Die Heroisierung Hagens und das mythische Verhältnis von Zeit und Raum in der Hagen-Episode der "Kudrun"


Hausarbeit, 2014
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Der Mythosbegriff in Bezug auf die Hagen Episode
2.1 Mythos „Anderwelt“ und mthische Raum-Zeit-Konstellationen in der Hagen-Episode

3. Hagen als Held? Mythos in der höfischen Welt

4. Literaturverzeichnis

5. Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit zur Kudrun beschäftigt sich mit der darin vorkommenden Hagen-Episode, in welcher dieser durch einen Greifen entführt wird. Damit verbunden wird die Frage, ob Hagen aus diesem Vorfall als Held hervorgeht und wie seine Entwicklung in Anbetracht der mythischen Entwicklung von Raum und Zeit dargestellt wird. Die Kudrun wird meist als zur Gattung der Heldenepik zugehörig bezeichnet, jedoch ist die Frage der genauen Gattungszugehörigkeit nicht eindeutig zu beantworten. Das vorkommende „Prinzip der variierenden Wiederholungen verhältnismäßig weniger Themen“[1], das „Prinzip des überraschenden Wechsels“[2], sowie das Vorkommen von zahlreichen Widersprüchen im Erzählverlauf, weisen auf die jüngere Heldendichtung des deutschen Mittelalters hin. Laut des Verfasserlexikons weist die Kudrun zwar Eigenheiten auf, welche für die mündlich überlieferte Dichtung typisch sind, es gibt jedoch auch Indizien, welche eine zwar schriftliche, aber ‚freie‘ und ‚produktive‘ Überlieferung für wahrscheinlicher halten. Das Schema der Brautwerbung stellt sie weiterhin in eine enge Beziehung zur Spielmannsdichtung, die Bemühungen des Dichters um eine Annäherung an die Gattung des höfischen Romans sind aber auch zu erkennen[3], zum Beispiel an den höfisch-ritterlichen Motiven wie etwa bei der Schilderung von zeremoniellen Handlungen an den Königshöfen oder bei Verabschiedungen und Begrüßungen. Der Verfasser der Kudrun ist nicht überliefert, auch im Text „teilt er nichts über sich selber, seine Lebensumstände oder seine Ansichten mit.“[4] Da er aber das Nibelungenlied gekannt haben muss, lässt sich die Entstehungszeit der Kudrun ungefähr auf die 30er-50er Jahre des 13. Jahrhunderts datieren. Aufgrund des Reimschemas ergibt sich, dass sie auf bayrisch-österreichischem Boden entstanden sein muss, ältere Forschungen vermuten die Entstehung eventuell in der Steiermark. Da der Verfasser das Kaufmannswesen und das städtische Leben der Zeit kannte, wird heute als Entstehungsort eher von einer größeren Stadt wie Passau, Regensburg oder Wien ausgegangen.[5] Zum Mythos in der Heldenepik lässt sich sagen, dass die Heldensagen des Mittelalters an das Leben historischer Persönlichkeiten anknüpfen, das Leben der jeweiligen Helden wird dem Schema eines mythischen Heldenlebens nachgebildet, da zu der Zeit, als es schriftlich festgehalten wurde, das historische Bild bereits verblasst ist.[6] Die Ähnlichkeit aller Heldenepen ist damit zu erklären, dass an die Stelle des Individuums ein Typus tritt: Der mythische Aufbau ist immer gleich und an die Wahrheit des Mythos der Heldensage wird geglaubt.[7] Es gibt einige Punkte, welche als wichtig im Leben eines Helden angesehen werden und sich als grobes Schema für nahezu jedes Heldenepos festlegen lassen: Der Held kommt als Sohn königlicher Eltern zur Welt, seine Zeugung geschieht auf wunderbare Art, eine Gefährdung seines Lebens schon kurz nach der Geburt, seine Rettung und Erziehung an einem anderen Ort. Diese Strukturelemente lassen sich auch in der Hagen-Episode nachvollziehen. Ein weiteres, auch bei Hagen zu beobachtendes Element ist, dass seine Kämpfe alle Einzelkämpfe sind und nicht gegen gewöhnliche Menschen, sondern gegen wilde Tiere stattfinden.[8] Für den mittelelterlichen Dichter seien diese Motive laut Ó Riain-Raedel zumeist keine mythische Realität mehr, er benutze sie, um bestimmte Gedanken darzustellen.[9] Meine These ist nun, dass mythische Elemente, welche sich in dem abgeschlossenen Raum der Insel in der Hagen-Episode finden, auch nach dessen Rettung zu Teilen in die höfische Welt eindringen. Um diese These zu überprüfen, werde ich zunächst den eigentlichen Mythosbegriff näher erläutern um darauffolgend die mythischen Raum- und Zeit-Elemente in der Hagen-Episode zu untersuchen und schließlich zu prüfen, in wie fern solche Elemente auch nach Abschluss der Begebenheiten auf der Insel am feudalen Hof seiner Eltern wiederzufinden sind.

