Die Logik des Konsums in Bret Easton Ellis "American Psycho"


Hausarbeit, 2014
24 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konsum in American Psycho
2.1. Einfluss auf Sprache und Verhalten
2.2. Motive
2.3. Die Frau als Objekt des Konsums

3. Gewalt in American Psycho
3.1. Gewalt gegen andere Personen als Frauen
3.2. Die Frau als Objekt der Gewalt

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Der Weg von American Psycho, vom Manuskript zum fertig gedruckten Roman im Buchhandel und darüber hinaus war kein leichter. 1990 schickte Bret Easton Ellis sein Manuskript zu Simon & Schuster und bis dahin sah auch noch alles gut aus. Das Skript wurde akzeptiert und alle weiteren Schritte für eine Veröffentlichung eingeleitet. Im Zuge dessen wurden jedoch einige der gewaltvollen Passagen schon vorab im Time und im Spy Magazine veröffentlicht und daraufhin scharf kritisiert. Das hatte zur Folge, dass der Vertrag zwischen Schriftsteller und Verlag gebrochen wurde und Simon & Schuster von einer Veröffentlichung des Romans absah.

Eine Wende kam jedoch schon kurze Zeit später. Random House sicherte sich die Rechte an dem Roman und veröffentlichte diesen schließlich im Jahre 1991. Die negativen Kritiken, die vor der Veröffentlichung schon laut wurden, flauten jedoch keineswegs ab, im Gegenteil riefen einige Feministinnen aufgrund der Gewalt gegen Frauen sogar zum aktiven Boykott des Buches auf. So wurde es mitunter als Anleitung zum Mord an Frauen bezeichnet.1

Da sich fast alle negativen Kritiken auf die expliziten Darstellungen von Gewalt beziehen, gegen Frauen wie auch generell, werde ich mich in der vorliegenden Arbeit genau diesen Darstellungen widmen. Vor dem Hintergrund meines ersten Leseeindruck von American Psycho als konsumkritisches Werk möchte ich herausfinden, inwiefern die dargestellte Gewalt denn Kritik am Konsum sein kann.

Dazu werde ich in dem ersten Teil der Arbeit herausarbeiten, welchen Stellenwert der Konsum in dem Roman einnimmt, wie dieser dargestellt wird und welche Motive ihm zugrunde liegen. In dem zweiten Teil soll es dann um die Rolle der Gewalt gehen, wobei ich mich ebenfalls auf die Darstellung und Motive konzentriere. Auch dabei besteht meine Analyse aus zwei Teilen, in denen ich die Gewalt gegen Frauen und gegen andere Personen getrennt voneinander untersuche, da mit der Gewalt gegen Frauen auch sexuelle Handlungen einhergehen. In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse dann noch einmal in zusammengefasster Form dargestellt.

2. Konsum in American Psycho

2.1. Einfluss auf Sprache und Verhalten

American Psycho ist eine autodiegetische Erzählung aus der Sicht des 27jährigen Wall-Street-Brokers Patrick Bateman, die im fiktiven New York der 1980er Jahre spielt. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die Beschreibungen von sich wiederholenden Alltagsbegebenheiten wie beispielsweise Besuche von Restaurants oder Bars oder die morgendliche Routine. Teil dieser Beschreibungen ist das ausführliche Auflisten von den dabei verwendeten und konsumierten Produkten. Obwohl die Erzählung autodiegetisch ist und die meiste Zeit aus der Perspektive der ersten Person erzählt wird, wirkt die Sprache dabei monoton, emotionslos und distanziert, mitunter wie ein objektiver Bericht. Wenn Patrick Bateman sich beispielsweise die Zähne putzt, klingt das so:

I pour some Plax antiplaque formula into a stainless-steel tumbler and swish it around my mouth for thirty seconds. Then I squeeze Rembrandt onto a faux-tortoise-shell toothbrush and start brushing my teeth […] and rinse with Listerine. Then I use the Probright tooth polisher and next the Interplak tooth polisher (this in addition to the toothbrush) which has a speed of 4200 rpm and reverses direction forty-six times per second; the larger tufts clean between teeth and massage the gums while the short ones scrub the tooth surfaces. I rinse again, with Cepacol.2

