Trampen. Eine soziale Praxis zwischen Individualtourismus und Lebensstil


Bachelorarbeit, 2014

75 Seiten, Note: 2,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Von Daumen und anderen Welten

2. Forschungsinteresse und Aufbau der Arbeit

3. Theoretische Einordnung
3.1 Gesetzlicher Rahmen
3.2 Stand der Forschung zum Trampen
3.3 Soziologische Einordnung des Phänomens
3.3.1 Tourismussoziologie
3.3.2 Werte, Wertewandel, Norm und Abweichung
3.3.3 Lebensstile, Milieus, Szenen
3.3.4 Gegenwartsdiagnosen
3.3.5 Die Soziologie des Freizeitverhaltens
3.3.6 Jugendsoziologie
3.4 Ein Blick in die Kulturgeschichte

4. Zwischenfazit

5. Empirischer Teil
5.1 Methodologie und methodische Herangehensweise
5.2 Feldzugang
5.3 Auswahl der Interviewpartner
5.4 Konzeption und Durchführung der Interviews
5.5 Transkription der Interviews
5.6 Auswertung der Interviews

6. Ergebnisse
6.1 Kategorie 1 Wiewirdman Tramper*in?
6.2 Kategorie 2 Der Zufall und das Ungewisse
6.3 Kategorie 3 Diskurs
6.4 Kategorie 4 Motivation
6.5 Kategorie 5 Der Tramper, die Tramperin
6.6 Kategorie 6 Die Praxis des Trampens
6.7 Kategorie 7 Soziale Kontakte
6.8 Kategorie 8 Wissen
6.9 Kategorie 9 Orte, Strecken, Zeit
6.10 Kategorie 10 Bewertung der Praxis
6.11 Kategorie 11 GenderspezifischeUnterschiede
6.12 Kategorie 12 Soziale Netzwerke
6.13 Kategorie 13 Emotionen
6.14 Kategorie 14 Das Trampen als Lebensstil

7. Kritische Reflexion der Forschung

8. Zusammenfassungund Ausblick

Anhang

I. Literaturverzeichnis

II. Internetquellen

III. Liste Assoziationen

IV. Befragung Experte Abgefahren e.V

V. Ausschnitt Tabelle

VI. Interview-Leitfaden

1. Einleitung: Von Daumen und anderen Welten

„Immer dann, wenn ich mal raus muss aus der normalen Welt, dann halt' ich den Daumen raus “1. (Christoph2 )

In dieser aus einem der Interviews zitierten Aussage gibt der Tramper Christoph als Motiv an, ab und zu raus aus der normalen Welt zu wollen. Wie ist seine Welt? Warum will er raus und warum nimmt er nicht den Zug oder fliegt in den Urlaub? Anscheinend wird die Welt also anders für den, der seinen Daumen ausstreckt. In der vorliegenden Arbeit wurde diesen Fragen nachgegangen; es geht um subjektive Welten, um moderne Lebensstile, Fortbewegungsmittel und das Reisen. Es geht um das Trampen.

Während Die Praxis des Trampens3 oder per Anhalter-Fahrens heute in Deutschland fast ausgestorben zu sein scheint, war es „früher“ normal, am Straßenrand Tramper*innen4 5 stehen zu sehen. Das Phänomen wird den 1960er, 70er und 80ern zugeschrieben. Man könnte vermuten, dass Jugendliche, die in dieser Zeit aktive Tramper*innen waren, heute in dem Alter sind, in dem sie ein eigenes Fahrzeug besitzen und Tramper*innen mitnehmen, da diese sie an ihre Jugend erinnern oder aber im Alter ihrer Kinder sind. In der Welt der Literatur kann die Geschichte des Phänomens Trampen nachgelesen werden: Bei George Orwell charakterisieren sich Hobos und Tramps in erster Linie durch finanzielle Not. Doch schon bei Jack London und dann bei Jack Kerouac zeigt sich, dass sich die Bedeutung des Trampens, das bis dahin vorwiegend die Möglichkeit der Fortbewegung von Arbeitsuchenden darstellte, gewandelt hat. In der Generation der Beatniks und später der Hippies wurde es als Reiseform populär. Was in der Literatur ein gut ausgearbeitetes Feld ist, ist in der Wissenschaft vernachlässigt worden. Zur Blütezeit der Hitchhiker in den 1960er, 70er und 80er Jahren gab es weder das Internet noch

Mobiltelefone, die die soziale Vernetzung und den Informationsaustausch auf Reisen heute vereinfachen. Gerade auch dies macht eine aktuelle Forschung notwendig. Es gibt sie noch, die Tramper*innen. Im Internet tauchen vermehrt Foren zu dem Thema auf, es werden Vereine zur Förderung des Trampens gegründet und organisierte Tramp-Rennen und Treffen verbuchen einen kontinuierlichen Anstieg der Teilnehmerzahlen. Es mag zwar nahe liegen, das Trampen mit einer Notwendigkeit zu erklären, als Mittel zum Zweck der Fortbewegung. Als Mittel, dem mangelhaften öffentlichen Personennahverkehr, Fehlen eines eigenen Fahrzeugs oder bezahlbarer Alternativen zu begegnen. Doch die Möglichkeiten zu Reisen, einst ein Privileg, haben sich zunehmend demokratisiert. Zum Einen ist das Reisen finanziell zugänglicher geworden und zum Anderen haben sich die öffentlichen Fortbewegungsmittel vervielfacht. Die Art der unterschiedlichen Angebote reicht von Discounter-Tickets für die Bahn, über Billigflieger bis hin zu Carsharing oder Mitfahrgelegenheiten. In der vorliegenden Arbeit wird erörtert, -warum und -wie heutzutage über längere Strecken in Deutschland und Europa getrampt wird.

