Gedichte bedeuten Erfahrung. Eine Überprüfung von Deweys Kunsttheorie in der Anwendung auf drei Beispiele


Hausarbeit, 2014
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Theorie der Kunst als Erfahrung: Ein Einblick
2.2 Methodische Überlegungen zur Anwendung der Theorie auf Gedichte
2.3 Drei Gedichte über eine Blume und Deweys »Kunst als Erfahrung«

3. Schluss

Literatur- und Quellenverzeichnis

»Art throws off the covers that hide the expressiveness of experienced things; it quickens us from the slackness of routine and enables us to forget ourselves by finding ourselves in the delight of experi- encing the world about us in its varied qualities and forms.« John Dewey

1. Einleitung

Wie ist ein Kunstwerk als Kunstwerk von ästhetischem Wert zu verstehen, wenn Kunst Erfahrung ist? In der vorliegenden Arbeit wird eine kurze theoretische Einleitung in Deweys Kunstphilosophie erfolgen, in das, was in Deweys Werk Kunst als Erfahrung unter »Kunst als Erfahrung« zu verstehen ist. Der Kern der Arbeit wird jedoch sein zu überprüfen, ob Deweys Theorie die Erfahrung bereichert, die in Auseinandersetzung mit konkreten Kunstwerken gemacht wird. Zu beachten ist bei der Formulierung »Kunst als Erfahrung«, dass verschiedene Lesarten des Titels möglich sind. Es ist damit nicht gemeint, dass etwa Kunst durch andere Erfahrungsformen erklärt wird. Auch besteht die Gefahr, dass der Prozesscharakter von Erfahrung abhanden geht, der – wie sich zeigen wird – ganz entscheidend ist. Dewey versteht Kunst »nicht als Abbild von Erfahrung, sondern selbst als eigentümliche Erfahrungsform«.[1] Aber auch die Bezeichnung »Erfahrungsform« kann missverständlich sein, denn die ästhetische Erfahrung ist zwar als ästhetische eine besondere, aber dennoch ist sie als intensive, zur Vollendung kommende (alltägliche) Lebenserfahrung aufzufassen. Das heißt, sie ist aus der gewöhnlichen Erfahrung heraus, im Zusammenhang mit ihr und nicht getrennt von ihr zu verstehen und ist nicht etwa in ihrer Rolle grundsätzlich verschieden. Mit Dewey kann behauptet werden, dass Kunst es vermag, den geistigen Horizont zu erweitern, indem die Kunst eine selbständige und nicht auf andere reduzierbare Form des Erfahrens ist, die jedoch in einem gewöhnlichen Alltag durch unterschiedliche Faktoren gehemmt wird und nur wenig zum Tragen kommt. Anhand dreier Gedichte: eines von Basho, eines von Tennyson, eines von Goethe, die Erich Fromm in seinem späten Werk Haben oder Sein einbringt, soll geprüft werden, ob Deweys Theorie der Kunst als Erfahrung dazu geeignet ist, die ästhetische Erfahrung beziehungsweise die Kunst auch hinsichtlich des Aspekts der Horizonterweiterung verstehen zu können. Dies wird im Speziellen heißen zu fragen, ob die Anwendung der Theorie es vermag, die drei Gedichte als bedeutungsvolle, bedeutungsvermittelnde, in menschlicher Erfahrung vollendete Kunstwerke zu verstehen. Im dritten Teil des Hauptteils, in dem die Gedichte analysiert werden und die Theorie zur Anwendung gebracht wird (2.3), wird das zu bejahen versucht. Dennoch wird auch auf Schwierigkeiten hinzuweisen sein, was das Verfahren der Überprüfung und Anwendung angeht.

