Die Rolle der kirchlichen Hilfswerke: "Nice to have" oder unverzichtbare Notwendigkeit?


Essay, 2010
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Gründung der kirchlichen Hilfswerke in Deutschland

3. Schwerpunkte des Engagements der christlichen Kirchen

4. Die Partnerorientierung als Konzept der kirchlichen Entwicklungshilfe
4.1 Das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“
4.2 Die Durchführung von partnerorientierten Projekte
4.3 Chancen und Grenzen der Evaluierung bei den kirchlichen Hilfswerken
4.4 Nachteile des partnerorientierten Prinzips

5. Die kirchlichen Hilfswerke als Nichtregierungsorganisationen (NGOs)

6. Die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen

7. Kirchliche versus staatliche Entwicklungshilfe im Spiegel der Öffentlichkeit

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der öffentlichen Wahrnehmung spielt die Entwicklungshilfe der evangelischen und der katholischen Kirche in Deutschland im Vergleich zu staatlichen Finanzressourcen eine verhältnismäßig große Rolle.

Die Kirchen rufen durch Aktionen zu besonderen Kirchenfesten die Entwicklungspolitik immer wieder ins Bewusstsein der Bevölkerung. Die Information über die Lebenssituation der Armen und die Notwendigkeit solidarischen Handelns mit den Benachteiligten und Entrechteten in der Welt in Gottesdiensten, Gemeindearbeit und in den Medien verstanden die Kirchen von Anbeginn ihrer Entwicklungshilfe als wichtige Stütze ihrer Arbeit. Durch diese intensive Öffentlichkeitsarbeit wird der Beitrag der christlichen Kirchen zur Überwindung der internationalen Armut in Deutschland seit jeher überwiegend positiv beurteilt. Die Arbeit der kirchlichen Hilfswerke steht im Spannungsfeld zwischen Politik, Wirtschaft und Theologie und bindet die Entwicklungshilfe rück an die Gesellschaft.

Als Nichtregierungsorganisationen sind die beiden deutschen Volkskirchen mit ihren separaten Institutionen Brot für die Welt und Misereor sowie dem Evangelischen Entwicklungsdienst wichtige Akteure in der deutschen Entwicklungsarbeit. Diese begannen beide Kirchen, im internationalen Vergleich gesehen, recht spät gegen Ende der 1950er- Jahre, nachdem sie sich zuvor um die Not und den Wiederaufbau in Deutschland gekümmert hatten (vgl. Nohlen 2000: 423).

Die Bundesrepublik leistete erstmals 1952 in Form einer Beteiligung an dem „erweiterten Beistandsprogramm der Vereinten Nationen“ Hilfe in den Entwicklungsländern“[1]. Sowohl auf staatlicher als auch auf kirchlicher Ebene wuchs damals die Bereitschaft zur Mitarbeit an internationalen Hilfsausgaben und man wollte sich dankbar erweisen für die Hilfe, die man selbst nach dem Krieg erfahren hatte (vgl. Höffkes 1986: 36f.). Das öffentliche Bewusstsein für Entwicklungshilfe in Deutschland bei Kirche, Staat und Bevölkerung steigerte sich im Laufe der Jahrzehnte, was sich durch wachsende Geldmittel und gesellschaftliches Engagement ausdrückte.

Im Folgenden soll beispielhaft die Arbeit der evangelischen Organisation Brot für die Welt und ihrem katholischen Pendant Misereor unter Beachtung der konfessionsübergreifenden Gemeinsamkeiten untersucht werden. Der Schwerpunkt beider Einrichtungen liegt in der materiellen und personellen Entwicklungshilfe.[2]

Doch wo liegen die Gründe für das Engagement der Kirchen in der Dritten Welt seit dem zweiten Weltkrieg? Warum hat die Öffentlichkeit im Verhältnis zur staatlichen ein positiveres Bild von der kirchlichen Entwicklungshilfe? Ist dieser Vertrauensvorschuss überhaupt gerechtfertigt?

Was sind die Unterschiede zwischen der Entwicklungshilfe der christlichen Kirchen und dem deutschen Staat? Findet ein Austausch- und Lernprozess zwischen den kirchlichen und staatlichen Stellen statt? Wird die Entwicklungshilfe der kirchlichen Stellen finanziell entsprechend durch das BMZ gewürdigt und inwiefern profitieren die Kirchen von ihrem Status als Nichregierungsorganisation und sind sie überhaupt berechtigt sich als NGO zu bezeichnen?

Zunächst wird die Gründung der kirchlichen Hilfswerke in Deutschland und die Schwerpunkte ihres Engagements dargestellt, ehe das Konzept der Partnerorientierung näher beleuchtet wird. Hier wird das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“, die Durchführung von partnerorientierten Projekten sowie die Chancen und Grenzen der Evaluierung bei den kirchlichen Hilfswerken besprochen, ehe die Nachteile des partnerschaftlichen Ansatzes diskutiert werden. Nach der Betrachtung der kirchlichen Hilfswerke in ihrer Rolle als NGOs, wird die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und die kirchliche Entwicklungshilfe in Abgrenzung zur staatlichen Entwicklungshilfe im Spiegel der Öffentlichkeit analysiert werden. In diesem Zusammenhang soll geklärt werden, inwiefern die kirchlichen Hilfswerke tatsächlich einen hohen Nutzen für die Armutsbekämpfung haben, oder ob es sich bei ihrer Arbeit, neudeutsch ausgedrückt, lediglich um ein „nice to have“, einen nicht unbedingt benötigten Beitrag in der Entwicklungsarbeit handelt.

2. Die Gründung der kirchlichen Hilfswerke in Deutschland

Der Ursprung des kirchlichen Engagements in den Entwicklungsländern liegt in der Missionsbewegung, die die Verkündigung des Evangeliums zum Ziel hatte. Später wurde die Mission, die die Protestanten erst ab dem 18. Jahrhundert begannen, mit dem Kolonialismus vorangetrieben (vgl. Rzepkowski 1992: 301). Mit dieser Mission war auch Unterwerfung verbunden.

Die Neugründung der christlichen Hilfswerke in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg war von einer anderen Motivation als dem der Mission geprägt. 1959 führten die evangelische Kirche in Deutschland sowie die evangelischen Freikirchen erstmals die Spendenaktion Brot für die Welt zugunsten der Menschen in der Dritten Welt durch. Anlass dieser ersten Spendenaktion war eine Hungersnot in Indien. Der große Erfolg der Unternehmung ließ sie in den kommenden Jahren zu einer ständigen Aktion werden. Am Anfang ging es darum, durch möglichst viele Spenden so viel Leid wie möglich in der Welt zu verhindern. Erst 1968 befasste sich eine Arbeitsgruppe mit den konzeptionellen und theoretischen Fragen der Entwicklungsproblematik (vgl. Nohlen 2000: 423). Die Denkschrift „Der Entwicklungsdienst der Kirche – ein Beitrag für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt“ von 1973, die 1986 von der EKD-Synode bestätigt wurde, sieht die Entwicklungsarbeit in ärmeren Ländern als Teil der internationalen sozialen Frage (vgl. Nohlen 2000: 423). In der evangelischen Kirche gliederte man 1982 die Katastrophenhilfe für kurzfristige Hilfe aus Brot für die Welt aus und formierte sie zur Diakonie Katastrophenhilfe, um das Profil von Brot für die Welt in Richtung Nachhaltigkeit zu verschärfen (vgl. Hermann 2006: 67), nachdem festgestellt wurde, dass Katastrophen- oder Nahrungsmittelhilfe zwar in Katastrophenfällen zu bejahen sind, aber teilweise dem Programm der Nachhaltigkeit zuwiderlaufen (vgl. Pössinger/Schoop 1984: 33f.).

Die katholische Kirche führte erstmals ein von der Mission unabhängiges Hilfsprogramm mit „Aktion der deutschen Katholiken gegen Hunger und Krankheit in der Welt“, nachdem zuvor schon bereits existierende Initiativen aktiv geworden waren, durch. Die katholische Kirche gründete daraufhin 1958 das Bischöfliche Hilfswerk Misereor zur Bekämpfung des weltweiten Hungers als dauerhafte Einrichtung. Im Zuge des II. Vatikanischen Konzils 1962 bis 1965 wurde die soziale Frage in der Enzyklika „Popularum Progressio“ 1967 als Konzentration auf die strukturellen Ursachen der Verarmung verstanden und die Beschränkung von Kirche und Religion auf die Privatsphäre kritisiert (vgl. Grave 1995: 111f.). Ein wichtiges Merkmal der katholischen Entwicklungshilfe war seit Beginn ihrer Tätigkeit die Beseitigung der Ursachen von Verarmung und schon in den 1970-er Jahren war die organisierte Selbsthilfe und die politische Einflussnahme auf politischer Ebene ein Standbein der katholischen Entwicklungsarbeit (vgl. Nohlen 2000: 424).

