Fußballfansozialarbeit als Präventionsmöglichkeit abweichenden Verhaltens

Das Fanprojekt Dresden


Vordiplomarbeit, 2008
49 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Fan, Fanprojekt und Fußballfansozialarbeit
2.2 Prävention
2.3 Abweichendes Verhalten (Devianz)

3. Die Fußballfansozialarbeit in Deutschland
3.1 Die Geschichte der Fußballfansozialarbeit und des Fanprojektes Dresden
3.2 Grundlegendes
3.2.1 Gesetzliche Grundlagen und Richtlinien
3.2.2 Aufgaben und Ziele der Fußballfansozialarbeit
3.2.3 Träger und personelle Ausstattung
3.2.4 Materielle Ausstattung und Finanzierung
3.3 Klientel
3.4 Arbeitsmethoden und Maßnahmen der Fußballfansozialarbeit
3.4.1 Kulturpädagogische Maßnahmen
3.4.2 Öffentlich-politische Maßnahmen
3.4.3 Präventionsveranstaltungen des Dresdner Fanprojektes

4. Prävention am Beispiel der U16-Arbeit des Fanprojektes Dresden
4.1 Qualität in der Fußballfansozialarbeit
4.1.1 Versuche der Qualitätsbestimmung und Messbarkeit der Arbeit
4.1.2 Grundsätzliche Arbeitsweisen und Handlungsmaximen
4.2 U16-Arbeit
4.2.1 Kontaktaufnahme mit der Klientel
4.2.2 Ablauf der U16-Treffs und -fahrten
4.2.3 Präventionsansätze der Arbeit
4.3 Probleme
4.3.1 Finanzen und Unsicherheit der Weiterführung
4.3.2 Reichweite und Bekanntheit
4.3.3 Anerkennung, Erfolge und Misserfolge

5. Schlussbetrachtung

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Es wäre ein großer Erfolg, wenn es die Fanprojekte schaffen würden, den Zulauf in die gewaltbereite Szene zu bremsen oder gar zu stoppen. Ich wünsche mir, dass wir eines Tages bei Fußballspielen nur noch den Verkehr rund ums Stadion regeln müssen“ (Klein 2008, S. 12), sagte Dresdens Polizeipräsident Dieter Hanitsch auf der 12. Bundeskonferenz der Fanprojekte (vgl. ebd., S. 12).

„Wenn es knallt, stehen die Fanprojekte im Brennpunkt. Aber oft nur dann.“ (ebd., S. 12)

Immer wieder sorgen Ausschreitungen von Fußballfans und Hooligans in und rund um Stadien für Schlagzeilen. Der Ruf des jeweiligen Vereins nimmt Schaden, die Polizei muss enorme Einsatzkräfte mobilisieren und einige Medien nutzen die Ereignisse aus, um auflagensteigernd darüber zu berichten. Oft fordern Politiker härtere Strafen für die Übeltäter und eine Beteiligung der Vereine an den Polizeikosten, da bei Brisanzspielen teilweise mehr als 1.000 Beamte im Einsatz sind (vgl. ebd., S. 12). Die Vereine wiederum werfen der Politik häufig Verfehlungen vor und sprechen Stadionverbote aus.

„Fan-Projekte wurden immer wieder unter den konjunkturellen Schwankungen von Gewalterscheinungen […] beim Fußball als mehr oder weniger probates (Gegen-)Mittel seitens der Zuwendungsgeber (Kommunen, Länder, Sportvereine) eingesetzt bzw. angesehen. Diesen Ansätzen liegt ein Fehlverständnis von außerschulischer Jugendarbeit zugrunde. Erst Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre setzte sich die Erkenntnis durch, daß allein mit repressiven Maßnahmen der Problematik gewalttätigen Verhaltens jugendlicher und jungerwachsener Cliquen beim Fußballsport kaum bewältigende (‚problemlösende’) Funktion zugemessen werden kann“ (Schneider 1997, S. 131; Auslassung: E. M.), so Thomas Schneider, ehemaliger Leiter der Koordinationsstelle der Fanprojekte (KOS).

