Interkulturelle Ikonographie. Yukio Ninagawas Medea-Inszenierung


Hausarbeit, 2013
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung:

1. Der "interkulturelle" Regisseur Yukio Ninagawa

2. Der westliche Rinfluss auf dasjapanische Theater

3. Die klassischenjapanischen Theaterformen
3.1. Nö
3.2. Kabuki

4. Interkulturelles Theater
4.1 .Die griechische Tragödie in Japan
4.2. Medea (1984) - eine Szenenbeschreibung
4.3. Rinflüsse des europäischen Theaters in Medea

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1. Der „interkulturelle“ Regisseur Yukio Ninagawa

Yukio Ninagawa ist einer der erfolgreichsten japanischen Regisseure der Ge­genwart, dessen Talent in der Vereinigung von unvereinbar scheinenden Ge­gensätzen liegt: Orient und Okzident, Realismus und Formalismus, Fremdes und Bekanntes, Altes und Neues, Brecht und Stanislavski.[1] Besonders bekannt ist er für seine zahlreichen Shakespeare-Inszenierungen, in denen er europäi­schen Inhalte mit der japanischen Kultur verschmilzt - ein Umstand, der für das japanische Theater, welches lange Zeit seine eigenen kulturellen Wurzeln zugunsten einer europäischen Bühnenästhetik verleugnete, nicht immer eine Selbstverständlichkeit bedeutete. Ninagawas Produktionen touren sowohl durch Japan, wie auch Europa, sind zu verschiedenen Festivals eingeladen wor­den und erfreuen sich vor allem in England großer Beliebtheit. Kritiker seiner Inszenierungen, wie die in London aufgeführten Werke Hamlet oder Macbeth, heben besonders die interkulturelle Komponente seiner Bildsprache hervor, die sich dafür verantwortlich zeigt, dass die Stücke trotz sprachlicher Barriere ver­standen werden können:

,,[It] demonstrates how Ninagawa Yukio's stage iconography tran­scends cultural, linguistic, and political borders.“[2]

Untersucht wird nun die Frage, was eigentlich das „Interkulturelle“ an Ninaga­was Inszenierungen ist. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen kon­zentriert sie sich auf einen Ausschnitt der Inszenierung Medea (1984), welcher auf seine europäischen undjapanischen Einflüsse hin analysiert wird. Um diese feststellen zu können,wird zunächst ein Überblick über das Verhältnis des japa­nischen Theaters zum westlichen gegeben und anschließend die beiden traditio­nellsten Theaterformen nö und kabuki kurz vorgestellt, um sie später bei der Analyse als Vergleichsgrundlage heranziehen zu können.

2. Der westliche Einfluss auf das japanische Theater

Die japanische Theaterhistorie ist über mehrere Jahrhunderte lang vor allem geprägt durch einen bemerkenswerten, permanenten Wechsel zwischen einem offenem Austausch kultureller Theaterpraktiken und -theorien und einer sich jeglichen äußeren Einflüssen verschließender Rückbesinnung auf eigene Kunstformen:

„Broadly speaking, periods in which the Japanese have been high­ly receptive to outside influence and in which everything foreign was avidly learned and copied have been followed by periods of self-containment in which the familiar was wholly sufficent.“[3]

Von der Nara bis zum Beginn der Muromachi Zeitperiode (ca. 646 - ca. 1392) dominierten vor allem im höfischen Theater koreanische und chinesische Tanz- und Musikpraktiken, die zu einem Hauptteil der japanischen Kultur wurden.[4] Aus ihnen entwickelten sich später in einer erneut nach Innen gerichteten Thea­terreform zwei der traditionellsten, bis heute existierenden und gepflegten Per­formance-Künste: nö und kyögen.[5]

Der Einfluss westlicher Kultur auf die japanische beginnt erst Mitte des 16. Jahrhundert und ist so schwach, dass abgesehen von importierter Mode oder ei­nigen Kunst- und Gebrauchsgegenständen wie Gemälden oder Glas kaum et­was Verwendung im Theater finden konnte. Stattdessen entwickeln sich zwei weitere traditionelle, eher der Unterhaltung dienende Theaterformen in der nach außen geschlossenen Umgebung: Das Unterhaltungstheater kabuki und das Puppentheater bunraku.[6]

