Intertextualität. Wolframs Hartmann-Apostrophe im hochmittelalterlichen Literatursystem


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1 Erkenntnisinteresse

2 Unterschiede zum Perceval von Chrétien de Troyes.

3 Intertextuelle Verweise zu Hartmanns Erec
3.1 Die Funktion der Hartmann-Apostrophe
3.2 Konstruktion einer fingierten Erzählwelt?

4 Fazit

5 Quellen- und Literaturverzeichnis

6 Abkürzungsverzeichnis

1 Erkenntnisinteresse

Bei der Lektüre von Wolfram von Eschenbachs Parzival fällt auf, dass in mehre- ren Passagen literarische Anspielungen auf andere Werke der mittetlalterlichen Li- teratur gemacht werden. Besonders häufig verweist der Parzival direkt oder indi- rekt auf die Werke Hartmann von Aues, speziell auf seinen Erec. Im Apparat zur kritischen Textausgabe wird auf diverse Parallelen dieser Art verwiesen.1 Doch die Figuren aus Hartmanns Werken und ihre Handlungen werden nicht nur genannt; Hartmann wird auch direkt angesprochen (Pz, 143, 21-30) und es wird ein ge- schwisterliches Verhältnis zwischen Jeschûte und Erec konstruiert (Pz, 134, 5-30); die Familien werden über die Grenzen der Texte hinaus miteinander verflochten. Bumke deutet Hartmanns Funktion in diesem Kontext als „Autorität in Fragen der Artus-Thematik“.2 Wand benennt die intertextuelle Verweise, welche sie eher als Reaktionen auf Hartmanns Texte auffasst3, als „Korrespondenzen […] zwischen den Werken der beiden Autoren“4, welche „wiederkehrende Namen, Begriffe, Er- eignismuster, Ereignisse oder Themen […] aber auch formale z.B. stilistische Ge- meinsamkeiten“5 beinhalten können. Diese Thesen haben bei mir die Frage aufge- worfen, welche Funktionen diese Passagen wirklich einnehmen - innerhalb des Textes und im Literatursystem.

Über die genealogischen Beziehungen zwischen den Parzival- Figuren Wolframs wurde bereits einiges herausgefunden6. Die intertextuellen Verknüpfungen durch Figurenbeziehungen fanden bis jetzt zwar einige Beachtung, jedoch wird in der Forschung kontrovers diskutiert, welche Funktionen diesen zukommen.

Im Folgenden gilt es zu untersuchen, welche Funktion die intertextuellen Verweise zu Hartmanns Erec im Parzival selbst und innerhalb des Literatursystems dieser Zeit erfüllen. Ferner wird überprüft, inwiefern die Genealogie in diesem Kontext eine Rolle spielt. Zu diesem Zweck wird eine ausgewählte Textstelle auf ihre Funktionen hin analysiert. Überdies wird diese betreffende Passage im Roman mit der Vorlage von Chrétien de Troyes verglichen.7

2 Unterschiede zum Perceval von Chrétien de Troyes

Da der Perceval von Chrétien de Troyes Wolfram bei seinem Parzival als Vorlage diente, muss an dieser Stelle auch kurz berücksichtigt werden, inwiefern die im Folgenden behandelte Passage von der Vorlage divergiert. Chrétiens Perceval setzt nur wenige hundert Verse vor der behandelten Textstelle ein, diese Passage müsste also ganz zu Anfang des Romans stehen (also etwa zwischen Pc 835-861). Parzival bzw. Perceval macht sich auf den Weg zum Artushof, jedoch findet sich in Chrétiens Fassung keinerlei Eingriff in die Erzählung; sie wird ohne Unterbre- chung an dieser Stelle fortgeführt. Folglich kann die anschließende Interpretation der Textstelle aussagen, dass sich die Ergebnisse nur auf Wolframs dichterische Besonderheiten erstrecken und es für solcherlei Eingriffe keine Vorlage im altfran- zösischen Perceval gibt.

