Die Freiheitsbegriffe von Epiktet und John Stuart Mill im Vergleich


Hausarbeit, 2014
14 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Freiheitsbegriffe von Epiktet und John Stuart Mill im Vergleich
2.1 Historische Umstände zu Epiktets und Mills Zeiten
2.2 Seelenfreiheit versus Handlungsfreiheit
2.2.1 Definitionen
2.2.2 Dimensionen der Freiheit
2.2.3 Destruktion der Dimensionen

3. Fazit

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Blickt man auf Staaten wie zum Beispiel Syrien, Ägypten, Libyen und neuerdings die Ukrai­ne, in der bürgerkriegsähnliche Zustände registriert werden[1], dringt immer die gleiche Forde­rung durch - die Forderung nach Freiheit. Snyder schreibt in seinem Artikel: "Putin lockte mit grosszügigen Krediten und ermässigten Gaspreisen, doch liessen sich die Ukrainer die Frei­heit nicht abkaufen."[2] Hintergrund dieser Aussage ist, dass Russland versucht habe, die Ukrai­ne für einen Beitritt zur potentiell im Jahr 2015 gegründet werdenden Eurasischen Union be­wegen zu wollen, wobei als indirekte Teilnahmebedingung in der Ukraine diktatorische Ge­setze durchgesetzt werden sollten.[3]

Betrachtet man nur die Art und Weise, mit der das Wort Freiheit verwendet wird, ergibt sich eine schlichte Demokratie-Diktatur Dichotomie, wobei vor allem im Westen Demokratie tra­ditionell als Freiheit und Diktatur als Unfreiheit bezeichnet wird. Aber ist es um diesen Be­griff tatsächlich so einfach bestellt? Kann man nicht auch in einer Demokratie unfrei, bezie­hungsweise in einer Diktatur frei sein?

Um darlegen zu können, wie schwer fassbar der Begriff Freiheit ist und wie viele Facetten dieser besitzt, werden exemplarisch in dieser Arbeit Gedanken Epiktets, eines Philosophen aus der antiken Kaiserzeit[4], mit denen John Stuart Mills ab Mitte des 19. Jahrhunderts[5] in England verglichen. Epiktet ist damit Vertreter einer diktatur- und Mill einer demokratieähnli­chen Zeit. Als Grundlage dienen jeweils ihre Hauptwerke zur Thematik, nämlich Epiktets Diatribe IV, 1 nepi éXevdepiaç (gr., Über die Freiheit) und Mills On Liberty (eng., Über die Freiheit). Damit gezeigt werden kann, inwiefern die zwei Philosophen trotz gleichen Titels unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit haben, werden zur Rahmensgebung die histori­schen Umstände der Autoren näher beleuchtet, bevor die Seelenfreiheit Epiktets mit der Handlungsfreiheit Mills verglichen wird, wobei insbesondere die jeweiligen Freiheitsdefini­tionen, die Freiheitsdimensionen und deren Überwindungen analysiert werden. Die Arbeit fasst am Ende die wichtigsten Ergebnisse nocheinmal zusammen und beantwortet die Frage nach der Freiheit in den Regierungssystemen unter den Gesichtspunkten der beiden Philoso­phen.

2. Die Freiheitsbegriffe von Epiktet und John Sluarl Mill im Vergleich

2.1 Historische Umstände zu Epiktets und Mills Zeiten

Epiktet war um 50 n. Chr. in Phrygien als Sklavenkind geboren und später in Rom als Sklave gehalten worden bis er freigelassen wurde.[6] Nach der allgemeinen Philosophenvertreibung 89 n. Chr. exilierte er in die Stadt Nikopolis, in der er bis zu seinem Tod um 130 n. Chr. weiter philosophierte.[7] Mill hingegen, der von 1806 - geboren in London - bis 1873 lebte und somit das Ende der Sklaverei im Empire miterlebte, erfuhr von Beginn an eine intensive Ausbildung dank seines Vaters und der frühen Zugehörigkeit zu den "philosophical radicals [sic]"[8], einem Zirkel für Intellektuelle und Aktivisten.[9] Neben seinem lebenslangen Dasein als Philosoph übte er auch einen Beruf als Chefredakteur aus und war zeitweilig gar politisch aktiv.[10] Da­ durch deuten bereits die Biographien große Differenzen zwischen den zwei Philosophen an. Anders als bei Mill lässt sich die Originalität der Epiktetschen Texte nur eruieren. Sicher ist, dass Epiktet keine Schriften verfasst hat.[11] Vielmehr ist es ein Schüler namens Arrian gewe­sen, der dessen Worte größtenteils tradiert hat.[12] Obwohl man gerade im Bereich der Antike äußerst skeptisch hinsichtlich der Authentizität eines tradierten Textes ist, verifizieren mehrere Autoren aufgrund textlicher Überprüfung und Arrians eigens vorangestellter Erklärung[13] eine hohe Wahrscheinlichkeit wörtlicher Wiedergabe von Epiktets Diskussionen mit seinen Schü­lern.[14] Dies ist wichtig, um seine Biographie bei der Untersuchung der Diatribe IV, 1 berück­sichtigen zu können.