2. Der Mythosbegriff in Bezug auf die Hagen-Episode

EinMythos(vonaltgriechisch μῦθος: Laut,Wort,Rede,Erzählung, sagenhafte Geschichte, Mär, lateinisch mythus) ist in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Erzählung, mit der Menschen und Kulturen ihr Welt- und Selbstverständnis zum Ausdruck bringen. Im traditionellen religiösen Mythos wird durch den Mythos das Dasein der Menschen mit der Welt der Götter verknüpft.[10] Dies sind meist „mündlich tradierte Erzählungen, die im Dienste einer vorwissenschaftlichen Erklärung und Beschreibung der Lebenswelt stehen und sich meist vor der Folie eines kosmischen oder übernatürlichen Rahmens abspielen.“[11] Im Folgenden soll kurz die Entwicklung des Mythosbegriffs betrachtet werden, um diesen darauffolgend im nächsten Kapitel auf die Hagen-Episode anzuwenden. In der Romantik stand der Mythos für eine „Orientierung menschlicher Befindlichkeit gegen eine sich absolut setzende Rationalität“[12], für das Anfängliche, Unbedingte[13], die Moderne unterscheidet die Ritualtheorie (Mythos in Zusammenhang mit rituellen Praktiken) und die psychoanalytische Theorie (Mythosbegriff um psychische Dispositionen wie den Ödipuskomplex oder Narzissmus zu erklären).[14] Heute gibt es verschiedenste theoretische Ansätze, wie etwa auf philologischer, semiotischer, ethnologischer, strukturalistischer oder hermeneutischer Basis. Eine einzige gültige Theorie wird es jedoch nie geben, da der Mythos laut Quast/Friedrich sich als „das Andere der Vernunft“ verstehen lässt, das sich „einer vollständigen rationalen Auflösung entzieht“.[15] Und schon Franz Rolf Schröder stellte sowohl heraus, dass „sich mythische Motive hier und da in der Heldensage finden“[16] als auch „die Welt des Mythos an der Entstehung und Gestaltung der Heldensage einen entscheidenden Anteil hat.[17] Aus der beträchtlichen Zahl der Mythosbeschreibungen habe ich die Sichtweise von Ernst Cassirer gewählt, um die Hagen-Episode unter diesen Gesichtspunkten zu betrachten. Er sucht den Zugang zum Mythos über die Philosophie, für Cassirer „repräsentiert der Mythos dezidiert eine historische Stufe der Wahrnehmung“.[18] Seine Annahmen beruhen auf allgemeinen Bedingungen der Wahrnehmung, wie etwa (für diese Ausarbeitung im Vordergrund), Raum und Zeit, Begriffe, die die „Einheit des Bewusstseins“[19] des Menschen versichern sollen. Für Cassirer kennzeichnet Ungeschiedenheit die „spezifische Qualität des mythischen Bewusstseins“[20], für die Analyse der Hagen-Episode ist dabei besonders die Betrachtung des Mythos im Hinblick auf Raum und Zeit von Bedeutung. Cassirer sieht im Mythos eine besondere symbolische Form, eine eigene Art der menschlichen Kulturleistung, die mit den Zeichensystemen der Sprache und Geschichte vergleichbar und sogar grundsätzlich gleichwertig sind,[21] einer der Grundzüge mythischen Denkens ist ihm zufolge das „Fehlen strikter kategorialer Grenzziehungen.“[22] Dabei ist wichtig zu beachten, dass er von einer Gleichzeitigkeit von mythischer und rationaler Bewusstseinsform ausgeht, das heißt, die mythische Bewusstseinsform wird als Vorstufe des Rationalen gesehen und eben dieses schließt auch mythische Wahrnehmung nicht aus.[23] In seinen Ausführungen über die „Grundzüge einer Formenlehre des Mythos.- Raum; Zeit und Zahl“ stellt Cassirer fest, dass „der mythische Raum eine eigenartige Mittelstellung zwischen dem sinnlichen Wahrnehmungsraum und dem Raum der reinen Erkenntnis, dem Raum der geometrischen Anschauung einnimmt“[24]. Erst, indem sich die Welt des Mythischen als eine Welt „nicht des bloßen Seins, sondern des Geschehens erweist, gelingt es, in ihr bestimmte Einzelgestaltungen von selbständiger und individueller Prägung zu unterscheiden.“[25] Dies ist wie wir im Folgenden sehen werden, auch an der mythischen Welt, in welcher Hagen sich befindet, festzustellen. Außerdem an den mythischen Gegebenheiten der Insel erkennbar ist, dass „jeder mythische bedeutsame Inhalt, jedes aus der Sphäre des Gleichgültigen und Alltäglichen herausgehobene Lebensverhältnis […] gleichsam einen eigenen Ring des Daseins [bildet], ein umhegtes und befriedetes Seinsgebiet, das sich durch feste Schranken gegen seine Umgebung abscheidet und das in dieser Abscheidung erst zu einer eigenen, individuell-religiösen Gestalt gelangt.“[26]

