Das Gesundheitswesen im Dienste des Nationalsozialismus anhand von sächsischen Beispielen


Bachelorarbeit, 2013

41 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Der Wandel des Gesundheitswesens
3.1. Von Gesundheitsfürsorge zur Rassenhygiene
3.2. Vereinheitlichung am Beispiel Leipzigs
3.3. Aufbau des NS-Gesundheitssektors

4. Die Stellung der NS-Gesundheitsämter in Sachsen
4.1. Die Entwicklung des Leipziger Gesundheitsamtes
4.2. Amtsarzt in der ‚Erbpflege- und Rassenabteilung‘
4.3. NS- Gesundheitsämter als ‚Schaltzentrale‘

5. Die Arbeit der sächsischen NS-Gesundheitsämter
5.1. Vorbereitung der Sterilisation
5.2. Arbeitsalltag im Rahmen der Rassenhygiene
5.3. Auswirkungen der Erbpflege auf Sachsen

6. Schlussbetrachtung

7. Quellenverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Gesundheitsämter werden zum Wächter über den Volksbestand und zum Hüter über die Zukunft unseres Deutschen Volkes“[1]

Berlin 1935, Dr. med. Arthur Gütt, Medizinalreferent des Reichsinnenministeriums

Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers im Jahre 1933 erfuhr das bisherige auf Gesundheitsfürsorge und Wohlfahrt ausgerichtete Gesundheitswesen der Weimarer Republik eine radikale Veränderung. Während der Tätigkeitsbereich der kommunalen Gesundheitsämter in den 1920er Jahren noch durch die beratende Funktion der Bevölkerung in gesundheitlichen Fragen definiert war und sich vornehmlich auf die Bekämpfung von Volkskrankheiten richtete, wurden die nun auf Reichsebene gesteuerten nationalsozialistische Gesundheitsämter von ‚rassenhygienischen‘[2] Leitmotiven dominiert. Zahlreiche Wissenschaften dienten im Dritten Reich als Legitimations- und Argumentationsgrundlage für gezielte Maßnahmen gegen ethnische und nationale Minderheiten. Gesetzesentwürfe und Vorschläge seitens der Politiker und Ärzteschaft lassen erkennen, dass sich bereits in den Endjahren der Weimarer Republik die eugenische Gesinnung[3] verstärkte. Zum einen wurde die finanzielle Lage der Kommunen auch in Sachsen immer wieder Anlass zu Kostenargumentationen mit eugenischem Hintergrund, zum anderen sahen einige Ärzten in den Neuerungen des Gesundheitswesens Kompetenzerweiterungen und wissenschaftliche Anreize. An diese instabile Lage konnte die Rassenideologie des Dritten Reiches anknüpfen und sie zu ihren Gunsten nutzen. So konstruierte man eine zwangsläufige Vererbung von Erbkrankheiten, die es zu verhindern und vernichten galt. Da der Staat mit einer ‚erbgesunden‘[4] Bevölkerung weniger finanziell belastet würde und nicht zuletzt auch ein höheres Arbeitspotenzial zur Verfügung stünde, wollte man einen kollektiv gesunden ‚Volkskörper‘[5] erschaffen. Aufgrund dessen sah das neue System des Gesundheitswesens vor, künftig nur noch geistig und körperlich gesunde Menschen zu fördern. Dies geschah beispielsweise in Form von Ehestandsdarlehen oder Kinderbeihilfe, wo hingegen Menschen mit psychischen oder physischen Leiden vollkommen vom Fürsorgesystem ausgeschlossen wurden.

Reichsweite Maßnahmen richteten sich nach dem ‚Erbwert‘[6] der Bevölkerung und führten zu Zwangssterilisationen und später auch zur organisierten Tötung der ‚Erbkranken‘. Die Verstaatlichung und Kompetenzerweiterung der Gesundheitsämter war ein Garant für die einheitliche Umsetzung der ‚Rassenhygiene‘ und sollte zudem den Etat der Kommunen entlasten. Auch in Sachsen wurden nun die Gesundheitsämter zum offiziellen Verwalter und Organisator des Gesundheitswesens auf lokaler Ebene. Wenn der Verdacht auf Erbkrankheit bestand, wurden sowohl diese Personen als auch deren Familien durch den Amtsarzt des Gesundheitsamtes ‚erbbiologisch‘[7] untersucht, und in speziellen Akten erfasst. Die gesammelten Informationen dienten als Grundlage für die Entscheidung über die einzuleitenden Maßnahmen der ‚Erbpflege‘, wie zum Beispiel die Sterilisationen oder das Ausstellen eines Eheverbotes, um weiteren ‚erbkranken‘ Nachwuchs zu vermeiden.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Funktion der sächsischen Gesundheitsämter als Akteure im Gesundheitswesen des Dritten Reiches, welche bisher in der Forschung aufgrund der mangelnden Quellenlage kaum Beachtung gefunden haben. Im Besonderen richtet sich der Fokus auf den Arbeitsalltag der Gesundheitsämter anhand von Beispielen vor allem aus Leipzig und Grimma im Rahmen der nationalsozialistischen Rassenpolitik.

