Theorie und Geschichte digitaler Medien. Mediatisierung und Remediatisierung


Hausarbeit, 2012

27 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mediatisierung nach Friedrich Krotz
2.1. Kommunikation
2.2. Medienkommunikation
2.3. Veränderungen in der Medienumwelt
2.4. Der Begriff Mediatisierung

3. Sozialcharakter nach David Riesman
3.1. Der Wandel des Sozialcharakters
3.2. Der außen-geleitete Charaktertyp

4. Mediatisierung am Beispiel Facebook
4.1. Das soziale Online-Netzwerk Facebook
4.1.1. Geschichte von Facebook
4.2. Kommunikation
4.2.1. Konsumierte und ichbezogene Kommunikation
4.3. Soziale Beziehungen
4.3.1. Freunde gleich Publikum
4.3.2. Sozialkapital
4.4. Anerkennung
4.4.1. Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bestätigung
4.5. Selbstdarstellung
4.6. Selbstreflexion und Beobachtung

5. Zusammenfassende Ergebnisse

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Bevor ich über das größte soziale Online-Netzwerk spreche und analysiere, in wieweit Facebook unsere Gesellschaft verändert hat, müssen wir um des Verständnis Willen weit zurück gehen.

Der Mensch ist kein freies Subjekt, sondern ein gesellschaftlich geprägter Akteur. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat einen Begriff definiert, mit dem ich gerne anfangen würde: der „Habitus“. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes geht auf Aristoteles zurück, wobei Habitus als „Haltung, Habe, Gehabe“ definiert wird. Genau so kann man es auch heute noch übersetzen. Der Habitus ist ein System verinnerlichter Muster. Dieses Muster, das jeder Mensch einer Gesellschaft in sich trägt, erzeugt eine Auswahl von kulturtypischen und klassenspezifischen Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen, die den Individuen als ihre eigenen erscheinen, die sie jedoch mit den anderen Mitgliedern ihrer Gesellschaft teilen. Im Habitus wird das gesellschaftliche Wesen des Menschen sichtbar: seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, die ihn so geprägt hat. Der Habitus sorgt ferner für die gegenseitige Resonanz von Lebensäußerungen in verschiedensten Feldern, was identitätsfestigend wirkt und zudem Komplexität vermindert.1

Der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm hat eine dem Habitus-Konzept ähnliche Theorie entwickelt: die Theorie des Sozialcharakters.

„Der Sozialcharakter (…) umfasst nur eine Auswahl von Zügen: den Wesenskern der Charakterstrukturen der meisten Gruppenmitglieder, welcher sich als Ergebnis der dieser Gruppe gemeinsamen Lebensweise und Grunderlebnisse entwickelte.“2

Für Fromm kann eine Gesellschaft nur dann gut funktionieren, wenn sich ihre Mitglieder einen Charakter aneignen, aus dem heraus sie so handeln wollen, wie sie aufgrund der Zugehörigkeit zu ihrer Gesellschaft handeln müssen.3

Ein Sozialcharakter entsteht in jeder Gesellschaft und wandelt sich mit dieser. Dieses Phänomen des Wandels tritt in unserer heutigen Gesellschaft auf. Zum dritten Mal in der Geschichte wandelt sich langsam, aber sicher der Habitus. Und dieses Mal stehen Mittel zur Verfügung, um diese Wandlung zu unterstützen, zu beschleunigen und vielleicht auch zu verstärken.

Die Medien.