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wurde hingegen erst nach Druck der USA und Großbritanniens 1958 hinsichtlich des Engagements der Bundesrepublik in den Entwicklungsländern aufgrund hoher Devisenüberschüsse der BRD gegründet (vgl. Herrmann 2006: 70). Am 14. November 1961 wurde Walter Scheel zum ersten Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit ernannt und die staatliche Entwicklungshilfe ministeriell begründet.

Von Anfang an standen Arme und Kranke, unabhängig von ihrer Glaubenszugehörigkeit, im Fokus der kirchlichen Entwicklungshilfe. Der Akzent der evangelischen und katholischen Hilfswerke verschob sich im Laufe der Jahre vom ursprünglichen „Helfen in der Not“, aufgrund sozialethischer und theologischer Bewegungen in der Dritten Welt zu einem Akzent der internationalen Solidarität, dem Eintreten für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit im Rahmen einer Projekt- und Programmarbeit. Die Kirchen waren politisch im Verlauf der Jahrzehnte insofern aktiv, als sie zunehmend Gruppen förderten, um politische Bewusstseinsarbeit zu betreiben und die Bürger über ihre Rechte aufzuklären sowie für eine Änderung der Besitzverhältnisse einzutreten (vgl. Der Spiegel 1979: 37).

Die Kirchen nahmen am Wandel des Entwicklungsbegriffs[3] anhand der verschiedenen Entwicklungstheorien großen Anteil und kritisierten die staatliche Entwicklungsarbeit (vgl. Zaugg-Ott 2004: 22f.), die bis in die 1960er-Jahre vom Optimismus beherrscht wurde, nach welchem Armut und Unterentwicklung durch wirtschaftliches Wachstum beseitigt werden könnten. Bei den Kirchen wurde Entwicklung nicht als bloßes Wachstum des Bruttosozialproduktes oder industrielle Modernisierung, Urbanisierung (vgl. Menzel 1992: 17), sondern auch als Humanisierung in Form von sozialen und kulturellen Faktoren verstanden: „In einer Welt, die sich daran gewöhnt hat, in großen Zahlen, Mammutprojekten und Millionenbeiträgen zu denken, sollte man nicht vergessen in Menschen zu denken“ (Muetzefeld 1977:78). Hohe Wachstumsraten alleine verstellen nach Meinung der kirchlichen Institutionen den Blick auf diejenigen, an denen die Entwicklungsprozesse vorbeigehen. Ausgehend von dieser Argumentation fördern die kirchlichen Hilfswerke keine Großprojekte, sondern regionale Kleinprojekte, in denen Dorfentwicklung, Stärkung der Zivilgesellschaft, Ernährung, Landwirtschaft, Bildung, Frauenemanzipation, Frieden, Kinderrechte und gesundheitliche Versorgung im Mittelpunkt stehen.

3. Schwerpunkte des Engagements der christlichen Kirchen

Aus den theologischen Grundlagen der kirchlichen Hilfswerke ergeben sich die Schwerpunkte ihres Engagements. In der Praxis steht die theologische Reflexion zwar teilweise hinter dem konkreten Einzelproblem, aber die Grundkonzeption und die Motivation für ihr Engagement ziehen die christlichen Institutionen aus den theologischen Gedanken und die individuellen Mitarbeiter vor Ort aus ihrem Glauben heraus. Die Beweggründe für das soziale und politische Engagement der christlichen Kirchen stehen in der Tradition der Caritas, der tätigen Nächstenliebe und barmherzigen Wohltätigkeit am anderen Menschen. Diese Caritas wurde in der frühen Kirche in der Diakonie realisiert.

Für die Kirchen ist die Entwicklungsarbeit eine notwendige und praktische Konsequenz aus dem gelebten Glauben, die sich aus der Nachfolge, der Lehre Christi im Neuen Testament mit praktizierter Nächstenliebe als praxisfähige Handlungsanleitung ergibt: „Die Kirche ist sich heute mehr denn je bewusst, daß ihre soziale Botschaft mehr im Zeugnis der Werke als in ihrer Folgerichtigkeit und inneren Logik Glaubwürdigkeit finden wird“ (Paul 1991: 689f.). Die Beteiligung beim Aufbau einer gerechten weltweiten Ordnung in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik wird als ein Aufgabenbereich der Kirche angesehen (vgl. Langhorst 1995: 35). Die Christen sind in die Pflicht genommen an der Überwindung der weltlichen Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen mitzuwirken. Als Adressaten dieser Bemühungen werden unter anderem die Armen und Entrechteten in der Dritten Welt angesehen (vgl. Langhorst 1995: 42).

