Identitätskonstruktion in und durch Musikszenen am Beispiel der "Metalszene"


Hausarbeit, 2014

42 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Identitätsbegriff nach Erik H. Erikson

3 Die Identitätskonstruktion in der postmodernen Gesellschaft nach Heiner Keupp
3.1 Die Moderne und die Patchwork Identität
3.2 Ressourcen der Identitätsentwicklung.

4 Identitätskonstruktion in und durch Musikszenen am Beispiel der Metal-Szene
4.1 Definition von Musikszene
4.2 Interviewschwerpunkte und Forschungsmethodik
4.3 Interviewanalyse - Ressourcen der Metal-Szene zur Konstruktion von Identität

5 Fazit - Musikszenen als Plattform der spielerischen Selbsterkenntnis

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

In einer Gesellschaft, in der nichts mehr einen fest gesicherten Bestand zu haben scheint, in der alles immer schneller, flexibler und wechselhafter wird und Mobilisierung, Globalisierung und Pluralisierung zu den wichtigsten Themengebieten und Termini der Soziologie gehören, liegt es nahe, nach der Bedeutung von festen Strukturen und stabilisierenden Prozessen der Identitätsentwicklung zu fragen. „Identität“ als Begriff beschreibt, im aller einfachsten Sinne nämlich, etwas Beständiges. Einen Zustand des Sich-gleich-Seins und -Bleibens. Er steht damit unserer vielfältigen, sich dauerhaft wandelnden, modernen Gesellschaft gegenüber, in ständigem Konflikt. Ist es in einer solchen Gesellschaft noch immer notwendig traditionelle, gesellschaftlich vorbestimmte oder vorbereitete Rollen anzunehmen und durch das Durchlaufen und Bewältigen vorherbestimmter Entwicklungsaufgaben sich selbst als ein kontinuierliches, einheitliches Wesen innerhalb einer festen sozialen Gemeinschaft wahrzunehmen, so wie es der Vorreiter und Verbreiter des Identitätsbegriffs im psychologischen und erziehungswissenschaftlichen Kontext, Erik H. Erikson, erdachte. Oder müssen wir uns eher, wie es Heiner Keupp beschreibt, ständig neu entdecken und statt eines inneren Kerns, Identität über Teilidentitäten als sog. ‚patchwork Identität‘ immer wieder neu konstruieren und überarbeiten?

Eine Antwort auf diese Frage und eine allgemeine Definition von ‚Identität‘ versuche ich im ersten Schritt dieser Hausarbeit zu geben. Dies soll als Grundgerüst dienen, um im zweiten Schritt dann eine neue Möglichkeit für Identitätsarbeit zu untersuchen, welche zwar schon in kleinerem Maße seit dem 20 Jahrhunderts existiert, aber seit dem 21. Jahrhundert und vor allem in den letzten Jahren einen wahrhaften Boom erfahren hat - den Musikszenen.

Kaum eine andere Möglichkeit für Identitätsarbeit ist so interessengeleitet und wenig Traditions- und Standesabhängig wie die Musikszene. Gleichzeitig ist sie wenig vereinnahmend und ermöglicht schnelle Ein- und Austritte. Interessiert sich der jugendliche Identitätssuchende für die richtige Musik oder Mode, kann er eintreten und Teil einer Szene werden. Verliert er das Interesse, kann er wieder austreten. Es gibt in der Regel keine Sanktions- oder eindeutige Exklusionsmechanismen, so scheint es, die eine Partizipation verhindern würden. Musikszenen passen damit genau in des Bild der „fluiden Gesellschaft“ (Keupp, 2009, S. 60) Sie bieten eine große Auswahl an Rollenmodellen, Werten, Ideen und Idealen. Sie sind vielfältig und pluralisiert und dadurch für jeden augenscheinlich frei wählbar. Deswegen ist es kein Wunder, dass es immer mehr und vielfältigere Szenen und Sub-Szenen gibt.