Auf die Rolle der Medien, die bei dieser Wandlung eine große Rolle spielen, möchte ich in meiner Hausarbeit näher eingehen. Anhand des sozialen Online-Netzwerks Facebook zeige ich, wie sich das Verhalten der Gesellschaft und der Sozialcharakter geändert haben und wie dieses neue Verhalten unterstützt und gefördert wird. Zu Anfang erkläre ich den Begriff der Mediatisierung nach Friedrich Krotz, um einleitend die große Bedeutung der Medien in unserer Gesellschaft zu zeigen. Dann werde ich noch einmal den angesprochenen Sozialcharakter thematisieren, um zum Hauptaspekt, der Mediatisierung bei Facebook vor allem im Hinblick auf den Sozialcharakter, zu kommen. Im Hauptteil analysiere ich, wie sich der Sozialcharakter bei Facebook äußert und wie das Online- Netzwerk diesen formt. Zum Schluss folgt eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse.

2. Mediatisierung nach Friedrich Krotz

2.1. Kommunikation

Wichtig ist, vorab zu erwähnen, dass der deutsche Kommunikationswissenschaftler und Soziologe Friedrich Krotz ein Kommunikationsverständnis des sogenannten Symbolischen Interaktionismus teilt. Das bedeutet, dass jede Kommunikation ein Rollenverständnis hat, sich auf Perspektivübernahmen bezieht und dieses Handeln in inneren Dialogen reflektiert. Dabei ist das innere Handeln von Mensch zu Mensch verschieden und so wird die Identität des Menschen in Interaktion und Kommunikation reproduziert und deutlich.4

2.2. Medienkommunikation

Die Kommunikation über Medien sieht der Soziologe als Modifikation zwischenmenschlicher Face-to-Face-Kommunikation an, dessen Grundlage das interpersonale Gespräch auf der einen und die durch Gesten vermittelten Kommunikation auf der anderen Seite ist. Bei der Kommunikation mittels Medien müssen die Menschen auf ihre Erfahrungen der Face-to-Face-Kommunikation zurückgreifen. Deshalb gilt auch für diese Kommunikation, dass sie in Situationen und Rollen der Teilnehmer stattfinden und jedes Verständnis von Interaktion auf Rollen- und Perspektivübernahmen beruht. Genau wie bei der Face-to-Face-Kommunikation wird die Medienkommunikation von einem inneren Dialog begleitet, den jeder Mensch individuell durch seine Identität unterschiedlich erlebt, was die Grundlage des oben genannten Symbolischen Interaktionismus ausmacht:5

„Insbesondere ist damit Medienkommunikation eine Form symbolisch bezogenen Handelns und eine Modifikation von Interaktion“.6

Krotz unterscheidet drei Typen der Medienkommunikation, indem er nach dem jeweiligen kommunikativen Gegenüber differenziert:

Der erster Typus beschreibt die Kommunikation mittels Medien, also die Kommunikation zwischen Menschen, die räumlich oder zeitlich getrennt sind, zum Beispiel über das Telefon. Der zweite Typ beschreibt die Kommunikation mit standardisierten, allgemein adressierten Kommunikaten, unabhängig davon, wer das Kommunikat erstellt hat. Einfacher gesagt handelt es sich hierbei um die Rezeption medialer Angebote, also Fernsehen oder Radio hören. Der letzte Typus beschreibt die Kommunikation von Menschen mit Hard- oder Software-Systemen, wie beispielsweise bei Computerspielen. Heute ist es so, dass diese drei Typen nicht mehr nur getrennt auftreten müssen. In vielen Fällen sind sie heute vermischt vorzufinden.7

In meiner Hausarbeit beschäftige ich mich mit dem erst genannten Typ, der bei Facebook am intensivsten genutzt wird.