Der erste Teil der Arbeit gibt einen kurzen Abriss über den Wandel des Gesundheitswesens, beginnend bei dem Wohlfahrts-und Fürsorgesystem der Weimarer Republik, hin zur eugenisch geleiteten Rassenpolitik im NS-Staat. Hierbei ist es nötig, die Berührungspunkte der beiden Gesundheitssysteme kurz zu beleuchten, gerade in Bezug auf die gemeinsame Aktenbasis aus den Fürsorgeinstitutionen. Des Weiteren wird die Umgestaltung des nationalsozialistischen Gesundheitswesens am Beispiel der Stadt Leipzig verdeutlicht und in kurzer Form der Aufbau des neuen Gesundheitssektors beschrieben, um die Stellung der Gesundheitsämter darzustellen. Um die Bedeutung der Gesundheitsämter als aktive Mitgestalter des NS-Gesundheitswesens zu verstehen, ist es wichtig im zweiten Teil der Arbeit die Entwicklung der Gesundheitsämter am Beispiel Leipzigs mit dem Ringen um Autonomie im Wandel von kommunaler zu staatlicher Verwaltung zu erläutern. Besondere Beachtung findet hier die staatliche Institutionalisierung der ‚Erb- und Rassenpflege‘[8]. Der letzte Teil der Arbeit geht intensiv auf die neuen Aufgaben der Ärzte und Fürsorgerinnen des Gesundheitsamtes ein, welche nun im Rahmen der ‚Erbpflege‘ zum Hauptbestandteil ihrer Arbeit wurden. Ein besonderer Fokus liegt hier bei auf den Untersuchungen im Vorfeld der Sterilisationsverfahren, der Anfertigung von Erbkarteien und der Funktion der Amtsärzte als Eheberater. Abschließend soll im bescheidenen Umfang der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Arbeit der sächsischen Gesundheitsämter einen Anteil an den örtlichen Sterilisations-und Tötungsdelikten von erbkranken Menschen trägt.

2. Forschungsstand

Lange Zeit wurde die Aufarbeitung der innerdeutschen Verbrechen der Nationalsozialisten von der Geschichtsforschung ausgeklammert. Umfangreicher dagegen wurden die historische Untersuchung der Ermordung von ‚Rassenfremden‘ und der politischen Strukturen der NS-Diktatur vorgenommen. So ist es nicht verwunderlich, dass das genaue Ausmaß der rassenhygienisch[9] betriebenen Maßnahmen der Erbpflege unter den Nationalsozialisten wenig oder zumindest ungenau erforscht ist. Ein beutendes Werk in der Forschung des NS-Gesundheitswesens stellt die Arbeit von Alfons Labisch und Florian Tennstedt[10] von 1984 dar, welche zum 50. Jahrestag des ‚Gesetzes zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens“ entstand. Diese Arbeit gibt einen guten Querschnitt der Strukturen des kommunal verwalteten Gesundheitswesens in der Weimarer Republik und des anfänglich komplizierten Dualismus von staatlicher und kommunaler Verwaltung. Vor allem beleuchtet das Werk die Rolle des nationalsozialistischen Eugenikers Dr. Arthur Gütt. Es zeigt, dass bereits im Frühling 1933 damit begonnen wurde Gesetzesentwürfe für die Umstrukturierung des Gesundheitswesens zu erarbeiten, um die Maßnahmen der ‚Rassenpolitik‘ einheitlich umsetzen zu können. Die deutsche NS-Geschichtsforschung hielt sich lange Zeit einer kritischen Auseinandersetzung der Mittäterschaft der NS-Gesundheitsämter an den Verbrechen des rassenhygienischen nationalsozialistischen Gesundheitswesen gegenüber distanziert. Zum einen ist dies wohl darin begründet, dass teilweise gezielt belastende Akten der Gesundheitsämter vernichtet worden sind, wie es beispielsweise in Leipzig der Fall ist, zum anderen praktizierten einige Ärzte, Professoren oder Pfleger auch nach dem Sieg der Alliierten über das Deutsche Reich weiterhin bis in die 1960er Jahre hinein[11]. Somit kann die Arbeit von Labisch und Tennstedt als fundamentale Forschungsgrundlage angesehen werden, insbesondere da sich die Untersuchungen bis dato nur auf die Aspekte der Verbrechen im Rahmen des ‚Euthanasieprogramms‘ beschränkten. Um die Auswirkungen der erbpflegerischen Maßnahmen wie die Zwangssterilisationen und die Phasen der zentral organisierten Tötung von Erbkranken im Reich dennoch nachvollziehen zu können, eignet sich zur Einführung der Sammelband über die Ausstellung zum Thema Rassenwahn im Nationalsozialismus, welcher in Zusammenarbeit zwischen dem United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. und dem Jüdischen Museum in Berlin entstand. Die Arbeit befasst sich mit dem Ursprung des Rassismus als angewandte Wissenschaft und den einzelnen Phasen der ‚Euthanasie‘ beginnend mit dem ‚Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses‘ von 1934 bis hin zur Tötung von erbkranken Menschen durch die Injektion von Gift[12]. Erste Versuche zur Aufarbeitung des sächsischen NS-Gesundheitswesens unternehmen die geschichtlichen Darstellungen von Winfried Süß[13] und Julia Paulus[14] zum Thema der Krankenmorde in Sachsen und der Entwicklung des ‚Euthanasieprogramms‘ am Beispiel des Leipzigers Gesundheitsamtes. Süß beschreibt Sachsen als Zentralregion der ‚Euthanasie‘, indem er auf die Heil-Pflege-und Tötungsanstalten Sachsens eingeht und das von dem Leipziger Arzt Dr. Nitsche entwickelte Tötungsverfahren durch Gift erläutert. Besonders für die Herausarbeitung der Auswirkungen erbpflegerischer Maßnahmen, welche in örtlichen ‚Euthanasieverbrechen‘ mündeten, lässt sich Süß‘ Arbeit heranziehen.

Paulus‘ Arbeit befasst sich einerseits mit der Entwicklung des Leipziger Gesundheitsamtes, andererseits mit der Herausbildung der örtlichen ‚Kindereuthanasie‘. Weiterhin ist ihre Darstellung über das Streben des Leipziger Gesundheitsamtes nach Autonomie unabdinglich für die Bearbeitung dieser Arbeit. Des Weiteren stellt Paulus das Gesundheitsamt in den Mittelpunkt des kommunalen Gesundheitssystems. Auch ist ihr Werk bislang das einzige, welches das Wirken der sächsischen Gesundheitsämter behandelt.

