L'amour est l'enfant de la liberté. Vom Mythos der Liebe in Frankreich


Essay, 2014

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von Charles bis François. Die maîtresse des Königs

3. Leben wie Gott. Das Bild Frankreichs in Deutschland

4. Douce France. Land des Genusses?

5. Oh là là? Die Französin

6. Amour toujours. Eine Sprache zum Säuseln

7. Bisou bisou. Französische Umgangsformen

8. Baudelaire, Balzac, Bardot: Das kulturelle Gedächtnis Frankreichs

9. Schlusswort

Bibliografie

1. Einleitung

Es ist das erste diesjährige Ereignis auf der europäischen Boulevardbühne: Am 10. Januar 2014 veröffentlicht die französische Ausgabe des Klatschmagazins Closer die mit einem angeblichen Beweisfoto illustrierte Titelstory L'amour secret du président. Bereits seit längerer Zeit spekuliert die Presse über eine Affäre des französischen Staatspräsidenten François Hollande mit der Schauspielerin Julie Gayet. Nun ist sie anscheinend bewiesen, das Thema wird von den renommierten französischen Medien aufgegriffen und es passiert – nicht viel. Einige Tage später gibt Hollande die Tren­nung von seiner langjährigen Lebensgefährtin bekannt, Gayet klagt Closer wegen Verletzung des Rechts auf Privatsphäre an, dementiert wird nichts. Der Skandal bleibt aus.

Diese Gelassenheit, mit der Betroffene und Medien auf den Vorfall reagieren, weckt meine Aufmerksamkeit und stellt den Ausgangspunkt dieser Betrachtung dar. Als ich mit der Recherche beginne, fange ich dort an, wo die Demaskierung ihren Anfang nahm: auf der Internetseite von Closer. Während ich die Suchergebnisse zu den Schlagworten Hollande und Gayet überfliege, fallen mir Schlagzeilen wie Cinq choses à savoir sur Julie Gayet und Julie Gayet: Découvrez ses 10 meilleurs looks ! ins Auge. Fotos der Schauspielerin in Abendgarderobe, mit strahlendem Lächeln auf roten Teppichen füllen Fotogalerien und vermitteln den Eindruck, als sei Julie Gayet bereits als neue première dame akzeptiert. Und da ist er auch schon, der Artikel, der die Enthüllung des Tages neben aller boulevardistischen Sensationsgier in einen grö­ßeren Zusammenhang einordnet: François Hollande, Nicolas Sarkozy, Jacques Chirac… les présidents séducteurs. Schließlich ist François Hollande nicht der erste französische Präsident, dessen Untreue gegenüber seiner Lebensgefährtin allgemein bekannt – und toleriert ist.

„Auch weiterhin wird keine Affäre einen französischen Präsidenten stürzen können, und Hollandes politisches Schicksal wird nicht von seinen Liebeswirren bestimmt werden“, schreibt der SPIEGEL[1] - aber wie lässt sich das erklären? Wodurch bleibt die Glaubwürdigkeit des Präsidenten scheinbar unangetastet – denn wie wäre die Re­aktion in Deutschland, käme eine heimliche Affäre Angela Merkels ans Licht? Warum scheint eine Reaktion wie die des US-Präsidenten Bill Clinton, der sich im Jahr 2000 mehrfach für sein Verhältnis mit einer Praktikantin öffentlich entschuldigte[2], in Frankreich kaum denkbar? Warum finden wir einen derartigen Vorfall in unserem Nachbarland verzeihlich, vielleicht sogar charmant?

Entschlossen, ausgehend von diesem Phänomen über die erotische Kultur Frank­reichs zu schreiben und den Mythos vom "Land der Liebe" zu entschlüsseln, beginne ich meine Suche nach geeigneten Quellen – und muss ernüchtert feststellen, dass es erstaunlich wenig deutschsprachige Fachliteratur zum französischen Verständnis von Liebe, Ehe, Sex und Treue gibt. Spezifische Publikationen zu Themen wie der Rolle der französischen Frau vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, zur mittelalterlichen Lie­beslyrik sowie populärwissenschaftliche, oft eher peinlich berührende als informative Texte sind zahlreich, doch an einer umfangreichen Entschlüsselung mangelt es. So ist auch dieser Essay als die Annäherung an ein Thema zu verstehen, das von verschie­denen Seiten nach Erklärungen sucht.

