Der Migrant in der Gesellschaft. Identität und Rolle einer Sozialfigur


Hausarbeit, 2015
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Migration in der Soziologie

III. Theoretische Grundlagen
a.) Identität und Rollenübernahme nach George Herbert Mead
b.) Symbolischer Interaktionismus nach Herbert Blumer

IV. Der Migrant in der sozialen Wirklichkeit
a.) Barrieren und Desozialisierung
b.) Rolle und Identität

V. Schlusswort

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Piotr K. verbringt seinen Alltag mit betteln und stehlen am Hauptbahnhof Berlin. Vor fünf Jahren kam der Dreißigjährige nach Deutschland um etwas Geld zu verdienen und seine Familie in Polen zu unterstützen. Mit seinem abgeschlossenen Studium als Sozialpädagoge wollte er sich im Bereich der Jugendarbeit in Berlin eine Karriere aufbauen. Durch sein gebrochenes Deutsch und Unkenntnisse in der englischen Sprache wurden ihm alle Türen vor der Nase zugeschlagen. Auch die Wohnungssuche gestaltete sich schwieriger als gedacht. Keiner wollte einen einzelnen – verdächtig wirkenden – Polen mittleren Alters als Nachbar haben. Piotr nistete sich also mitsamt seinem Hab und Gut in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs ein. Mit seinem verbliebenen Geld kaufte er sich eine Wolldecke. Im Winter brauchte er Alkohol um sich aufzuwärmen. Essen war vergleichsmäßig leicht aufzutreiben. Die Mülltonnen im Bahnhof waren immer „zum Bersten“ voll. Piotr K. gewöhnte sich an dieses Leben, er war ja nicht alleine am Bahnhof. Tausende Menschen strömten jeden Tag von A nach B, die er beobachten konnte. Ab und an warf ihm jemand einen Euro zu von dem er sich eine Brezel vom Bäcker oder sogar einen Kaffee leisten konnte. Die meiste Zeit jedoch ist der Pole für seine Mitmenschen unsichtbar. Doch das stört ihn eigentlich nicht, da er ja zumindest einen halbwegs geregelten Tagesablauf besitzt. Das ist nicht das Leben, das er sich vorgestellt hat, aber immerhin ist es eine Art von Leben. „Besser als gar nichts“ - sagt er sich immer wieder. Und eine Rückkehr nach Polen war sowieso nie eine Option. Der Kontakt zu seiner Familie war schon lange abgebrochen. Piotr will lieber unsichtbar in seiner eigenen Welt leben, als die Erwartung der Anderen zu verfehlen.

Als Migrant wird unseren Piotr K. wohl kaum einer beschreiben, wahrscheinlich mehr als einen Fremden oder sogar einen Überflüssigen. Aus soziologischer Sicht ist dieser aber durchaus als ein Migrant zu benennen. Wie auch Helmuth Berking (2010: Seite 293) belegt, ist Migration nach der sozialwissenschaftlichen Definition lediglich als die dauerhafte Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Personen zu bezeichnen. Viel interessanter ist jedoch die Frage, welche Rolle ein Migrant innerhalb der Gesellschaft hat und welche Identität ihm zugeschrieben wird. Genau dies soll nun als Leitfrage der Hausarbeit dienen. Wie aus dem fiktiven Beispiel des oben beschriebenen Piotr K. hervorgeht, spielten auch sprachliche Barrieren eine wichtige Rolle auf dessen Lebensweg. Aus diesem Grund soll die These als Schwerpunkt dienen, dass die Sprache die Identität des Migranten definiert. Grundlage dafür ist der bereits erwähnte Text von Helmuth Berking im Werk Diven, Hacker, Spekulanten, Sozialfiguren der Gegenwart von Stephan Moebius und Markus Schroer. Desweiteren wird der Text Soziologie der Migration von Ludger Pries aus dem Handbuch Spezielle Soziologien von Georg Kneer und Markus Schroer Anwendung finden. Im theoretischen Mittelteil werden die Ansichten von George Herbert Mead zur Identität und Rollenübernahme sowie der Symbolische Interaktionismus nach Herbert Blumer im Werk Interaktion, Identität, Präsentation von Heinz Abels erläutert.