Dieses Projekt wird wie folgt vorbereitet: Zu Beginn (2.1) wird Deweys Theorie skizziert und erläutert, sodass abzusehen ist, wie die Anwendung aussehen kann. Über diese wird im folgenden Teil (2.2) weiter nachgedacht, das heißt, es wird darauf eingegangen, wie die Theorie auf Poesie angewendet werden kann. Dabei werden Deweys Aussagen über Poesie und Gedichte betrachtet und erörtert, was es heißen kann, dass Poesie Erfahrung bedeutet. Letzteres geschieht unter der Auszeichnung des Spezifischen an der Poesie. Im Schlussteil (3) erfolgt eine Zusammenfassung und es wir kurz über die Arbeit reflektiert.

2. Hauptteil

2.1 Die Theorie der Kunst als Erfahrung: Ein Einblick

In Kunst als Erfahrung kommt es auf die Erfahrungen an, durch die ein Subjekt Qualitäten, die möglicherweise in einem Kunstwerk sind, erfahren kann. Eine Erfahrung mit der einhergehend überhaupt eine Bedeutung und eine Qualität auftreten, nennt Dewey » eine Erfahrung«. Diese ist durch Vollendetheit oder Abgeschlossenheit charakterisiert. Die Kunstphilosophie Deweys ist eingebettet in eine weitere Theorie der menschlichen Erfahrung und des Lebens. Eine Erfahrung der besonderen Art: » eine Erfahrung« ist für Dewey die ästhetische Erfahrung[2] schlechthin. Bevor jedoch dieses Konzept angegangen wird, ist einiges Wissen zu den Grundlagen nötig, die auch im Buch Kunst als Erfahrung die ersten zwei Kapitel vor dem »Erfahrungskapitel« einnehmen. Zu Beginn des Buches Kunst als Erfahrung wird schon deutlich, auch schon durch den Titel »Das lebendige Geschöpf«, dass er die Kunst und ästhetische Erfahrung in den weiteren Kontext der menschlichen Erfahrung und des Lebens von Organismen beziehungsweise Subjekten in der Umwelt stellt, um von dort aus das Phänomen von Erfahrungen, die als ästhetische empfunden werden, zu untersuchen und zu erklären. Für Dewey ist es Fakt, »[d]aß der Ursprung der Kunst in der menschlichen Erfahrung liegt.«[3] Dem entsprechend widmet er sich zunächst der menschlichen Erfahrung im Allgemeinen. Mit Deweys Worten: »Zur Theorie der Kunst können wir nur auf einem Umwege gelangen«. Und dieser Umweg ist es, zunächst die menschliche Erfahrung zu untersuchen. Dies zu berücksichtigen und zu verstehen, den naturalistischen und existentiellen Ansatz zu verstehen, ist nötig, eben weil er den Ansatz beziehungsweise die Grundlage der Theorie bildet. Was macht also diesen Ansatz zu einem naturalistischen? Warum ist der Ansatz Deweys zudem existentiell? Die ästhetische Erfahrung bzw. die Erklärung der Entwicklung von Kunst ist aus der umfassenden, gewöhnlichen und alltäglichen Erfahrung heraus zu verstehen. Dem muss man nun hinzufügen, was Dewey weiter über Erfahrung äußert: »Das Wesen der Erfahrung ist durch die Grundbedingungen des Lebens bestimmt.«[4] Hier wird deutlich, dass Erfahrung im Zusammenhang mit dem Leben, dem Lebendigsein zusammen zu denken ist.[5] Dies geschieht allerdings derart, dass Dewey den Erfahrungsbegriff den Grundbedingungen des Lebens unterstellt, wodurch der Erfahrungsbegriff von letzteren abhängig ist. Die »Grundbedingungen des Lebens« entsprechen einer Situation, in die ein Lebewesen immer gestellt ist, und die das Lebewesen tätig, lebendig meistern muss. Der Organismus ist mit der Umwelt in einem ständigen Widerstreit, er muss etwa einen Mangel ausgleichen oder ist mit ihr im Einklang oder einem Gleichgewicht[6]. Das Verhältnis von Subjekt und Welt ist ein zentrales Thema bei Dewey. Mit Deweys Worten: »Because the actual world, that in which we live, is a combination of movement and culmination, of breaks and re-unions, the experience of a living creature is capable of esthetic quality. [...] The moment of passage from disturbance into harmony is that of intensest life.