2.3. Veränderungen der Medienumwelt

Die heutigen Medien sind räumlich, zeitlich und sozial entgrenzt. Das bedeutet, dass die Medien heute nicht mehr an spezifische Orte, an eine bestimmte Zeit oder an soziale Zwecke und Bedingungen gebunden sind. Früher waren Medien an festgelegte Situationen gekoppelt, die abgegrenzte Kontexte und Sinnzusammenhänge aufwiesen. Somit war jedes Medium eine Sinnprovinz, die im Alltag von anderen Handlungsbereichen abgetrennt war. Um den Begriff der Sinnprovinz zu veranschaulichen, kann man das Beispiel des Fernsehers nehmen. Fernsehen war bis vor einigen Jahren an zeitlich abgegrenzte Zeiten gebunden. Es war meist ein Abendmedium und örtlich gebunden, da ein Fernseher meist im Wohnzimmer auf einem Fernsehtisch stand. Die soziale Komponente kann man weniger gut an dem Beispiel des Fernsehens festmachen, soweit Fernsehen immer ein Unterhaltungsmedium war. Sinn und Zweck anderer Medien sind aber durchaus sozial gebunden gewesen. Beispielsweise machte man Beileidsbezeugungen nicht per Telefon und Liebensbekundungen schickte man auch nicht per Mail. Jedes Medium hatte somit seinen eigenen Rahmen, der mit der Digitalisierung langsam, aber sicher verwischt.

Heute stehen die Medien nicht mehr in Zusammenhang mit bestimmten Orten, Zeiten oder sozialen Verhältnissen. Heute wird im Auto telefoniert, das Fernsehen als Begleitmedium genutzt, die Liebe via SMS erklärt und im Cafe mit dem Laptop im Internet gesurft. Aber nicht nur die Grenzen der einzelnen Medien verwischen, auch die Medien untereinander vermischen sich. Das Internet zum Beispiel gilt als Integrationsmedium, welches andere Medien in sich aufnimmt. Im Internet kann man fernsehen, Videos schauen, Zeitung lesen, Radio hören und kommunizieren. Und durch das Smartphone, das Ipad oder den Laptop hat man das Internet überall dabei und verwischt somit jede Grenze. Durch diese Integration bisher getrennter Kommunikationsformen und durch die Entgrenzung der Kommunikation mittels Medien und der Kommunikation mit standardisierten, allgemein adressierten Kommunikaten ändert sich die allgemeine Kommunikation drastisch, da sie zu fast jeder Zeit und an jedem Ort praktiziert werden kann und weil sie in immer mehr Situationen und Kontexten mit immer mehr Absichten genutzt wird. Dadurch greifen die Medien immens in den Alltag ein und beeinflussen somit nicht nur die sozialen Beziehungen der Menschen, die immer häufiger durch Medien vermittelt und durch deren Hilfe gestaltet werden, sondern auch ihr Kommunikationsverhalten und somit inbegriffen ihr Verhalten an sich.8

2.4. Der Begriff Mediatisierung

Für diese oben genannten Veränderungen im Bereich der Kommunikation mittels der ersten beiden Medientypen sowie deren Folgen wird der Begriff der Mediatisierung eingeführt. Unter Mediatisierung versteht Krotz den im Folgenden formulierten Prozess: Medien sind Teil einer bestimmten Kultur, insofern sie in den Alltag und in die Gesellschaft integriert sind. „Dadurch, durch ihre gesellschaftliche und stabilisierte Form und weil die Menschen in Bezug auf sie soziale und kommunikative Praktiken entwickelt haben, sind sie gesellschaftliche Institutionen, die auf Technik beruhen.“9

In der Geschichte der Menschheit sind immer neue und immer mehr Kommunikationsmedien entwickelt worden, die von Zeit zu Zeit auch immer komplexere Kommunikationsformen nach sich zogen. Die Kommunikation findet häufiger in Bezug auf Medien statt, weil sie auch häufiger und länger in immer mehr Lebensbereichen und auf viel mehr Themen bezogen stattfindet.