2. Forschungsinteresse und Aufbau der Arbeit

Im folgenden Abschnitt wird das der Arbeit zugrunde liegende Forschungsinteresse und das daraus resultierende Vorgehen genauer erläutert. Am Anfang stellte sich die Frage, wie und warum heutzutage über längere Strecken in Deutschland und Europa getrampt wird. Dazu wurde zunächst, mit dem Ziel das sehr große Feld der Tramper*innen auf einen überschaubaren Teil in sinnvoller Weise einzuschränken, die Untersuchung auf Motive und Praxis von Langstrecken-Tramper*innen und sehr erfahrenen Akteuren beschränkt. Diese Einschränkung erhöht die Wahrscheinlichkeit, auf typische Charakteristika zu treffen, welche bei Personen, die nur sehr kurze Strecken oder nur sehr sporadisch per Anhalter unterwegs sind, als tendenziell weniger ausgeprägt vermutet werden können. Im Fokus der Befragung stand sowohl die Erfassung der Motivation der Tramper*innen, als auch deren Vorgehen. Das primäre Ziel war es jedoch nicht, eine genaue Tätigkeitsbeschreibung oder detaillierte Schilderung der Praxis des Trampens zu erlangen, sondern die Erkundung einer eher verborgen liegenden Ebene. Es interessierte die Sinnwelt der Trampenden. Es wurde nach einem allen Trampenden gemeinen Wissensvorrat und interpersonell geteilten Werten geforscht. Gefragt wurde auch, ob es eine Art Tramp-Kultur gibt. Hinsichtlich der Motivation interessierte, ob ökonomische oder ökologische Faktoren ausschlaggebend sind oder eher das Erlebnis gesucht wird. Wird das Trampen als eine pragmatische Form der Mobilität angenommen oder geht es um das Abenteuer und Idealismus? Per Anhalter zu fahren hat in der Öffentlichkeit nicht unbedingt ein gutes Image. Es dient mitunter als Motiv in Horrorfilmen und gängigen Klischees. Wie wird man zur Tramperin, zum Tramper? Müssen dazu negative Vorstellungen überwunden werden? Wird das Internet als Informationsquelle genutzt und welche Bedeutung haben digitale soziale Netzwerke für Hitchhiker? Welche Rolle spielen beim Trampen Flexibilität, der Zufall, Unwissenheit und informelle soziale Relationen? Im Zentrum der Analyse stand auch die Frage danach, wie der erfahrene Akteur selbst zu der Praxis des Trampens steht und ob diese Motive einer Veränderung unterliegen. Zuletzt sollte untersucht werden, in wie weit das häufige Trampen vom Akteur als Teil seiner Identität oder seines Lebensstils wahrgenommen wird und ob er diese Einstellung mit anderen Tramper*innen teilt.

Nach einer knappen theoretischen Einordnung wurde sich dem Gegenstand der Forschung auf empirischem Weg genähert. Einige Akteure kamen dabei selbst zu Wort. Daten wurden in narrativen, leitfadengestützten Interviews erfasst und mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Das genaue methodische Vorgehen wird in Kapitel 5 erläutert. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung werden in Kapitel 6 präsentiert. Im Abschluss wird in den Kapiteln 7 und 8 noch einmal ein kritisch reflektierender Blick auf das methodische Vorgehen geworfen und die Reichweite der Ergebnisse beurteilt sowie die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.

3. Theoretische Einordnung

Dem empirischen Part sind einige theoretische Überlegungen vorangestellt. Mit Hilfe der theoretischen Einordnung und Abgrenzung des Trampens in Konzepte wie Lebensstil oder Theorien aus der Forschung zu Freizeit und Tourismus wurde versucht, sich einem Verständnis der Praxis des Trampenden und seiner Lebenswelt anzunähern. Auch für die Konzeption des Interviewleitfadens war die theoretische Literaturarbeit richtungsweisend.

3.1 GesetzlicherRahmen

Im Zuge der Einbettung des Phänomens in gesellschaftliche Rahmenbedingungen bietet es sich an, zunächst die Rechtslage klarzustellen. Das Trampen wird im öffentlichen Diskurs oft mit Risiko oder Gefahr und manchmal mit sozial unerwünschtem Verhalten in Verbindung gebracht, doch Tramper*innen machen sich in Deutschland nicht strafbar, solange sie auf Raststätten, Parkplätzen oder an Auffahrten und nicht direkt an der Fahrbahn stehen. Laut der Straßenverkehrsordnung ist das Trampen in Deutschland auf öffentlichen Straßen nicht verboten. Allerdings ist denkbar, dass Fahrer*innen in Dienstwägen oder LKW-Fahrer*innen keine Versicherung für Mitfahrende haben und hier rechtliche Probleme auftreten können. In §18 der StVO Autobahnen und Kraftfahrstraßen heißt es:

(9) Fußgänger dürfen Autobahnen nicht betreten. Kraftfahrstraßen dürfen sie nur an Kreuzungen, Einmündungen oder sonstigen dafür vorgesehenen Stellen überschreiten; sonst istjedes Betreten verboten.6

In anderen Staaten oder Regionen kann es entsprechende Verbote geben; da sich die Forschungsarbeitjedoch hauptsächlich mit dem Trampen in Deutschland beschäftigt und in keinem der Interviews rechtliche Probleme im Ausland erwähnt wurden, wurden die Gesetzesgrundlagen nicht fürjedes Land spezifisch recherchiert.

3.2 Stand der Forschung zum Trampen

Jeder Versuch einer wissenschaftlichen Analyse eines gesellschaftlichen Phänomens muss die bereits geleistete Forschung kritisch berücksichtigen. Bevor die eigene Datenerhebung begann, wurde deshalb nach bereits vorhandener Literatur und empirischen Studien gesucht. Es ist bemerkenswert, wie wenig (sozial-)wissenschaftliche Untersuchungen es zum Thema Trampen gibt. Vor allem aktuelle Forschung ist kaum zu finden. Wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema sind auch fachübergreifend gering an der Zahl und fanden in den letzten Jahren vorwiegend im Bereich der Kriminologie, Geschichte und Geographie statt. Soziologisch ist die Lebenswelt der Hitchhiker schon fast ein weißer Fleck auf der Landkarte. In benachbarten Disziplinen ist jedoch Forschungsliteratur vorhanden. Die diesbezüglich relevanten Werke werden nun zusammenfassend vorgestellt.