«[7] Der Mensch befindet sich stets in einer existentiellen Situation. Diese ist unstetig, bewegt, störend und wechselhaft, sodass sich der Organismus in ihr ständig neu anpassen muss. Wenn die Situation für den Organismus von störend auf eine harmonische umschlägt, dann ist das ein Moment intensivsten Lebens. Nahe liegend ist, dass dieser Moment schön ist, zumindest im Sinne eines Lustempfindens, das das Erfolgserlebnis begleitet. Zwar ist ein Lustempfinden etwa bei der Befriedigung des Hungers zu unterscheiden von der ästhetischen Erfahrung der Art einer Erfahrung. Dennoch ist es auf niederer Ebene, sofern man eine Skala von » nieder – hoch « ansetzt, die mit dem Maß an geistig-seelischer Aktivität verknüpft ist, eine ästhetische Erfahrung, die mit einer Erfahrung das Harmonische gemeinsam hat, welches bei der letzteren die vollständige Integration der Erfahrung in alle bisher gemachte Erfahrung ist. Sämtliche Tätigkeiten, sowie das Kunstschaffen und das Rezipieren von Kunst gehen mit »Intellekt« einher.[8] »Intellekt« heißt jedoch nicht, dass etwa erst gedacht werden muss und anschließend werden die Ergebnisse der Überlegung umgesetzt. Wenn konzentrierte Perzeption vorherrscht, was sowohl bei (sozusagen reibungsfrei funktionierender) Kunstausübung und –rezeption der Fall ist, dann hat der Intellekt eine zeitgleiche, begleitende Funktion. Überhaupt, denke ich, kann der Prozess der Integration als ein geistiger, intellektueller oder Akt der Reflexion angesehen werden, da das Einordnen- oder Integrierenkönnen schon voraussetzt, dass die Erfahrung von der übrigen Erfahrung abgegrenzt wurde und diese, als eine bestimmte Erfahrung, dann in das System bisheriger Erfahrung eingeordnet werden kann. Deshalb sagt Dewey an der oben zitierten Stelle, dass die Situation, die oben beschrieben wurde, ästhetische Erfahrung überhaupt erst möglich macht, auch wenn es hier noch nicht unbedingt um eine integrierte Erfahrung geht. Es handelt sich um die Entwicklung der ästhetischen Erfahrung im Leben und der Erfahrung überhaupt. Mit Dewey: »Experience in the degree in which it is experience is heightened vitality«[9]. Leben als Tätigkeit und Erfahrung sind unmittelbar verknüpft. Erfahrung heißt »erfahren«, »Erfahrung machen«. Das kursive » is « hebt hervor, dass Erfahrung, insofern sie wirklich ist (das heißt, sofern ein Organismus erfährt) erhöhte Vitalität bedeutet, aus dem Grund, da das Erfahren wiederum eine Tätigkeit ist und damit eine Aktivität eines Lebewesens, dessen Lebendigkeit sich gerade daran bemisst, dass und in welchem Maße es aktiv ist.[10] Eine andere Stelle unterstreicht den Punkt der Wirklichkeit der Erfahrung: »Because the objects of art are expressive, they communicate. I do not say that communication to others is the intent of an artist. But it is the consequence of his work - which indeed lives only in communication when it operates in the experience of others.«[11] Entscheidend ist hier der letzte Teilsatz nach dem Gedankenstrich. Nur dann, wenn ein Kunstwerk in der Erfahrung von Rezipienten aktiv ist, wirkt es und ist somit nur dann »lebendig«, wirklich. Die anthropomorphe Ausdrucksweise – das Werk »lebe« – hebt hervor, dass Kunst Sache des Menschen ist, ein menschlicher Modus der Tätigkeit und Erfahrung.

