Zur Entwicklung des allgemeinbildenden und berufsvorbereitenden Schulwesens in Strehla an der Elbe

Eine regionalgeschichtliche Untersuchung


Bachelorarbeit, 2011
55 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Parochialschule und das Lehn Corpus Christi in Strehla

3 Die ersten Jahre nach der Reformation Luthers

4 Die Mädchenschule in Strehla
4.1 Die Folgen des 30-Jährigen Krieges
4.2 Die Beseitigung der Missstände im Schulwesen

5 Die neue Schulordnung von 1773 und deren Auswirkungen

6 Die Schule in Strehla in den Jahren 1835 bis 1873

7 Die Gründung einer Sonntagsschule in Strehla

8 Die Schule in der Zeit des Kaiserreiches

9 Der Aufbau einer Handelsschule in Strehla

10 Die Schule im 1. Weltkrieg

11 Säkularisierung und andere Neuerungen in der Weimarer Republik

12 Der Aufbau einer Berufsschule in Strehla

13 Die Schule im Nationalsozialismus und während des 2. Weltkrieg

14 Die Schullandschaft in der DDR und der Gegenwart
14.1 Die ehemalige Volksschule und heutige Grundschule
14.2 Der Schulneubau auf der Leckwitzer Straße
14.3 Die Berufsschule

Quellen- und Literaturverzeichnis

Anlagenverzeichnis

Anmerkung: Aus Gründen des Datenschutzes wurden für diese Veröffentlichung sämtliche Namen aus den Schulakten der Kirche zu Strehla anonymisiert.

1 Einleitung

Strehla war seit seiner Gründung ein Ackerbürgerstädtchen mit den für die Befriedigung der Bedürfnisse der Schlossherren von Pflugk und eines kleines bäuerlichen Hinterlandes genügenden bürgerlichen Handwerken. Bereits um das Jahr 1000 herum führte die Salzstraße von Halle ausgehend an Strehla vorbei und dadurch kam es zur Gründung eines Salzmarktes gekommen, wie KLEBER (1909, 32) recherchiert hat. Neben dem Salzhandel entwickelten sich weitere Handelszweige und in einem wechselwirkenden Kreislauf bildete sich auch das Schulwesen heraus. Strehla ist ebenso ein uralter Elbübergang, der auch gegenwärtig noch existiert. Die Besitzer des Schlosses, die Familie von Pflugk, waren seit 1415 nachweisbar im Besitz des Zollrechts. Die Seilerei blühte im 17. -19. Jahrhundert und die Töpferei bereits seit dem 16. Jahrhundert. Auch die Leim- und Düngerfabrikation in Strehla kann auf eine circa 180-jährige Tradition zurückblicken. Ferner gab es eine Dampfsäge und ein Hobelwerk, eine Filiale der Colditzer Steingutfabrik und eine Metallwarenfabrik. Die nun fast 500 Jahre andauernde Schulgeschichte und die damit einhergehende (Weiter-)Entwicklung und Umstrukturierung dieses elementaren Gesellschaftsbereiches soll Inhalt dieser Arbeit sein. Bisher erzielte Ergebnisse verschiedener Heimatforscher sollen analysiert und zusammengefasst sowie die aktuelle Situation mit einbezogen werden. Die Gliederung orientiert sich an wichtigen Entwicklungsetappen und Gesetzesänderungen im Schulwesen in Strehla und in Sachsen, wie den Auswirkungen der Reformationsbestrebungen Luthers oder die des „Gesetz[es], das Volksschulwesen betreffend“ aus dem Jahr 1873. Auf das kurze Bestehen der Handelsschule in Strehla wird genauso eingegangen wie auf den Aufbau des Mädchenschulwesens. Kennzeichnend und prägend für die Schulentwicklung in Strehla war neben dem Einfluss der evangelischen Kirche der fortwährende Mangel an ausreichend Lehrpersonal und Unterrichtsräumen. Dieses Faktum zieht sich fast bis zum heutigen Tage wie ein roter Faden durch die Strehlaer Schullandschaft und lässt sich anhand vieler Belege, wie den Schreiben und Bittschriften verschiedener Lehrkräfte an das königliche Bezirksschulamt in Oschatz oder auch die erhaltenen Visitationsberichte aus dem Kirchenarchiv untermauern. Neben der Recherche vor Ort im Kirchenarchiv zu Strehla standen für diese Arbeit aufgrund der langen Schultradition und Ortschronistentätigkeit auch unterschiedlich Veröffentlichungen, wie die Bücher RUPPELS und KLEBERS, zur Verfügung. Ferner hatte sich FRIEDEMANN mit dem Thema der Sonntags-schulen und deren Entwicklung in Strehla und anderen Orten Sachsen befasst. Aber auch Werke, die sich mit der Gesamtsituation an Sachsens Schulen auseinandergesetzt haben, so wie MOHR, REBLE und SCHMIDT fanden hier Beachtung. Am Ende dieser Arbeit befindet sich ein Zeitstrahl, der die Ergebnisse und Daten zusammenfassend darstellt.