In der Sozialpsychologie wurden einige Feldstudien veröffentlicht. Diese Studien sind allerdings kaum aufschlussreich über das Wesen des Trampens an sich, wie es hier untersucht wird, da sie die Situation des Trampens primär für sozialpsychologische Experimente nutzen.7 Auch Geschichtswissenschaftler interessieren sich für das Phänomen. Ein früher Beitrag zum Trampen stammt dabei von dem US-amerikanischen Historiker John T. Schlebecker, laut dem das Aufkommen des Trampens in den USA mit dem Aufkommen des Automobils seit Anfang des 20. Jahrhunderts einhergeht. Zwar beschreibt er das Trampen als eine Praxis, die häufig aus rein praktischen Gründen aufgenommen wird und daher in konkreten Notsituationen wie den beiden Weltkriegen oder wirtschaftlichen Krisen stets einen Aufschwung erlebte, aber gleichzeitig betont er, dass für viele Tramper*innen auch die Möglichkeit, Abenteuer zu erleben im Vordergrund steht und dass die Motive oft kombiniert Vorkommen. Er geht auch auf Versuche der sozialen Kontrolle durch Autoritäten ein. Die Polizei sah es als ihre Aufgabe vor der Gefahr, die es darstelle Hitchhiker mitzunehmen, zu warnen. Die New York Times schrieb dazu am 12. Oktober 1925:

„Most of these people, however, are not dangerous. They are simply unmeaserably impudent. To the Sociologist they have a curious interest.“ (Schlebecker, 1958:308).

Tramper*innen seien unverschämt. Dies wurde für die Forschungsarbeit als Hinweis darauf gesehen, dass das Trampen aus soziologischer Perspektive als abweichendes Verhalten betrachtet werden kann. Schlebecker verweist auch auf die Präsenz des Hitchhikers in populärer Literatur, z. B. bei John Steinbeck. Fast zeitgleich, 1957, erschien Jack Kerouacs Roman ,,On the road“, ein Klassiker der Reiseliteratur. Er wurde erst Jahre später von einer breiten Öffentlichkeit rezipiert und prägte mehr als eine Generation. Darauf wird in Kapitel 3.4 näher eingegangen. Ähnliches beobachtet Rinvolucri. Er bezieht sich dabei auf die Geschichte des Trampens in Großbritannien, wo er 1968 die wohl erste qualitative Untersuchung durchführte. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts trampten neben Kindern, Jugendlichen und vor allem Studierenden auch noch Arbeitslose, Soldaten und Vagabunden, während die Befragten in seiner Studie fast ausschließlich Jugendliche und Studierende sind. Rinvolucri sieht das Trampen als ein Teil des Erwachsenwerdens bzw. als einen Prozess des sich Loslösens vom Elternhaus, mittels der durch das Trampen erworbene Freiheit und Unabhängigkeit. Das Trampen findet in der Regel mit dem Erwerb eines eigenen Autos oder mit dem Gründen der eigenen Familie sein Ende (Rinvolucri, 1974). Vertieft wird der Erklärungsansatz im Kapitel 3.3.6 in dem es um Themen der Soziologie der Jugend geht.

In der deutschsprachigen Geographie gibt es umfangreichere Arbeiten, die relativ zeitnah veröffentlicht wurden: Trescher/König führten für ihre Studie „Trampen: Bekannt - Unbekannt - Verkannt“ eine quasi-teilnehmende Beobachtung in Form einer längeren Reise per Anhalter durch und befragten im Rahmen dieser andere Tramper*innen. Die Studie wurde als Projektarbeit am Institut für Landesplanung und Raumforschung durchgeführt (Trescher/König, 1987). Unterschieden wurden dabei zwischen Kurz- und Langstrecken-Tramper*innen, allerdings seien die Übergänge fließend. Für letztere sei das Trampen nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern das Erlebnis, hinter dem das eigentliche Reiseziel verschwindet (ebd.:90). Sie sehen einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit, mit der getrampt wird und den Beweggründen für das Trampen: die befragten Vieltramper*innen fielen dadurch auf, dass sie häufig vielfältigere, erlebnisorientierte und ideelle Motive angaben (ebd.:40ff). Die französische Geographin Viard kommt in einer Veröffentlichung zu dem Schluss, dass für die Tramper mit zunehmender Erfahrung das Trampen nicht mehr nur ein Ersatz für teurere Transportmittel, sondern eine zusätzliche, von Kosten uneingeschränkte und deswegen mobilere Form der Mobilität darstellt (Viard, 1999). Für eine weitere empirische Studie, die vom Bundeskriminalamt in Auftrag gegeben wurde, und die das Hauptaugenmerk auf die Gefahren des Trampens - insbesondere beim „Kurztrampen“ - legt, wurden über zwei Jahre mehrere quantitative Befragungen mit Schülern und Studierenden sowie zahlreiche Interviews mit Tramper*innen und auch Autofahrer*innen durchgeführt. Den Anlass zu der Studie gab das Bild des Trampens in der Medienberichterstattung, das sehr negativ geprägt war. Daten über das tatsächliche Gefahrenpotential fehlten. Als Ergebnis wurde festgestellt, dass das Trampen typischerweise während dem Übergang von der Kindheit ins Jugendalter begonnen wird, auf die Jugendphase beschränkt bleibt und spätesten mit dem Erwerb des ersten Kraftfahrzeugs endet.8 Kriminalitätsgefahren spielen eine sehr untergeordnete Rolle und beschränken sich aufEinzelfälle (Fiedler et al., 1989:183).

Für eine anarchistische Perspektive und Betrachtung der bisherigen Forschungsansätze in soziologischer und anthropologischer Literatur sei auf Purkis (2012) verwiesen. Er beschreibt den Hitchhiker außerdem als Inhaber einer Position, von der aus er eine interessante Perspektive auf soziale Kohäsion außerhalb der etablierten Strukturen einnimmt. Insbesondere das Funktionieren von Hilfsbereitschaft und nicht-monetärer Kooperation in informellen Situationen und zwischen Akteuren, zwischen denen Machtgefälle und Hierarchien bestehen, kann so untersucht werden (ebd.:147).