Damit ist auch die Redeweise von einem naturalistischen oder existentiellen Ansatz etwas erhellt. Wichtig zu berücksichtigen ist, was im Rahmen dieser Arbeit nur angedeutet werden kann, aber dennoch ein paar Schritte erfordert: Die Genese von Bedeutung (engl. meaning) liegt im Verständnis der Sprache als etwas Natürlichem, und zwar als dem »Instrument sozialer Kooperation und der wechselseitigen Teilnahme«.[12] Denn so wird »eine Kontinuität zwischen natürlichen Ereignissen (tierischen Lauten, Schreien usf.) und dem Ursprung der Entwicklung von Bedeutungen hergestellt«.[13] Wir sind auf der Spur, zu klären, wie die Bedeutung sich natürlich entwickelt. Dewey behauptet, es gebe kein Ereignis, das nicht Information vermitteln könne. Mit diesem einher gehe das Entstehen von Lernen und Lehren. Selbst ein unmittelbar genossenes Ding füge sich selbst Sinn hinzu und der Genuss werde dadurch idealisiert.[14] Dewey geht vom Phänomen aus, dass der Mensch Sprache verwendet und möchte eben dabei zeigen, wie Bedeutung entsteht. Dinge werden in der Sprache »repräsentativ«, sie werden wichtig als das Repräsentative und sie erhalten schließlich »den Wert einer Funktion«.[15] Hier ist entscheidend, dass von »Wert« und Wichtigkeit die Rede ist, die für Dewey unmittelbar verknüpft sind mit dem Zweck der Kommunikation, der Sprache oder des Diskurses[16]. Dieser Zweck ist im Deweyschen Sinne das, was er »consummatory« nennt, etwas, das erfüllend und vollendend ist, nicht nur ein Ende im Sinne von Abbruch markiert. Nimmt man den wörtlichen Sinn von Kommunikation, worin sie auch Vereinigung ist und zusammenbringt, dann kann hierüber der Bogen dazu gespannt werden, dass auch das Stillen des Hungers, das den Organismus wieder in einen harmonischen Zustand versetzt, bedeutungsvoll ist. Als bedeutungsvoll kann dies jedoch nur begriffen werden, da der Mensch zoon logon echon und zoon politikon ist, weil auch das Besorgen der Nahrung beim Menschen eine gemeinschaftliche Angelegenheit ist, die Kommunikation und gemeinsames Handeln zu gemeinsamen Zwecken [consummatory acts]. Ich möchte hier Dewey nicht als Essentialist deuten und darstellen, aber in Deweys Analyse der Kommunikation zeigt sich der Mensch in diesen altbekannten Bestimmungen. Die soziale und gleichzeitig pragmatische Verfasstheit des Denkens und der Sprache, die Dewey in Erfahrung und Natur mit »Diskurs« anspricht, was bei den Griechen der Antike der »λόγος« war, ist für die Entwicklung der höheren geistigen Funktionen des Menschen entscheidend.[17] Durch sie ist der Mensch nicht egozentrisch und reagiert nicht nur durch Instinkte. Dewey sagt: »Die Seele der Sprache ist Mitteilung, Kommunikation, das Bewirken von Kooperation in einer Aktivität, die von Partnern ausgeübt wird und in der die Aktivität jedes der beiden durch die Partnerschaft modifiziert und reguliert wird.«[18] Jede Bedeutung hat ihr Fundament in der Praxis, der sozialen Interaktion des Sprachgebrauchs mit dem Ziel der gemeinsamen Handlung. Auch wenn in einem Kunstwerk, so wie im Folgenden etwa, eine Blume dargestellt wird, war dies nur möglich, weil der Mensch durch sein soziales Wesen mit Zeichen und Worten überhaupt erst umgehen kann. Hier gilt dann für Kunstwerk und Sprache gleichermaßen: Sie sind erst wirklich Kunst, wenn es den Sprechern bzw. Künstlern gelingt, durch ein ausgeglichenes Verhältnis von Tun und Erleiden (doing and undergoing) alle Einzelheiten erst einmal in ihrer jeweiligen Gestalt wahrzunehmen, dann mit den bisherigen Erfahrungen in Verbindung zu bringen und schließlich den jeweils nächsten Schritt bis zur Vollendung hin in die Tat umzusetzen. Somit ist gleichzeitig auch immer schon rezipiert worden, denn zur Kommunikation gehören mindestens zwei und im Falle des Werks ist der Künstler sein erster Rezipient. Der Unterschied ist wohl, dass es z.B. der bildende Künstler beim Schaffen nicht mit Sprache zu tun hat, sondern mit Formen und sich entwickelnden vorsprachlichen oder vorbegrifflichen Qualitäten. Im nächsten Unterkapitel wird die »Kommunikationstheorie« nochmals aufgegriffen, da sie bezüglich der These, dass Gedichte Erfahrung bedeuten, zum Verständnis beiträgt. An dieser Stelle war das Naturalistische daran wichtig, dass sprachliche Bedeutung ihr Fundament im Sprachgebrauch hat mit dem Ziel eines »consummatory act«.[19] Im siebten Kapitel von Kunst als Erfahrung geht Dewey explizit auf den Begriff des Naturalismus ein und auf sein eigenes Verständnis davon. Er möchte seinen Naturalismus nicht als Reduktionismus von Werten auf das Tierische oder Physikalische verstanden wissen:

