Wie autonom war der État Français? Die Judenpolitik des Vichy-Regimes von 1940-1941


Hausarbeit, 2011
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der État français

3. Antisemitische Maßnahmen des Vichy-Regimes
3.1. Erste Schritte – Juli bis Oktober 1940
3.2. Radikalisierung der „Judenpolitik“ - Oktober 1940 bis Juli 1941

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

„Die Jahre 1940-1944 waren für Frankreich die dunkelsten Jahre der neueren Geschichte, Jahre die auch heute noch in der Erinnerung am meisten schmerzen“[1].

Begonnen hat dieser Zeitraum mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris und der daraus resultierenden Niederlage Frankreichs im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland.

Es kam zur Teilung Frankreich in eine zone occupée und eine zone non occupée. Im unbesetzten Gebiet „residierte […] eine souveräne Regierung“[2].

Im Folgenden widmet sich diese Arbeit dem unbesetzten Teil Frankreichs, in dem sich eine eigenständige Regierung etablieren konnte, wobei das Hauptaugenmerk auf der Frage nach der autonomen „Judenpolitik“ des État français ab dem Sommer 1940 bis 1941 liegt.

Der aktuelle Forschungsstand zum Vichy-Regime ist gut aufgestellt. Als Einführung für das Vichy-Regime eignet sich besonders Marc Olivier Baruch[3] aber auch Henry Rousso[4]. Dieser hat sich ebenfalls mit den gesellschaftlichen Auswirkungen des État français befasst[5]. Da sich diese Arbeit aber mit dem Agieren Vichys in der „Judenpolitik“ beschäftigt, wird besonders auf das Werk von Marrus und Paxton[6] und auf die Arbeiten von Michael Mayer verwiesen[7]. Jener hat bisher „nicht erschlossenes Archivmaterial“[8] gesichtet und ausgewertet, was für die neuste Forschung einen großen Wert besitzt.

Die zentrale Frage dieser Ausarbeitung über die „Judenpolitik“ ist, inwiefern die souveräne französische Regierung in Frankreich dabei autonom vorgegangen ist.

Dabei ist es vonnöten zunächst die Bildung des État français zu betrachten und festzustellen, ob Frankreich schon vor der Niederlage gegen Deutschland eine antisemitische Haltung innehatte. Des Weiteren ist es erforderlich die antijüdische Gesetzgebung des Vichy-Regime ab seiner Gründung zu untersuchen und herauszukristallisieren gegen wen speziell sich die antisemitischen Verordnungen richteten. Ob dabei ausschließlich die ausländischen Juden oder auch französische Staatsbürger der jüdischen Diaspora von den Gesetzen betroffen waren. Bei der Untersuchung der französischen Gesetzgebung soll die Frage nach der Autonomie immer im Vordergrund stehen. In diesem Zusammenhang soll bearbeitet werden, ob von den deutschen Besatzern irgendwelcher Druck auf die französische Regierung in Bezug auf die „Judenpolitik“ ausgeübt wurde.

2. DerÉtat français

„Mit dem tragischen Frühling nach der monatelangen drôle de guerre begannen für Frankreich die schwarzen Jahre“[9]. Damit ist die Niederlage Frankreichs gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg gemeint.

Der Waffenstillstandsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich wurde am 22. Juni 1940 durch den neu eingesetzten Ministerpräsidenten Marschall Philippe Pétain unterzeichnet. Dieser sah unter anderem vor, dass Frankreich in eine besetzte und eine unbesetzte Zone geteilt werden sollte, wobei Deutschland in der besetzten Zone „die Rechte einer Besatzungsmacht ausübt[e; J.B.]“[10]. Mit dem okkupierten Teil sind der Norden Frankreichs und das Küstengebiet am Atlantik gemeint, das heißt etwa „drei Fünftel der gesamten Fläche des Landes“[11]. Der Süden des Landes wurde der französischen Regierung zur Verwaltung überlassen[12]. Dazu gehörten auch die Führung der französischen Kolonien und der Flotte, sowie die Kontrolle über die französische Polizei.

