Parteilichkeit in der Arbeit mit Frauen aus häuslichen Gewaltsituationen


Hausarbeit, 2012
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Häusliche Gewalt gegen Frauen als soziales Problem
Begriffsbestimmungen
Beziehung
(Häusliche) Gewalt
Das Ausmaß der Gewalt an Frauen
Die Situation des weiblichen Opfers

Parteilichkeit als Handlungsprinzip in der Arbeit mit Frauen aus häuslichen Gewaltsituationen
Der feministische Parteilichkeitsbegriff
Parteilichkeit und Professionalität
Feministische Parteilichkeitskonzepte
Die „Mittäterschaft der Frau“
Der „Blick von der Seite“
Ansprüche einer parteilichen Beratung von Frauen an die Praxis Sozialer Arbeit

Die Inhalte von Beratungen in Frauenhäusern am Beispiel des Frauenhauses Freiburg

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Eine junge, selbstbewusste Frau genießt ihr Leben und zieht frisch verliebt mit einem Mann zusammen. Dieser Mann beginnt daraufhin jedoch sein wahres Gesicht zu zeigen: Er verbietet seiner Partnerin das Haus ohne seine Einwilligung zu verlassen und misshandelt sie brutal, wobei seine Tätlichkeit von Mal zu Mal lebensbedrohlicher ausfällt. Die Frau verliert im Laufe ihres Zusammenlebens fast gänzlich ihre frühere Identität, lebt komplett von der Außenwelt isoliert und wird Zeuge der schlimmsten Auswüchse von Gewalt – vor allem gegen Frauen.

Diese Erlebnisse schildert Katja Schneidt in ihrem autobiographischen Buch „Gefangen in Deutschland“, auf das ich während der Vorbereitung auf einen Seminarvortrag stieß. Neben dem erschreckenden Ausmaß an Gewalt, welches die Autorin in ihrer Beziehung über sich ergehen lassen musste, konnte sie trotz allem den Mut aufbringen zu fliehen und arbeitet heute u. a. mit Frauenhäusern zusammen, um Frauen aus häuslichen Gewaltsituationen zu unterstützen und Hilfestellung zu leisten. Das brachte mich als angehende Sozialarbeiterin zum Nachdenken: Wie genau kann solchen Frauen geholfen werden? Wie viele Frauen sind heute noch von Gewalt durch den Partner betroffen und wodurch zeichnet sich die Arbeit von Frauenhäusern aus? Die Antwort auf letztere Frage fand ich schnell: Der Grundbaustein Sozialer Arbeit in Frauenhäusern liegt in der parteilichen Grundeinstellung der Beraterinnen für die betroffene Frau. Doch geht man als Sozialarbeiterin nicht zu einseitig auf das Problem der häuslichen Gewalt zu, wenn man sich explizit auf die Seite der Betroffenen stellt?

In dieser Arbeit möchte ich mich mit der Frage befassen, was eine parteiliche Haltung zu Frauen aus häuslichen Gewaltbeziehungen auszeichnet und wie sie in der Praxis tatsächlich umgesetzt werden kann. Da es, gerade auch in feministischen Diskussionen, unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wie eine parteiliche Beratung von Frauen auszusehen hat, bzw. Parteilichkeit oft als subjektiv und somit unprofessionell angesehen wird, empfinde ich es als wichtig herauszufinden, warum Frauenhäuser dennoch seit Langem an diesem Prinzip festhalten.

Um einen Einblick in die Thematik der häuslichen Gewalt an Frauen zu gewinnen, möchte ich diese vorerst als gesellschaftliches Problem darstellen, indem ich Gewalt und Beziehung als Begriffe definiere und das Ausmaß der Tätlichkeiten gegen Frauen anhand von Statistiken darstelle. Durch die kurze Beschreibung der Situation, in der sich Frauen nach einer Tat befinden, steige ich danach in die Diskussion über eine parteiliche Haltung in der Arbeit mit ihnen ein. Dafür möchte ich klären, was Parteilichkeit bedeutet, ob man als Sozialarbeiter unter diesem Prinzip überhaupt professionell handeln kann und welche feministischen Konzepte in der Praxis zur Anwendung kommen können. Indem ich einige theoretische Ansprüche an Beraterinnen in der Arbeit mit betroffenen Frauen zusammenstelle, lege ich zum Schluss noch kurz dar, in welche Inhalte der Beratung in Frauenhäusern diese Prinzipien einfließen müssen, d. h. wie die Arbeit in solchen Einrichtungen gestaltet ist.