Um die Rolle des Migranten in der Gesellschaft zu definieren und den Bezug zwischen Sprache und Identität zu klären, werden die Werke Soziologie der Fremdenfeindlichkeit von Jörg Stolz und Grenzgänger zwischen den Kulturen von Monika Fludernik und Hans-Joachim Gehrke sowie die Soziologie der Migration von Petrus Han verwendet. Die wissenschaftliche Relevanz dieser Ausarbeitung geht also nicht nur aus der Begriffsklärung der Migration und des Migranten im Allgemeinen hervor, sondern vielmehr durch die Übertragung der Sozialfigur des Migranten in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext. Am Ende dieser Arbeit soll also geklärt sein, welche Rolle dem Migranten zugeschrieben wird, welche Identität dieser besitzt und vor allem in welchem Zusammenhang die Sprache und Kommunikation mit der Identität stehen. Dies bezieht sich auf die generelle Position des Migranten in der Gesellschaft. Im ersten Teilabschnitt muss zuvor der Begriff der Migration in der Soziologie erläutert werden, um ein volles Verständnis der Thematik zu erreichen. Es sollen nun an dieser Stelle auch die verschiedenen Sichtweisen und Erklärungsmodelle aufgezeigt, sowie die Dimensionen von Migration erklärt werden.

II. Migration in der Soziologie

„Die Vorstellung, dass Menschen sesshaft sind, ist nur im oberflächlichen Sinne zutreffend.“ (Han, 2004: Seite 21) Migrationsbewegungen, wie zum Beispiel die transatlantische Massenauswanderung im 19. Jahrhundert nach Nordamerika, sind wohl in allen Epochen der Zeitgeschichte zu beobachten. Seinen Ursprung hat das Wort im lateinischen, wobei migratio wörtlich als die ‚Wanderung‘ zu übersetzen ist. Wie oben bereits erwähnt, und auch von Ludger Pries (2010: Seite 475f) bestätigt, umfasst Migration seiner reinen Definition nach in der heutigen Zeit nur die Wohnsitzänderung von Menschen. Pries erläutert des Weiteren, dass im Jahr 2005 etwa drei Prozent der Weltbevölkerung, also rund 191 Millionen Menschen, als Migranten gezählt werden konnten. Migranten sind hier weiterhin als Personen zu verstehen, die in einem anderen Land lebten als dem, in dem sie geboren wurden.

Es ist vollkommen unerheblich, ob die Migrationsbewegungen freiwillig oder unfreiwillig erfolgen, ergänzt hierzu Petrus Han (2004: Seite 7). Daraus geht also hervor, dass Migration nicht nur den im Beispiel beschriebenen Piotr K. einschließt, sondern auch genauso den vierfachen Familienvater, der für sein Unternehmen ein Jahr nach Hamburg ziehen muss und im nächsten Jahr nach München. Migration besitzt demnach noch mindestens zwei Dimensionen, nämlich die latente Änderung eines Wohnsitzes sowie die permanente Veränderung von Wohnsitzen. Auch eine Typisierung von Migranten kann vollzogen werden, um den Terminus besser zu verstehen: So sei nach Petrus Han (2004: Seite 9ff) der fiktive Piotr K. ein internationaler Migrant, da die Verlegung des Wohnsitzes dauerhaft oder vorübergehend zwischen Nationalstaaten stattfindet. Die Lebensänderung des vierfachen Familienvaters lässt sich nach dem Autor als Binnenmigration definieren, da sich die Verlegung des Wohnsitzes auf eine politische Gemeinde zur anderen innerhalb nationalstaatlicher Grenzen beschränkt.

