Die Posttraumatische Belastungsstörung als Folge Sexualisierter Gewalt bei Frauen

Wege der Überwindung von Trauma


Bachelorarbeit, 2014
43 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sexualisierte Gewalterfahrung
2.1 Sexualisierte Gewalt
2.2 Trauma
2.3 Arten von Traumatisierung
2.4 Auswirkungen

3. Posttraumatische Belastungsstörung
3.1 Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung
3.2 Risikofaktoren für die Entwicklung einer PTBS

4. Dissoziative Störungen
4.1 Symptome von Dissoziativen Störungen
4.1.1 Dissoziative Amnesie
4.1.2 Zeitverzerrungen
4.1.3 Depersonalisation
4.1.4 Derealisation
4.1.5 Intrusionen
4.1.6 Weitere Bewusstseinsveränderungen

5. Wege der Traumatherapie

6. Genesungsprozesse
6.1 Die erste Genesungsphase nach Judith Herman
6.1.1 Anerkennung des Leids
6.1.2 Wiedererlangen der Kontrolle
6.1.3 Schaffung einer sicheren Umgebung
6.1.4 Abschluss der ersten Genesungsphase
6.2 Die zweite Genesungsphase nach Judith Herman
6.2.1 Erinnerung und Trauer
6.2.2 Rekonstruktionsarbeit
6.2.3 Transformation
6.2.4 Widerstand gegen die Trauer
6.2.5 Abschluss der zweiten Genesungsphase
6.3 Die dritte Genesungsphase nach Judith Herman
6.3.1 Wiederanknüpfung
6.3.2 Aktive Bewältigung
6.3.3 Versöhnung mit dem eigenen Ich
6.3.4 Eingehen von tiefer gehenden Beziehungen
6.3.5 Findung neuer Aufgaben
6.3.6 Abschluss der dritten Genesungsphase

7. Soziale Arbeit
7.1. Traumapädagogik
7.2 Sozialpolitische Traumakonzepte

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

10. Internetmedien

,,Die Vergangenheit ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“

(William Faulkner, 1897-1962)

1. Einleitung

Ein traumatisches Erlebnis in der Vergangenheit kann nie vollständig vergessen, nur mit der richtigen Hilfe überwunden werden. Das eingangs angefügte Zitat des US-amerikanischen Schriftstellers William Faulkner verdeutlicht die Beständigkeit des Vergangenen. Er spricht davon, dass die Vergangenheit nicht tot, nicht einmal vergangen sei. Der Titel der vorliegenden Abschlussarbeit lautet „Die Posttraumatische Belastungsstörung als Folge Sexualisierter Gewalt bei Frauen – Wege der Überwindung von Trauma“. Das Erleben eines traumatischen Ereignisses in der Vergangenheit und dessen Bewältigung in der Gegenwart ist eng mit der persönlichen Auffassung von Vergangenheit verknüpft. Die Aufgabe der Sozialen Arbeit ist es, gemeinsam mit den Betroffenen von Sexualisierter Gewalt einen Weg zu finden das Erlebte erträglich zu machen, damit eine Verarbeitung möglich ist. Zur Genesung gehört die Integration der Vergangenheit in die Gegenwart, da sie uns - wie Faulkner es deutlich gemacht hat - nicht verlässt.

Um psychische Krankheiten und verwandte Gesundheitsprobleme zu diagnostizieren, gilt in Deutschland die International Statistical Classification of Diseases, kurz ICD-10 genannt. Nur mit einer rechtlich anerkannten Diagnose gibt es die Möglichkeit einer medizinischen Behandlung für die Betroffenen von Traumatisierung. Traumapatienten werden im Umkehrschluss nur behandelt, wenn sie nach dem Klassifizierungssystem des ICD-10 als „krank“ eingestuft werden. Hierunter fällt auch die ,,Posttraumatische Belastungsstörung“, welche im ICD-10 unter Punkt F 43.1 unter der Angabe von auslösenden Faktoren und Symptomen klar definiert ist. Die Posttraumatische Belastungsstörung muss deshalb eine psychiatrische Diagnose sein, damit das Leid der betroffenen Frauen anerkannt und eine Behandlung veranlasst wird (vgl. Brenssell 2014:127). Die im ICD-10 aufgeführten Symptome und Folgeerscheinungen der Diagnose „Posttraumatischen Belastungsstörungen“ inklusive der Dissoziativen Störungen sollen im Folgenden aufgeführt und intensiver betrachtet werden. Dieser Betrachtung liegt vor allem die Fragestellung zugrunde, wie es für eine Betroffene möglich ist, eine solche Diagnose zu bewältigen und ihr Leben wieder auf die Gegenwart und eine potenzielle Zukunft zu richten. Für mich stellt sich auch die Frage, welche Möglichkeiten der Überwindung es gibt und wie eine Traumaarbeit gelingen kann. Des Weiteren werde ich die Kritik und die Problematik am Traumabegriff, die bereits angeklungen ist, an anderer Stelle erneut aufgreifen und erläutern.

