Zwangsstörungen. Diagnostik und Intervention


Seminararbeit, 2012
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Freiheit ist wohl eines der höchsten und wichtigsten menschlichen Güter. Die Idee des freien Menschen gehört seit Jahrhunderten zu den zentralen Themen der Philosophie. In Deutschland wird Freiheit sogar gesetzlich zugestanden: Die Einschränkung der körperlichen Freiheit eines Menschen wird mit einer Verurteilung wegen Freiheitsberaubung bestraft, die geistige Freiheit ist durch das Recht auf Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit etc. geschützt. Doch trotz all dieser Maßnahmen gibt es Menschen, die sich nicht frei fühlen können, auch wenn sie von außen betrachtet keinerlei Einschränkungen hinnehmen müssen. Nicht ihre Umwelt, sondern ihr Inneres nimmt sie auf gewisse Weise gefangen, indem sie sich dazu genötigt fühlen, bestimmte Dinge immer wieder zu denken oder zu tun. Diese Menschen leiden an einer psychischen Erkrankung, die heutzutage als Zwangsstörung bezeichnet wird.

Bereits seit der Antike bekannt, wurde die Symptomatik der Zwangsstörung im Laufe der Geschichte sehr unterschiedlich interpretiert. So vermutete man vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein das Wirken des Teufels als Ursache für zwanghafte Verhaltensweisen. 1838 bezeichnete der französische Psychiater Jean Esquirol die Zwangsstörung als „Krankheit des Zweifels“ (Morschitzky, 2009). Während Zwänge von einigen Wissenschaftlern dieser Zeit – beispielsweise Henry Maudsley – als Symptome einer Depression betrachtet wurden, beschrieb der deutsche Psychiater Carl Westphal sie 1878 als leichte Form der Schizophrenie. Sigmund Freud prägte schließlich 1894 den Begriff der „Zwangsneurose“ und sah diese gemeinsam mit der Hysterie als Übertragungsneurose an (Emmelkamp & van Oppen, 2000).

Bis in die heutige Zeit hinein gibt es keine Einigkeit über die Zuordnung der Zwangsstörung zu einer bestimmen Störungsgruppe: Während die ICD-10 die Zwangsstörung zu den neurotischen Störungen zählt, ist sie im DSM-IV bei den Angststörungen zu finden. Im Rahmen der 2013 erscheinenden fünften Version des DSM wird allerdings derzeit darüber diskutiert, die Zwangsstörung gemeinsam mit der körperdysmorphen Störung, der Trichotillomanie und weiteren verwandten Erkrankungen der neugebildeten Gruppe der „Zwangsspektrumerkrankungen“ zuzurechnen (Anlauf & Kordon, 2010).

Nach der momentan noch gültigen DSM-IV-Klassifikation können zwei Arten von Zwängen unterschieden werden, nämlich Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Zwangsgedanken werden dabei als anhaltend, aufdringlich, unangemessen und Angst oder Leiden verursachend definiert. Sie dürfen nicht nur übertriebene Sorgen über reale Lebensprobleme, wie beispielsweise einen möglichen Arbeitsplatzverlust oder finanzielle Sorgen, darstellen. Das DSM-IV gibt hierfür das Beispiel der für den Betroffenen belastenden, aber nicht mit tatsächlichen Problemen in Verbindung stehenden Idee, dass „God“ rückwärts buchstabiert „dog“ ergibt. Die häufigsten Gedankeninhalte stehen im Zusammenhang mit Kontaminationsängsten, Zweifeln (z.B. ob wirklich etwas Bestimmtes getan wurde), dem Drang nach Ordnung und sexuellen Vorstellungen. Aufgrund der Aufdringlichkeit und Unangemessenheit werden die Zwangsgedanken als „ich-dyston“ empfunden, d.h. als fremd und unkontrollierbar. Wichtig gerade für die Differenzialdiagnose ist allerdings, dass die betroffene Person die Gedanken trotzdem als Produkt ihres eigenen Geistes ansieht – im Gegensatz zur Vorstellung der Gedankeneingebung, die beispielsweise im Rahmen einer Schizophrenie auftreten kann. Als weiteres Diagnosekriterium gilt der Versuch, die störenden Gedanken zu ignorieren, zu unterdrücken oder durch weitere Gedanken oder Tätigkeiten zu neutralisieren.