Warum die häufig jugendlichen Fußballanhänger gewaltsam werden, fragen sich nur wenige. Die Aktionen der Politik und der Polizei sind oft eine Reaktion auf Ausschreitungen. Im Gegensatz dazu wollen die Mitarbeiter von Fanprojekten abweichendes Verhalten von vornherein mit sozialpädagogischer Arbeit verhindern und betreiben zahlreiche Präventionsprojekte und -veranstaltungen, die sich vor allem an aktive jugendliche Fußballfans richten. Dabei versuchen die Fanprojektmitarbeiter auf die Lebenswelt ihrer Klientel einzugehen und verstehen sich als deren Anwälte. Besonders im Umfeld der Spiele der Sportgemeinschaft (SG) Dynamo Dresden gab es in den letzten Jahren zahlreiche gewaltsame Auseinandersetzungen, sodass die Relevanz für sozialpädagogische Arbeit im Umfeld des Fußballvereins eindeutig ist. Allerdings gibt es ein Problem: „Unsere Arbeit ist meist unsichtbar, Ergebnisse sind nicht messbar“ (Klein 2008, S. 12), sagt Torsten Rudolph vom Dresdner Fanprojekt.

Die vorliegende Vordiplomarbeit geht dennoch der Frage nach, inwieweit abweichendes Verhalten von Fußballfans durch Sozialarbeit von Fanprojekten verhindert werden kann und zeigt, mit welchen Projekten dieses Ziel erreicht werden soll. So kann eventuell im Ansatz geklärt werden, ob Sozialarbeit mit Fußballfans Sinn hat. Ergänzend zur Studie der Fachliteratur ermöglichten Experteninterviews tiefere Einblicke in das Thema. Als Interviewpartner wirkten Christian Kabs, ein Mitarbeiter des Dresdner Fanprojektes, der Journalist Daniel Klein, der regelmäßig für die Sächsische Zeitung über die Spiele von Dynamo Dresden berichtet, und der Dipl.-Pädagoge Michael Rautenberg, der frühere Koordinator für Fan- und Jugendverbandsarbeit des lokalen Netzwerks „Pro Fans in Dresden“ der Sportjugend Dresden im Kreissportbund Dresden e. V.

Um einen besseren Einstieg in die Thematik zu ermöglichen, werden im zweiten Kapitel die grundlegenden Begriffe Fan, Fanprojekt, Fußballfansozialarbeit, Prävention und abweichendes Verhalten näher betrachtet. Das darauf folgende Kapitel bezieht sich auf die formalen und inhaltlichen Aspekte von Fußballfansozialarbeit in Deutschland und gibt einen kurzen historischen Überblick. Auf dieser Basis wird anschließend die Prävention am Beispiel der U16-Arbeit des Fanprojektes Dresden erläutert. Thematisiert werden die Qualität in der Fußballfansozialarbeit sowie die Kontaktaufnahme mit der Klientel, der Ablauf der Arbeit mit den sogenannten U16-Fans und die Probleme des Fanprojektes Dresden. Den Abschluss bildet das fünfte Kapitel mit den Schlussbetrachtungen und den Perspektiven für die Fußballfansozialarbeit.

2. Begriffsklärung

2.1 Fan, Fanprojekt und Fußballfansozialarbeit

Der Begriff Fan bezeichnet einen überschwänglichen Anhänger. Organisierte Fans finden sich oft in Fanclubs zusammen. Sie äußern ihre begeisterte Anhängerschaft, indem sie mit Ritualen eine Person, eine Gruppe, eine Sache oder einen Verein verehren (vgl. Lichtenberg; Paesen 2008, S. 19). Ein Fußballfan ist also ein begeisterter Anhänger des Fußballsports, was sich auf verschiedene Arten zeigen und unterschiedliche Ausmaße annehmen kann (vgl. Bremer 2003, S. 57; vgl. 3.3 Klientel).

Fanprojekte sind hauptsächlich Einrichtungen der außerschulischen Jugendarbeit. Sie verstehen sich als unabhängige Drehpunkteinrichtungen zwischen jugendlichen und erwachsenen Erfahrungsebenen, zwischen den Bedürfnissen der kulturellen Lebenswelten und den Markt- und Verwaltungsmechanismen des organisierten Profifußballs. Neben jugendpädagogischen Ansätzen gehört auch Institutionen- und Öffentlichkeitsarbeit zu ihren spezifischen Aufgaben. Das liegt daran, dass die öffentlichen und institutionellen Reaktionen auf auffälliges Fanverhalten die Entwicklung dieser Jugendszene beeinflussen (vgl. Schneider 1997, S. 107). Fanprojekte stehen aber auch jungen Erwachsenen offen und veranstalten Projekte in Schulen.