Erst mit Beginn der Meiji-Restauration (ca. 1880) finden europäische Theater­stücke und -theorien ihren Weg nach Japan[7], insbesondere die Werke von Dra­matikern wie Schiller, Lessing, Shakespeare, Ibsen und Tschechow. Jungejapa­nische Schauspieler, Musiker, Tänzer und Sänger tourten durch westliche Städ­te, um mehr über deren Theater zu erfahren und brachten ihre Erkenntnisse über „richtiges Theater“ zurück in die Heimat.8 Die über ein Vierteljahrhundert reichende Beeinflussung durch und die Beschäftigung mit europäischer Litera­tur und Dramaturgie gipfelt 1906 in einer „neue[n] Theaterreformbewegung, die als Ausgangspunkt der Geschichte des modernen japanischen Theaters [...] gilt“9: shingeki. Ziel der Bewegung war die Grunderneuerung des herkömmli­chenjapanischen Theaters und die Erschaffung eines kulturellen Gegengewich­tes zu den traditionellen Formen kabuki und no[10], was nicht nur durch die Übernahme westlicher Stücke, sondern auch durch die Angleichung an den westlichen Bühnenrealismus und die Philosophie gewährleistet war.11 Das shingeki erlebte seine Blütezeit in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg. Bereichert durch die Werke französischer Dramatiker wie Sartre, Camus und Anouilh, durch das von Beckett und Ionesco maßgeblich bestimmte absurde Theater und nicht zuletzt durch Brechts episches Theater reflektiert das moder­ne japanische Theater erneut sein Verhältnis zu den traditionellen Formen, um nach neuen Darstellungsmöglichkeiten zu suchen.12 Die gewollte Auseinander­setzung mit dem Vertrauten und dem Fremden entwickelt sich jedoch stattdes- sen zu einem Kopiervorgang westlicher Theaterpraktiken im shingeki. Um dem europäischen Realismus gerecht zu werden, steht eine Mimesis europäischer Mimik, Gestik und Kleidung - inklusive blonder Perücken und großen, ange­klebten Nasen13 - im absoluten Mittelpunkt. Die Hoffnung, dass shingeki nach einer gewissen Zeit, ebenso wie früher die koreanischen und chinesischen Theaterformen, in die japanische Kultur übergeht und nicht mehr als etwas Fremdes betrachtet wird, erfüllte sich in diesem Falle nicht:

[...]


1 Brokering, Jon M.: Ninagawa Yukio's Intercultural "Hamlet": Parsing Japanese Iconogra­phy, 2007, S. 392

2 Ebd., S. 371

3 Brandon, James R.: Contemporary Japanese Theatre: Interculturalism and Intraculturalism, 1990, S.89

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Ebd., f.

7 Tanigawa, Michiko: Politik der Kulturen: Rezeption des deutschen Theaters, 2009, S. 186

8 Brandon, James R.: Contemporary Japanese Theatre: Interculturalism and Intraculturalism, 1990, S.89

9 Tanigawa, Michiko: Politik der Kulturen: Rezeption des deutschen Theaters, 2009, S. 188

10 Morihiro, Niino: Zwischen gestern und heute. Die Organisationsstrukturen des Theaters, 2009, S. 24 f.

11 Brandon, James R.: Contemporary Japanese Theatre: Interculturalism and Intraculturalism, 1990, S.90

12 Tanigawa, Michiko: Politik der Kulturen: Rezeption des deutschen Theaters, 2009, S. 192 f.

13 Mulryne, Ronnie:.From Text to Foreign Stage: Yukio Ninagawa's Cultural Translation of Macbeth, S. 132

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Ikonographie. Yukio Ninagawas Medea-Inszenierung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Aktuelle Theaterdiskurse: Theater: mulit-, inter-, intra- und (oder) transkulturell
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V279886
ISBN (eBook)
9783656737414
ISBN (Buch)
9783656737391
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Yukio Ninagawa, Theater, Japan, Medea, Inszenierung, interkulturell, Ikonographie
Arbeit zitieren
Dany Handschuh (Autor), 2013, Interkulturelle Ikonographie. Yukio Ninagawas Medea-Inszenierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279886

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