Die Rolle des Boten im Minnesang


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996

22 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorausblick

II. Die Rolle desBoten im deutschen Minnesang
1) Textbeispiele, in denen ein Bote selbst spricht:
a) Dietmar von Aist
b) Walther von der Vogelweide
c) Reinmar von Hagenau
d) Hartmann von Aue
e) Meinloh von Sevelingen
2) Textbeispiele, in denen einer der Liebenden einem Boten Aufträge, Grüße, Wünsche an den anderen aufträgt.
a) Der von Kürenberc
b) Dietmar von Aist
c) Heinrich von Rugge
d) Reinmar von Hagenau

III. Zusammenfassung

IV. Verzeichnis der verwendeten Literatur
Primärliteratur
Sekundärliteratur:
Aufsätze:

I. Vorausblick

Der Bote hat in der Geschichte des deutschen Minnesangs eine bedeutende Rolle eingenommen. Wir werden sehen, welche Arten von Botenliedern es gibt und welche Rolle der Bote in einzelnen ausgewählten Liedern hat. Die Arbeit beruht nicht auf Vollständigkeit, sondern sie soll einen kurzen Einblick in die Lyrik des Minnesangs vom Kürenberger bis zu Walther von der Vogelweide liefern, immer mit dem Hauptaugenmerk auf der Rolle des Boten. Inwiefern Mann und Frau im Lied eine Rolle spielen, deren Wechsel und die Einbeziehung des Boten werde ich versuchen zu erläutern. Ich bin bei den Untersuchungen immer von Textbeispielen ausgegangen, da in diesem Fall die Primärtexte meiner Meinung nach nicht weglassbar sind.

II. Die Rolle desBoten im deutschen Minnesang

Eine Sonderform des Werbeliedes, in der als dritte fiktive Gestalt ein Bote zur Vermittlung von Liebesgrüßen, Werbungen, Minneermahnungen eingesetzt wird, ist das Botenlied. Es kommt im deutschen Minnesang schon sehr früh vor und kann verschiedene Funktionen haben. Generell unterscheidet Schweikle zwei Arten von Botenliedern:

-Lieder, in denen ein Bote selbst spricht
-Lieder, in denen einer der Liebenden einem Boten Aufträge, Grüße, Wünsche an den anderen aufträgt.[1]

Bezüglich dieser beiden Gruppen ist es nun vielleicht angebracht, einzelne Beispiele anzuführen, die die Rolle des Boten in diesen Liedern weiter verdeutlichen.

1) Textbeispiele, in denen ein Bote selbst spricht:

a) Dietmar von Aist

Folgendes Lied des Dietmar von Aist wurde von Carl von Kraus zwar als unecht bezeichnet, jedoch ist dies für unsere Untersuchungen irrelevant. Zu beachten ist aber der sog. „Wechsel“, eine Kompositionsform, und die Erweiterung von zwei auf drei Strophen des Liedes, wobei hier sogar eine eigene Botenstrophe eingeführt wurde:

MF 37,30

Sich hât verwándelt diu zît, daz verstên ich bî der vogel singen:

geswigen sint die nahtegal, si hânt gelân ir süezez klingen.

unde valwet oben der walt.

ienoch stêt daz herze mîn in ir gewalt,

der ich den sumer gedienet hân.

diu ist mîn vröide und al mîn liep, ich wil irs niemer abe gegân.

‘Ich muoz von rehten schulden hôch tragen daz herze

und alle die sinne,

sît mich der aller beste man verholn in sîme herzen minne.

er tuot mir grôzer sorgen rât.

wie selten mich diu sicherheit gerûwen hat.

ich wil im iemer staete sîn.

er kan wol grôzer arbeit gelônen nach dem willen mîn.’

Ich bin ein bote her gesant, vrouwe, ûf mange dîne güete.

ein ritter, der dich hât erwelt ûz al der werlte in sîn gemüete,

er hiez dir klagen sîn ungemach,

daz er ein senendez herze treit, sît er dich sach.

im tuot sîn langez beiten wê,

nu reden wirz an ein ende enzît, ê im sîn vröide gar zergê.[2]

Der Wechsel:

Bevor ich näher auf das Botenlied eingehe, möchte ich kurz den „Wechsel“ ansprechen, der immer wieder in Bezug auf den Minnesang genannt wird, und der, meiner Meinung nach, grundlegend für dessen Verstehen ist.

Ich halte mich dabei an die Formulierungen Rolf Grimmingers, der Wechsel als Monologe zwischen Mann und Frau definiert, die durch den Bezug zwischen beiden bestimmt und verändert werden können. Dabei ist die Grenze der Monologe jeweils durch den Beginn einer neuen Strophe gekennzeichnet. Daraus folgt, daß es mindestens zwei Strophen, also zwei eigenständige Teile geben muß, die eine Beziehung untereinander erkennen lassen und ebenso die Sprechenden identifizieren.[3]

Es gibt zwei Formen des Monologs:

1.ein statischer Typ (isolierte Monologe mit gleicher Thematik)
2.ein dynamischer Typ (abgestufte Monologe mit Entwicklung)[4]

