Eltern und Kinder in ausgewählten epischen Texten des 12. und 13. Jahrhunderts


Magisterarbeit, 2006
77 Seiten, Note: 1,9

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einführung

l. Kindheit im Mittelalter

ll. Zielsetzung dieser Untersuchung

B. Eltern und Kinder - Konzeption und Darstellung
I. Gregorius
1. Integration einer Unperson
2. Geschwisterinzest und Aussetzung
3. Kindheit und Jugend auf der Klosterinsel
4. Rückkehr nach Aquitanien
5. Elterliche Vorsorge und Versäumnisse im Gregorius

6. Eskalation und Überwindung der Heimlichkeit

II. Helmbrecht..
1. Eliminierung eines gescheiterten Aufsteigers
2. Die Familie und ihre Bedeutung für Helmbrecht
3. Helmbrecht - ein Narr
4. Korrespondenzen zwischen Wernher und Hartmann
5. Zwischeneinkehr bei den Eltern
6. Verstoßung Helmbrechts

III. Parzival
1. Parzival - der Elsternfarbige
2. Herzeloyde - Totenklage und Werbung
3. Parzival in Soltane
4. Einbindung in den mütterlichen Verwandtschaftskontext

IV. Tristan ..
1. Tristans Abkehr von der maze
2. Die Elternvorgeschichte
3. Ruai und Floraete
4. Tristan am Hof Markes

V. Erec
1. Enite und ihre Eltern
2. Erees Umgang mit Verletzungen seiner Ehre
3. Notwendigkeit der Bewährung

C. Schlußfolgerungen

D. Literaturverzeichnis
1. Textausgaben
2. Sekundärliteratur

A. Einführung

I. Kindheit im Mittelalter

Neben einem persönlichen Interesse kam der Impuls für die Beschäftigung mit dem Thema ’Eltern und Kinder’ durch die Lektüre des Buches Kindheit im Mittelalter von Shulamith Shahar. Die Tel Aviver Professorin für mittelalterliche Geschichte untersucht darin anhand von didaktischen und epischen Texten, sowie historischen urkundlichen Quellen die Auffassung von Kindheit in der Zeit von 1100 - 1425. Sie kommt zu der Erkenntnis, dass die mittelalterliche Gesellschaft durchaus einen Begriff von Kindheit hatte. Shahar gilt als eine der ersten, die die von Philippe Ariès entwickelten Thesen in Frage stellte. In seinem Buch Ľenfant et la vie familiale sous Landen régime, das 1975 unter dem Titel Geschichte der Kindheit in Deutschland erschien, vertritt Ariès die Ansicht, dass die mittelalterliche Gesellschaft "kein Verhältnis zur Kindheit hatte“.1 Diese These hielt sich jahrzehntelang, nicht zuletzt, weil damit das Klischee vom ’finsteren Mittelalter’ bedient wurde, und obwohl Ariès vor allem zum Ausdruck bringen wollte, dass Kinder in dieser Zeit noch viel selbstverständlicher in die Gesellschaft der Erwachsenen integriert waren. Ariès führt dies nicht nur auf ein Fehlen der “bewußten Wahrnehmung der kindlichen Besonderheit, die das Kind vom Erwachsenen [...] kategorial unterscheidet“ zurück. Er betont die Besonderheit der mittelalterlichen Erwachsenengesellschaft, die “recht häufig kindlich gewesen ist“, da sie sich vorwiegend “aus Kindern und sehr jungen Leuten“ zusammensetzte.2 Auch Hartmut von Henning der das Vorwort zur deutschen Ausgabe verfasste, versteht Ariès Thesen in diesem Sinne und betont, dass mit der veränderten Einstellung zur Kindheit, eine nicht unbedingt positive Entwicklung einherging. Während im Mittelalter ein Kind, so bald es sich allein fortbewegen konnte “mit den Erwachsenen in einem informellen natürlichen ’Lehrlingsverhältnis’ lebte, ob dies nun Weltkenntnis oder Religion, Sprache oder Sitte, Sexualität oder ein Handwerk betraf“, kommt es in der Folge zu einer immer stärkeren Ausgrenzung der Kinder aus der Erwachsengesellschaft.3 Primär liegen die Ursachen dafür, in der systematischen Auflösung des Stammes- oder Geschlechtsverbandes und der daraus resultierenden Entwicklung von (Kern-) Familien, sowie im Ausbau des Schulsystems. Ariès Abriß über vier Jahrhunderte, bringen für Hartmut von Henning den Erkenntniswert, dass die Offenheit, Promiskuität und Sozialität des Mittelalters" nicht wie erhofft und behauptet "durch die Selbstbestimmung der Aufklärung, sondern durch die Herrschaft der Kleinfamilie und das Lernghetto der Schule“ ersetzt worden sind.4

II. Zielsetzung dieser Untersuchung

Die Befragung epischer, mittelhochdeutscher Texte kann durchaus gewisse Aufschlüsse bringen, beispielsweise im Hinblick auf die historische Realität in Bezug auf Aussetzung, Witwen- und Waisentum und höfische Erziehung. Die Frage nach der Einstellung der mittelalterlichen Gesellschaft zur ’Kindheit’ und ’Elternschaft’ anhand literarischer Quellen erscheint aber aus zwei Gründen problematisch. Zum einen wird damit fälschlicherweise impliziert, dass ’Gesellschaft’ als homogenes Gebilde existiert, zum anderen wird dabei übersehen, dass literarische Produktion nicht die Funktion erfüllt, die Wirklichkeit objektiv abzubilden. In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, sich den Texten anzunähern, mit Fragen danach, welche Eltern-Kind-Beziehungen diskutiert werden, wie dies geschieht und vor allem warum überhaupt davon erzählt wird.

Neben der Legende um Gregorius steht mit Erec, Tristan und Parziva! vor allem die Gattung des höfischen Romans im Zentrum dieser Untersuchung. Helmbrecht nimmt dabei eine Sonderstellung ein, denn es finden sich in dieser Erzählung sowohl Elemente der Legende, als auch solche des höfischen Romans - allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, also mit stark parodistischen Zügen. Zwei Texte, Gregorius und Erec stammen vom selben Dichter, hier wird genauer zu untersuchen sein, ob Übereinstimmungen in der Art der Behandlung des Themas durch Hartmann gegeben sind. Ein Text stammt von einem entschiedenen Gegner Gottfrieds, Wolframs Parzival. Gibt es Anspielungen auf das Werk des jeweiligen Konkurrenten, bzw. werden die Figuren als Gegenentwurf gezeichnet?