Eine Monographie über die Entwicklung der deutschen Gesundheitsämter zwischen 1933 und 1945 fehlt jedoch bislang völlig. Die ersten nennenswerten Lokalstudien im umfangreichen Rahmen erfolgten von Seiten der bundesdeutschen Forschung vor 1990 und befassen sich mit der Alltagsarbeit der westfälischen Gesundheitsämter und dem Bremer Gesundheitsamt als Funktion der Erbpolizei. Zu nennen ist hier zum einen die bedeutende Arbeit von Johannes Vossen[15], die als Vergleichsstudie von westfälischen und thüringischen Gesundheitsämtern ein detailliertes Bild über den Tätigkeitsbereich der NS-Gesundheitsämter und die Aufgaben der Mitarbeiter gibt. Asmus Nitschke[16] untersucht die Aufrüstung des Bremer Gesundheitswesens, wobei er speziell auf die personelle und institutionelle Prägung eingeht und zudem die Rolle von Dr. Arthur Gütt im Gefüge des Vereinheitlichungsprozesses des deutschen Gesundheitswesens beleuchtet. Als weitere wichtige Lokalstudie zur Organisation des Gesundheitswesens zählt Julia Paulus‘[17] Arbeit über die kommunale Wohlfahrtspolitik in Leipzig zwischen 1930 und 1945. Ihre Ausführungen über die Kompetenzerweiterung des Gesundheitsamtes und die Vorbereitung der ‚Erbpflege‘ sind essentiell in der Erforschung der Mittäterschaft der Ämter an sächsischen NS-Verbrechen.

Bei der Bearbeitung der vorliegenden Arbeit, musste aufgrund des lokalen Literaturmangels und den wenigen aussagekräftigen Quellen eine Untersuchung vom Allgemeinen auf das Spezielle erfolgen. Anhand der Lokalstudien zum Tätigkeitsbereich der Westfälischen, Thüringischen und Bremer Gesundheitsämter wurde versucht ein allgemeines Arbeitsschema der Gesundheitsämter zu erarbeiten und es auf Sachsen zu übertragen. Die wenigen Primärquellen des Leipziger Gesundheitsamtes, die nicht zerstört wurden und dem Stadtarchiv Leipzig vorliegen, dienen zu Untermauerung einiger Arbeitsprozesse des Gesundheitsamtes etwa das Sammeln von Sterilisationsanträgen. Das Staatsarchiv Leipzig hält viele Akten der Heil-und-Pflegeanstalt Leipzig Dösen bereit, die in medizinischen Dissertationen bereits größtenteils ausgewertet sind. Zu nennen ist hier vor allem die Arbeit von Christiane Roick[18], welche sich jedoch eher auf die medizinischen Aspekte der ‚Euthanasie‘ in Leipzig beschränkt. Des Weiteren konnten Primärquellen der Amtshauptmannschaft Grimma aus dem Bereich des Gesundheitsamtes genutzt werden, welche einen regen Schriftverkehr zwischen dem Gesundheitsamt, der Kreispolizei und dem sächsischen Minister des Inneren zeigen. Diese nachweislichen Verbindungen eignen sich gut, um die Rolle der Gesundheitsämter als kommunale Schaltzentrale des Gesundheitswesens darzustellen.

3. Der Wandel des Gesundheitswesens

Auch wenn es nicht Gegenstand dieser Arbeit ist, die Ausprägung von rassenhygienischen Ansätzen in der Weimarer Republik zu beleuchten, so ist es für die Erforschung der Funktion und Stellung der Gesundheitsämter unvermeidlich, kurz den Charakter der Gesundheitsfürsorge in der Weimarer Republik aufzuzeigen. Anhand der Darstellung lässt sich die eugenische Ausrichtung des NS-Gesundheitswesens besser nachvollziehen und die Mitgestaltung der Gesundheitsämter beweisen. Des Weiteren soll dieser Teil zeigen, dass die Erfassungsmaßnahmen des Gesundheitswesen der Weimarer Republik insbesondere im Rahmen der Schulfürsorge größtenteils die Grundlage für die ‚erbbiologische‘ Bestandsaufnahme der Bevölkerung im Dritten Reich bildeten.[19]

3.1. Von Gesundheitsfürsorge zur Rassenhygiene

Die Konzentration des Gesundheitswesens der Weimarer Republik lag auf der Prävention. Das von den Kommunen getragene Fürsorgesystem richtete sich mit seinen einzelnen Teilbereichen an spezifische Gruppen. So lag beispielsweise die Bekämpfung verbreiteter Volkskrankheiten wie Tuberkulose oder Cholera im Aufgabenfeld der Gesundheitsämter, wohingegen die Familienfürsorge dem Wohlfahrtsamt unterstellt war. Hauptziel war es durch Vorsorge und gezielte Förderung, wie die Mütter-, Säuglings- und Schulfürsorge dem vorausgesagten Geburtenrückgang entgegenzuwirken und die Gesund- und Bestandserhaltung der Bevölkerung zu sichern.[20] Um ledige Mütter nach der Entbindung besser unterstützen zu können wies beispielsweise die Leipziger Stadtverwaltung Hebammen der Frauenklinik an, jene Patientinnen den Beratungsstellen zu melden.[21] Auch wenn es in der Weimarer Republik vereinzelt Ansätze von darwinistisch geprägtem Gedankengut[22] einzelner Ärzte, Wissenschaftler oder Politiker gab, so wurde die ‚Rassenideologie‘[23] in solch einem organisierten Maß erst unter der Diktatur der Nationalsozialisten umgesetzt. Die ‚Rassenpolitik‘[24] Hitlers schuf eine neue Ausrichtung des Gesundheitswesens. Geleitet von der ‚Rassenideologie‘ sahen die Maßnahmen des Gesundheitswesens nun vor, dass ‚Erbkranke‘ völlig von der Fürsorge ausgeschlossen, sterilisiert und später sogar getötet wurden.

Im Umkehrschluss ergab sich daraus eine Förderung der ‚Erbgesunden‘ durch Ehestandsdarlehen, öffentliche Ehrungen und Kinderbeihilfe. Zum einen wurde die finanziell angespannte Lage der Kommunen nach dem Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskriese ausgenutzt, um rein rechnerisch die Verhinderung weiterer Fürsorgeempfänger wie Menschen mit psychischen oder physischen Leiden zu legitimieren. Als ‚erbkrank‘ galten Menschen mit angeborenem Schwachsinn, jeglicher Art von Behinderung, Epilepsie, sowie jeder Form von Schizophrenie.[25] Nationalsozialistische Ärzte und Wissenschaftler erzeugten durch ihre Analysen und wissenschaftlichen Statistiken eine Pseudo-Legitimität, indem sie einen Zusammenhang zwischen diesen Leiden und der zwangsläufigen Vererbung herstellten. Die Betroffenen stammten weitgehend aus der unteren Bevölkerungsschicht. Demnach waren es die Fürsorgeempfänger, auf die sich nun die Maßnahmen der ‚Rassenhygiene‘ richteten. So erscheint es nicht verwunderlich, dass eine Vielzahl der Akten aus dem Fürsorgebereich der Weimarer Republik von den Nationalsozialisten als Anhaltspunkte genutzt wurden, um die darin vermerkten Familien auf ihre Erbanlagen hin zu untersuchen. So genannte Fürsorgelisten[26] wurden im Rahmen der Reihenuntersuchungen an Schulen oder Kindergärten in der Weimarer Republik angelegt und vermerkten labile oder kranke Kinder.25 Besonders in kommunal gut organisierten Gesundheitsämtern wie in Leipzig fanden derartig bestehende Akten weitere Verwendung bei der Erstellung von ‚Erbkarteien‘ und Sterilisationsanträgen.[27]

Mit dem ‚Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses‘, welches am 14. Juli 1933[28] von der Reichsregierung beschlossen wurde und am 1. Januar 1934[29] in Kraft trat, begann das reichsweite Zwangssterilisationsverfahren. Die Meldepflicht[30] von missgebildeten Kindern bildete die nächste Stufe der rassenhygienischen ‚Erbpflege‘. Seit August 1939 waren Hebammen, Ärzte, Pfleger von Arztpraxen, Krankenhäusern, sowie Pflegeanstalten dazu angewiesen, dem lokalen Gesundheitsamt Meldung über diese Kinder zu machen. Die geplante vollkommen Erfassung von ‚Erbkranken‘ bildete die Grundlage für die darauffolgende organisierte Tötung der selbigen. Das ‚Ermächtigungsschreiben‘ Hitlers vom Herbst 1939 legitimierte nun offiziell das Töten unheilbar Kranker und läutet das zentrale ‚Euthanasieprogramm‘[31] ein. Hinter dieser Tarnorganisation verbarg sich ein Apparat mehrerer zusammenarbeitender Tarngesellschaften[32], die für die Tötung und Selektion von ‚Erbkranken‘ im ganzen Reich verantwortlich waren. In dem Verfahren der T-4-Aktion[33] sahen die Nationalsozialisten die ‚Reinigung des Volkskörpers‘[34], indem man Patienten aus psychiatrischen Anstalten reichsweit in speziell eingerichtete Tötungsanstalten transportierte und sie dort mittels Gas, Giftinjektion oder Hungerkost tötete. Die intensive Bearbeitung der ‚Euthanasieverbrechen‘ soll jedoch nicht Gegenstand dieser Arbeit sein, daher wurde dieser Aspekt hier nur kurz angerissen, um zu verdeutlichen zu welchen rassenhygienisch geleiteten Tötungsmaßnahmen die Vorarbeit der Wohlfahrts- und Gesundheitsämter führte.

3.2. Vereinheitlichung am Beispiel Leipzigs

Sowohl der Erste Weltkrieg, als auch die Weltwirtschaftskrise hatten deutliche Auswirkungen auf den Anstieg der Fürsorgeempfänger in der Weimarer Republik. Die finanzielle Lage der Kommunen verschlechterte sich zunehmend, sodass auch dem kommunal verwalteten Gesundheits- und Fürsorgewesen immer weniger Mittel zur Verfügung standen. Auch wurden die konkurrierenden Kompetenzen der staatlichen und kommunalen Ärzte und Fürsorgestellen zu einem weiteren Anlass der Kritik am damaligen Gesundheitswesen. Laut der Weimarer Reichsverfassung war die Organisation des Gesundheitswesens den einzelnen Ländern überlassen, wohingegen die Gesundheitspflege von staatlichen Beamten übernommen wurden.[35] Oftmals entstand dadurch eine zusätzliche finanziell belastende Doppelarbeit und die lokalen Ärzte störten sich an den sich überschneidenden Aufgabenbereichen. So ist es nicht verwunderlich, dass besonders in den Krisenjahren zum Ende der Weimarer Republik die Kritik an dem chaotisch organisierten Gesundheitswesen immer lauter wurde.[36] So wurden beispielsweise die Aufgaben des Leipziger Gesundheitsamtes dem staatlichen Stadtbezirksarzt Dr. August Poetter zugeteilt, wohingegen die Fürsorgetätigkeiten von einzelnen kommunalen Fürsorgeämtern und eigenen Fürsorgeärzten übernommen wurden.[37] Der Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler setzte sich besonders für eine neue einheitliche, aber vor allem effizientere Verwaltung des kommunalen Gesundheitswesens ein. Es galt vor allem Kosten zu sparen, und so wurden durch einen Beschluss des Gesamtrates 1931 alle Bereiche der Gesundheitsfürsorge dem Gesundheitsamt unterstellt, das weiterhin in kommunaler Verwaltung verblieb.[38]