2. Von Charles bis François. Die maîtresse des Königs

„Dieser Hof ist wirklich die größte Komödie der Welt“, lautete das Urteil des venezianischen Gesandten Primi Visconti über die Versailler Zustände unter Louis XIV. „Der König lebt mit seinen Favoritinnen, auf jeder Seite eine, […] manchmal kann man ihn auch mit der Königin und den beiden Maitressen in der Kutsche fahren se­hen.“[3]

Und tatsächlich erscheint es anfangs etwas skurril, beginnt man, sich mit der höfisch-tradierten Rolle der Maitresse im absolutistischen Frankreich auseinanderzusetzen.

Den Anfang bildete Agnès Sorel (um 1425–1450), als Geliebte Charles VII. (1403–1461) die erste offizielle, in den Geschichtsbüchern verzeichnete Maitresse. Oft als Projektionsfläche für überkommene Idealvorstellungen von Weiblichkeit benutzt und durch literarische Werke zum Mythos erschaffen, setzte sich der Kult um ihre Person auch Jahrhunderte nach ihrem Tod fort: Als 1801 ihr durch die Revolution beschädig­tes Grabmal restauriert wurde, brachte man über dem Eingang die Inschrift an: Je suis Agnès, vive France et l'Amour! [4]

Doch obwohl Charles VII. Agnès Sorel wie auch seinen weiteren Maitressen treu blieb (sofern man von Treue sprechen kann), verleugnete er sie ein Leben lang[5] – die Ausdifferenzierung der Stellung und Funktion der Maitresse dauerte noch einige Jahrzehnte und fand ihren Höhepunkt mit der wohl bekanntesten Geliebten eines französischen Königs, über die so viel geschrieben und fantasiert wurde wie über keine andere: Jeanne Antoinette Poisson, bekannt als Madame de Pompadour (1721–1764). Über einen Zeitraum von neunzehn Jahren blieb sie so lange wie keine andere Maitresse die Favoritin eines Königs – Louis XV. (1710–1774). Sie gilt als der „Pro­totyp der Maitresse, an dem Vorgängerinnen wie Nachfolgerinnen dargestellt und ge­messen werden“.[6]

Es ist falsch, die Beziehung zwischen König und Maitresse individualisiert, als eine aus einem zufälligen Zusammentreffen entstandene amour fou zu betrachten. Der Platz der maîtresse en titre wurde gezielt angestrebt – bei Madame de Pompadour liefert ihre ungewöhnlich sorgfältige Erziehung einen Hinweis darauf, dass ihr Weg zur Geliebten des Königs von langer Hand geplant war.[7] Demnach hatte die Position der Maitresse einen Amtscharakter inne, der durch ihre verschiedenen Rechte und Aufgaben innerhalb der höfischen Gesellschaft unterstützt wird. Vor allem war sie für die Vermittlung zwischen König und Höflingen zuständig: Als „vorgeschaltete Barriere“[8] erlangte sie eine außerordentliche Machtposition – sie konnte filtern, wo­von der König erfuhr und wovon nicht. Dieses Privileg ist sicherlich als eine der Ur­sachen für die Anfeindungen der Maitresse am Hof anzusehen.

Da sie in engster Beziehung zum König stand, war die Maitresse nicht nur für die in Versailles lebenden Höflinge, sondern auch für Botschafter und ausländische Herrschende von Interesse.[9] So war das Buhlen um die Gunst der Maitresse groß – jedoch musste sie sich umgekehrt auch um die Akzeptanz der Hofgesellschaft bemühen. Um diese zu erlangen, waren große finanzielle Aufwendungen notwendig, da ein ausreichendes Kapital ihre Nähe zum Herrscher belegte. So konnte sie ihren Status durch Aufträge an Künstler und Bauherren unter Beweis stellen – und spielte eine bedeu­tende Rolle in der Kunstproduktion des Landes.[10]

Der politische Einfluss der Maitresse war nicht institutionalisiert – neben den gesellschaftlichen Umständen waren Durchsetzungsfähigkeit, Neigung und Charakter die Faktoren, die den Einfluss der Maitresse bestimmten. Antoinette de Maignelais (1420–1474), Cousine Agnès Sorels und spätere Maitresse Charles' VII., wurde während ihrer zehnjährigen Amtszeit so einflussreich, dass nicht einmal der Bruder der Königin an ihr vorbeikam, wollte er in Kontakt mit dem Hof treten.[11] Oft nutzten Maitressen ihr Amt auch aus, um Familienmitglieder mit höfischen Ämtern zu versorgen, wodurch sie ihre eigene Position am Hof sicherten.