Ein alltägliches Ereignis wie die Zahnpflege wird hier in aller Ausführlichkeit beschrieben, wobei die Beschreibung der verwendeten Produkte und deren Funktionsweise im Vordergrund steht. Durch die distanzierte Sprache erinnert dieser Abschnitt eher an eine Werbung für Zahnpflegemittel und deren richtiger Anwendung. Ist an dieser Stelle jedoch noch ein Ich-Erzähler vorhanden, wenn auch kaum merklich, verschwindet dieser noch im selben Kapitel bei der Beschreibung der Gesichtspflege. Die Erzählung wechselt dabei in die Perspektive der zweiten Person, sodass es tatsächlich klingt wie eine Gebrauchsanleitung für eine korrekte Pflege:

[…] I tie a plastic ice pack around my face […] I take the ice-pack mask off and use a deep-pore cleanser lotion, then an herb-mint facial mask which I leave on for ten minutes […] I wash the facial massage off with a spearmint face scrub. […] In the shower I use […] on the face an exfoliating gel scrub. You should use an aftershave lotion with little or no alcohol. Never use a cologne on your face, since the high alcohol content dries your face out and makes you look older. One should use an alcohol-free antibacterial toner with a water-moistened cotton ball to normalize the skin. Applying moisturizer is the final step. Splash on water before applying an emollient lotion to soften the skin and seal in the moisture. Next apply Gel Appaisant, also made by Pour Hommes, which is an excellent, soothing skin lotion. If the face seems dry and flaky-which makes it look dull and olderuse a clarifying lotion that removes flakes and uncovers fine skin (it can also make your tan look darker). Then apply an anti-aging eye balm (Baume Des Yeux) followed by a final moisturizing ‘protective’ lotion. A scalp-programming lotion is used after I towel my hair dry. I also lightly blow-dry the hair [..] .3

Mit dem letzten Satz geht die Erzählung zurück in die Ich-Perspektive. Durch den fließenden Wechsel von der Perspektive der zweiten Person mit dem normativen Charakter einer Gebrauchsanleitung, zurück in die Ich-Perspektive, entsteht der Eindruck, dass Patrick diese Anleitung verinnerlicht hat und seine Handlung sich in diesem Fall nur auf das Ausführen dieser Anleitung und die Verwendung von zahlreichen Produkten beschränkt. Claudia Heuer bemerkt richtig, dass die Gesichtspflege, die er beschreibt, eher eine Tortur für die Haut ist, die bei tagtäglicher Anwendung dieser Pflege zerstört werden würde.4

Es scheint, als ginge es Patrick nur darum den Vorgaben der Medien, der Lifestyle-Magazine und der Werbung zu entsprechen und möglichst viele Produkte zu verwenden, was vermeintlich notwendig ist, um sein attraktives Äußeres zu erhalten.5 Dass dabei tatsächlich seine Haut zerstört werden würde, lässt auf einen unreflektierten und unkontrollierten Konsum schließen und sich durchaus schon als Form der Gewalt gegen sich selbst sehen, die der Konsum dieser Art nach sich zieht.

Die Einflussnahme von Werbung und Produkten spiegelt sich auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen Patricks wieder, in der Hinsicht, als dass er bei jedem Zusammentreffen mit seinen Freunden eine ausführliche Beschreibung seiner eigenen Kleidung, sowie die der anderen gibt:

I’m wearing a lightweight linen suit with pleated trousers, a cotton shirt, a dotted silk tie, all by Valentino Courture, and perforated cap-toe leather shoes by Allen-Edmonds. Once inside Harry’s we spot David Van Patten and Craig McDermott at a table up front. Van Patten is wearing a doublebreasted wool and silk sport coat, button-fly wool and silk trousers with inverted pleats by Mario Valentino, a cotton shirt by Gitman Brohters, a polka-dot silk tie by Bill Blass and leather shoes from Brooks Brothers. McDermott is wearing a woven-linen suit with pleated trousers, a button-down cotton and linen shirt by Basile, a silk tie by Joseph Abboud and ostrich loafers from Susan Bennis Warren Edwards.6