Wie die Diskussion über den Parteilichkeitsbegriff für von häuslicher Gewalt betroffener Frauen schon impliziert, vernachlässige ich im Folgenden die Perspektive des Täters und konzentriere mich stattdessen auf die des Opfers.

Häusliche Gewalt gegen Frauen als soziales Problem

Begriffsbestimmungen

Damit ich mich der Diskussion über parteiliche Haltungen im Umgang mit Frauen aus häuslichen Gewaltsituationen überhaupt annähern kann, ist es notwendig, vorerst einige begriffliche Klärungen durchzuführen, die zum Verständnis dieser thematischen Auseinandersetzung beitragen sollen. Dadurch möchte ich meine Untersuchung inhaltlich klar eingrenzen und einen Einblick über den Umfang meiner Herangehensweise an die Thematik gewähren. Ich behandle häusliche Gewalt an Frauen hier ausschließlich als Vorkommnis in erwachsenen Beziehungen, obwohl es natürlich auch Gewalt von Söhnen gegenüber Müttern oder zwischen anderweitig Verwandten gibt. Da sie in den meisten Fällen jedoch vom Mann gegenüber Frau und Kindern ausgeht (vgl. Hellbernd u. a. 2003, S. 23), beschränke ich mich im Folgenden auf jene geschlechtsspezifische Einordnung, wobei ich Gewalttaten gegen Kinder jedoch auf Grund des für diese Arbeit zu großen Umfangs ausklammere. Zuerst möchte ich klären, was eine partnerschaftliche Lebensgemeinschaft heute ausmacht und wie sie sich definiert. Als Zweites nähere ich mich dann dem Begriff der häuslichen Gewalt an, um zu differenzieren, was unter ihr in dieser Arbeit verstanden werden soll.

Beziehung

Eine Beziehung zwischen zwei Menschen definiere ich in dieser Ausführung als Sammelbegriff für die Ehe und ähnliche Partnerschaften. Dabei meine ich jedoch nur heterosexuelle Lebensgemeinschaften und vernachlässige die von homosexuellen Paaren, weil Untersuchungen über Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen immer noch eine Minderheit der Gewaltforschung ausmachen (vgl. Godenzi 1994, S. 143). Um Godenzis Kritik, die fehlende Thematisierung des konkreten Ausschlusses homosexueller Partnerschaften in einer Abhandlung sei ein unzulässiger Fall von Heterozentrismus, da das dortige Vorkommen von Gewalt nicht mit dem gegengeschlechtlicher Lebensgemeinschaften gleichgesetzt werden kann (vgl. ebd.), aufzunehmen, möchte ich hier explizit allein auf heterosexuelle Beziehungen eingehen.

Nach Nini (u. a. 1995, S. 38) ist eine Partnerschaft heute nicht mehr länger eine Verbindung auf Lebensdauer. Vielmehr kann sie als Einheit „zweier Biografien mit (…) unterschiedlichen Vorgaben und Zwängen“ (Beck zitiert nach ebd.) verstanden werden, was zwar recht spröde klingen mag, aber doch das Aufzeigen der Probleme innerhalb einer solchen Gemeinschaft ermöglicht. Das Rollenverständnis von Mann und Frau ist laut Nini (u. a. 1995, S. 39) in Wandlung, denn jeder der Partner strebt in einer Verbindung nach Eigenständigkeit, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung. Wo sich frühere Lebensgemeinschaften noch durch den Mann als finanziellen Versorger und die Frau als häusliche emotionale Fürsorgerin auszeichneten, so sei diese Arbeitsteilung heute keine Selbstverständlichkeit. Auch habe eine Beziehung nun einen breiteren Interpretationsrahmen, den manch einer mit dem Begriff der traditionellen Ehe ausfüllen mag, ein anderer jedoch mit dem einer Affäre von begrenzter Dauer. Die klare Struktur einer Partnerschaft gerät somit ins Wanken, was laut Nini u. a. schon ein Garant für aufkommende Konflikte sein kann, denen unter Umständen mit Gewalt begegnet wird (vgl. ebd., S. 39).

