„Less is more“-Design. Untersuchung der exekutiven Funktionen bei vierjährigen Kindern


Wissenschaftliche Studie, 2010
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Abstract

2 Theoretischer Hintergrund

3 Methoden
3.1 Teilnehmer
3.2 Versuchsdurchführung
3.3 Kodierung

4 Ergebnisse

5 Diskussion

6 Literatur

1 Abstract

Mit der Handlungsaufgabe „Less is more“, bei der die Versuchsperson zwischen zwei Schüsseln mit unterschiedlich vielen Süßigkeiten wählt, wurde an 17 Kindern zwischen 46 und 49 Monaten die Fähigkeit zur Handlungsunterdrückung untersucht. Da die Kinder die kleinere Menge Süßigkeiten wählen müssen, um die größere zu bekommen, stellt diese Aufgabe ein gutes Maß für ihre inhibitorische Kontrolle dar. Zeigten sie in mindestens 55% der Durchgänge das Zielverhalten, wurden sie als kompetent eingestuft, was bei der Mehrheit der Kinder der Fall war. Dabei wurden weder Einflüsse des Geschlechts noch des Alters signifikant. Eine Verbesserung der Leistung durch Lernen war nicht erkennbar. Aufgrund der geringen Stichprobengröße können diese Ergebnisse jedoch nicht verallgemeinert werden und dienen lediglich als Anregung für weitere Forschungen.

2 Theoretischer Hintergrund

Die kognitive Entwicklung des Kindes stellt einen äußerst wichtigen Forschungsbereich der Entwicklungspsychologie dar. Sie kann in mehrere Teilbereiche gegliedert werden, wie beispielsweise die Entwicklung des Gedächtnisses, die emotionale oder auch die sozial-kognitive Entwicklung. Letztere ist wiederum gekennzeichnet durch die Entstehung der sogenannten „Theory of mind“, deren Komponenten zu den wichtigsten sozial-kognitiven Fähigkeiten zählen. Darunter „versteht man die alltagspsychologischen Konzepte, die wir benützen, um uns selbst und anderen mentale Zustände zuzuschreiben.“ (Sodian & Thoermer, 2006, S.495). Siegler, DeLoache & Eisenberg (2008, S.373) definieren die Theory of mind etwas breiter gefasst als „ein grundlegendes Verständnis davon, wie der Verstand funktioniert und wie er das Verhalten beeinflusst“.

Bedeutende kognitive Veränderungen, die zur Theory of mind führen, lassen sich im Alter von drei bis vier Jahren erkennen. Vorläufer der eigentlichen Theory of mind sind unter anderem die Entwicklung von Empathie, Handlungsverständnis und Kommunikationsfähigkeit. Auch die Ausbildung sogenannter exekutiver Funktionen, die eine weitere wichtige Komponente für die Theory of mind darstellen, beginnt mit ca. drei Jahren. Exekutive Funktionen sind nach Sodian und Thoermer (2006, S.575) „die Prozesse bei der Verhaltenskontrolle, die notwendig sind, um auf ein mental repräsentiertes Ziel zu fokussieren und die Zielrealisation gegen konkurrierende Handlungsalternativen abzuschirmen.“ Zu ihnen zählen unter anderem Planung und zielgerichtetes Handeln sowie Emotionsregulierung und inhibitorische Kontrolle, also die Fähigkeit zur Impuls- oder Handlungsunterdrückung.

Ein weitverbreiteter Aufgabentyp in der Theory-of-mind-Forschung sind Aufgaben, die das Verständnis von falschen Überzeugungen prüfen. Hierbei wird untersucht, inwieweit Kinder bereits verstehen, dass ein Anderer eine bestimmte Überzeugung hat und gemäß dieser handelt, obwohl sie selbst wissen, dass die Überzeugung des Anderen falsch ist. Eine der bekanntesten Aufgaben hierzu ist die sogenannte Smarties-Aufgabe. Dabei wird dem Kind eine geschlossene Smarties-Schachtel gezeigt und gefragt, was wohl in der Schachtel sei. Das Kind antwortet höchstwahrscheinlich „Smarties“. Anschließend wird die Schachtel geöffnet, sie enthält jedoch Bleistifte. Nun wird die Frage gestellt, was ein Anderer sagen würde, wenn er nach dem Inhalt der Schachtel gefragt wird. Hat das Kind bereits ein Verständnis von falschen Überzeugungen entwickelt, antwortet es erneut „Smarties“. Fehlt ihm dieses Verständnis aber noch – was vor allem bei jüngeren Kindern mit etwa drei Jahren der Fall ist – antwortet es „Bleistifte“.

Nicht selten behaupten Kinder, die Probleme mit dem Verständnis falscher Überzeugungen haben, auch, dass sie selbst zuvor ebenfalls „Bleistifte“ gesagt hätten. Wie alle Theory-of-mind-Komponenten korreliert das Verständnis falscher Überzeugung hoch mit den exekutiven Funktionen, insbesondere mit der oben erwähnten inhibitorischen Kontrolle (siehe Sodian & Thoermer, 2006). Im Zuge dieser Erkenntnisse der Theory-of-mind-Forschung widmet sich die vorliegende Studie daher der Frage, ob vierjährige Kinder im Hinblick auf die Handlungsunterdrückung bereits Kompetenzen besitzen. Sie stellt dabei eine gekürzte Replikation der Originalstudie „Less is more“ von Stephanie M. Carlson, Angela C. Davis und Jamie G. Leach aus dem Jahr 2005 für den deutschen Sprachraum dar. Bei der Originalstudie wurden 101 Vorschulkinder (46 Dreijährige und 55 Vierjährige) in 16 Testdurchgängen anhand der Handlungsaufgabe „Less is more“ untersucht. Die Forscher fanden, dass die Vierjährigen überzufällig häufig das Zielverhalten zeigten, nicht aber die Dreijährigen. Außerdem zeigten die älteren Kinder im Gegensatz zu den jüngeren einen Lerneffekt über alle Testdurchgänge. Das Alter hatte also einen signifikanten Einfluss auf die Testergebnisse. Dagegen trat kein signifikanter Geschlechtseffekt auf. Die Originalstudie fand auch signifikante Korrelationen zwischen der Leistung bei Less is more und anderen Aufgaben zu exekutiven Funktionen.

Da die vorliegende Studie im Rahmen eines studentischen Praktikums durchgeführt wurde, repliziert sie aus zeitlichen Gründen nur die Less-is-more-Aufgabe mit zehn Testdurchgängen ohne weitere Aufgaben zu exekutiven Funktionen.

3 Methoden

3.1 Teilnehmer

Insgesamt nahmen an der Untersuchung 17 Kinder teil, die von 17 Versuchsleiterinnen getestet wurden. Vier Kinder mussten jedoch wegen technischer Probleme von der Auswertung ausgeschlossen werden, ein weiteres wegen eines Versuchsleiterfehlers. Die übrigen 12 Kinder setzten sich aus sechs Dreijährigen (M=47 Monate; SD=.41; Spannweite von 46,19 bis 47,27; zwei Jungen und vier Mädchen) und sechs Vierjährigen (M=48,3 Monate; SD=.45; Spannweite von 48,02 bis 49,22; fünf Jungen und ein Mädchen) zusammen.

3.2 Versuchsdurchführung

Die Untersuchung fand im Babylabor der Ludwig-Maximilians-Universität München statt und bestand aus insgesamt drei Aufgaben, von denen die Less-is-More-Aufgabe als zweite durchgeführt wurde. Die Gesamtdauer betrug ca. 30 bis 45 Minuten, wovon etwa 10 Minuten auf Less is More entfielen. Die Kinder erschienen mit jeweils einer Begleitperson, meist war dies die Mutter.

Bei der Testung saßen sich Kind und Versuchsleiterin gegenüber. Während des gesamten Versuchs wurden sie mit zwei Kameras so gefilmt, dass beide in einer Bild-in-Bild-Einstellung von vorne zu sehen waren.

Zuerst ließ die Versuchsleiterin das Kind aus zwei Süßigkeitensorten die bevorzugte Sorte auswählen, die dann für alle Durchgänge verwendet wurde. Anschließend wurden dem Kind zwei Schüsseln präsentiert, von denen eine fünf Stück der Süßigkeit enthielt, die andere zwei, wobei das Kind wählen sollte, welche Schüssel es lieber hätte (erwartungsgemäß die vollere). Dann erzählte die Versuchsleiterin über eine Handpuppe mit Namen „Kroko“, die das Kind bereits aus der vorherigen Aufgabe kannte, dass diese sehr frech sei und alle Süßigkeiten für sich behalten wolle. Sie platzierte die Puppe schräg rechts gegenüber dem Kind und stellte neben beide jeweils einen durchsichtigen Becher. Nun folgte die Erklärung der Spielregeln: Jedesmal, wenn das Kind auf eine Schüssel zeige, bekomme Kroko den Inhalt dieser Schüssel in seinen Becher gefüllt und das Kind selbst den Inhalt der anderen Schüssel in den eigenen Becher. Dies wurde dem Kind anhand eines Übungsdurchganges veranschaulicht, dem ein Regelcheck folgte. Dabei wurde gefragt, wer die Süßigkeiten der gewählten bzw. nicht gewählten Schüssel erhalte. Bei einer falschen Antwort wurde die Frage wiederholt, bei erneut falscher Antwort die Regel nochmals (insgesamt bis zu viermal) erklärt.

Nach einer korrekten Antwort beim Regelcheck fanden fünf Testdurchgänge statt, wobei nach jedem Durchgang die Seiten der Schüsseln mit fünf bzw. zwei Süßigkeiten gewechselt wurden, um einen Seiten-Bias zu vermeiden. Während der Testdurchgänge erhielt das Kind kein Feedback von der Versuchsleiterin. Nach den fünf Durchgängen folgte ein erneuter Regelcheck, diesmal sollte das Kind aber selbst die Regel erklären. Geschah dies nicht, wurde wie schon beim ersten Regelcheck nachgefragt und bei falscher Antwort die Regel einmal wiederholt. Anschließend fanden weitere fünf Testdurchgänge nach dem gleichen Muster wie oben statt, die den Abschluss der Less-is-More-Aufgabe bildeten.

3.3 Kodierung

Bei der Kodierung wurden die Kinder dichotom in kompetent und nicht-kompetent eingeteilt. Kompetent bedeutete, dass sie in mindestens 55% der insgesamt zehn Durchgänge das Zielverhalten zeigten, also die Schüssel mit den zwei Süßigkeiten wählten.

Darüber hinaus wurde geprüft, ob die Regelchecks korrekt beantwortet wurden bzw. Wiederholungen nötig waren. Als Störvariablen wurde beispielsweise ein Eingreifen der Begleitperson, Versuchsleiterfehler in Bezug auf den Seitenwechsel der Schüsseln oder auch die falsche Positionierung der Becher (nicht nebeneinander) gewertet. Zusätzlich zu der Kodierung bei jedem Kind erfolgte bei 30% der Kinder eine Gegenkodierung durch einen Zweitkodierer, um die Inter-Rater-Reliabilität zu überprüfen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
„Less is more“-Design. Untersuchung der exekutiven Funktionen bei vierjährigen Kindern
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
9
Katalognummer
V298690
ISBN (eBook)
9783656955207
ISBN (Buch)
9783656955214
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Studie im Rahmen eines empirischen Praktikums im Bereich Entwicklungspsychologie
Schlagworte
Exekutive Funktionen, Less is more, Entwicklungspsychologie, Theory of mind
Arbeit zitieren
Magdalena Köhler (Autor), 2010, „Less is more“-Design. Untersuchung der exekutiven Funktionen bei vierjährigen Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298690

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: „Less is more“-Design. Untersuchung der exekutiven Funktionen bei  vierjährigen Kindern


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden