Lebenserfahrungen und Selbstreflexion. Der Einfluss von körperlichen Erkrankungen auf das Leben des frühneuzeitlichen Menschen

Unter Berücksichtigung der persönlichen Aufzeichnungen des Kölner Ratsherrn Hermann von Weinsberg (1518-1597)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
21 Seiten, Note: 1,0
Antonia Krihl (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Erkenntnis von und Umgang mit Krankheiten in der Frühen Neuzeit
1.1 Modernes und frühneuzeitliches Körperverständnis: Physiologie vs. Ontologie
1.1.1 Krankheit als eigenständiges Wesen

2. Hauptteil: Der Patient und seine Gefühle
2.1 In Kürze: Das Leben des Kölner Ratsherrn Hermann Weinsberg
2.2 Die Gedenkbücher
2.3 Die Krankheiten Hermann Weinsbergs — eine Auswahl
2.3.1 Hermann Weinsberg — ein kranker Mensch?
2.3.2 Die Auswirkungen eines lebenslangen Bruchleidens

3. Fazit: Einflussfaktor Krankheit in der Frühen Neuzeit — Umgang mit Leben und Tod

4. Quellen- undLiteraturverzeichnis

1. Einleitung: Erkenntnis von und Umgang mit Krankheiten in der Frühen Neuzeit.

Die Unversehrtheit und Gesundheit des menschlichen Körpers und damit einhergehend auch dessen Verletzbarkeit und Erkrankung sind Faktoren, die den Homo sapiens wohl bereits seit seiner Entstehung vor rund 200.000Jahren beschäftigen.

Seit jeher führen die Begriffe „Gesundheit“ und „Krankheit“ eine Koexistenz; das eine wird nicht auftreten ohne das andere in seinem Schatten. Bedingt durch die menschliche Fähigkeit, sich selbst und den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen, kann eine Abweichung vom „Normalen“ als „krankhaft“ interpretiert und daraufhin versucht werden, das Gleichgewicht beziehungsweise den Normalzustand wiederherzustellen.

Das Zedler-Lexikon beschreibt die Gesundheit des Menschen folgendermaßen: „Einmahl ist es ein solcher Zustand des menschlichen Leibes, in welchem derselbe an allen seinen Theilen unverletzt seine natürlichen Verrichtungen ungehindert ausführen kann.irt und geht weiterhin noch auf die geistige Gesundheit ein. Der Begriff „Krankheit“ wird demgegenüber als „alles / was dem Leib beschwerlich isť“ bezeichnet und ist „Insbesondere ein unnatürlicher Zustand des menschlichen Leibes / odereines seiner Theile / wodurch desselben Verrichtung verhindert odergehemmet wird. “[1] [2] [3]. Nach Robert Jütte ist anhand dieser Beschreibung davon auszugehen, dass Gesundheit noch nicht als das wichtigste Gut des Menschen angesehen wurde, wie es heutzutage oft der Fall ist[4]. Jedoch war ein funktionstüchtiger Körpers die zwingende Voraussetzung für ein gesichertes Einkommen und damit ein Leben oberhalb der Armutsgrenze — Abhilfe musste demzufolge injedem Fall geschaffen werden. War der Patient[5] selbst nicht vermögend genug, die oft durchaus kostspielige ärztliche Behandlung zu bezahlen, war er gezwungen, das erforderliche Geld beispielsweise bei Familienangehörigen oder Freunden zu leihen und sich zu verschulden[6].

Vom Standpunkt des 21. Jahrhunderts aus lässt sich schnell feststellen, dass diese Versuche, den Gesundheitszustand des Kranken wiederherzustellen, in der Geschichte recht durchwachsene Erfolgsquoten aufweisen. Erst seit ca. 1850, mit der schrittweisen Verbreitung der Lehre der modernen Zellularpathologie, wurde es vermehrt möglich, Krankheiten wirklich zuverlässig zu diagnostizieren und zu therapieren. Auch wenn es in der Frühen Neuzeit — die Epoche, die in der vorliegenden Arbeit genauer thematisiert werden soll — bereits viele Fortschritte in der wissenschaftlichen Forschung gab[7] und die seit der Antike weit verbreitete Humoralpathologie vermehrt hinterfragt wurde, befand sich die moderne Medizin doch noch am Anfang. So prägten hauptsächlich unbehandelt belassene Krankheiten oder Therapie-Misserfolge den Alltag des unterschiedlichst ausgebildeten medizinischen Personals sowie der Patienten.

Da jedoch bereits in der Frühen Neuzeit ein ganzheitliches Gesundheitsmodell propagiert wurde, spielte auch die Diätetik eine große Rolle — Hermann von Weinsberg, der Protagonist der folgenden Arbeit, befolgte selbst streng verschiedene diätetische Vorgaben[8]. Es ist deutlich erkennbar, dass die Erwartungshaltung an die eigene Gesundheit gerade dort, wo der Patient den Richtlinien des ärztlichen Personals schon in der Vorsorge so genau folgte, hoch sein musste. Dementsprechend hoch war auch die Furcht vor Erkrankung — ganz gleich, wie schicksalsergeben der Tenor des Weinsberger Familienbuches insgesamt auch klingen mag.

In der nachfolgenden Ausarbeitung soll nun der Umgang des Erkrankten mit eben dieser Problematik untersucht und ausgewertet werden: Inwieweit wurde das persönliche Leben des Patienten durch seine Krankheit beeinflusst? Welchen Stellenwert nahmen Krankheiten im Leben des Einzelnen ein? Welche individuellen Lebenskonzepte oder Pläne ließen sich mit der Krankheit vereinbaren oder nicht vereinbaren? Und wie vereinbarte der Kölner Ratsherr Hermann von Weinsberg sein Leben und seine Pläne mit den von ihm selbst in seinen Gedenkbüchern beschriebenen Erkrankungen? Der Untersuchung zugrunde gelegt werden sollen in erster Linie die eben genannten Gedenkbücher. Auch wenn diese in Bezug auf die Familiengeschichtsschreibung laut Birgit Studt nicht mehr allzu gut angesehen sind[9] — hinsichtlich der Relevanz dieser Dokumente für die medizinhistorische und sozialgeschichtliche Forschung dürfte kein Zweifel bestehen. Weiterhin sollen unter anderem auch die Abhandlungen von Robert Jütte und Michael Stolberg zum Versuch einer Klärung der oben genannten Fragestellungen herangezogen werden, da im Bereich der Medizingeschichtsschreibung aus Sicht des Patienten — nicht aus der des Arztes - bis zum heutigen Datum noch Forschungsbedarf zu bestehen scheint.

1.1 Modernes und frühneuzeitliches Körperverständnis: Physiologie vs. Ontologie.

Krankheit als eigenständiges Wesen, als nicht zum eigenen Körper zugehörig, so beschrieben nach Michael Stolberg viele frühneuzeitliche Patienten ihre Erkrankung[10]. Stolberg stellt diese eher ontologische Sichtweise, die die Krankheit als etwas Fremdes, Selbstständiges betrachtet, der sogenannten physiologischen Betrachtungsweise gegenüber, bei der die Patienten ihre Krankheit lediglich als „Abweichung von einem gesunden Idealzustand“[11] bezeichnen. Er verweist außerdem darauf, dass in den von ihm behandelten Quellen, hauptsächlich bestehend aus Patientenbriefen, bereits ein starkes „Bedürfnis nach einer Zuordnung der Beschwerden zu einem bestimmten Krankheitsbegriff“2 zu verzeichnen war — eine Feststellung, die die Theorie einer ontologischen Krankheitsauffassung in jedem Fall stützt. Während eine physiologische Krankheitsauffassung eher dem Bild der galenischen Medizin nach der Humoralpatholgie entspricht, nach der verschiedene Bestandteile des Körpers in Ungleichgewicht geraten sind, deutet die von Stolberg nachgewiesene ontologische Betrachtungsweise darauf hin, dass neben der Vier-Säfte-Lehre durchaus bereits modernere Lehrwerke und Ansichten existierten, die, vermutlich eher inoffiziell, ebenfalls ihren Einfluss auf die Bevölkerung nahmen[12] [13].