Fanprojekte wollen die Fähigkeiten der Jugendlichen zur Bewältigung ihrer altersgemäßen Entwicklungsaufgaben fördern, Lernprozesse der Fans und ihrer Gruppen vielseitig herausfordern und die Jugendlichen in belastenden Lebenslagen und bei Krisen unterstützen. Fanprojekte beziehen das Umfeld der Jugendlichen in ihre Zielsetzung ein, da Lernchancen durch äußere Lebenslagen und gesellschaftliche Reaktionen maßgeblich mitbestimmt werden (vgl. ebd., S. 107).

Die Ziele und die Orientierung der praktischen Arbeit der Fanprojekte lassen sich in vier Schwerpunkte einteilen:

- Von Gewalt geprägte Auseinandersetzungen zwischen gegnerischen Fangruppen sollen sich mit Hilfe sozialpädagogischer Maßnahmen nicht weiter verfestigen.
- Die Entstehung eines Potenzials für rechtsextremistische Gruppen durch die Verbindung von Gewalt und politischer Orientierung bei gefährdeten Jugendlichen soll verhindert werden.
- Die Funktion als Mittler zwischen Vereinen, Polizei, Justiz und Presse auf der einen und Fans auf der anderen Seite soll geschaffen werden.
- Über das Stadion und die Kneipe hinaus soll eine Verbindung zur Lebenssituation der Fans im Alltag gebildet und eine konkrete Lebenshilfe angeboten werden (vgl. Bremer 2003, S. 79f.).

Die Arbeit der Fanprojekte ist mit Straßensozialarbeit zu vergleichen. Die Mitarbeiter lassen sich direkt an den Aufenthaltsorten der meist jugendlichen Fans auf deren Probleme und Sichtweisen ein. Bei allen Heim- und Auswärtsspielen werden Kontakte hergestellt und vertieft, genauso bei vom Fanprojekt oder von Fans organisierten Fahrten (vgl. ebd., S. 80). Zur Fußballfansozialarbeit gehört auch die Einzelfallhilfe, die nach dem Prinzip der Jugendberatung erfolgt und ein wesentlicher Bestandteil in der Arbeit des Fanprojektes Dresden ist. Das allgemeine Ziel ist Hilfe zur Selbsthilfe. Die Beratungsgespräche konzentrieren sich auf Problemsituationen im Umfeld des Fußballs, gehen aber auch darüber hinaus (vgl. Fanprojekt Dresden e. V. 2006, S. 18). Damit seien vor allem das Stadion und Fantreffpunkte gemeint, erklärt Christian Kabs vom Fanprojekt Dresden. Ein weiterer Bestandteil ist die Gruppenarbeit, bei der die Jugendlichen zu sozialem Engagement bewegt werden und ihr gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein gefördert wird. Auch die Gemeinwesenarbeit gehört zur Fußballfansozialarbeit. Diese wird als Bestandteil der mobilen Jugendarbeit angesehen. Ähnlich wie bei der Straßensozialarbeit wird die Lebenswelt der Jugendlichen ganzheitlich in Betracht gezogen. In Kooperation mit anderen Jugendeinrichtungen soll gezielt lebensweltorientierte, stadtteil- und wohnortsbezogene Sozialarbeit geleistet werden (vgl. ebd., S. 19-22).

Laut dem Nationalen Konzept Sport und Sicherheit (NKSS, vgl. Kapitel 3.1), das auf den gleichberechtigten Säulen ordnungspolitische und sozialpädagogische Maßnahmen und Aufgabenfelder beruht (vgl. Pilz 2006, S. 237), ist Fußballfansozialarbeit und damit die Arbeit der Fanprojekte geeignet, um „vor allem Mitgliedern jugendlicher Problemgruppen bei der Bewältigung ihrer Schwierigkeiten zu helfen und sie vor abweichendem Verhalten zu bewahren.“ (Arbeitsgruppe Nationales Konzept Sport und Sicherheit 2003, S. 11) Außerdem sollen die Fanprojekte verhindern, dass besonders jüngere Jugendliche in derartige Problemlagen geraten (vgl. ebd., S. 11). Das NKSS formuliert als Fanprojektziele unter anderem die Eindämmung von Gewalt, die Arbeit im Präventivbereich, den Abbau extremistischer Orientierungen und die Steigerung von Selbstwertgefühl und Verhaltenssicherheit bei Jugendlichen (vgl. ebd., S. 12). Prävention sollte damit ein festes Ziel jedes Fanprojektes sein.

Auch der Soziologe Andreas Klose nimmt die Fanprojekte in die Pflicht. Auf der 12. Bundeskonferenz der Fanprojekte sagte er: „Sie müssen vermitteln, dass Polizei und Verbände keine Feindbilder sind, sondern alle das gleiche Ziel haben: nämlich Gewalt verhindern.“ (Meyer 2008, S. 11).

2.2 Prävention

Als Prävention werden vorbeugende Maßnahmen bezeichnet, um ein unerwünschtes Ereignis oder eine unerwünschte Entwicklung zu vermeiden. Der Erziehungswissenschaftler Holger Ziegler sieht den Bedarf an Prävention, scheut aber auch nicht vor Kritik an dem Begriff: „Ein beliebter Slogan der sozialen Dienste lautet Prävention statt Intervention. Bezeichnet der Begriff der Intervention ein Eingreifen in einen Geschehensablauf, so verbindet der Begriff der Prävention diesen Eingriff mit dem Ziel des Zuvorkommens oder Vorbeugens.“ (Ziegler 2002)

Prävention bedeutet dabei die Vorverlagerung eines konkret gerichteten Eingriffs, mit dem Ziel das Eintreten eines als unerwünscht betrachteten Zustands oder Vorgangs zu verhindern, um somit einen anderen Zustand zu erhalten. Wesentlich sind die Dimensionen der Vorwegnahme einer Zukunft, der Vorverlagerung eines Eingriffs und der normativ ablehnende Charakter des Bezugs auf die erwartete Entwicklung als hinreichende Merkmale des Präventionsbegriffs. Damit ist Prävention die Rechtfertigung eines Eingriffs in die Gegenwart mit Bezug auf die Zukunft. Im Fall abweichenden Verhaltens geht es um die Vorverlagerung und Ausweitung sozialer Kontrolle (vgl. Ziegler 2002).

„Für die Zukunft [...] kann man den schlimmsten aller Fälle annehmen, man kann ihn letztlich beliebig ausschmücken, so lange bis auch der letzte einsieht, dass diese Zukunft, sollte sie so geschehen, völlig untragbar ist. [...] D.h., ich kann beispielsweise einen Eingriff, für den es gegenwärtig keinen Anlass gibt, mit Bezug auf Prävention rechtfertigen. [...] Man kann machen, was man will, vom Beratungsgespräch bis zur geschlossen Heimunterbringung, und das Prävention nennen.“ (ebd.; Auslassung: E. M.). Denn es ist möglich, jede Intervention zu jedem Zeitpunkt als Präventionsschritt zu thematisieren (vgl. Ziegler 2006, S. 147). „Insofern hat der Kriminologe Stan Cohen nicht unrecht, wenn er meint, Prävention sei ein Mickey-Mouse-Begriff ohne analytischen Wert, der von der frühkindlichen Sozialisation bis zur Todesstrafe reicht.“ (Ziegler 2002)

Das Problem der Prävention beruht auf der Definitionsmacht in Bezug auf die Frage welche Zukunft richtig ist und auf die reale Macht diese durchzusetzen. Außerdem basiert Prävention auf der Annahme, man könne Gefahren technisch oder sozialtechnologisch bewältigen, wenn man alle Lebenslagen und -risiken entschlüsselt (vgl. ebd.).

„In Anlehnung an eine Metapher von Stan Cohen könnte man das Konzept der Prävention als einen Hammer verstehen. Die Frage ob ein Hammer ein per se sinnvolles Werkzeug ist, stellt sich nicht. Ebenso fraglos ist jedoch, dass man mit einem Hammer – insbesondere dann, wenn dieser groß ist und mit viel Schwung in den Schlag gelegt wird – nicht nur Konstruktives, sondern auch viel Schaden anrichten kann. Problematisch ist es in jedem Falle, wenn man keine anderen Werkzeuge in der Kiste hat und man plötzlich in allem einen Nagel sieht.“ (Ziegler 2006, S. 152)

Die Vertreter von Fanprojekten argumentieren für ihre Arbeit mit dem Verweis auf Prävention. Dass sie dies nicht allein schaffen können und ihre Arbeit noch weitere Aufgaben umfasst, muss aber auch berücksichtigt werden, wenn man ihre Arbeit hinterfragt.

