Das Verhältnis von Natur, Naivität und Genie. Über Schillers "Naive und sentimentalische Dichtkunst"


Hausarbeit, 2011

18 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geistesgeschichtlicher Kontext

3. Naive Dichtkunst
3.1 Das Verhältnis der Natur zum Dichter
3.2 Naive Dichter und ihre Dichtung

4. Sentimentalische Dichtkunst
4.1 Der sentimentalische Dichter: Allgemeines und Differenzierung
4. 2 Die „satyrische“ Dichtung
4.3 Die elegische Dichtung
4.4 Die idyllische Dichtung

5. Naive Dichtung im Vergleich zu sentimentalischer Dichtung

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Friedrich Schiller war trotz seines viel zu kurzen Lebens ein sehr umtriebiger Schriftsteller. Als deutschsprachiger Dichter, Philosoph und Historiker, war er bekannt für seine Schauspiele und seine Gedichte, wie z. B. Wilhelm Tell respektive Das Lied von der Glocke, und gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dramatiker der Weimarer Klassik. Dass er zu seinen Lebzeiten auch sehr erfolgreiche prosaische Werke schrieb, wie z. B. Der Geisterseher, ist bedauerlicherweise heute kaum bekannt. Genauso sind seine philosophischen Werke und historischen Schriften in Vergessenheit geraten. Hier haben wir die Möglichkeit, einen Einblick in seine Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“ zu gewinnen.

Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“ erschien erstmals 1795 und 1796 in der Zeitschrift „Die Horen“ in drei Folgen und dann als Buch im Jahre 1800. Sie bildet den Abschluss einer philosophischen Trilogie, die mit der Abhandlung „Über Armut und Würde“ begann und dann mit dem Werk „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ fortgesetzt wurde.

Über diesen nun in der vorliegenden Arbeit behandelten letzten Essay der Trilogie ist schon viel geistreiche Tinte in der Zeit seit seiner Entstehung 1795 verspritzt worden. „Geistvoll wie nichts in der Welt“ sei Thomas Mann zufolge dieser „klassische und umfassende Essay des Deutschen, welcher eigentlich alle übrigen in sich enthält und überflüssig macht“.1 Der Schiller-Experte Helmut Koopmann bezeichnet die Abhandlung u.a. als „eine Ortbestimmung der Moderne“2, als „eine kulturphilosophische Schrift großen Ausmaßes“3, ebenso „Kulturkritik im weitesten Sinne“ und „eines der wichtigsten klassischen Manifeste“4 zugleich. Diese vielfältigen Betrachtungen weisen offensichtlich darauf hin, wie Schiller genauso wie viele seiner Zeitgenossen auf der Suche nach einer neuen Ganzheitlichkeit des Menschen auch viele Wissensdisziplinen, z.B. Historie, Dichtung und Philosophie eben dazu bemühen musste. Schiller gehört zu jenen, die der Dichtung eher einen moralisch-menschlichen Auftrag zugestehen. Ihm zufolge sollte die Poesie z.B. eine zentrale Rolle auf dem Weg der Menschheit zu ihrer Vollendung spielen.

Ziel der vorliegenden Untersuchung ist die Behandlung dieser Schillers Abhandlung anhand verschiedener wichtiger, mehr oder weniger zentraler und wegweisender Begriffe in logischer Abfolge. Dabei sollen nicht nur die Begriffe selbst dargelegt werden, sondern auch ein Blick auf die Argumentation Schillers geworfen werden. Bevor aber im Detail die Schillerschen Begriffe und ihr System in Augenschein genommen werden, wird im 1. Kapitel ein Überblick über den geistesgeschichtlichen Kontext der Entstehung des Werks „Über naive und sentimentalische Dichtung“ unterbreitet. Im zweiten Kapitel wird das Feld erweitert um die Studie der naiven Dichtkunst, einerseits um das Verhältnis der Natur zum Dichter mit dem Fokus auf den Hauptbegriffen der Natur, der Naivität und des Genies und andererseits um die Auswirkungen jener Hauptbegriffe auf die Dichter und ihre Werke. Analog wird der Bereich der sentimentalischen Empfindung behandelt, wobei hier die drei Dichtungsarten der Satire, der Elegie und der Idylle besonderes Interesse verdienen. Schließlich steht das Verhältnis der naiven zur sentimentalischen Empfindung im Mittelpunkt des letzten Kapitels.

2. Geistesgeschichtlicher Kontext

Dass die industrielle Revolution zu Anfang der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts die Gesellschaft grundlegend zu verändern beginnt, ist den Künstlern bewusst. Dabei ist zu beobachten, dass – im Vergleich zur Französischen Revolution auf dem Gebiet der Politik – „auch das deutsche Denken in den neunziger Jahren nur Teil eines größeren Prozesses [ist], in dem sich Europa zur modernen Industriegesellschaft wandelte.“5 Zu diesem Prozess, der sich nicht nur im Gebiet der Politik, der Philosophie und der Popularwissenschaften, sondern auch im Bereich der Kunst ausdrückt, gehört auch eine Dichtungstheorie, die die moderne Dichtung gegenüber der antiken rechtfertigt und begründet und so eine theoretisch abgesicherte Legitimation der Moderne und ihrer spezifischen künstlerischen Arbeitsweisen leisten kann. Schiller ist ein Autor der Klassik (1786-1805). Und eines der Merkmale dieser Epoche war der Bezug zur Antike. Auch die französische ”Querelle des anciens et des modernes“ ist Teil des Hintergrunds, vor dem die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Antike und Moderne zueinander nicht nur bei Schiller, sondern auch bei Friedrich Schlegel stattfindet.6 Bei näherer Betrachtung liegen der Schillerschen Dichtungstheorie, genauer seiner Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“ die Kantischen Kritiken bzw. „Kritik der Urteilskraft“ sowie andere Schriften wie z.B. die von Wieland, Sulzer, Mendelssohn und natürlich der entsprechende Abschnitt (54.) in Kants ”Kritik der Urteilskraft“7 zugrunde.

Zu dieser Zeit wurde die Literatur besonders zu einem zentralen Medium der Steigerung des bürgerlichen Selbstbewusstseins, zum Ausdruck der Entfaltung des Menschen benutzt. Ein anderer Autor dieser Epoche war Johann Wolfgang von Goethe. Goethe und Schiller sahen für ihre Zeit eine Entfremdung des Menschen von der Natur. Jedoch nicht einfache Nachahmung der Natur, des Klassischen, war für GOETHE erstrebenswert und eine Lösung, sich der Natur wieder zu nähern und mit ihr eins zu werden. Zunächst wandte er sich dennoch von der Poesie, der Literatur ab und dem Naturstudium zu, um über diesen Umweg wieder zur Poesie zurück zu finden. Schiller kam über einen anderen Weg zu klassischer Ästhetik. Er wandte sich seit 1788 der Philosophie Immanuel Kants zu. Von ihm entlehnte er das Begriffspaar naive und sentimentalische Dichtung. So schreibt er:

"Alle Dichter, die es wirklich sind, werden, je nachdem die Zeit beschaffen ist, in der sie blühen, oder zufällige Umstände auf ihre allgemeine Bildung und auf ihre vorübergehende Gemütsstimmung Einfluss haben, entweder zu den naiven oder zu den sentimentalischen gehören."8 Es ist Schiller selbst, der hier auch die eigene Position bestimmt, nicht zuletzt im Vergleich zu Goethe.

3. Naive Dichtkunst

3.1 Das Verhältnis der Natur zum Dichter

„Der Dichter […] ist entweder Natur, oder er wird sie suchen. Jenes macht den naiven, dieses den sentimentalischen Dichter.“ Diese Sätze stehen in Schillers Abhandlung Über naive und sentimentalische Dichtung (1795-1796). Mit diesem Begriffspaar versucht er die unterschiedlichen Formen des Schöpferischen zu fassen und ihren Ort in der Kultur- und Literaturgeschichte zu bezeichnen. Die beiden Begriffe haben einerseits einen geschichtlichen bzw. geschichtsphilosophischen Aspekt – Verlust der ursprünglichen Harmonie und Einheit durch den Eintritt des Menschen in den Zustand der Kultur, Forderung einer Synthese von Natur und Vernunft auf einer höheren Ebene -, andererseits stehen sie für zwei überzeitliche Möglichkeiten der Dichtung, die sich freilich miteinander verbinden können.9

In Schillers Abhandlung spielen die Begriffe Natur und Naturschönes eine Hauptrolle. Die Natur betrachtet er nicht nur als stofflichen Gegenstand der Dichtung, sei es naive oder sentimentalische, sondern viel mehr als Teil Verfasstheit des Menschen, als bestimmendes und mitunter auch problematisches Moment in Bezug auf seinen Zustand. Daraus ergibt sich einerseits, dass sie notwendigerweise auch Gegenstand (und Form) seiner Dichtung ist und andererseits, dass er sie nicht als Natur erkennt. Die Natur kann davon ausgehend nicht dieselbe wie bei den naiven Dichtern sein, wie sich der sentimentalisch empfindende Mensch diese denkt.