1.1.1 Krankheit als eigenständiges Wesen.

Wie bereits unter 1.1 kurz erwähnt, neigten viele Menschen im deutschen Sprachraum der Frühen Neuzeit dazu, ihre Krankheiten als körperfremdes, eigenständiges Wesen zu betrachten. Der Patient identifizierte sich nicht mit seiner Krankheit, er distanzierte sich vielmehr von ihr und behandelte sie wie einen Eindringling. Nach Michael Stolberg spiegelt diese Distanzierung möglicherweise „ein sehr tief verankertes Bedürfnis nach Abspaltung von Krankheit und Selbst, die die Integrität des Selbst unangetastet läßt und die Krankheit zum eigenständigen und damit auch gezielt zu bekämpfenden oder auszutreibenden Gegenüber macht.“[14].

Die Theorie der Krankheit in Form eines tatsächlichen Eindringlings stützen bildhafte Bezeichnungen wie der „Zahnwurm“, der seinen Ursprung höchstwahrscheinlich schon um 1800 v. Chr. hat[15], oder auch der Ausdruck „Bärmutterbeißen“, der als Krankheitssymptom sowohl Frauen als auch Männer befallen konnte[16]. Auch im heutigen Sprachgebrauch sind Formulierungen wie „Ich habe Fieber“ oder „Der Schmerz quält mich“ noch immer wohlbekannt, oft gebraucht und deuten daraufhin, dass der Patient seine Empfindungen als etwas Fremdes, von außen Kommendes identifiziert und nicht als etwas, das möglicherweise im eigenen Körper erst entsteht — ruft man sich beispielsweise die oft spontane und teilweise unerklärliche Zellmutation im Fall von Krebserkrankhungen ins Gedächtnis.

In Bezug auf diese Beschreibungen einer Krankheit oder vielmehr von Krankheitssymptomen hat sich von der damaligen zur heutigen Zeit nicht viel geändert. Im Unterschied zum 21. Jahrhundertjedoch existierten in der Frühen Neuzeit sehr viel anschaulichere und detailiertere Arten der Beschreibung von Schmerzempfindungen. Michael Stolberg schreibt dieses Phänomen dem Umstand zu, dass Schmerzen zu einer Zeit ohne zuverlässige Schmerzmedikamente oder Narkosemittel öfter und selbstverständlicher in den Alltag eines Menschen integriert wurden[17]. Schmerzen mussten mitunter lange Zeit, manchmal sogar lebenslang ertragen werden — es erscheint angesichts dieser Tatsache durchaus nachvollziehbar, dass der Patient in seiner Leidenszeit zum einen lernte, mit den Schmerzen zu leben, zum anderen natürlich auch sehr viel mehr Zeit für eine genauere Analyse, Differenzierung und daraufhin auch Benennung der jeweiligen Schmerzen aufwenden konnte bzw. musste. Der Mensch lernte, mit seiner Krankheit zu leben — als unangenehmer, dauerhafter Besucher, der nicht des Hauses verwiesen werden kann.