2 Die Parochialschule und das Lehn Corpus Christi in Strehla

Die ersten Schulen, auch in Strehla, wurden unter der Obhut der Kirche errichtet. Sie gründete Kloster- und Domschulen und in Ihnen erhielten werdende Geistliche und Adlige ihre Bildung. Um das Jahr 972 ist es zur Gründung einer Parochialschule in Strehla gekommen, so KLEBER (1909, 259), in der vor allem christliche Werte gelehrt wurden. „Von weiteren Unterrichtsgegenständen, wie Lesen, Schreiben und Rechnen dürfte wohl kaum die Rede gewesen sein, zumal der damalige Bauer zu sehr unter dem Druck des Adels stand und kein Bedürfnis nach Schulkenntnissen in sich fühlte und ferner auch selbst ein großer Teil der Ritter diese Kenntnisse und Fertigkeiten als unmännlich und ritterlich verachtete. So dienten diese Parochialschulen meist kirchlichen Zwecken, was auch als ganz rühmlich für die damalige Zeit anzusehen ist“. Eine solche Einrichtung blieb bis ins 11. Jahrhundert in Strehla erhalten. In der darauf folgenden Zeit wurde eine erste Stadtschule, auch Schreibschule genannt, gegründet. In dieser Schule wurde auch Latein unterrichtet, da in Strehla ein akademisch gebildeter Ludimoderator angestellt war. Die Bezeichnung des Ludimoderators entsprach der Position eines Schulrektors oder Schulmeisters. Weiterführende Informationen über diese Stadtschule sind aber laut KLEBER (1909, 260ff.) verloren gegangen. Im ausgehenden 14. Jahrhundert erwachte beim Bürgertum in größeren Städten der Wunsch nach Bildung. Vor der Reformation Luthers gab es in Dörfern keine Schulen und selbst in kleineren Städten waren sie auch nur selten vertreten. Strehla stellte eine solche Ausnahme dar. So findet man im Kirchenarchiv in Strehla bereits von der Zeit vor 1539 erste Aufzeichnungen über eine Schule beziehungsweise über das Grundstück, auf dem das Schulgebäude stand. Die schriftliche Ersterwähnung dieses Lehns stammt aus dem 14. Jahrhundert. In dem Visitationsbericht von 1540 heißt es, dass sich das Lehn Corporis Christi[1] in einem desolaten Zustand befand. Dieses Lehn war das Schullehn der hiesigen evangelischen Kirchgemeinde. Dieser Rapport gibt außerdem Auskunft über das Einkommen, welches dem Schulmeister zustand. Die Bezahlung des Schulmeisters wurde über dieses Schullehn abgewickelt. Im Jahre 1534 wird, laut RUPPEL (1938, 10f.), Petrus Zindler als Ludimoderator genannt und auch dessen Bezahlung ist aufgeführt: „15 gute Groschen Salusgeld, 80 Brote, 4 Groschen der pfarher und 4 Groschen die Kirchen“. Des Weiteren enthält dieses Schriftstück die Information, dass die Behausung auf dem Lehn verkauft und durch einen Schulneubau ersetzt werden sollte. Zu jener Zeit (1551) hatte Strehla laut Statistik 76 besessene(r) Mann, 16 Häusler und 113 Inwohner (KEYSER 1941, 217-218).

Vor der Reformation war der Unterricht in der Schule und die Predigt in der Kirche von Strehla von katholischer Prägung (KLEBER 1909, 260). Der Unterricht dieser Zeit strebte zuerst danach, dass religiöse Interesse zu befriedigen und es verwundert nicht, dass der Schwerpunkt der gegebenen Fächer darauf gelegt wurde, um dadurch auch den „erfolgreiche[n] Betrieb der Religion“ zu gewährleisten, so SCHÖNE (1901, 5).

Durch die Reformation Martin Luthers wurde das Schulwesen in Sachsen verbessert. Im Sendschreiben LUTHERS „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass die christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ aus dem Jahre 1525 heißt es: „die allerbesten Schulen, beide für Knaben und Maidlein an allen Orten aufrichten, dass die Welt auch ihren weltlichen Stand auch äußerlich zuhalten, doch bedarf es feiner und geschickter Männer und Frauen, dass die Männer regieren könnten Land und Leute, die Frauen wohl ziehen und halten könnten Haus, Kinder und Gesinde“ (LORENZEN 1969, 62ff.). Luther war ein wichtiger Impulsgeber für das aufzubauende protestantische Schulwesen und seine positive Meinung über den Lehrer und das Amt, welches er bekleidete, wird auch in seinen Tischreden deutlich. Er forderte eine bessere Elementarbildung für alle Jungen als auch einen Schulunterricht für Mädchen (Vgl. RACH 1968). Bedeutend sind auch die Verdienste um den Aufbau des Schulwesens, die sich der „Lehrer Deutschlands“ Melanchthon erworben hat. Er hatte zusammen mit Luther im Jahr 1528 die „Chursächsische Schulordnung“ verfasst, welche auch für die Neuordnung der Schule in Strehla maßgeblich war. Die Schule in Strehla war eine sogenannte Küstereischule. Das heißt, sie wurde aus kirchlichen Mitteln unterhalten und in ihr war nur ein Lehrer tätig, der den Titel Schulmeister trug. Dieser war zugleich Kantor und Küster oder Kirchner. Er hatte also neben dem regulären Schuldienst auch einen Kirchendienst abzuleisten. In seiner Funktion als Kantor zeichnete sich dieser verantwortlich für die Leitung des Chores der Kirche und als Vorsinger. Die Vorbereitung des Gottesdienstes u. a. war Teil seiner Aufgaben als Küster und Kirchner.

3 Die ersten Jahre nach der Reformation Luthers

Das Jahr 1555 stellte für die evangelische Kirchgemeinde von Strehla ein entscheidendes Jahr dar. Die evangelisch-lutherische Kirchgemeinde hatte auf dem Reichstag in Augsburg endlich die Erlaubnis erhalten, ihren Glauben frei und ungehindert ausüben zu können. So ist es zur Neuordnung des Schulsystems gekommen. Grundlage dafür bildete laut RUPPEL (1938, 12) der im Jahr 1557 verabschiedete „General-Articul und gemeiner Bericht, wie es in denen Kirchen mit den Pfarrherren, Kirchendienern, den Eingepfarrten und sonst allenthalben ordentlich auf Churfürstens Augusti zu Sachsen in Un. 1555 und 1556 verordnete und beschehene Situation gehalten werden soll, den 8. Maji 1557“. Unter anderem wird in diesem Beschluss geregelt, dass die „Schuldiener (Schulmeister) vornehmlich in der Lehre richtig und rein seien. Auch sonst sollten sie in ihrem Leben und Wandel sich in Worten und Werken und Kleidunge erbarlich gegen menniglich, züchtig und demütig vorhalten, und, dass sie ihren Schulkindern nicht anstößig, sondern mit gutem Exempel vorgehen“ (EBENDA 1938, 12). Des Weiteren heißt es, dass die Schulangehörigen einer Prüfung vor Dienstantritt zu unterziehen und dadurch in ihrem Amt zu bestätigen waren. Halbjährliche Prüfungen der Schüler sollten in Anwesenheit des Pfarrers, des Bürgermeisters und des Stadtschreibers sowie anderer Stadtratsmitglieder stattfinden, um die Leistungen der Schüler zu prüfen. Als Anreiz für ein gutes Prüfungsergebnis wurde den Schülern in Aussicht gestellt „etliche Groschen aus dem gemeinen Kasten“ zu entnehmen und dafür beispielsweise Brötchen oder ähnliches kaufen zu dürfen. Unterrichtet werden sollte Katechismus, Grammatik (lateinischer Unterricht), Musik, Lesen, Schreiben und es sollten Buchstabierübungen stattfinden. Grundlage und Orientierungshilfe für den Unterricht sollten die „Büchlein des Ehrwürdigen und hochgelahrten Doctoris Martini Lutheri“ sein (EBENDA 1938, 12 f.). Der Katechismusunterricht galt als Vorbereitung für die zu bestehende Prüfung vor der Taufe der Schüler. In Strehla, einer evangelischen Kirchgemeinde, war der Unterricht in der Schule auf den lutherischen Katechismus ausgerichtet. Dabei wurde weniger auf den Großen Katechismus, genannt „Deudsch Catechismus“ als auf den Kleinen Katechismus unter dem Buchtitel: „Enchiridion. Der Kleine Catechismus für die gemeine Pfarrherrn und Prediger“, Bezug genommen. Auch die Maßnahmen der Züchtigung wurden in diesem Beschluss von 1557 klar definiert. Die Lehrer sollten den Kindern nicht als Tyrannen gegenübertreten und auch nur mit Vernunft und in Maßen die Rute einsetzen. Ausdrücklich hatte man darauf verwiesen, dass der Einsatz der Rute „ohne Verwundunge oder Beschädigunge des Leibes und Gesundheit“ zu erfolgen hatte (Vgl. EBENDA 1938, 13).

Um in Strehla die Forderung nach Latein- und Volksunterricht erfüllen zu können, war die Einstellung eines zweiten Lehrers nötig. Das hohe Pensum durch den veranlassten Doppelunterricht konnte ein einzelner Lehrer nicht mehr bewerkstelligen. Geplant war es in den oberen Klassen Latein zu lehren und in den unteren Klassen den Volksunterricht stattfinden zu lassen. Aber erst im Jahr 1558 wurde ein neuer Lehrer eingestellt und damit den neuen Anforderungen genüge getan (Vgl. EBENDA 1938, 14).

Wie bereits beschrieben, arbeiteten in einer Lateinschule zwei Lehrer. Diese waren mit unterschiedlichen Titeln und daraus resultierenden Funktionen und Aufgaben ausgestattet. Den Ersten nannte man Ludimoderator oder Schulmeister und den Zweiten Kantor und (oder) Organist. Die Aufgabenbereiche beider waren klar voneinander getrennt. Der Schulmeister unterrichtete die älteren Schüler und pflegte hierbei die lateinische Sprache. Der Kantor widmete sich dem Volksunterricht, also den unteren, elementaren Klassenstufen. Wollte man später keinen zu erlernenden Beruf ergreifen, so galt der Besuch des Unterrichtes in den unteren Klassen als völlig ausreichend. Beide Lehrer standen in der Pflicht regelmäßig mit den ihnen anvertrauten Kindern zum Gottesdienst zu erscheinen. RUPPEL (Vgl. 1938, 16ff.) hatte bei seinen Recherchen über die Lateinschule eine Anordnung über das Unterrichten an der Strehlaer Schule in den Archiven entdeckt und aus dem Lateinischen übersetzt. Hier waren klare Anweisungen und bereits ein Stundenplan vorformuliert. Die Schüler mussten neben Grammatik, Lesestunden und Schreibübungen auch Latein- und Musikunterricht absolvieren. Der Musikunterricht teilte sich in Musiktheorie an jedem Montag und Dienstag und dem Gesangstraining an jedem Donnerstag und Freitag. An Mittwochnachmittagen waren die Schüler von der Schule freigestellt.