Angermann stellt diesen beiden Typen noch eine dritte Variante gegenüber, die für Grimminger als zusätzliche Kategorie jedoch nicht zu werten ist. Angermann sieht das Botenlied nämlich als eine Kombination des dynamischenTyps mit dem Botenmotiv, welches in der Forschung des 19. Jhds. auf folgende Theorie aufgebaut wurde:[5]

Ritter oder Dame geben dem Boten eine mündliche oder schriftliche Nachricht an den Partner, weshalb dieser, trotz seiner Isolation im Monolog, informiert ist und nun seinerseits Stellung nehmen kann; ein Versuch, die irreale Sprechsituation des Wechsels als Nachahmung einer besonderen Wirklichkeit erklärbar zu machen.[6]

Um nun den Bezug zum Lied herzustellen, kann man sagen, daß die drei Strophen einen Wechsel darstellen, in dem das Motiv des Boten in der dritten Strophe eingeführt wird. Das Botenlied hebt jedoch das Wesen des Wechsels auf, indem es einen neuen Mitspieler, nämlich den Boten, einführt. Dieser steht jedoch außerhalb und stellt eine unmittelbare Beziehung der Liebenden her. Um die Dreistrophigkeit zu erreichen, erweitert Dietmar also den Wechsel.[7]

Der Bote hat in diesem Lied die Aufgabe, der Dame von dem Mann zu berichten, der, seit er sie gesehen hat, sie als seine Frau erwählt hat und seither in ungemach ist, also voller Verdruß ist. Der Bote soll nun mit der Dame reden und ihr erklären, daß der Ritter ein sendez herze trägt und nicht mehr lange warten kann, weil es ihm so wê tuot. Der Bote wird sehr selbstbewußt dargestellt, was in der letzten Zeile deutlich zu erkennen ist, denn die Dame soll in Bälde alles mit ihm besprechen, dem Boten des Ritters.[8]

Alles in allem kann man sagen, daß der Bote eine recht bedeutende Rolle hat.

b) Walther von der Vogelweide

Ein anderes Lied, in dem der Bote selbst spricht, und sogar drei Botenstrophen bloß einer Frauenstrophe gegenüber stehen, ist das Lied 112,35 von Walther von der Vogelweide

Vrouwe, vernemet dur got [von] mir diz maere:

ich bin ein bote und sol iu sagen,

Ir sült wenden einem ritter swaere, der si lange hât getragen.

Daz sol ich iu künden sô:

ob ir in welt fröiden rîchen,

sicherlîchen

des wirt manic herze frô.

Vrouwe, enlât iuch des sô niht verdriezen,

ir engebt im hôhen muot.

Des mugt ir und alle wol geniezen,

den ouch fröide sanfte tuot.

dâ von wirt sîn sin bereit,

ob ir in ze fröiden bringet,

daz er singet

iuwer êre und werdekeit.

Vrouwe, sendet im ein hôhgemüete,

sît an iu sîn fröide stât.

Er mac wol geniezen iuwer güete,

sît diu tugent und êre hât.

Vrouwe, gebt im hôhen muot.

welt ir, sîn trûren ist verkêret,

daz in lêret

daz er daz beste gerne tuot.

[...]


[1] Günther Schweikle: Minnesang. Stuttgart; Weimar: Metzler 1995. S.134.

[2] Des Minnesangs Frühling. Unter Benutzung der Ausgaben von Karl Lachmann und Moritz Haupt, Friedrich Vogt und Carl von Kraus; bearbeitet von Hugo Moser und Helmut Tervooren. Stuttgart: Hirzel 1982. S.64.

[3] Vgl. Rolf Grimminger: Poetik des frühen Minnesangs. München 1969. S.11.

[4] Grimminger S.13.

[5] Vgl. Angermann: Der Wechsel in der mittelhochdeutschen Lyrik. Marburg 1910. Zitiert nach: Grimminger. S.13.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Helmut de Boor: Die höfische Literatur. Vorbereitung, Blüte, Ausklang (1170.1250). München ³1957 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart von Helmut de Boor und Richard Newald, Bd.2). S.233.

[8] Franz Viktor Spechtler: Die Stilisierung der Distanz. Zur Rolle des Boten im Minnesang bis Walther und bei Ulrich von Liechtenstein. In: Peripherie und Zentrum. Studien zur österreichischen Literatur. Fs. Adalbert Schmidt. Hrsg. v. Gerlinde Weiß und Klaus Zelewitz. Salzburg, Stuttgart, Zürich 1971. S. 292.

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Details

Titel
Die Rolle des Boten im Minnesang
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Minnesangs Frühling
Note
1
Autor
Jahr
1996
Seiten
22
Katalognummer
V28369
ISBN (eBook)
9783638301688
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Bote hat in der Geschichte des deutschen Minnesangs eine bedeutende Rolle eingenommen. Die Arbeit zeigt auf, welche Arten von Botenliedern es gibt und welche Rolle der Bote in einzelnen ausgewählten Liedern hat. Gegeben wird ein kurzer Einblick in die Lyrik des Minnesangs vom Kürenberger bis zu Walther von der Vogelweide. Inwiefern Mann und Frau im Lied eine Rolle spielen, deren Wechsel und die Einbeziehung des Boten wure zu erläutern versucht.
Schlagworte
Rolle, Boten, Minnesang, Minnesangs, Frühling
Arbeit zitieren
Verena Huber (Autor), 1996, Die Rolle des Boten im Minnesang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28369

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