(Häusliche) Gewalt

Gewalt lässt sich vielfach und unter verschiedenen Aspekten definieren. Ich sehe als erstes Neubauers Unterscheidung zwischen psychischer und physischer Gewalt (vgl. Neubauer u. a. 1998, S. 11) als funktionell besonders wichtige an, da diese Differenzierung die Betrachtung der unterschiedlichen Ausprägungsarten ermöglicht. Unter physischer Misshandlung versteht Neubauer die direkt ausgelebte Aggression gegen eine Person (vgl. ebd.), welche z. B. vom Frauenhaus Freiburg u. a. als Ohrfeigen, Schlagen, sexuelles Nötigen, Vergewaltigen und Zufügen von Knochenbrüchen und Messerstichen bis hin zur Tötung verstanden wird (vgl. Bussmann 2010, S. 6). Da mir Neubauers Ausführungen zur psychischen Gewalt, die demnach durch absichtliches Missverstehen eines Partners und das Vergessen wichtiger Angelegenheiten einer Person zugefügt wird (vgl. Neubauer u. a. 1998, S.11), recht dürftig erscheinen, möchte ich erneut auf die Beschreibungen des Freiburger Frauenhauses zurückgreifen. Dieses führt unter seelischer Misshandlung Unterdrückung, Beleidigungen, Provokation, Demütigung, und Drohungen auf (vgl. Bussmann 2010, S. 6). Obwohl Gewalt in diesem Sinne auch noch viele andere Gesichter zeigen kann, z. B. ökonomisch (Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frau gegenüber dem Mann) oder sozial (Kontrolle der sozialen Kontakte, Isolation der Frau) gesehen (vgl. Hellbernd u. a. 2003, S. 23), so ist jedoch vor allem wichtig, dass auch die unsichtbare, d. h. psychische, Verletzung immer einen Teil des Gewaltbegriffes ausmachen muss, damit einem umfassenden Verständnis über ihre Ausprägungen und Folgen Genüge getan werden kann.

Der feministische Ansatz in dieser Debatte um die Begrifflichkeit sieht zusätzlich die strukturelle Verankerung von Gewalt als ausschlaggebend an. Demnach hänge sie von der gesellschaftlichen Toleranz von Misshandlungen des Mannes gegenüber der Frau und von gesellschaftlichen Bedingungen, die diesbezüglich zu Benachteiligungen der Frau führen, ab (vgl. Neubauer u. a. 1998, S. 11f). Ich teile jedoch Hagemann-Whites Auffassung, dass dieses Konzept zwar verdeutlichen kann, inwiefern männliche Gewalt auch von außen gefördert wird, doch dass es die Gefahr einer Totalisierung mit sich bringt, welche wichtige Unterschiede im Ausmaß der Verletzungen an Frauen vernachlässigt (vgl. Hagemann-White 1997, S. 27). Dadurch würde eine Frau nicht mehr als Subjekt ihrer eigenen Wahrnehmung aufgefasst.

Um den Versuch einer allgemeingültigen Definition von Gewalt aufzustellen, stütze ich mich weiterhin auf Hagemann-Whites Erklärungen, da sie Gewalt aus der Perspektive der praktischen Arbeit mit betroffenen Frauen betrachtet. Für meine folgende Diskussion über Parteilichkeit im Helfersystem ist diese Ansicht deshalb von Nutzen. Gewalt wird dort als Handlung aufgefasst, für die eine Person selbst verantwortlich ist und die einschneidende Wirkungen auf konkret benennbare Opfer hat. Sie umfasst die „(…) Verletzung der körperlichen oder seelischen Integrität eines Menschen durch einen anderen“ (Hagemann-White 1997, S. 28) und wird jemandem „(…) unter Ausnutzung eines Machtverhältnisses durch die strukturell stärkere Person (…)“ (ebd., S. 29) zugefügt.

Dieser Beschreibung fehlt jedoch der meines Erachtens nach wichtigste Aspekt im Verständnis von Gewalt, nämlich die subjektive Definitionsmacht des Opfers über seine erlittenen Verletzungen. Deshalb verfolgt auch der feministische Ansatz die Annahme, dass Frauen das Recht eingeräumt werden müsste selbst zu bestimmen, was sie als Misshandlung ihnen gegenüber erleben (vgl. ebd., S. 30). Hagemann-White proklamiert, dass die „(…) Grenzsetzung zwischen Gewalt und Nicht-Gewalt (…) nur vom Subjekt aus und im Kontext von dessen Handlungsmöglichkeiten bestimmbar [ist]“ (ebd., S. 30). Demnach könne es eigentlich keinen objektiven Gewaltbegriff geben.

