Der Umgang mit Schmerz in der Neuzeit


Seminararbeit, 1998
25 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhalt

I. Vorbemerkung

II. Der Schmerz in der heutigen Wissenschaft

III. Die wissenschaftliche Erforschung des Schmerzes in der Neuzeit
Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert
Das neunzehnte Jahrhundert

IV. Der Schmerz in der Gesellschaft
Der Operationsschmerz
Physische Gewalt in der Familie
Schmerz und Schmerzbetäubung im peinlichen Gerichtsverfahren

V. Anhang

Literaturverzeichnis

I. Vorbemerkung

Diese Arbeit soll der Frage auf den Grund gehen, wie der Umgang mit dem Schmerz in der Neuzeit erfolgte. Zuerst müssen einige Begriffe geklärt werden: Was ist mit Schmerz gemeint? Was mit Umgang? Welche genauere Zeitperiode soll behandelt werden?

Unter Schmerz soll in der Folge das verstanden werden, worunter Menschen gelitten haben. Das umfaßt also physischen und seelischen Schmerz. Heute weiß man, daß der eine vom anderen nicht zu trennen ist - im Laufe der Geschichte gab es dazu aber vielfältige Meinungen, die auch ansatzweise behandelt werden sollen.

„Umgang mit Schmerz“ meint im Kontext der Arbeit sowohl individuelles und soziales Umgehen mit dem Leiden als auch die medizinische Therapie. Ich habe mich entschlossen, die Entstehung der Schmerzmittel nicht in einem eigenen Kapitel, sondern als „Annexmaterie“ der Schmerzentwicklung zu behandeln, weil die Frage, ob und wie Schmerz gelindert werden soll, untrennbar mit der Schmerzauffassung der jeweiligen Zeit verknüpft ist.

Über die soziale Komponente des Schmerzes in der Geschichte gibt es wenig Literatur. Ich habe deshalb versucht, Texte, die sich nicht primär mit dem Thema Schmerz beschäftigen, in dieser Hinsicht zu interpretieren. So sind die speziellen Kapitel über Operationsschmerz, familiäre Gewalt und Schmerz im Strafvollzug entstanden. Diese Abschnitte beziehen sich auf bestimmte, abgegrenzte Perioden. Im Überblick der Schmerzentwicklung soll aber die ganze Zeitspanne - vom Beginn des sechzehnten Jahrhundert bis zum Beginn des Zwanzigsten - betrachtet werden.

II. Der Schmerz in der heutigen Wissenschaft

In einem medizinischen Lehrbuch heißt es: „Schmerz ist eine unangenehme Sinnesempfindung, verbunden mit einem unlustbetonten Gefühlserlebnis. Er ist die Reaktion auf die Meldung, daß dem Körper im Inneren oder von außen ein Schaden droht oder bereits trifft ... , wobei die Erkennung der Ursache weniger wichtig ist.[1]

Obwohl dieser Definition die psychische Komponente des Schmerzes fehlt, gilt Schmerz heute allgemein als Krankheit - ob er organisch bedingt, rein seelischer Schmerz oder psychosomatisch ist.

Schmerz wird, sofern er eine Warnfunktion erfüllt, als wertvoll anerkannt. Chronischer Schmerz, der den Patienten unnötig, wie wir heute sagen, quält, soll bekämpft werden.

Im Bereich der physischen Schmerzen kann man nach einem groben Muster folgende unterscheiden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für jeden dieser Schmerzen gibt es eigene Rezeptoren. Moderne Schmerzmittel wirken hauptsächlich durch Synthesehemmung der Schmerzbotenstoffe (z.B. Prostaglandine).

III. Die wissenschaftliche Erforschung des Schmerzes in der Neuzeit

Im Mittelalter war der Schmerz physiologisch nicht erforscht. Die Beschäftigung mit Physiologie und Anatomie war auch nicht frei und fand an Versuchstieren statt, weil der menschliche Körper zu geheiligt war, um einem so profanen Zweck zu dienen. Die Malerei schließlich trieb den Wissensdurst über die menschliche Anatomie voran. Leonardo da Vinci führte auch anatomische Sektionen am Menschen durch.

Der Schmerz wurde im Mittelalter als Strafe Gottes angesehen. Eine Linderung durch den Menschen war daher gar nicht gewollt. Wurde sie versucht, galt das als Widersetzung gegen den göttlichen Willen. Erlösung von den Schmerzen konnte nur durch göttliche Gnade erfolgen. David B. Morris schreibt in seiner „Geschichte des Schmerzes“: „Schmerz gab den Christen also einen Vorgeschmack dessen, was es - theologisch gesprochen - bedeutete, verdammt zu sein. Er konkretisierte den Glauben.[2]

Außerdem: wozu braucht man Ärzte, wenn der Glaube Berge versetzen kann?