Dem umfangreichen Textkorpus steht der relativ begrenzte Umfang dieser Arbeit gegenüber. Daher scheint es notwendig sich bei der Untersuchung auf die Eltern und Pflege-Eltern der jeweiligen Protagonisten zu beschränken sowie und auf die Schilderung der Heldenkindheit.

Dennoch wird an einigen Stellen die Darstellung anderer auftretender Eltern- und Kindfiguren mit in die Überlegungen einfließen. Bei Erec ist die Herkunfts- und Jugendgeschichte nicht in die Erzählung integriert. Deshalb wird hier die Familienkonstellation Enites näher untersucht.

Für die Interpretation wird jeder Text gesondert betrachtet. An geeigneten Stellen wird aber auf Korrespondenzen bzw. auf Kontraste innerhalb der Figurenzeichnung, des Handlungsverlaufs oder der behandelten Diskurse hingewiesen.

Da die Herausarbeitung motivischer Besonderheiten im Vordergrund stehen soll, folgt die Analyse der Texte nicht dem Prinzip der Chronologie.

Anhand der Entwicklungsgeschichten der Protagonisten soll sich, den mittelalterlichen literarischen Vorstellungen von elterlicher Fürsorge, von Be­stimmung und Identitätsfindung angenähert werden.

Der Gefahr der Projektion eigener, moderner Vorstellungen zum Thema Eltern­Kind-Beziehung auf das Mittelalter sowie der Gefahr die Wirklichkeit der Texte als historische Realität zu betrachten, soll durch größtmögliche Textnähe begegnet werden.

B. Eltern und Kinder - Konzeption und Darstellung

Eine grundlegende Beobachtung, die sich bei der Analyse der Textauswahl ergibt, ist die, dass die darin dargestellten Eltern-Kind-Beziehungen alles andere als intakt sind. Tatsächlich sind sie meist so desolat, dass Zweifel darüber aufkommen können, wie sich dem Thema 'Eltern und Kinder’ überhaupt anzunähern ist, da die Kinder meist gar nicht bei den eigenen Eltern aufwachsen. Aus dieser Beobachtung resultieren auch zentrale Fragen: Warum wird in der mittelhochdeutschen Dichtung die Vorgeschichte der Eltern erzählt, wenn dann aufgrund ungünstiger Umstände häufig keine direkte Einflussnahme durch sie erfolgen kann? Auf welche Weise setzen sich die in den Elternvorgeschichten vorweggenommenen Schicksale und Anlagen trotz räumlicher Distanz im Nachwuchs fort?

Welche Rolle spielen etwaige Pflege-Eltern und andere Erwachsene, die erzieherischen Einfluss auf die Kinder und Heranwachsenden ausüben?

Weiche Maßnahmen werden von den Figuren vorgenommen, um den Kindern eine möglichst viel versprechende Zukunft zu sichern?

Und welcher Versäumnisse und Verhaltensschwächen machen sich die Erwachsenen und auch die Kinder schuldig?

Zunächst soll ein Überblick über die in den Texten konzipierten Konstellationen verschafft werden: Gregorius und Tristan werden unmittelbar nach ihrer Geburt in Pflegefamilien untergebracht. Beide erfahren erst spät, dass diejenigen, die sie als ihre Eltern betrachtet hatten, nur aus dem einen oder anderen Grund die Verantwortung für sie übernommen haben. Wie Parzivals Vater Gahmuret fällt Tristans Vater Riwalin schon vor der Geburt seines Sohnes im Kampf. Seine Mutter Blancheflur stirbt gleich, nachdem sie ihr Kind zur Welt gebracht hat. Von Erec lebt nur noch der Vater, die Mutter wird nicht erwähnt. Einzig bei Enite und Helmbrecht sind Vater und Mutter vorhanden. Ein ganz besonderes Beziehungsgeflecht liegt bei Gregorius vor, denn dessen Eltern sind ein Zwillingsgeschwisterpärchen.

I. Gregorius 1. Integration einer Unperson

Im Gregorius, Hartmanns legendenhafter Versdichtung vom guoten sündaere (G. 176)5, wird mit dem Geschwister- und dem Mutter-Sohn-Inzest6 ein bis heute tabuisiertes Thema behandelt. Nahezu unabhängig von historischen Gesellschaftsformen gilt das Inzestverbot als eine elementare Sozialnorm. Als eine Möglichkeit der Sanktion zum Schutz der gesellschaftlichen Normen wurde die Brandmarkung des sozial nicht zu integrierenden Nachwuchses angesehen.7 So gesehen, muss die Geburt Gregorius nicht zuletzt zu seinem eigenen Schutz verheimlicht werden. Durch die geglückte Aussetzung gilt er nur als Findelkind und ist somit wenigstens vor der größeren Schande, der Stigmatisierung durch die inzestuöse Geburt, befreit. Die Aufnahme in die Familie des Fischers geschieht mit äußerster Diskretion. Dadurch wird für Gregorius eine relativ unbeschwerte Phase der Kindheit ermöglicht. Der Eintritt ins Kloster stellt einen möglichen Weg zur Legitimierung seiner Existenz dar, da das Mönchsgelübde als geistige Geburt jede Unzulänglichkeit der Herkunft aufhebt.

Aufgrund seiner ungewöhnlichen Gelehrsamkeit und der Begabung mit Talent, Tugendhaftigkeit und Schönheit erreicht er - über die gelungene Eingliederung hinaus - eine herausragende Stellung unter den anderen Klosterschülern. Nicht zuletzt dieser Umstand veranlasst den Abt dazu, Gregorius die Nachfolge als Klostervorsteher anzubieten. Primär macht der Abt dieses Angebot aber, um Gregorius vom Austritt aus dem Kloster abzuhalten, den dieser beabsichtigt, nachdem er Kenntnis von seiner Findelkindexistenz erlangt hat. Da sich der Junge aber schon lange nach der ritterlichen Lebensform gesehnt hat, sieht er neben der damit verbundenen Schmach vor allem eine große Chance in dieser Entdeckung. Seine Freude darüber, dass für ihn die Möglichkeit besteht, einem adligen Famiiienkontext zu entstammen und das Klosterleben aufgeben zu können, ist größer als sein Erschrecken über den inzestuösen Ursprung. Dies lässt sich auch daran erkennen, dass ihm mit dem Wissen um seine fragwürdige Herkunft in Aquitanien nicht nur die gesellschaftliche Integration gelingt, sondern dass er darüber hinaus wie in der Klostergemeinschaft erneut eine hervorragende Stellung einnimmt, indem er durch die Heirat mit der Mutter zum Landesherren avanciert.8 Als offenkundig wird, dass es durch diese Eheschließung abermals zu einer inzestuösen Verbindung gekommen ist, erfolgt Gregorius zweite Aussetzung, diesmal von ihm selbst initiiert. Nach siebzehnjährigem Bußdienst auf der Felseninsel wird Gregorius durch die Gesandten nicht nur wieder in die Gesellschaft integriert, sondern er erlangt dieses Mal höchste Exponiertheit, indem er zum Papst ernannt wird.