3.3 Soziologische Einordnung des Phänomens

In soziologischer Denkweise kann sich dem Phänomen des Trampens von verschiedenen Teildisziplinen aus angenähert werden. Das Ziel war der Versuch, den Hitchhiker theoretisch einzuordnen. Da es kaum wissenschaftliche Literatur zum Thema gibt, wurde das Phänomen eingekreist, also Forschungsbereiche untersucht, die thematisch nahe liegen. Zum einen wurde auf die Tourismussoziologie zurückgegriffen. Diese beschäftigt mit den Themen räumliche Mobilität, Urlaubertypologien, Urlaubs- und Reisemotiven und auch explizit mit dem Trampen. Die Freizeitsoziologie untersucht das Verständnis und die Bedeutung von Freizeit sowie das Freizeitverhalten und seinen Wandel. Weitere Themengebiete, die relevante Grundlagen liefern, sind soziologische Gegenwartsdiagnosen sowie die Lebensstil-Forschung.

3.3.1 Tourismussoziologie

Im Folgenden werden einige Konzepte der Tourismussoziologie thematisiert, die beim Trampen eine Rolle spielen. Das erste der Konzepte ist die Bewegung der Menschen, die Mobilität. Auf die räumliche Mobilität wurde bereits im Forschungsstand verwiesen. Sie kann entweder in quantitativer Dimension gemessen werden, also in Entfernung pro Zeit, oder aber auch qualitativ, dann wäre der Sinn und Zweck, der subjektiv empfundene Wert oder die Motivation für Bewegung interessant. Räumliche Mobilität steht in engem

Zusammenhang mit ökonomischen Faktoren. Wohlstandssteigerung und Freizeitzunahme in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs lassen Mobilität zu Freizeitzwecken zunehmen. Auch ökologische und soziale Faktoren spielen eine Rolle, denkt man etwa an den motorisierten Individualverkehr oder an touristische Großereignisse (Großmann/Rochlitz, 1993:180ff). Im Kapitel Gegenwartsdiagnosen wird noch einmal vertieft auf die Bedeutung von Mobilität eingegangen. Unter Reisemotiven versteht man die Gesamtheit der individuellen Beweggründe, wie Emotionen, Wünsche, Erwartungen, die Reisen zugrunde liegen. Diese sind individuell verschieden, stehen aber unter dem Einfluss der soziokulturellen Umgebung. Das Erleben ist laut neuerer Tourismustheorien das zentrale Reisemotiv. Im Urlaub wird das Erlebnis gesucht, das im Alltag nicht zu finden ist. Der Begriff „Erlebnis“ ist prinzipiell sehr offen und kann unterteilt werden, zum Beispiel in exploratives, soziales undbiotisches Erleben (Braun, 1993:199ff).

Das Trampen als Reiseform ist so alt wie die individuelle Reiseform mit dem Automobil. Kagelmann nennt genau wie Schlebecker (1958) das Ende der 30er Jahre in den USA als wichtigen kulturgeschichtlichen Punkt, als das Trampen nicht mehr primär als Fortbewegungsmittel von jungen Männern auf Arbeitssuche, den migratory workers, genutzt wurde, sondern mit dem Motiv des Reisens „um die Welt zu sehen“ von der Mittelklasse-Jugend entdeckt wurde. Er beschreibt es als „freies, ungebundenes vagabundenähnliches Herumfahren“. Der Anhalter, die Anhalterin oder die trampenden Reisenden werden von der Soziologie als ein spezieller Typ der Jugendkultur begriffen. Die Jugend will sich mit ihrer Subkultur von der Kultur der Erwachsenen abgrenzen, dies gilt auch für die Formen und Funktionen des Reisens (Kagelmann, 1993: 416ff). Jugendliche Subkultur kann, muss aber nicht, Formen einer Gegenkultur annehmen, etwa in Gestalt einer „Aussteigermentalität“. Dem wird von Seiten der „Erwachsenengesellschaft“ mit Versuchen der sozialen Kontrolle begegnet, die Versuchen das Trampen zu erschweren, oder zu regeln (ebd.:418). Häufig wird eine Unterscheidung oder Abgrenzung zwischen Touristen und Reisenden getroffen, wobei letztere im Vergleich zu Touristen eindeutig positiver konnotiert werden. Zwischen Touristen und Reisenden verorten sich Backpacker, diese können durch folgende fünfKriterien definiert werden:

1. das Bevorzugen billiger Unterkünfte. 2. der Wunsch andere Backpacker zu treffen. 3. eine individuell organisierte und flexible Reiseplanung. 4. überdurchschnittlich lange Aufenthalte. 5. der Wunsch nach informellen, erlebnisorientierten Aktivitäten“ (Pierce, 1990 zitiert nach Binder 2005:27)

Kagelmann schreibt wenig über “alternativen“ Tourismus und verweist für weitere Literatur auf Erik Cohen. Dieser beklagte schon 1973, dass sich die Tourismus­Wissenschaft stark auf den stereotypen modernen Massentourismus fokussiert und alternative Reiseformen kaum erforscht werden. Seine Untersuchungen folgten zwar nicht speziell den Trampern, doch stellte er eine interessante Typologie an Touristen auf. Er beschreibt eine Art Kontinuum zwischen dem "organized mass-tourist", der hoch institutionalisiert und gering individualisiert ist, über den "individual mass-tourist" und den "explorer," bis hin zu dem am meisten individualisierten und am wenigsten institutionalisierten Typ, den er Drifter nennt. Seine Vorgänger waren die Hobos und Tramps, dann später die Hippies und Beatniks (1973:89). Der Drifter wird mit einer Gegenkultur assoziiert und verstanden, als

"...the type of [inter- national] tourist [who] ventures furthest away from the beaten track... He shuns any kind ofconnection with the tourist establishment... He tends to make it wholly on his own, living with the people and often taking odd-jobs to keep himself going The drifter has no fixed itinerary or timetable and no well-defined goals of travel.” (Cohen, 1973:89)

Er arbeitet eine Unterteilung in Untertypen aus, dabei unterscheidet er zunächst in Full­time Drifters und Part-time Drifter und dann noch eine Ebene weiter. Für diese Arbeit sind die Part-time Drifter interessant, denn alle der interviewten Personen hatten einen festen Wohnsitz und befinden sich nur zeitweise auf Reisen. Cohen unterteilt hier in Mass-Drifter und die Fellow-Traveler. Erstere sind meistens Studierende, die die Welt sehen wollen und das Erlebnis suchen, aber nur begrenzte Zeit investieren wollen, Fellow Traveler beschreibt er als Reisende, die sich marginal der Hippie Subkultur zuordnen, doch mehr an Popkultur, Mode und Diskotheken orientiert sind und bald wieder zu diesem Leben zurückkehren. Er beschreibt sie als Week-end-hippies oder Part-time-Drop-outs (ebd.:100).