Die Medien spielen heute eine wachsende Rolle, da sie für das kommunikative Handeln in der Gesellschaft verwendet werden und so diese immens beeinflussen.10

Somit verändern sich durch die Medien der Alltag der Menschen, die Gesellschaft und die Kultur. Dieser medienbezogene Wandel wirkt sich nicht nur stark auf Freizeit und Arbeit aus, sondern auch auf die eigene Identität und auf die sozialen Beziehungen. Diese Entwicklung, diesen Wandel, der auf dem Einfluss der Medien beruht, einschließlich der sozialen und kulturellen Folgen, bezeichnet Krotz als Prozess der Mediatisierung. Mediatisierung gilt als Metaprozess des sozialen Wandels, insofern er gleichzeitig auf einer makrotheoretischen Ebene stattfindet, wobei sich der Wandel von Kultur und Gesellschaft aufstellt, auf einer Mesoebene, insofern sich Institutionen und Organisationen weiterentwickeln und auf einer mikrotheoretischen Ebene, die in den Veränderungen des sozialen und kommunikativen Handels der Menschen gründet. Krotz verwendet den Begriff Metaprozess um klar zu machen, dass es sich hierbei um “[...] eine lang andauernde und Kultur übergreifende Veränderung handelt, um Prozesse von Prozessen, die die soziale und kulturelle Entwicklung der Menschheit langfristig beeinflussen.”11 Dieser Metaprozess kann nicht von anderen parallelen Entwicklungen, wie zum Beispiel der Individualisierung oder der Globalisierung, abgegrenzt werden und lässt sich in seiner Komplexität nicht auf einzelne Teilprozesse reduzieren, sondern beeinflusst alle gesellschaftlichen Vorgänge.12

Die Bedeutung der Medien für unsere Gesellschaft ist heute so groß wie nie zuvor und die Medien bestimmen unsere Kommunikationsumgebungen und unser Kommunikationsverhalten maßgeblich. Somit ist die Mediatisierung als umfassende Entwicklung auf unterschiedlichsten Ebenen zu betrachten, die den Kommunikations- und Interaktionsstil der Gesellschaft verändert, also ihren Habitus.

3. Sozialcharakter nach David Riesman

Um zu untersuchen, ob und inwiefern sich die Gesellschaft durch die Medien verändert, muss der Charakter dieser Gesellschaft näher analysiert und seine Eigenarten beschrieben werden. Daher wird nun intensiver auf den Sozialcharakter eingegangen.

Der amerikanische Soziologe David Riesman hat eine ganz ähnliche Auffassung des Sozialcharakters wie Erich Fromm, die ich zu Anfang dargestellt habe. Der Sozialcharakter richtet die Charakterstruktur eines jeden Menschen dahingehend aus, dass er in seiner Gesellschaft die an ihn gerichteten Erwartungen freiwillig und gerne erfüllen kann. Der Sozialcharakter bringt das Individuum nicht nur dazu, vernünftig zu handeln, sondern gleichzeitig unterstützt er die Anpassung an die Gesellschaft. Der Charakter des Kindes wird durch den Charakter der Eltern geformt und ihre Erziehungsmethoden wiederum durch die gesellschaftliche Struktur und das Umfeld, in dem sie leben. Den Regeln der Gesellschaft zu folgen, wird durch den Sozialcharakter nicht zum Zwang, sondern zu einer Haltung, die sie wünschen lässt, gemäß den Erfordernissen der jeweiligen Gesellschaft zu handeln. Alle Individuen innerhalb einer Gesellschaft ist die Einstellung zur Umwelt und ihre bestimmte Charakterorientierung weitestgehend von der jeweiligen Gesellschaft, das bedeutet letztendlich von ihrer ökonomischen Situation, vorgeschrieben.13

In Riesmans Definition des Sozialcharakters sieht er diesen als Garant eines gewissen Grads an Verhaltenskonformität der Individuen. In jeder Gemeinschaft wird diese Sicherung eines bestimmten Verhaltens in der Kindheit beigebracht und eingebläut. Gleichermaßen wie die Art der Verhaltenskonformität ist auch die Art der schöpferischen Leistung Bestandteil des sozialen Charakters. Aber wie Gesellschaften auch ohne schöpferische Leistung zusammen leben können, ist dies nicht ohne eine Art der Verhaltenskonformität möglich. In seinem Werk „Die einsame Masse“ analysiert Riesman zwei wesentliche Veränderungen des Sozialcharakters in der Geschichte der Menschheit.

