Die politischen Lager und die Bedeutung der Unterscheidung von ´Links´ und ´Rechts´


Seminararbeit, 1998
26 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhalt

I. Vorbemerkung

II. Grundbegriffe

III. Die Entstehung der drei Lager in Österreich:
Die Lagertheorie Adam Wandruszkas

IV. Von der Stabilität zur Erosion: Das Verschwinden des traditionellen Lagerbegriffes

V. Über den Sinn von Rechts und Links: Noberto Bobbio

VI. „What is left?“ - Conclusio

VII. Anhang

Literaturverzeichnis

I. Vorbemerkung

Bevor ich mich im Rahmen dieser Arbeit ausführlich mit dem Thema „Lagertheorien“ beschäftigte, wußte ich nicht, wie spärlich die Literatur ist, die es zu diesem Thema gibt und wie diffus dieser Begriff eigentlich ist. Die erste Frage, die sich mir stellte, und die hier behandelt werden soll, ist demnach: Was versteht man unter „Lagern“ überhaupt? Wie sieht eine Lagertheorie für Österreich aus? Was ist heute noch davon übrig?

Ein weiterer Aspekt, der sich für mich aufgrund seines philosophisch-historischen Hintergrundes als der interessantere herausstellte, ist der politische Gegensatz von links und rechts. Meiner inneren Sehnsucht nach genauen Definitionen folgend, wollte ich wissen, ob es, zumindest für europäische Systeme, eine allgemeingültige Erklärung gibt. Gibt es dauernde „linke“ und „rechte“ Werte, oder handelt es sich nur um Kampfbegriffe der Tagespolitik?

Ich bin mir bewußt, daß meine Nachforschungen nicht überall befriedigende Ergebnisse bringen werden - allein aufgrund der Tatsache, daß es sich bei der Politik nich um eine Wissenschaft handelt und die Politikwisschaft nicht exakt ist. Trotzdem hoffe ich, ein wenig Licht ins Dunkel bringen zu können.

II. Grundbegriffe

Woher kommen die Begriffe, die sich so sehr in unseren Sprachgebrauch eingegangen sind, daß wir sie in der Regel nicht hinterfragen? Auf die Frage, wo sie sich selbst auf einer Links-Rechts - Skala positionieren, antworteten die meisten Befragten sofort und ohne Zögern[1]. Anscheinend kann jeder, ob politisch gebildet oder nicht, mit den Klassifizierungen Links und Rechts etwas anfangen, wenn er sie auch nicht korrekt definieren kann. Aber was ist korrekt?

Das Begriffspaar stammt, so die einhellige Meinung der Experten, aus der Zeit der Französischen Revolution, als die Radikaleren links, die Gemäßigten rechts des Vorsitzenden saßen. In vielen Parlamentssälen findet dieses Muster seine Fortsetzung. In Österreich symbolisiert die halbrunde Form nicht nur die beiden gegnerischen Lager (wie etwa in England), sondern verbindet die beiden durch eine Mitte. Bis vor einiger Zeit war es aber immer dasselbe: Konservative und Bürgertum rechts, Fortschritt und Arbeiterschaft links. Daß es heute nicht mehr so einfach ist, wird später noch auszuführen sein.

Etymologisch stellen die Wörter links und rechts ein antinomisches Gegensatzpaar dar. Interessant dabei ist, daß ein Begriff, nämlich rechts, die Norm bzw. das Gewollte darstellt, während links ein Ungenügen bezeichnet: link bedeutete ursprünglich „ungeschickt“, recht meinte die rechte, also die richtige Hand im Gegensatz zur ungeschickten linken.[2]

Eng verbunden mit dem Links-Rechts-Schema sind die Begriffe Klasse, Partei und Lager.

Classis meinte ursprünglich „Herbeirufung“ oder „Aufgebot“, dann bezeichnete es die herbeigerufene Menge. Schließlich wurde die Bezeichnung übertragen auf die Einteilung des Volkes in Tributklassen. Die heutige Bedeutung von Klasse als „Schicht des Volkes“ entstand im England des 18. Jahrhunderts, wo sie zuerst im Sinne von lower classes [3] gebraucht wurde.

Partei bezeichnete im frühen Deutschen einen selbständigen Teil eines größeren Ganzen, z.B. eine Prozeßpartei. Mit der Zeit erwarb das Wort eine pejorative Bedeutung, so zum Beispiel bei den Auseinandersetzungen um die politische Einheit Deutschlands im 19. Jahrhundert. Als Selbstbezeichnung tauchte Partei in dieser Periode noch selten auf, im Parlament bevorzugte man den Begriff Fraktion. Der heute aktuelle Parteibegriff setzte sich erst im 20. Jahrhundert durch. Im Deutschen Sprachraum wurde er nach dem Ersten Weltkrieg, „wohl unter englischem und französischen Einfluß[4] gebräuchlich.

Am schwierigsten scheint der Begriff des Lagers zu definieren sein. Die meisten Lexika und Wörterbücher kennen den politischen Lagerbegriff gar nicht. Gewisse Klarheit kommt ihm jedoch dadurch zu, daß man in Österreich von den drei Lagern zu sprechen pflegt (wobei die beiden ersten Lager meist unausgesprochen bleiben und nur die Rede vom dritten Lager auf die Existenz zweier anderer schließen läßt). Die Lager werden dabei allerdings mit den drei großen Parteien identifiziert. Die Parteien stellen im allgemeinen Sprachgebrauch also nicht nur konkrete Manifestierungen der großen, abstrakten Lager dar.[5]

III. Die Entstehung der drei Lager in Österreich:

Die Lagertheorie Adam Wandruszkas

Adam Wandruszka hat sich dem Phänomen Lager auf zweihundert Seiten ausführlich gewidmet und damit die umstrittene österreichische Lagertheorie geschaffen.[6] Man hat ihm später vorgeworfen, nicht nur wissenschaftliche Motive dafür gehabt zu haben: Wandruszka zählte sich selbst dem dritten Lager zu und publizierte das Werk in den Fünfzigern: in einer Zeit, als „seine Leute“ Identätsstiftung und historische Legitimation als gleichberechtigter Dritter gut gebrauchen konnten.[7] Tatsächlich liest sich Wandruszkas historischer Abriß etwas zurechtgezimmert. Interessant ist jedoch sein Lagerbegriff, der nicht nur die Partei(en) einer ideologischen Richtung meint, sondern Vorfeldorganisationen und bewaffnete Auswüchse (wie Heimwehren und Schutzbund) miteinschließt und so ein umfassendes Bild der politischen Manifestation von Weltanschauungen zeichnet. Er selbst definiert den Begriff Lager so: „...für `Bewegungen´, `Parteien´ und `Gruppen´ einen umfassenden Ausdruck ... gebrauchen, der nicht nur durch den täglichen Sprachgebrauch gerechtfertigt erscheint, sondern auch den militanten Charakter des Phänomens gut zum Ausdruck bringt“.[8]

Die Entstehung aller drei Lager hat für Wandruszka dieselbe Ursache und denselben zeitlichen und örtlichen Kontext: alle drei entstanden als Antwort auf den politischen Liberalismus, der in den 1880er Jahren seinen Höhepunkt fand und viele Fragen und ungelöste Probleme offenließ. So waren die Gründerväter, Karl Lueger, Viktor Adler und Engelbert Pernstorfer um Georg von Schönerer geschart und suchten nach Antworten. Jeder fand eine andere, und in jedem der drei Lager blieb auch in späterer Zeit die Verbindung zum Liberalismus erhalten. In jedem Lager war noch ein bißchen davon übrig: der laizistische Antiklerikalismus im sozialistischen und nationalen Lager (Wandruszka bezeichnet ihn als eine Form des „kulturellen Liberalismus[9]) und der ökonomische Liberalismus bei den Christlichsozialen.

Die Stabilität seines Lagerentwurfes sieht Wandruszka durch die Tatsache bestätigt, daß der Zweite Weltkrieg die Gewichtung der drei Lager nicht wesentlich verändert hat.

Das „Christlichsozial-Konservative Lager“

Im Wesentlichen ist Wandruszkas Schilderung sehr persönlichkeitsorientiert. Er schildert die Geschichte des christlichsozialen Lagers anhand verschiedener Führerpersönlichkeiten. Eine herausragende Stellung kommt dabei Ignaz Seipel zu. Mit ihm erstarkte das christlichsoziale Lager und mit seinem Tod verblaßte es. Im Ausgang des Ersten Weltkrieges sieht Wandruszka die erste Krise der Christlichsozialen, die die Spaltung in monarchische Legitimisten und jene, die ein demokratisches, republikanisches Staatswesen favorisierten, nach sich zog. Diese Krise war einigermaßen beigelegt, als sich große Gruppen innerhalb der Christlichsozialen vom „Anti-Habsburgismus“ der anderen Parteien anstecken ließen. Bald darauf erfuhr das Lager erneut eine Spaltung: nämlich in die, die einen Anschluß an Deutschland bedingungslos forderten und jene, die ihm skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden - nicht zuletzt deswegen, weil man unmittelbar nach dem Ende des Weltkrieges noch nicht wissen konnte, ob sich Deutschland langfristig den Kommunismus würde vom Leib halten können. Im Parteiprogramm vom Dezember 1918 fanden sich folgende Worte: „Die Christlichsoziale Partei sieht in dem Wiederanschluß Deutschösterreichs an die Hauptmasse des deutschen Volkes die Verwirklichung eines langgehegten nationalen Ideals.“[10] Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nahm die große Zustimmung zur Anschlußidee allerdings stark ab.

1932, das Todesjahr von Ignaz Seipel, bezeichnet Wandruszka als „große Zäsur“ nicht nur für das Christlichsoziale Lager, sondern sogar für die österreichische Geschichte. Obwohl Seipels schlechtes Verhältnis zur Sozialdemokratie ein „Kernproblem für die Geschichte der Ersten Republik“ gewesen war:

Seipels `Antimarxismus´ bestimmte weitgehend die spätere Entwicklung der Heimwehrbewegung wie auch die innere Entwicklung im christlich-konservativen Lager unter Seipels Nachfolgern; an der Unmöglichkeit, den Gegensatz von `bürgerlich´ und `sozialistisch´, von `antimarxistisch´ und `marxistisch´ zu überwinden oder wenigstens in ein fruchtbares, demokratisches Spannungsverhältnis zu verwandeln, ist die Demokratie in der Republik Österreich zunächst gescheitert.“[11]

Während der unbestrittene große Führer in die Ewigkeit eingeht[12], folgte Dollfuß, der die Vaterländische Front gründete, um, wie Wandruszka feststellt, den Nationalsozialisten in Österreich den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ihm folgte als nächste große Persönlichkeit Schuschnigg, dessen Regime „die aus der österreichischen Geschichte so wohlbekannten Züge eines aufgeklärten, bürokratischen Absolutismus[13] zeigte. Große Teile des Lagers versuchten wie Schuschnigg den wachsenden Einfluß der Heimwehren[14] zurückzudrängen. Auf diese innere Opposition gegen die autoritären Tendenzen der Heimwehren und auf die Tradition der christlichsozialen Gewerkschaftspolitik habe sich die ÖVP bei ihrer Gründung 1945 gestützt.

Die Herrschaft der Nationalsozialisten hatte die Christlichsozialen „führerlos“ gemacht. Interniert oder emigriert, warteten diese Männer auf das Ende des Krieges. Die Lücke, die sie hinterlassen hatten, wurde bald von den Bischöfen gefüllt, die an der „Führer“ statt das Volk aufforderten, sich dem Staat loyal zu erweisen. Die Kirche, die nun erstmals ohne staatliche Stützen auskommen mußte, entdeckte ihr Selbstbewußtsein und befreite sich von den Schranken, die ihr Staatskirchentum und Josephinismus auferlegt hatten.

Wandruszkas Schilderung der Zweiten Republik fällt naturgemäß sehr kurz aus. Das Referieren von Wahlergebnissen nimmt darin großen Platz ein. Abschließend konstatiert er in der ÖVP zunehmende liberale Tendenzen. Ausdruck dieses Liberalismus seien „in einer jede antiklerikale Note vermeidenden Form“ [15] Zeitungen wie „Die Presse“ und die „Salzburger Nachrichten“.

Das ideologische Element sei in der ÖVP zugunsten von wirtschaftlichen Themen zurückgetreten.

Das nationale Lager

Das nationale Lager war von Anfang an gekennzeichnet durch die „Spannung zwischen `Nation und Staat´, `Volksbewußtsein und Staatsbewußtsein´“[16]. Diese Problematik war, so Wandruszka, ein Spezifikum der österreichischen Nationalen. Sie lebten in einem Staat, der ihnen als solches „fremd“, der aber doch zum überwiegenden Teil „deutsch“ war. Österreichischer Patriotismus und Deutschnationalismus standen in einem Konkurrenzverhältnis zueinander.

Die Deutschnationalen gingen aus der Gruppe der Großdeutschen hervor (Wandruszka unterscheidet sie von den „Großösterreichern“ anhand der Tatsache, daß letztere Österreich als Kernland eines wiedererstarkten Heiligen Reiches favorisierten, während sich erstere, wie bekannt, Österreich als Teil eines Großreiches mit deutscher Dominanz vorstellten). Georg von Schönerer gehörte der Gruppe der Kleindeutschen an, die den Anschluß Österreichs an ein deutsches Kaiserreiches forderten. Die Habsburgermonarchie empfanden sie als todeswürdig. Wandruszka resümiert:

„Es zeigt sich hier jener den Staat - und damit doch eine Schöpfung der Deutschen Österreichs - verneinende, im Grunde defaitistische und anarchistische Zug des freiwilligen Aufgebens einer Position und der politischen Selbstentmannung, der im `nationalen Lager´ auch in der Zeit nach 1918 immer wieder, im Gegensatz zur staatstragenden Tendenz der `gemäßigt-nationalen´ Bürokratie verhängnisvoll in Erscheinung treten sollte [17].“

[...]


[1] vgl. Inglehart, Ronald, Kultureller Umbruch in der westlichen Welt. Frankfurt am Main u. New York: Campus 1995. S.367. Die Rede ist von einer Umfrage, die in neun europäischen Staaten in den achziger Jahren durchgeführt wurde.

[2] Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin u. New York: de Gruyter, 1995.

[3] ebd.

[4] ebd., s.v. Partei

[5] Wie sehr der Begriff Lager in unserem Denken mit dem Begriff Partei verschmolzen ist, wird deutlich, wenn man spontan versucht, das Liberale Forum oder die Grünen einem Lager zuzuordnen.

[6] Wandruszka, Adam, „Österreichs politische Struktur. Die Entwicklung der Parteien und politischen Bewegungen.“ In: Benedikt, Heinrich (Hg ), Geschichte der Republik Österreich. München und Oldenburg: 1977 (unveränderter Nachdruck von 1954). S.291-485

[7] Fritzl, Hermann u. Uitz, Martin, „Kritische Anmerkungen zur sogenannten Lagertheorie“. In: ÖZP 4 (1975). S.325-332

Indem er dem ´nationalen Lager´ eine einheitliche Geschichte gab und die Kontinuität und Stabilität dieser politischen Gruppe bis in die Zweite Republik (allerdings wider besseres Wissen) nachzuweisen versuchte, wollte er unentschlossene Wählerschichten dazu bringen, dem nationalen Lager seine ´gebührende´ alte Stärke ... wiederzugeben“. S.329

[8] Wandruszka, S.291

[9] ebd. S.293

[10] Wandruszka, S.331

[11] ebd. S.332. Wie man allerdings den Gegensatz von antimarxistisch und marxistischwenigstens in ein fruchtbares, demokratisches Spannungsverhältnis“ verwandeln könnte, scheint aufgrund der Existenz des Wortes „anti“ schleierhaft.

[12] ebd. S.336

[13] ebd. S.345

[14] Wandruszka betrachtet die Heimwehrbewegung als etwas ausgelagerten Teil des Christlichsozialen Lagers, da sie sich zeitlich auf die Zwischenkriegszeit beschränkt. Er betont mehrmals den „defensiven Charakter“ (S.360) dieser Organisation und beruft sich auf „die gesunden und wohl auch notwendigen Antriebe und Motive ... , der diese Bewegung ihre Entstehung verdankte“ (S.359). Die Tatsache, daß die Heimwehr, wie auch der Schutzbund, das staatliche Gewaltmonopol in Frage stellte bzw. in einem Konkurrenzverhältnis zu ihm stand, erwähnt Wandruszka nicht.

[15] ebd. S.357

[16] ebd. S.367

[17] ebd. S.374

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die politischen Lager und die Bedeutung der Unterscheidung von ´Links´ und ´Rechts´
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Österreichische Regimelehre: Politische Parteien
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1998
Seiten
26
Katalognummer
V2854
ISBN (eBook)
9783638117296
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lager, Bedeutung, Unterscheidung, Seminar, Regimelehre, Politische, Parteien
Arbeit zitieren
Barbara Prainsack (Autor), 1998, Die politischen Lager und die Bedeutung der Unterscheidung von ´Links´ und ´Rechts´, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2854

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