Laut dem Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz kann präventive Jugendarbeit dann erfolgreich wirken, wenn die Vernetzungspartner gemeinsam an einem Strang ziehen, ihre Interessen offen legen und im Interesse der Sache arbeiten: Sozialarbeiter als Anwälte der jungen Menschen und Polizisten als Wahrer von Recht und Ordnung (vgl. Pilz 2006, S. 244).

Laut Pilz ergeben sich im Spannungsfeld von Prävention und Repression drei Pfeiler der Gewaltprävention:

- „Selbstregulierung: Die Fans dazu befähigen, zu ermutigen und zu unterstützen, selbstbestimmt Grenzen zu setzen und die eigene Szene zu befrieden [...].
- Prävention: Schaffung und Erhalt von Fanprojekten gemäß dem Nationalen Konzept Sport und Sicherheit. Soziale Arbeit mit Fans und Einsetzen von Fanbeauftragten bei den Vereinen und Verbänden: Fan-Betreuungsarbeit.
- Repression: Durchsetzen von ordnungspolitischen Regularien durch Polizei und Ordnungsdienste der Vereine: Grenzen setzen und bewahren.“ (ebd., S. 247; Auslassung: E. M.)

Was die Mitarbeiter des Fanprojektes Dresden unter Prävention verstehen, formuliert Christian Kabs so: „Nach unseren Vorstellungen bezeichnet Gewaltprävention alle institutionellen und personellen Maßnahmen, die der Entstehung von Gewalt vorbeugen bzw. diese reduzieren. Diese Maßnahmen zielen ab auf die Person selbst, auf die Lebenswelt dieser Adressaten wie auch auf den Kontext der sie tangierenden sozialen Systeme, also auch das System Schule.“ (Kabs 2008, S. 127) Die jugendliche, nachwachsende Generation solle positiv beeinflusst werden. Prävention bedeute, sowohl Jugendliche, die auffällig geworden sind, daran zu hindern, es erneut zu werden, als auch Kinder und Jugendliche davor zu bewahren, so Kabs. Weil es mit zunehmendem Alter der Fußballfans schwieriger sei, sie zu beeinflussen und Prävention zu betreiben, gehe das Fanprojekt in Schulen, um die Kinder und Jugendlichen unter 16 zu erreichen. Allerdings liege diese Arbeit brach, bis ein zusätzlicher Mitarbeiter eingestellt werden könne. Einzig mit einer mobilen Fußballanlage sei das Fanprojekt derzeit ab und zu an Schulen in Dresden und dem Umland unterwegs.

2.3 Abweichendes Verhalten (Devianz)

Die Abweichung von allgemeinen Normen und Wertvorstellungen wird in der Soziologie und der Sozialarbeit als abweichendes Verhalten bezeichnet. Die Bezeichnung eines Verhaltens als deviant ist immer mit einem Werturteil verbunden. Mit der Wirksamkeit von Normen tritt stets der soziale Tatbestand auf, dass von ihnen abgewichen wird. In diesem Sinne ist Devianz normal.

Allerdings ist nicht immer eindeutig zu klären, was abweichendes Verhalten ist und was nicht, schreibt der Sozialwissenschaftler Lothar Böhnisch. Es kann je nach Situation und Referenz relativ sein. Zwischen folgenden verschiedenen Formen abweichenden Verhaltens wird unterschieden (vgl. Böhnisch 2006, S. 12):