Betäubung und Hypnose wurden von der Kirche schon allein deshalb abgelehnt, weil alles, was mit Willensentzug und Suggestion zu tun hatte, mit dem Teufel in Verbindung stehen und Hexerei sein mußte. Vor allem der Geburtsschmerz der Frau wurde verklärt, weil Gott zu Eva gesagt hatte: „Ich will Dir viele Schmerzen schaffen, wenn Du schwanger wirst. Du sollst mit Schmerzen gebären...[3] “ Das deutsche Wort Pein sowie das englische pain leiten sich vom lateinischen poena, „Buße, Strafe“, ab[4].

Zwei Auffassungen können als Voraussetzungen dieser Einstellung gesehen werden: daß Körper und Seele untrennbar miteinander verbunden seien und daß die menschliche Natur unvollkommen und schadhaft sei.

Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert

Einerseits kann man davon ausgehen, daß die Reformation den Strafcharakter des Schmerzes etwas zurückgedrängt hat. Andererseits reichte diese Sichtweise aber weit in die Neuzeit herein.

Petrus Severinus schrieb 1616: „Die erste Beschaffenheit der Dinge war rein, unversehrt, vollkommen, ohne Verderbnis und Tod. Aber nach dem Sündenfall des Protoplasten sind zu jenen ersten Samen durch den göttlichen Fluch neue Tinkturen hinzugekommen, durch deren Vermischung die schöne Unversehrtheit der ganzen Kreatur in verderblicher Art transplantiert worden ist. Die ersten Samen sind zwar erhalten geblieben, aber verhüllt worden mit neuen, übelbringenden Kleidern. Dies ist die Anatomie der Krankheiten und des Todes, mit deren Auslegung sich die Ärzte beschäftigen müssen.[5]

Vor allem Ärzte, die versuchten, den Frauen die Qualen einer Geburt zu erleichtern, taten das heimlich. Im 17. Jahrhundert wurden in Frankreich Narkosekräuter überhaupt verboten, nicht zuletzt aus diesen Grund[6]. Aus dieser Notlage heraus griff man bei Operationen auf Betäubung durch Druck auf die Halsschlagader, um Bewußtlosigkeit herbeizuführen. War die Blutzufuhr zum Gehirn aber zu lange unterbrochen, konnte das Lähmungen oder den Tod nach sich ziehen. Man versuchte, Schmerz durch Unterkühlung des schmerzbefallenen Gliedes zu lindern. Weitverbreitet war auch der Druck auf Nerven.

Trotz der Abneigung gegen medizinische Schmerzlinderung dürfte die Verwendung von Narkosemitteln aber bereits im Mittelalter so gebräuchlich gewesen sein, daß diese Praxis schriftlich erwähnt wurde. Opium, Alraune, Alkohol, Schierling und Bilsenkraut waren aber nicht immer leicht dosierbar. Bei manchen Patienten wirkten sie gar nicht, bei anderen führten sie zu Ohnmacht und Tod.

Der italienische Philosoph, Mathematiker und Arzt Girolamo Cardano (= Hieronymus Cardanus, 1501 - 1576) beschrieb den Schmerz so: er ließe Eingeweide zerspringen, wenn der Mensch nicht Tränen und Seufzer hätte, deren Verdrängung für Menschen mit zarter Konstitution (vor allem Frauen) tödlich sei und die den Männern die Haare ergrauen ließe. Man solle, wenn man vom Schmerz geplagt sei, keine Nahrung zu sich nehmen und Trost in der Philosophie suchen[7].

Einer der wichtigsten Erscheinungen auf dem Gebiet der Philosophie und Medizin war René Descartes (= Renatus Cartesius, 1596-1650), der mit seinen mechanistischen Vorstellungen des Schmerzes eine Umwertung hervorrief.

Er nahm an, daß Materieteilchen der Schmerzquelle auf die Haut treffen, dort einen Hautfleck in Bewegung versetzen, der den Schmerz wie eine Klingelschnur ins Gehirn weiterleitet, wo etwas wie eine Glocke dem Menschen die Schmerzempfindung anzeigt. Oder anders gesagt: der Schmerz läßt die Nervenfäden reißen, und dadurch kommt es zu einer hirnwärts gerichteten Bewegung der „Lebensgeister“ (spiritus vitalis), deren Folge eine rein mechanische Reflexbewegung ist.

Deshalb, meinte Descartes, ist der Schmerz gut- weil er nützlich ist. Er befreite ihn damit von seinem theologischen Strafcharakter und machte ihn zu einem Diener des menschlichen Körpers.

Bei Descartes gehörte der Schmerz in die Welt der seelischen Affekte, die er allesamt gut nannte. Er trennte damit das bewußtseinserkennende Subjekt, die Seele, vom Körper, dem Gegenstand (erkanntes Subjekt). Er vermutete also schon damals - und die Existenz von Phantomschmerzen schien ihm rechtzugegen - daß der Schmerz nicht im Körper lokalisiert sei, sondern in Geist und Seele. Tiere können keine Schmerzen spüren, weil sie per definitionem keine Seele und keinen Verstand hätten.

Von Bedeutung ist, daß Descartes den Schmerz als Sinneswahrnehmung definierte. In der älteren Lehre hatte nämlich die Sichtweise von Schmerz als krankhaftes Gefühl, als Störung der Proportion und der Körpersäfte, überwogen[8].

Baruch Spinoza (= Benedictus de, 1632-1677), der von Descartes Denken beeinflußt wurde, subsumierte die Empfindungen unter zwei Begriffe: 1. Lust (laetitia), die den Geist zu größerer Vollkommenheit bringe, und Unlust (tristitia), die das Gegenteil bewirke. Dem Körper aber bringe die Lust Wollust und Heiterkeit (titillatio vel hilaritas), die Unlust bringe ihm Schmerz oder Melancholie (dolor, melancholia). Der Dualismus von Körper und Seele (Geist), der bei Descartes erstmals auftaucht, wird von Spinoza beibehalten.

Gottfried Willhelm Leibnitz (1646-1716) trennte die psychischen Übel klar von den körperlichen Übeln ab und meinte, der Schmerz sei kein Ausdruck der unvollkommenen menschlichen Natur, sondern notwendig und ein Zeichen einer vollkommenen Naturordnung[9].

Die Darstellung einer harmonischen Naturordnung diente meist dem Gottesbeweis. Sie bildete aber auch eine Grundlage für die empirische Naturforschung, die im 18. Jahrhundert auch am Gebiet der Medizin einsetzte.

1628 gelang dem Engländer William Harvey die nahezu vollständige Entdeckung des Blutkreislaufs. Das warf die Frage auf, ob es nicht möglich sei, Schmerzmittel direkt ins Blut zu bringen, damit es auf diesem Wege in alle Körperteile gelange.

Der Schmerz in seiner Funktion als „Wächter und Hüter des Lebens“ war nun allgemein akzeptiert.

Immanuel Kant (1724-1804) bezeichnete den Schmerz, der unser Leben beschränke, als „Stachel der Tätigkeit“, und ohne ihn wären wir leblos, denn die Tätigkeit mache uns lebendig[10]. Es ist allerdings anzunehmen, daß Kant nicht von einem rein physischen Schmerz spricht.

[...]


[1] Silbernagel, Stefan u. Despopoulos, Agamemnon, Taschenatlas der Physiologie. Stuttgart u. New York: Georg Thieme Verlag, 4. überarb. Auflage, 1991. S. 276.

[2] Morris, David B, Geschichte des Schmerzes. Frankfurt am Main u. Leipzig: Insel Verlag, 1994. S. 76.

[3] Genesis, 3,16

[4] vgl. Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin u. New York: Walter de Gruyter, 23. erw. Auflage 1995. s.v. Pein

[5] Petrus Severinus (= Peder Soerensen 1542-1602 ), Idea Medicinae Philosophiae, fundamenta continens totius doctrinae Paracelsae, Hippocraticae et Galenicae. Basel: 1571. Zitiert nach Richard Toellner, „Die Umbewertung des Schmerzes im 17.Jahrhundert in ihren Voraussetzungen und Folgen“. In: Medizinhistorisches Journal 6 (1971), S.36-44. Vgl. S.39.

[6] Seeman, Bernard, Über den Schmerz. Geschichte der Schmerzbekämpfung. Heidelberg: Sauer-Verlag, 1965. S. 97.

[7] Kuhlen, Franz-Josef, Zur Geschichte der Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmittel in Mittelalter und früher Neuzeit. Stuttgart: Deutscher Apotheker Verlag, 1983 (= Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Hg. von Rudolf Schmitz, Bd 19). S. 118.

[8] Rothschuh, K.E., Geschichtliches zur Physiologie des Schmerzes. Basel: Documenta Geigy, 1965. S.3-7.

[9] vgl. Toellner,

[10] vgl. Kuhlen,

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Umgang mit Schmerz in der Neuzeit
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Seminar Neuere Geschichte: Entwicklung und Probleme der medizinischen Versorgung
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1998
Seiten
25
Katalognummer
V2833
ISBN (eBook)
9783638117111
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Umgang, Schmerz, Neuzeit, Seminar, Neuere, Geschichte, Entwicklung, Probleme, Versorgung
Arbeit zitieren
Barbara Prainsack (Autor), 1998, Der Umgang mit Schmerz in der Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2833

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