In dem Prozess der Genesungsphase ist neben der Diagnose die Analyse des gesellschaftlichen Kontextes ausschlaggebend. Traumatisierung ist nicht nur ein persönliches Leid, sondern hervorgegangen aus sozialen und politischen Strukturen. Traumatisierung scheint meiner Meinung nach in der heutigen Gesellschaft bereits als Krankheit oder psychische Störung toleriert und im schlimmsten Fall bagatellisiert zu sein, ohne dass Ursachen und Folgen ausreichend beleuchtet werden. Deshalb gilt es das Thema ,,Traumatisierung“ in allen Facetten in den öffentlichen Kanon aufzunehmen und nicht zu tabuisieren.

Ich werde mich ausschließlich auf die Traumatisierung im Bezug auf Frauen beziehen und die weibliche Sichtweise berücksichtigen. Auch im Schriftbild äußert sich dies durch die Verwendung der Ausdrücke ,,sie“, ,,ihr“ und ,,die Betroffene/ Traumatisierte“. Ebenso beschränkt sich die Arbeit auf betroffene Frauen im Erwachsenenalter, welche Angriffe tätlicher sexualisierter Gewalt überlebt haben. Kindheitstraumata werden nicht weiter berücksichtigt, da sie vielschichtige Auswirkungen mit sich bringen, die einer umfangreicheren Auseinandersetzung bedürfen würden. Während meiner praktischen Tätigkeit im Interventionszentrum in Landau in der Pfalz waren Frauen, die von Häuslicher Gewalt und Stalking betroffen waren, mein Zuständigkeitsbereich. Begründet in meiner persönlichen praktischen Erfahrung habe ich den Schwerpunkt der Arbeit auf erwachsene Frauen gelegt. Von Sexualisierter Gewalt betroffene Männer werden demnach auch nicht Bestandteil dieser Abschlussarbeit sein.

Zum Aufbau der nachfolgenden Bachelorarbeit: Zunächst möchte ich unter Punkt 2 „Sexualisierte Gewalterfahrung“ in die Begrifflichkeiten und die Thematik ,,Trauma“ einführen. Im Anschluss daran folgt ein Kapitel zur Posttraumatischen Belastungsstörung, in dem sowohl auf die Symptome als auch auf die Risikofaktoren für die Entwicklung einer solchen Diagnose eingegangen wird. Darauf folgen unter Punkt 4 die Dissoziativen Störungen. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird detailliert auf die Symptome dieser eingegangen. Punkt 5 beschreibt knapp die Wege der Traumatherapie, bevor in Kapitel 6 der Genesungsprozess detailliert aufgegliedert wird. Vor allem auf die Genesungsphasen nach Judith Herman sollen ausführlich dargestellt werden. Zuletzt wird auf die Soziale Arbeit eingegangen und aktuelle Beispiele aus der Literatur, wie Wilma Weiß und Ariane Brenssell, und den Internetmedien, medico international, aufgezeigt. In meinem Fazit, unter Punkt 8, werde ich meinen Standpunkt zum Thema der Bachelorarbeit darlegen und aufgeworfene Frage versuchen zu beantworten. Anschließend folgen noch die ehrenwörtliche Erklärung sowie das Verzeichnis über die verwendete Literatur.

2. Sexualisierte Gewalterfahrung

Viele betroffene Frauen leiden im Anschluss an eine Sexualisierte Gewalterfahrung unter einem Trauma und erhalten die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“. Um diesen Sinnzusammenhang nachvollziehen zu können, werden im Folgenden zunächst die Begriffe ,,Sexualisierte Gewalt“, ,,Trauma“ und ,,Arten von Traumatisierung“ thematisiert und erklärt. Der Fokus wird hierbei auf Formen von Sexualisierter Gewalt wie schwerwiegenden, tätlichen Übergriffen gelegt.