Da Leipzig durch seine Wirtschaftsstruktur vom Weltkrieg besonders betroffen war, mussten bis 1933 rund 58% der Bevölkerung von Wohlfahrts- und Fürsorgeinstitutionen unterstützt werden, was unter Goerdelers Sparpolitik zu einer stärkeren Kontrolle von ‚Asozialen‘ und ‚Minderwertigen‘ führte.[39] Die ökonomische Ausrichtung der Leipziger Gesundheitsverwaltung vor der Machtübernahme Hitlers bildet eine Grundlage für das spätere ‚eugenisch‘ geleitete NS-Gesundheitswesen. Zwar stand eher die Kostenersparnis im Fürsorge- und Gesundheitsbereich in den Endjahren der Weimarer Republik im Vordergrund, dennoch wirkte sich diese begünstigend auf die spätere NS-Propaganda der Rassenhygiene aus. Um die geplante vollständige Erfassung der ‚Erbkranken‘ im Dritten Reich und die damit verbundenen rassenhygienischen Maßnahmen auch reichsweit einheitlich umsetzen zu können, war es nötig, das Gesundheitswesen neu zu ordnen. Zu diesem Zweck trat 1935 das ‚Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens‘[40] in Kraft, welches vorsah, dass künftig alle Gesundheitsämter von einem staatlichen Amtsarzt geleitet werden. Die Dienstordnung des Reichsministeriums des Inneren definierte fortan den erweiterten Aufgabenbereich der Gesundheitsämter. Demnach oblag den Gesundheitsämtern nun die Durchführung der ärztlichen Aufgaben sowohl der Gesundheitspolizei, als auch der ‚Erb- und Rassenpflege‘ einschließlich der Eheberatung.[41] Das Gesundheitsamt sollte die Krankheiten von Menschen beurteilen und über die weitere Behandlung entscheiden, während Krankenhäuser, Pflegeanstalten und Arztpraxen dazu verpflichtet waren die Maßnahmen der Gesundheitsämter durchzuführen.[42]

Da Leipzig bereits vor der gesetzlichen Vereinheitlichung des Gesundheitswesens das kommunale Gesundheitsamt mit staatlichen Aufgaben betraut hatte, entstand eine ‚Synthese‘[43] zwischen der kommunalen und staatlichen Verwaltung. Innerhalb des NS- Gesundheitswesen war Leipzig dadurch in der Lage eine gewisse Autonomie zu wahren und bemühte sich zu diesem Zweck stets schnell die Neuerungen des Gesundheitssektors umzusetzen.[44]

3.3. Aufbau des NS-Gesundheitssektors

Nach dem Inkrafttreten des ‚Gesetzes zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens‘ wurden reichsweit viele neue staatliche Gesundheitsämter errichtet. Allein in Sachsen mussten insbesondere in den ländlichen Regionen 40 neue Gesundheitsämter eingerichtet werden, wohingegen in den Städten bestehende Einrichtungen einfach ausgebaut wurden.[45] Die Umstrukturierung der Gesundheitsämter verlief hier oft reibungsloser, da in den meisten Städten bereits seit der Weimarer Republik kommunale Gesundheitsämter existierten. Hier musste lediglich ein staatlicher Amtsarzt als Leiter eingesetzt werden, während die personellen und organisatorischen Strukturen weitgehend unverändert blieben. Anderenorts mussten komplett neue Einrichtungen geschaffen werden, was oftmals zu personellen und finanziellen Engpässen führte, da nun unter anderem auch mehr erfahrene Amtsärzte benötigt wurden.[46] Durch die Neuordnung des NS-Gesundheitswesens wurden die Gesundheitsämter mit der Umsetzung der nationalsozialistischen Eugenik betraut.[47] Sie bildeten zwar die unterste Instanz des öffentlichen Gesundheitsdienstes, jedoch verwalteten sie auf lokaler Ebene vor allem die Maßnahmen der ‚Erb- und Rassenpflege‘. Somit wurden die Gesundheitsämter zum wichtigsten Baustein des neuen rassenhygienisch ausgerichteten Gesundheitswesens der Nationalsozialisten. Wie im vorangegangenen Punkt kurz erwähnt wurde, bestand das Aufgabenfeld der Gesundheitsämter weiterhin aus der Bekämpfung von Volkskrankheiten und den Fürsorgeleistungen im Bereich der Mütter- und Säuglingspflege. Hinzu kam ab 1934 nun aber der wichtigste neue Tätigkeitsbereich, die ‚Erb- und Rassenpflege‘, auf deren Bedeutung im zweiten Teil der Arbeit noch intensiv eingegangen wird. Laut dem ‚Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens‘ waren die Gesundheitsämter dazu angewiesen, die Grundsätze der ‚Erbpflege‘ in allen Bereichen der Gesundheitspflege zu beachten.[48]

Damit sichergestellt werden konnte, dass die Maßnahmen der ‚Erbpflege‘ auch gesetzestreu umgesetzt wurden, waren die Gesundheitsämter verpflichtet, der übergeordneten Dienststelle Bericht zu erstatten.[49] Die Reichsstatthalterei, beziehungsweise die jeweilige Landesregierung mit der Abteilung III. ‚Volkspflege‘ war die nächst höhere Instanz der lokalen Gesundheitsämter.

An der Spitze des öffentlichen Gesundheitswesens stand die Abteilung IV. ‚Volksgesundheit‘ des Reichsministerium des Inneren[50], deren Leiter Dr. Wilhelm Frick die Abteilung bereits in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft zu einer Zentrale staatlicher ‚Erbgesundheits- und Rassenpolitik‘ ausbaute.[51] Da im Deutschen Reich unterschiedlich ausgebildete Formen der Gesundheitsverwaltung existierten, dauerte die Umstrukturierung des Gesundheitswesens mehrere Jahre. Wo bereits seit der Weimarer Republik kommunal verwaltete Gesundheitsämter bestanden, waren diese bemüht trotz Verstaatlichung ihre Verwaltungsstrukturen weiterhin beibehalten zu können, um sich einen gewissen Grad an Autonomie zu bewahren. Auch in Leipzig war dies der Fall. Inwieweit das Leipziger Gesundheitsamt sogar einen Sonderfall im Neuerungsprozess des NS-Gesundheitswesens darstellt, soll im folgenden Teil der Arbeit erläutert werden.