Die Etappen dieses Aufstiegs werden, beginnend mit der Elternvorgeschichte über die Aussetzung und seine Kindheit auf der Klosterinsel bis hin zum Mutter-Sohn­Inzest, im Folgenden ausführlicher betrachtet und gedeutet. Das Paradox in diesem Zusammenhang besteht darin, dass der von der Zeugung an in jeder Hinsicht ausgezeichnete Protagonist bei seinen Versuchen einen Platz in der Gesellschaft zu finden, nie eine gewöhnliche Position einnehmen kann, sondern aufgrund seiner Außergewöhnlichkeit und Kompromisslosigkeit immer eine extreme Sonderstellung erreicht.

2. Geschwisterinzest und Aussetzung

Über die Kindheit von Gregorius’ Eltern erfährt man nicht viel, nicht einmal die Namen des Geschwisterpaares werden von Hartmann genannt. Erzählt wird aber, dass die Mutter der beiden an den Folgen der Geburt starb. Die beiden Kinder sind über die Maßen schön. So schön, “daz einem herten wîbe ze lachenne waere geschehen, ob sî sî müese an sehen” (G.206). Als sie zehn Jahre alt sind, stirbt auch der Vater und somit sind die herrschaftlichen Waisenkinder ohne huote, also ohne erzieherische und aufgrund ihres Status auch weitgehend ohne moralische Kontroilinstanz auf sich gestellt.

Es werden keine Angaben darüber gemacht, wie viel Zeit vergeht zwischen dem Tod des Vaters und der Verführung bzw. Vergewaltigung des Mädchens durch den Bruder. Doch nach einer Phase innig vertrautem Zusammenlebens, das - bis auf das Fehlen der erotischen Komponente - die Züge des in der mittelalterlichen Literatur gern anzitierten wunschlebens trägt und zu dessen Umschreibung Hartmann das Wort “wünne“ (G.302) verwendet, bricht die zuvor ausgesparte Sexualität mit umso größerer Heftigkeit über das Geschwisterpaar herein. Es kommt zum gewaltsamen Übergriff durch den Bruder. Mit der Erwähnung des Erzählers, dass “der werlde vient“ dem “juncherre verkêrte sîne triuwe guot üf einen valschen muoť (G.304) ist nur einer von vier Punkten genannt, die diesen Übergriff zu erklären suchen. Daneben wird noch “diu minne diu im verriet die sinne" (G.323), außerdem der "swester schoene“ (G.325) und schließlich auch die kindliche Unerfahrenheit des Jungen angeführt.

Die Summe dieser Beweggründe führt dazu, dass im Innern des Jungen die brüderlichen Gefühle von einer zwanghaften Leidenschaft verdrängt werden und in ihm der Entschluss reift, seinen Geschlechtstrieb an und mit der Schwester auszuleben. Die Intensität seines Begehrens lässt ihn dabei alle durch Gesellschaft und Moral gesetzten Normen ignorieren. Sinnfällig ist die Tatsache, dass sich das Geschehen in der Nacht, im Schutz der Finsternis ereignet. Während in der christlichen Tradition alles Göttliche mit strahlender Helligkeit und Licht in Verbindung gebracht wird, stehen Nacht und Finsternis als Symbole für menschliche Verfehlung und teuflische Versuchung, als Prinzipien für das Böse schlechthin.9

Als die Schwester geweckt von der Zudringlichkeit des Bruders erwacht, wirkt ihre Reaktion auf die plötzliche Verhaltensänderung recht gefasst. Dies überrascht besonders, da noch kurz zuvor ihre “einvalte“ (G. 345) und “reine[n] tumbe“ (G. 347) als Merkmale ihrer Unschuld hervorgehoben wurden. Obwohl sie weiß “daz ez ein ernest solde s?n“ (G. 379) richtet sie nur folgende Worte an ihn:

G. 380 wie nû, bruoder mín?

wes wiltü beginnen? là dich von dînen sinnen den tiuvei niht bringen, waz d iutet diz ringen?

Dieser Mangel an Gegenwehr kann nicht allein mit den Bedenken erklärt werden, mit denen sie sich während dieses Vorfalls trägt. Dass sie den Gedanken, um Hilfe zu rufen, verwirft, leuchtet ein10. Sie fürchtet durch das Aufsehen, dass damit erregt werden würde, ihrer beider Ansehen zu gefährden. Aber da sie weiß, dass des “tiuvels wille“ (G. 386) ergeht, wenn es zur Vereinigung mit ihrem Bruder kommt, könnte sie zumindest versuchen, dem Angriff etwas offensiver entgegenzutreten, auch wenn sie “ze kranc“ (G. 393) und er zu “stark“ {G. 386) ist. Aber offenbar ist ihre Furcht vor der Entdeckung ihrer Schmach größer als der Schrecken über die Gewalt die ihr vom Bruder angetan wird.11 Um sich das Verhalten des Mädchens und ihre unangemessen wirkende Vorsicht zu erklären, scheint es Gewinn bringend, sich Gedanken darüber zu machen, wie viel Intimsphäre die Räumlichkeiten in dieser Zeit geboten haben. Im Text ist nur ausgesagt, dass die Betten der Geschwister so nah beieinander stehen, dass sie sich sehen können. Ob in dem Schlafgemach aber nur die beiden, oder wie im Tristan auch andere Personen der Hofgesellschaft nächtigen, bleibt offen. Erwähnt wird jedoch, dass der Bruder sich leise zu ihrem Bett schleicht. Da er zu diesem Zeitpunkt schon den Vorsatz gefasst hat, seine Schwester zu vergewaltigen, brauchte er allein ihretwegen nicht soviel Rücksicht zu nehmen. Vielmehr scheint es, als hätte er die Sorge, Unbeteiligte zu wecken. Sollten diese Spekulationen zutreffen, so müsste sich der Widerstand der Schwester, wenn er unbemerkt bleiben sollte, natürlich auf ein Mindestmaß beschränken. Mit diesem inneren Zwiespalt wird die in der mittelalterlichen Literatur häufig anzutreffende Diskrepanz thematisiert, die darin besteht, dass dem Anschein der Tugendhaftigkeit die Tugend selbst geopfert wird.12