Szenen scheinen den „Prototyp neuer Gesellungsformen“ (Hitzler, 2003 S. 14) zu bilden. Ob ältere Szenen wie: Popper, Hip Hopper, Punk, Techno und Rocker. Oder neuere wie: Otakus, Emo, Beatdowner, Gothic, , Black-Metaller oder Nu-Metaller. Die Menge an Szenen wird, wie die Angebote an Normen, Werten und Rollen einer pluralisierten Moderne, immer vielfältiger und damit einhergehend auch immer undurchsichtiger.

Deshalb stellt sich die Frage, ob eine einmal gefundene Szene zu einem festen Bestandteil der Identität werden kann. Hilft sie feste Eigenschaften und Charakteristika in der Identitätsentwicklung auszubilden und tritt damit vielleicht sogar an die Stelle an der in früheren Generationen traditionelle Rollenbilder Bestand hatten? Anders formuliert: Kann eine Musikszene Struktur für die Konstruktion von Identität geben?

Zur Beantwortung dieser Frage versuche ich anhand von einem qualitativen, leitfadengestützten Interview mit einem jugendlichen Metalfan, die Sichtweisen und Erlebnisse eines in die Metal-Szene involvierten Jugendlichen zu betrachten und so Theorien zur Strukturbildung durch die Szene, am Beispiel der Metalszene zu entwickeln. Diese Ergebnisse betrachte ich im Abgleich mit der Identitätstheorie Keupps, so wie den Forschungsergebnissen zu Musikszenen nach Ronald Hitzler, um abschließend Ideen zur Erforschung von ‚Szene-Identitäten‘ aufzuarbeiten und vorzuschlagen.

2 Der Identitätsbegriff nach Erik H. Erikson

Vor der Einführung des inzwischen inflationär gebrauchten Terminus „Identität“ durch Erik Erikson Mitte der 1940er Jahre, in die Psychologie (und wenig später dann als grundlegender Terminus in fast alle Sozialwissenschaften), war „Identität“ hauptsächlich in der Philosophie von Bedeutung. Es wurde und wird noch immer die erkenntnistheoretische Frage thematisiert, wann ein Gegenstand „A“ mit einem Gegenstand „B“ identisch ist. Der erkenntnistheoretische Identitätsbegriff bezieht sich damit auf die Relation zweier Größen (Barkhaus, 1999, S. 56).

Im umgangssprachlichen und psychologischen bzw. erziehungswissenschaftlichen Kontext ist diese Verwendung des Begriffs und diese Fragestellung allerdings von keiner oder nur geringerer Bedeutung. Entscheidender ist die Debatte um das, was zuvor von George Herbert Mead und William James als das „Selbst“ bezeichnet wurde (ebd., S. 55).

Der Begriff ‚Identität‘ erhielt damit erstmalig Einzug in eine Debatte, in der die Frage nach dem gestellt wurde, wie sich unser Ich-Sein zusammensetzt. Oder auch der Frage: „Wer bin Ich?“ (Barkhaus S. 56). Der Begriff „Identität“ versucht also eine Antwort darauf zu geben, wie sich unser Wesen zusammensetzt, und wie unsere nach Außen sichtbaren Charakterzüge zustande kommen. Simpel formuliert: Wer wir eigentlich sind.

Erikson selbst nütze nach Peter Conzen in seinen Werken insgesamt 17 Umschreibungs- und Definitionsversuche für den Begriff „Identität“ ( Conzen, 2010. S. 22). Dies allein zeigt einerseits wie komplex eine einheitliche Definition dieses Terminus eigentlich ist, andererseits aber auch die Sorgfalt und Genauigkeit die Erikson darauf bedacht hat eine möglichst umfassende Erläuterung dieses Terminus zu geben. Da eine voll umfassende Bearbeitung aller Definitionen und Aussagen Eriksons zu diesem Thema den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde, versuche ich nun die für diesen Kontext wichtigsten Aspekte der Definition von Identität nach Erikson herauszuarbeiten. Dazu führe ich zuerst die wesentlichsten Termini ein und erläutere dann die Bedeutung dieser für die allgemeine Definition von ‚Identität‘ nach Erikson. Besonders wesentlich sind dabei die beiden Termini: „Ich-Identität“ und „persönliche-Identität“ (ebd., S. 22).