Jedoch profitierte auch der König in politischer Hinsicht von seiner Maitresse, die für ihn die Funktion eines Machtinstruments erfüllte. Er konnte sie vor seine eigene Per­son stellen und „Angriffe, die sich sonst ausschließlich gegen ihn hätten richten müs­sen, auf sie (…) konzentrieren“.[12] Zudem konnte der König seinem Hof durch sie de­monstrieren, von welcher Bedeutung die Nähe zu ihm war.

Die Beziehung zwischen König und Maitresse stellte also vielmehr ein Zweckbünd­nis dar, sicherlich auch durch persönliche Zuneigung geprägt, und lässt sich nicht „mit den Schlagworten von weiblicher Schönheit und männlicher Schwäche begrei­fen“.[13] Schönheit allein hätte wohl auch nicht ausgereicht, um, wie im Fall von Ma­dame de Pompadour, beinahe zwanzig Jahre lang ein derart stark begehrtes Amt aus­zufüllen. Intelligenz, Charme, Ehrgeiz, die Kenntnis höfischer Kommunikationsme­chanismen, die Fähigkeit zur Inszenierung sowie eine gute, innerhöfische Vernetzung sind die in historischen Abhandlungen dazu verwendeten Attribute, die den Erfolg der Maitressen begründen. Gerade im Fall von Madame de Pompadour ist davon aus­zugehen, dass sie ihre Stellung nur durch kluges, strategisches Vorgehen sichern konnte. Andere Quellen bescheinigen ihr die „Kunst der Verfeinerung des Lebens im Luxus bis zur Stilbildung für eine ganze Epoche“.[14]

Dass Madame de Pompadour als ursprünglich Nichtadlige so hoch aufsteigen und lange in ihrer Position verweilen konnte, ist das Resultat einer Entwicklung, die mit der letzten Maitresse Louis' XIV., Madame de Maintenon, begonnen hatte: Während unter den ersten Maitressen vor allem Frauen aus bedeutenden Adelsfamilien stamm­ten (zum Beispiel Gabrielle d'Éstrées[15], die auf dem Titelblatt dieser Arbeit abgebil­det ist), wandten sich die Könige nun immer mehr Frauen aus bürgerlichen Kreisen zu – zum einen konnten diese im Zweifelsfall nicht auf eine mächtige Verwandt­schaft zurückgreifen, zum anderen wurde die Bedeutung der Nähe zum Herrscher dem Adel so sehr eindrücklich demonstriert. Diese Entwicklung belegt, „wie ausgereift die Position der Maitresse um die Mitte des 18. Jahrhunderts war“.[16] Das schlägt sich auch in den sich über die Jahre verändernden Bezeichnungen nieder: War im 17. Jahrhundert noch von der maîtresse du roi die Rede, wurde sie im 18. Jahrhundert zunehmend als maîtresse déclarée oder maîtresse en titre bezeichnet.

Freilich muss die Tradition der Maitresse vor dem Hintergrund gesehen werden, dass der König in seiner dynastisch organisierten Ehe gegebenenfalls auf persönliche Zuneigung verzichten musste, „und als Entschädigung dafür das Recht besaß, sich eine Mätresse zu nehmen, was seine Gemahlin zu respektieren hatte [...].“[17]

Absolutistische Höfe gab es auch in Deutschland, bekanntlich erlangte jedoch keiner davon eine vergleichbare Bedeutung wie das französische Königshaus – zu zersplit­tert war das Heilige Römische Reich im Gegensatz zum zentralistisch organisierten Frankreich, dessen politischer und kultureller Mittelpunkt das Schloss Versailles bil­dete. So richtete sich das Augenmerk in Deutschland nicht auf einen einzigen König, sondern auf mehrere, die dementsprechend von geringerer Bedeutung waren. Sicher­lich werden auch sie Geliebte gehabt haben; August der Starke hatte Beziehungen zu zahlreichen Maitressen – einen ähnlichen Bekanntheitsgrad wie Madame de Pompa­dour und die übrigen französischen Maitressen weisen sie jedoch nicht auf.