Die Beschreibung der Charaktere beschränkt sich hierbei nur auf die Aufzählung der Kleidungsstücke und ihren Marken. Auf diesem Wege erhält man aber kein wirkliches Bild von ihnen, ihrem Aussehen, sondern entwickelt lediglich eine Vorstellung davon, dass sie wohl alle teure Kleidung tragen. Dass diese Reduktion durchaus gewollt ist, um die Oberflächlichkeit und Statusbesessenheit der dargestellten Gesellschaftsklasse zu zeigen und den Stellenwert von Produkten verdeutlicht, wird an folgender Stelle ersichtlich, wenn Patrick in einem Restaurant nicht mehr Menschen, sondern buchstäblich nur noch Kleidung sieht und nicht Gerüche, sondern Marken riecht:

I count three silk-crepe ties, one Versace silk-satin woven tie, two silk foulard ties, one silk Kenzo, two silk jacquard ties. The fragrances of Xeryus and Tuscany and Armani and Obsession and Polo and Grey Flanell and even Antaeus mingle, wafting into each other, rising from the suits and into the air, forming their own mixture: a cold sickening perfume.7

Hier liegt keine Reduzierung des Menschen auf Kleidung mehr vor, sondern die Markenkleidung, die Krawatten ersetzen den Menschen komplett. Auch sein Geruch wird nur noch durch eine Parfummarke ausgedrückt. Die Sprache klingt dabei erneut direkt wie aus einem Lifestyle-Magazin übernommen.

Dieser Bezug wird auch im Roman selber hergestellt, so sagt ein Freund namens Reeves zu Patrick: »You’re total GQ.«8 Und was dieser hier als Begründung für seine Beliebtheit in der Frauenwelt angibt, drückt genau diese Verinnerlichung der Vorgaben der Modemagazine aus, die in Patricks Sprache zum Ausdruck kommt. Gleichzeitig wird in dem Zusammenhang vermittelt, dass ein Befolgen der Regeln aus solchen Magazinen zu mehr Ansehen, mehr Beliebtheit bei den Frauen führt.

Patrick ist aber nicht der einzige Charakter in dem Buch, der einer Sprache verfallen ist, die an eine direkte Wiedergabe aus Magazinen erinnert. Beispielsweise klingt die Antwort seines Freundes Timothy Price auf die Frage von Van Patten, ob Club- oder Picadilly-Kragen zu fein oder leger sind und welcher Krawattenknoten dazu passt, wie eine Produktwerbung oder eine Antwort aus dem Ratgeberteil eines Magazins.

It’s a very versatile look and it can go with both suits and sport coats. It should be starched for dressy occasions and a collar pin should be worn if it’s particulary formal. [...] If it’s worn with a blazer then the collar should look soft and it can be worn either pinned oder unpinned, Since it’s a traditional, preppy look it’s best if balanced by a relatively small four-in-hand knot.9

Auch in diesem Fall wirkt es als gebe Price nicht seine eigene Meinung wieder, sondern nur etwas den Gesetzen der Werbung und Magazinen Entsprechendes. So scheint auch das normative Sollen nicht etwa ein konkreter Wunsch zu sein, den er gegenüber Van Patten hegt, sondern die Vorgabe eines unbestimmten Dritten, der vorgibt, was zu tun ist, was es anzuziehen gilt und wie man auszusehen hat.

Diese Vorgaben scheinen Patrick und seine Freunde verinnerlicht zu haben, wobei es aufgrund der Erzählsituation fraglich ist, wie weit der Einfluss bei seinen Freunden reicht. Bei Patrick sind sie jedoch ein integraler Bestandteil und er folgt den Vorgaben scheinbar perfekt. Auch für seine Freunde wirkt er deshalb in mancher Hinsicht wie ein Stilberater, der genau weiß, den Kriterien der Modemagazine folgend, was es anzuziehen gilt. So steht er mit seinem Modewissen auch helfend zur Seite, als McDermott und Van Patten Fragen für die GQ entwerfen.10

Es gibt aber ebenfalls Gründe diese Stilsicherheit und das durch die Sprache vermittelte Modebewusstsein in Frage zu stellen. Beim genaueren Lesen mancher Beschreibungen bekommt man nämlich den Eindruck, dass Patrick eher unsicher und überhaupt nicht stilbewusst ist, was seine tatsächlich getragene Kleidung anbelangt. Dies wird zum Beispiel in der folgenden Beschreibung deutlich:

I’m wearing a two-button single-breasted chalk-striped wool-flannel suit, a multicolored candystriped cotton shirt and a silk pocket square, all by Patrick Aubert, a polka dot silk tie by Bill Blass and clear prescription eyeglasses with frames by Lafont Paris.11

Claudia Heuer bemerkt, dass diese Kombination von einem Nadelstreifenanzug mit einem mehrfarbig, rotweiß-gestreiften Hemd und einer gepunkteten Krawatte eher an ein Clownskostüm erinnert, gleichzeitig weist sie aber auch darauf hin, dass solche wertenden Urteile problematisch sind aufgrund der wenigen weiteren Informationen.12 Dennoch wirkt es als schöpfe Patrick wahllos aus einem Kontingent von Produkten - in diesem Fall Kleidungsstücke - und kombiniere diese zusammenhangslos.

2.2. Motive

Diese Auswahl scheint aber eine gewisse Logik zu besitzen, der Patrick trotz aller mangelnden Reflexion folgt. Die besteht darin, dass er ausschließlich teure Produkte konsumiert oder erwirbt, worauf sich durch die zahlreichen Aufzählungen von Markennamen und die genauen, der Werbung getreuen Beschreibungen schließen lässt. Es gibt aber auch viel direktere Hinweise, dass er den persönlichen Wert einer Sache an dem Preis misst, wobei etwas, das viel kostet, auch gut und erstrebenswert zu sein scheint.

Dieses Wertkriterium wird deutlich, wenn Patrick beispielsweise den Haarschnitt eines Bekannten mit den Worten »A Haircut that’s bad because it’s cheap.«13 beurteilt. Es ist also nur der Preis, aufgrund dessen er etwas als gut oder schlecht bewertet, sodass im umgekehrten Fall dieser Logik nach gelten würde, dass ein teurer Haarschnitt gut ist, weil er eben teuer ist. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass Patrick auch sonst keinerlei Verwendung für das Gekaufte hat, sondern es nur um den Besitz und Konsum von etwas Teurem geht. So hat er in seiner Wohnung Markenaschenbecher, obwohl er gar nicht raucht.14 Und auch bei den Restaurantbesuchen werden zwar teure Gerichte bestellt, dessen Beschreibung ebenfalls direkt von der Speisekarte übernommen zu sein scheint, tatsächlich isst Patrick aber die meiste Zeit nichts.15

Welch hohen Stellenwert der Preis einer Sache für ihn hat und wie wenig Bedeutung der tatsächlichen Verwendung dabei zukommt, wird auch im Folgenden deutlich: Bei einem Zusammentreffen mit einer Bekannten namens Courtney und ihren Freunden Anne und Scott lügt Patrick nämlich, was den Preis eines Gemäldes in seiner Wohnung angeht und erhöht diesen.

[...]


1 Vgl. Murphet, Julian: Bret Easton Ellis’s American Psycho. A Reader’s Guide. New York: Continuum 2002, S. 69. (Im Folgenden: Murphet)

2 Ellis, Bret Easton: American Psycho. New York: Vintage Books 2006, S. 26. (Im Folgenden: Ellis)

3 Ellis, S. 26 ff.

4 Heuer, Claudia: Satire und Postmoderne - unvereinbare Gegensätze? Aktualisierungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten des Satirebegriffs im Kontext des postmodernen Romans, S. 139. (Im Folgenden: Heuer)

5 a.a.O., S. 139.

6 Ellis, S. 30 f.

7 a.a.O., S. 110. 8 a.a.O., S. 90.

9 Ellis, S. 32 (Hervorhebung im Original).

10 a.a.O., S. 31 f.

11 a.a.O., S. 87.

12 Heuer, S. 227.

13 Ellis, S. 21.

14 a.a.O., S. 25.

15 Vgl. z.B. a.a.O., S.39 ff., S. 117 ff.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Logik des Konsums in Bret Easton Ellis "American Psycho"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V281672
ISBN (eBook)
9783656762850
ISBN (Buch)
9783656838302
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
American Psycho, Konsum, Gewalt, Pornographie, Sex, Ellis
Arbeit zitieren
Kevin Rosenhoff (Autor), 2014, Die Logik des Konsums in Bret Easton Ellis "American Psycho", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281672

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