Das Trampen hat ab Ende der 70er Jahre an quantitativer Bedeutung abgenommen. Kagelmann hat dazu Thesen formuliert, die als Erklärung dienen können. Er führt die zunehmende Motorisierung mit der Verbreitung privater Fahrzeuge als Folge zunehmenden Wohlstands an, die Entwicklung preiswerter Reise-Angebote für Jugendliche, den Rückgang des Wertes „Trampen“ als identitätsstiftende Leitlinie der Jugendkultur, die Ablehnung eines auf Motorisierung beruhendem Tourismus oderjeglichem Tourismus von manchen Jugendlichen und bei anderen die Hinwendung zu postmodernen Werten, wie

Konsum und Hedonismus, also Ablehnung des Trampens als zu wenig materiell orientierte Reiseform. Auch Kagelmann verweist bedauernd auf den Mangel an wissenschaftlicher Literatur. Es gebe kaum repräsentative empirische Untersuchungen zum Thema. Gründe dafür vermutet er zum einen in der Tatsache, dass die Tramper keine relevante Größe in marktstrategischen Überlegungen der Touristikindustrie spielen und zum anderen in methodologischen Problemen, etwa der Schwierigkeit eine (teilnehmende) Beobachtung zu realisieren (Kagelmann, 1993:418).

Im Mangel an bisher publizierten Studien ist es begründet, dass der eigenen Datenerhebung und Auswertung in dieser Forschungsarbeit ein proportional größerer Teil zukommt als den theoretischen Betrachtungen.

Die Gründe der soeben angesprochenen Bedeutungsabnahme werden vor allem in gesellschaftlich zu Grunde liegenden Werten und deren Wandel über die Zeit vermutet. Um ebendiese Normen geht es im folgenden Kapitel.

3.3.2 Werte, Wertewandel, Norm und Abweichung

Reisen ist ein Lebens-“Wert“, der in Umfragen bei den Deutschen ganz oben steht. Durch Reisen sollen Werte verwirklicht werden, die im Alltag zurückgestellt werden müssen. Solche sind unter anderem Gesundheit, Familie, Freiheit, Selbstständigkeit, Harmonie und Bildung, schreibt Schmidt (1993:294). Werte orientieren das menschliche Handeln und Verhalten und sind deshalb ein zentraler Untersuchungsgegenstand der Soziologie. Sie werden über die Familie und andere soziale Gruppen über Generationen weitergegeben und ändern sich im Laufe des Lebens. Sie werden von äußeren Gegebenheiten beeinflusst, zum Beispiel durch gesamtgesellschaftlichen Wertewandel, oder einer Veränderung in den sozialen Beziehungen. Als Werte können nicht nur Tugenden, Leitbilder, Eigenschaften, sondern auch vom Individuum regelmäßig bevorzugte und hoch geschätzte Aktivitäten verstanden werden. Werte sind auch nicht immer nur als positive Wegweiser zu verstehen. Was für manche soziale Gruppen Wertvorstellungen sind, kann gleichzeitig von anderen negativ interpretiert werden. Als abweichendes Verhalten oder Devianz zählt dabei alles, was gegen geltende Normen und Wertvorstellungen verstößt, oder von einer dominanten Gruppe auf eine Minderheitengruppe als Abweichung von in einer bestimmten Zeit gültigen Normen und Wertvorstellungen beurteilt wird. Genauere Definitionen von abweichendem Verhalten können normorientiert, erwartungsorientiert oder sanktionsorientiert sein. Hier wird von einem erwartungsorientierten Verständnis, nach Cohen ausgegangen, der festlegt, dass ein Verhalten dann abweichend ist, wenn die Erwartungen der Mehrzahl der Mitglieder einer Gesellschaft nicht erfüllt werden (Cohen, 1959:462). So wird eine Rolle z. B. als Studierender oder Arbeitnehmer*^ von einem großen Teil der Gesellschaft mit bestimmten Verhaltenserwartungen verknüpft, die auch das Freizeitverhalten betreffen, werden diese Erwartungen nicht erfüllt, wird das Verhalten als abweichend bewertet. Bei kontrakulturellen Elementen im abweichenden Verhalten liegt nach Cohen (1968) ein Konflikt zwischen dem normativen System der sozialen Gruppe, also der Subkultur, oder des Milieus, und der Gesamtgesellschaft vor. Vor allem in dieser Zeit, in welcher feste Strukturen sich auflösen, Lebensformen sich individualisieren und vervielfältigen; Lebensstile und Milieus an Stelle von Klassen oder Schichten sinnstiftend werden, gibt es immer weniger feste Moral-Prinzipien oder allgemeine Tugenden. Normen werden ständig neu ausgehandelt. Normen und Werte sind vor allem im privaten Bereich nie gänzlich transparent und kontrollierbar und auch oft sehr individuell. In dieser Arbeit wird gefragt, welche Werte und Normen beim Trampen gelten, oder ob durch die Praxis des Trampens bestimmten Normen und Werten bewusst nachgegangen wird.