Etliche Entwicklungen und Zustände in Frankreich lassen sich auf die höfische Gesellschaft des Absolutismus zurückführen, auch „die Codierung von Liebe“.[18] Die französische Revolution bedeutete zwar einen tiefgreifenden Bruch, jedoch waren Traditionen und Habitus zu ihrem Zeitpunkt schon so weit fortgeschritten, dass in Bezug auf Kultur, Verhalten und auch auf die zentralistische Organisation des Landes eine Kontinuität zu beobachten ist.[19]

Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts beschreiben den König als den „höchsten Rich­ter, den Oberherr“. Gerecht und sparsam sollte er sein, ein gläubiger Christ – eheli­che Treue und die Unterordnung unter die christliche Sexualmoral waren jedoch nicht gefordert.[20]

Auch heute steht der französische Staatspräsident an vorderster Stelle – er verkörpert Frankreich, seine Geschichte und Kultur, kurz gesagt, die französische Zivilisation. Geschehnisse aus dem Élysée-Palast gelten als stilprägend für die Nation.[21] (Ob das beim aktuellen Umfragetief Hollandes momentan der Fall ist, sei dahingestellt.) Und nach wie vor gilt die Prämisse, dass die privaten Angelegenheiten von Politikern hin­ter verschlossenen Türen nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Als der US-Prä­sident Bill Clinton 2000 wegen der Affäre zu einer Praktikantin öffentlich angepran­gert wurde, schlugen liberale Amerikaner eine „französische Lösung“ vor und rieten zu eben jener „gallischen Haltung“.[22] Der damalige französische Kulturminister Jack Lang verfasste einen öffentlichen Brief an die USA, in dem er die Absurdität der An­klage erläuterte. Für die von amerikanischen Politikern erwartete Transparenz und die damit einhergehende Gerichtsbarkeit des Privatlebens, durch die das Gesetz einen sakralen Charakter erhält, hat man in Frankreich wenig Verständnis: „Unter diesen Umständen müsste in Frankreich das ganze Kabinett zurücktreten“, bemerkte dazu der frühere Premierminister Michel Rocard.[23]

[...]


[1] von Rohr, Mathieu (29.01.2014): Frankreich und Hollandes Affäre: Präsident Herzlos. Spiegel Online.

URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/frankreich-und-hollandes-affaere-praesident-herzlos-a-946164.html

[2] o.V. (11.08.2000): Clinton: Straft Gore nicht für meine Lewinsky-Affäre! Spiegel Online.

URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/clinton-straft-gore-nicht-fuer-meine-lewinsky-affaere-a-88622.html

[3] Herre/Lessing 1989, S. 116.

[4] Henzler 2012, S. 21.

[5] Henzler 2012, S. 21.

[6] Weisbrod 2000, S. 279.

[7] Ebd., S. 280.

[8] Ebd., S. 281.

[9] Ebd., S. 290.

[10] Ebd., S. 290.

[11] Henzler 2012, S. 228.

[12] Weisbrod 2000, S. 295f.

[13] Curtius 1930, S. 224.

[14] Schultz 2004, S. 10.

[15] 1570–1599, Maitresse von Henri IV.

[16] Weisbrod 2010, S. 284.

[17] Schultz 2004, S. 9.

[18] Götze 2010, S. 23.

[19] Ebd., 23f.

[20] Meyer 1990, S. 31.

[21] Wickert 1990, S. 151.

[22] Ebd., S. 148.

[23] Ebd., S. 148.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
L'amour est l'enfant de la liberté. Vom Mythos der Liebe in Frankreich
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Literaturwissenschaft und Literarisches Schreiben)
Veranstaltung
Die literarische Kultur Frankreichs
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V302227
ISBN (eBook)
9783668012905
ISBN (Buch)
9783668012912
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frankreich, Liebe, Mythos, Sex, Erotik, Barthes, Mätresse, Maitresse, Hollande, Gayet, Präsident
Arbeit zitieren
Ann-Kristin Tlusty (Autor), 2014, L'amour est l'enfant de la liberté. Vom Mythos der Liebe in Frankreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302227

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