›Naturalism‹ is often alleged to signify disregard of all values that cannot be reduced to the physical and animal. [...] The very existence of art as an objective phenomenon using natural materials and media is proof that nature signifies nothing less than the whole complex of the results of the interaction of man, with his memories and hopes, understanding and desire, with that world to which one-sided philosophy confines ›nature.‹ The true antithesis of nature is not art but arbitrary conceit, fantasy, and stereotyped convention.[20]

Auch heute wird Naturalismus meist mit Reduktionismus, beispielsweise in Form eines reduktiven Physikalismus, konnotiert. Dewey ist hier eine Ausnahme, neben ihm vielleicht noch John Searle in seiner modernen »Sozialontologie«. Charakteristisch ist dabei Deweys Kampf gegen verschiedene Dualismen beziehungsweise Trennungen. Kunst ist aus natürlichen Materialien geschaffen. Gleichzeitig vereint sie diese mit menschlichen, sozialen, kulturellen und emotionalen Qualitäten, die in ihr objektiv enthalten sind. So demonstriert sich an der Kunst der weite Umfang des Naturbegriffs und damit auch desjenigen der weite Umfang des Naturbegriffs, wie Dewey selbst ihn aufgefasst haben möchte. Damit erweist sich, und das ist wichtig, die Kunst nicht als Gegensatz zur Natur, sondern der Gegensatz zur Natur besteht in dem, was Erfahrung zu einer mechanischen macht. Das Mechanische ist dadurch ausgezeichnet, dass mechanische Tätigkeiten und Erfahrungen externen Zwecken oder Zielen dienen, die Mittel austauschbar sind, und dass die Ziele schon festgelegt sind. Das Mechanische macht Erfahrung langweilig und neutral. Ich gebrauche hier »mechanisch« für das, was Dewey im obigen Zitat mit »arbitrary«, also willkürlicher Einbildung und Phantasie einerseits und andererseits durch »stereotyped convention« charakterisiert. Das Willkürliche dabei scheint mir für Dewey dann willkürlich zu sein, wenn in der Einbildung, Phantasie oder Vorstellung, als Vermögen aufgefasst, noch undifferenzierte, rohe Sinnlichkeit oder Emotion herrscht, die gerade deshalb auf dieser niederen Stufe bleibt, weil die Erfahrung, trotz der Tendenz zu einer Ordnung zu gelangen, aufgrund äußerlicher und innerlicher Ursachen der Verfassung des modernen Menschen, die durch die gesellschaftliche, ökonomische, technische und kulturelle Struktur geprägt ist, verhindert wird. Zwar weist auch das Mechanische eine Struktur und Beziehungen auf, aber gerade die Beziehungen (»relations«) sind es, die den Unterschied zu denen in einer Erfahrung machen, denn letztere sind im Gegensatz zu ersteren vital und dynamisch. Dewey stützt sich auf den sozialen, natürlichen Ursprung des Wortes »relation« im Gegensatz etwa zu logischen Relationen.[21] Somit zeigt sich, dass es für Dewey und auch für das Verstehen seiner Theorie wichtig ist, Tätigkeitsformen zu unterscheiden und zu analysieren. Denn es ist ganz entscheidend, wie das dann objektive Kunstwerk mit seinen Qualitäten, Bedeutungen und Beziehungen entsteht. Deshalb ist es auch in der vorliegenden Arbeit wichtig, dass dieser Aspekt herausgehoben wird, obwohl letztlich »nur« die Gedichte betrachtet werden. Denn es soll verstanden werden, wie die Gedichte eine Erfahrung bedeuten können, wie dies wiederum zu verstehen ist und inwiefern sich dies bei den ausgewählten Gedichten zeigt.