[...]


[1] Verfasserlexikon, S. 420.

[2] Verfasserlexikon, S. 420.

[3] Vgl. Verfasserlexikon, S. 421.

[4] Verfasserlexikon, S. 411.

[5] Vgl. Verfasserlexikon, S. 412.

[6] Vgl. Ó Riain-Raedel: Untersuchungen zur mythischen Struktur, S. 43.

[7] Vgl. Ó Riain-Raedel: Untersuchungen zur mythischen Struktur, S. 44.

[8] Vgl. Ó Riain-Raedel: Untersuchungen zur mythischen Struktur, S. 61-62.

[9] Vgl. Ó Riain-Raedel: Untersuchungen zur mythischen Struktur, S. 65.

[10] Vgl. Karen Armstrong:Eine kurze Geschichte des Mythos, S. 7–16.

[11] Metzler, S.482 .

[12] Friedrich/Quast: Mediävistische Mythisforschung, S. IX.

[13] Vgl. Bollack: Mythische Deutung, S. 67.

[14] Vgl. Friedrich/Quast: Mediävistische Mythosforschung, S. IX.

[15] Friedrich/Quast: : Mediävistische Mythosforschung, S. X.

[16] Franz Rolf Schröder: Mythos und Heldensage I.

[17] Franz Rolf Schröder: Mythos und Heldensage I.

[18] Friedrich/Quast: : Mediävistische Mythosforschung, S. XI.

[19] Friedrich/Quast: Mediävistische Mythosforschung, S. XI.

[20] Vgl. Friedrich/Quast: Mediävistische Mythosforschung, S. XII.

[21] Vgl. Metzler, S. 483.

[22] Sandkühler/Pätzold: Kultur und Symbol. S. 179.

[23] Vgl. Metzler, S. 483.

[24] Cassirer: Philosophie der Symbolischen Formen. S. 98.

[25] Cassirer: Philosophie der Symbolischen Formen. S. 123.

[26] Cassirer: Philosophie der Symbolischen Formen. A.122.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Heroisierung Hagens und das mythische Verhältnis von Zeit und Raum in der Hagen-Episode der "Kudrun"
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V280106
ISBN (eBook)
9783656740032
ISBN (Buch)
9783656740025
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heroisierung, hagens, verhältnis, zeit, raum, hagen-episode, kudrun
Arbeit zitieren
Helena Flenner (Autor), 2014, Die Heroisierung Hagens und das mythische Verhältnis von Zeit und Raum in der Hagen-Episode der "Kudrun", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280106

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