Die sogenannte Ich-Identität beschreibt das subjektive Empfinden eine eigenständige zusammenhängende Person zu sein; dass, trotz aller neuen Erfahrungen sowie Veränderungen und Wandel in der Persönlichkeit, durch alle Lebensabschnitte hindurch, das Gefühl besteht immer die gleiche Person zu bleiben. Dabei beschreibt Erikson mit der Ich-Identität weniger eine starre unveränderliche psychologische „Charakterstruktur“, als ein „Gefühl von Identität“ (ebd., S. 23). Ich-Identität bedeutet also immer das Gefühl zu haben, wir selbst zu sein. Neben der Ich-Identität ist ein weiterer wichtiger Bestandteil des Identitätsbegriffs die persönliche Identität. Die persönliche Identität beschreibt dabei die Summe der nach Außen sichtbaren Charaktermerkmale. Sozusagen all das, was wir für die anderen darstellen (ebd., S. 24).

Verbindet man diese beiden zentralen Termini von Identitäten mit den drei oft zitierten Kerneigenschaften aus der wahrscheinlich bekanntesten Umschreibung von Identität nach Erikson, nämlich: „Gleichheit“, „Kontinuität“ und „soziale(r) Wechselseitigkeit“ (ebd., S. 23), erhält man eine erste Definition von Identität.

Ein Individuum muss, um eine gesunde Identität zu entwickeln, lernen und darauf vertrauen können, dass trotz aller Schwankungen und allen einfachen wie schwierigen Lebensabschnitten hindurch, trotz vielen Veränderungen des Charakters, ein einheitlicher kontinuierlicher Kern besteht, der in einem sozialen Wechselspiel mit den Anderen einer Gesellschaft für die Anderen und für sich selbst fortdauernd Bestand hat bzw. sichtbar bleibt.

Somit „schwankt [der Identitätsbegriff Eriksons] zwischen einem Prozess der gelebt und erlebt wird, und einem Bild, das wir immer wieder aus diesem Prozess herausgreifen, um uns selbst über uns selbst zu vergewissern“ (Conzen 2010 S. 23).Um dies zu ermöglichen, ist es von Bedeutung, dass sich das Individuum in seiner materiellen und sozialen Umgebung zugehörig und in ihr aufgenommen fühlt. Denn nur durch das soziale Wechselspiel des Sich-den-anderen-Darstellens und des Sichvergewisserns, dass die Resonanz des gespiegelten Selbstbildes einheitlich und kontingent bleibt, wird dem Individuum seine Identität bewusst. Ohne ein beständiges, sich uns mitteilendes, soziales Umfeld können wir schlicht nicht wissen, wer wir sind.

Da Erik H. Erikson seine Forschung hauptsächlich durch seine Arbeit als Psychoanalytiker betrieb, basiert seine Identitäts-Theorie vor allem auf einer tiefenpsychologischen Komponente. Als einer der bedeutendsten Schüler Sigmund und vor allem Anna Freuds basiert damit natürlich auch seine Identitäts-Definition und die Ausbildung dieser auf den Grundlagen der Psychoanalyse und dem Instanzenmodell Freuds. Dies ist zum weiteren Verständnis von großer Bedeutung.

Nach Freud gibt es 3 bildhafte, die komplexen Prozesse im Gehirn veranschaulichende Instanzen in der Psyche. Das „Es“, das „Ich“ und das „Über-Ich“ ( Freud, 1972 S. 9).