Der theoretische Ansatz von der Kunst als Erfahrung hat starke Implikationen. Unter anderem werden die Fragen, was Kunst ist und wo Kunst aufzufinden ist, ganz neu beleuchtet. Die Kunst ist nicht mehr in Museen gebannt, denn auch beispielsweise Sport, Film oder Musik können außerhalb der Museumswände oder von Konzertsälen Kunst sein, weil sie als Kunst erfahren werden können, und dies auch tagtäglich geschieht. Das Ästhetische, das wir erfahren, bei Tätigkeiten, die uns Menschen nicht unbedingt als ästhetische bewusst sein müssen und die wir in unseren Alltag tun, lässt sich als Begründung dafür, dass wir sie tun, sogar oft nur das Ästhetische daran als Motivator[22] angeben.[23] Ein Beispiel Deweys: Das faszinierte Beobachten von Flammen eines Feuers. Ebenso wenig sind es Experten oder allgemeine Anerkennung, die darüber entscheiden, ob dies oder jenes als Kunstwerk gilt. Dewey wendet sich gegen gängige Vorstellungen, die common sense oder kunsttheoretische Positionen sind, die er »allgemeine Betrachtungsweise« nennt: »Die allgemeine Betrachtungsweise setzt das Kunstwerk oft mit dem Bauwerk, dem Buch, dem Gemälde oder der Statue gleich – ungeachtet der menschlichen Erfahrung.«[24] Die Erfahrung außen vor zu lassen führt, da sie das konstitutive Kriterium für Kunst ist, zu völlig dogmatischen oder willkürlichen Festlegungen dessen, welche Gegenstände Kunst sind beziehungsweise hier: welche Klassen von Gegenständen Kunst sind.[25] Dem muss eine Theorie oder Philosophie der Kunst entgegenwirken. Auch Handwerk, Fußball oder populäre Filme, sowie unzählige andere Dinge, an die man vielleicht gar nicht denkt, wenn man an Kunst denkt, können Kunst sein. Voraussetzung ist, dass eine Erfahrung durch das Medium – die materiale Seite der Kunst –, in dem sie verkörpert ist, durchscheint.[26]