3.1. Wandel des Sozialcharakters

Riesman hat sich mit dem Wandel des Sozialcharakters beschäftigt, die Veränderungen beschrieben und erklärt. Die erste wesentliche Veränderung löste uns von der familien- und sippenorientierten Lebensweise ab, die für die Menschheit bis vor 400 Jahren bestimmend war. Die sich neu entwickelte Form des Sozialcharakters war beeinflusst durch die Renaissance, die Reformation, die Gegenreformation, die industrielle Revolution und die politischen Revolutionen. Die zweite Veränderung begann vor ca. 60 bis 70 Jahren und ist in Verbindung mit dem Wechsel von einer Produktions- zu einer Konsumgesellschaft zu setzen. Diese zweite Veränderung ist vor allem in den fortgeschrittenen Gesellschaften zu beobachten. Riesman setzt diese Veränderungen mit gewissen Bevölkerungsvorgängen in Beziehung. Seit dem Mittelalter ist die Kurve der Bevölkerungsbewegung in einer S-Kurve verlaufen. Die Entwicklung verläuft folgendermaßen: Anfangs wächst die Gesamtbevölkerung gar nicht oder nur sehr langsam, da Geburten- und Sterbeziffer beide sehr hoch sind. Setzen dann Umstände ein, wodurch die Sterberate sinkt, beispielsweise aufgrund von neuen hygienischen Maßnahmen oder Entdeckung von Krankheitsheilung, dann nimmt die Bevölkerung drastisch zu. Später gleichen sich Geburten- und Sterbeziffer wieder einander an und das Bevölkerungswachstum stagniert. Dann gibt es mehr ältere Menschen in der Gesellschaft, die dann sterben und somit zu einer Bevölkerungsschrumpfung beitragen. Der Zustand ähnelt dann dem anfänglichen - die Bevölkerung wächst nur langsam, aber nun, weil Sterbe- und Geburtenrate gleich niedrig sind. Bei diesen drei Phasen verändern sich Grundbedingungen der Fortpflanzung, der Lebenserhaltung und der Lebenserwartung und das führt gezwungenermaßen auch zu einer Veränderung des Sozialcharakters. Denn der Lebensraum, die Größe der Märkte, die Rollen der Kinder und die Gefühle für Vitalität und Senilität verändern sich mit. Jede Phase bringt einen anderen sozialen Charakter hervor, der sich durch andere Arten der Verhaltenskonformität an seine Umstände anpasst. Die erste Phase, die Phase des hohen Bevölkerungsumsatzes, entspricht einer Gesellschaft, die traditionsgeleitet handelt, um sich sicher zu fühlen. Diese Gesellschaften leben nach Bräuchen und Traditionen. Die zweite Phase, die Bevölkerungswelle, äußert sich durch einen innen-geleiteten Sozialcharakter, bei dem schon früh ein Schema von verinnerlichten Lebenszielen angeeignet wird, wodurch die Verhaltenskonformität gesichert wird. In der dritten Phase, der beginnenden Bevölkerungsschrumpfung, wird die Gesellschaft durch Verhaltenskonformität, die durch die Tendenz für die Erwartungen und Wünsche anderer empfänglich ist, gesichert. Diese Menschen sind außen-geleitet.