Nach der Besetzung von Paris verließ die französische Regierung die Hauptstadt und konnte dort nicht mehr ihren parlamentarischen Pflichten nachgehen[13] Aus diesem Grund trat die Nationalversammlung im Kurort Vichy zusammen. Dieser befindet sich in der unbesetzten Zone in der Nähe der Demarkationslinie und bot gute Verkehrs- und Telefonverbindungen[14]. Am 10. Juli 1940 erließ die französische Regierung ein Gesetz, in dem Marschall Pétain ermächtigt wurde die neue Verfassung des État français bekannt zu geben[15]. Innerhalb von zwei Tagen veröffentlichte der neue französische Ministerpräsident mehrere Verfassungsartikel, die sogenannten actes constitutionnels [16] , von denen die ersten vier sehr prägnant sind. Der erste Artikel und damit „die erste Amtshandlung Pétains bestand darin, sich selbst zum Chef de lʼÉtat français zu erklären“[17]. In Artikel zwei vereinte er „die Funktionen von Staatspräsident und Ministerpräsident in sich […], [übernahm; J.B.] die legislative Gewalt, [und kontrollierte; J.B.] die juristische Gewalt […]“[18]. Mit dem dritten Artikel verschob er weitere Sitzungen und damit auch Entscheidungen des Parlaments auf unbestimmte Zeit. Im letzten Artikel legte er fest, dass er seinen Nachfolger selbst ernennen kann[19]. Mit diesen Bestimmungen wurde die dritte Republik, die bis dahin bestanden hatte, wegen der Neugründung des État français offiziell abgeschafft. Marschall Pétain bildete ein Regime, das zum Beispiel René Rémond als „persönliche Monarchie“[20] bezeichnet. Das Ansehen Pétains war enorm, die Bevölkerung verehrte den 84-jährigen[21] und hoffte, dass es ihr durch den neuen Staatschef bald besser gehen werde.

Immer noch beeinflusst von dem Schock der Niederlage versuchte der État français Gründe für das französische Versagen im Kampf gegen Deutschland zu finden. Besonders engagiert war dabei der neue französische Staatschef mit seiner Idee der Révolution nationale. Dies bedeutet eine Erneuerung beziehungsweise Rückbesinnung auf die herkömmlichen Werte. Das Triptychon Travail, Famille, Patrie[22] ersetzte den bisher da gewesenen revolutionären Ausspruch Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das Regime war der Ansicht, dass eine solche Niederlage nur geschehen konnte, weil die französischen Wurzeln teilweise durch nicht-französische Ideen verdrängt worden seien. Das Volk der Franzosen solle sich auf die Gemeinschaft zurückbesinnen und den Individualismus verbannen, um gemeinschaftlich wieder zu erstarken[23]. Mit sozialer und nationaler Verbundenheit[24] sollte ein neues, starkes Frankreich entstehen. „Das neue, vom äußeren Krieg befreite Frankreich kann sich im Juni 1940 gegen den inneren Feind wenden. Das Ziel ist nicht bloß das Überleben des Landes, sondern auch seine Läuterung und Reinigung. […] Der Mißkredit, in den Demokratie, Liberalismus, Sozialismus geraten sind, ist in einer langen Tradition verwurzelt […]“[25]. Bei der Idee der nationalen Revolution und der oben erwähnten „Reinigung“ von allen nicht-französischen Elementen vereinen sich mehrere Denktraditionen, die schon vor der Bildung des Vichy-Regimes bestanden haben. Unter anderem die der Action français[26]. Das bedeutet „Feindschaft gegen das parlamentarische System, Hass auf die Demokratie, Antisemitismus, Anti-Freimaurertum, Fremdenfeindlichkeit […] und Ethnozentrismus - ››la France, la France seule‹‹ “[27].

Hier findet sich eine Begründung für die Xenophobie der Franzosen, die sich ab 1940 besonders gegen die Juden richtete. Schon Pétain sagte in einer Rede vom 10. Juli, dass die Schuldigen gefunden werden müssen, die für das französische Debakel im Zweiten Weltkrieg verantwortlich sind[28]. Denn die traditionelle französische Gemeinschaft könnte nie als Verlierer dastehen. Als diese Sündenböcke wurden die Ausländer, allen voran die Juden ausersehen. Um diese „Krankheit der Nation“[29] zu beseitigen, wurden schon kurz nach der Gründung des Vichy-Regimes erste antijüdische Gesetze erlassen.