Werte wandeln sich. Genauer gesagt wandelt sich die Bedeutung der Werte für die Menschen. Wird von Wertewandel gesprochen ist die allgemeine Zuwendung zu neuen, postmaterialistischen Werten gemeint.9 Mit dem Wort Wertewandel werden der breite Bedeutungsverlust von Kirche und Religion und andere Autoritätsverluste beschrieben; auch die Erosion zahlreicher vermeintlicher Tugenden und traditioneller Werte wie Pflicht, Gehorsam, Leistung und Ordnung. Neue Werte, die im gesamtgesellschaftlichen Wertewandel als Impulse aus Jugendkulturen in die Mehrheitskultur eingingen, sind Selbstverwirklichung, Ästhetik, Emanzipation, Demokratie, aber auch Kreativität, Genuss und Abenteuer.10 Alte und neue Werte existieren mehr oder weniger parallel und kommen in differenzierten Kombinationen vor (Richter, Jahr: 97f.). Es wird vermutet, dass dem Trampen grundlegend ähnliche Wertorientierungen zu Grunde liegen wie dem Reisen und möglicherweise noch weitere.

3.3.3 Lebensstile, Milieus und Szenen

Bisher wurde der Begriff Lebensstil weitgehend undifferenziert verwendet, daher muss kurz geklärt werden, was genau in dieser Arbeit unter diesem Begriff verstanden wird. Eine Gesellschaft und ihre Strukturen und kulturellen Orientierungen wurden lange Zeit hauptsächlich in Klassen oder Schichten beschrieben, die sich anhand von Einkommen, Bildung oder Berufen bilden und an denen die Messung sozialer Ungleichheit erfolgte. Lebensstile, Milieus und Szenen sind moderne Ansätze der Sozialstrukturanalyse, die sich an der kulturellen Praxis orientieren. Es stellt sich die Frage, ob in der Gesellschaft Klassen und Schichten durch neue Berufe und Bewusstseinsformen aufgelöst werden, und eine neue Klassenlosigkeit entsteht, oder ob Lebensstile und Milieus nur eine Art sind, in der sich Klassen- oder Schicht-bezogene Sozialstrukturmerkmale äußern. Die Lebensstilforschung begann gewissermaßen bei Max Weber und Georg Simmel, bei denen schon Gedanken über die unterschiedliche Lebensführung als „Stilisierung des Lebens ständischen Ursprungs“ und bei Simmel als „Stil des Lebens“ auftauchten. Einige Jahrzehnte später gab dann Pierre Bourdieus empirische Forschung mit seinen daraus entwickelten Konzepten wichtige Impulse für Vorgehensweisen in der modernen Forschung (Corsten, 2011:126). Bei Lebensstilen handelt es sich um ein Konglomerat aus verschiedenen Werthaltungen, die man im Laufe der Sozialisation mitbekommen hat und Verhaltensweisen, die man in allen Bereichen der täglichen Kontakte ständig überprüft, bestätigt und verfestigt. Ein Lebensstil ist Ausdruck der zugrunde liegenden Orientierungen. Ein Typ, der Muster von Alltagsverhalten beschreibt, die sich im Rahmen objektiv verfügbarer Ressourcen auf alle Gebiete des Lebens, wie soziale Beziehungen, auch Sexualverhalten oder Einstellungen zu Politik und Religion ausdehnt. Jeder Lebensstil entwickelt sich entlang von Norm-Vorstellungen jeweiliger Milieus oder Subkulturen. Auch subjektive persönliche Vorlieben und kulturelle Praxen, etwa von Arbeit, Familie und Freizeit sind im Lebensstil eingeschlossen (Richter, 2005:114f.) Lebensstile weisen außerdem eine gewisse biographische Stabilität auf und können von anderen Personen identifiziert werden. Personen, die einen Lebensstil teilen, interagieren überdurchschnittlich oft untereinander und führen soziale Beziehungen. (Otte/Rössel:13f). Um das Jahr 1990 begann ein Aufschwung in der deutschen Lebensstilforschung, seitdem wächst der Bereich konstant an und kann mittlerweile als eigenes Forschungsfeld bezeichnetwerden (Otte/Rössel, 2011:7f)

Das Milieu, erstmals verwendet bei Emile Durkheim, ist ein eher ungenau definierter Begriff. Milieus werden zumeist über zwei Eigenschaften bestimmt, über einen gemeinsamen Lebensstil einer Gruppe und ein gewisses Maß an Binneninteraktion, meistens handelt es sich um eher lockere Netzwerke (Corsten, 2011:120). Vester bestimmt Milieus über eine gemeinsame Kultur, welche er an zwei Punkten festmacht, einen gemeinsamen Lebensstil und gemeinsame politische Ziele (Vester, 2010). Analog zu Klassen- und Schichtkonzepten wird diskutiert, dass sich Milieus zugunsten von individuellen Lebensformen in einem Prozess der Auflösung befinden. Bei Szenen handelt es sich um thematisch fokussierte Netzwerke (Scherr, 2009:191).

Bestimmte Lebensstile oder Milieus werden im Alltag als alternativ gekennzeichnet. Was ist mit „alternativ“ gemeint? Es handelt sich zwar um einen relativ abgenutzten Begriff, dennoch ist es möglich ihn näher zu definieren. „Alternativ“ zu sein bedeutet zunächst einmal, ein Leben jenseits der Majorität zu führen, doch in seiner Verwendung meint der Begriff noch mehr. Das Verständnis beinhaltet des Weiteren positive Aspekte wie den Anspruch auf Selbstverwirklichung und das Streben nach den Idealen gemeinschaftlicher Solidarität, Natürlichkeit, Ganzheitlichkeit und Nachhaltigkeit (Reichardt/Siegfried, 2010:9). Das Trampen kann als eine Art alternativer Tourismus und vermutlich Teil eines alternativen Lebensstils angesehen werden. Der sogenannte „Alternativtourismus“ bildete sich vor dem Hintergrund der zunehmenden touristischen Erschließung der Welt und den damit verbundenen tourismuskritischen Debatten heraus.11 Der Begriff „alternativ“ ist auch hier ziemlich allgemein verwendet. Alternativ zu verreisen kann heißen: mit einem Rucksack statt Koffer, mit dem Fahrrad oder per Anhalter, statt mit eigener Motorisierung. Im VW Bus anstatt in einem gebuchten Reisebus oder Flugzeug. Alternativtourismus ist Ausdruck eines spezifischen Lebensstils. Die Tätigkeit des Reisens fungiert hier als Distinktionsfeld zur Selbstverortung des Individuums oder einer sozialen Gruppe in