Aus der christlichen Soziallehre mit ihren spezifischen Ausprägungen aus den Katechismen leiten sich Prinzipien wie Personalität, Subsidarität, Solidarität und Gemeinwohl ab, deren Verwirklichung auf der ganzen Welt angestrebt werden soll. Mit der Gründung ihrer Hilfswerke ging es sowohl Katholiken als auch Protestanten nicht nur darum auf Missstände in den Entwicklungsländern hinzuweisen, sondern auch auf die Notwendigkeit einer Veränderung der Lebensweise in den Industrieländern im Sinne einer Aufklärung einzugehen sowie einen Dialog zwischen den Staaten der sogenannten „Ersten Welt“ und der „Dritten Welt“ anzuregen. Beispielsweise fragte Brot für die Welt 1983 provozierend „Hunger durch Überfluss?“ und Misereor thematisierte im selben Jahr die Apartheidpolitik Südafrikas. Solche Aussagen brachten den Kirchen als Vorreitern anfangs viel Kritik ein.

Oft wurde der christlichen Kirche angelastet, dass sie den Hintergedanken der Bekehrung hege. Für die Kirchen ist die Entwicklungsarbeit nach der Trennung von Mission- und Entwicklungswerken heute zwar durch eine christliche Einstellung motiviert, allerdings stehen Brot für die Welt und Misereor in keiner Missionierungs-Tradition.[4] Menschen, die vor Ort für die kirchlichen Werke oder ihre Partnerorganisationen arbeiten, richten ihr Handeln so aus, dass es für andere eine Hilfe sein kann. Sowohl Brot für die Welt als auch Misereor, die sich beide ausschließlich im Bereich der Entwicklungshilfe engagieren, legen Wert auf eine religiöse Neutralität in der Auswahl der zu unterstützenden Gruppen (vgl. Herrmann 2006: 45).

Beide Kirchen betonen die Bewahrung der Schöpfung, sowie das Konzept einer Welt umfassenden Gesellschaft, an der jeder Mensch Anteil hat. Was die Kirchen theologisch als Bewahrung der Schöpfung aufgefasst haben, ist nichts anderes als das, was im Brundtland-Bericht von 1987 als ökologische Modernisierung begriffen wurde: die unbedingte globale Notwendigkeit einer Ressourcen sparenden, Umwelt schonenden Produktions- und Konsumentwicklung vor dem Hintergrund einer begrenzten Ressourcenknappheit zusammen mit einer Strategie der dauerhaften Entwicklung (vgl. Harborth 1993: 109). Der Brundtland-Bericht versteht unter „Sustainable Development“ eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.

Lokale Gemeinden in den Entwicklungsländern seit den 1980er-Jahren sowie die veränderten politischen Konstellationen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts führten zu einer Debatte um politische Werte wie Menschenrechte und Demokratisierung (vgl. Tschiersch/Kötter u.a. 1995: 86ff.). Hier bezogen Brot für die Welt und Misereor Stellung[5]: In ihrer Entwicklungshilfe betonen sie die Unterstützung der Menschenrechte in den Entwicklungsländern. Eine an den Menschenrechten orientierte Entwicklung bedeutet für die Kirchen einen Prozess, bei dem die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten der Freiheiten aller Menschen, die Kontrolle politischer und wirtschaftlicher Macht sowie die Garantie der Freiheit aller Menschen vor politischer und wirtschaftlicher Macht besteht (vgl. Hübner 2003: 319). Damit gehen die Wahrung der Menschenrechte, die Stärkung der Zivilgesellschaft, das Bemühen um soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit sowie die Mitwirkung an Bemühungen zur Veränderung ungerechter politischer Strukturen, der sich die Kirchen im Rahmen einer nachhaltigen sozialen Entwicklung verantwortlich fühlen, einher (vgl. Nohlen 2000: 423). Die gerechte Verteilung von wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Macht zur Stärkung der kollektiven und individuellen Verantwortung sowie die gleichmäßige Ressourcenverteilung sind Bestandteile einer aktuellen christlichen Sozialethik vor dem Hintergrund der Globalisierung. Hierzu gehört auch die Friedensförderung zwischen den sozialen Schichten, ethnischen Bevölkerungsgruppen, Religionen und Staaten.