3. Antisemitische Maßnahmen des Vichy-Regimes

3.1. Erste Schritte – Juli bis Oktober 1940

Antisemitische Tendenzen lassen sich in Frankreich nicht erst mit der Gründung des Vichy-Regimes und deren Suche nach „Sündenböcken“ feststellen. Dazu reicht der Antisemitismus in der gesamten christlichen Welt zu weit zurück[30]. Doch wenn speziell die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts betrachtet werden, können einige Gegebenheiten erkannt werden. Nach der Weltwirtschaftskrise verstärkte sich auch in Frankreich die Arbeitslosigkeit und die Regierung war nicht in der Lage das Land zu stabilisieren. 1936 wurde der Sozialist Léon Blum, der auch der jüdischen Diaspora angehörte, Ministerpräsident[31]. In dieser Zeit suchte das Land für „la crise économique, le chômage, le marasme […]“[32] ebenfalls einen Schuldigen. Schon Ende der 30er Jahre war den französischen Antisemiten das weitere Vorgehen bewusst: „La France se régénérera en chassant les Juifs qui lʼexploitent et désorganisent son essor, ou elle succombera et deviendra une colonie soumise aux volontés de la finance internationale hébraïque et à la puissance des trusts juifs“[33]. Im Jahr 1937 wurde beschlossen, dass die französische Grenze für alle nichtdeutschen jüdischen Einwanderer geschlossen werden sollte. Um mögliche illegale Immigranten aufzuspüren und auszuweisen, kam es in französischen Städten zu Ausweiskontrollen und Razzien[34]. 1939, noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wurden die ersten Internierungslager für staatenlose Einwanderer errichtet[35], denn die Flüchtlingswelle, besonders aus den osteuropäischen Staaten, war enorm angewachsen.

[...]


[1] Loth, W., Frankreichs dunkle Jahre: Besetzung, Kollaboration, Résistance, In: Gruner, W. u.a. (Hrsg.), Über Frankreich nach Europa. Frankreich in Geschichte und Gegenwart, Hamburg 1994, S.419.

[2] Rings, W., Leben mit dem Feind: Anpassung und Widerstand in Hitlers Europa 1939-1945, München 1979, S. 108.

[3] Baruch M., Das Vichy-Regime. Frankreich 1940-1944, Stuttgart 1999.

[4] Rousso, H., Vichy. Frankreich unter deutscher Besatzung 1940-1944, München 2009.

[5] Beispielsweise: Rousso, H., The Vichy-Syndrom. History and Memory in France since 1944, London 1991. oder ders., Frankreich und die ››dunklen Jahre‹‹. Das Regime von Vichy in Geschichte und Gegenwart, Jena 2010.

[6] Marrus, M./Paxton, R., Vichy, France and the Jews, Stanford 1995.

[7] Mayer, Staaten als Täter. Ministerialbürokratie und „Judenpolitik“ in NS-Deutschland und Vichy-Frankreich, München 2010. od. ders., Vichy-Frankreich, deutsche Besatzungsmacht und der Beginn der „Judenpolitik“ im Sommer/Herbst 1940, in: VfZ 58/3 (2010), S. 329-362.

[8] Mayer, Staaten als Täter, S. IX.

[9] Altwegg, J., Vergangenheitsbewältigung: Vichy, Résistance, Kollaboration und koloniales Erbe, In: Kolboom, I. u.a. (Hrsg.), Handbuch Französisch: Sprache, Literatur, Kultur, Gesellschaft – für Studium, Lehre, Praxis, Berlin 2008², S.553.

[10] Rousso, Vichy, S. 21.

[11] Baruch, Das Vichy-Regime, S.66.

[12] Vgl. ebd. S. 66-72 (Karte): Es gab nicht nur die Teilung in zwei Zonen, sondern auch Elsass-Lothringen und die Departments Nord und Pas-de-Calais wurden von der französischen Verwaltung getrennt und an deutsches bzw. belgisches Gebiet angegliedert. Ebenfalls befand sich im besetzten Gebiet die meiste Landwirtschaft und Industrie, deren Ressourcen die Besatzer kontrollierten und billig nach Deutschland exportierten. Der Waffenstillstandsvertrag sah weiterhin die Zahlung von Besatzungskosten an das Deutsche Reich vor, die große Summe von 20 Millionen Reichsmark pro Tag wurde festgesetzt, was zu einer Abwertung des Francs um 20% führte. Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass mit diesem Waffenstillstand Frankreich wirtschaftlich ausgebeutet wurde, was sich v.a. auch auf die Versorgung der Bevölkerung auswirkte.