Abgrenzung zur Mehrheitskultur und ist normativ aufgeladen. Der Reisestil wird als gegenkulturell (und damit gleichzeitig als abweichend) kodiert. Kennzeichnend für den Alternativtourismus ist nach Bertsch die Kombination aus Vergnügungslust, wirtschaftlichen Kalkülen und politischem Anspruch. Die Menschen wollten nicht mehr nur „Urlaubsangebote konsumieren“, sondern zogen es vor, ihre eigenen Urlaubsbedingungen selbst zu produzieren. Reisen und Tourismus wird auch hier gewissermaßen als Gegensatz verstanden. Zusammengefasst schreibt sie, tritt das Reisen als milieuspezifischer Erfahrungslieferant und als identitätsstiftendes Distinktionsfeld hervor, auf dem sich eine Gemeinschaft unkonventioneller Individualisten in ihrem Anspruch auf Absetzung von der Massenkultur erfahren kann (Bertsch, 2010:115ff).

3.3.4 Gegenwartsdiagnosen

Zeitgenössische Gegenwartsdiagnostiker versuchen die wesentlichen Merkmale aktuell typischer Denkstile und Wissensformen des Zeitalters ihrer Gegenwart zu Konzepten zu kristallisieren. Sie bewegen sich damit zwischen Kultur- und Wissenssoziologie (Schroer, 2006:115). Verschiedene Modelle diagnostizieren die jetzt-Zeit je nach Fokus zum Beispiel, als eine Ära der Bewegung oder des Neo-Nomadismus (ebd.), als Zeitalter der Individualisierung (Berger/Hitzler, 2010), Beschleunigung (Rosa, 2012) oder Orientierung an Konsum oder Erlebnis (Schulze, 1992). Was auf den ersten Blick widersprüchlich klingen mag, sind verschiedene Perspektiven auf prägende Orientierungen unserer Zeit, die ihre Brauchbarkeit erst erweisen müssen. Im Hinblick auf die Bedeutung von Mobilität in der gegenwärtigen Gesellschaft kann festgestellt werden, dass Flexibilität zu einem der höchsten Werte im Berufsleben und auch sonst avanciert ist. Der moderne Zeitgeist ist mobil (Schroer, 2006:118). Es werden immer größere geographische Entfernungen in immer geringerer Zeit zurückgelegt. Es ist das Zeitalter der globalen Migration und des globalen Massentourismus. Wie im vorangegangen Kapitel erläutert, ist auch die Sozialstruktur in Bewegung. Alles Feste löst sich auf, traditionelle Strukturen bröckeln, das sozial Gebundene löst sich, Lebensstile sind heute nicht mehr ständisch geprägt, sondern weitgehend individualisiert. Die Gewissheit schwindet, ständig entstehen neue Erlebniswelten, es dominiert die Multioptionalität. Das Subjekt, der moderne Mensch, ist gezwungen dies zu bewältigen, irgendwie damit umzugehen, die Gegenwart zu gestalten (Gebhardt et al., 2006:9). Es lassen sich verschiedene Bewegungstypen erkennen, wie die modernen Nomaden, Vagabunden, Touristen, Kosmopoliten (Schroer, 2006:115). Die Tramper*innen sind Kinder ihrer Zeit, Produkte der automobilen Zivilisation, doch lassen sie sich in einen der genannten Bewegungstypen einordnen? Gebhardt et al. unterscheiden von modernen mobilen Lebensformen die Nomaden, Vagabunden und Flaneure. Der Nomade ist ein zyklischer Wanderer, der weniger seinen Neigungen folgt, als lebenserhaltenden Naturressourcen. Er trägt alle seine Habe mit sich. Der Vagabund ist ein Weg-getriebener, auch er trägt seinen Besitz. Er bewegt sich, auf den Zufall angewiesen, situationsopportunistisch und geht bewusst keine Verpflichtungen ein. Der Flaneur wird von etwas angezogen, er geht Verpflichtungen aus dem Weg, trägt aber nicht seinen Besitz mit sich, da er immer wieder in ein Zuhause zurückkehren kann und hat somit am meisten Sicherheit (2006:11). Die genannten Typen sind geschichtlich erst seit kurzer Zeit positiv konnotiert, lange Zeit galt Sesshaftigkeit und Anwesenheit als oberste Pflicht der bürgerlichen Ordnung und das Herumstreifen als Weg, sich sozialer Kontrolle zu entziehen. Der Wertewandel machte es möglich, dass auch überdurchschnittlich langes oder sehr spontanes Reisen als Form kultureller Bildung oder legitimer Freizeitbeschäftigung immer mehr anerkannt wird (ebd.). Literatur und Kunst spiegelten diesen Wandel wieder und feuerten ihn an.

3.3.5 Die Soziologie des Freizeitverhaltens

Systematisierte sozialwissenschaftliche Freizeitforschung gibt es seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, doch umfangreichere empirische Untersuchungen soziologischer Art wurden erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben. Die allgemeine Hinwendung zu neuen qualitativen interpretativen Methoden erreichte auch die Freizeitforschung. Nun rückten auch Vielfalt und Intensität des subjektiven Freizeiterlebens und persönliche Erlebniswelten in den Blick der Forschung, bei denen dann nach Typen und überindividuellen Gemeinsamkeiten wie nach spezifischen Freizeitlebensstilen gesucht werden kann. Mit neuen Methoden konnten neue Sinnzusammenhänge aufgedeckt, Gemeinsamkeiten erfasst und Bezüge eröffnet werden (Opaschowski, 2006:298ff).