Oben in diesem Kapitel wurde bereits beschrieben, vor welchem Hintergrund der Erfahrungsbegriff zu betrachten ist, nämlich dem des lebendigen Organismus in seiner Interaktion mit der Umwelt, der natürlichen Situation von Lebewesen. In dieser Situation finden ständig Erfahrungen statt. Lebewesen befinden sich in einem andauernden Prozess des Erfahrens. In diesem Prozess stellt sich Erfahren als ständiges »doing and undergoing« dar, das heißt Erfahrung in ihrem vollen reichen Sinne, den wir verstehen wollen, ist alles andere als eine passive Angelegenheit. Methodisch wendet sich Dewey zunächst dem Ästhetischen an alltäglicher Erfahrung zu, die nicht in der Auseinandersetzung mit Kunst gemacht werden. Auch im »Erfahrungskapitel« (KE, Kapitel 3) wird das wichtige Konzept der » an experience« als besonders intensive Erfahrung unter Verdeutlichung an Beispielen, die nicht aus der Kunst stammen, eingeführt. Ich sehe dafür zwei Gründe, die Dewey zu diesem Vorgehen veranlasst haben könnten. Erstens kennt jeder solche Situationen, die auch in der Erinnerung noch intensiv und genau erscheinen. Somit kann sich der Leser ein ungefähres und für das Verständnis wichtiges Bild davon machen, wie eine Erfahrung zu denken ist. Zweitens, denke ich, muss bedacht werden, dass »experience« der Grundbegriff seiner Philosophie ist, den er in seinem Werk entwickelt. Die » an experience« als eine besonders intensive und vom Ästhetischen begleitete auszufassen, hebt gerade die einende Funktion dieser Erfahrung hervor. Dem Tunnelblick auf die Erkenntnistheorie, der in der Philosophie etwa von Descartes und Kant gegeben war, wird damit entgegengewirkt und das Erkennen als in einer Erfahrung kulminierend aufgefasst, womit es auch mit dem Ästhetischen verbunden ist. Zugleich ist der Weltbezug des Organismus oder des Subjekts nicht nur der erkennende, sondern ebenso und sogar primär ein praktischer.

[...]


[1] siehe Baumeister, Thomas: Kunst als Erfahrung. Bemerkungen zu Deweys »Art as Experience«, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, Bd. 37, Heft 4 (1983), S. 616.

[2] »Ästhetische Erfahrung« ist ein Begriff, der in der Philosophischen Ästhetik eine spezielle Bedeutung hat. Positionen, die sich an der ästhetischen Erfahrung orientieren stehen, tendenziell kritisch, Positionen gegenüber, die sich ausschließlich auf das Kunst schöne beziehen und den Werkbegriff in Vordergrund stellen. Hier und an anderen Stellen ist »ästhetische Erfahrung« im Sinne Deweys gebraucht, das heißt im Sinne von einer Erfahrung. Das Ästhetische ist eine mögliche Eigenschaft des Erfahrungsprozesses, der in der Interaktion eines Subjekts oder Organismus mit einem Kunstwerk besteht. Das Verhältnis der Begriffe »ästhetische Erfahrung« und »eine Erfahrung« ist allerdings noch nicht geklärt, identisch sind sie allenfalls nicht.

[3] siehe Dewey, John: Kunst als Erfahrung [1934], Frankfurt am Main 1988, S.11. Fortan zitiert als »KE, S. «. Die englische Ausgabe Dewey, John: Art as Experience [1934], New York 2005, wird zitiert als »AE, S. «.

[4] siehe KE, S. 20.

[5] vgl. beispielsweise KE, S. 9. Dort spricht Dewey von der »realen Lebenserfahrung«. Zudem sagt Dewey: »Erfahrungen werden ständig gemacht, denn die Interaktion von lebendigem Geschöpf und Umwelt ist Teil des eigentlichen Lebensprozesses.« (siehe KE, S.47) Vollständige Erfahrungen fördern einen bewussten Plan und das heraustreten der jeweiligen Erfahrung gegenüber den alltäglichen im Lebensprozess. Das bedeutet eine Intensivierung des Lebens. Dewey spricht von einer Erfahrung im vitalen Sinne (vgl. S.47-48).

[6] vgl. KE, S.21. Für den Konflikt mit der Umwelt, spricht Dewey von »struggles« (siehe AE, S. 19)

[7] siehe AE, S. 16.

[8] Bei der Analyse des Haikus in Kapitel 2.3 wird dies nochmals aufgegriffen. Dewey geht davon aus, dass Künstler Wissenschaftlern in der intellektuellen Leistung in nichts nachstehen.

[9] siehe AE, S.18.

[10] Dieser Gedanke ähnelt stark der Seelenlehre des Aristoteles, in der (grob und kurz gesprochen) die Seele die Lebendigkeit der Lebewesen ausmacht und durch Aktivität der Seele verwirklicht sich diese und damit das Lebewesen in seinem Lebewesensein.

[11] siehe AE, S. 108.

