Wittgensteins Begriff des Verstehens in den Philosophischen Untersuchungen


Essay, 2001
6 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I) Einleitung

II.1) Ist das Verstehen ein geistiger Zustand?
II.2) Das Verstehen in der Praxis der Sprache

III) Schluss

I) Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich die Paragraphen 138-197 der Philosophischen Untersuchungen Wittgensteins behandeln und insbesondere auf die Frage eingehen, was das Verstehen ist. Ich werde versuchen anhand von Zitaten den Aussagen Wittgensteins gerecht zu werden, andererseits aber auch eigenständig interpretieren. Ich möchte mich intensiv mit der Frage beschäftigen, ob das Verstehen als geistiger Zustand begriffen werden darf. Schließlich werde ich auf die Praxis der Sprache zu sprechen kommen, in der meiner Meinung nach ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis Wittgensteins liegt.

II.1) Ist das „Verstehen“ ein geistiger Zustand?

Ist das „Verstehen“ für Ludwig Wittgenstein ein seelischer Vorgang? Die Antwort muss „Nein“ lauten: „Betrübnis, Aufregung, Schmerzen, nennen wir seelische Zustände.“[1] Den angeführten seelischen Zuständen ist gemein, dass sie von längerer Dauer sind, als das Verstehen. Das Verstehen erfolgt blitzartig und offenbart sich dem Verstehenden zum Beispiel im Verlauf eines Gesprächs. In diesem benutzen die Kommunikationspartner Worte, die sie verstehen, indem sie sie gebrauchen. Ich erfasse ein Wort in einem Gespräch mit einem Schlage[2]: Dabei wird die in der entsprechenden Situation passende Verständnisweise des Wortes automatisch aus einem kognitiven „Pool“ von möglichen Anwendungen aussortiert. Damit dies geschehen kann, muss man das Wort bereits verinnerlicht haben und darüber verfügen können: Ich kenne die Bedeutungen eines Wortes in möglichst vielen Situationen und weiß um dessen mögliche Definitionen. Ich weiß darum, weil mir das Wort schon oft in meinem Leben begegnete, und zwar in den verschiedensten Situationen. Dabei fügte ich meiner Kenntnis des Wortes neue mögliche Belegungen hinzu. Beim Nähen, lernte ich, gebraucht man eine Nadel. An Tannen sitzen Nadeln. Ein Plattenspieler hat eine Nadel etc. In einem Gespräch benutzt mein Gegenüber nun das Wort „Nadel“ im Zusammenhang mit dem Wort „Weihnachtsbaum“. Und sogleich kommt mir das Wort „Tannennadel“ in den Sinn, spontan: „Es ist eben, als könnten wir sie ( die Verwendung) `mit einem Schlage erfassen´Es bietet sich nur eine Ausdrucksweise an. Als das Resultat sich kreuzender Bilder.“[3] Diese „sich kreuzenden Bilder“ erinnern stark an den Begriff der „Familienähnlichkeiten“. Mein Geist sucht in der Familie „Nadeln“ nach der situationsbedingt passenden Bedeutung des Wortes, eben der „Tannennadel“. Dieses Suchen geschieht so schnell, dass es nicht nachvollziehbar ist. Was bei diesem Suchen geschieht, wissen wir deshalb nicht. Doch gibt es nach Wittgenstein kein Kriterium, welches allen Suchprozessen gemein ist. Das blitzartige Aussortieren von möglichen Bedeutungen eines Wortes verläuft dermaßen spontan, dass es mit dem „Kommen“ der Worte vergleichbar ist, wovon Wittgenstein in den Paragraphen über das Lesen spricht: „`Die Worte, die ich ausspreche,kommen in besonderer Weise.´...Sie kommen von selbst.“[4] Und auch beim Verstehen kommen die Worte von selbst, sofern man das im Gespräch fallende Wort gegenwärtig hat, in einer Art kognitiven Speicher. Aus diesem schöpfe ich die angemessene Bedeutung des Wortes. Das Schöpfen aber ist nicht durch einen bestimmten geistigen Prozess zu charakterisieren, der abläuft, wenn ich das Wort höre. Bei jedem Menschen läuft dieser Prozess, oder dieser geistige Blitz, anders ab. Einer denkt assoziativ, und das Wort kommt parallel zu der Vorstellung eines Bildes. Ein anderer denkt intuitiv, und mit dem Kommen des Wortes geht ein Gefühl einher. Ein weiterer stellt sich eine Farbe vor, wenn das entsprechende Wort kommt. Allen diesen unterschiedlichen Prozessen eines schlagartigen Erfassens ist gemein, dass sie blitzartig ablaufen und deshalb keine geistigen Zustände sind, die von Dauer sind.

[...]


[1] Wittgenstein, Ludwig – Philosophische Untersuchungen, Frankfurt am Main 1984 (Erstausgabe 1953), S.315

[2] vgl. ebd., §191

[3] ebd.

[4] Ebd., §165

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Wittgensteins Begriff des Verstehens in den Philosophischen Untersuchungen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Wittgensteins Philosophische Untersuchungen
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
6
Katalognummer
V2938
ISBN (eBook)
9783638117661
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Essay ohne Sekundärliteratur. 264 KB
Schlagworte
Wittgensteins, Begriff, Verstehens, Philosophischen, Untersuchungen, Proseminar, Philosophische
Arbeit zitieren
M.A. Jens-Philipp Gründler (Autor), 2001, Wittgensteins Begriff des Verstehens in den Philosophischen Untersuchungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2938

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