[13] Vgl. Rousso, Vichy, S. 18.

[14] Vgl. Ebd., S. 25f.

[15] Article de loi unique, ebd. S. 30.

[16] Vgl. Rousso, Vichy, S. 31.

[17] Cobban, A., Frankreich von Ludwig XIV bis de Gaulle, München 1966, S. 677.

[18] Loth, Frankreichs dunkle Jahre, S.425.

[19] Die vier actes constitutionnels: vgl. Rousso, Vichy, S. 31. Als seinen Nachfolger oder Darquin bestimmte er im Juli 1940 Pierre Laval.

[20] Rémond, R., Frankreich im 20. Jahrhundert. Erster Teil 1918-1958, In: Favier, J., Geschichte Frankreich, Stuttgart 1994, Band 6., S.349.

[21] Vgl. Baruch, S. 41f., Hagiographie des Marschalls. Pétain galt als der „Held von Verdun“ der Frankreich aus seinem Tief wieder herausführen sollte. Er genoss eine solch große Popularität, dass u.a. sein Bild die Briefmarken zierte und ein großer Personenkult um ihn entstand. Teilweise wurde er sogar mit der Nationalheldin Jean dʼArc gleichgesetzt. Die Bevölkerung stand damit in Wahrheit nicht hinter dem État français, sondern hinter Marschall Pétain – die Personifizierung des Regimes schlechthin.

[22] Vgl. Altwegg, Vergangenheitsbewältigung: Vichy, Résistance, Kollaboration und koloniales Erbe S. 554.

[23] Vgl. Cobban, Frankreich von Ludwig XIV bis de Gaulle, S.678.

[24] Vgl. Burrin, P., Vichy. Die Anti-Republik, In: Nora P.(Hrsg.), Erinnerungsorte Frankreich, München 2005, S. 144.

[25] Sternhell Z., Ni droite, ni gauche. Lʼidéologie fasciste en France, In: Eggers, C., Unerwünschte Ausländer: Juden aus Deutschland und Mitteleuropa in französischen Internierungslagern 1940-1942, Berlin 2002, S. 80.

[26] Diese ist im Zuge der sogenannten Dreyfuß-Affäre entstanden. Dazu: Nolte, E., Die Action français 1899-1944, in: VfZ 9 (1961), S.124-165, oder ders., Der Faschismus in seiner Epoche: action français,italienischer Faschismus, Nationalsozialismus, München8 1990.

[27] Rousso, Vichy, S. 33.

[28] Vgl. Baruch, Das Vichy-Regime S. 36-38.

[29] So bezeichnete der später Generalkommissar für Judenfragen, Xavier Vallat, das „Judenproblem“, Eggers, Unerwünschte Ausländer, S. 82.

[30] Vgl. Gerson, D., Frankreich, In: Benz, W. (Hrsg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, 5 Bände, Bd.1 Länder und Regionen, München 2008, S. 116-122.

[31] Vgl. Mayer, Staaten als Täter, S. 23.

[32] Ebd.

[33] Petit, H.-R., Le régne des Juifs, Paris 1937, in: Mayer, Staaten als Täter, S. 23f.weiterhin dazu: Fußnoten 34-36 mit mehreren antijüdischen Äußerungen Ende der 30er Jahre in Frankreich, In: Mayer, Vichy-Frankreich, S.339.

[34] Vgl. Mayer, Staaten als Täter, S. 23f.

[35] Vgl. Eggers, C., Die Internierungslager des Vichy-Regimes: Anspruch und Wirklichkeit eines politischen Programmes, In: Otto, G. u.a. (Hrsg.), Das organisierte Chaos. „Ämterdarwinismus“ und „Gesinnungspolitik“. Determinanten nationalsozialistischer Besatzungsherrschaft, Berlin 1999, S. 232.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wie autonom war der État Français? Die Judenpolitik des Vichy-Regimes von 1940-1941
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V283022
ISBN (eBook)
9783656825524
ISBN (Buch)
9783656825517
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vichy-Regime, Judenpolitik, Nationalsozialismus, 2. Weltkrieg, Frankreich
Arbeit zitieren
Julia Bathge (Autor), 2011, Wie autonom war der État Français? Die Judenpolitik des Vichy-Regimes von 1940-1941, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283022

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