Die Aufgaben des Schulmeisters beschränkten sich nicht ausschließlich auf die Erteilung des Unterrichts. Er bekleidete außerdem das Amt des Stadtschreibers und er erstellte, wenn nötig, Kirchenrechnungen. Ebenso hatte er die Pflichten des Kirchners inne, was bedeutet, dass durch ihn niedere Kirchendienste erledigt werden mussten. Er musste den Abendsmahlstisch anrichten, die Altarbekleidung auflegen, die Kirche reinigen sowie den Pfarrer bei Hauskommunionen und Krankenbesuchen begleiten. Das Stellen und Läuten der Kirchenuhr zu allen wichtigen Anlässen sowie das tägliche Läuten morgens und abends gehörte ebenso zu seinen Aufgaben. Das Einkommen des Schulmeisters setzte sich aus Geld und Naturallieferungen zusammen.

Am 01. Januar 1580 verabschiedete man die „Kursächsische Kirchen- und Schulordnung“, die sich in vier große Abschnitte gliederte. Neben einer allgemeinen Zielstellung und Grundorientierung handelte sie von den Lateinschulen in den sächsischen Städten, „von unseren Fürstenschulen zu Meissen, Pforta und Grimme“ sowie „von Deudschen Schulen, in Dörffern und offenen Flecken“. SCHMIDT (2008, 8) bezeichnet diese Anordnung als die erste staatliche Regelung der unterschiedlichen Schulbereiche in Sachsen. Hervorzuheben ist, dass es zu jener Zeit in ganz Sachsen nur circa 160 Schulen (SCHMIDT 2008, 8) gab und es das Ziel dieser Anordnung war, in allen Parochien2 Sachsens Bildungseinrichtungen zu gründen und so die Ausbildung des Volkes zu fördern.

4 Die Mädchenschule in Strehla

Das Jahr 1586 stellte einen Wendepunkt in der Geschichte des Strehlaer Schulwesens dar. Bis zu diesem Jahr hatten nur die Jungen aus dem Ort und den umliegenden Dörfern Unterricht erhalten. In diesem Jahr wurde ein neuer Kirchner eingestellt, der zugleich auch das Amt eines „Maidlin-Schulmeisters“ inne hatte. Diese Verbindung von Kirchneramt und Mädchenschulmeister blieb bis zur Emeritierung des letzten Kirchners, Oberlehrer Kluge, im Jahr 1921 erhalten. Die Forderung nach Mädchenunterricht wurde von Luther bereits 60 Jahre vorher, in dem bereits erwähnten Sendschreiben, proklamiert. Die Tatsache, dass bereits zu dieser Zeit Mädchen eine schulische Bildung erhielten, stellt eine Ausnahmeerscheinung in der Entwicklung des Schulwesens in Sachsen dar, da diese Chancen nicht überall im Königreich gegeben waren. Mit der Einstellung des Kirchners waren nun in Strehla drei Lehrer beschäftigt. Auch die Anzahl der Lehrer blieb für eine sehr lange Zeit konstant auf diesem Niveau. Bis ins 19. Jahrhundert waren stets nur drei Lehrer in Strehla angestellt. Neben dem Unterrichten hatte der Kirchner die Aufgabe den Pfarrer, wie bereits aufgeführt, bei dessen Arbeit zu unterstützen. Der erste Kirchner und Mädchenlehrer war Johannes Clingler. In der Matrikel von 1593 heißt es über ihn laut der Übersetzung RUPPELS (1938, 28) aus dem Lateinischen: „Johannes Clingler aus Rotenburg, ein Franke, wird von Wittenberg, wo er die für ihn so angenehme Berufung erwartet hatte, auf Empfehlung des Mag. Johannes Müller, Diakonus, nach Strehla berufen und mit Zustimmung des Lehnsherren, Pastors, Senats (Rats) und der Gemeinde als erster Custos der Kirche (Kirchner) und der Schulmädchen Lehrer eingesetzt. Geschehen am 20. Juni im Jahre 1586“. Clingler war gelernter Schneider und sollte deshalb auch entsprechend bezahlt werden. Jedoch konnte in diesem Sinne nicht von einer ausreichenden Bezahlung gesprochen werden, da es bei RUPPEL (1938, 30) heißt, dass der Mädchenlehrer „auf Hochzeiten und in Gasthöfen sich einen Teil seines Lohnes erbetteln“ musste. Clingler hatte jedoch die Möglichkeit über Nebenarbeiten sein Einkommen aufzubessern. Diese Praxis war zu jener Zeit allgemein üblich und wurde durch den bereits erwähnten „General-Articul“ aus dem Jahr 1557 sogar empfohlen, so SCHNEIDER (2008, 22). Im Jahr 1609 stellte man einen Organist in der Kirche an, wessen Amt im Jahr 1732 mit dem Amt des Rektors der Schule verbunden wurde. Der erste Organist hieß Mattaeus Gallus und stammte aus Kirchhain in der Lausitz. Aufgrund der regelmäßigen Visitationen die stattfanden, sind diese biographischen Informationen auch von den nachfolgenden Amtsträgern bekannt. Nach LUNDGREEN (1980, 32) stellten solche Visitationen bzw. Inspektionen oder Hospitationen eine „empirisch-statistische Aufnahme von Zuständen und Mängeln“ dar. Im Visitationsbericht von 1617 wurde von einer Wohnung des Kirchners und Mädchenlehrers „auf dem Kirchhoff“ gesprochen. Dies stellte damit eine wesentliche Verbesserung im Vergleich zur Situation vorher dar. Damit war nun das Problem des Wohnraumes geklärt. Das Kirchnerhaus war auf dem Grundstück der heutigen Kirchgasse 20 errichtet worden. Zu dem Gebäude gehörte ursprünglich ein Garten, welcher aber aufgrund der Auswirkungen des 30-Jährigen Krieges als Erweiterung des Gottesackers in jenen integriert wurde.

4.1 Die Folgen des 30-Jährigen Krieges

Der 30-Jährige Krieg, der in der Zeit von 1618 bis 1648 in Europa wütete, war auch in Strehla und damit ebenso in der Schule zu spüren. Bis in die 1630er Jahre blieb Strehla einstweilen vom Krieg verschont. Aber als eine Stadt unter vielen wurde es in jenen Jahren in Brand gesetzt. Durch Pest und Marterung wurden zahlreiche Familien ausgelöscht. GRETSCHEL (1862, 150ff.) hielt darüber eine detaillierte Beschreibung in seinem Buch: „Geschichte des Sächsischen Volkes und Staates“ fest. Von einem geregelten Schulunterricht in dieser Zeit konnte keine Rede sein. Die Schulen sowie die Lehrer waren in Folge des Krieges völlig mittellos geworden und die Klassen stark dezimiert, wenn nicht gar vollständig aufgelöst. In Folge des Friedensprozesses wurde die Lateinschule in Strehla in eine deutsche Schule umgewandelt. Um nach dem Krieg wieder zum normalen Schulbetrieb übergehen zu können, wurden die Pfarrer durch die Kirchenvorstände aufgefordert, die Eltern von der Wichtigkeit des Schulbesuches für ihre Kinder zu überzeugen.

4.2 Die Beseitigung der Missstände im Schulwesen

Wie bereits erläutert, war es durch den Krieg zu erheblichen Einschränkungen, Mängeln und Missständen gekommen. Diese kann man im Kirchenarchiv im Aktenstück „Die Erweiterung und Besserung des Kirchnerhauses betreff vom Jahre (16)70-79“ nachlesen. Darin äußert der zu jener Zeit tätige Kirchner JOHANN PEUßEL seinen Unmut. So schrieb er am 30. September 1670: „Hochedelgeborene, gestrenge und Beste, Insbesonders hochgeehrte Herren Collatores, Großgeneigte Gönner und mächtige Patroni ... klagbar zu hinterbringen kann ich notbringender Maßen mich länger nicht enthalten, daß das hiesige Kirchnerhaus so gar unbequem und ungeschickt gebaut, das (1.) nicht ein Räumgen, daß man einen Bissen Brot, geschweige denn ein Brotschränkchen ingleichen auch nicht ein Fäßchen Tranks noch Wassers wohin tun kann, (2.) ist die Stube mit dem Regenwasser derart unterlaufen, daß nicht allein die Schwellen, Dielen und Bänke schon anheben zu faulen, sondern auch ich von solcher Feuchtigkeit und wegen derer davon in der Stuben häufig herfürwachsenden Schwämme unangenehmen Geruchs stetige Haupt- und Augenbeschwerden empfinden muß, da man ohnedies in fotaner Stuben nichts als Staub und Unflats genug von denen Schulkindern hat, weil man sonsten nirgendswo als in solcher Stuben sich aufhalten kann“ (RUPPEL 1938, 126f.). Bereits im Oktober desselben Jahres erhielt der Kirchner ein Antwortschreiben, in dem man ihm versicherte, dass der Patron der Schule, die Familie von Pflugk, diese negativ wirkenden Umstände bald abstellen würde. Im Jahr 1671 führte man in der Strehlaer Schule eine „Lokalvisitation“ durch, deren Abschlussbericht jedoch nicht auf diese Missstände einging, sondern sich eher mit dem Einkommensverhältnis der Lehrer und Pfarrer beschäftigte. Bis zur Abstellung der beklagten Mängel sollten noch einige Jahre vergehen. Allerdings erhielt im Jahr 1672 der Kirchner zehn Taler, um erste Gegenmaßnahmen und einen Umbau einzuleiten, aber mit dieser geringen Summe war nur ein Bruchteil der Mängel abzustellen. Deshalb wandte sich ein Jahr später der Kirchner wieder an den Schulpatron und so wurde im Jahr 1673 ein Dekret erlassen, um die Zustände in der Kirche und vor allem in der Schule grundlegend zu verbessern. Außerdem enthielt dieser Beschluss auch einen expliziten Hinweis auf die Verwendung des Katechismus Luthers. Man erlies die Anweisung, dass die Schullehrer Lesegottesdienste abhalten sollten, falls der Pfarrer der entsprechenden Gemeinde einmal verhindert wäre. Außerdem wurde in diesem Erlass auch auf die Rolle des Lehrers in der Schule eingegangen. So zitiert RUPPEL (1938, 33f.) aus diesem Dekret: „Bei den Schulen in den Städten und Dörfern ereignen sich allerlei Mängel und Gebrechen, welchen künftig vorzubauen, wollen wir, daß keinem nachgelassen werden soll, in den Schulen zu lehren, er sei denn von unsern Confiftoriis auf der Kirchen Unkosten vorher examinieret und confimieret [als Lehrer bestätigt] worden. Es gebühret sich auch allewege, das die Schuldiener und Küster schuldigen Fleiß in Unterrichtung der Knaben anwenden und ihre Stunden nicht versäumen, mit der Disciplin auch eine solche Moderation brauchen [Mäßigung], daß den Sachen weder zu wenig noch zu viel geschehe, fürnehmlich des allzugroßen und stettigen Schmeißens und Schlagens auf die Köpfe und in das Angesicht, sowohl anderer unmäßiger und allzu häufiger Züchtigung sich zu enthalten“. Neben dem Verhalten wird auch auf die Bekleidung der Lehrer eingegangen. Demnach sollten sich diese sittsam und ihrem Stande gemäß kleiden. Im Jahr 1679 wandte sich der Kirchner wiederholt an den bisher einsichtigen Schulpatron von Pflugk, um eine weitere Verbesserung durch Umbau des Schulgebäudes einleiten zu können. Der Ofen und die Zimmerdecken müssten, seinen Erläuterungen nach dringend ausgebessert werden, um die Schüler nicht durch etwaige herunterfallende Teile zu gefährden. Diesem Wunsch wurde entsprochen und für 12 Taler weitere Baumaßnahmen vollzogen. Im Sommer des Jahres 1700 erweiterte man die bestehende Knabenschule, um auch den hier immanenten Platzmangel wenigstens im Ansatz zu beseitigen. Die endgültige Beseitigung aller Missstände, besonders die schulischen Inhalte betreffend, durch den Krieg hatte sich noch weiter hingezogen. Denn auch aus dem Jahr 1713 liegt im Kirchenarchiv ein Schreiben vor, welches noch immer über jene berichtete. Die Mängel gestalteten sich beispielsweise in der Tatsache, dass der Katechismusunterricht nur sehr unregelmäßig stattfand. Bedingt wurde dies zum Einen durch die Entfernung des Wohnortes der Schüler zur Schule und von dort zum Arbeitseinsatz auf den Feldern oder in die ansässigen Fabriken, zum Anderen dem vermeintlichen Unverständnis der Schüler gegenüber dem Katechismus sowie die Verwendung von Büchern, die nicht den Vorstellungen des Kirchenvorstandes entsprachen. Außerdem wurde das Fehlen eines Leitfadens zur Durchführung eines korrekten Katechismusunterrichtes beklagt. Interessant ist hier die Tatsache, dass bereits im Jahr 1688 ein „Landeskatechismus“ verabschiedet worden war, welcher eine genaue Vorgabe der Unterrichtsgestaltung beinhaltete. Offensichtlich hatte diese Regelung bis zu dem Schreiben im Jahr 1713 noch keinen Einzug in der Strehlaer Schule erhalten (Vgl. RUPPEL 1938, 35f.). Im Jahr 1716 begann der Neubau eines Kirchnerhauses, da man mittlerweile erkannt hatte, dass die alte Bausubstanz nicht mehr zu retten war.

5 Die neue Schulordnung von 1773 und deren Auswirkungen

Durch die Folgen des Siebenjährigen Krieges (1756 -1763) kam es erneut zu gravierenden Mangelzuständen im sächsischen Schulwesen und damit auch wieder in Strehla. Im Jahr 1773 wurde deshalb die „Erneuerte Schulordnung für Sachsens deutsche Stadt- und Dorfschulen“ erlassen. Diese blieb bis zum Jahr 1835 in Kraft und wurde erst in jenem Jahr durch das „Gesetz, das Elementarschulwesen betreffend“, außer Kraft gesetzt. Im Zuge der Schulordnung von 1773 wurden die Eltern angehalten, ihre Kinder selbst zu christlichen Werten zu erziehen. Sie sollten sie nicht vernachlässigen, damit sie nicht verwahrlosten und nicht mehr „zum allgemeinen Dienste des gemeinen Wesens unbrauchbar gemacht werden“ (Vgl. EBENDA 1938, 37). Wenn die Kinder ein schulfähiges Alter erreicht hatten, sollten diese von ihren Eltern auch in die nächstgelegenen Schulen gebracht werden. Von einem konkreten Schulzwang wird in diesem Zusammenhang jedoch noch nicht gesprochen. Es war vom Belieben der Eltern abhängig, ob das Kind in die Schule kam oder nicht. Das Schulgeld musste jede Woche entrichtet werden und diente der Bezahlung des Lehrers. Die Schulkinder wurden in drei Klassen eingeteilt und von drei Lehrern unterrichtet. Gelehrt wurde zum Beispiel Christentum[2], Katechismus sowie biblische Geschichte. Außerdem erfolgte Unterricht in den Fächern: Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen. In höheren Klassenstufen sollten noch Inhalte über Erdkunde, Vaterlandsgeschichte, der Gebrauch des Kalenders und der Zeitungen vermittelt werden. In der Verordnung ist aber auch darauf verwiesen, dass „nichts gelehret werde, was vermutlich zeitlebens nichts nützen wird oder ganz unnötig ist“. Das vermeintlich nützliche Wissen, so LUNDGREEN (1980, 37), ließ aber seiner Meinung nach in den ländlichen Schulen noch eine Weile auf sich warten. Seinen Untersuchungen zufolge, ist selbst ein „anspruchsvoller real-kundlicher Unterricht [...], noch auf viele Jahrzehnte in den ländlichen Schulen kaum nachzuweisen“. Deswegen ordnet er die öffentliche Funktion der Landschule in der „Sozialdisziplinierung“ der Bevölkerung bzw. der Schülerinnen und Schüler ein. Diese Disziplinierung erfolgte auf zwei unterschiedlichen Ebenen: zum Einen in der Erziehung zur Einhaltung bestimmter Ordnungselemente, wie es LUNDGREEN (1980, 37) nennt, und darunter Pünktlichkeit, Stillsitzen und Aufpassen versteht und auf der zweiten Seite die Einübung des immer gleichen Lesestoffes. Hier kann man auf die bereits aufgeführten Inhalte der Schulordnung als Beispiel verweisen, welche deutlich aufzeigen, dass unter anderem in der Christenlehre oder im Katechismus nach einer gewissen Periodendauer die immer gleichen Texte wiederholt von den Lernenden studiert wurden. Der Unterricht in Vaterlandsgeschichte sollte, so MICHAEL / SCHEPP (1973, 86), „der Ausbreitung sozialistischer und kommunistischer Ideen“ entgegenwirken. In diesem „Sinne sollte [...] der Unterricht [...] klarmachen, daß ein geordnetes Staatswesen mit einer sicheren monarchischen Leitung die unerläßliche Vorbedingung für den Schutz und das Gedeihen des Einzelnen in seiner rechtlichen und wirtschaftlichen Existenz ist, daß dagegen die Lehren der Sozialdemokratie praktisch nicht ausführbar sind, und wenn sie es wären, die Freiheit des Einzelnen bis in seine Häuslichkeit hinein einem unerträglichen Zwange unterworfen würde“. Des Weiteren waren die Schüler angehalten, wie bereits in den vorhergehenden Anordnungen enthalten, regelmäßig am Gottesdienst teilzunehmen. Wer dieser Pflicht nicht nachkam, die Katechismusprüfungen oder die Betstunden versäumte war durch den Pfarrer zu bestrafen. Inwieweit in der Schule in Strehla in diesem Zusammenhang Strafen verhängt wurden, lässt sich nicht mehr nachvollziehen.

An jedem Mittwoch- und Samstagnachmittag, aber auch an heiligen Abenden vor Fest- und Bußtagen blieb die Schule geschlossen. Durch den Lorenzmarkt, seit jeher einer der größten Jahrmärkte der Umgebung gab es ebenfalls zwei weitere schulfreie Tage. Auf diesem traditionsreichen Markt trafen Händler, Handwerker, Bauern und Viehzüchter zusammen, um regen Handel mit den Einwohnern der Gegend zu treiben. Neben weiteren freien Tagen durch unterschiedliche Kirchenfeste, gab es noch sechs Wochen Ernteferien. Kinder, die noch zu jung waren um bei der Ernte zu helfen, wurden in dieser Zeit in der Schule unterrichtet. Neu geregelt wurde in jenen Tagen auch die Bezahlung des Schulgeldes, welches durch die Schülerinnen und Schüler zu entrichten war. Am 04. März 1805 wurde eine Anordnung erlassen, wodurch es nun unerheblich war, wie oft ein Lernender die Schule besucht, da das Schulgeld „ohne Unterschied, ob das Kind zur Schule gekommen sey, oder nicht, oder ob sein Ausbleiben durch Krankheit, Abwesenheit oder sonst zu entschuldigen sey, oder nicht“ bezahlt werden musste. SCHMIDT (2008, 64) fügt noch hinzu, dass dadurch der Druck auf die Familien enorm gewachsen, aber ein durchgängiger Schulbesuch immer noch nicht völlig durchgesetzt war. Dennoch bezeichnet er diese Anordnung als „das entscheidende Dokument zur Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht in Sachsen“. Die Lehrer wurden regelmäßig durch die örtlichen Schulinspektoren bewertet und überprüft. Diese Kontrollfunktion nahm in Strehla der Pfarrer wahr. Die noch erhalten Beurteilungen der beiden Pfarrer dieser Zeit, Pfarrer Berger und Pfarrer Münckner, sind durchweg positiv. So schreibt Pfarrer BERGER über den Kantor Thiele am 29. April 1806: „Herr August Gotthold Thiele, Kantor allhier, ein eben so brauchbarer Schulmann als fertiger Musiker, hat bisher allen Pflichten seines Amtes so Genüge geleistet, dass er sich dadurch Achtung und Liebe, Vertrauen und allgemeinen Beifall erworben hat. Dies bezeuge ich ihm mit Freuden“ (RUPPEL 1938, 38f.). Mit diesem Urteil decken sich die Berichte des Pfarrers MÜNCKNER über die hiesigen Lehrer. Er notiert: „Von Seiten der Lehrer viel Wärme und Begeisterung, Gewandheit und Fertigkeit im Vortrage. Förster und Schrener sind nicht ungeschickte Schulmeister“ (EBENDA 1938, 38f.). SCHÖNE (1901, 7) hebt allerdings hervor, dass der Schulmeister jener Zeit „gewöhnlich ein Mensch von zweifelhaftem Charakter [war], der, nachdem er in anderen Lebensstellungen Schiffbruch gelitten hatte, sich um einen Lehrerposten bemühte, den er auch erhielt, da die Nachfrage nach diesem Amte nicht gerade eine sehr rege war und die Bewerber hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen und sittlichen Tüchtigkeit einander nicht viel nahmen“. Wenn man die Umstände betrachtet, unter denen in Strehla unterrichtet wurde, sind diese Urteile sehr bemerkenswert. Die Schule, die auf zwei Gebäude verteilt war, befand sich in einem desolaten Zustand. Außerdem war sie für die stark gestiegene Anzahl an Schülerinnen und Schülern längst zu klein. Die Schulgebäude dienten außerdem dem Lehrkörper zugleich als Unterkunft. Der Rektor hatte sogar seine Dienstwohnung aufgegeben und war in eine Wohnung in der Stadt gezogen, um der Enge in dem Schulgebäude zu entfliehen und um die räumliche Situation dadurch zu entspannen. Dennoch mussten zwei Klassen in einem Raum unterrichtet werden. Gegenseitige Störung auf der einen Seite durch die Lehrer selbst, aber auch auf der Anderen durch die Lernenden machten das Unterrichten, aber auch das Lernen sehr schwierig. Es wurden in dieser Zeit vermehrt Rufe nach einem neuen Klassenzimmer laut. Am 15. Oktober 1825 beschwerte sich der Mädchenlehrer und Kirchner SCHRENER bei dem Pfarrer Münckner über den Unterrichtsraum für Mädchen. Er forderte ein weiteres Schulzimmer, um die Lehr- und Lernbedingungen zu verbessern. Er sähe sich gezwungen: „die unteren Klassen zu seinem und der Schule Nachteil in seine Wohnstube zu nehmen, die Kinder auf den Dielen sitzen zu lassen und die Seinen aus der Wohnstube zu verweisen“ (Vgl. EBENDA 1938, 40f.). Bereits im Jahr 1824 hatte Schrener einen Gesuch bei der Inspektion eingereicht, welche die Erweiterung der Mädchenschule betraf. In dieser Eingabe erwähnt SCHRENER, „dass die bisherige Schulstube nur 72 Quadratellen[3] Raumfläche enthalte, darin sollten 140 -150 Mädchen Platz haben, offenbar müßten die Kinder an Leib und Seele verkrüppeln“ (KLEBER 1909, 267). Nach der Erweiterung um ein weiteres Schulzimmer, wurde bei einer Inspektion festgestellt, dass Tische, Bänke sowie eine Wandtafel bei den Planungen vergessen worden waren. Des Weiteren erwähnt der Prüfbericht ausdrücklich, dass der Hausflur mit „solchen spitzen Steinen gepflastert [war], daß die armen Barfüßler sich die Füße verwunden mußten“ (EBENDA 1909, 268). Im Jahr 1826 brannte die Knabenschule aufgrund eines Blitzeinschlages vollständig ab. Um die Kosten für den nötigen Neubau decken zu können, wurde die Stelle des Diakonates für die nächsten sechs Jahre nicht besetzt. Das dadurch frei gewordene Geld von 1800 Taler pro Jahr konnte so für den geplanten Bau verwendet werden. In einer eilig einberufenen Sitzung wurde beschlossen, dass der Baubeginn noch in diesem Jahr liegen sollte. Dennoch konnte aufgrund der noch ausstehenden Planungen und Prüfungen des „hochpreislichen Oberkonsistorium“ der Grundstein erst am 13. März 1828 gelegt werden (Vgl. RUPPEL 1938, 40). Im Jahr 1827 hatte die Gemeinde an den Schulpatron, den Kammerherrn von Pflugk[4], nochmals ein Schreiben verfasst, in dem sie sich wiederholt über die oben beschriebenen schlechten Verhältnisse und anstehenden Kosten beschwert. Dieser nimmt seine Pflicht umgehend war und bereits im Herbst 1828[5] konnte der Neubau eingeweiht werden. Nachdem die widrigen Umstände beseitigt waren, widmete sich die Schulleitung dem großen Problem der Schulversäumnisse. Pfarrer Münckner beschwert sich in einem Schreiben von 1830 an die „hochlöbliche Kircheninspektion“ über die massiven Versäumnisse durch die Schüler und Schülerinnen. Er berichtete, dass nur wenige Lernende täglich die Schule besuchten und manche bis zu 180 Fehlwochenstunden je Schuljahr aufwiesen. Die Versäumnis- und Anwesenheitslisten sind sehr umfangreich und detailliert noch im Kirchenarchiv einsehbar. Neben den Fehlwochenstunden sind hier auch Informationen über etwaige Schulgeldzahlungen enthalten. Durch Heimarbeit oder durch betteln trugen die Kinder so zum Familieneinkommen und dem Überleben der Familie bei. Durch den noch freiwilligen Schulbesuch waren dem Pfarrer jedoch die Hände gebunden und er konnte in diesem Falle nicht intervenieren.

[...]


[1] lat.: Zum Leichnam Christi

[2] in der Quelle als „Unterricht im Christentume“ bezeichnet

[3] Dies entspricht einer Gesamtfläche von 72m2 und je Schülerin (bei 150) 0,48m2

[4] vollständiger Name: Wilhelm Eberhardt Ferdinand Pflugk

[5] 20. Oktober 1828

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Zur Entwicklung des allgemeinbildenden und berufsvorbereitenden Schulwesens in Strehla an der Elbe
Untertitel
Eine regionalgeschichtliche Untersuchung
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Fakultät Erziehungswissenschaften)
Note
1.0
Autor
Jahr
2011
Seiten
55
Katalognummer
V293013
ISBN (eBook)
9783656911654
ISBN (Buch)
9783656911661
Dateigröße
829 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strehla, Schule, Schulgeschichte
Arbeit zitieren
Rocco Lehmann (Autor), 2011, Zur Entwicklung des allgemeinbildenden und berufsvorbereitenden Schulwesens in Strehla an der Elbe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293013

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