Dabei verkörpert das „Es“ die ungefilterten Begierden, Triebe und Neigungen und symbolisiert damit, angeborene Lust- und Unlustgefühle, die es stets zu gewinnen bzw. zu vermeiden gilt. Das „Über-Ich“ spielt dabei den Gegenpart und verkörpert die durch Erziehung und Gesellschaft sozialisierten Normen, Werte und Gesetzesvorstellungen, welche zwingend eingehalten werden sollen. Während das „Ich“ als Verwalter und Richter zwischen diesen beiden Instanzen verhandeln und eine für beide Seiten befriedigende Lösung finden muss. (vgl. Freud, 1972 S. 9-10). Des Weiteren verknüpft das Ich die Erfahrungen der Außenwelt mit denen des psychischen Apparates[1] und versucht Kompromisse zwischen diesen zu ermöglichen. „So stimmt die synthetische Funktion des Ich die tausendfachen Funktionen, Reize innerhalb des Nervensystems zu einem zusammenhängendes Erleben, Denken und Handeln ab […]“ ( Conzen, 2011 S. 25)

Das Ich spielt damit für Erikson eine wesentliche Rolle, um eine gesunde Identität auszubilden. So muss eine sogenannte „Ich-Stärke“ (ebd., S. 26) entwickelt werden, die es ermöglicht das Ich über die anderen Instanzen zu heben, sodass es gefestigt zwischen allen Trieben, Gesetzen und äußeren Umständen abwägen und verhandeln kann.

Um diese auszubilden, müssen die von ihm erforschten 6 psychosozialen Entwicklungsstufen[2] und die damit verbundenen Entwicklungsaufgaben bewältigt werden, die in jeder wichtigen Episode des menschlichen Lebens anstehen und unumgänglich sind. Vor allem aber müssen in der Phase der Adoleszenz die Grundsteine für die spätere Entwicklung gelegt werden. Dies geschieht in Form eines psychosozialen Moratoriums; eines Aufschubs, in dem der Jugendliche, in einem gesellschaftlich anerkannten Spielraum des Austestens, Grundstrukturen der Identität finden und durch die Entwicklungsaufgaben erproben und erlangen kann (ebd., S.81). Die Bewältigung dieser Aufgaben und das Durchlaufen dieses fest bestimmten Phasenmodells, dessen Phasen zwar nicht zeitlich festgeschrieben sind (und bei dem nur ungefähre Altersangaben für die jeweilige Phase angegeben werden), die Reihenfolge aber für jeden die gleiche sein soll, ist die einzige Methode, um zu einer gesunden Identität und einer charakterlichen Weiterentwicklung ohne psychische Krankheiten, so wie fortdauernden „Identitätskrisen“ (ebd., S. 25) zu gelangen, welche durch das Nicht-bewältigen der Entwicklungsaufgaben entstehen (vgl. auch Barkhaus S. 62).

Dadurch ist Identität für Erikson vor allem ein vorbewusster Zustand und eine Leistung unbewusster „Ich-Funktionen“ (Conzen, 2010 S. 27), welche durch psychische Abwehrmechanismen als Filter der Triebe des Es und der Gesetze des Über-Ich ein für alle drei Instanzen befriedigendes, einheitliches, kontinuierliches Gesamtbild zusammenfügen. Eine gesunde bzw. stabile Ich-Identität besteht also erst dann, wenn das Ich so gefestigt ist, dass es zwischen den beiden anderen Instanzen möglichst problemlos walten und richten kann. Eriksons Identitätsbegriff bewegt sich zusammenfassend also in einem Spannungsfeld von einem Gefühl des Ich-Selbst-seins und einer nach außen wirkenden Selbstdarstellung und einer Abhängigkeit von den Anderen; also einer Art des Mit-den-Anderen-seins. Einerseits betont er das individuelle Gefühl von Identität und erstmalig die besondere Bedeutung der Funktion des Ich, während es zuvor eher als „armes Ding“ (Conzen, 2010, S. 26) zwischen den beiden mächtigen Instanzen des Über-Ich und des Es galt. Andererseits hat die Gesellschaft und eine gesicherte Struktur eine hohe Bedeutung, um ein stetiges Gefühl von Identität auszubilden. So beschreibt Erikson jene Passungs zwischen dem subjektiven Innen und dem gesellschaftlichen Außen, welche Heiner Keupp als Grundlage der Identitätsentwicklung sieht. (Keupp, 2009 S. 54). Identität generell erhält damit eine hohe Bedeutung für die psychische Gesundheit und die Zufriedenheit eines jeden Individuums.

Die Bedeutung und die Definition, die Erikson damit liefert, und die Frage nach dem, was Identität eigentlich ist, wirken eher unkritisch. Denn Identität als Kombination von Ich-Identität und persönlicher-Identität mit einer stabilen Psyche, die nicht von einer der beiden Instanzen neben dem Ich überwältigt wird, beschreibt relativ gut die exakte Passungsarbeit des psychischen Innenlebens und des Selbstbildes mit dem gesellschaftlichen Außen und den sozialen Strukturen in die jedes Individuum eingebunden ist. Interessanter scheint die Frage nach dem, wie Identitätsarbeit heute geleistet wird; die Frage ob in der heutigen Gesellschaft die Identitätsarbeit als Durchlaufen eines Phasenmodells und kreieren eines Wesenskerns, noch so funktioniert wie sie Erikson beschreibt und wenn nicht, wie sie dann funktionieren kann.

3 Die Identitätskonstruktion in der postmodernen Gesellschaft nach Heiner Keupp

3.1 Die Moderne und die Patchwork Identität

In den 80er Jahren stand die Theorie Eriksons erstmals unter heftiger Kritik. Kritisiert wurde, dass ein festgeschriebenes Modell und eine linear verlaufende Entwicklung eines jeden Individuums in den immer gleichen Mustern, in einer postmodernen Welt in der alles flexibel und immer schnelllebiger wird, nicht (oder zumindest nicht mehr) bestehen kann. Aus diesem Grund wurden neue Theorien der Identitätsarbeit bekannt. Eine davon ist die der „Patchwork Identität“ nach Heiner Keupp. So schreibt Heiner Keupp in seiner Abhandlung: „Identitätskonstruktionen in der spätmodernen Gesellschaft - Riskante Chancen bei prekären Ressourcen“ (2009), dass sich die Kritiken an Erikson hauptsächlich auf „seine Vorstellungen eines kontinuierlichen Stufenmodells, dessen adäquates Durchlaufen bis zur Adoleszenz eine Identitätsplattform für das weitere Erwachsenenlebens sichern würde“, bezogen ( Keupp, 2009 S. 55).

Jede Vorstellung von etwas kontinuierlichem und die Ausbildung eines beständigen Wesenskerns sei, seit dem Worte wie Pluralisierung, Globalisierung oder Individualisierung die Entwicklung und die Prozesse der postmodernen Gesellschaft beschreiben, nicht mehr denkbar. Die bei Erikson so zentrale Phase der Adoleszenz, in der wie beschrieben in einem psychosozialen Moratorium die grundlegenden Eigenschaften der Identität ausgebildet und eben jener einheitlicher Wesenskern herauskristallisiert werden soll, drohte unter solchen Bedingungen als eine Art veraltetes Bild einer falschen Beständigkeit in nicht unerheblichem Maße ihre Bedeutung zu verlieren. Viel mehr bestand unter den Kritikern die Annahme, dass ein dauerhaftes Bearbeiten der Identität durch das ganze Leben hindurch geschehen muss. Es würden ständig Charaktermerkmale ausgetauscht und verändert, ohne das etwas in einem bestimmten Lebensabschnitt kontinuierlich Bestand hätte. Keupp bezeichnet dies als: „Dekonstruktion klassischer Identitätsvorstellungen“ ( ebd. S. 53). So wurden „in der Dekonstruktion grundlegender Koordinaten modernen Selbstverständnisses […] vor allem Vorstellungen von Einheit, Kontinuität, Kohärenz, Entwicklungslogik oder Fortschritt zertrümmert“. (ebd., S. 56)

Damit hätten sich die Metaphern für Identität nach Keupp grundlegend geändert. Denn abgesehen von einigen Querdenkern wie Friedrich Nietzsche waren bis ins 20 Jahrhundert hinein eher Metaphern wie die eines „stahlharten Gehäuses der Hörigkeit“ (ebd., S. 58) nach Max Weber gängig. Es ginge und gehe immer noch darum, sich in dem von der Gesellschaft vorgegebenen „Identitätsgehäuse einzurichten“ ( ebd., S. 56). Doch hat es den Anschein, dass dieses Identitätsgehäuse zunehmend die Struktur verliert. Oder, in der Metapher gesprochen, die Bestandteile wie Boden, Wände oder das Dach selbst gesucht und konstruiert werden müssen.