2.1 Sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Gewalt ist wie medica mondiale e.V. es formuliert hat „[…] eine Form von Gewalt, die sich in voller Absicht gegen den intimsten Bereich eines Menschen richtet, und deren Ziel die Demonstration von Macht und Überlegenheit durch die Erniedrigung und Entwürdigung des anderen ist“ (vgl. medica mondiale 2004:18). Sexualisierte Gewalt bezeichnet also alle Angriffe und Übergriffe, „die sich bewusst und gezielt auf die Verletzung der Integrität eines Menschen als Angehörige/r einer Geschlechtsgruppe richtet“ (vgl. Zuckerhut 2011:24). Dies ist abzugrenzen vom Begriff „Sexuelle Gewalt“. Dieser vermittelt den Eindruck, dass es sich um eine Form von Sexualität handeln könnte. Jedoch geht es den Tätern nicht um sexuelle Bedürfnisbefriedigung, sondern in erster Linie um Machtdemonstration, Demütigung und Unterwerfung des Gegenübers (vgl. Spangenberg 2011:20). Aus diesem Grund soll in der folgenden Ausarbeitung nicht von „Sexueller Gewalt“ sondern von ,,Sexualisierter Gewalt“ gesprochen werden.

Sexualisierte Gewalt kann sehr unterschiedliche Ausmaße annehmen. Sie beginnt bereits bei frauenfeindlicher Sprache, verbalen Belästigungen und anzüglichen Blicken. Jede Form tätlicher Sexualisierter Gewalt wie z.B. sexuelle Berührungen, erzwungener Geschlechtsverkehr, sexueller Missbrauch bis hin zu Vergewaltigung ist ein Angriff auf die sexuelle, physische und physische Integrität der betroffenen Frau. Bereits einmalige Erfahrungen Sexualisierter Gewalt können schwerwiegende Folgen nach sich ziehen und bleiben oftmals ein Leben lang bestehen (vgl. Spangenberg 2011: 17f). Die Diplom-Psychologin Dr. phil. Susanne Heynen zitiert in ihrem Buch „Vergewaltigt. Die Bedeutung subjektiver Theorien für Bewältigungsprozesse nach einer Vergewaltigung“ den Autor Harald Feldmann, welcher fünf Kernthemen benennt, die sich nach einer Vergewaltigung und der gleichzeitigen traumatischen Erfahrung für die betroffenen Frauen ergeben: Zuerst tritt die absolute Missachtung der personalen Selbstbestimmung ein, danach folgt der massive Angriff auf das eigene Selbstwertsystem sowie die Infragestellung des Sicherheitsgefühls und der Unverwundbarkeit. Weitere Kernthemen sind der totale Verlust der persönlichen Kontrolle und zuletzt die Todesangst (vgl. Heynen 2000:92f). Im öffentlichen Bewusstsein sind noch immer verschiedene Mythen über Sexualisierte Gewalterfahrungen verankert, was zu einer Realitätsverzerrung der Wahrnehmung der Problematik führt (vgl. Tschan 2012:61). Dazu gehören Sätze wie z.B. „Das hat sie doch provoziert“ oder „Wenn man sich so anzieht, dann...“ verdeutlichen nur allzu gut, wie Sexualisierte Gewalt bagatellisiert wird. Dies hat jedoch massive Auswirkungen auf die Betroffenen und erschwert deren Genesungsprozess nach einem widerfahrenen Trauma deutlich (vgl. Spangenberg 2011:21). Der Psychologe Dr. Ibrahim Özkan, der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse sowie die Ärztin für Kinder und Jugendpsychiatrie Prof. Dr. med. Annette Streeck-Fischer schreiben in ihrem Buch „Zeit heilt nicht alle Wunden. Kompendium zur Psychotraumatologie“ von einer besonderen Form von Gefahr. Wenn ein Mensch in die Enge getrieben wird und sein Kampf-Flucht-Kognitions-System nicht mehr ausreicht, er also absolut hilflos ist und ihm niemand zur Hilfe eilen kann, ist eine Bedrohung besonders gefährlich. Die Optionen um Kampf, Flucht oder der Ruf um Hilfe sind unmöglich, weshalb die Betroffene nicht entkommen kann und keinen Ausweg hat. Sie ist so in ihrer Angst gefesselt, dass sie innerlich zwar nach einem Ausweg sucht, ihr Körper jedoch erstarrt und die Betroffene der Situation weiterhin bedingungslos ausgeliefert ist (vgl. Sachsse 2012:68). Eine solche Form von Gefahr kann eine Traumatisierung auslösen.

2.2 Trauma

Das Wort „Trauma“ ist griechischen Ursprungs und bedeutet so viel wie „Verletzung“ oder „Wunde“. In unserer Umgangssprache und in der medialen Öffentlichkeit wird der Begriff „Trauma“ oft inflationär benutzt und hat dabei teilweise seine ursprüngliche Bedeutung verloren. Bereits Kränkungen oder alltägliche Ereignisse wie z.B. eine Trennung, ein anstrengender Arbeitstag oder ein missglückter Shoppingtag werden bereits als „traumatisierend“ bezeichnet (vgl. Gräbener 2013:13). Die Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytikerin Prof. Dr. med. Luise Reddemann und die Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie Dr. med. Cornelia Dehner-Rau beschreiben, dass traumatische Erfahrungen eine seelische Katastrophe darstellen und durch die Bezeichnung bereits kleiner Kränkungen als „Trauma“ tragische und entsetzliche Traumata bagatellisiert werden (vgl. Reddemann & Dehner-Rau 2013:24). Ein Trauma ist jedoch eine Reaktion auf ein gewaltvolles oder äußerst belastendes Ereignis eines überwältigenden Ausmaßes, das die Bewältigungsstrategien eines Menschen überfordert und eine tiefe Verzweiflung hervorruft. Die betroffene Frau kann nicht mehr beeinflussen, was in ihrer Umgebung geschieht. Plötzlich steht sie am Rande eines Abgrundes und ist damit konfrontiert, dass nichts mehr so ist, wie es früher war und nichts mehr jemals so sein wird. Damit gehen das Gefühl von lähmender Ohnmacht, intensiver Furcht und hilflosem Ausgeliefertsein einher. Das existenzielle Grundvertrauen der Betroffenen wird zerstört und die Traumatisierung ist die Reaktion auf das Erleben von unerträglicher Todesangst. Da Reaktionen individuell andere Ausmaße vorweisen, durchlebt jede betroffene Frau das ihr Widerfahrene auf eine andere Art und Weise. In der Situation eines Traumas ist es jedoch oftmals der Fall, dass die angegriffene Frau keine Option hat zu kämpfen oder zu fliehen (fight or flight) und deshalb auf besondere Überlebensstrategien wie z.B. innere Erstarrung oder das Ausschalten der bewussten Wahrnehmung zurückgreifen muss (vgl. Spangenberg 2011:14f). Die Folge können Dissoziative Störungen sein, welche in Kapitel 4 genauer erläutert werden.

Der Privatdozent für Sozialpsychologie an der Leibniz Universität Hannover Dr. phil. Dipl. Psych. David Becker ist der Ansicht, dass nicht nur das schreckliche Ereignis eines Traumas relevant ist, sondern auch was unmittelbar danach geschieht und wie es später weitergeht: ,,Wir müssen also beim Trauma immer zwei Dinge gleichzeitig berücksichtigen: den Riss in der Struktur und den langfristigen Prozess.“ (vgl. Becker 2002:67f). So stellen sich also folgende Fragen: Wie wird eine Frau, die vergewaltigt wurde unmittelbar nach der Tat behandelt? Wird das Leid, das ihr zugefügt wurde anerkannt? Glaubt man ihr? Oder wird ihr vielleicht eine Mitschuld an der Tat suggeriert? Wie ist die unmittelbare Reaktion ihres Umfeldes? Wie reagieren der Ehemann bzw. Partner, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Arbeitskollegen, Ärzte, Behörden usw.? Die Gesamtheit dieser Faktoren ist für die Verarbeitung der Betroffenen extrem wichtig, um nicht erneut in einen Sog aus tiefer Verzweiflung, Unsicherheit und Schuldgefühlen zu stürzen. Nur durch die Diagnose „Trauma“ bzw. ,,Posttraumatische Belastungsstörung“ wird das Leid der Betroffenen und ihr Überleben des gewaltvollen und erschütternden Ereignisses offiziell anerkannt. Auch David Becker kritisiert die Art und Weise wie die Anerkennung in einer „medizinischen Krankheitssprache“ stattfindet. Er ist der Meinung, dass so der Fokus rein auf die Symptome der Krankheit gelegt und der Mensch hinter dem tätlichen Angriff sowie die Gesellschaft außer Acht gelassen wird (vgl. Becker 2002:1ff).