Gemäß eines christlichen Menschen- und Gottesbildes sind die Menschen dazu geschaffen solidarisch füreinander einzustehen (vgl. Sayer 2008: 631). In diesem Sinne geht es den kirchlichen Hilfswerken um einen Entwicklungsbegriff, der auch die kulturellen und menschlichen Verschiedenheiten umfasst. Für die neuzeitlich christlich motivierte Armenfürsorge sind neben einem wachsenden Bildungsinteresse die sozialpolitischen Aspekte Fürsorge, Unterstützung, Disziplin und Überwachung von Bedeutung. Sie sollten der Resozialisierung und Akkulturation der Armen dienen. In diesem Rahmen erhielt die Arbeit einen wichtigen moralischen Stellenwert (Kuhn 2011: 95).

4. Die Partnerorientierung als Konzept der kirchlichen Entwicklungshilfe

Die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit erfolgt unterhalb der staatlichen Ebene. Oftmals sind die Kirchen mit ihren weltweiten Verbindungen und Fachkräften vor Ort die einzige Möglichkeit, auf die Basis bezogene, den Grundbedürfnissen der Menschen dienende Entwicklungsansätze zu fördern. Die kirchlichen Hilfswerke besitzen noch Handlungsmöglichkeiten, wenn die staatliche Entwicklungszusammenarbeit nicht mehr agieren kann oder darf, insbesondere bei ungünstigen politischen Rahmenbedingungen in einem Entwicklungsland. Durch ihren partnerorientierten Ansatz können die kirchlichen Hilfswerke ihre Arbeit noch fortführen, wenn deutsche Entwicklungshelfer Regionen aufgrund der Sicherheitssituation nicht mehr aufsuchen können. Auch in unzugänglichen Gebieten, die über keine staatlichen Infrastrukturen verfügen, kann die kirchliche Entwicklungshilfe ihre Arbeit zugunsten der armen Bevölkerungsteile weiterführen.

[...]


[1] Die Begriffe Entwicklungsländer und Dritte-Welt-Länder werden im Folgenden synonym für die Länder verwendet, in denen die kirchlichen Hilfswerke aktiv sind und die zu den ärmeren Ländern der Welt gehören. Auf den Versuch einer Definition der Entwicklungs- oder Dritte-Welt-Länder (als Pendant zur sog. „Ersten Welt“, zu der historisch gesehen die Staaten des West- bzw. des Ostblocks gezählt wurden) wird aufgrund der Vielzahl an Indikatoren und der Frage nach ihrer Aussagekraft und Methodologie verzichtet.

[2] Andere Institutionen wie Caritas International, Missio, Renovabis, Adveniat, Diakonie Katastrophenhilfe, Evangelischer Entwicklungsdienst, Hoffnung für Osteuropa oder weitere internationale kirchliche Organisationen werden in dieser Arbeit ausgeklammert, da hier nur die Spezifika von Brot für die Welt und Misereor herausgearbietet werden sollen und die verschiedenen Institutionen in ihrer Zielsetzung und theologischen Begründung zu sehr voneinander variieren.

[3] Die Frage was der Begriff der Entwicklung, der erst nach dem Ende der Kolonisation aufkam, meint, ist „weder vorgegeben noch allgemeingültig definierbar, noch wertneutral, sondern abhängig von Raum und Zeit sowie insbesondere von individuellen und kollektiven Wertvorstellungen“ (Nohlen 1998: 147). Nohlen und Nuscheler sprechen vom magischen Fünfeck von Entwicklung als die Begriffe Wachstum, Arbeit, Gleichheit/Gerechtigkeit, Partizipation und Unabhängigkeit während Seers vorrangig die Ziele Nahrung, Arbeit und soziale Gleichheit sieht. Entwicklung wird demnach verstanden als ein dynamischer Prozess von einem Entwicklungsstand, wie beispielsweise das Lebensniveau einer bestimmten Gruppe in einem Land zu einem höher erzielbaren Entwicklungsstand (vgl. Wagner 1995: 7).

[4] Die Diskussion über das Verhältnis von Mission und Entwicklungshilfe wird gegenwärtig noch immer im Bereich der Theologie diskutiert.

[5] Dabei hörte die Debatte um die Frage inwiefern die Kirchen bei ihrer Entwicklungshilfe politisch agieren dürfen nie auf.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der kirchlichen Hilfswerke: "Nice to have" oder unverzichtbare Notwendigkeit?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Armutsbekämpfung
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
29
Katalognummer
V276536
ISBN (eBook)
9783656699071
ISBN (Buch)
9783656699514
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kirchliche Hilfswerke, Entwicklungspolitik, Brot für die Welt, Nichtregierungsorganisationen, Misereor, christliche Kirchen
Arbeit zitieren
Jana Lambur (Autor), 2010, Die Rolle der kirchlichen Hilfswerke: "Nice to have" oder unverzichtbare Notwendigkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276536

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