Bei traditionsgeleiteten Gemeinschaften ist die Gesellschaftsordnung verhältnismäßig stabil. Die Verhaltenskonformität des Individuums wird in hohem Maße durch die verschiedenen Einflusssphären der Alters- und Geschlechtsgruppen, der Sippen, Kasten und Stände, die es schon seit vielen Jahrzehnten gibt, bestimmt. Die Menschen haben eine festsitzende Einstellung zu Sexualität, zu Kindern, zur Stellung der Frau und zum Sinn des Lebens. Sie orientieren sich an Religion, Brauchtum und Ritus und der Fortschrittsgedanke hat nur eine sehr geringe Bedeutung. Die Verhaltensweisen sind in allen Einzelheiten vorgeschrieben, es bedarf also keiner stark entwickelten charakterlichen Eigenständigkeit. In der zweiten Phase bricht der Mensch mit den Traditionen der Ständegesellschaft. Die Revolutionen rollen über die Städte und Länder. Diese Gesellschaft wird zudem zur Produktionsgesellschaft und durch die schnelle Ansammlung von Kapital entwickelt sich ein Charakter, der sozial mobil und losgelöst von traditionsleitenden Reformen steht und stehen muss. Der Mensch muss den ständigen Veränderungen gewachsen sein, setzt sich Ziele und muss diese vor Augen haben. Diese Ziele entstehen im Inneren. Es gibt immer neue Situationen, für die es noch keine Verhaltenskonformitäten gibt und so muss der Mensch nach eigenem Ermessen Probleme lösen und das richtige Verhalten selbst wählen. Traditionen fallen aber bei dem innen-geleiteten Typ nicht ganz weg. Der Mensch muss Tradition und Individualität vereinbaren, um in dieser Gesellschaft leben zu können.

Abweichungen des Sozialcharakters, also „Anders-sein“ als die anderen, hat sich in jedem der drei Fälle unterschiedlich geäußert. Bei dem traditionsgeleiteten Typ erzeugten Abweichungen vom Status Quo ein Gefühl von Scham, bei dem innengeleiteten Typ ein Schuldgefühl und bei dem außen-geleiteten Sozialcharakter entsteht ein Gefühl der Angst. Das Individuum bekommt Angst ausgeschlossen oder nicht beachtet zu werden.14

3.2. Der außen-geleitete Charaktertyp

Wir befinden uns heute in der Ausprägung und Verbreitung des dritten Charaktertyps. Der außen-geleitete Charaktertyp ist mit Fromms Markt-Charakter zu vergleichen. Durch den Kapitalismus, die Industrialisierung und die Verstädterung kommt es in den westlichen hochentwickelten Gesellschaften dazu, dass es keine wirklichen Klassenunterschiede mehr gibt. Man rückt zusammen im „Global Village“ und es kennt wieder jeder jeden. Das ist Ergebnis der Massenkommunikationsmittel. Durch das Internet werden Kontinente zusammengeführt, alles geht schneller, besser, weiter.

„Das gemeinsame Merkmal des außen-geleiteten Menschen besteht darin, dass das Verhalten des Einzelnen durch die Zeitgenossen gesteuert wird; entweder von denjenigen, die er persönlich kennt, oder von jenen anderen, mit denen er indirekt durch Freunde oder durch die Massen-Unterhaltungsmittel bekannt ist.“15

Die Institutionen, die früher dabei geholfen haben, eine eigene Identität und den Sozialcharakter aufzubauen, verschwinden. An deren Stelle rücken die omnipräsenten Massenmedien, die die Verhaltenskonformitäten steuern. Diese Steuerung wird von klein auf verinnerlicht, indem die Abhängigkeit von diesen Medien durch die Eltern vorgemacht und vermittelt wird. Die angestrebten Ziele verändern sich mit den Veränderungen der Steuerungsquelle. Noch nie waren die Meinung und die Lenkung der anderen so wichtig wie heute. Ein Grundbedürfnis war die Anerkennung anderer schon immer, aber nie in diesem Ausmaß.16

Anerkennung bekommt man von seinen Mitmenschen, im Beruf sowie im Alltag und zwar durch besondere Leistung. Heute muss man im Job und in der Ausbildung immer der Beste sein, um Anerkennung und Beachtung zu bekommen. Die sogenannten „Soft Skills“ sind wichtige Tools des heutigen Lebens. Zu diesen zählen vor allem die soziale, die kommunikative und die methodische Kompetenz.17 Man muss sich verkaufen und richtig präsentieren können. Und das passiert weitestgehend mittels Kommunikation. Der Umgang, das „Gehabe“ mit den Mitmenschen steht an immer höherer Stelle in einer Zeit, in der der Wechsel von einer Produktions- zu einer Dienstleistung- und Informationsgesellschaft längst stattgefunden hat.