Schon der erste Beischlaf führt zur Empfängnis, obwohl es weitere Gelegenheit dazu gegeben hätte, da die beiden erst von ihren intimen Beisammensein ablassen, als das Mädchen ihre Schwangerschaft bemerkt.

Während der Bruder die treibende Kraft war, als es darum ging, den Inzest zu begehen, ist es die Schwester, die darauf drängt, eine Lösung zu finden, um den Folgen zu begegnen.

Sie ermahnt ihren Bruder:

G. 467 iâ dîn wîplich weinen stân

(ezn mac uns leider niht vervan) und vint uns etlichen rät, ob wir durch unser missetät âne gotes hulde müezen stn, daz doch unser kindelîn mit uns iht verloren sì, daz der valle iht werden dri.

In diesen Versen wird deutlich, dass sich die Schwester vor allem um die Zukunft ihres ungeborenen Kindes sorgt. Der Bruder scheint dagegen vor allem darin bemüht, “ze verhelne unser schände“ (G. 489).

Dabei sucht er die Unterstützung bei einem weisen Mann, dem ihm sein Vater noch auf dem Totenbett als Ratgeber empfohlen hatte. Dieser Ratgeber erweist sich als äußerst kompetent. Sein Rat besteht aus vier Maßnahmen: zum einen sollen alle Landverwalter und Ratgeber des verstorbenen Landesherren Zusammenkommen, um nun der Schwester den Gehorsam zu schwören, da zum anderen der Bruder auf eine Pilgerfahrt zum Heiligen Grab aufbrechen soll. Ais drittes schlägt er vor, die Schwangere bei sich und seiner Frau aufzunehmen, um Schwangerschaft und Geburt besser geheim halten zu können. Nach der Geburt ist er es, der die Aussetzung des Kindes vorschlägt und durchsetzt. Auch die Frage nach einer geeigneten Sühne für den Verstoß gegen das Inzestverbot schließt er in seine Überlegungen ein, denn er erwähnt, dass sein junger Herr möglicherweise nicht lebend von der Pilgerfahrt zurückkehren könnte und dass ihm durch sein Ableben “gotes segen” (G. 598) zuteil würde.

Für seine Herrin hat er andere Pläne und an der Formulierung fällt auf wie viel Bedeutung seiner Person für den Fortgang der Erzählung beigemessen wird, denn sein Rat wird sich gleich einer Prophetie erfüllen:

G. 599 zwâre söne ist niht mín rät

daz sì durch dise missetât der werlde iht enphliehe, des landes sich entziehe, belîbet si bî dem lande, ir sünde unde ir schände mac sì so baz gebüezen.

Der Bruder wird der Welt der Erzählung durch seinen Tod entzogen. Er wird aber nicht etwa von Räubern überfallen und ermordet, wie dies auf Pilgerfahrten gern geschieht, sondern an “senede nôt” (G. 851) zugrunde gehen. Dieser Umstand wird in einem Kommentar des Erzählers gewürdigt, worin er über die Unterschiede in der Intensität der Liebe von Männern und Frauen reflektiert. Die Liebe des Bruders zu seiner Schwester und Geliebten wird von Hartmann höher eingestuft, da dieser die Trennung nicht übersteht. Die Schwester, die sich wegen ihrer Sündhaftigkeit mit großen Schuldgefühlen trägt, hat nicht nur die Trennung ihres geliebten Bruders zu verwinden, sondern leidet außerdem unter den Strapazen der Geburt. Am schwersten wiegt jedoch die Sorge um ihr Kind und dessen ungewisses Schicksal. Obwohl ihre Situation ungleich schlimmer erscheint, führt die Nachricht vom Tod ihres Bruders nicht dazu, dass sie an ihrem Schicksal zugrunde geht, stattdessen wird sie ihr Leben der aufrichtigen Buße durch den Dienst an ihren Nächsten widmen. Um die Gnade Gottes wiederzuerlangen, stellt sie sich ganz in seinen Dienst und weist als Zeichen für die von ihr gewählte Gottesbrautschaft alle ab, die um sie werben.

Für den Ratschluss was mit der Frucht des Inzests zu geschehen habe, hatten die Erwachsenen um Gottes Beistand gebeten. Mit der Aussetzung - die sich signifikanterweise wiederum im Schutz der Nacht abspielt - vollzieht sich die Lösung aus der elterlichen Verantwortung. Fast wirkt es, als sollte diesem Schritt durch die vorherige Anrufung Gottes der Anschein der Legitimität gegeben werden. An der Errettung des Kindes aus dem Meer zeigt sich der Erfolg dieses taktischen Manövers. Von Hartmann wird treffend die biblische Episode von Jonas und dem Wal als Vergleichsgröße herangezogen, denn Gregorius Überleben ist mindestens ebenso unwahrscheinlich und wundersam. Gott selbst fungiert während der Fahrt über das Meer als “des kindes amme“ (G. 936), diese Metapher bietet einen Vorgeschmack auf die wundersame Nahrung des Gregorius während seines siebenjährigen Aufenthaltes auf der Felseninsel.13

3. Kindheit und Jugend auf der Klosterinsel

Gregorius Aussetzung auf dem Meer oder vielmehr seine Ankunft auf der Klosterinsel trägt Züge, die den Vergleich mit einer Wiedergeburt nahe legen. Zunächst ist da die Beschaffenheit seines Reisebehältnisses, hier ist eine gewisse Analogie zwischen dem Kind im Mutterschoß und dem Kind im Fässchen nicht zu übersehen. Eine weitere Beobachtung ist etwas subtiler, scheint aber dennoch erwähnenswert und bezieht sich auf das Element, das Gregorius seinem neuen Bestimmungsort zuträgt.14 Der Salzgehalt im Meerwasser entspricht dem von Fruchtwasser. Die Fischer erfüllen mit der Bergung des Fässchens die Funktion der Geburtshelfer. Und anders als bei Gregorius Geburt ist mit dem Abt ein Vater zur Stelle, der sich über die Ankunft des Kindes freuen kann. Ulrike Beer stellt noch eine Parallele bezüglich der Reisedauer (zwei Nächte und einen Tag) des Kindes fest, denn diese deckt sich mit der Zeitspanne, die Jesus Christus tot war, bevor er wieder auferstand.