- Delinquenz ist eine scheinbar eindeutige Gesetzesverletzung, die je nach kulturellem und sozialem Zusammenhang anders aufgefasst wird. Unterschiedliche soziale Herkunftsmilieus können zu unterschiedlichen Tatbeurteilungen sowie Bewährungs- und Rehabilitationsprognosen führen (ebd., S. 12).
- Sozial abweichendes Verhalten: „Menschen gelten als [...] asozial, wenn sie sich tradierten Mustern „normaler Lebensführung“ verweigern, werden sozial ausgegrenzt, wenn sie biografisch scheitern oder sozial und kulturell nicht mithalten können.“ (ebd., S. 13; Auslassung: E. M.)
- Die institutionell gebundene Abweichung ist nicht sozial durchgängig und wird oft nur in der betreffenden Institution negativ sanktioniert, außerhalb häufig gegenteilig bewertet. Schüler, die sich in der Schule abweichend verhalten und zum Beispiel den Unterricht stören oder gewalttätig sind, können in ihrer außerschulischen Gleichaltrigengruppe einen positiven Status besitzen, weil ihr Verhalten in der Jugendkultur eine andere soziale Bedeutung hat (vgl. ebd., S. 13).
- Auch selbstgefährdende Handlungen sind abweichendes Verhalten und werden oft sozial geächtet (vgl. ebd., S. 13).

Abweichendes Verhalten als öffentlich etikettiertes und sanktioniertes Verhalten ist auch Bewältigungsverhalten, subjektives Streben nach situativer und biografischer Handlungsfähigkeit und psychosozialer Balance in kritischen Lebenssituationen und -konstellationen (vgl. Böhnisch 2006, S. 11). Außerdem dient es als gesellschaftliche Projektionsfläche für soziale Unsicherheit und Angst in der Mehrheit der Bevölkerung und kann als Gruppennorm Aktivitäten strukturieren, Selbstwertzuwachs, soziale Anerkennung und den Zusammenhalt fördern (vgl. ebd., S. 23).

„Zum Abweichler wird man gemacht“ (ebd., S. 14), schreibt Lothar Böhnisch. „Das Abweichende Verhalten, die Tat für sich, sagt längst nicht alles oder oft wenig aus über die Täter, und diese wissen selbst meist nicht, was sie tun.“ (ebd., S. 15) In der Diskussion steht abweichendes Verhalten als Regelverletzung deshalb, weil Normen nicht immer eindeutig sind und das abweichende Verhalten allein durch die Handlungstatsache des Normverstoßes nicht genügend erklärt wird (vgl. ebd., S. 19).

Heutzutage mischt sich in das abweichende Verhalten Jugendlicher häufiger die jugendkulturelle Unbefangenheit und Rücksichtslosigkeit mit Angst und Protest. Spiel- und Ernstcharakter gehen im jugendlichen Normverhalten ineinander über und die jugendkulturelle Trennwand zwischen entwicklungstypischer und lebenslanger Devianz ist durchlässiger geworden. Die Sozialpädagogik muss eine Verfestigung des jugendkulturellen abweichenden Verhaltens über die Jugendphase hinaus verhindern und schon während der Jugendzeit einer Kriminalisierung des typischen jugendkulturellen Protests entgegenwirken. Sozialpädagogen in Jugendhäusern arbeiten längst an der Grenzlinie von Förderung der Jugendkultur und Verhinderung von Kriminalisierung (vgl. ebd., S. 22).

Christian Kabs beschreibt die Problemlage so: „Zu Konflikten kommt es immer dann, wenn das Fanverhalten die Stadiongrenze überspringt und dann zum abweichenden Verhalten wird. Damit ist nicht nur die Störung der öffentlichen Ordnung gemeint. Es gibt Fans [...], die wegen des Fußballs die Schule schwänzen oder gar abbrechen.“ (Kabs 2008, S. 122; Auslassung: E. M.)

Bei abweichendem Verhalten sei immer die Frage, von welcher Norm abgewichen werde, sagt Christian Kabs. Es gebe auch abweichendes Verhalten, das tolerierbar sei. Als Beispiele nennt er Gefühlsausbrüche, Flüche und Beschimpfungen, die im Rahmen blieben. Im Stadion sei es in Ordnung, wenn man Emotionen rauslasse. Denn dort verhielten sich die Menschen im Vergleich zum Alltagsleben schon abweichend. Aber wenn es um die Bekämpfung von strafbarem abweichenden Verhalten gehe, seien Taten jenseits des Legalen gemeint. Typische Beispiele seien Gewalt, Zerstörung, rassistische Sprüche und das Einsetzen von Pyrotechnik. Bei der Beurteilung dieser Taten müsse man berücksichtigen, dass in der Subkultur Fußballszene abweichendes Verhalten oft zu Normalverhalten werde. In der Subkultur gelten eigene Normen und Werte, an die man sich halten müsse, um zur Gruppe zu gehören, erklärt Kabs.