Ich verstehe häusliche Gewalt hier als Gewalt in einer Beziehung zwischen Mann und Frau unter den oben genannten einschränkenden Aspekten. Dabei ist sie in der Regel kein einmaliges Ereignis, sondern viel eher ein komplexes Misshandlungssystem von Verhaltensweisen des Täters mit dem dauerhaften Ziel der Kontrolle eines Opfers (vgl. Hellbernd u. a. 2003, S. 23). Selbst, wenn sich der Begriff nicht allgemeingültig definieren lässt, so erhält man als Außenstehender durch die grobe Einteilung in physische, psychische, ökonomische und soziale Misshandlungen trotzdem einen Überblick darüber, wie Gewalt gegen Frauen ausgeprägt sein könnte.

Das Ausmaß der Gewalt an Frauen

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) zeigte 1992 auf, dass zwei Drittel aller Gewalttaten gegen Frauen im sozialen Nahraum erfolgt. 16% aller Befragten waren Opfer von sexuellem oder anderweitig körperlichen Missbrauchs durch einen Lebenspartner (vgl. Hellbernd u. a. 2003, S. 25). Nach einer neueren Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2012) von 2009 haben sogar ca. 25 % der Frauen in Deutschland zwischen 16 und 85 Jahren mindestens einmal Gewalt durch einen Beziehungspartner erleben müssen. Das entspricht jeder vierten Frau.

Diese Zahlen zeigen eine häufige Betroffenheit des weiblichen Geschlechts von häuslicher Gewalt auf, weshalb man es durchaus als soziales Problem anerkennen sollte. Rausch (1998, S. 68) sieht ein soziales Problem dann als gegeben an, wenn fünf Aspekte erfüllt sind. Als erstes muss es sich um einen Sachverhalt handeln, der zwischenmenschliche Beziehungen betrifft. Dieses Kriterium erfüllt häusliche Gewalt von Männern an Frauen. Durch die Statistiken wird klar, dass auch der zweite Punkt, welcher eine weite Verbreitung des Problems voraussetzt, zutrifft. Rausch führt weiter aus, dass ein solcher Zustand von der Gesellschaft verändert werden soll. Dies bestätigt Hagemann-White (1997, S. 29), indem sie erklärt, Opfer von Gewalt hätten fundamentale Ansprüche an das Gemeinwesen, nämlich den auf Gerechtigkeit und den auf Hilfe zu einem gewaltfreien Leben. Nach Rausch sind die Zustände eines sozialen Problems für Betroffene schwierig, weil entsprechende Ressourcen nicht zur Verfügung stehen. Hagemann-White bestätigt dies, da sie erklärt, Opfer könnten ihre Ansprüche meist nicht aus eigener Kraft geltend machen. Als Letztes muss nach Rausch die Lage der Betroffenen durch ihr Problem als belastend, unerwünscht oder bedrohlich empfunden werden. Diesen letzten Aspekt über die Empfindungen der weiblichen Opfer werde ich nun als nächstes weiter ausführen, um, zum Einen, meine Darstellung zur Gewalt durch männliche Beziehungspartner als soziales Problem zu vervollständigen und bestätigen, und, zum Anderen, einen Einblick in die Perspektive betroffener Frauen zu liefern, um danach in die Diskussion über parteiliche Anteilnahme an ihnen einzusteigen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Parteilichkeit in der Arbeit mit Frauen aus häuslichen Gewaltsituationen
Hochschule
Evangelische Fachhochschule Freiburg
Veranstaltung
Wissenschaft der Sozialen Arbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V301361
ISBN (eBook)
9783956872013
ISBN (Buch)
9783668003439
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Frauen, häusliche Gewalt, Sozial, Soziale Arbeit, Parteilichkeit, parteilich, professionell, Professinalität, helfen, Hilfe, Situation, Arbeit, Frauenarbeit
Arbeit zitieren
Katharina Reimitz (Autor), 2012, Parteilichkeit in der Arbeit mit Frauen aus häuslichen Gewaltsituationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301361

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