Ein zweiter Versuch in der Welt anzukommen, um einen Platz darin zu finden, wurde notwendig, da Gregorius aufgrund seiner sündigen Geburt durch den Verbleib bei seiner Mutter deren Herrschaftsanspruch gefährdet hätte.

Notwendig bei diesem Versuch war auch die unbedingte Unterstützung durch den “süeze Kríst“ (G.785), der dem “kleinen schefman“ (G.784) nicht nur “den vil rehten wunschwint" (G.787) schickte, sondern auch dafür sorgte, dass der fromme Abt zur Stelle war, als die Fischer ohne Fische, aber mit dem Kind im Fässchen zur Klosterinsei zurückkehrten.

Auch an dieser Stelle weist ein Erzählerkommentar darauf hin, dass Gott die Geschicke des Kindes leitet. Durch göttlichen Eingriff misslingt den Fischern der Versuch, den Abt zu täuschen. Es gelingt ihnen nicht das Fässchen vor ihm zu verbergen, denn “do erweinde daz kint vii lute“ (G.1017) und machte seine Anwesenheit unmissverständlich deutlich.

Die Freude des Abtes über das unerwartete Geschenk drückt sich in seiner Dankbarkeit gegenüber Gott aus:

G. 1047 ze himele huop ertougen

die hende und diu ougen und lobete got des vundes und des kindes gesundes.

Die Reaktion des Abtes auf die in die Tafel gravierten Informationen bezüglich der inzestuösen Geburtsumstände des Kindes wird nicht konkret thematisiert, aber seine Freude wird dadurch offensichtlich nicht geschmälert. Er ist auch sehr empfänglich für den Liebreiz des kleinen Knaben, denn er bekennt in seinem Herzen, “daz er so schoenez nie gesach“ (G.1034).

Mit den ungleich begüterten Fischersbrüdern vereinbart der Abt folgendes: “der ermere man naeme daz kint an“ (G.1073). Der Abt trägt diesem Fischer auf, “den Nuten“ (G. 1076) die plötzliche Ankunft des Kindes mit einer Lüge zu erklären, er sollte sagen: “daz es im waere zuo körnen von sines bruoder tohter“ (G.1080).

Bei Hartmann wird diese Lüge nicht weiter begründet, und man erfährt nicht, warum das Kind nicht bei der Mutter bleiben kann, aber im “Erwählten“ findet Thomas Mann eine plausible Erklärung: Die “Bruderstochter“ des Fischers “habe es geboren, sei aber dämpfig auf der Brust und könne es nicht warten“.15 Nachdem auf diese Weise Vorkehrungen für das leibliche Wohl des Säuglings getroffen worden sind, gilt es ais nächstes für sein geistiges Seelenheil Sorge zu tragen. Dem Hinweis auf der Tafel folgend, veranlasst der Abt das Erforderliche, hebt das Kind selbst aus der Taufe und macht sich zu seinem geistigen Vater, indem er ihm den eigenen Namen gibt.

Zunächst kann der Abt der daraus erwachsenen Verantwortung nur bedingt nachkommen, denn der Knabe verbringt seine ersten Jahre in der Familie des Fischers und wechselt erst später ins Kloster, um dort unterrichtet zu werden. Um sich vom Wohlergehen des Kindes zu überzeugen, besucht der Abt ihn aber regelmäßig. Hartmann beschreibt die Wissbegier und den Fleiß den Gregorius dabei zeigt in aller Ausführlichkeit. Gregorius folgt dem Willen seines Lehrers auch “âne siege“ (G.1167) und er kommt so schnell voran, dass dieser bekennt, “er gesaehe von aller hande tugent nie sô sinnerlîche jugent“ (G.1177). Bei der Kindheitsschilderung fällt die wiederholte genaue Altersangabe durch den Erzähler auf. Mit sechs Jahren beginnt seine Erziehung, als er im Alter von elf Jahren ist, hat er seine Lateinkenntnisse soweit perfektioniert, dass von ihm gesagt wird,

G. 1182 dô enwas zewäre

dehein bezzer grammaticus danne daz kint Grêgôrius.

In den folgenden drei Jahren, also bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr, erreicht er sowohl in der Theologie als auch in Jura ein Höchstmaß an Bildung. Aber Gregorius ist nicht nur in dieser Hinsicht vollkommen, denn er hat zudem ein ausgesprochen freundliches Wesen.

Wie intensiv die Bindung an den Abt ist, lässt sich an dem vertrauensvollen Umgang erkennen. Nachdem Gregorius die Schmährede seiner Pflegemutter mit angehört hat und auf diese Weise von seiner Findelkindexistenz Kenntnis erlangt hat, macht er sich unverzüglich auf den Weg zum Abt, um ihn mit dieser neuen Erkenntnis zu konfrontieren.16 Das Gespräch ist trotz des ernsten Themas geprägt von Zärtlichkeit. Der Erzähler gibt den Dialog szenisch wieder und verzichtet darauf, eine Beurteilung vorzunehmen. Rückschlüsse auf die intendierte Wertung lassen sich nur aus der Argumentation selbst ziehen.