Als Beispiel dafür zeigt Keupp Statistiken auf, die deutlich machen, dass einer der wichtigsten Bereiche des Lebens zur Identitätsstiftung verloren gegangen ist. Es sei in der heutigen Gesellschaft nicht mehr gängig, denselben Beruf für längere Zeitspannen auszuüben. Zwei von drei Beschäftigten übten ihre aktuellen Jobs weniger als fünf Jahre aus (ebd., S. 61). So wird von dem in der Postmoderne lebenden Menschen eine lebenslange Flexibilität erwartet, die feste Strukturen (wie gesicherte Arbeit, einen festen Wohnort und damit auch das beständige soziale Umfeld), nicht mehr ermöglicht und dafür sorgt, dass jedes Individuum immer anpassungsfähig bleiben muss. Statt die von Arbeitswelt, Schicht oder gesellschaftlichem Stand vorgefertigten Rollen übernehmen zu können, müssen nach Keupp deshalb nun alle Teile der Identität aus diversen Angeboten einer pluralisierten Moderne selbst gesucht und zusammengesetzt werden. Diese werden dann über unterschiedliche, teils widersprüchliche Projekte zu Teilidentitäten zusammengesetzt. Um diese Art der Identitätsarbeit zu beschreiben, nutzt Keupp die Metapher der „Patchwork Identität“ (ebd., S. 58).

Mit dieser Metapher und der neuen Bedingung der ständigen Flexibilität jedoch, sei „Lebenskohärenz kaum mehr zu gewinnen.“ (ebd., S. 62) Identitätsarbeit muss deswegen heute anders geleistet werden als es Erikson beschreibt. Statt eines Vertrauens auf einen inneren Kern und einem spielerischen Schonraum in der Phase der Adoleszenz, müssen nun, durch bestimmte Ressourcen und der „inneren Selbstschöpfung“ (ebd., S. 63), die „Fähigkeiten zur Selbstorganisation“ (ebd., S. 64) erlernt werden und der Sinn im Leben, sprich Lebenskohärenz, selbstständig immer wieder neu gefunden werden. Was aber sind diese Ressourcen und wie kann dies gelingen?

3.2 Ressourcen der Identitätsentwicklung.

Heiner Keupps Modell der postmodernen Identitätskonstruktion basiert auf zwei wesentlichen Bereichen der Identität. Es basiert auf den „Dimensionen der Passungs- und Verknüpfungsarbeit“ (ebd., S. 64) sowie der inneren Dimension und der äußeren Dimension. Die innere Dimension ist zu vergleichen mit dem, was Erikson mit Ich-Identität beschreibt. Sie soll durch Synthesearbeit authentisch bleiben (ebd., S. 64). Das bedeutet, dass alle gesammelten Erfahrungen und Variablen des Erlebten miteinander so verknüpft werden müssen, dass wir uns selbst als möglichst widerspruchslos erleben können. Dazu müssen natürlich bestimmte Rollenmodelle, Ideale, Werte und Normen, die durch Medien, Familie, Schule, also der gesamten äußeren Erlebenswelt vermittelt werden, sortiert und teilweise aussortiert werden. All dies geschieht in einer Verknüpfungs- und Passungsarbeit mit der äußeren Dimension, welche genau diese äußere Erlebenswelt darstellt. Sie ist mit der persönlichen Identität Eriksons zu vergleichen und in ihr soll vor allem durch Gruppenzugehörigkeiten und sozialem Engagement Anerkennung generieret werden, was schließlich zur Selbstanerkennung und Kohärenz führen soll. Dies geschieht durch das Aneignen von sog. Teilidentitäten und Betreiben von verschiedenen Projekten, aus denen Teilidentitäten gewonnen werden. Dieses Identitätsmodell beschreibt damit 3 Ebenen. In der untersten werden unzählige Projekte, verstanden als unterschiedlichste Erfahrungen und Handlungen des Individuums, organisiert, geordnet und in einen Zusammenhang gebracht. In einer höheren Ebene müssen genetisch und gesellschaftlich festgeschriebene, oder aber persönlich festgehaltene Teilidentitäten aus diesen Projekten gebildet werden. Und in der Metaebene schließlich sind die dominierenden, also die wesentlichen Teilidentitäten, Werteorientierungen, Lebenssinn, Identitätsgefühl und die Biografie zu verorten (siehe Grafik, Keupp 2009 S. 64). Diese drei Ebenen müssen durch das Leben hindurch ständig neu verwaltet und organisiert werden. Dazu werden, nach Keupp, spezifische Ressourcen der Identitätsarbeit benötigt. Diese versuche ich im Folgenden kurz darzustellen, um abschließend im letzten Kapitel auf diese zurückzugreifen und mit den Ressourcen der Musikszene vergleichen zu können. Diese Ressourcen sind:

Lebenskohärenz:

Lebenskohärenz bedeute einen „kohärenten Sinnzusammenhang“ zu finden; eine zusammenhänge Lebensgeschichte erzählen zu können, die dafür sorgt, dass zwischen den Teilidentitäten Zusammenhänge geknüpft werden. Lebenskohärenz bezeichnet den Grund weiter zu leben und die Sinnhaftigkeit des Lebens selbst. Sinn jedoch kann nicht durch „das Reservoir allgemein geteilter Werte“ übernommen werden (Keupp, 2009 S. 65). Es muss selbst danach gesucht und Veränderungen in Kauf genommen werden. Dies geschieht nach Keupp hauptsächlich durch Narration. Wir entwickeln unser Selbstbild durch das, was wir den anderen und uns erzählen. Wir stellen uns in Gesprächen den anderen dar und erfahren uns durch das gesagte gleichzeitig selbst als logisches und zusammenhängendes Wesen. Wodurch ein Sinnzusammenhang gestiftet werden soll.

„Materielle Ressource“

In Deutschland stellen die materiellen Ressourcen noch immer wichtige Mittel dar, um in unserer Gesellschaft Identität zu entwickeln. Ohne Ressourcen wie: Geld, Bücher oder auch warmer Kleidung ist es schwer sich in einer kapitalistischen, wettbewerbsorientierten Gesellschaft durchzusetzen und es werden die Türen zu Bildung, bestimmten sozialen Gruppen, Werten etc. und damit letztlich zu anderen wichtigen Ressourcen der Identitätsarbeit verschlossen.

[...]


[1] Der psychische Apparat bezeichnet die drei genannten Instanzen ( Es, Ich und Über-Ich) und die Ebenen des Vorbewussten, Unterbewussten und Bewussten (siehe dazu auch: Fernuni-Hagen, 2014).

[2] Die psychosozialen Entwicklungsstufen bilden eine Erweiterung der psychosexuellen Entwicklungsstufen Anna Freuds, um 3 weitere Stufen, bis ins hohe Alter und behandeln hauptsächlich die soziale Komponente der Entwicklung. Dieser Punkt hat im folgendem aber eine untergeordnete Bedeutung, bei weiterem Interesse, siehe dazu auch: Conzen, 2010, S. 63 ff..

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Identitätskonstruktion in und durch Musikszenen am Beispiel der "Metalszene"
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Medien,Jugend,Identität
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
42
Katalognummer
V288692
ISBN (eBook)
9783656889687
ISBN (Buch)
9783656889694
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musikszene, heavy Metal, Identitätskonstruktionen, Jugend, Medien, Identität, Erikson, Heiner Keup, Hitzler, Metal-Szene, Leitfadeninterview
Arbeit zitieren
Tobias Blase (Autor), 2014, Identitätskonstruktion in und durch Musikszenen am Beispiel der "Metalszene", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288692

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