Letztgenannter Punkt führt zur zweiten Gruppe innerhalb der Zwangsstörung, den Zwangshandlungen. Diese lassen sich weiter in tatsächliche und gedankliche Handlungen aufgliedern. Tatsächliche Handlungen umfassen dabei sich wiederholende Verhaltensweisen wie etwa Händewaschen oder Kontrollieren, gedankliche Handlungen unter anderem Zählen oder Beten. Der Betroffene fühlt sich dazu genötigt, durch derartige Tätigkeiten bestimmte Ereignisse zu verhindern oder das durch Zwangsgedanken ausgelöste Angstgefühl zu reduzieren, indem er sich z.B. bei Kontaminationsangst wiederholt und ausdauernd die Hände wäscht. Zwangshandlungen sind dadurch charakterisiert, dass sie in keinem realistischen Bezug zu dem durch sie angestrebten Ziel stehen.

Im Normalfall hat die betroffene Person im Verlauf ihrer Erkrankung selbst erkannt, dass ihre Zwangsgedanken bzw. Zwangshandlungen unbegründet und übertrieben sind. Ist dies nicht oder meist nicht der Fall, kann bei der Diagnose nach DSM-IV der Zusatz „mit wenig Einsicht“ gegeben werden. Bei Kindern fällt dieses Kriterium unter Umständen weg, wenn sie die kognitiven Bedingungen für eine solche Erkenntnis noch nicht erfüllen. Weiterhin muss die Beschäftigung mit den Zwangsgedanken oder -handlungen zeitaufwendig sein, d.h. mehr als eine Stunde pro Tag in Anspruch nehmen, und eine erhebliche Belastung verursachen, das allgemeine Funktionsniveau des Betroffenen also stark beeinträchtigen.

Auch wenn die ICD-10 die Zwangsstörung nicht zu den Angststörungen, sondern zu den neurotischen Störungen zählt, ähneln die diagnostischen Kriterien stark denen des DSM-IV. Allerdings wird für eine Diagnose vorausgesetzt, dass die Symptome mindestens zwei Wochen andauern. Weiterhin wird betont, dass die Zwangsgedanken oder -handlungen nicht an sich angenehm sein dürfen, sondern nur der Erleichterung von Spannung oder Angst dienen. Im Gegensatz zum DSM-IV, das nur die allgemeine Diagnose „Zwangsstörung“ bietet, werden in der ICD-10 die separaten Diagnosen „vorwiegend Zwangsgedanken oder Grübelzwang“, „vorwiegend Zwangshandlungen (Zwangsrituale)“ und „Zwangsgedanken und -handlungen, gemischt“ vergeben.