2. Hauptteil: Der Patient und seine Gefühle.

Gefühlsbekundungen und Auskünfte zum allgemeinen Befinden gehören noch in Bezug auf das Mittelalter zu einer eher raren Quellengattung. Die Alphabetisierung war in der Bevölkerung nur rudimentär verbreitet, hauptsächlich Adel und Klerus konnten dieses Privileg für sich in Anspruch nehmen. Erst mit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern konnten Nachrichten und Informationen vermehrt auch einer breiteren Bevölkerungsschicht zugänglich gemacht und die Alphabetisierungsrate langsam erhöht werden. Dabei setzte sich die Lesefähigkeit schneller durch als die des Schreibens und auch dieses beschränkte sich anfänglich hauptsächlich auf das Leisten der eigenen Unterschrift und das Aufsetzen einfacher, meist geschäftlicher Schriftstücke[18]. Ab ca. 1500 dann konnte nach Thorsten Noack und Reiner Fangerau zumindest bezüglich der Darstellung von Arzt-Patient-Beziehungen ein sehr viel detaillierteres Bild gezeichnet werden — der relativ guten Quellenlage zu verdanken[19].

Was nun aber die Gefühle des Patienten und seine Ängste in Zeiten der Krankheit betrifft, bildet das Buch Weinsberg nicht nur nach Ansicht Robert Jüttes eine der wichtigsten Quellen der Frühen Neuzeit überhaupt. Zwar liefern beispielsweise auch Giovanni Boccaccio mit den Erzählungen des „Il Decamerone“, geschrieben zur Pestepidemie 1348 in Italien oder Martin Luther, der 1527 die Pest in Wittenberg miterlebte und erschüttert das veränderte Verhalten der Menschen beschrieb[20], wichtige und hochinteressante Zeugnisse einer Zeit, in der Krankheit, Siechtum und Tod die vorherrschenden Elemente des täglichen Lebens waren. Weinsberg jedoch schildert hier aus eigener Sicht seine Emotionen — sowohl dann, wenn der Chronist selbst betroffen ist als auch beim Miterleben der Krankheit von Freunden und Familienmitgliedern. Genau diese persönliche Sichtweise, verpackt in eine Art frühe Autobiographie, macht Weinsbergs Aufzeichnungen für die geschichtliche Forschung so außergewöhnlich und lässt sie als „in ihrer Art [bedeutendstes, sic] Beispiel bürgerlicher Chronistik des 16.Jahrhundertsim deutschsprachigen Raum“gelten[21].

2.1 In Kürze: Das Leben des Kölner Ratsherrn Hermann Weinsberg.

1518 in Köln zur Welt gekommen, wurde Hermann Weinsberg in eine kinderreiche Familie — er war das älteste von insgesamt elf Geschwistern — hineingeboren, die sich aus recht einfachen Verhältnissen nach oben gearbeitet hatte. Weinsberg erhielt zunächst eine fundierte schulische Ausbildung, wechselte dann an die Universität Köln, um dort Rechtswissenschaften zu studieren. Diesen Beruf übte er offizielljedoch nie aus, da er neben seiner Tätigkeit als Ratsherr auch noch als Verwalter der Güter seiner beiden Ehefrauen fungierte. Seinen Lebensunterhalt konnte er hauptsächlich aus seinem Rentenbesitz bestreiten.

Weinsberg heiratete zwei Mal: zunächst imjahr 1548 Weisgin Ripgen, imjahr 1558 dann — nach dem Tod seiner ersten Frau — Drutgin Bars. Von 1573 an, mit gerade 55 Jahren, bis zu seinem Tode 1597 lebte Weinsberg als Witwer; ein drittes Mal heiratete er nicht. Zudem blieben beide Ehen kinderlos. Jedoch hatte der Ratsherr zuvor, imjahr 1545, ein Verhältnis mit einer Dienstmagd seiner Mutter, aus dem im November 1546 eine uneheliche Tochter hervorging[22] ; diese Tochter gab er ins Kloster, in dem sie bis zu ihrem Tode 1601 als Vorsteherin verblieb.

Er hinterließ eine weitgehend fiktive Familiengeschichte, das „Buch Weinsberg“, sowie drei Gedenkbücher — diese vier Bücher bilden heute zusammengefasst das „Buch Weinsberg“[23].