4. Die Stellung der NS-Gesundheitsämter in Sachsen

Eine der Hauptteile dieser Arbeit soll es sein, die Stellung der sächsischen Gesundheitsämter zu untersuchen. Dies soll im bescheidenen Umfang zur Klärung der Frage beitragen, inwieweit die sächsischen Gesundheitsämter als lokale Verwalter des NS-Gesundheitswesens, vor allem in Bezug auf die rassenhygienischen Maßnahmen auftraten. Besonders interessant ist hierbei die Untersuchung der Verbindungspunkte der Gesundheitsämter mit anderen lokalen Fürsorgeinstitutionen, woran sich die Kompetenzerweiterung, vor allem aber die Bedeutungsaufwertung der NS-Gesundheitsämter erkennen lässt. Während die Gesundheitsämter in der Weimarer Republik eher chaotisch verwalteten Behörden glichen und sich neben anderen Fürsorgeeinrichtungen einreihten, so wurden sie im Dritten Reich zu aktiven Mitgestaltern des neuen Gesundheitswesens. Alle Akten und Anträge der Rassenhygiene liefen nun in den Gesundheitsämtern zusammen und machten sie zu den wichtigsten örtlichen Verwaltern insbesondere der ‚NS-Erbpflege‘.

4.1. Die Entwicklung des Leipziger Gesundheitsamtes

Bereits 1904 wurde in Leipzig ein kommunal verwaltetes Gesundheitsamt errichtet, welches anfangs noch eine beratende Funktion im Bereich der Tuberkulose- und Cholerabekämpfung einnahm, später dann jedoch durch Beschluss der Stadtverwaltung zum Verwalter der kommunalen Gesundheitspflege wurde. Auch wenn die Übertragung der fürsorgerischen Aufgaben auf das örtliche Gesundheitsamt 1931[52] eher durch die Einsparungen im Gesundheitssektor begründet war, so schuf dies bereits vor der Machtübernahme Hitlers eine Organisationsstruktur, welche die Umsetzung der späteren eugenischen Aufgaben erleichterte, da diese vom Gesundheitsamt verwaltet wurden. Bevor das Leipziger Gesundheitsamt die örtliche Gesundheitspflege wie beispielsweise die Aufgaben der Mütter-, Säuglings- und Schulfürsorge in den 1930 er Jahren übernahm, lag diese Arbeit noch im Tätigkeitsbereich des örtlichen Wohlfahrtsamtes.[53]

Im Oktober 1933 wurde in Leipzig die Bezirksfamilienfürsorge eingeführt, welche auch im Zuständigkeitsbereich des städtischen Gesundheitsamtes lag[54], wohingegen in anderen Städten des Reiches die Familienfürsorge entweder dem Wohlfahrts- oder Jugendamt unterstand. So unterlag die Verwaltung der Familienfürsorge in Leipzig nur noch einer Behörde, was die einheitliche Umsetzung der Maßnahmen im Rahmen der ‚Erbpflege‘ erleichterte. Die Aufgaben des Stadtbezirksarztes gingen 1933 in den Tätigkeitsbereich des städtischen Gesundheitsamtes[55] über und somit existierte in Leipzig bereits vor der gesetzlichen Vereinheitlichung des Gesundheitswesens, welches einen staatlichen Amtsarzt als Leiter des Gesundheitsamtes vorsah, eine Zusammenarbeit von staatlicher und kommunaler Verwaltung.

Nach den Gesetzesentwürfen zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens sah das Leipziger Gesundheitsamt die neue Selbstverwaltung gefährdet. Hatte doch über die Jahre die kommunale Verwaltung gut funktioniert, zudem gewann das Leipziger Gesundheitsamt nach der Kompetenzerweiterung 1931 mehr und mehr an Bedeutung als Verwalter des örtlichen Gesundheitswesens. So erscheint es nicht verwunderlich, dass der Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler, der sich bereits in der Sparpolitik der Stadt einen Namen gemacht hatte, sich nun für die Erhaltung des Verwaltungssystems des Leipziger Gesundheitsamtes einsetzte, indem er in einem Schreiben an das Reichsministerium des Inneren auf die bereits bestehenden vermischten Verwaltungsstrukturen des Gesundheitsamtes hinwies. Da das Leipziger Gesundheitsamt zwar kommunal verwaltet wurde, dennoch auch staatliche Aufgaben übernahm, forderte er eine Überarbeitung des Gesetzentwurfes, wonach die Leitung des Gesundheitsamtes nicht zwangsläufig einem staatlichen Amtsarzt zuzuweisen sei. Das Reichsministerium des Inneren wollte jedoch eine Aufschiebung des Gesetztes verhindern, sodass die Forderung Goerdelers, auch ein kommunaler Amtsarzt könne ein kommunales Gesundheitsamt leiten, als Ausnahme der Regel in die §§ 4 und 5 des ‚Gesetzes zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens‘ aufgenommen wurde.[56]

[...]


[1] Nitschke, Asmus: Die „Erbpolizei“ im Nationalismus. Zur Alltagsgeschichte der Gesundheitsämter im dritten Reich. Wiesbaden 1999. S. 117 (Im Folgenden: Nitschke: Erbpolizei) Gütt verdeutlicht hier die neue Funktion der Gesundheitsämter im NS-Staat.

[2] Der anthropologische Begriff des hygienischen Rassismus bezeichnet die erblich bedingten Unterschiede der Menschen. Im Dritten Reich wandte sich die Rassenhygiene gegen Menschen mit psychischen und physischen Leiden und wurde später auch auf andere Personengruppen ausgedehnt, um als Legitimationsgrundlage für das gezielte Töten eben jener Menschen zu dienen siehe: Schönfelder, Steffen: Vernichtung unwerten Lebens oder der Umgang mit Behinderten im 3. Reich. (Im Folgenden: Schönfelder: Vernichtung) In: Lahm, Berit (Hrsg.): 505 Kindereuthanasieverbrechen in Leipzig. Leipzig 2008. S. 16.