Wie oben bereits erwähnt ist eine genaue Abgrenzung zu anderen psychischen oder auch körperlichen Erkrankungen von großer Wichtigkeit. Viele Störungen beinhalten als Teilsymptomatik zwanghaft anmutendes Verhalten, weswegen die eigenständige Diagnose einer Zwangsstörung genau geprüft werden sollte. Besondere Schwierigkeit bereitet beispielsweise die Unterscheidung zwischen depressiver Störung und Zwangsstörung, da in einer akuten Episode einer Major Depression häufig andauerndes Grübeln über bestimmte Dinge auftritt. Diese Gedanken sind jedoch in der Regel laut DSM-IV nicht als Zwangsgedanken im Sinne der Zwangsstörung zu betrachten, da sie nicht als ich-dyston empfunden werden. Auch Angststörungen wie die generalisierte Angststörung oder spezifische Phobien haben oftmals eine starke gedankliche Beschäftigung mit gefürchteten Situationen und Objekten zur Folge. Steht der Inhalt dieser Gedanken nur im Zusammenhang mit der jeweiligen Angststörung, sollte keine zusätzliche Diagnose einer Zwangsstörung vergeben werden. Als weiteres Unterscheidungsmerkmal dienen Zwangshandlungen als aktive Vermeidungs- und Entlastungsstrategie der Zwangspatienten, die sich bei Personen mit Angststörungen kaum finden lassen (Emmelkamp & van Oppen, 2000). Außerdem ist der Grad der eigenen Verantwortung entscheidend: Während Phobiker Dinge oder Ereignisse fürchten, auf die sie keinen Einfluss zu haben glauben, zeichnen sich Patienten mit einer Zwangsstörung durch ein großes Verantwortungsgefühl und Schuldgefühle im Falle eines persönlich empfundenen Versagens aus (Morschitzky, 2009). Auch die starke Beschäftigung mit dem eigenen Körper bei der körperdysmorphen Störung oder mit möglichen Krankheiten bei der Hypochondrie sollte nur dann in Verbindung mit einer Zwangsstörung gebracht werden, wenn zusätzlich zum jeweils störungstypischen Verhalten Rituale wie etwa ständiges Waschen aus Angst vor Ansteckung vorhanden sind. Gleiches gilt für das zwanghafte Haareausziehen im Rahmen einer Trichotillomanie. Nehmen die Zwangsgedanken der betroffenen Person wahnhafte oder halluzinatorische Züge an, sollte überprüft werden, ob es sich um eine psychotische Störung handelt. Dies ist vor allem daran erkennbar, dass die Zwangsgedanken nur während einer psychotischen Episode auftreten, keiner Realitätsprüfung seitens des Betroffenen unterliegen und nicht als ich-dyston empfunden werden (Emmelkamp & van Oppen, 2000). Im Hinblick auf Zwangshandlungen ist auch die Abgrenzung zur Ticstörung, Tourette-Störung und stereotypen Bewegungsstörung wichtig. Tics und stereotypes Verhalten werden unbeabsichtigt und ohne spezifischen Zweck ausgeführt, während Zwangshandlungen im Rahmen der Zwangsstörung gezielt eingesetzt werden, um beispielsweise einen Zwangsgedanken zu neutralisieren. Weiterhin kommt exzessives, zwanghaft anmutendes Verhalten bei Suchterkrankungen, etwa bei Alkohol- bzw. Drogenabhängigkeit oder pathologischem Glücksspiel, sowie bei Essstörungen und Paraphilien vor und ist laut DSM-IV von Zwangshandlungen dadurch abzugrenzen, dass die betroffenen Personen durch die jeweilige Tätigkeit gewöhnlich ein gewisses Wohlbefinden erreichen und sie nur der schädlichen Konsequenzen wegen ablehnen. Die zwanghafte Persönlichkeitsstörung weist zwar nicht nur namentliche, sondern auch symptomatische Ähnlichkeiten mit der Zwangsstörung auf, kann jedoch nach Emmelkamp und van Oppen (2000) durch die fehlende Angst des Betroffenen und die Ich-Systonie der Symptome davon differenziert werden. Zusätzlich weist das DSM-IV darauf hin, dass im Rahmen der zwanghaften Persönlichkeitsstörung keine Zwangsgedanken bzw. -handlungen, sondern durchgängige Beschäftigungsmuster mit Kontrolle und Ordnung vorliegen.

Neben den eben erläuterten psychischen Störungen müssen außerdem hirnorganische Störungen diagnostisch von der Zwangsstörung abgegrenzt werden, da auch Hirnschädigungen Zwangssymptome auslösen können. Diese haben jedoch keinen sinnvollen Inhalt, dienen keinem bestimmten Ziel und stehen in Verbindung mit weiteren neuropsychologischen Störungen, z.B. das Gedächtnis oder die Intelligenz betreffend (Emmelkamp und van Oppen, 2000).

Viele der oben erwähnten Störungen sind nicht nur differenzialdiagnostisch abzuklären, sondern treten mitunter auch komorbid neben der Zwangsstörung auf. Relativ hohe Komorbiditäten ergeben sich dabei mit den Angststörungen, zu denen die Zwangsstörung zumindest vom DSM-IV ja ebenfalls gezählt wird. In einer Studie von Rasmussen und Tsuang aus dem Jahre 1986 (zitiert nach Emmelkamp & van Oppen, 2000) zeigte sich, dass 58% der Zwangspatienten irgendwann bereits an einer spezifischen oder sozialen Phobie oder einer Panikstörung gelitten hatten. Weiterhin ergaben sich in anderen Studien Komorbiditäten von bis zu 20% bei der generalisierten Angststörung (ebd.). Episoden einer Major Depression sind bei etwa 30-40% der Personen mit Zwangsstörung zu finden, wobei die Wahrscheinlichkeit, im Verlauf der Zwangsstörung eine Depression zu entwickeln, dreimal so hoch ist wie im umgekehrten Fall (ebd.). Auch somatoforme Störungen sind gemäß Emmelkamp und van Oppen (2000) recht häufig anzutreffen: Sie nennen Schätzungen von etwa 33% bezüglich der Hypochondrie und 8-37% bei der körperdysmorphen Störung. Persönlichkeitsstörungen stellen eine weitere Störungsgruppe mit hoher Komorbidität dar. Allerdings wird nur bei ca. einem Viertel der Zwangspatienten eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, diese weist also bei der Zwangsstörung trotz der Namensähnlichkeit keine höhere Komorbiditätsrate als bei anderen Angststörungen auf (ebd.). Ein interessantes Phänomen stellt die Komorbidität zwischen Zwangsstörung und Tourette-Syndrom dar, da laut DSM-IV zwar bis zu 50% der Tourette-Patienten auch an einer Zwangsstörung leiden, umgekehrt aber nur etwa 5% der Zwangspatienten an Tourette-Symptomen. Ebenfalls erhöhte Inzidenzen wurden für Essstörungen und Substanzabhängigkeiten gefunden, wobei letzteres vor allem im Zusammenhang mit der Selbstmedikation mittels Sedativa und Anxiolytika oder auch Alkohol zu erklären ist. Auch körperliche Folgen, wie beispielsweise Hautprobleme aufgrund von exzessiven Waschritualen, sind nicht zu vernachlässigen.

