werden kann und ist damit mit den völlig verschiedenen sozialen Folgen verbunden. Es findet eine Verlagerung des Interesses auf die Art und Weise, wie die sozialen Gruppen eine Sache sehen, benennen und kategorisieren. Der postmoderne Mensch ist vielmehr eine Art der sozialen Konstruktion: "...er ist so, wie die anderen - und er selbst - ihn sich vorstellen". Die Vorstellung von der wahren Persönlichkeit und die eigentliche Äußerung darüber gehört zunehmend der Vergangenheit an. Das Ersetzen des Wirklichen durch das Erfundene ist zum wesentlichen Charakteristikum des Alltags geworden. Aufgrund zunehmender Konfrontationen mit den anderen Menschen, die die soziale Umwelt jedes Subjektes ausmachen, wird dieser parallel zu den entsprechenden Veränderungen des Lebens herausgefordert. Die vielfältigen neuen sozialen Konstellationen (das private und berufliche Leben, die Reisen, Kontakt mit einer anderen Generation usw.) bringen das Erfordernis der ständigen neuen Anpassung mit sich. Nach Gergen dient die Selbstdarstellung der Aufrechterhaltung, bzw. der Schaffung der Situationsharmonie. Was passiert dabei mit dem wahren Selbst des Menschen? Wird das Selbst zur einen konstruierten Erscheinung, bzw. zum einen funktionalen Anpassungsmodus, deren wahren Charakter dem Selbst selbst verborgen bleibt, lässt sich nicht mit voller Sicherheit beantworten.

Das Charakteristische für das postmoderne Selbst ist die Bewegung des Selbst vom Individualismus zum Selbstkonzept als Beziehung. Das Verständnis des postmodernen Selbst als eine bewegende Entwicklung vom Individualismus zum Selbstkonzept als Beziehung besagt, dass das Subjekt zunehmend als eine selbstständige und unabhängige Einheit zu existieren aufhört. Wenn das Subjekt das Resultat von Beziehungen ist, dann scheinen die Beziehungen grundlegender als das Subjekt zu sein. Demzufolge kann die Identität nicht nur als ein Gegenstand des persönlichen Besitzes betrachtet werden, sondern vielmehr als ein Knotenpunkt in der Verkettung von Beziehungen. "Jeder Mensch lebt in einem Netzwerk von Beziehungen und wird in jeder von ihnen jeweils unterschiedlich definiert." (Gergen, 1998.)

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Details

Titel
Die narrative Identität. Konstitution und Repräsentation von Zeiterfahrungen in der Erzählung
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V276135
ISBN (eBook)
9783656692515
ISBN (Buch)
9783656692591
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identität, konstitution, repräsentation, zeiterfahrungen, erzählung
Arbeit zitieren
Irena Hip (Autor), 2004, Die narrative Identität. Konstitution und Repräsentation von Zeiterfahrungen in der Erzählung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276135

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