[3] Der Begriff der Eugenik stammt aus dem Griechischen und bedeutet ‚schönes Geschlecht/Geburt‘. Bereits 1833 prägte der britische Naturforscher Francis Galton den Begriff im Zusammenhang mit der Vererbungslehre. Mit eugenischer ‚Gesinnung‘ ist hier folgendes gemeint: In den Krisenjahren der Weimarer Republik fanden darwinistisch eugenische Gedanken seitens der Ärzte und Politiker immer mehr Anklang im Volk. Siehe: Schönfelder: Vernichtung. S. 16.

[4] Ein weiterer Hauptaspekt war die Schaffung und oder Aufrechterhaltung der ‚arischen Rasse‘. Siehe: Süß, Winfried: Von der Gesundheitspolitik zum Krankenmord. Medizin im Zeichen der Rassenhygiene. In: Vollnhals, Clemens (Hrsg.): Sachsen in der NS-Zeit. Leipzig 2002. S. 156 (Im Folgenden: Süß: Sachsen). Aber auch: Kampmeyer, Margret (Red.): Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus. Göttingen 2009. S. 6.(Im Folgenden: Kampmeyer: Rassenwahn).

[5] Süß: Sachsen. S. 156.

[6] Ebd.

[7] Die ‚erbbiologische‘ Bestandsaufnahme erfolgte durch den Amtsarzt des jeweiligen Gesundheitsamtes und diente als Informationsbasis für die Anlegung von ‚Erbkarteien‘. Ziel war es die Bevölkerung ‚erbbiologisch‘ zu erfassen und ihren ‚Erbwert‘ (angeborene Leiden, oder gesund) zu bestimmen. Siehe: Rothmaler, Christiane: Zwangssterilisation nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses am Beispiel Hamburgs. In: Bleker, Johanna / Jachertz, Norbert (Hrsg.): Medizin im ‚Dritten Reich‘. Köln 1993. S.137.

[8] Nitschke: Erbpolizei. S. 119.

[9] Wölffling, Siegfried: Wissenschaft und Medizin im Dienst der Verfolgung und Vernichtung der Zigeuner unter dem Nationalsozialismus. In: Brentjes, Burchard (Hrsg.): Wissenschaft unter dem NS-Regime. Berlin/ Paris/ Wien 1992. S. 112 f. Rassenhygienische Untersuchungen von Zigeunern, Ausländern, aber auch deutschen Erbkranken. Andersartigkeit durch Rasse oder Krankheit sollte bekämpft werden.

[10] Labisch, Alfons/ Tennstedt, Florian: 50 Jahre ‚Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens‘. (Im Folgenden: Labisch/Tennstedt: 50 Jahre) In: Soziale Sicherheit. Die sozialpolitische Monatszeitschrift der Gewerkschaften. 33. Jahrgang. Köln 1984.

[11] Vossen, Johannes: Gesundheitsämter im Nationalsozialismus. Rassenhygiene und offene Gesundheitsfürsorge in Westfalen 1900-1950. Essen 2001. (Im Folgenden: Vossen: Gesundheitsämter). Hier besonders S. 23. Vossen sieht darin eine Blockade einer kritischen Auseinandersetzung.

[12] Kampmeyer: Rassenwahn. Göttingen 2009.

[13] Süß: Sachsen. Leipzig 2002.

[14] Paulus, Julia: Die Geschichte des Gesundheitswesens als strukturelle Voraussetzung für die Umsetzung des Euthanasieprogramms. Das Beispiel des Gesundheitsamtes der Stadt Leipzig. (Im Folgenden: Paulus: Gesundheitswesen) In: Lahm, Berit (Hrsg.): 505 Kindereuthanasieverbrechen in Leipzig. Leipzig 2008. S. 53-89.

[15] Vossen: Gesundheitsämter. Essen 2001.

[16] Nitschke: Erbpolizei. Wiesbaden 1999.

[17] Paulus, Julia: Die kommunale Wohlfahrtspolitik in Leipzig 1930 bis 1945. Autoritäres Krisenmanagement zwischen Selbstbehauptung und Vereinnahmung. Köln/Weimar/Wien 1998. (Im Folgenden: Paulus: Wohlfahrt).

[18] Roick, Christiane: Heilen, Verwahren, Vernichten. Die Geschichte der sächsischen Landesanstalt Leipzig-Dösen im Dritten Reich. Leipzig 1997.

[19] Paulus: Wohlfahrt. S. 141.

[20] Paulus: Wohlfahrt. S. 134-135.

[21] Ebd. Hier lassen sich bereits erste Organisationsstrukturen erkennen, die später von den Nationalsozialisten weiter ausgebaut und verschärft wurden. Auch arbeitete das Gesundheitsamt bereits in der Weimarer Republik mit der Ortspolizei zusammen, ähnlich wie bei den Nationalsozialisten fungierte die Polizei als eine Art Hilfsbehörde des Gesundheitsamtes. So verhaftete sie zum Beispiel Personen, die wissentlich andere mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt haben. Vergleich dazu: S. 137.

[22] Es gab Debatten über eugenische Unfruchtbarmachung um Kosten im Fürsorgebereich zu sparen. Vergleich hierzu siehe: Doetz, Susanne: Das Gesetz zu Verhütung erbkranken Nachwuchses und seine praktische Anwendung. In: Kampmeyer: Rassenwahn. S. 34.

[23] Kampmeyer: Rassenwahn. S. 6.

[24] Schmuhl, Hans-Walter: Das ‚Dritte Reich‘ als biopolitische Entwicklungsdiktatur. Zur inneren Logik der nationalsozialistischen Genozidpolitik. (Im Folgenden: Schmuhl: Genozid) In: Kampmeyer: Rassnwahn. S. 8.

[25] StAL Amtshauptmannschaft Grimma Nr.1554.

[26] Paulus: Wohlfahrt. S. 140.

[27] Ebd. 141, aber auch Vossen, Gesundheitsämter 450.

[28] StAL Amtshauptmannschaft Grimma Nr. 1554. Im Reichsgesetzblatt werden die ‚Erbkrankheiten‘ benannt, und das zu befolgende Sterilisationsverfahren über Gesundheitsämter und Erbgesundheitsgerichte angeordnet.

[29] Süß: Sachsen. S. 157.

[30] StAL HPA Dösen Nr. 195. Die Meldepflicht sollte zur Behandlung von ‚dauerndem‘ Siechtum dienen.

[31] Pohl, Dieter: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933-1945. 3. Auflage. Darmstadt 2011. S. 31. (Im Folgenden: Pohl: Massenmord) Aber auch: Schönfelder: Vernichtung. S.16. ‚Euthanasie‘ ist ein griechischer Begriff und bedeutet ‚schöner Tod‘. Dieser Begriff steht für das reichsweite Tötungsprogramm an ‚Erbkranken‘ im Dritten Reich, dem mehr als 200.000 Menschen zum Opfer fielen.

[32] Diese Tarngesellschaften wurden extra zu diesem Zweck ins Leben gerufen. Ein Gutachterausschuss beurteilte die Patienten aus Anstalten nach dem Grad der ‚Erbkrankheit‘, Standesämter stellten gefälschte Todesurkunden aus, Krankentransporte brachten die Patienten von ihren Anstalten in spezielle Tötungsanstalten, um nur einige zu nennen. Siehe dazu: Henkys, Reinhard: Die Nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. Geschichte und Gericht. Berlin 1964. S. 62-65.

[33] Pohl: Massenmord. S.31. Benannt wurde die Aktion nach ihrem Verwaltungssitz in der Berliner Tiergartenstraße 4, einer Zweigstelle der Kanzlei Adolf Hitlers.

[34] Ebd. 35.

[35] Paulus: Wohlfahrt. S. 114-116. So wird beschrieben, dass die Mütter-, Säuglings-, und Schulfürsorge von kommunalen Fürsorgeärzten übernommen wurden und die staatlichen Aufgaben wie Tuberkulosebekämpfung Sache von Stadtbezirksärzten waren.

[36] Ebd. 113.

[37] Ebd. 115.

[38] Ebd. 118- 119. Die Zusammenlegung der Fürsorgebereiche führte zu Schließungen von Heimen und die Ausleitung von günstigeren Heimen freier Wohlfahrtsverbände, um eine Einsparung zu erzielen. Die Heilanstalten erhielten nun auch keine finanziellen Zuschüsse durch die Stadt mehr.

[39] Ebd. 252, 255.

[40] StAL HPA Dösen Nr. 535.

[41] Ebd. Bl. 531. Des Weiteren heißt es im Reichsgesetzblatt vom 3. Juli 1934, dass auch die Schulgesundheitspflege, gesundheitliche Volksbelehrung und die Fürsorge für körperlich und geistig Behinderte im Aufgabenbereiche der Gesundheitsämter lag.

[42] Ebd. Bl. 177-178.

[43] Paulus: Wohlfahrt. S. 256.

[44] Ebd. 256-257.

[45] Süß: Sachsen. S. 159.

[46] Vossen: Gesundheitsämter. S. 224.

[47] Poier, Birgit: ‚Erbbiologisch unerwünscht‘. Die Umsetzung rassenhygienisch motivierter Gesundheits- und Sozialpolitik in der Steiermark 1938-1945 (Im Folgenden: Poier: Erbbiologisch). In: Freidl Wolfgang/ Sauer, Werner (Hrsg.): NS- Wissenschaft als Vernichtungsinstrument. Rassenhygiene, Zwangssterilisation, Menschenversuche und NS-Euthanasie in der Steiermark. Wien 2004. S. 179.

[48] StAL HPA Dösen Nr. 535. Bl. 216.

[49] Ebd. Bl. 217.

[50] Poier: Erbbiologisch. S. 180.

[51] Vossen: Gesundheitsämter. S. 263. Weiter heißt es, dass Frick ein starker Befürworter des Sterilisationsgesetzes von 1934 war. Nicht verwunderlich erscheint unter diesem Aspekt die Ausrichtung der Abteilung.

[52] Süß: Sachsen. S. 159, aber auch Paulus: Wohlfahrt. S. 118. Zudem gibt Paulus an, dass sich der neue Fachdezernent des Leipziger Gesundheitsamtes Dr. med. Hans Beusch, der gleichzeitig der Stadtarzt war, stark für die Neuerungen im sächsischen Gesundheitswesen einsetzte. Bevor also der Stadtrat entschloss die Fürsorgetätigkeiten dem Gesundheitsamt zu übertragen, wurde festgelegt, dass man am besten in den Fürsorgebereichen sparen könnte und Doppelarbeit von Behörden vermeiden müsse.

[53] Paulus: Gesundheitswesen. S. 70. Jede Fürsorgestelle hatte zu dieser Zeit einen speziellen Fürsorgearzt, wohingegen das Gesundheitsamt noch keinen eigenen Arzt hatte.

[54] Paulus: Gesundheitswesen. S 82.

[55] Paulus: Wohlfahrt. S. 122.

[56] Ebd. 128. Durch Goerdelers Modell wurden in fünf Großstädten Sachsens die kommunalen Gesundheitsämter mit kommunalen Leitern anerkannt. Vergleich dazu Seite 129.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Das Gesundheitswesen im Dienste des Nationalsozialismus anhand von sächsischen Beispielen
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Note
1,8
Autor
Jahr
2013
Seiten
41
Katalognummer
V282992
ISBN (eBook)
9783656826880
ISBN (Buch)
9783656829119
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
NS-Gesundheitswesen, Leipzig Dösen, Zwangssterilisation, Euthanasie, Sachsen, Rassenhygiene
Arbeit zitieren
Julia Grünwald (Autor), 2013, Das Gesundheitswesen im Dienste des Nationalsozialismus anhand von sächsischen Beispielen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282992

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