2.3 Arten von Traumatisierung

Die Kinderpsychiaterin Dr. Leonore Terr unterscheidet zwischen zwei unterschiedlichen Traumatypen: dem ,,Typ-I-Trauma“ sowie dem ,,Typ-II-Trauma“. Das ,,Typ-I-Trauma“ ist ein einmaliges und kurz andauerndes Ereignis, welches überraschend eintreten kann und dennoch mit akuter Lebensgefahr einhergeht. Es besteht die Gefahr von einer ernsthaften Körperverletzung bis hin zum drohenden Tod. Dazu zählen z.B. auch Vergewaltigungen, Verkehrsunfälle, medizinische Eingriffe, der Verlust einer nahen Bezugsperson sowie Unfälle im Alltagsgeschehen oder am Arbeitsplatz. Mit dem ,,Typ-II-Trauma“ meint Leonore Terr ein komplexes Trauma, das einer Betroffenen lang anhaltend und wiederholt (auch über Jahre hinweg) widerfährt. Dazu zählen traumatische Ereignisse wie z.B. eine Kriegsgefangenschaft, die Vergewaltigung in der Partnerschaft oder Ehe, Entführung und Gefangenschaft oder Häusliche Gewalt (vgl. Hermann 2010:167). Dabei gilt: Je enger die Beziehung der Betroffenen zur verursachenden Person ist, umso gravierender sind die Folgen der Traumatisierung und umso schwieriger gestaltet sich der Heilungsprozess. Weiterhin ist zu unterscheiden zwischen den Folgen interpersoneller Gewalt und den Auswirkungen von technischen Ursachen bzw. Naturkatastrophen. Die von Menschen verursachten Gewalttätigkeiten (man-made disaster) wie Krieg, Gefangenschaft, Folter, Vertreibung, Entführung oder Geiselnahme, haben besonders gravierende Folgen. Dadurch, dass sie von Menschen verursacht werden und zeitlich ein längeres Ausmaß annehmen, erschüttern sie das zwischenmenschliche Vertrauen und den sozialen Kontext tiefgreifend. Traumata durch technische Ursachen bzw. Naturkatastrophen wie z.B. Flugzeugunglücke, Zugunfälle, Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche oder Tornados, betreffen zumeist eine größere Anzahl an Menschen, was dem Betroffenen Trost spendet und ihm bei der Verarbeitung hilft. Zumindest ist ihm das Unglück nicht alleine zugestoßen. Ein Trauma kann auch durch das Miterleben von Sexualisierter Gewalt als Zeuge, das Beisein eines Tötungsdelikts, menschliches Versagen in einem Operationssaal oder durch einen Katastropheneinsatz ausgelöst werden. Dies betrifft z.B. Rettungssanitäter, Soldaten, Ärzte, Polizisten oder Feuerwehrmänner. Sie müssen mit ansehen, wie andere Menschen sterben, während sie selbst machtlos der Situation ausgesetzt sind (vgl. Reddemann & Dehner-Rau 2004:10-14).

2.4 Auswirkungen

Der auf eine Traumatisierung folgende Zustand der Betroffenen fällt unabhängig von der medizinischen Diagnose sehr unterschiedlich aus. Zunächst kann die betroffene Frau Verletzungen durch den tätlichen Angriff davontragen, die akut von einem Arzt behandelt werden müssen. Knochenbrüche, irreversible Verletzungen des Unterleibs, Prellungen, vaginale oder rektale Verletzungen, Geschlechtskrankheiten oder ungewollte Schwangerschaften können häufig Folge von Sexualisierter Gewalteinwirkung sein. Auch wenn die offensichtlichen Verletzungen abgeheilt sind, sind psychische Folgen weitaus gravierender und lang anhaltender. Sie können von Angststörungen oder Panikzuständen bis hin zu Depressionen verschiedenen Ausmaßes differieren. Angst verursacht ein chronisches Vermeidungsverhalten, während Depressionen tiefgehende Verzweiflungen auslösen. Einige weitere Beispiele wären: Angst, das Zuhause zu verlassen, Angst vor Fremden oder dem Alleinsein, Schlafstörungen oder Alpträume. Im Traum wird das traumatische Ereignis erneut durchlebt und als reale Bedrohung empfunden. Dadurch können Durchschlafprobleme entstehen, die wiederum zu Übermüdung und Erschöpfung führen. Auch Flashback oder Zwänge, wie z.B. sich ständig waschen zu müssen oder sich immer umzusehen, können mit der Erfahrung von Sexualisierter Gewalt einhergehen. Die quälenden Rückblenden an die Traumatisierung lösen plötzliche Angst, Panik und Ohnmacht aus. Schmerzen können auf unerklärliche Weise wiederkehren oder die Betroffene fühlt sich ausgeliefert und in die Situation der Traumatisierung zurückversetzt. Oftmals ist das eigene Körperwahrnehmen und Selbstwertgefühl dahingehend gestört, dass sich die betroffene Frau in ihrer Sexualität nicht mehr ausleben kann. Der Verlust der Selbstachtung erschwert das Zusammenleben mit einem Partner. Auch die Schuldfrage und Selbstbeschuldigung sowie das Schamgefühl können zu psychischen Problemen führen. Mögliche Folgeerscheinungen wären noch Unruhe, Hyperaktivität, Zittern, Schweißausbrüche oder sogar Tabletten- oder Alkoholabhängigkeit sowie Antriebslosigkeit, niedergedrückte Stimmung und Verzweiflung. Langfristige psychische Probleme können nachweislich auch wieder zu physischen Beeinträchtigungen führen. Schmerzen, Migräne, Nervenleiden, Herzbeschwerden oder gynäkologische Probleme wie z.B. starke Menstruationsbeschwerden, Blasenentzündungen oder Pilzinfektionen können psychosomatisch bedingt sein und als Folgeerscheinung auftreten. Aufgrund der Schwere der auf eine Traumatisierung folgenden Symptome sehen manche Betroffene als letzten Ausweg nur den Suizid.