3. Die Fußballfansozialarbeit in Deutschland

3.1 Die Geschichte der Fußballfansozialarbeit und des Fanprojektes Dresden

Fußballfans wurden Ende der 1970er-Jahre das erste Mal von Streetworkern des Jugendamtes München betreut. Damals finanzierte die Kommune ihre Arbeit. Den ersten Bildungsurlaub für Fußballfans von Eintracht Frankfurt veranstaltete die hessische Sportjugend in der Saison 1979/80. Die gemachten Erfahrungen führten zur Konzeption des ersten Frankfurter Fanprojektes von 1984 bis 1987. Es wurde aus Mitteln der hessischen Sportjugend und des Bundes finanziert. Wissenschaftler forderten die Fußballvereine allerdings bereits deutlich früher auf, ihre Aktivitäten über die üblichen Angebote hinaus zu erweitern. Zu den Forderungen, in deren Zusammenhang auf die Erfolge außerschulischer Jugendarbeit verwiesen wurde, gehörten unter anderem erlebnis- und handlungsorientierte Angebote für Fans, um deren Kompetenzen zur Konfliktlösung sowie zur friedlichen Kontaktaufnahme und Kommunikation zu verbessern. Zusätzlich wurde eine Mittlerfunktion zwischen den Interessenlagen der jugendlichen Fußballfans und denen der Sportvereine und der staatlichen Ordnungsgewalt gefordert (vgl. Lichtenberg; Paesen 2008, S. 40).

Bereits 1979 wurde im vom Bundesinnenministerium in Auftrag gegebenen Gutachten „Sport und Gewalt“, das 1982 veröffentlicht wurde, ein zielgruppenorientierter Einsatz von Sozialpädagogen in der Fanszene gefordert. Daraufhin entstanden Fanprojekte in Bremen, Hamburg, Hannover, Frankfurt und Berlin. Die Entwicklungen kamen allerdings erst in Gang, als ein Fan bei einem Fußballspiel zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV durch einen Steinwurf ums Leben kam. Entstehungsgrundlage aller deutschen Fanprojekte vor dem NKSS waren der erkenntnistheoretische und der jugendpolitische Handlungsdruck vor dem Hintergrund gewalttätiger Ereignisse. Die Mitarbeiter der Fanprojekte bemerkten schnell, dass es weniger galt, mit den Jugendlichen an ihren Problemen zu arbeiten, sondern eher das Medieninteresse an den Problemen zu verringern. Durch das immense öffentliche Interesse an den gewalttätigen Entwicklungen im Fußballsport bestand zudem die Gefahr, dass übertriebene Erwartungen an die Fanprojekte gestellt wurden (vgl. ebd., S. 40f.).

Wissenschaftler mahnten die Vereine häufig zur Verantwortung, nicht nur kommerziellen Interessen nachzugehen, sondern auch soziale Orientierung zu bieten. Tatsächlich distanzierten sich die Bundesligavereine und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) allerdings von diesen Problemen und negierten Zusammenhang und Verantwortung für dieses Verhalten. Sie wären ein gesellschaftliches Problem und demnach von der Gesellschaft und ihren Institutionen zu verhindern. Aufgrund dieser Haltung mussten zahlreiche Fanprojekte ihren Betrieb wegen unklarer Finanzierung wieder einstellen. Die Politik investierte eher in ordnungspolitische Maßnahmen (vgl. Lichtenberg; Paesen 2008, S. 41).

[...]

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Fußballfansozialarbeit als Präventionsmöglichkeit abweichenden Verhaltens
Untertitel
Das Fanprojekt Dresden
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
49
Katalognummer
V301199
ISBN (eBook)
9783956874048
ISBN (Buch)
9783668004375
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fußballfansozialarbeit, abweichendes Verhalten, Devianz, Prävention, Fanprojekt, SG Dynamo Dresden, Fußball, Fan, Sozialarbeit, Nationales Konzept Sport und Sicherheit, NKSS
Arbeit zitieren
Dipl.-Päd. Eric Mildner (Autor), 2008, Fußballfansozialarbeit als Präventionsmöglichkeit abweichenden Verhaltens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301199

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