3 Intertextuelle Verweise zu Hartmanns Erec

Über die Verwendung von intertextuellen Verweisen in Wolframs Parzival, auch zum Erec ist bereits einiges herausgefunden worden; ebenso über die Genealogie innerhalb des Romans. Jedoch ist man sich in puncto Bedeutung und Bewertung uneinig: „Im Unterschied zu seinem Vorgänger Chrétien hat Wolfram in seiner Bearbeitung des Parzival-Stoffes nicht nur viele namenlose Figuren benannt, son- dern auch nahezu alle benannten - und viele unbenannte - miteinander verwandt gemacht. Eine allgemeinere Bedeutung dieses Vorgehens wird in der Forschung gemeinhin anerkannt, im einzelnen wird Wolfram sein Verfahren eher als eine komplizierte Marotte zugute gehalten“.8

Was bis dato zwar Beachtung fand, aber bisher sehr verschieden interpretiert wird9

- und gleichfalls eine Gelenkstelle dieser beiden Themenkomplexe darstellt - ist die Verknüpfung von Romanen zu einer fingierten Erzählwelt anhand von genea- logischen Verknüpfungen. Zu diesem Zweck wird die sog. „Hartmann-Apostro- phe“10 (Pz 143,21-144,4) ausgewählt, da sie gegenüber anderen Stellen, die Erec und Parzival genealogisch verknüpfen, ein Alleinstellungsmerkmal besitzt.

3.1 Die Funktion der Hartmann-Apostrophe

Die vielleicht außergewöhnlichste Stelle für einen mittelalterlichen Roman ist in diesem Zusammenhang ein Exkurs, in welchem die Handlungsebene unvermittelt verlassen wird. In der Hartmann-Apostrophe wird Hartmann direkt angesprochen und seinen Figuren Enite und ihrer Mutter wird Spott angedroht (Pz 143,21- 144,4):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 WOLFRAM VON ESCHENBACH: Parzival:, hrsg. Karl Lachmann, Peter Knecht, Bernd Schirok, Berlin [u.a.] 22003 De-Gruyter-Texte, S. CXXI-CXXII.

2 BUMKE, JOACHIM: Wolfram von Eschenbach, 8., völlig neu bearb. Aufl., Stuttgart 2004 Sammlung Metzler.

3 WAND, CHRISTINE: literarische Reaktionen auf Hartmann im „Parzival“, hrsg. v. Wolfram von Eschenbach, Hartmann von Aue, Herne 21992, S. 14.

4 WAND: Wolfram von Eschenbach und Hartmann von Aue, 21992, S. 7.

5 Ebda.

6 Vgl. DELABAR, WALTER: Erkantiu sippe unt hoch geselleschaft: Studien zur Funktion des Verwandtschaftsverbandes in Wolframs von Eschenbach Parzival, Göppingen 1990 Göppinger Arbeiten zur Germanistik 518. und SUTTER, ROLF E.: Mit saelde ich gerbet han den gral: genealogische Strukturanalyse zu Wolframs von Eschenbach Parzival, Göppingen 2003 Göppinger Arbeiten zur Germanistik 705. In Letzterem findet sich eine sehr detaillierte und systematische Aufarbeitung mit vielen Stemma der verschiedenen Familien in Wolframs Parzival, interessanterweise ohne die „intertextuelle Verwandtschaft“ wirklich zu berücksichtigen.

7 Einen vergleichbaren Ansatz, wenn auch nicht mehr ganz aktuell, da er die persönlichen Beziehungen Wolframs zu Walther berücksichtigt, findet sich bei SCHOLZ, MANFRED GÜNTER: Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach: literarische Beziehungen und persönliches Verhältnis, 1966.

8 SUTTER, ROLF E.: Mit saelde ich gerbet han den gral: genealogische Strukturanalyse zu Wolframs von Eschenbach Parzival, Göppingen 2003 Göppinger Arbeiten zur Germanistik 705, S. 231.

9 Einen vielversprechenden Ansatz findet man bei DRAESNER, ULRIKE: Wege durch erzählte Welten: intertextuelle Verweise als Mittel der Bedeutungskonstitution in Wolframs Parzival, Frankfurt am Main [u.a.] 1993 Mikrokosmos 36, S. 217-225.

10 WAND: Wolfram von Eschenbach und Hartmann von Aue, 21992, S. 23-29.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Intertextualität. Wolframs Hartmann-Apostrophe im hochmittelalterlichen Literatursystem
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Wolframs „Parzival“ im Kontext mittelalterlichen Erzählens
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V301509
ISBN (eBook)
9783956874468
ISBN (Buch)
9783668004993
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wolfram von Eschenbach, Parzival, Mediävistik, Ältere Deutsche Literatur, Hartmann-Apostrophe, Genealogie, Intertextualität
Arbeit zitieren
Birte Katrin Jensen (Autor), 2015, Intertextualität. Wolframs Hartmann-Apostrophe im hochmittelalterlichen Literatursystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301509

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