In jedwedem Fall verändert das Erlebte die Betroffene von Grund auf und neben den körperlichen Beschwerden können vielerlei soziale Probleme folgen. Sehr häufig kommt es zur Trennung vom Lebenspartner und die Betroffene zieht sich völlig aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zurück. Sie hat Angst vor negativen Reaktionen aus ihrem sozialen Umfeld, macht sich Vorwürfe, fühlt sich hilflos und schuldig, was den Genesungsprozess deutlich erschwert. Die Arbeitsunfähigkeit und Überforderung, die aus den psychischen Schäden resultieren, führen zum Verlust der Arbeitsstelle und zu einer Abhängigkeit von staatlichen Unterstützungsleistungen. Sollte der Täter die Personalien der Frau kennen oder ihrem nächsten Umfeld entstammen, ist sie gezwungen ihre Adresse, ihre Telefonnummer und andere persönliche Daten zu wechseln (vgl. Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (2014) URL: htttp://www.frauen-gegen-gewalt.de/folgen-244.html).

3. Posttraumatische Belastungsstörung

Die Psychiaterin und Professorin für Klinische Psychologie an der Harvard Medical School Dr. Judith Herman schreibt in ihrem Werk „Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden“ in Kapitel 2 über Angst und mögliche Folgen traumatischer Erfahrung. Judith Herman weist darauf hin, dass Naturgewalten Katastrophen auslösen, Menschen jedoch Gewalttaten verüben. Ein Trauma entsteht genau dann, wenn Betroffene einer überwältigenden Macht ausgeliefert sind, zunächst einerlei ob diese durch einen Menschen oder die Natur verübt wird. Die erste Folge auf ein Trauma ist, dass das soziale Netz samt routiniertem Alltag, zwischenmenschlichen Beziehungen und dem Sinn im eigenen Dasein ausgeschaltet wird. Judith Herman setzt traumatische Ereignisse mit der Überforderung der Anpassungsstrategien der Betroffenen gleich. Die Schwere eines traumatischen Ereignisses kann man nicht an spezifischen Faktoren festmachen, jedoch kann die psychische Schädigung schwerwiegender sein, wenn die Betroffene bedrängt oder überraschend angegriffen wurde. Auch psychische Verwundungen bis zum Zusammenbruch oder das Miterleben eines gewaltsamen Todes einer anderen Person können das Trauma noch zusätzlich verstärken. Das Erleben von Gefahr löst verschiedene Reaktionen in Körper und Geist aus, während traumatische Ereignisse zudem zu gravierenden, lang anhaltenden Veränderungen führen können. Betroffen sind möglicherweise Emotionen, Wahrnehmung und Erinnerungsvermögen. Manche Traumatisierte haben das wage Gefühl, dass ihnen etwas Schreckliches passiert ist, ohne dies in Worte fassen zu können oder mit sich in Verbindung zu bringen. Die Betroffenen erkennen die Symptome, können sie jedoch nicht zuordnen, was ihren psychischen Zustand verschlimmern kann. Die Zerstörung des Selbstschutzsystems durch das Trauma kann wesentlich für die Posttraumatischen Störungen verantwortlich sein (vgl. Herman 2010:53-55). Auch wenn das traumatische Ereignis bereits um Wochen oder Monate zurückliegt kann es sein, dass die Traumaverarbeitung noch nicht eingesetzt hat. Man kann nicht pauschal sagen, wer ein Trauma überwindet und wie lange eine Betroffene dafür benötigt. Erst Recht sollten hier keine zeitlichen Vorgaben gemacht werden. Manche Menschen schaffen die Bewältigung ohne weitere schwerwiegende Folgen, doch diejenigen, denen dies nicht gelingt, leiden weiterhin und vermeiden alles, was sie an den Vorfall erinnert. Da die Selbstheilungskräfte nicht ausreichen, bleiben Symptome wie erhöhte Anspannung, übermäßige Schreckhaftigkeit oder Alpträume bestehen, bis eine Traumabewältigungstherapie sich damit befasst. Durch die Perspektivlosigkeit auf eine Zukunft ohne Angst können nach einem Trauma Folgen für Körper und Seele auftreten, die nach dem ICD 10 als ,,Posttraumatische Belastungsstörung“ bezeichnet werden. Die Symptome dieser Diagnose treten häufig verbunden mit anderen Traumafolgestörungen auf wie z.B. Angststörungen, Depressive Störungen, Somatisierungsstörungen, Suchterkrankungen sowie Dissoziative Störungen, Multiple Persönlichkeitsstörungen oder Identitätsstörungen. Gerade wenn das Trauma durch Menschenhand verursacht wurde, wie z.B. eine Vergewaltigung, sind Posttraumatische Belastungsstörungen wahrscheinlicher, da sich der zielgerichtete Angriff gegen eine Einzelperson richtet und diese das Erlebte auch als solchen wahrnimmt (vgl. Reddemann & Dehner-Rau 2013:43-47).