Auch wenn die "Freiheit bei Epiktet zum Inbegriff der ganzen Lehre"[15] wurde und Mill mit On Liberty den "Erzklassiker des Liberalismus"[16] schuf, lässt sich bereits aus dem vorher Ge­sagten erahnen, dass die Vorstellungen davon unterschiedlich sind. Mill und Hegel stellten zu­dem fest: "Die Philosophie ist kein der Zeit enthobenes, sondern geschichtlich verortetes Den­ken"[17] mit Bezug auf zeitgenössische Probleme[18]. Da mit Einsetzen der Kaiserzeit die Rede­freiheit massiv eingeschränkt wurde und man sich bewusst war, dass ein Einzelner selbst durch extrem viel Engagement nichts bewirken konnte, sondern auf die Gunst seiner Vorge­setzten, beziehungsweise dem Kaiser persönlich angewiesen war, sah man sich einer aktiven Einflussnahme auf die Geschicke der Welt beraubt und widmete sich immer mehr einer inne­ren statt äußeren Philosophie,[19] die sich hauptsächlich mit der Seelenfreiheit befasst. Ihr Ver­treter war der Jungstoiker Epiktet.[20] Gibt es aber eine allgemeine Diskussionsfreiheit und eine entsprechende Regierungsform[21], die die "politische Selbstermächtigung der Individuen"[22] wieder erlaubt, treten verstärkt Philosophien auf, die das Handeln des Einzelnen im Verhältnis zu Anderen und dem Staat in den Vordergrund stellen und dadurch die Handlungsfreiheit im­mer mehr an Bedeutung gewinnt. Beispiele hierfür sind das stoische Gedankengut zu Zeiten der römischen Republik und das Freiheitsprinzip John Stuart Mills[23]. Inwiefern beide Konzep­te inhaltliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufweisen, soll im Anschluss erörtert wer - den.

2.2 Seelenfreiheit versus Handlungsfreiheit

2.2.1 Definitionen

"Frei ist, wer lebt, wie er will. Man kann ihn weder zu etwas zwingen noch an etwas hindern noch ihm Gewalt antun. Seinen Bestrebungen steht nichts im Wege, sein Verlangen kommt ans Ziel, die Gegenstände seiner Ab­neigung kann er vermeiden."[24]

Diese Definition von Epiktet wirdjedoch sehr schnell relativiert, auch wenn man mit seinen Tier- und Athenerbeispielen den Eindruck gewinnen mag, dass es ihm um eine natürliche, ab­solute Handlungsfreiheit geht.[25] Obgleich die Formel "Völlige Verfügung über sich selbst"[26] in Kapitel 2.2.3 noch ausführlich erläutert werden wird, ist dies die Kerndefinition Epiktets. Eine weitere wichtige Aussage, die zu den Positiverklärungen der Freiheit gehört, ist, dass die Frei­heit das größte Gut ist und notwendig glücklich macht.[27]

In der Folge, dass jeder Mensch natürlich glücklich werden will, wird Freiheit von Epiktet mit Glück gleichgesetzt. Daher erklärt Epiktet unglückliche Menschen[28], von Anderen abhängige Menschen[29] und opportunistische Heuchler[30] als unfrei, denn die Freiheit wird für etwas "Großes und Edles und Bedeutendes"[31] und "Souveränes und Selbstbestimmtes"[32] gehalten, die sich mit derartigen Eigenschaften nicht verträgt. Hinzu kommt, dass die "Seele [...] eine naturliche Neigung zur Wahrheit"[33] habe und die Stoa optimistisch davon ausgeht, dass Wis­sen notwendig zur Tugend führe[34]. Aufgrund dieser Annahme behauptet Epiktet, dass ebenso die Schlechten unfrei[35] seien, da sie allein mit der richtigen Erkenntnis tugendhaft handeln und somit frei werden würden. Dieses richtige Handeln auf Basis entsprechender Vernunft gründet sich auf einer harmonischen Gleichsetzung von göttlichem und eigenem Willen[36], da die menschliche Vernunft als ein Teil der göttlichen Vernunft gesehen werde.[37] Der Stoiker ist ergo der Überzeugung, dass der Mensch sich selbst vervollkommnen, selbst Gott werden wol­le und könne[38], da er es prinzipiell schon sei.[39] Sobald Mensch und Gott gleichgesetzt sind, sei die totale Seelenfreiheit erreicht, da Gott selbst souverän und unhinderbar sei.[40] Man könnte sogar behaupten, dass Glück, Freiheit und Gott eins würden.

In diesem Punkt ist Mill ebenso davon überzeugt, dass "die kompetent Urteilenden eine Le­bensweise bevorzugen, die höher entwickelte Freuden [...] miteinschließt"[41], auch wenn er dies nicht auf eine Harmonie mit Gott sondern auf die kontinuierliche Weiterentwicklung des menschlichen Geistes im Sinne des Fortschrittsgedankens der Aufklärung und der Mannigfal­tigkeit von individuell besten Lebensformen zurückführt, die am schnellsten mit Bildung er­reicht wird.[42]

Das größte Glück aller, das auf dem Nutzenprinzip beruht, ist in diesem Fortschrittsglauben begründet - Fortschritt nützt dem Einzelnen und der gesamten Menschheit.

[...]


[1] Vgl. Snyder 2014: Abs. 5-7.

[2] Ders.: Abs. 12.

[3] Vgl. ibid.

[4] Vgl. Schmeller 2013: S. 7.

[5] Vgl. Kuenzle 2009: S. 10.

[6] Vgl. Gretenkord 1981: S. 20.

[7] Vgl. ders.: S.20f.

[8] Vgl. Kuenzle 2009: S. 17.

[9] Vgl. ders.: S. 17f.

[10] Vgl. ders.: S.11.

[11] Vgl. Gretenkord 1981: S.21.

[12] Vgl. Schmeller 2013: S. 11.

[13] Vgl. Gretenkord 1981: S. 22.

[14] Vgl. Schmitz 1923: S. 11 & Gretenkord 1981: S. 22 & Schmeller 2013: S. 12.

[15] Gretenkord 1981: S. 26.

[16] Kuenzle 2009: S. 10.

[17] Ders.: S. 164.

[18] Vgl. ibid.

[19] Vgl. Gretenkord 1981: S. 18f.

[20] Vgl. Gretenkord 1981: S.19.

[21] Vgl. Kuenzle 2009: S. 172.

[22] Ders.: S. 164.

[23] Vgl. ders.: S. 172. & Mill: S. 19f.

[24] Diss. IV, 1, 1.

[25] Vgl. Diss. IV, 1, 27-30.

[26] Gretenkord 1981: S. 37.

[27] Vgl. ders.: S. 35 & Diss. IV, 1, 52.

[28] Vgl. Diss. IV, 1, 52.

[29] Vgl. ders.: 56.

[30] Vgl. ders.: 54.

[31] Ibid.

[32] Ders.: 56.

[33] Schmitz 1923: S. 20.

[34] Vgl. Schmeller 2012: S. 18 & Gretenkord 1981: S. 181.

[35] Vgl. Diss. IV, 1, 2-5.

[36] Vgl. Ders.: 89-90.

[37] Vgl. Gretenkord 1981: S. 49.

[38] Vgl. ders.: S. 50.

[39] Vgl. Schmitz 1923: S. 20.

[40] Vgl. Diss IV, 1, 90. Die Willensfreiheit wird in On Liberty nicht thematisiert (vgl. Mill: S. 7). Der Vollstän- digkeit halber sei auf A System of Logic (1843) verwiesen, in dem Mill Determinismus von Fatalismus trennt und im Erstgenannten eine Willensfreiheit sieht, da trotz Kausalgesetze, Umstände und Motivejeder Mensch zujeder Zeit die Möglichkeit habe, sich selbst zu ändern (vgl. Kuenzle 2009: S. 156f.).

[41] Kuenzle 2009: S. 179.

[42] Vgl. ders.: S. 179f.

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Details

Titel
Die Freiheitsbegriffe von Epiktet und John Stuart Mill im Vergleich
Hochschule
Universität Passau  (Lehrprofessur für Philosophie)
Veranstaltung
John Stuart Mill
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V299722
ISBN (eBook)
9783656961345
ISBN (Buch)
9783656961352
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Epiktet, John Stuart Mill, Freiheit
Arbeit zitieren
Florian Meier (Autor), 2014, Die Freiheitsbegriffe von Epiktet und John Stuart Mill im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299722

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