Auch das Verständnis von Freizeit hat sich gewandelt. Freizeit als Produkt der Industriegesellschaft wurde hauptsächlich als Negativbegriff definiert, als „Abwesenheit von Pflicht und Arbeit“ verstanden. Auf Karl Marx zurückgehend verkaufte man seine Arbeitskraft und reproduzierte diese in seiner Freizeit. Heute versteht man unter dem Begriff mehr als nur Erholungszeit, sondern Zeit, in der man für etwas frei ist. Freizeit ist ein Rahmenbegriff, der inhaltlich nicht viel besagt, der von den Alltagsakteuren verstanden, abgegrenzt und gefüllt werden muss. Das Verständnis ist subjektiv und die Grenzen zur Nicht-Freizeit nicht klar abgesteckt (ebd.: 315). Doch es wandelte sich nicht nur der Begriff, auch die Form der Freizeit an sich ist gewandelt. ,,Freizeit verliert zunehmend ihre Bedeutung als arbeitsfreie Regenerationszeit. Umso mehr richten sich dann die Hoffnungen auf die Freizeit als Synonym für Lebensqualität und Wohlbefinden“ (ebd.: 35). Trotz der stattgefundenen Veränderungen bewahrt der Einzelne immer noch einen relativ festen Platz im System, eine vorgegebene Rolle. Der Konflikt zwischen Arbeitswelt und Freizeitbereich ist nicht gänzlich aufgelöst. Die Stabilität und Sicherheit, die die Arbeitswelt ermöglicht, ist ein konkretes Bedürfnis, das durch Verlust von Freizeit erkämpft wurde, Freizeit ist im Gegensatz zu Stabilität und Sicherheit des Arbeitsplatzes ein eher diffuses, abstraktes Bedürfnis, so Opaschowski. ,,Freizeit wirft das Individuum genau in das Spannungsfeld von Freiheit und Sicherheit“ (ebd.:23). Dies weist auf eine Art Balance hin, die gefunden werden muss. Kann das Trampen als Freizeitverhalten, insofern es frei von Zwang getan wird, eine Art sein, mit diesem Spannungsverhältnis umzugehen?

Da die Berufs- und Arbeitswelt ihre Leitbildfunktion verloren hat, ist ,,Freizeit [ist] das zentrale Bestimmungsmerkmal zur Findung eines individuellen Lebensstils geworden“ (Opaschowski, 2006:320). Freizeit ist der Raum, in dem zentrale, sinnstiftende Bedürfnisse befriedigt werden, deshalb wurden speziell in der Tourismus-Forschung neue Lebensstil­Typen entwickelt. Die einzelnen Typen unterscheiden sich dabei deutlich in ihrer Reisephilosophie, ihrem Reiseverhalten und ihren Urlaubsinteressen (ebd.:219). Der Jugendliche oder Erwachsene, der regelmäßig trampt, könnte also durchaus als Lebensstil­Typ bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen sein eigen nennen, die für das tägliche Leben relevant sind und die er mit anderen Tramper*innen teilt. Freizeit ist nach Richter maßgeblich durch Konsum charakterisiert. Konsum bildet auch die Grundlage der Lebensstilgesellschaft, da die Konsumgüter die symbolische Vermittlung sozialer Ungleichheit vergegenständlichen.

[...]


1 Wörtliche Zitate werden kursiv geschrieben und durch Anführungszeichen gekennzeichnet, längere Zitate werden aus Gründen der Lesbarkeit eingerückt.

2 Namen von Personen wurden, sofern sie dies wünschten, geändert.

3 Die Begriffe Tramper*in und Hitchhiker, sowie per Anhalter fahren, Trampen, stoppen und hitchhiken oder kurz hitchen werden synonym verwendet.

4 Wie im Englischen gängig, wird bei Hitchhikern nicht zwischen männlicher und weiblicher Form unter­schieden, im Deutschen wurde dies außer in wörtlichen Zitaten immer berücksichtigt und dementspre­chend von Tramper*innen gesprochen.

5 Das Sternchen soll als Mittel der sprachlichen Darstellung aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsi­dentitäten, auchjener abseits des gesellschaftlich hegemonialen Zweigeschlechtersystems sein. In der deutschen Sprache wäre dies sonst nur durch Umschreibungen möglich.

6 URLI: http://deiure.org/gesetze/StVO/18.html [letzter Zugriff 13.3.14]

7 Sie testeten die Variablen Geschlecht, Hilfsbedürftigkeit, Brustgröße und Blickrichtung an Tramper*innen und kamen zu dem Ergebnis, dass Frauen signifikant öfter mitgenommen werden als Männer oder Paare. Die Wahrscheinlichkeit, dass Fahrer anhalten erhöht sich mit der Brustgröße der Frau, einem direkten Blick und mit dem Grad an offensichtlicher Hilfsbedürftigkeit (vgl. Pomazal/Clore 1973, Snyder et al. 1974 und Gueguen, 2007).

8 Weiterhin wurde in der nun schon älteren Studie festgestellt, dass es sich bei den Tramp er*innen in der Regel um Jugendliche handelt, die insbesondere dann auf kürzeren Strecken trampen, wenn für die ange - strebte Mobilität keine adäquaten Verkehrsmittel zur Verfügung stehen (Fiedler u.a. 1989:77).

9 Dies wurde empirisch festgestellt und quantitativ, zum Beispiel anhand der Zahl der Zustimmung zu be­stimmten Aussagen, wie „Finden sie es in Ordnung, wenn nicht-verheiratete Paare zusammenleben?“ ge­messen.

10 Eine These besagt, dass sich die Menschen dann, wenn existentielle Bedürfnisse befriedigt sind, sozialen und ästhetischen Werten zuwenden. Diese These ist umstritten, da sie einen gewissen Reichtum dem Wer­tewandel voraussetzt.

11 Bertsch hat in ihrer Publikation über den Zeitraum zwischen 1968 und 1983 geschrieben, doch kann die Literatur über das alternative Milieu dieser Zeit zu einem ersten Verständnis der Einordnung moderner Tramper*innen beitragen.

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Trampen. Eine soziale Praxis zwischen Individualtourismus und Lebensstil
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,7
Jahr
2014
Seiten
75
Katalognummer
V293149
ISBN (eBook)
9783656905172
ISBN (Buch)
9783656905189
Dateigröße
740 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
trampen, Austostop, Lebensstil, Soziologie, Jugend, tourismus, Freizeit
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Trampen. Eine soziale Praxis zwischen Individualtourismus und Lebensstil, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293149

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