Das Kind nach der Scheidung. Auswirkungen der elterlichen Trennung im Kindesalter und pädagogische Möglichkeiten der Hilfe


Bachelorarbeit, 2015

81 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Scheidung aus historischer und makrostruktureller Perspektive
2.1 Scheidungsursachen
2.1.1 Gesellschaftliche Entwicklungen und ihr Einfluss auf Trennung und Scheidung
2.1.2 Subjektive Scheidungsursachen
2.2 Der prozessuale Ablauf einer Scheidung

3. Die Bedeutung einer elterlichen Scheidung oder Trennung für betroffene Kinder
3.1 Das Familiensystem im Wandel: Familiäre Beziehungen im Trennungskontext
3.1.1 Das System Familie
3.1.2 Auswirkungen der elterlichen Trennung auf das Familiensystem
3.1.3 Mutter-Kind-Beziehungen in Nachscheidungsfamilien
3.1.4 Vater-Kind-Beziehungen in Nachscheidungsfamilien
3.2 Kindliche Reaktionen und Folgen des Trennungsgeschehens
3.2.1 Die Bedeutung des Alters und entwicklungstypische Reaktionen
3.2.2 Geschlechtsspezifische Reaktionen
3.2.3 Kurzfristige Reaktionen
3.2.4 Langfristige Folgen

4. Pädagogische Möglichkeiten der Hilfe
4.1 Indirekte Hilfsmöglichkeiten des Pädagogen
4.1.1 Pädagogische Beratung der Eltern
4.1.2 Externe professionelle Hilfsangebote für Eltern
4.1.3 Externe professionelle Hilfsangebote für Scheidungskinder
4.2 Direkte Hilfsmöglichkeiten des Pädagogen
4.2.1 Handlungsempfehlungen für die präventive pädagogische Hilfe
4.2.2 Problembezogene Kommunikation mit Scheidungskindern
4.2.3 Kreatives Arbeiten mit Scheidungskindern
4.2.4 Spezielle Übungen für Scheidungskinder nach Strobach
4.2.5 Kinderliteratur zum Thema Scheidung und Trennung der Eltern

5. Schlussbetrachtung:

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

Anhang 1: Spezielle Übungen für Scheidungskinder

Anhang 2: Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Eine Scheidung ist für Eltern und Kinder ein einschneidendes Ereignis. Auswirkungen und Folgen einer solchen Veränderung im familiären Bereich hat nicht nur Konsequenzen auf der partnerschaftlichen Ebene der Eltern, sondern führt auch bei den involvierten Kindern zu einer drastischen Belastungssituation. Ihre familiäre Lebenswelt, die ihnen Sicherheit, Geborgenheit und Halt gibt, ändert sich meist innerhalb eines kurzen Zeitraumes erheblich, sodass es nicht erstaunt, dass Kinder in der Zeit nach der Trennung oft mit der neuartigen Situation überfordert sind. Es ändern sich nicht nur die Beziehungen zu den wichtigsten Bezugspersonen, sondern sie verlieren auch Kontinuität und Struktur in ihrem Leben.

Die besonderen Stressoren, die mit der elterlichen Scheidung oder Trennung einhergehen stellen Kinder vor eine große Herausforderung. So schreibt Schmidt-Denter (2001): „Kaum ein sozialer Übergang ist im vergleichbaren Maße durch eine spezifische Belastungskumulation, durch schwer zu bewältigende Entwicklungsaufgaben und z. T. lang andauernden Verhaltensstörungen gekennzeichnet“ (S. 294). Um die Kinder vor derartigen anhaltenden Verhaltensstörungen zu bewahren und ihnen präventive Hilfe bei der Bewältigung und Verarbeitung der Trennungssituation zu bieten, besteht hier ein spezieller pädagogischer Handlungsbedarf, der in dieser Arbeit bearbeitet und dargelegt wird. Nahezu jeder Pädagoge und jede Pädagogin[1] hat in seiner Betreuungsgruppe mit Scheidungskindern Kontakt. Die Aktualität und Relevanz dieser Thematik wird besonders deutlich, wenn man die stetig steigenden Scheidungsraten betrachtet.

In den vergangenen 50 Jahren nahm die Anzahl der rechtskräftigen Scheidungen deutlich zu. Waren es noch 1960 nur rund 48 870 Ehescheidungen in der Bundesrepublik Deutschland, ist diese Zahl bis heute um mehr als das Dreifache angestiegen (Statistisches Bundesamt 2014). Rund 169 800 Ehescheidungen wurden 2013 in Deutschland erfasst, davon über 84 800 mit minderjährigen Kindern. Etwa jede dritte Ehe (36%) wird heutzutage geschieden, für nichteheliche Lebensgemeinschaften wird eine vergleichbar hohe Instabilität festgestellt (ebd.). Auch in anderen europäischen und außereuropäischen Staaten ließen sich derart gestiegene Scheidungsraten beobachten (Klein-Allermann & Schaller 1992). Allein 2013 waren in Deutschland über 136 000 minderjährige Kinder von der elterlichen Scheidung betroffen (Statistisches Bundesamt 2014). In diesen Zahlen nicht enthalten sind jedoch die Kinder von getrennten Eltern, die sich in einer Lebenspartnerschaft ohne Trauschein befanden. Während nämlich die Zahl der traditionellen Familien mit Ehepaaren im letzten Jahrzehnt sank, stieg die Zahl alternativer Familienformen, insbesondere die der Lebensgemeinschaften mit Kindern. Mit 70 Prozent waren 2013 die Ehepaare mit minderjährigen Kindern zwar die häufigste Familienform, im Jahr 1996 betrug ihr Anteil jedoch noch 81 Prozent (ebd.). Der Anteil der Lebensgemeinschaften mit Kindern unter 18 Jahren verdoppelte sich sogar in diesem Zeitraum von fünf auf zehn Prozent. Die genaue Anzahl der Kinder, die eine elterliche Trennung miterleben, ist demnach leider nicht exakt zu bestimmen.

Auch durch diese Entwicklung alternativer Familienformen unterscheidet die vorliegende Arbeit nicht zwischen Scheidungs- und Trennungskindern, da beide Gruppen gleichartige Erfahrungen machen und auch die pädagogischen Hilfsmöglichkeiten weitestgehend identisch sind. Nur im Hinblick auf die geschilderten Forschungsergebnisse ist eine genaue Betrachtung des Terminus notwendig. Die Arbeit richtet sich vor allem an Pädagogen, die mit Kindern zwischen vier und zwölf Jahren arbeiten. Das Ziel ist es, ihnen einen umfassenden Überblick über die komplexen kindlichen Auswirkungen der elterlichen Trennung und die pädagogischen Möglichkeiten der Hilfe zu geben, um in derartigen Fällen effektive Handlungsstrategien zu disponieren.

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Jedem Teil geht ein Block mit Fragestellungen voraus, mit denen sich das jeweilige Kapitel beschäftigt. Zunächst wird erläutert, inwiefern sich das Scheidungsverhalten historisch verändert und welche gesellschaftlichen und persönlichen Ursachen eine Scheidung hat. In diesem Kapitel enthalten ist auch der prozessuale Ablauf einer Scheidung. Darauf folgt die Bedeutung einer Scheidung für die betroffenen Kinder. Eingegangen wird hierbei mit theoretischem und empirischem Bezug auf den Wandel des familiären Systems sowie den Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung. Im Kontext dieses Kapitels wird die Mutter als der sorgeberechtigte Elternteil betrachtet, da 90 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland Frauen sind (Statistisches Bundesamt 2014). Weiterhin beschäftigt sich das Kapitel mit den möglichen kurzfristigen aber auch langfristigen Auswirkungen, die eine Scheidung bzw. Trennung auf das Kind haben kann und ihren alters- und geschlechtsspezifischen Tendenzen. Auf dieses stark theoriebezogene Kapitel folgt dann die praktische Auseinandersetzung mit dem Thema, in der die pädagogischen Hilfsmöglichkeiten ausgeführt werden, die nach der elterlichen Trennung erfolgen können.

2. Scheidung aus historischer und makrostruktureller Perspektive

Fragestellungen/ Orientierungsfragen:

Inwiefern hat sich das Scheidungsverhalten historisch verändert?

Welche Ursachen hat eine Scheidung aus gesellschaftlicher und persönlicher Perspektive?

Welche Phasen hat eine Scheidung, und welche spezifischen Effekte haben sie jeweils auf das Kind?

2.1 Scheidungsursachen

Die Gründe für eine Scheidung bzw. Trennung gehen zwar primär auf den individuellen Prozess der Paarebene zurück, sie stehen aber auch in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen, die auch Einfluss auf die Resolution hin zu einer Ehescheidung haben. Beide Teilaspekte werden nun im Folgenden erläutert.

2.1.1 Gesellschaftliche Entwicklungen und ihr Einfluss auf Trennung und Scheidung

Soziologen und Sozialhistoriker sehen den Anstieg der Ehescheidungen der letzten Jahrzehnte als Resultat der vielfältigen und tiefgreifenden Veränderungen auf wirtschaftlicher, sozialer, juristischer und politischer Ebene, die zu einer Deinstitutionalisierung und einem Funktionswandel der modernen Familie geführt haben (Klein-Allermann & Schaller 1992; Wilk & Zartler 2004; Zartler & Werneck 2004; Gross 1994). Diese gesellschaftlichen Neuerungen werden als Modernisierungs- und Säkularisierungsprozess interpretiert, die Einfluss darauf nehmen, ob, in welcher Art und aus welchen Gründen eine Partner- bzw. Ehebeziehung beendet wird (ebd.).

Funktions- und Bedeutungswandel von Ehe und Partnerbeziehungen

Im letzten Jahrhundert fand eine bedeutende Veränderung hinsichtlich der Funktionsweisen der Institution Familie statt, die zur Instabilität der Ehe beitrug. Durch die Industrialisierung verlor die Familie ihre Funktion als Produktionsstätte und existenzielle Zwänge, die mit der Familie als Wirtschafts- und Solidargemeinschaft verbunden waren und deren Stabilität erhöht hatten, entfielen (Zartler & Werneck 2004). Abhängig davon wandelte sich auch die Bedeutung der Familie weg von einer in erster Linie „Wirtschafts- und Arbeitsgemeinschaft“, in der emotionale Zuneigung zwischen den Partnern kaum berücksichtigt wurde, hin zu einem Eheleitbild, welches die „romantische Liebe“ zur wesentlichen Bedingung für die Eheschließung machte (Zartler & Werneck 2004). Der Preis dieses gesellschaftlichen Wertewandels war „eine zunehmende Verunsicherung und damit größere Anfälligkeit der Ehe als Institution“ (Klein-Allermann & Schaller 1992, S. 267), da die emotionale Qualität einer Partnerschaft zunehmend auch deren Stabilität bedingt und damit anfälliger für Spannungen macht (Schenk 1987). In diesem Zusammenhang stehe nach Auffassung von Zartler und Werneck (2004) die Auflösung einer Beziehung generell nicht in Zusammenhang mit einem verminderten Wert von Partnerbeziehungen, sondern sei ganz im Gegenteil ein Hinweis auf deren große Bedeutung.

Abbau von ethisch-moralischen Scheidungsbarrieren

Auch die Sichtweisen, wie Scheidung in der Bevölkerung betrachtet wird, haben sich massiv geändert. Eine eheliche Scheidung wurde bis ins 20. Jahrhundert als „moralische Verfehlung und als Folge einer ehelichen Pflichtverletzung eines Partners gesehen, mit der weitreichenden Konsequenzen und negativen Sanktionen [...] verbunden waren“ (Wilk & Zartler 2004, S. 21). Im Gegensatz dazu findet heutzutage eine Scheidung vielfach gesellschaftliche Akzeptanz und wird als ein gängiger Lösungsweg aus belasteten Ehen anerkannt. Ehescheidung ist somit durch die zunehmende Toleranz in Form eines „notwendigen Übels“ zu einer gesellschaftlichen Normalität geworden, die nicht mehr als moralische Verfehlung gilt (ebd.).

Veränderungen im Ehe- und Familienrecht

Die Veränderungen hinsichtlich der normativen Betrachtungsweisen der Ehe wurden schließlich im Jahre 1977 auch rechtlich durch die Abwandlung vom Verschuldens- hin zum Zerüttungsprinzip, zum Ausdruck gebracht. Hierbei wurde durch das Ehereformgesetz von der Schuldfrage im juristisch Prozess abgegangen, um die Scheidung zu erleichtern (Klein-Allermann & Schaller 1992; Wilk & Zartler 2004; Zartler & Werneck 2004).

Veränderungen der familiären Rollenbilder

Der Modernisierungs- und Individualisierungsprozess führte – insbesondere durch veränderte Rollenleitbilder, einem höheren Bildungsniveau und der damit einhergehenden größeren Erwerbsarbeitsbeteiligung der Frauen – zu einer Abnahme der wirtschaftlichen Abhängigkeit in der Ehe (Zartler & Werneck 2004). Dieser Wandel ist einerseits mit höheren Ansprüchen von Frauen an die Partnerschaft verbunden und hat andererseits Scheidung zu einer wählbaren Alternative gemacht, da sie auch bei einem Scheitern der Ehe finanziell wie auch sozial abgesichert sind (ebd.).

2.1.2 Subjektive Scheidungsursachen

Die im vorangegangenen Abschnitt beschriebenen Entwicklungen stellen die Erklärung für den drastischen Anstieg der Scheidungszahlen auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene dar, jedoch stellt sich darüber hinaus die Frage, welche Faktoren auf der Paarebene eine bestehende Partnerschaft instabil werden lassen. Diese Frage war Gegenstand zahlreicher Studien (Schmidt-Denter & Beelmann 1997; Zartler & Werneck 2004; Bodenmann, Bradbury & Maderazs 2002; Schneider 1990) .

Besonders ausdrucksstark sind die Forschungsergebnisse von Schneider (1990), der 130 geschiedene bzw. getrennt lebende Personen aus Deutschland zu ihren subjektiven Trennungsgründen befragte. Die am häufigsten genannten Faktoren waren (1) enttäuschte/ unerfüllte Erwartungen, (2) eine unterschiedliche Entwicklung der Partner (Auseinanderleben), (3) Kommunikationsprobleme, (4) fehlende gemeinsame Zukunftsperspektiven und (5) ein unterschiedlicher Lebensstil (Schneider 1990). Alle Untersuchungen hinsichtlich subjektiver Scheidungsgründe zentralisieren und integrieren die Aspekte und Faktoren einer Paarbeziehung divergent, sodass auch ihre Ergebnisse nur eingeschränkt in Teilaspekten einheitlich sind und mehr oder minder voneinander abweichen. Einigkeit besteht jedoch in dem Aspekt, dass sich die Angaben über die persönlichen Trennungsgründe geschlechtsspezifisch unterscheiden.

So führen Männer eher arbeitsbezogene Stressoren, eine Unvereinbarkeit sexueller Wünsche und Emanzipationsbestrebungen der Partnerin an, während Frauen vorwiegend finanzielle und wohnraumbedingte Probleme, physische Misshandlung, psychische Probleme des Partners sowie ein wenig unterstützendes und autoritäres Verhalten des Partners als Trennungsursachen nennen (Klein-Allermann & Schaller 1992). 2013 wurde der Scheidungsantrag in 52 Prozent der Fällen von der Frau eingereicht, in 40 Prozent vom Mann und in den übrigen Fällen beantragten beide Ehegatten gemeinsam die Scheidung (Statistisches Bundesamt 2014).

Erforscht wurden auch verschiedene familienstrukturelle und soziodemographische Variablen, die über eine ehestabilisierende bzw -destablisierende Wirkung verfügen.

(1)Sozio-ökonomischer Status der Partner: Paare mit niedrigem sozioökonomischen Status werden häufiger geschieden, als solche mit höherem Status.
(2)Heiratsalter: Paare, die bei ihrer Heirat unter 18 Jahre oder über 30 Jahre sind, werden überdurchschnittlich häufig geschieden.
(3)Ehedauer: Generell gilt, je länger eine Ehe andauert, desto geringer wird das Scheidungsrisiko.
(4)Tradierung des Scheidungsrisikos: Personen mit geschiedenen Eltern lassen sich häufiger scheiden, als Personen aus intakten Ursprungsfamilien („intergenerationale Transmission“).

(Klein-Allermann & Schaller 1992)

Für den starken Anstieg der Scheidungszahlen der letzten Jahrzehnte können also teilweise die gesellschaftlichen Wandlungen sowie diverse familienstrukturelle und soziodemographische Variablen verantwortlich gemacht werden. Maßgeblich sind jedoch individuelle Prozesse innerhalb der Partnerschaft für den Entschluss einer Scheidung leitend. Nach Betrachtung der Scheidungsursachen wird nun der prozessuale Ablauf einer Scheidung dargelegt.

2.2 Der prozessuale Ablauf einer Scheidung

Eine Scheidung ist nicht als plötzliches Ereignis zu betrachten, sondern sie stellt einen langwierigen Prozess dar, der sich über mehrere Jahre erstrecken kann. Eine eheliche Trennung ist meist das Resultat einer Vielzahl schädlicher Ereignisse, gepaart mit zunehmendem Misstrauen, Frustration und immer häufigeren Auseinandersetzungen, die schließlich zur wachsenden Entfremdung der Ehepartner führen.

Der gesamte Scheidungsprozess gliedert sich in drei Phasen: Die Vorscheidungs-, die Scheidungs- und die Nachscheidungsphase (Textor 1991). Jede dieser Phasen des Scheidungszyklus hat verschiedene direkte Effekte auf das Kind, die an dieser Stelle lediglich lakonisch dargestellt werden. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Scheidung auf das Kind erfolgt in Kapitel 3.

Die Vorscheidungsphase

Der eindeutige Beginn der Vorscheidungsphase ist nur schwer festzulegen. Nach Textor beginnt sie etwa „in dem Zeitraum, in dem die zur Scheidung führenden Prozesse mit einer gewissen Konstanz auftreten'' und endet mit der endgültigen Trennung der Eheleute (Textor 1991, S. 16). Vom Standpunkt der Eltern aus ist die Vorscheidungsphase in der Regel gekennzeichnet durch

1.die allmähliche Verschlechterung der Ehebeziehung, bei der es durch die Zunahme von Konflikten und Abnahme der Kommunikation „zum Rückgang von positiven Gefühlen wie Liebe, Zuneigung, Vertrauen und Achtung'' (Textor 1991, S. 16) und zum Entfremdungsprozess kommt und
2.den Entscheidungskonflikten, das heißt, den ersten ernsthaften Trennungsgedanken die von den Eheleuten als Phase der Ambivalenz, Unsicherheit und innerer Zerrissenheit erlebt wird (Textor 1991).

Eltern versuchen meist, die mit der Vorscheidungsphase einhergehenden Prozesse vor den Kindern zu verbergen, jedoch spüren die Kinder oft die Spannungen zwischen ihren Eltern oder bekommen ihre Konflikte mit. Die Verkündung vom Entschluss zur Scheidung trifft die Kinder trotz der wahrgenommenen Disharmonie oft unerwartet und führt zu starker Verunsicherung (Wallerstein & Blakeslee 1989). „Diese Verunsicherung wird in vielen Fällen von den Eltern aufrechterhalten, da sie auch zu diesem Zeitpunkt häufig nicht offen mit den Kindern reden und ihnen die Situation erklären, da sie vielleicht selbst die Trennung ambivalent erleben'' (Seifert 1995, S. 66).

Die Scheidungsphase

Die Scheidungsphase umfasst den Zeitraum zwischen der endgültigen elterlichen Trennung und der rechtskräftigen gerichtlichen Scheidungsverkündung. Die Dauer dieser Phase beträgt in der Regel – stützend auf deutscher Gesetzeslage – mindestens ein Jahr und kann sich über mehr als drei Jahre erstrecken (Textor 1991). Dieser langwierige Prozess birgt starke Veränderungen, sowohl für die Eltern als auch für das Kind.

Diese Phase des Scheidungszyklus ist nach Textor (1991) zumeist gekennzeichnet durch

1.die räumliche Trennung der Eltern, wobei sich auch evtl. der Wohnort und somit das gesamte Lebensumfeld für das Kind ändern kann,
2.die Transformation des Familiensystems und der Eltern-Kind-Beziehungen und
3.das Erleben einer Vielzahl von Emotionen bei allen Beteiligten (Textor 1991; Seifert 1995).

Kinder leiden in dieser Phase sehr. Besonders die Abwesenheit eines Elternteils löst bei ihnen Verlustängste und Zweifel aus, ob sie ihn wiedersehen werden. Typische Reaktionen sind Schock, Schmerz, Trauer, Angst und Rückzug (Becker-Textor & Textor 1989). Auch die schwerwiegenden Veränderungen in Bezug auf die Lebenswelt und die Eltern-Kind-Beziehung überschreiten oft die Bewältigungsressourcen des Kindes, das daraufhin mit Verhaltensauffälligkeiten reagieren kann (ebd.).

Die Nachscheidungsphase

Die Nachscheidungsphase, die direkt nach der rechtsgültigen Scheidung beginnt, ist meist gekennzeichnet, durch

1.die zwingende Neuorientierung aller Beteiligten bezüglich ihrer Rolle und Aufgaben (Seifert 1995),
2.die langsame Restabilisierung des Familiensystems,
3.die allmähliche Bewältigung der bei den Eltern aufeinander gerichteten negativen Emotionen und
4.das Einfinden in die neue Lebenssituation und das veränderte Lebensumfeld bei Eltern und Kind (Textor 1991).

Eltern und Kinder beginnen in dieser Phase mit der Scheidung „fertig zu werden“. „Die Gefühle des Schmerzes, der Trauer, des Selbstmitleids und der Angst verringern sich“ (Becker-Textor & Textor 1989, S. 6) und die Betroffenen können sich auf die Neuausrichtung ihrer Rolle und Aufgaben inner- und außerhalb des Familiensystems konzentrieren. Die Dynamik dieser Revision verläuft sehr unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren, wie etwa der Beziehungsgestaltung zwischen Eltern und Kind, dem Charakter des Zusammenlebens, der Qualität der miteinander verbrachten Zeit etc. ab (ebd.).

3. Die Bedeutung einer elterlichen Scheidung oder Trennung für betroffene Kinder

Fragestellungen/ Orientierungsfragen:

Welche Effekte hat die Scheidung auf das System Familie?

Welche Auswirkungen hat die Scheidung auf die innerfamiliären Beziehungen?

Wie wandelt sich die Eltern-Kind-Beziehung im Verlauf des Scheidungsprozesses?

Welche Probleme ergeben sich aus einer Ein-Elternteil-Familie und aus neuen Partnerschaften der Eltern?

Welche Reaktionen und Folgen hat die elterliche Scheidung auf das Kind? Welche bestehen kurzfristig und welche langfristig?

Welche Rolle spielt das Geschlecht und das Alter des Kindes?

Wie häufig treten die jeweiligen Auswirkungen der Scheidung auf und welche Faktoren beeinflussen ihren Verlauf?

3.1 Das Familiensystem im Wandel: Familiäre Beziehungen im Trennungskontext

Eine Scheidung geht immer mit entscheidenden Veränderungen der familiären Beziehungen, des Familienlebens und gleichsam des -systems einher. Besonders durch die massiven Veränderungen der familiären Beziehungen sind Scheidungskinder mit einer Vielzahl von Problemstellungen und Stressoren konfrontiert. Es wird nun zunächst auf die Bedeutung und Funktion des Systems Familie eingegangen, um dann die elterliche Trennung als Veränderung dieses Systems besser darlegen zu können.

3.1.1 Das System Familie

Eine generelle Definition für Familie ist diffizil, da es eine Vielzahl von unterschiedlichen Erscheinungsformen gibt, die von der klassischen Familienform abweichen (z.B. Pflegefamilie, nichteheliche Lebensgemeinschaft etc.). Schneewind gelang es dennoch drei konstitutive Kriterien einer Familie aufzustellen, die auf alle Erscheinungsformen anwendbar sind: Eine Familie besteht aus Menschen, die in einer bestimmten Beziehung zueinander leben, einen gemeinschaftlichen Lebensvollzug ausüben und zwischen denen Intimität besteht (Schneewind 1999). In meinen Ausführungen beziehe ich mich auf die Kernfamilie – also Vater, Mutter und Kind(er) – da die Beziehungen zwischen nur zwei Generationen für psychologische Zwecke angemessener und zentral am bedeutsamsten sind. Auch Süßmuth (1981) beschreibt die Familie als eine „biologisch-soziale Gruppe von Eltern mit ihren ledigen, leiblichen und/ oder adoptierten Kindern“ (S. 124).

Familiäre Beziehungen unterscheiden sich von anderen Beziehungssystemen dadurch, dass sie sich als Typ der Gemeinschaftlichkeit der Primärgruppe zuordnen lassen. Cooley beschreibt schon Anfang letztes Jahrhunderts diesen Gruppentyp wie folgt:

„Unter Primärgruppe verstehe ich jene, die durch ein enges Zusammenleben und durch enge Zusammenarbeit gekennzeichnet sind. Primär sind diese Gruppen in mancher Hinsicht, aber hauptsächlich doch darin, dass sie die soziale Seite und die Ideale des Individuums grundlegend formen. Das Ergebnis dieses engen Zusammenlebens ist, psychologisch gesehen, eine gewisse Verschmelzung von Individuen zu einem gesamten Ganzen, so daß [sic] man selbst, zumindest für viele Zwecke, in dieser Gemeinsamkeit und in den Zielen der Gruppe aufgeht.“ (Cooley 1909, S. 23)

Zur Darstellung und Betrachtung familiärer Beziehungen wird ein systemtheoretischer Ansatz verwendet, welcher den Lebensraum Familie als System charakterisiert, in dem bestimmte Beziehungen zwischen den Mitgliedern existieren, die die Systemqualität schaffen. So beschreibt Schmidt-Denter (2005) die Familie als ein soziales oder auch „intimes Beziehungssystem“, wobei die Beziehungen durch Dauerhaftigkeit, Nähe, Vertrautheit und Abgegrenztheit gekennzeichnet sind und das wegen seiner hohen interpersonalen Involviertheit auf die Persönlichkeitsentwicklung jedes Einzelnen entscheidenden Einfluss hat (S. 194 ff.). Die sozialen Prozesse entsprechen dem Modell einer zirkulären Kausalität, wobei die Verhaltensweisen jedes Mitglieds wechselseitig aufeinander bezogen sind und sich die Familienmitglieder daher in einem Interaktionszyklus gegenseitig beeinflussen. Diese wechselseitigen Beziehungen halten das System zusammen und schaffen eine ganzheitliche Qualität, die als „familiäre Atmosphäre“ oder „Familienkultur“ spürbar wird (ebd.).

Die Eltern-Kind-Beziehung

Das System Familie ist also ein komplexes System, in dem jedes einzelne Mitglied eine tragende Rolle innehat, das die involvierten Mitglieder dauerhaft beeinflusst und teilweise auch lenkt und formt. Innerhalb dieses sozialen Netzwerks hat zweifellos die Eltern-Kind-Beziehung insbesondere für das Kind einen hohen Stellenwert, da die Eltern für das Kind die primären Sozialpartner und familiären Bezugspersonen darstellen. Auf die Eltern-Kind-Beziehung nehmen direkte und indirekte Effekte Einfluss.

Hierzu eine Tabelle aus Schmidt-Denter „Soziale Entwicklung“ (1996), S. 25

„Direkte und indirekte Effekte in der Vater-Mutter-Kind-Beziehung“ (nach Parke, 1979, S. 556)

Die direkten Beeinflussungen werden meist in Form von unmittelbaren dyadischen Interaktionen vollzogen, während sich die indirekten Effekte in der Triade oder als komplexe Wechselwirkungen innerhalb des sozialen Beziehungssystems zeigen, für die die Anwesenheit der beeinflussenden Person nicht einmal nötig ist (Schmidt-Denter 1996). Die Eltern nehmen demnach durch ihre Interaktion in ihrer Partnerbeziehung Einfluss auf das Verhalten ihres Kindes, während umgekehrt auch das kindliche Verhalten und seine Entwicklungsfortschritte oder -krisen die elterliche Partnerbeziehung beeinflusst (ebd.).

Die Qualität von Eltern-Kind-Beziehungen wird von einer Reihe von Einflussgrößen moderiert. Schneewind (1999) postulierte anhand von Forschungsbefunden einige Kriterien, die sich in der Kindheit auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirken (S. 242ff.):

(1)Temperamentsmerkmale des Kindes: „Schwierige“ Kinder erschweren, „pflegeleichte“ Kinder erleichtern den Erziehungsalltag der Eltern.
(2)Elterliche Persönlichkeitsmerkmale: Eltern mit geringem Selbstvertrauen und wenig erziehungsrelevantem Wissen gehen weniger entwicklungsfördernd und einfühlsam mit ihren Kindern um, als selbstbewusste und empathiefähige Eltern.
(3)Beziehungserfahrungen in der Herkunftsfamilie: Negative Erfahrungen mit den eigenen Eltern schwächen die elterliche Erziehungskompetenz, während sich positive Erfahrungen in der Ursprungsfamilie förderlich auswirken.
(4)Ehebeziehung und Elternallianz: Belastete Paarbeziehungen und mangelnde Übereinstimmung in Erziehungsfragen erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Beeinträchtigung des Erziehungsverhaltens. Zufriedenheit in der Paarbeziehung und Einigkeit in Erziehungsdingen hingegen tragen zu einer positiven Gestaltung der Eltern-Kind-Beziehung bei.
(5)Arbeitsplatzerfahrungen: Die Fähigkeit der Eltern dem Kind die ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken und auf seine Belange einzugehen, werden durch eine belastende und unbefriedigende Arbeit gemindert, während sie bei Nichterleben dieser Erfahrung erhöht ist.
(6)Soziale Unterstützung: Eltern ohne soziales Netzwerk sind im Umgang mit ihrem Kind eher unsensibler und ungeduldiger als Eltern mit großer sozialer Unterstützung, die gelassener und sicherer mit ihren Kindern umgehen.
(7)Ökonomische Lage: Extreme Armut, aber auch materieller Überfluss wirken sich negativ auf ein unterstützendes und entwicklungsförderliches Elternverhalten aus, während eine gesicherte ökonomische Lage eine gute Grundlage für eine positive Eltern-Kind-Beziehung darstellt.

Besonders relevant im Hinblick auf Scheidungen und Trennungen sind die Kriterien Temperamentsmerkmale des Kindes (1), Elterliche Persönlichkeitsmerkmale (2), Ehebeziehung und Elternallianz (4) ebenso wie die ökonomische Lage (7).

Zu Punkt 1 und 2 ist anzuführen, dass die elterliche Scheidung beim Kind zu Verhaltensauffälligkeiten wie Trotzreaktionen oder auch Aggressionen gegenüber einem oder beiden Elternteilen führen kann. Auf Seiten der Eltern kann parallel dazu eine kurzweilige Einbuße der Erziehungskompetenz auftreten. Diese Verhaltensweisen können sich neben anderen Faktoren negativ auf die Eltern-Kind-Beziehung in der Nachscheidungsphase auswirken.

Was Punkt 4 anbelangt, besteht kein Zweifel daran, dass die Ehebeziehung im (Nach-) Scheidungsprozess erheblich belastet ist. Auch dadurch kann es zu einer Verschlechterung der Eltern-Kind-Beziehung kommen.

Es ist erwiesen, dass sich die ökonomische Lage (7) in Familien verschlechtert, wenn es zu einer Scheidung kommt (Statistisches Bundesamt, 2014). Viele Alleinerziehende sind dadurch gezwungen, eine Berufstätigkeit aufzunehmen und müssen somit zusätzlich zu den familiären Verpflichtungen eine Doppelbelastung bewältigen. Die Verschlechterung der finanziellen Lage in Verbindung mit dem Versuch der Bewältigung der Doppelbelastung des sorgeberechtigten Elternteils bringt ebenfalls eine mögliche Verschärfung der Eltern-Kind-Beziehung mit sich. Diese und weitere Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung die aus einer Scheidung resultieren, werden in den nachfolgenden Kapiteln ausführlich behandelt.

Die Familien-Entwicklungsaufgaben

Durch die zirkuläre Kausalität im Familiensystem löst jede Entwicklungsveränderung eines Familienmitglieds Veränderungen im gesamten System aus. Begründet im Konzept der Familien-Entwicklungsaufgaben – angelehnt an die Entwicklungsaufgaben nach Havinghurst – durchlaufen Familien stets solche interne Entwicklungs- und Anpassungsleistungen (Schmidt-Denter 1996). Es sind „jene erwartbaren Wachstumsverantwortlichkeiten, die eine Familie in einer gegebenen Entwicklungsstufe meistern muß [sic.], um die biologischen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu befriedigen, den kulturellen Anforderungen gerecht zu werden und die Ansprüche und Werte ihrer Mitglieder zu erfüllen“ (Hofer 1992, S. 16) und deren Bewältigung zu Erfolg und Zufriedenheit während Nicht-Bewältigung zu Unzufriedenheit sowie Schwierigkeiten bei zukünftigen Aufgaben führt.

Derartige Entwicklungsaufgaben, die die Familienmitglieder gemeinsam bewältigen müssen, können drei unterschiedliche Ausgangsgrundlagen haben:

(1)Körperliche Veränderungen die ein Familienmitglied durchläuft, wie z.B. Pubertät, Schwangerschaft oder besondere Pflegebedürftigkeit,
(2)gesellschaftliche Erwartungen die ein Familienmitglied erfüllen will bzw. muss, wie etwa Berufstätigkeit oder Kindererziehung und
(3)individuelle Wünsche und Ziele eines Familienmitglieds, z.B. im Hinblick auf eine gerechte Aufteilung der Familienarbeit zwischen Mutter und Vater.

(Jungbauer 2009, S. 20f)

Beispielsweise unterliegen dem kindlichen Aufwachsen Veränderungen hinsichtlich ihrer Kompetenzen, Bedürfnisse, Aktivitäten und Interessen, die die Beziehungen innerhalb der Familie beeinflussen. Derartige Familienentwicklungsaufgaben, die sich an den typischen Anforderungen und Übergängen eines Familienlebens orientieren sind normativ. Eine elterliche Trennung hingegen ist mit zahlreichen nicht-normativen Entwicklungsaufgaben verbunden (Jungbauer 2009). Solche Veränderungen im Verlauf eines Familienlebens und Abweichungen von einem „normalen“ Familienzyklus stellen immer eine familiäre Herausforderung dar, angemessen zu reagieren, die aktuelle Situation zu überdenken und auf die gegebenen Bedingungen einzugehen, um familiäres Gleichgewicht und Stabilität zu bewahren.

Die Funktionen von Familie

Eine Familie hat verschiedene miteinander verknüpfte Funktionen, die der individuellen als auch gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung dienen und die lange Zeit den zentralen Aspekt der Familie ausmachten. Nach Schneewind (1999) lassen sich folgende individuelle Hauptfunktionen unterscheiden (S. 23):

(1)die Reproduktionsfunktion durch die Zeugung von Nachkommen
(2)die Existenzsicherungs- und Produktionsfunktion durch die Produktionsgemeinschaft Familie (und damit auch die Befriedigung individueller psychischer und physischer Bedürfnisse)
(3)die Regenerationsfunktion durch die Kräfteerneuerung und Selbstverwirklichung in der Freizeit
(4)die Sozialisations- und Erziehungsfunktion durch den Erwerb von Kompetenzen
(5)die Platzierungsfunktion durch die Verwirklichung von Bildungs- und Berufsinteressen

In unserer Zeit fällt es schwer diese zum Teil traditionellen Funktionen der Familie ausschließlich an die Familie zu binden, da heutzutage beispielsweise der Staat, familienexterne Betreuung, die Medien aber auch die Peer-Gruppen einen Teil dieser Funktionen übernommen haben (Widmer & Bodenmann 2008). Zwar werden einige der oben genannten Funktionen nach wie vor von der Familie erfüllt, jedoch unter veränderten Bedingungen und in gewandelter Art und Weise. Mit diesem Aufbrechen traditioneller Rollen und familiärer Funktionen sind verschiedene Aufgaben verbunden, die vor dem Hintergrund der gestiegenen Scheidungszahlen auch als eine elementare Verunsicherung infolge der gesteigerten Anforderungen an moderne Partnerschaften gesehen werden können (ebd.).

Ein intaktes Familiensystem hat insbesondere für das Kind eine hohe Relevanz, die für seine psychische und emotionale Entwicklung zentral bedeutsam sind. Die sozialen Beziehungen im Kindesalter zu Eltern und Geschwistern sind Aktivitäten, die das Kind für sein Überleben, sein Wohlbefinden und seine Entwicklung braucht (Schmidt-Denter 2005). Es sind die familiären Funktionen wie Schutz, Pflege, emotionale Zuwendung, Spiel, Kontrolle sowie Explorations- und Lernverhalten, die das Kind in seiner Entwicklung unterstützen (ebd.).

Durch die elterliche Trennung kommt es zu tiefgreifenden Veränderungen im System Familie, die besonders für das Kind als schwerwiegendes und dramatisches Ereignis verstanden werden. Im Folgenden wird daher auf die mit der Trennung bzw. Scheidung einhergehenden Wandlungen, Neuerungen und Konsequenzen in Bezug auf das Familiensystem eingegangen, mit denen das Kind konfrontiert wird.

3.1.2 Auswirkungen der elterlichen Trennung auf das Familiensystem

In den letzten Jahrzehnten wurde eine Reihe von sozialtheoretischen Scheidungsmodellen postuliert, die sich auf die Veränderungen im Familiensystem beziehen. Lange Zeit galt das Defizit- oder Desorganisationsmodell, wonach Scheidung eine normwidrige Auflösung der Familie und als Defekt in der Biographie betrachtet wird, als zentral in der Scheidungsforschung (Wilk & Zartler 2004). Diesem Modell zufolge gilt eine Scheidung als Endpunkt der familiären Entwicklung, mit dem die Auflösung der Kernfamilie und damit aller familialen Konstellationen und Beziehungen einhergeht. Diese Sichtweise auf die elterliche Scheidung impliziert die Übertragung des Sorgerechts auf einen Elternteil, um die verbliebene ''Restfamilie'' zu stärken. Die weitere Entwicklung des Scheidungskindes wird hier als höchst beeinträchtigt beurteilt (Wilk & Zartler 2004).

Das sozialwissenschaftliche Verständnis von Scheidung hat sich seit den 1980er Jahren grundlegend geändert. Aktuell wird Scheidung nicht mehr als ein singulares Ereignis betrachtet, dass die Familie endgültig auflöst, sondern eher als ein komplexes, prozessuales Geschehen, welches lange vor der juristisches Scheidung beginnt und bis in die Nachscheidungsphase hineinreicht (Klein-Allermann & Schaller 1992; Zartler & Wilk 2004; Schmidt-Denter 2001; König 2002). „Im Zuge dieser Entwicklungen wurde das Defizit- oder Desorganisationsmodell [...] zunehmend von einem Reorganisationsmodell bzw. Transitionsmodell abgelöst, welches Scheidung als langfristigen Übergangsprozess auf unterschiedlichen Ebenen betrachtet und mit dieser Entwicklung auch neue Möglichkeiten der Lebensgestaltung verbindet“ (Zartler & Wilk 2004, S. 22). Demnach hört die Familie durch das nicht-normative Lebensereignis Trennung/ Scheidung als soziales System nicht auf zu existieren, sondern ist gezwungen sich umzustrukturieren, da eine Neuregelung der interpersonellen Beziehungen, der Rollenverteilungen und der Grenzen erforderlich ist. „Es wird ein Prozess des sozialen Übergangs ausgelöst, der zur neuen Struktur einer Nach-Scheidungsfamilie führt“ (Schmidt-Denter 2001, S. 294). Eine solche Transformation fällt im Gegensatz zu normativen Ereignissen des Familienzyklus (wie z.B. die Geburt von Kindern nach der Heirat), „tiefgreifend“ und „dramatisch“ aus (Schmidt-Denter 2005, S. 196), da besondere Stressoren vorhanden sind, die für das Kind schwer zu bewältigende Entwicklungsaufgaben darstellen (Schmidt-Denter 2001).

Generell sind Familienstressoren potenziell belastende Ereignisse und Veränderungen, die im Verlauf des Familienlebenszyklus auftreten und emotionale Belastung bei den Familienmitgliedern auslösen. Inwieweit dieser Familienstress entsteht, hängt nicht primär von der Art des Stressors, sondern von der kollektiven Belastungsverarbeitung in der Familie ab, also der Tatsache, wie die einzelnen Familienmitglieder den Stressor subjektiv erleben und bewerten (Jungbauer 2009). Einen weiteren Aspekt bei der Stressbewältigung in Familien stellen die familiären Ressourcen dar, die in Form von Fähigkeiten, Eigenschaften und Möglichkeiten der Familienmitglieder, wie – z.B. einem guten sozialen Netzwerk, Optimismus oder auch einem hohen Bildungsstand – die Verarbeitung und Bewältigung positiv beeinflussen können. Je mehr Ressourcen in einer Familie verfügbar sind, desto leichter wird die Bewältigung dieser Stressoren (Jungbauer 2009). Auf ein einzelnes Individuum übertragen – in diesem Fall auf das Kind nach der elterlichen Trennung – bedeutet dies, dass die kindlichen Bewältigungsressourcen, die in diesem Fall z.B. eine gute Eltern-Kind-Beziehung oder ein hoher Entwicklungsstand sein können, zu einer besseren und schnelleren Verarbeitung der Krisensituation beitragen können. Darauf wird ausführlicher in Kapitel 3.2 eingegangen.

Ein-Elternteil-Familien

Die für das Kind wohl größte Veränderung nach einer Scheidung im Hinblick ihres familiären Beziehungssystems besteht in dem neuen Verhältnis und Kontakt zu dem nicht sorgeberechtigten oder ausgezogenen Elternteil, welcher in der Regel der Vater ist. Laut Mikrozensus von 2013 waren in Deutschland von allen Familien mit minderjährigen Kindern rund 20 Prozent Familien mit allein erziehendem Elternteil (Statistisches Bundesamt 2014). Diese „neue“ Familienform ist seit einigen Jahren auf dem Vormarsch. So lebten 1996 nur 14 Prozent der deutschen Haushalte als Ein-Elternteil-Familien (ebd.). Die Zahlen der vorherigen Jahrzehnte sind leider durch die ostwestdeutsche Teilung nicht eindeutig erhoben worden, sie werden jedoch noch deutlich niedriger geschätzt (Wagner 2008). Dorbitz und Gärtner (1998) erkennen schon allein zwischen den Jahren 1991 und 1997 einen Anstieg des Anteils Alleinerziehender in Westdeutschland von fast 30 Prozent und in Ostdeutschland von gut 15 Prozent. Da in neun von zehn Fällen die Mutter der alleinerziehende Elternteil ist und der häufigste Grund dieser Familienform eine Scheidung darstellt (Statistisches Bundesamt 2014), wird hier der Fokus auf die Ein-Elternteil-Familie mit der Mutter als Alleinerziehende nach der elterlichen Trennung gelegt.

Die bereits beschrieben Funktionen von Familie (S. 15) gelten genauso auch bei Ein-Elternteil-Familien, jedoch haben sie hier eine andere Bedeutung, da sie teilweise von nur einem Erwachsenen übernommen werden können (Schwarz & Noack 2002). Damit fallen auf die alleinerziehende Mutter mehr Aufgaben, die intrapersonal ausgehandelt werden müssen (ebd.). Besonders die Finanzierung der Familie und die Belange des familiären Alltags müssen in Einklang gebracht werden, was keine leicht zu bewältigende Aufgabe darstellt.

Durch den ökonomischen Abstieg nach der Scheidung (31% der alleinerziehenden Mütter in Deutschland verfügen über weniger als 50% des Durchschnittseinkommens) ist häufig die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit unabdingbar (Statistisches Bundesamt 2014). Dadurch ist es nicht verwunderlich, dass alleinerziehende Mütter deutlich häufiger in Vollzeit arbeiten, als Mütter in Paarfamilien (ebd.).

Hier zeichnet sich eine anschauliche Kontradiktion ab. Einerseits haben alleinerziehende Mütter mehr Aufgaben hinsichtlich der familiären Funktionen und Pflichten, andererseits sind sie zusätzlich oft dazu gezwungen durch eine Erwerbstätigkeit das finanzielle Überleben der Familie zu sichern. Da Mütter nach der Scheidung durch diese Problematik mit der Haushaltsführung, der finanziellen Absicherung und oft auch noch mit der eigenen psychischen Bewältigung der Trennung beschäftigt sind, haben sie weniger Zeit für das Kind als zuvor, obwohl das Kind gerade in der Nachscheidungsphase bei der Verarbeitung der krisenhaften Erfahrung und den drastischen Veränderungen eine besondere emotionale Zuwendung braucht (Schwarz & Noack 2002).

Hinsichtlich der mütterlichen Befindlichkeit in Ein-Elternteil-Familien wurden in einer von Franz durchgeführten Studie insgesamt 4600 Begleitpersonen von Kindern angesprochen. 780 dieser Kinder lebten in Ein-Elternteil-Familien. Die Mütter berichteten von Ängsten und Depressionen, sozialer Isolation, Armut und dem Gefühl ständiger Überforderung im Alltag (Franz 2004). Nach den Ergebnissen dieser Studie wird Kindern, denen der Vater fehlt, diese Beschwerden direkt weitergegeben. Weitere Konsequenzen seien Entwicklungsprobleme und Leistungsstörungen:

„Aus Studien wissen wir, dass diese Kinder oft Entwicklungsprobleme haben. Die Sprachentwicklung kann sich verzögern. Es kann zu Leistungsstörungen kommen. Ein schwaches Selbstwertgefühl der Kinder führt zu Ängsten und emotionalen Problemen.“ (Franz 2004, S. 20)

Kinder erleben ihre Umwelt durch die lebenspraktischen Probleme als desorganisiert, sie schreiben sich wenig Kontrollkompetenz zu und entwickeln vermehrt psychische und soziale Störungen (Klein-Allermann & Schaller 1992). Zudem wird von ihnen nun eine größere Selbstständigkeit und mehr Mithilfe im Haushalt gefordert (ebd.). Viele Studien die sich mit den kurz- und langfristigen Folgen der elterlichen Scheidung für das Kind beschäftigen, sehen in dieser Nachscheidungsphase den Ausgangspunkt für das Auftreten von Verhaltensauffälligkeiten.

Neue Partnerschaften der Eltern und Stieffamilien

Der familiäre Veränderungsprozess nach einer Scheidung bedeutet neben der Auflösung einer bestehenden Partnerschaft, häufig auch den Beginn einer neuen Paarbeziehung für die geschiedenen Elternteile, die langfristig betrachtet zur Gründung einer Stieffamilie führen kann. „Bedeutet eine neue Partnerschaft für die Erwachsenen die Hoffnung auf einen Neubeginn, die Erwartung von intimer Gemeinsamkeit und die Erfüllung eigener Wünsche und Bedürfnisse, so beinhaltet sie für Kinder häufig Ungewissheit, Ängste, Unsicherheiten und vielschichtige Veränderungen, die sie bewältigen müssen.“ (Zartler & Wilk 2004, S. 191)

Die Erweiterung der Nachscheidungsfamilie in Form eines neuen Partners eines Elternteils wird vom Kind für gewöhnlich zunächst abgelehnt, da sie als zusätzlicher Stressor erlebt wird, zumal sie komplexe Veränderungsprozesse in vielen Bereichen bedeutet: Rechte und Privilegien müssen neu verteilt, die Aufmerksamkeit des Elternteils geteilt und Rollen neu ausgerichtet werden (Hetherington, Stanley-Hagan & Anderson 1989). Zudem werden etwaige Hoffnung für eine Wiederversöhnung der Eltern nun endgültig ausgelöscht (Walper 1995).

Vom Standpunkt des Kindes aus unterscheidet man zwischen der primären Stieffamilie („residential stapparent''), in der das Kind einen Großteil der Zeit verbringt, und der sekundären Stieffamilie („non-residential stepparent“), in der sich das Kind nur zeitweise aufhält (Zartler & Wilk 2004). Primäre Stieffamilien sind mehrheitlich Stiefvaterfamilien, also Nachscheidungsfamilien, in denen die erziehungsberechtigte Mutter einen neuen Partner in den Haushalt einführt. Ein Großteil der Kinder erlebt den Stiefvater zunächst als „Eindringling in die Familie und befürchtet eine Verdrängung des leiblichen Vaters aus der Familie oder einen teilweisen Verlust der Mutter“ (ebd., S. 193). Für eine zufriedenstellende Gestaltung der Stiefvater-Kind-Beziehung sind ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit, Zeit und Geduld notwendig. Als erhebliche Risikofaktoren für die Beziehungsgestaltung gelten unter anderem

(1)die Unsicherheit des Stiefvaters über seine Rolle,
(2)eine ausgeprägte Loyalität des Kindes gegenüber dem leiblichen Vater (demnach die Zuneigung zum Stiefvater als Verrat gilt)

[...]

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Das Kind nach der Scheidung. Auswirkungen der elterlichen Trennung im Kindesalter und pädagogische Möglichkeiten der Hilfe
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
81
Katalognummer
V298781
ISBN (eBook)
9783656952275
ISBN (Buch)
9783656952282
Dateigröße
767 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Scheidungskinder, Scheidung, Pädagogische Hilfe, Hilfsmögligkeiten der Pädagogen, Präventive Arbeit
Arbeit zitieren
Kerstin Schanya (Autor), 2015, Das Kind nach der Scheidung. Auswirkungen der elterlichen Trennung im Kindesalter und pädagogische Möglichkeiten der Hilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298781

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