Gregorius dankt dem Abt zunächst dafür, dass er ihn, das Findelkind, “so zärtlichen [...] erzogen" (G.1401) hat, denn ihm ist klar geworden, auf welche soziale Position ihn die Umstände ohne die Intervention des Abtes fixiert hätten. Sein Status in der Fischerfamilie wäre der eines rechtlosen Knechtes und Leibeigenen gewesen. Nach der Anerkennung für die ihm erwiesene Wohltat beginnt er damit, um den Abschied zu bitten. Diese Bitte begründet er so: “ja vertrlbet mich diu schände" (G.1426) In die Erwiderung des väterlichen Erziehers sind viele liebevolle Floskeln eingeflochten. Er spricht seinen Zögling mit den Worten “vil liebez kint“ (G.1432) an und hebt hervor, wie reich Gregorius durch sein angenehmes Äußeres und seine vielfältigen Begabungen von Gott beschenkt worden ist. Gregorius wird als “ein saelic jungelinc“ (G.1457) bezeichnet, und der Abt versucht ihn mit vielen Argumenten von den Vorteilen seines bisherigen Lebens zu überzeugen, gleichzeitig stellt er aber auch fest, dass die Entscheidung für oder gegen das Klosterleben frei und eigenständig von Gregorius getroffen werden kann. Er erinnert den Jüngling daran, dass Gott ihm "vil vríe waľ (G.1439) gegeben hat. Dieses Argument wendet sich zusammen mit dem Ausspruch “sun, nü wis dir selben holt“ (G.1450) wie von selbst gegen den Abt, denn eine Entscheidung trifft Gregorius ja für sich. Und er bleibt sich treu, indem er seiner Intuition folgt und den Abt verlässt. Gregorius zeigt in seinen Redeanteilen, dass die klösterliche Ausbildung sich sehr positiv auf sein rhetorisches Geschick ausgewirkt hat. Zu Beginn des Gespräches stellt er nicht sein Begehren in den Vordergrund, stattdessen betont er, dass er gehen muss. Er erträgt die Vorstellung nicht, noch einmal hören zu müssen, dass er ein Findelkind ist und will er in ein Land gehen, wo niemand seine Geschichte kennt. Eine Aussage in diesem Zusammenhang enthält ein vorausdeutendes Element: “ich wolde ê sîn da nieman ist, ê daz ich über diese vrist belibe hie ze lande“ (G.1423). Dass dies kein leeres Gerede ist zeigt sich, wenn Gregorius sich nach Bekannt werden der inzestuösen Beziehung mit der Mutter auf der Felseninsel aussetzen lässt. Erst als der Abt ihn zu beschwichtigen sucht, und ihm versichert, dass er Maßnahmen ergreifen werde, um die Verbreitung dieser Angelegenheit zu verhindern, nennt Gregorius zwei weitere Gründe, die ihn fort ziehen. Da er nun weiß, dass er nicht der Familie des Fischers angehört, hegt er die Hoffnung “von solhem geslähte“ (G.1497) zu sein, dass er Ritter werden könnte, sofern er “den willen und dazgeraete“ (G.1500) hätte.

Zum Schluss bekennt er, dass er sich vorstellen könnte trotz der Schande zu bleiben, wenn er “den willen haete“ (G.1512) und das Leben des Abtes als ein für sich erstrebenswertes erkannt hätte.

Eigentlich scheint Gregorius nur auf eine Gelegenheit gewartet zu haben, seinen lange gehegten Wunsch nach einem höfischen Leben behaupten und vertreten zu können, denn die plötzliche Identitätskrise eröffnet ihm in erster Linie neue Perspektiven. Als Indiz dafür lässt sich anführen, dass Gregorius sich im Gespräch mit dem Abt überhaupt nicht mit Fragen nach den näheren Umständen seiner Auffindung aufhält, sondern gleich seinen Wunsch nach Veränderung proklamiert. Obgleich der Abt darum weiß, dass dieser Anspruch berechtigt ist, versucht er Gregorius dennoch von der Umsetzung abzuhalten. Er macht ihm zwei Vorschläge: Zum einen eröffnet er ihm die Aussicht sein Amtsnachfolger zu werden, zum anderen schlägt er ihm eine "riche hîrâf (G. 1661) vor. Der Abt handelt aus Liebe, er möchte seinen Zögling bei sich behalten. Dennoch erscheint er paradoxer Weise als Versucher, denn die von ihm in Aussicht gestellten Möglichkeiten sollen ja dazu führen, Gregorius von dem ihm bestimmten Weg abzubringen. Gregorius selbst erwidert dem Abt dann auch: "versuochet ez niht sô verre” (G.1675) und stellt fest, dass er nicht bestrebt ist “gemach vür ère” (G.1676) einzutauschen. Er wählt bewusst den schwierigeren Weg. Dass dieser Weg der richtige ist, erweist sich am glücklichen Ende. Ursula Storp sieht Gregorius1 Entscheidung etwas anders und zählt somit zu jenen Interpreten, die sich darum bemühen, ihm an dieser Stelle eine persönliche Schuld nachzuweisen, da ihm diese beim unwissentlich begangenen Inzest mit der Mutter ungleich schwieriger zu unterstellen ist.17 Für sie ist sein Wunsch nach Rückkehr in die ihm durch seine Geburt zustehende Existenzform “ein illegitimes Begehren", das “ihn zum Mitstreiter des Teufels werden lässt“. Als Begründung für dieses Urteil wird von ihr angeführt, dass Gregorius “zum Zeitpunkt seines Aufbegehrens“ noch nichts weiß von seiner ritterlichen Abstammung.18 Ist aber ein Wissen, das tief im Innern gewusst und empfunden wird, nicht höher einzustufen, als eines, das bloß verstandesmäßig erfasst ist?

Schließlich ist die ritterliche Anlage in Gregorius so stark verankert, dass seine intensiven Phantasien vom Reiten und Waffengebrauch seine Ausbildung zum Ritter ersetzen. Und lässt Gott nicht zu, dass Gregorius durch Zufall davon erfährt, dass er von seinen Eltern ausgesetzt worden ist? In der Textstelle finden sich außer den Einwänden des Abtes jedenfalls keine Hinweise, die Gregorius' Entscheidung negativ und vom Teufel inspiriert bewerten, anders afs im Prolog und im Zusammenhang mit den beiden Inzestgeschehen. Vielmehr lässt sich ein klares Ursache-A/Virkungsverhältnis erkennen, nachdem, angefangen bei Gregorius1 Geburt bis hin zu seiner Erwählung zum Papst, alle Ereignisse in einem chronologischen und kausalen Zusammenhang stehen. Oliver Hallich stellt fest, dass sich in dieser Ereigniskette eine “theologisch-lineare Handlungskonzeption zeigt, bei der keines der späteren Stadien hätte erreicht werden können, wenn nicht das vorhergehende der Anlass dazu gewesen wäre“.19

Selbst der Abt gesteht schließlich ein: “dû bist [...] des muotes niht ein klosterman“ (G.1635), und erwünscht dem Sohn “heil zuo [...] ritterschafť (G.1640).

Rückkehr nach Aquitanien

Für die Erzähllogik unabdingbar ist Gregorius’ Suche nach seinem Ursprung und die Rückkehr nach Aquitanien ohnehin. Die jahrelange Belagerung und Bedrohung des Herrschaftsgebietes der Mutter durch den zurückgewiesenen Freier konnte nur durch Gregorius Heimkehr und seine Intervention als ritterlicher Erlöser beendet werden. Dass der ritterliche Befreier die Herrscherin zur Frau bekommt, ist in der höfischen Literatur ein gängiger Topos. Dass mit dieser Heirat der Inzest in gesteigerter Form wiederholt wird, ist eine Besonderheit dieser Legende. Der Erzähler erklärt dies damit, dass "des tiuvels wille“ (G.2246) sich erneut durchsetzt. Verwunderlich ist, wie es überhaupt zur Eheschließung zwischen Mutter und Sohn kommen kann, da sich einige wichtige Details hinderlich hätten auswirken sollen. Dass in der zustande kommenden Ehe die Frau bedeutend älter ist als der Mann, mag zwar frappieren, ist aber kein Einzelfall. Hierfür finden sich auch andere Literaturbelege. Aber ein Findelkind, das in die Fremde zieht, sollte sich bei jeder Begegnung mit einer Frau im passenden Alter fragen, ob jene nicht die unbekannte Mutter sein kann. Selbiges gilt natürlich auch für die Mutter in Bezug auf unbekannte junge Männer, die von fern her über das Meer kommen.

Über dieses versäumte Gedankenspiel hinaus, ignoriert die Mutter aber auch ein eindeutiges Indiz, das ihr über die Identität des jungen Ritters Aufschluss hätte geben müssen. Sie ist nur leicht irritiert darüber, dass er Kleidung trägt aus demselben Stoff, den sie einst ihrem Sohn mit auf den Weg gegeben hatte. Ihr überraschendes Interesse an dem fremden Jüngling erklärt sie sich eben damit. Es wird auch erwähnt, dass sie ihn sich länger und aufmerksamer ansieht, als sie sich seit dem Abschied von ihrem Bruder je einen Mann angesehen hat. Schließlich steht noch ihre Weigerung, sich zu vermählen, einer ehelichen Verbindung entgegen. Schließlich hatte sie sich “zuo ir minne erwelt [...] den gnaedigen got“ (G. 871). Doch die Empfehlung ihrer Landesherren, nach der erfolgreichen Beendigung der Belagerung einen Mann zu wählen, “der in ze herren gezaeme“ (G.2204), reicht aus, um alle Bedenken zu zerstreuen. Die zusammenfassend erzählte Ratsversammlung der Vasallen (G.2188 - 2220) endet mit der Sentenz, dass die Ehe die beste Lebensform auf Erden sei (G.2221 - 2224). Im Zusammenhang mit der sich anbahnenden Inzest-Ehe muss diese Aussage auf die Rezipienten des Textes, die ja über ein größeres Wissen als die Figuren verfügen, ausgesprochen ironisch wirken. Ironie schwingt auch mit, wenn sich die Dynastin wie zum Schein Gedanken darüber macht, wen sie sich zum Ehegemahl wählen soll. Denn dass ihre Wahl auf den fallen wird, “den ir got hete gesant ze loesene sì unde ir lanť (G. 2242), ist von vornherein klar.

5. Elterliche Vorsorge und Versäumnisse im Gregorius

Ein wichtiges und immer wiederkehrendes Thema im Gregorius ist die von den Eltern getroffene Vorsorge für ihre Nachkommen und diesbezügliche Versäumnisse. Obgleich die Eltern - zu denen auch Abt Gregorius als geistiger Vater gerechnet wird - in bester Absicht darin bemüht sind, die Angelegenheiten ihrer Kinder zu regeln, gelingt ihnen dies nur unzureichend. Im Text klagen sich die jeweiligen Figuren selbst für die mangelnde Weitsicht an, vom Erzähler wird ihr Verhalten dagegen nicht negativ bewertet.

Im Gregorius wird zunächst von den Vorkehrungen erzählt, die der Vater des Geschwisterpärchens vor seinem Ableben trifft. Das Verhalten des sterbenden Landesherrn wird vom Erzähler mit den Worten kommentiert: “dö tet er sam die wîsen tuonť (G. 194). Er lässt die Besten und Vertrauenswürdigsten seines Landes kommen und befiehlt ihnen seine Kinder an. Damit ist er offenbar die Sorge um seinen Sohn los, denn er sagt zu ihm:

G. 233 sun, war umbe weinest dû?

jâ gevellet dir nû min lant und michel ère

Doch anders ist es um die Tochter bestellt, denn er macht sich Vorwürfe und bezeichnet sein Verhalten ihr gegenüber als “unväterlich” (G. 242), da er “ir dine niht baz geschaffet hân” (G. 241). Worin genau das Versäumnis der Tochter gegenüber besteht, wird verschwiegen. Aber er meint, diese Aufgabe an seinen Sohn delegieren zu können, indem er ihm die Verantwortung für das Mädchen überträgt. Sicherlich geht es zu weit zu behaupten, dass der Vater im Zustand des Sterbens seherische Fähigkeiten entwickelt habe, die ihn die weitere Entwicklung vorausahnen lassen. Aber die Besorgnis um die Tochter und die Formulierung der Mahnung gegenüber dem Sohn, er solle sich der Schwester gegenüber "bruoderlîchen" verhalten, birgt Spielraum für gedankliche Kapriolen. Sein Versuch, die Zukunft der Tochter durch den Sohn in geregelte Bahnen zu leiten, scheitert jedenfalls gründlich. Weshalb der Vater es selbst versäumt hat, wird nicht explizit thematisiert, doch ein Grund besteht wohl darin, dass er “mit [iu] beiden alrêrst vreuden walten und wünneclîchen alten” (G. 216) wollte.

Daher rührt wohl auch sein Kummer, denn dann war sein Handeln von Eigennutz bestimmt, und das rückt ihn an die Seite von Herzeloyde.

Das Ableben des Vaters scheint den Geschwisterinzest jedenfalls erst zu ermöglichen. Wie oben bereits angeführt, ist das Fehlen der huote ein ausschlaggebendes Moment.