3.1 Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung

Judith Herman unterteilt die Symptome der Diagnose „Posttraumatischer Belastungsstörung“ in drei Hauptkategorien: „Überregung“, „Intrusion“ und „Konstriktion“. Des Weiteren gehören hierzu die Begriffe ,,Hyperarousal“ sowie ,,Hypoarousal“ (vgl. Herman 2010:56). ,,Überregung“ meint die ständige angstvolle Erwartung der Rückkehr der Gefahr ohne die Fähigkeit sich entspannen zu können. Der Köper der Betroffenen befindet sich immer in Alarmzustand aus Angst der Terror könnte jeden Augenblick wiederkehren. Die Traumatisierte erschrickt leicht und reagiert auf kleinste Ärgernisse mit Gereiztheit, unangebrachter Angst und unerwarteten Ausbrüchen von Aggression. Ihr Verhalten ist nicht nachvollziehbar und entspannt sich auch nicht bei Wiederholung der Situation. Die erhöhte Wachsamkeit gegenüber Geräuschen und Unbekanntem führt zu einem ständigen Erregungszustand, der das Schlafverhalten beeinträchtigt. Alpträume und Panikattacken machen das Durchschlafen unmöglich, die Folgen sind angespannte Überwachtheit und massive Schlafstörungen. Die extremen Bemühungen die bedrängenden Erinnerungen abzuschalten und das Horrorszenario auszublenden, können zur Diagnose „Dissoziative Störungen“ inklusive verschiedener Symptome führen. Diese werden unter Punkt 4 dieser Ausarbeitung erläutert. Die Betroffenen leiden unter Angstsymptomen, die durch mit dem Trauma verbundene Orte oder Personen ausgelöst werden können. Sexualisierte Gewalterfahrungen können zu tiefgreifenden Veränderungen der Psyche führen (vgl. Herman 2010:56-58).

„Intrusion“ meint das erneute Durchleben der traumatischen Situation, ungewollte Flashbacks und Alpträume sowie die nicht rückgängig zu machende Prägung der Betroffenen. Der alltägliche Lebensrhythmus ist nicht mehr möglich, da die Betroffene das traumatische Ereignis immer wieder so erlebt, als ob es gerade geschieht. Viele betroffene Frauen empfinden es so, als wäre die Zeit während des Angriffs stehengeblieben. Sie sind darauf fixiert und jeder normale Entwicklungsverlauf wird durch das Trauma gestoppt. Manchmal treten traumatische Alpträume und Flashbacks jahrelang unverändert auf. Das Erleben des Angriffs wird nicht als zusammenhängende Erzählung wie eine gewöhnliche Erinnerung gespeichert, sondern in Form extremer Emotionen und eindringlicher Bildeindrücke. Dies intensiviert die Erinnerung an das Erlebte. Um das traumatische Ereignis zu vergessen, inszenieren Betroffene in ihren Gedanken eigene Versionen des Geschehens. Damit verändern sie bewusst die Erinnerung um besser mit dem Trauma umgehen zu können. Durch die Vermeidung des Wiedererlebens eines Traumas können emotionale Verarmung, schmerzliche Gefühle oder Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen die Folge sein. Deshalb ziehen es viele Betroffene vor, nie wieder mit der Situation konfrontiert zu sein, auch wenn das Wiedererleben zur Bewältigung beitragen könnte (vgl. Herman 2010:58-65).