Während die Zwangsstörung noch vor etwa 20 Jahren als sehr seltene Störung eingeschätzt wurde – Emmelkamp und van Oppen (2000) nennen einen früheren Schätzwert von 0,05% –, haben sich neuere Prävalenzschätzungen deutlich erhöht. Das DSM-IV beziffert die Lebenszeitprävalenz mit 2,5% und die Ein-Jahres-Prävalenz mit 1,5-2,1%. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch Morschitzky (2009) mit einer Lebenszeitprävalenz von 2% und einer 6-Monats-Prävalenz von 1,8%. Männer und Frauen sind grundsätzlich gleich häufig betroffen, es zeigt sich allerdings ein Geschlechtereffekt in Bezug auf die Art des Zwangsverhaltens (Emmelkamp & van Oppen, 2000; Morschitzky, 2009). Demnach leiden Frauen überwiegend an Wasch- und Säuberungszwängen, Männer hingegen eher an Kontrollzwängen. Diese beiden Gruppen stellen allgemein die häufigsten Zwangtypen dar. Daneben finden sich auch noch Ordnungs-, Wiederholungs-, Sammel- und Kaufzwänge. Reine Zwangsgedanken ohne Zwangshandlungen sind relativ selten, nach Morschitzky (2009) treten sie nur bei etwa 12-15% der Patienten auf. Zwangssymptome können sich laut DSM-IV bereits in der Kindheit zeigen, gewöhnlich treten sie aber erstmals in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter auf. Dabei ist das durchschnittliche Ersterkrankungsalter bei Männern mit ca. 10 Jahren etwa halb so hoch wie bei Frauen mit ca. 20 Jahren. Insgesamt entwickelt sich bei 95% der Betroffenen die Zwangsstörung vor dem 40. Lebensjahr (Morschitzky, 2009). Gemäß DSM-IV beginnt die Störung in den meisten Fällen schleichend und nur selten akut, Morschitzky (2009) differenziert dagegen zwischen den Zwangtypen und gibt einen akuten Beginn bei drei Viertel der Waschzwänge (oft als Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis) und einem Drittel der Kontrollzwänge an. Problematisch im Hinblick auf therapeutische Interventionen ist die Tendenz vieler Betroffener, ihre Erkrankung möglichst lange geheim zu halten. Die durchschnittliche Zeit zwischen dem Beginn der Zwangssymptomatik und der Behandlung beträgt 7,5 Jahre, was eine Chronifizierung fördert und damit die Behandlung deutlich erschwert (ebd.). Die meisten Patienten weisen laut DSM-IV einen chronischen, schwankenden Verlauf mit Symptomverschlechterungen auf, die durch psychosoziale Belastungsfaktoren beeinflusst werden können.

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zwangsstörungen. Diagnostik und Intervention
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V298683
ISBN (eBook)
9783656950400
ISBN (Buch)
9783656950417
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klinische Psychologie, Zwangsstörung, Zwänge, Zwangshandlungen, Zwangsgedanken, DSM-IV, ICD-10
Arbeit zitieren
Magdalena Köhler (Autor), 2012, Zwangsstörungen. Diagnostik und Intervention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298683

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