2.2 Die Gedenkbücher.

Im Alter von 42 Jahren begann Weinsberg schließlich mit den Aufzeichnungen seiner in drei Bücher gegliederten Lebensgeschichte — einer Chronik, die heute der Gattung der Familienbücher zugeordnet werden kann[24]. Zunächst widmete er sich im „Liber iuventutis“ der Zeit seit seiner Geburt, die er anhand unterschiedlicher Quellen zu rekonstruieren versuchte — dieses Buch ist das umfangreichste. Gegen Ende der 1540erjahre wechselt Weinsberg zur Dokumentation seines Lebens in Echtzeit, führt beinahe täglich Tagebuch. Ab demjahr 1578 dann, im Alter von 60Jahren, folgte die Entstehung des zweiten Buches, des „Liber senectutis“. Das Bestreiten des Lebensunterhaltes durch Rentenbesitz sowie sein frühes Dasein als Witwer ermöglichten Weinsberg, sich in erster Linie auf das Schreiben zu konzentrieren — die Einträge werden auch recht bald nach dem Tod der zweiten Frau sehr viel ausführlicher und detaillierter. Imjahr 1588 dann begann der Ratsherr mit dem dritten Buch, dem „Liber decrepitudinis“, das erbis zu seinem TodAnfang desjahres 1597 fortführte.

Bei der Lektüre der drei Bücher, die teilweise sehr persönliche Erfahrungsberichte und Gefühlsbekundungen enthalten, ist nicht außer Acht zu lassen, dass es sich bei der Chronik Weinsbergs keineswegs um ein Werk handelte, das der Autor zu Lebzeiten oder auch nach seinem Tode veröffentlicht sehen wollte. Diese Intention lag Weinsberg fern. Vielmehr sollten die Gedenkbücher der Anleitung seines eventuellen Nachfolgers in der Familie — als Hausvater des Hauses Weinsberg — und möglicherweise auch in seiner Funktion als Ratsherr dienen[25].

Eine Analyse der Schriftsprache, der sich der Ratsherr bediente, soll hier nicht weiter ausgeführt werden, da diese den Umfang der Arbeit sprengen und die eigentliche thematische Eingrenzung überschreiten würde. Es sei nur soviel erwähnt, dass Weinsberg sich einer sogenannten „Mischsprache“ bediente, da der schriftliche Sprachgebrauch in dem betreffenden Gebiet im 16. Jahrhundert einen deutlichen Wandel erlebte[26].

Bisher sind die Gedenkbücher Weinsbergs lediglich in lückenhafter Form veröffentlicht worden, seit 2002 jedoch wird von dem DFG-Forschungsprojekt der Abteilungen für Rheinische Landesgeschichte und Sprachforschung am Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn an einer neuen Gesamtausgabe gearbeitet.

2.3 Die Krankheiten Hermann Weinsbergs — eine Auswahl.

Hermann Weinsberg litt Zeit seines Lebens unter mehreren Krankheiten — sowohl akuter als auch chronischer Art. Eine Auswahl dieser Erkrankungen soll nachfolgend genannt, analysiert und nach Möglichkeit bewertet werden.

Im „Liber iuventutis“, dem „Buch derjugend“, ist die erste Aufzeichnung des Ratsherrn, die sich mit seinem eigenen Gesundheitszustand beschäftigt, eine Pockenerkrankung imjahr 1522: „Do hab ich samtminen zweien vurs. sustergen Marien undDrutgin zugelich die kinderpocken kregen, haben alle 3 zuglich uff dem sale zu Weinsberch gelegen, und wiewol wir gute hoit, rat und wardung hatten, noch dannest hat got sinen willen geschaffen und ist min suster Maria eirst gestorben und kurz darnach min suster Drutgin [...].‘“[27]. Interessant bei Weinsbergs Erzählung ist die göttliche, helfende Komponente, die er sogleich im Anschluss an die recht emotionslos erscheinende Schilderung des Todes seiner zwei Schwestern erwähnt und die Entschuldigung an Gott selbst für seine Ungeduld beim Ertragen der Krankheit. Die Emotionslosigkeit des Chronisten lässt sich höchstwahrscheinlich mit verschiedenen Umständen erklären. Zum einen hatte Weinsberg zehn Geschwister, zum anderen war die Kindersterblichkeit im 16. Jahrhundert noch sehr hoch und Weinsberg selbst befand sich gerade erst im vierten Lebensjahr.