Wenn aber die Natur für den naiven und den sentimentalischen Dichter nicht das Gleiche ist, dann ist auch eine Rückkehr zu der Natur fast keine Lösung des Problems der fehlenden Harmonie: Der sentimentalische Dichter, der sich des Verlustes der Harmonie schmerzlich bewusst wird und deshalb die Natur zurückzuerlangen sucht, kann keinen Erfolg haben. Denn dafür müsste für ihn zunächst das Naturverständnis des naiven Dichters gelten – dies aber ist ihm aufgrund seines reflektierenden Verstandes unmöglich. Daher stammt dann auch die polemische Kritik Schillers an Rousseaus, dessen Konzept der ”Retour à la nature“ (Zurück zur Natur“) diese Demarkationslinie zwischen naiven und sentimentalischen Menschen nicht beachtet und deshalb versucht, sie zu überschreiten. Er und seine Anhänger wollen lieber zu der geistlosen Einförmigkeit des ersten Standes zurückkehren, als jenen Streit in der geistreichen Harmonie einer völlig durchgeführten Bildung geendigt sehen. Außerdem kann der naive Dichter die Natur auf zwei Arten erfahren und wahrnehmen, nämlich als wirkliche und wahre Natur. Wahre Natur ist dabei vor allem durch „einen Antheil des selbstständigen Vermögens an jeder Äußerung“10 gekennzeichnet, aus ihr spricht also die „innere Notwendigkeit des Daseyns.“11 Dies alles ist in der wirklichen Natur, dem bloßen „Ausbruch der Leidenschaft“12 nicht enthalten. Der naive Dichter steht in enger Verbindung mit der Natur. Die Natur wird von ihm als Objekt des Wohlgefallens mit Interesse betrachtet und ist dabei „nichts anders, als das freiwillige Daseyn, das Bestehen der Dinge durch sich selbst, die Existenz nach eigenem und unabänderlichen Gesetzen“13 Um allerdings zum Objekt des Interesses zu werden, muss die Natur auch naiv in der Hinsicht sein, ”daß die Natur mit der Kunst im Kontraste stehe und sie beschäme“14, weil ”die Natur Recht, die Kunst aber Unrecht haben“15 muss. Diese Versicherung ist nötig, damit der moralische Sieg der Natur über die Kunst sichergestellt wird: Nicht als bloße Kraft, sondern als ”innre Notwendigkeit“ soll sie ”über die Kunst triumphiere[n]“. Im Anschluss daran wird das Naive als das ”Merkmal unberührter Naturschönheit“16, d.h. explizit als frei von Absichten und damit frei von künstlerischer Gestaltung definiert.

Damit stellt sich für Schiller die Frage nach dem Wesen der Naturschönheit. Bei Kant war der ”Vorzug der Naturschönheit vor der Kunstschönheit“17 noch allgemein und damit auch unproblematisch, bei Schiller hat diesen Vorzug hingegen nur noch das naive Naturschöne, insofern es ”Darstellung unserer verlorenen Kindheit“ und dabei zugleich auch ”Darstellungen unserer höchsten Vollendung im Ideale“ ist. In sentimentalischen Epochen, bei sentimentalischen Menschen und Dichtern aber fehlt hier, d.h. beim Naturschönen, die Reflexion, die erst durch ein bewusstes Streben nach dem Ideal ermöglicht wird. Deshalb ist hier dem Naturschönen kein Vorzug mehr zu geben und der sentimentalische Mensch wird am Naturschönen nicht das gleiche Wohlgefallen haben können wie am Kunstschönen: Nur das letztere kann ihn durch die Darstellung des Ideals auch moralisch stimmen. Dadurch wird ”Schiller [. . .] der erste, der die Kunst als Darstellung des freien, seiner selbst bewußten Geistes von dem Vorbild des Naturschönen befreite“18 – freilich nur in der Epoche der sentimentalischen Dichtung. Von Natur und Naturschönem abgesehen, gelten Begriffe wie Naivität und Genie als Schlüsselbegriffe in Schillers Abhandlung.

Friedrich Schiller unterscheidet im Aufsatz „Über naive und sentimentalische Dichtung“ zwischen kindischer Naivität, die belächelt wird, weil ihre Quelle Unverstand und Unvermögen ist, und kindlicher Naivität, hinter der man „ein Herz voll Unschuld und Wahrheit“19 erkennt und die man als „eine höhere praktische [d.h. moralische] Stärke“20 bewundert. Kindlich-naiv bedeutet „im Einklang mit der Natur“, „einig mit sich selbst und glücklich im Gefühl seiner Menschheit“ – ohne es zu wissen. In diesem Sinne naiv lebt, fühlt, dichtet der antike Mensch. Sentimentalisch dagegen verhält sich der moderne Dichter, indem er sich nach dem Einklang mit der Natur und der Schönheit des Lebensgefühls der Antike zurücksehnt; denn die Modernen leben „uneinig mit uns selbst und unglücklich in unsern Erfahrungen von Menschheit“, – nämlich mit dem Wissen von der Antike als der unwiederbringlich verlorene Kindheit des Menschengeschlechts. Schiller fordert daher nicht das Unmögliche, die Rückkehr zur Natur und zur naiven Dichtweise. Vielmehr erkennt er in der Sehnsucht nach der antiken Schönheit ein erzieherisches Ideal. Auch mit dem Geniebegriff ist die Naivität bei Schiller eng verbunden.

Durch das Genie wird das naive zu einem die Dichtung bestimmenden Kriterium und bleibt nicht ein bloß anthropologisch bestimmtes: ”Naiv muß jedes wahre Genie sein, oder es ist keines. Seine Naivität allein macht es zum Genie, und was es im Intellektuellen und Ästhetischen ist, kann es im Moralischen nicht verleugnen.“21 Typisch für das Genie ist sein gewissermaßen ambivalentes Verhältnis zur Natur: Es soll ”die Natur erweitern, ohne über sie hinauszugehen“.22 Ein Genie muss also im Rahmen der Natur und ihm Rahmen der Naivität, also ohne sentimentalisch zu werden, Neues schaffen und damit die Natur erweitern. Denn seine Werke sind als Ausdruck eines Genies, also eine „Gunst der Natur“23, selbst Teil der Natur. Das Genie wird von Schiller in vielen Zügen analog zu Kants Definition bestimmt. Das Genie im kantischen, rational ästhetischen Sinne ist ausführlich in der 1790 beendeten Kritik der Urteilskraft als ein „Talent (Naturgabe)”24 beschrieben: „Genie ist die angeborene Gemütslage, durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt.”25. Bei August Wilhelm Schlegel wird das Genie genau wie bei Schiller als ”bloße Gunst der Natur“26 definiert, was es für Schlegel wiederum notwendig macht, die Übereinstimmung diese Geniebegriffs mit dem von ihm geforderten ”gesetzmäßigen Gang“27 der Geschichte in Übereinstimmung zu bringen.

3.2 Naive Dichter und ihre Dichtung

Die naive Dichtung ist durch Unmittelbarkeit, Sinnlichkeit und Realismus gekennzeichnet. Der naive Dichter ist Ausdruck der Natur, der ursprünglichen Harmonie und Einheit, die nicht künstlich von Menschen nachgebildet, hergestellt werden.

Unter einem naiven Dichter verstand Schiller Folgendes:

„Der Dichter einer naiven und geistreichen Jugendwelt, sowie derjenige, der in den Zeitaltern künstlicher Kultur ihm am nächsten kommt, ist streng und spröde, wie die jungfräuliche Diana in ihren Wäldern, ohne alle Vertraulichkeit entflieht er dem Herzen, das ihn sucht, dem Verlangen, das ihn umfassen will. Die trockne Wahrheit, womit er den Gegenstand behandelt, scheint nicht selten als Unempfindlichkeit. Das Objekt besitzt ihn gänzlich, sein Herz liegt nicht wie ein schlechtes Metall gleich unter der Oberfläche, sondern will wie das Gold in der Tiefe gesucht sein. Wie die Gottheit hinter dem Weltgebäude, so steht er hinter seinem Werk, und das Werk ist er; man muss des ersten schon nicht wert oder nicht mächtig oder schon satt sein, um nach ihm nur zu fragen.“28

Der naive Dichter zeichnet sich in der Hauptsache natürlich durch seine naive Empfindungsweise aus. Damit ist aber so gut wie nichts gesagt. Erkennbar sind naive Dichter an ihrem Verhältnis zu dem Gegenstand ihrer Dichtung. Bei ihnen ist eine Identifikation des Dichters mit dem Gegenstand, der ja stets im direkten, d.h. unreflektierten Bezug zur Natur steht, zu beobachten. Dies führt dazu, dass der Dichter hinter seinem Werk ”verschwindet“ oder besser gesagt in ihm aufgeht: Er ist sein Stoff. Dies führt allerdings zu einer vollkommenen Abhängigkeit des Dichters von der Natur und in Folge dessen auch zu einer Gefahr für den Kunstcharakter seiner Dichtungen: Wenn er nicht die wahre, sondern die wirkliche Natur zu seinem Gegenstand macht, wird daraus kein Kunstwerk entstehen können. Darüber hinaus bleibt die Abhängigkeit des naiven Dichters von der Natur natürlich auch bestehen, wenn der Dichter sich an der wahren Natur orientiert: Ist diese nicht schön, bleibt der naive Dichter dennoch darauf beschränkt – der sentimentalische Dichter könnte in diesem Fall, durch die für ihn typische Idealisierung des Stoffes dieser Beschränkung entkommen. So wird die Wahrheit, wie sie in der Natur vor Beginn der Kultur zu finden war, als moralische Kategorie in die naive Dichtung integriert. Diese Einheit ist aber nur dann möglich, wenn sich der naive Dichter ”die möglichst vollständige Nachahmung des Wirklichen“ zum Ziel setzt. Der naive Dichter bleibt also in jeder Beziehung auf die ihn umgebende Wirklichkeit angewiesen, aus dieser Abhängigkeit kann er sich nur lösen, in dem er zum sentimentalischen Dichter wird. Aus all dem wird deutlich, dass zumindest in dieser Hinsicht, also bei einer ”mangelhaften“ Wirklichkeit als Stoff, die modernen, d.h. die sentimentalischen Dichter den antiken – den naiven – überlegen sind.29 Diese Überlegenheit der Moderne ist ihre Unabhängigkeit von der Natur: ”Die sentimentalische Poesie erweitert die wahre, d.h. die klassische Dichtkunst, indem sie die Naturnachahmung aufgibt.“30 Die naiven Dichter sind maßgeblich in der Antike angesiedelt, was bei Schiller auch zur Gleichsetzung antik = naiv, sentimentalisch = modern führt. Andererseits wird auch mehrfach betont, dass dies nicht ausschließlich gilt, sondern dass naive Dichter auch in moderner Zeit möglich sind.

4. Sentimentalische Dichtkunst

4.1 Der sentimentalische Dichter: Allgemeines und Differenzierung

Die sentimentalische Dichtung ist durch eine reflektierende „moderne“ Kunsthaltung gekennzeichnet, die „sich die Darstellung des Ideals“ zum Ziel setzt. Der sentimentalische Dichter sucht die Natur. Er sucht, die verloren vergangene Natürlichkeit durch Reflexion wiederzugewinnen. Dazu schreibt Schiller: „Auch jetzt ist die Natur die einzige Flamme, an der sich der Dichtergeist nähret, aus ihr alleinschöpft er seine ganze Macht, zu ihr allein spricht er auch in dem künstlichen, in der Kultur begriffenen Menschen.“31 So stellt sich Schiller einen sentimentalischer Dichter vor:

"Ganz anders verhält es sich mit dem sentimentalischen Dichter. Dieser reflektiert über den Eindruck, den die Gegenstände auf ihn machen, und nur auf jene Reflexion ist die Rührung gegründet, in die er selbst versetzt wird und uns versetzt. Der Gegenstand wird hier auf eine Idee bezogen, und nur auf dieser Beziehung beruht seine dichterische Kraft. Der sentimentalische Dichter hat es daher immer mit zwei streitenden Vorstellungen und Empfindungen, mit der Wirklichkeit als Grenze und mit seiner Idee als dem Unendlichen zu tun, und das gemischte Gefühl, das er erregt, wird immer von dieser doppelten Quelle zeugen." (ebenda, S.739).

[...]


1 Vgl. Friedrich Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung. Vortrag von Dr. phil. Florian Roth, Münchner Volkshochschule, http://www.florian-roth.com, 4.12.2009,3

2 Koopmann, Helmut: Über Naive und Sentimentalische Dichtung. In: Helmut Koopmann (Hrsg.): Schiller- Handbuch. Stuttgart: Kröner 1998, S. 627.

3 Ebd., S. 627.

4 Ebd., S. 635.

5 Gerhard Schulz: Theoretische Grundlagen für die literarische Entwicklung nach 1789. In: Gerhard Schulz (Hrsg.): Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration. Erster Teil: Das Zeitalter . Band 7. 2. Auflage. München: Beck 2000, S. 157.

6 Zu diesem Abhängigkeitsverhältnis vgl. Hans Robert Jauß: Schlegels und Schillers Replik auf die” Querelle des Anciens et des Modernes“. In: Hans Robert Jauß (Hrsg.): Literaturgeschichte als Provokation. 7. Auflage. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1983.

7 Zur Tradition des Naiven vgl. z.B. Peter-André Alt: Schiller. Leben - Werk - Zeit. Band 2, München: Beck 2000, S. 210-212.

8 Schiller, Friedrich von: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Theoretische Schriften. Hrsg. Rolf-Peter Janz unter Mitarbeit von Hans Richard Brittnacher, Gerd Kleiner und Fabian Störmer. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1992, S. 728.

9 Vgl. Das Reclam Buch der deutschen Literatur. 2. Aufl. Hrsg. von Volker Meid. Stuttgart 2007. S. 272-73.

10 Friedrich Schiller: Schillers Werke. Nationalausgabe. Begründet von Julius Petersen, fortgeführt von Lieselotte Blumenthal und Benno von Wiese. Band 20: Philosophische Schriften. Erster Teil. Herausgegeben von Benno von Wiese und Mitwirkung von Helmut Koopmann. Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger 1962, S. 476.

11 Ebd. S. 476.

12 Ebd. S. 476.

13 Ebd. S. 413.

14 Ebd. S. 413.

15 Ebd. S. 419.

16 Alt, Peter-André: Schiller. Leben - Werk - Zeit. Band 2, München: Beck 2000, S. 210.

17 Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel. 3. Auflage. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1997, S. 233.

18 Düsing, Wolfgang: Ästhetische Form als Darstellung der Subjektivität. Zur Rezeption Kantischer Begriffe in Schillers Ästhetik. In: Jürgen Bolten (Hrsg.): Schillers Briefe über die Ästhetische Erziehung. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1984, S. 186.

19 Schiller, Friedrich von Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Theoretische Schriften, , a. a. O., S.710.

20 Ebd., S. 710.

21 Ebd., S. 718.

22 Ebd., S. 719.

23 Ebd., S. 778.

24 Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, §§ 43-50, in: Werke, Bd. 5, Darmstadt

25 Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, S. 405-406. Zu Fußnoten 23 u. 24 siehe auch http://web.unifrankfurt.de/fb09/kunstpaed/indexweb/frankfurt/referate/geniewebseite/geniebegr.htm

26 August Wilhelm Schlegel: Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst. Erster Teil: Die Kunstlehre. Einleitung. In: Vorlesungen über Ästhetik I. Band 1. Paderborn u.a.: Schöningh 1989, S. 192.

27 Ebd., S. 192.

28 Schiller, Friedrich von Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Theoretische Schriften, , a. a. O., S. 728.

29 Vgl. Jauß, Hans Robert: Schlegels und Schillers Replik auf die ”Querelle des Anciens et des Modernes“. In: Hans Robert Jauß (Hrsg.): Literaturgeschichte als Provokation. 7. Auflage. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1983, S. 100f.

30 Marx, Wolfgang: Schillers ”sentimentalische“ Philosophie und ihre ”naiven“ Komponenten. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft. (1986), S. 251.

31 Schiller, Friedrich von: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Theoretische Schriften, a. a. O., S. 733.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Natur, Naivität und Genie. Über Schillers "Naive und sentimentalische Dichtkunst"
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,5
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V284056
ISBN (eBook)
9783656841050
ISBN (Buch)
9783656841067
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Kunstästhetik in Klassizismus wurde stark durch die Literaturtheorie von Schiller geprägt. Von seiner Schrift ”Über naive und sentimentalische Dichtung“ erhoffte Schiller sich” einen neuen und vielversprechenden Weg in die Theorie der Dichtkunst“. Anhand der wichtigsten Wegmarken, die Schiller dafür in seiner Abhandlung setzte, konnte hier gezeigt werden, dass ihm wirklich ein neuer Ansatz der Poetik gelungen ist, der auch nicht ohne Einfluss auf seine Nachfolger blieb. Trotz einiger Probleme, aus der verwirrenden schillernden Vielfalt der Schillerschen Begriffe und ihrer intendierten sow
Schlagworte
verhältnis, natur, naivität, genie, über, schillers, naive, dichtkunst
Arbeit zitieren
Sourou Dieudonne Aglewe (Autor), 2011, Das Verhältnis von Natur, Naivität und Genie. Über Schillers "Naive und sentimentalische Dichtkunst", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284056

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