[12] siehe Dewey, John: Erfahrung und Natur [1925], Frankfurt am Main, 1995, S. 11.

[13] siehe ebda.

[14] siehe Dewey, John: Erfahrung und Natur [1925], Frankfurt am Main, 1995, S. 168.

[15] siehe ebda.

[16] vgl. ebda.

[17] Wie die Begriffe »Diskurs« und »λόγος« sich zueinander Verhalten wäre näher zu untersuchen. Hier soll nur das Soziale dabei betont werden.

[18] siehe Dewey, John: Erfahrung und Natur [1925], Frankfurt am Main, 1995, S. 179.

[19] Die Ausführungen (unter anderem) in Kapitel 5 von Erfahrung und Natur erinnern stark sowohl an Wittgenstein bezüglich der Gebrauchstheorie der Bedeutung und selbst dem Beispiel der Kommunizierenden »A« und »B«, als auch an Heideggers Ausführungen zur neuzeitlichen Wissenschaft und Technik etwa in »Die Frage nach der Technik« oder »Die Zeit des Weltbildes«. Eine Vergleichende Untersuchung wäre meines Erachtens sicherlich sehr interessant.

[20] siehe AE, S. 158.

[21] vgl. AE, S. 139 bzw. allgemein Kapitel 7 von Kunst als Erfahrung.

[22] Unter »Motivator« verstehe ich das, was uns zu unseren Handlungen antreibt oder motiviert.

[23] Obwohl wir uns des Ästhetischen nicht bewusst sein müssen, ist das ästhetische Erleben jedoch von Bewusstsein, von Reflexion begleitet. Nur deshalb ist eine ästhetische Erfahrung etwas, das im Gegensatz zu einem bloßen Lustreiz einer Bedürfnisbefriedigung etwa beim Essen, wenn man hungrig ist, über diesen Lustreiz hinaus eine Bedeutungsebene erhält. Durch die Qualitäten und Beziehungen zwischen ihnen, die in ein Kunstwerk Eingang gefunden haben, kann der Genuss höher und anhaltender sein als der bei einer Bedürfnisbefriedigung. Jedoch muss man hier wohl den Unterschied durch den Zusatz »bloße« zur Bedürfnisbefriedigung machen, da wahrscheinlich selbst diese als bewusstes Genießen Kunst sein kann.

[24] siehe KE, S.9.

[25] Eine solche Bestimmung von Klassen von Gegenständen wie beispielsweise Gemälde oder Romane, deren individuelle Vertreter dann jeweils als Kunstwerke gelten, wäre für Dewey prinzipiell verkehrt. Dewey nimmt Ausgang von der individuellen, konkreten Erfahrung eines konkreten Kunstwerks. Alexander schreibt dazu: »[I]f experience is to have meaning, that meaning must be found in the nature of situations.« (siehe Alexander, T.M.: John Dewey's Theory of Art, Experience and Nature, Ney York 1987, S. 116. Außerdem ist für Dewey nicht jedes Kunstprodukt schon ein Kunstwerk. Das entscheidende Kriterium dafür Kunstwerk zu sein, ist die genussvolle Rezeption beim Machen einer Erfahrung.

[26] vgl. KE, S. 11.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Gedichte bedeuten Erfahrung. Eine Überprüfung von Deweys Kunsttheorie in der Anwendung auf drei Beispiele
Hochschule
Universität Stuttgart  (Philosophie)
Veranstaltung
John Dewey: Kunst als Erfahrung
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
28
Katalognummer
V295997
ISBN (eBook)
9783656938958
ISBN (Buch)
9783656938965
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstphilosophie, Dewey, Ästhetik, Pragmatismus, Erich Fromm, Haben oder Sein, Erfahrung und Natur, Art as Experience, Kunst als Erfahrung
Arbeit zitieren
Cedric Braun (Autor), 2014, Gedichte bedeuten Erfahrung. Eine Überprüfung von Deweys Kunsttheorie in der Anwendung auf drei Beispiele, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295997

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