Als mit der Schwangerschaft die Folgen des Geschwisterinzests irreversible Formen annehmen, trifft der Bruder Vorsorge, die so geschaffene Tatsache geheim zu halten. Zum einen um zu gewährleisten, dass “unser kindelîn mit uns iht verloren sî” (G.472), aber vor allem damit “unser zweier schände sì verswigen deste baz" (G. 564). Er selbst schlägt vor, außer Landes zu gehen und fügt sich der Idee des Ratgebers, zur Pilgerfahrt aufzubrechen. Gregorius’ Mutter lässt aus demselben Grund die Aussetzung ihres Sohnes zu. Wie der Vater aus der Sphäre des Hofes entfernt werden musste, muss auch Gregorius unmittelbar nach seinem Eintritt in die Weit daraus verschwinden, da er durch das Stigma der inzestuösen Zeugung keinen Platz darin hat.

Die Aussetzung des Säuglings auf dem Meer ist eine äußerst drastische Maßnahme. Wie bei der Pilgerfahrt des Vaters nimmt der Ratgeber die Möglichkeit in Kauf, dass das Kind dabei zu Tode kommt. Obwohl die Überlebenschancen des Neugeborenen unverhältnismäßig geringer sind als die des Vaters, bleibt das Kind am Leben, während der Vater auf der Pilgerfahrt stirbt. Durch den zuvor eingeholten Gottesrat und die Ausstattung des Fässchens wird der Eindruck der Grausamkeit der Aussetzung abgemildert, aber die Errettung des Kindes lässt sich nur durch den Vergleich mit einem biblischen Wunder erklären. Die Mutter stattet ihr Söhnchen für die äußerst gefährliche Fahrt aus mit “rîchiu sîdîn wât” (G.711), “zwienzic marke von golde” (G.711) und einer Tafel aus Elfenbein, beschrieben mit seiner Herkunftsgeschichte. Das Geld soll für den Fall seiner Errettung seine Erziehung sicherstellen und im besten Fall noch vermehrt werden.

[...]


1 P. Ariès, s. 209.

2 a.a.O.,S. 209.

3 a.a.O., S. 10.

4 P. Ariès, S. 10.

5 Alle folgenden Zitate aus dem Gregorius werden zitiert nach: Hartmann von Aue, Gregorius. (1963).

6 Auf den nahe liegenden Vergleich mit Ödipus, wurde in der Sekundärliteratur wiederholt hingewiesen. Daher wird in dieser Arbeit nicht näher darauf eingegangen. Vgl. hierzu u.a. O. Rank.

7 Die rechtlichen und gesellschaftlichen Nachteile die Kinder aus inzestuösen Verhältnissen zu gegenwärtigen hatten, waren drastischer, als die für unehelich geborene Kinder. Vgl. hierzu Ch. Cormeau u. W. Störmer, S. 120.

8 Allerdings zeigt sich bei der Entdeckung des zweiten Inzests, wie sehr er doch immer unter seinem Geburtsmakel gelitten hat.

9 Zur Bedeutung der Nacht siehe auch H. und I, Daemmrich, S. 234.

10 Später wird sie anders handeln, denn niemand hätte von dem zweiten Inzest erfahren, wenn nicht sie selbst diese Tatsache nach dem Fund der Tafel offenbart hätte.

11 In Mütterliche Geliebte erklärt C. Brinker-von der Heyde sich den Mangel an Gegenwehr des Mädchens mit der gegenseitigen Liebe die zwischen den Geschwistern besteht, doch im Text findet sich kein Beleg für diese These. S.76.

12 Im Tristan beispielsweise opfert Brangäne ihre Jungfernschaft, um die fehlende Jungfräulichkeit Isoldes zu decken. Erec scheint bereit die tugendhafte Enite zu opfern, um das eigene fragwürdig gewordene Ansehen wieder herzustellen.

13 Ein schönes Beispiel für eine dichterische Gottesvorstellung, die frei von einer spezifischen geschlechtlichen Festlegung ist und Spielraum dafür lässt, Gott auch als Inbegriff des Urweiblichen zu imaginieren. Zudem ein Vorgriff darauf, dass Gott später auf der Felseninsel noch einmal als Gregorius Amme in Erscheinung treten wird.

14 Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass dieses Wissen im Mitteialter verbreitet war, dennoch scheint dieser Aspekt interessant, vor allem im Hinblick auf Überlegungen bezüglich des Vorhandenseins einer Art kollektiven Unterbewusstseins.

15 Thomas Mann, Der Erwählte (S.77).

16 E.-M. Carne, S. 46, stellt im Zusammenhang mit dem Wutausbruch der Fischersfrau folgendes fest: "Sie ist eine der wenigen Frauengestalten Hartmanns, die nicht rein positive Züge tragen.“ Weiter folgert sie, dass „lang unterdrückter Neid und Zorn aus ihr" hervorbricht, da sie schon lange empfindet, “dass der Fremdling den eigenen Kindern überlegen isť. Die Behauptung Carnes, Hartmann selbst würde diese Ausiegungsmöglichkeit im Text anlegen, lässt sich jedoch nicht belegen. Auffallend ist aber, dass die negative Figurenzeichnung einhergeht mit der Ansiedelung der Figur im sozial niedrigen Milieu.

17 Diesen Aspekt verhandelt Thomas Mann im Erwählten, hier bemerkt der Erzählerfigur zu recht, dass die Mutter unter den gegebenen Umständen bei jeder Begegnung mit einem jungen Mann damit rechnen muss, ihren Sohn vor sich zu haben. Dasselbe gilt für Gregorius, der ständig mit der Möglichkeit rechnen muss, seiner Mutter zu begegnen.

18 U. Storp, S. 225,

19 O. Hallich, S.115.

Ende der Leseprobe aus 77 Seiten

Details

Titel
Eltern und Kinder in ausgewählten epischen Texten des 12. und 13. Jahrhunderts
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,9
Autor
Jahr
2006
Seiten
77
Katalognummer
V288060
ISBN (eBook)
9783656882589
ISBN (Buch)
9783656882596
Dateigröße
5166 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eltern, kinder, texten, jahrhunderts
Arbeit zitieren
Christina Hollerith (Autor), 2006, Eltern und Kinder in ausgewählten epischen Texten des 12. und 13. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288060

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