[...]


[1] Zedler, Bd. 10, Lemma „Gesundheit“.

[2] Zedler, Bd. 15, Lemma „Kranckheit“.

[3] Ebd.

[4] Jütte, S. 55-56.

[5] Der Begriff, der uns heute ganz selbstverständlich über die Lippen geht, wurde erst im 16.Jahrhundert aus dem Lateinischen „patiens“ - „geduldig“ entlehnt und in den deutschen Sprachgebrauch hinein übernommen. Siehe dazu: Osten, S. 7.

[6] Dinges, S. 8 undjütte, S. 195-201.

[7] Bergdolt, S. 18. Siehe auch die Errungenschaften des Andreas Vesalius in Bezug auf die Pathologie des Menschen, die

in Form detaillierter Beobachtungen und anatomischer Zeichnungen das Bewusstsein der Menschen für die inneren Funktionen ihres Körpers schärfte.

[8] Jütte, S. 43-45; Bergoldt, S. 15-17.

[9] Studt, S. 17.

[10] Stolberg, S.38.

[11] Ebd.

[12] Stolberg, S. 39.

[13] Ebd., S. 40.

[14] Ebd.

[15] Hoffmann-Axthelm, S. 35.

[16] Stolberg, S. 43.

[17] Ebd., S. 45.

[18] van Dülmen, Religion, Magie undAufklärung: S. 159-161.

[19] Schulz, Steigleder, Fangerau, Paul, S. 78.

[20] Delumeau, S. 176.

[21] Herborn, Wolfgang: http://www.weinsberg.uni-bonn.de/Projekt/Einleitung/Einleitung.htm

[22] Buch Weinsberg, „Liber iuventutis“, Abschnitt 181.

[23] Groten, Manfred: Zum Werk Hermann Weinsbergs. In: Die autobiographischen Aufzeichnungen Hermann Weinsbergs — Digitale Gesamtausgabe, http://www.weinsberg.uni-bonn.de/Weinsberg.htm

[24] Rohmann, S. 95.

[25] Ebd.

[26] Hoffmann, Walter: Sprachgeschichtliche Einordnung. In: Die autobiographischen Aufzeichnungen Hermann Weinsbergs — Digitale Gesamtausgabe, URL: http://www.weinsberg.uni-bonn.de/Weinsberg.htm.

[27] Buch Weinsberg, „Liber iuventutis“, Abschnitt 14.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Lebenserfahrungen und Selbstreflexion. Der Einfluss von körperlichen Erkrankungen auf das Leben des frühneuzeitlichen Menschen
Untertitel
Unter Berücksichtigung der persönlichen Aufzeichnungen des Kölner Ratsherrn Hermann von Weinsberg (1518-1597)
Hochschule
Universität Siegen  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Wissens- und Erfahrungswelten im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa.
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V293672
ISBN (eBook)
9783656912033
ISBN (Buch)
9783656912040
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lebenserfahrungen, selbstreflexion, einfluss, erkrankungen, leben, menschen, unter, berücksichtigung, aufzeichnungen, kölner, ratsherrn, hermann, weinsberg
Arbeit zitieren
Antonia Krihl (Autor), 2013, Lebenserfahrungen und Selbstreflexion. Der Einfluss von körperlichen Erkrankungen auf das Leben des frühneuzeitlichen Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293672

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