,,Konstriktion“ meint das Vermeiden vermeintlich bedrohlicher Situationen und die Unfähigkeit angemessen zu reagieren. Im machtlosen Erleben eines tätlichen Angriffs bricht häufig das Selbstverteidigungssystem zusammen und der Betroffenen bleibt nur die Kapitulation, indem sie sich gedanklich und emotional der bedrohlichen Situation entzieht. Aus dem Tierreich kennt man die Erstarrung angesichts einer drohenden Gefahr wie z.B. bei Wildwechsel im Straßenverkehr. Aus Todesangst kann Bewegungsunfähigkeit auch bei Menschen ausgelöst werden, die paradoxerweise einer distanzierten Ruhe weichen kann. Das Gefühl „sich von oben“ zu betrachten und nicht Teil des Geschehens zu sein trägt dazu bei, dass Angst, Wut und Schmerzen verschwinden. Zu den Wahrnehmungsveränderungen gehören auch Gleichgültigkeit, ein anderes Zeitgefühl, Verlust des Schmerzempfindens und die Aufgabe der Kampfbereitschaft. Viele Betroffene versuchen ihr Leid mit Alkohol, Drogen oder Medikamenten zu betäuben, was die Abspeicherung des traumatischen Ereignisses im normalen Bewusstsein erschwert. Konstriktive Symptome beeinträchtigen nachweislich die aktuelle und zukünftige Lebensqualität, weil es der Betroffenen nicht gelingt die traumatische Erfahrung abzumildern (vgl. Herman 2003:65-72).

,,Hyperarousal“ ist eine Form von Überaktivierung und Alarmbereitschaft. Die Betroffene verfolgt als Überlebensstrategie eine ständige Angespanntheit und Aktivität. Dies geschieht jedoch unbewusst dadurch, dass die Traumatisierte ständig auf der Hut ist und das Gefühl hat, sich in Gefahr zu befinden. Dazu gehören z.B. Nervosität, Schreckhaftigkeit, erhöhte Reizbarkeit, Gefühlsausbrüche und eine Überempfindlichkeit gegenüber ihrer Umwelt. Das Schlafverhalten ist gestört, ständiges Aufwachen und erhebliche Einschlafschwierigkeiten sind die Folge. Am Tag können dann Konzentrationsprobleme und Unaufmerksamkeit hinzukommen. Der Körper eines jeden Menschen ist insofern auf Gefahrensituationen vorbereitet, dass er entsprechend physiologisch mit der Verlangsamung der Verdauung oder dem Anstieg von Herz- und Atemfrequenz reagiert und sich auf die Flucht vorbereitet. Durch den Zustand des Hyperarousal fällt das rationale Nachdenken und Entscheiden über das eigene Handeln weg, die Betroffene reagiert unangemessen (vgl. Boon, Steele & van der Hart 2013:64).

,,Hypoarousal“ bedeutet gegenteilig eine Unteraktivierung und Dissoziative Absenkung des Aktivierungszustandes. Die Herz- und Atmungsfrequenz der Betroffenen sinken rapide ab, die Muskulatur erschlafft, Geist und Körper fallen in eine Art Trancezustand. Im Tierreich begegnet einem dies z.B. beim Todstellreflex, einem herbeigeführten Kollaps, der vor Angreifern schützen soll. Bei einer Betroffenen äußert sich das Hypoarousal durch die Unfähigkeit Gefühle zu empfinden, beeinträchtigte Körperwahrnehmung, Taubheitsempfinden, Distanziertheit, verlangsamte Reaktionsfähigkeit, Bewegungsunfähigkeit bis hin zu vorrübergehender Bewusstlosigkeit (vgl. Boon, Steele & van der Hart 2013:64f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Posttraumatische Belastungsstörung als Folge Sexualisierter Gewalt bei Frauen
Untertitel
Wege der Überwindung von Trauma
Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
43
Katalognummer
V295205
ISBN (eBook)
9783656933458
ISBN (Buch)
9783656933465
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
posttraumatische, belastungsstörung, folge, sexualisierter, gewalt, frauen, wege, überwindung, trauma
Arbeit zitieren
Mutlu Günay-Apfel (Autor), 2014, Die Posttraumatische Belastungsstörung als Folge Sexualisierter Gewalt bei Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295205

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