4. Mediatisierung am Beispiel Facebook

Anhand des Beispiels Facebook möchte ich nach Erläuterungen der zwei Thematiken versuchen, Mediatisierung nachzuweisen und mich dabei auf den Sozialcharakter der heutigen Gesellschaft konzentrieren. Da das soziale Online-Netzwerk heute schon so etabliert ist, werde ich es nur kurz beschreiben, um direkt anhand von Beispielen zu zeigen, wie und warum Mediatisierung stattfindet, die zum Wandel des Sozialcharakters führt.

4.1. Das soziale Online-Netzwerk Facebook

Facebook ist das größte soziale Online-Netzwerk und die Unternehmenszahlen des letzten Jahres sprechen für sich: über 845 Millionen aktive Nutzer, von denen sich 50% täglich einloggen, wovon jeder im Durchschnitt 130 sogenannte „Freunde“ hat und mit 80 Gruppen oder Seiten verlinkt ist.

[...]


1 Vgl. http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/theorien/modernisierung/unterpunkte/habtheorie.htm zugegriffen am 26.03.2012

2 Fromm, Erich (1989): 1941a: Die Furcht vor der Freiheit. In: V.R. Funk (Hrsg.): Gesamtausgabe in 10 Bänden. Deutscher Taschenbuch-Verlag. München. S.379.

3 Vgl. David Riesman (1956): Die einsame Masse. Eine Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters. Berlin. Hermann Luchterhand Verlag. S.27-60.

4 Vgl. http://ifbm.fernuni-hagen.de/lehrgebiete/inte/glossar/identitat zugegriffen am 25.03.2012.

5 Vgl. Krotz, Friedrich (2007): Medienkommunikation und Modifikation von Kommunikation, Typen von Kommunikation und der Bedeutungswandel mediatisierter Kommunikation. In: Mediatisierung: Fallstudien zum Wandel von Kommunikation. Wiesbaden: VS, S.85ff.

6 Krotz, Friedrich (2007, S.86).

7 Vgl. Krotz, Friedrich (2007) S.90 ff.

8 Vgl. Krotz, Friedrich (2007, S.94ff.).

9 Krotz, Friedrich (2007, S.37).

10 Vgl. Krotz, Friedrich (2008): Kultureller und gesellschaftlicher Wandel im Kontext des Wandels von Medien und Kommunikation. In: Thomas, Tanja (Hrsg.): Medienkultur und soziales Handeln. Wiesbaden: VS-Verlag. S.43-62.

11 Krotz (2007, S. 27).

12 Vgl. Krotz (2007, S.37ff.).

13 Vgl. David Riesman (1956, S.27-60).

14 Vgl. David Riesman (1956, S.27-60).

15 Riesman (1956, S.55).

16 Vgl. Riesman (1956, S.27-60).

17 Vgl. http://www.soft-skills.com/karriere/softskills/definition.php zugegriffen am 26.03.2012.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Theorie und Geschichte digitaler Medien. Mediatisierung und Remediatisierung
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,7
Jahr
2012
Seiten
27
Katalognummer
V295941
ISBN (eBook)
9783656941835
ISBN (Buch)
9783656941842
Dateigröße
659 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theorie, geschichte, medien, mediatisierung, remediatisierung
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Theorie und Geschichte digitaler Medien. Mediatisierung und Remediatisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295941

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Theorie und Geschichte digitaler Medien. Mediatisierung und Remediatisierung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden