"Das Jahrhundert des Kindes" von Ellen Key. Der Mensch und die Moderne um 1900


Hausarbeit, 2012
24 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einordnung - Ansätze und Denkrichtung in Das Jahrhundert des Kindes

3. Der Mensch im Zentrum: Menschenbild, Frauenbild und soziale Komponenten..
3.1. Biologische Grundannahmen in Das Recht des Kindes, seine Eltern zu wählen“: Sozialisation und Entwicklungsgedanke..
3.2. Die Ausgestaltung der Individualität ..
3.3. Weibliche nlagen“ und Begrenzung der Natur“ - Frauenfrage und Frauenbild.
3.4. Reaktionen auf Keys Frauenbild
3.5. Familie und Arbeitszwang - Die Frauenfrage als Teil der sozialen Frage.

4. Zur Rezeption Ellen Keys

5. Fazit und Ausblick..

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ellen Key veröffentlichte im Jahre 1900 ihr bekanntestes Werk, Barnets århundrade. Darin entwickelte sie die Idee zur Formung des modernen Menschen“ durch Sozialisation und bediente sich dabei u.a. der sozialdarwinistischen Erziehungslehre.1 Diese Hausarbeit soll untersuchen, welches Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft dabei hergestellt wird und auf welchem Menschenbild die Annahmen basieren. Die Analyse fußt auf der im Buchhandel erhältlichen deutschen Übersetzung, Das Jahrhundert des Kindes von RaBaKa Publishing.2

In ihren Ausführungen zur sogenannten Frauenfrage und Frauenarbeit widmete sich Key der Verbesserung der Situation der Arbeiterfrauen im Hinblick auf die Befreiung der Persönlichkeit und die Rettung der Arbeiterfamilien vor deren Zerfall.3 Dabei berief sie sich auf konkrete soziale Missstände (u.a. Gewalt, Prostitution und Alkoholismus) und wies auf gesellschaftliche Machtstrukturen hin, die diese Entwicklungen begünstigten. Sie entwickelte aber auch ein gesellschaftliches Konzept der Samhällsmoderlighet und verwendete hier das Bild der Frau als Verkörperung staatlicher Fürsorgeprinzipien.4 Das dritte Kapitel dieser Arbeit soll die Analyse von Menschenbild und Frauenfrage im Hinblick auf gesellschaftliche Zusammenhänge umfassen.

Ellen Key wird als kontrovers gehandelt und sorgte zu Lebzeiten reichlich für Provokation.5 Sie hatte berühmte Kritiker und stand mit der Frauenrechtsbewegung auf Kriegsfuß, weil sie deren Klassengebundenheit anprangerte.6 Ihre Bücher, darunter Barnets århundrade, wurden auch im Ausland rezipiert.7 Dennoch war sie bis zu ihrer Wiederentdeckung“ durch Ronny Ambjörnsson im Jahr 1976 so gut wie vergessen und ihre Schriften größtenteils nicht mehr erhältlich.8 Zu Lebzeiten besaß Key durch Vorträge, Briefwechsel und Publikationen zu verschiedenen literarischen und gesellschaftspolitischen Themen große Präsenz.9 Heute erscheinen über sie in Deutschland fast ausschließlich Pädagogik-Abhandlungen, die sich mit Keys reformpädagogischem Gehalt beschäftigen. Das vierte Kapitel dieser Arbeit soll sich daher mit der Rezeption befassen. Besitzt ihr Werk außerhalb des zeitgebundenen pädagogischen und sozialreformerischen Rahmens noch Aktualität? Und wie kontrovers waren ihre Ansichten vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Debatten des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts? Diese Hausarbeit soll einerseits untersuchen, welche Auffassung vom Menschen und insbesondere der Frau

Key in Barnets århundrade vertritt. Andererseits soll eine heutige Position zu dem Buch erarbeitet werden, die die bisherigen Rezeptionen ins Auge nimmt und insbesondere den gemeinschaftlichen Aspekt berücksichtigt. Key agiert in der Funktion von Foucaults Autor als Prinzip der Gruppierung von Diskursen, als Einheit und Ursprung ihrer Bedeutungen, als Mittelpunkt ihres Zusammenhalts.“10 Ihre Äußerungen fußen auf den Ideen anderer und werden wiederum von anderen kommentiert. Wie sie kommentiert wurden, hängt von der Sichtweise der verschiedenen Rezipienten ab. Bei der zeitgenössischen Rezeption Ellen Keys spielt nicht nur die Tatsache eine Rolle, dass sie eine Frau und Autodidaktin ist, die sich in einer männlich-akademisch geprägten Kulturöffentlichkeit bewegt. Es ist auch von besonderer Bedeutung, dass sie sich in ihren Ansichten von der christlichen Moralauffassung entfernt und hin zu einer mit biologistischen Argumenten untermalten Entwicklungsphilosophie strebt. Worin Keys Ideen wurzelten, kann an gewissen Aussagen und Argumentationsmustern festgemacht werden. Eine umfassende Diskursanalyse würde jedoch den Rahmen einer Hausarbeit sprengen.

2. Einordnung - Ansätze und Denkrichtung in Das Jahrhundert des Kindes

llen Eltern, die hoffen, im neuen Jahrhundert den neuen Menschen zu bilden“11

Diese Widmung steht dem Jahrhundert des Kindes“ voran. n diesem Satz wird schon eingangs deutlich gemacht, worum es Ellen Key geht: Ein neues Jahrhundert bricht an und mit ihm ein neues Zeitalter. Der neue Mensch“ soll erzogen werden. Dieser Fortschrittsgedanke findet sich im 19. Jahrhundert nicht nur bei ihr, sondern auch bei vielen anderen Intellektuellen und Künstlern. So beispielsweise bei Nietzsche, aus dessen Werk lso sprach Zarathustra“ Key noch vor ihrer Widmung eine kurze Passage zitiert.12 Burkhard Müller schreibt in der Süddeutschen Zeitung über den Zeitgeist vor dem Ersten Weltkrieg:

Die letzten zwei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg waren die große Epoche der Reform. Man trug das Reformkleid, man erfand das Reformhaus. Es gediehen die Frauenrechtsbewegung, die Freikörperkultur […, es blühten Okkultismus, Sozialismus, narchismus […. Jeder glaubte, gerade seine Idee werde die vielbesungene Neue Zeit herbeizwingen.“13

Keys Nietzsche-Zitat und ihre Widmung gleich zu Anfang ihres Buches laden dazu ein, sie in einen zeitgenössischen Diskurs einzuordnen und ihr Werk als Phänomen seiner Zeit zu betrachten. Burkhard Müller folgt dieser Linie in seinem rtikel über Keys zweifelhafte Erziehungslehre“. Dass es sich bei Barnets århundrade eben nicht um einen Erziehungsratgeber handelt, wird von Autoren wie Ola Stafseng, Gabriela Häfner und Ronny Ambjörnsson immer wieder betont.14

Ulf P. Lundgren schildert im Vorwort zu Ola Stafsengs Neuausgabe von Barnets århundrade den gesellschaftlichen Kontext von Keys Wirken. Gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts habe sich durch die Umwandlung der schwedischen Gesellschaft von der Agrar- zur Industriegesellschaft eine neue Öffentlichkeit gebildet, die von den Liberalismus- und Demokratieansprüchen der Gruppe der Lohnarbeiter dominiert gewesen sei. Die Äußerungen Ellen Keys stünden im Kontext der öffentlichen Forderungen nach Gleichberechtigung, allgemeinem Wahlrecht und veränderten Machtverhältnissen.15

Dazu finden sich in Barnets århundrade insgesamt acht Denkschriften in Essayform, die Keys Fortschrittsphilosophie entwickeln. Das erste Kapitel, Das Recht des Kindes, seine Eltern zu wählen“, bildet einen dramatischen Einstieg in die Thematik. Key vertritt darin ihre Meinung, warum das neue Zeitalter erwünscht ist und wie es beschaffen sein sollte. Sie beschwört als Metapher für den Status quo das Bild einer verwüsteten Welt herauf, in der auf den [… ökonomischen und kriegerischen Schlachtfeldern immer noch alle niedrigen Leidenschaften des Menschen entfesselt werden“ und spielt damit auf die sozialen und politischen Umbrüche am Ausgang des 19. Jahrhunderts an.16 Etwas unpräzise ist diese Beschreibung aber, erfährt man als Leser im Jahr 2012 doch erste einmal aus dem Text allein nichts über die konkreten Missstände, die Ellen Key anprangert. Zunächst handelt es sich um eine bloße Ankündigung, dass es so nicht weitergehen kann. Was genau verändert werden soll, verrät Key erst später. Die Entschiedenheit in dieser negativen Generalisierung wirkt fast übertrieben heftig. Für das Verständnis dieses zur Schau gestellten Pessimismus ist die nnahme Gabriela Häfners hilfreich, in deren ufsatz Ellen Key und das kulturelle Selbstverständnis Schwedens zwischen Tradition und Moderne“ die Ideenentwicklung Keys in den Zusammenhang der nationalen und kulturellen Identität Schwedens gebracht und dem alten politischen System“ eine Legitimationskrise attestiert wird.17 Häfner beschreibt an dieser Stelle einen zur damaligen Zeit beliebten Aussagentypus, der dem in Keys Einleitung ganz ähnlich ist: Es ist das Klischeebild von Schweden als veralteter“, rückständiger“ Nation an der Grenze zum Verfall, auf dass sich die intellektuelle Elite gerne berief.18

Ronny mbjörnsson bemerkt in seinem Vorwort zu der nthologie Hemmets Århundrade“, dass das thematisch eher weit gefächerte Werk Ellen Keys einer inneren Logik“ folge und dass man Keys Gedanken zu Heim, Liebe, Kindern und Frauen erst nachvollziehen könne, wenn man die Gesellschaft betrachte, in der sie gewachsen“ seien.19 Ambjörnsson stellt Keys Ideen einander als teils reaktionär, teils fremdartig gegenüber und stellt fest:

[… drömmen om det tredje riket hade vuxit fram ur tidens nöd, ur prostitutionen och barnarbetet, ur arbetarfamiljens misär och kapitalismens förflackning av livsvärden [...]. Det var framför allt arbetarfamiljen hon ville upprätta, dess upplösning som bildade den känslomässiga basen för hennes idébygge. Hon räknade sig som socialist.”20

Letztlich ist die Kernaussage vor dem erwähnten düsteren Hintergrund die, dass Key jegliche Schwierigkeiten, die das Leben für den Einzelnen unerträglich machen und so seine Entwicklung ungünstig beeinflussen, beseitigen will. (Der biologische Grundgedanke, der zu dieser Annahme führt, wird in einem späteren Kapitel noch untersucht werden.) Ellen Key setzt ihre Wunschgesellschaft an den Anfang ihrer eigentlichen Argumentation. Ihr Ziel ist in dem hymnischen Tonfall des Buches formuliert: Man solle nicht weniger als [… dem Kampf um das Dasein edlere Formen [… verleihen“:

Was mich betrifft, ich bin davon überzeugt, dass das alles nur in dem Maße anders wird, in dem sich die Natur des Menschen wandelt und dass sich diese Umwandlung nicht vollziehen wird, wenn die ganze Menschheit christlich geworden ist, sondern wenn die ganze Menschheit zu einem Bewusstsein von der ‚Heiligkeit der Generation͚ erwacht.“21

Die Gesellschaft ausgehend vom Menschen zu verbessern ist das Programm von Ellen Key. Nicht nur, dass sie von der Annahme des bürgerlichen Establishment abrückt, dass die Dinge und mit ihnen der Mensch unveränderbar seien, sie provoziert gleich auf der zweiten Seite des Buches, indem sie auch die Bedeutung der christlichen Weltsicht für das Wohlergehen der Menschheit anzweifelt. Das Bewusstsein von der Heiligkeit der Generation“ soll zum neuen Dreh- und Angelpunkt für die Gesellschaft werden und alle Lebensbereiche umfassen.22 Dies soll die Voraussetzung schaffen für sogenannte Umgestaltungen, die einen höheren Typus Mensch“ hervorbringen.23

Der Entwicklungsgedanke wirft nicht nur Licht auf einen hinter uns liegenden und durch Millionen von Jahren festgesetzten Verlauf, dessen Höhepunkt der Mensch ist. Er [… zeigt uns, dass wir physisch und psychisch immer noch im Werden begriffen sind.“[24]

[...]


1 Ulf P. Lundgren in: Ola Stafseng (Hg.): Ellen Key. Barnets Barnets århundrade. Omläst hundra år senere med introduktion och kommentarer av Ola Stafseng. Stockholm 1996. S. 7f.

2 Ellen Key: Das Jahrhundert des Kindes. Herausgegeben und überarbeitet von Gitta Peyn. Neuenkirchen 2010.

3 Kapitel Das ungeborene Geschlecht und die Frauenarbeit“. S. 85-120

4 Ellen Key: Samhällsmoderlighet. In: Ellen Key. Hemmets århundrade. Ett urval av Ronny Ambjörnsson. Lund
1976.

5 Claudia Lindén: Om Kärlek. Literatur, sexualitet och politik hos Ellen Key. Stockholm 2002. S. 18

6 Ebenda. sh. auch Ola Stafseng S. 12

7 Stafseng S. 13

8 Gabriela Häfner: Ellen Key und das kulturelle Selbstverständnis Schwedens zwischen Tradition und Moderne. In: Arbeitspapiere Gemeinschaften Band 18. Online-Version: http://2.hu- berlin.de/skan/gemenskap/inhalt/publikationen/arbeitspapiere/ahe_18.html. Seitenaufruf: 15.09.2012, 20:34. S. 3

9 Ola Stafseng: Ellen Key. Barnets Barnets århundrade. Omläst hundra år senere med introduktion och kommentarer av Ola Stafseng. Stockholm 1996. S. 12

10 Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt a.M. 1997. S. 20

11 Ellen Key: Das Jahrhundert des Kindes. Neuenkirchen 2010. S. 33

12 Ellen Key S. 28

13 Burkhard Müller: Wer Kinder schlägt, erzieht sich Sklaven. Ellen Keys zweifelhafte Erziehungslehre.
http://sueddeutsche.de/kultur/2.220/. Seitenaufruf am 01.09.2012, 17:31.

14 Gabriela Häfner: Ellen Key und das kulturelle Selbstverständnis Schwedens zwischen Tradition und Moderne. In: Arbeitspapiere Gemeinschaften; Ronny Ambjörnsson (Hg.): Ellen Key. Hemmets århundrade. Ett urval av Ronny Ambjörnsson. Lund 1976; Ola Stafseng: Ellen Key. Barnets Barnets århundrade. Omläst hundra år senere med introduktion och kommentarer av Ola Stafseng.

15 Ulf P. Lundgrens Vorwort in: Ola Stafseng, Neuausgabe, S. 7. Fortan: Stafseng S. [͙

16 Ellen Key 2010, S. 34. Fortan: Key S. […

17 Gabriela Häfner: Ellen Key und das kulturelle Selbstverständnis Schwedens zwischen Tradition und Moderne. In: Arbeitspapiere Gemeinschaften Band 18. Online-Version: http://2.hu- berlin.de/skan/gemenskap/inhalt/publikationen/arbeitspapiere/ahe_18.html. Seitenaufruf: 15.09.2012, 20:34. Fortan: Häfner S. […

18 Häfner S. 2.

19 Ronny Ambjörnsson (Hg.): Ellen Key. Hemmets århundrade. Ett urval av Ronny Ambjörnsson. Lund 1976. S.8-10. Fortan: mbjörnsson S. […

20 Ambjörnsson S. 9

21 Key S. 34f.

22 Key S. 35

23 Key S. 36

24 Ebenda

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"Das Jahrhundert des Kindes" von Ellen Key. Der Mensch und die Moderne um 1900
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Nordeuropainstitut)
Veranstaltung
Der skandinavische Wohlfahrtsstaat (Kulturwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V299418
ISBN (eBook)
9783656961703
ISBN (Buch)
9783656961710
Dateigröße
785 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jahrhundert, kindes, ellen, mensch, moderne
Arbeit zitieren
Marlene Schrefler (Autor), 2012, "Das Jahrhundert des Kindes" von Ellen Key. Der Mensch und die Moderne um 1900, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299418

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