Die Soziologie der Migration beschäftigt sich nicht nur mit der Zuordnung von Schemata, sondern auch mit den Gründen, weshalb es Migrationsbewegungen gibt. Hierzu zählt Ludger Pries (2010: Seite 476) unter anderem die Gesetze der Wanderung nach Ernst Ravenstein auf. Laut dessen Theorie erfolgt Migration aufgrund rationaler sowie individueller Wahlentscheidung zur Optimierung der eigenen Daseinsvorsorge. Dem entgegen steht die „[…] sich selbst als new economics of labour migration bezeichnende Denkrichtung […]“. (Pries, Soziologie der Migration, in: Kneer/Schroer, Handbuch Spezielle Soziologie, 2010: Seite 477) Diese Theorie von Oded Stark und David Bloom beschreibt internationale Migration als Ergebnis diversifizierter Gruppen- und Netzwerkstrukturen, was bedeutet, dass Arbeitsmigration dem Haushaltseinkommen, vor allem von Großfamilien, dient. Die sogenannte Theorie struktureller Spannungen nach Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny hingegen versteht Migration als eine Summe von Spannungen und Defiziten. Hierzu ergänzt Petrus Han (2004: Seite 59), dass sich soziale Systeme durch Machtdefizite auf den unteren- und Machtüberschüsse auf den oberen Positionen kennzeichnen, welche nach dem jeweiligen Prestige bemessen werden. Diese Theorie gilt nicht nur als migrationssoziologischer Ansatz, sondern liefert gleichzeitig noch Aussagen über weltgesellschaftliche relevante Themen und makrosoziologische Hypothesen. Hoffmann-Nowotny sieht nämlich die Welt als eine im Zuge der Globalisierung zusammengewachsene Weltgesellschaft an, wie es auch von Petrus Han (2004: Seite 61) belegt wird. Wieso es Migrationsbewegungen gibt ist also je nach Ansatz und Theorie unterschiedlich zu erkennen und zu verstehen.

Um den Kontext Migration nun vollkommen zu definieren, müssen noch die unterschiedlichen Formen, also Typologien, genauer benannt und erläutert werden. Der wohl bekannteste Idealtypus ist die Immigration. „Hierbei richten sich die Migranten auf Dauer im Ankunftsland ein, unterhalten zwar noch Kontakte zu ihrem Herkunftsland, integrieren und assimilieren sich aber schrittweise als Eingewanderte – vielleicht auch erst über mehrere Generationen - in die dortige Gesellschaft.“ (Pries, Soziologie der Migration, in: Kneer/Schroer, Handbuch Spezielle Soziologie, 2010: Seite 480) Im Gegensatz hierzu, richtet sich ein von Ludger Pries (2010: Seite 480) benannter Diaspora-Migrant nur begrenzt im Ankunftsland ein und erhält gleichzeitig noch starke und intensive Bindungen zum Herkunftsland. Bei eben diesem Typus sind die Gründe der Wanderung meist durch Religion oder Loyalität hervorgerufen. Liegt eine zeitlich befristete Form der Wanderung beziehungsweise Migration vor, beispielsweise aus monetären Gründen, so ist sie schlicht als Rückkehr-Migration zu definieren.

Als vierte Art der Migration benennt Ludger Pries desweiteren die Transmigration und erklärt wörtlich: „Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der Wechsel zwischen verschiedenen Lebensorten in unterschiedlichen Ländern kein singulärer Vorgang ist, sondern zu einem Normalzustand wird […]“. (Pries, Soziologie der Migration, in: Kneer/Schroer, Handbuch Spezielle Soziologie, 2010: Seite 480) Anders gesagt erhalten Transmigranten also ihren Lebensraum über Landesgrenzen hinweg aufrecht

III. Theoretische Grundlagen

Nach den gewonnenen Erkenntnissen ist nun klar, dass mit Migration nicht nur die Veränderung des Lebensortes gemeint ist, sondern es noch deutlich komplexere und differenziertere Aspekte gibt. Da eben diese nun festgelegt und definiert sind, soll im nächsten Teilabschnitt die theoretische Grundlage zur Thematik Identität des Migranten geschaffen werden. Wie oben bereits erwähnt geschieht dies auf der Grundlage des Werkes „Interaktion, Identität, Präsentation“ von Heinz Abels. Die Theorien von Identität und Rollenübernahme nach George Herbert Mead und des Symbolischen Interaktionismus nach Herbert Blumer sollen also an dieser Stelle ausgeführt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Migrant in der Gesellschaft. Identität und Rolle einer Sozialfigur
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Fakultät für Humanwissenschaften, Institut für Politikwissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
Seminar „Theorie, Methoden und Befunde Spezieller Soziologien: Sozialfiguren“
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V299862
ISBN (eBook)
9783656974956
ISBN (Buch)
9783656974963
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Preis für diese Arbeit soll 4,99 Euro betragen.
Schlagworte
Sozialfigur, Politkwissenschaft, Migrant, Gesellschaft, Sprache und Identität, Soziologie, Spezielle Soziologie, Migration, Immigration
Arbeit zitieren
Oliver Adam (Autor), 2015, Der Migrant in der Gesellschaft. Identität und Rolle einer Sozialfigur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299862

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