"Er, Sie, Wir" und "die Anderen". Die soziale Konstruktion von Ethnie und Geschlecht als Macht- und Strukturkategorien

Das Geschlecht (in) der Migration


Masterarbeit, 2015
100 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Frauen- und Geschlechterforschung: Geschlecht in der Perspektive
1.1 Die Unterscheidung von Sex und Gender
1.2 Postfeministische Kritik an der Differenzierung von Natur und Kultur
1.3 Die Herstellung von Differenz als machtvolle Unterscheidung
1.4 Geschlecht als Macht- und Strukturkategorie

2. Die Erfindung von 'Wir' und den 'Anderen'
2.1 Von Rasse über Ethnie zu kulturellen Unterschieden
2.1.1 Rassismus als gesellschaftshierarchisierende Praxis
2.1.2. Kultureller Rassismus: Antimuslimischer Rassismus

3. Migration
3.1 Von Gastarbeiter_innen und Ausländer_innen zu Menschen mit Migrationshintergrund
3.2 Das Geschlecht (in) der Migration

4. Pädagogische Theorie und Praxis
4.1 Pädagogischer Umgang mit 'den Anderen': Von der Ausländerpädagogik über die Interkulturelle Pädagogik zur Migrationspädagogik
4.2 Die Kategorie 'Geschlecht' in der Pädagogik

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Oftmals heißt es, es benötige Irritation, um reflexive Lern- und Bildungsprozesse in Gang zu setzen; und genauso oft lässt sich dem meines Erachtens zustimmen. Eine kritische Betrachtungsweise sollte Bestandteil eines jeden universitären Studiums sein. Mein Studium der Bildungswissenschaften ist mitunter geprägt von der Auseinandersetzung mit solchen Themen, welche das gesellschaftliche Leben von Individuen und Gruppen strukturieren. So gehört hierzu unter anderem die intensive Beschäftigung mit Thematiken der Frauen- und Geschlechterforschung und der sozialen Ungleichheit. Kritische Debatten zu vorherrschenden Geschlechterbildern und ihre Folgen begleiten über Jahre hinweg meinen Universitätsalltag. In Erinnerung an ein Seminar zur Gendertheorie sind sich die meisten Kommiliton_innen einig: Das Geschlecht ist nicht nur sozial konstruiert, sondern auch die Folgen der dadurch bedingten sozialen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern werden von uns enttarnt. Scheinbar kritisch und reflektiert vollzieht sich die Diskussion unter den Teilnehmer_innen über 'die' Frauen, bis für mich das besagte Moment der Irritation auftritt: Über wen sprechen wir hier eigentlich?

Der Ursprung der folgenden Abhandlung lässt sich genau dort verorten, wo normalisierte Muster auffallen und zum Gegenstand von Reflexion und Kritik werden. Denn der Auslöser der Irritation war die kurze Thematisierung von Migrantinnen im Speziellen, bei denen es ja nochmal 'anders' sei, auch 'kulturell anders'. Diese Anmerkung bzw. dieser kaum merkliche Nebensatz erfuhr meine volle Aufmerksamkeit – und führte zur Irritation. Zum einen schien eine Vorstellung darüber zu bestehen, wer und wie 'die' Migrantinnen seien. Zum anderen war angedeutet, dass sie bislang in der Diskussion nicht gemeint sein konnten, als es um 'die' Frauen ging. Die Unterstellung einer (kulturellen) Andersartigkeit war als Sprechakt aus einer überlegenen Positionierung heraus kaum zu überhören; gesprochen wurde von 'uns' über 'sie'.

In der folgenden Abhandlung werde ich mich genau dieser Verbindung widmen1: der Verschränkung der Kategorie 'Geschlecht' mit der Kategorie 'Ethnie/ Kultur', welche als gesellschaftliche Macht- und Strukturdimensionen fungieren. Ich gehe in dieser Arbeit von der Annahme aus, dass Ethnisierungsprozesse parallel zu Geschlechterkonstruktionen verlaufen, und versuche aufzuzeigen, wie 'die andere' Frau bzw. 'der andere' Mann hervorgebracht als auch reproduziert und damit bestehende gesellschaftliche Hierarchien legitimiert werden.

Es ist nicht Ziel dieser Arbeit, Differenzen zu leugnen oder den Anschein zu erwecken, es gäbe diese schlichtweg nicht. Es wird vielmehr darum gehen aufzuzeigen, wie bestimmte Differenzierungen mit Hierarchisierung einhergehen, d.h. um die Wertung der Differenzen und den gesellschaftlichen Umgang mit ihnen. Ebenso ist mir durchaus bewusst, dass ich durch die Thematisierung und die damit einhergehende Wiederholung zu eben dieser Reproduktion beitrage. Dieses Dilemma lässt sich nicht gänzlich auflösen, da es andernfalls die Dethematisierung von Herrschaftsverhältnissen zur Folge hätte; diese Abhandlung versucht allerdings, weit über die sprachliche Reproduktion hinauszugehen, indem die den Differenzierungen innewohnenden gesellschaftsstrukturierenden Funktionsweisen und damit auch Machtverhältnisse sichtbar gemacht werden.

Wenden wir uns erneut der oben benannten Frage zu, über wen denn eigentlich gesprochen wird, wenn es um 'die Frauen' geht, so erweist sich diese keinesfalls als eine neu entdeckte.

Was die Kritik an einer homogenen Betrachtungsweise 'der' Frauen anbelangt, so hat diese ihre Wurzeln im US-amerikanischen Raum der 1970er Jahre, ausgelöst durch schwarze Feministinnen und/oder homosexuelle Frauen. Sie machten darauf aufmerksam, dass die Erfahrungen von Unterdrückung innerhalb 'der' Frauengruppe unterschiedlich sind und dass z.B. rassistische Ausgrenzungen im 'weißen Mittelschichtsfeminismus' keine Beachtung finden. Es lassen sich nicht alle Diskriminierungen gegenüber Frauen auf die Kategorie 'Geschlecht' zurückführen, sondern sie sind ebenso vor dem Hintergrund von Hautfarbe/Ethnie oder Klassenzugehörigkeit zu reflektieren.

Der Umstand von Überkreuzungen und Verschränkungen von unterschiedlichen Differenzdimensionen wurde ab Ende der 1980er Jahre unter dem Begriff 'Intersectionality'2 erfasst. Geprägt hat diesen Begriff die amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw, welche die Verwobenheiten von sozialen Ungleichheiten im Sinne einer Kreuzung, an der sich Machtwege überschneiden, zu veranschaulichen versucht3. Kimberlé Crenshaw beschreibt die Vorstellung von Intersektionalität in, meines Erachtens kreativer Weise, wie folgt:

„Intersectionality simply came from the idea that if you are standing in the path of multiple forms of exclusion, you are likely to get hit by both. These woman are injured, but when the race ambulance and the gender ambulance arrived at the scene, they see these woman lying in the intersection and they say, 'well, we can't figure out if this was just race or just sex discrimination. And unless they can show us which one it was, we can't help them'“4.

Eine intersektionale Perspektive versteht sich als Kritik daran, dass eine bestimmte Differenzkategorie, z.B. das Geschlecht oder die Klassenzugehörigkeit oder die sexuelle Orientierung, als dominant gewertet wird. Ebenso geht es nicht darum, mehrere Unterdrückungsweisen in Form einer Addition zusammen zu bringen: So würde jemand aufgrund von Hautfarbe + Geschlecht + sexueller Orientierung benachteiligt werden, also einer Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt sein. Es geht vielmehr darum aufzuzeigen, dass und wie diese Differenzkategorien aufeinander wirken, denn je nach Kontext können sich unterschiedliche Differenzdimensionen verstärken oder auch abschwächen5.

In der deutschsprachigen Literatur bestreiten Helma Lutz und Norbert Wenning (2001) den Versuch, die unterschiedlichen gesellschaftsordnenden Differenzkategorien aufzulisten. Die tabellarische Auflistung nach der Logik von 'dominiert' und 'dominierend' wurde von Rudolf Leiprecht und Helma Lutz (2005) noch etwas erweitert. Insgesamt formulieren sie 15 Differenzlinien:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Leiprecht/ Lutz, 2006, S. 220)

Auch im Verlauf dieser Arbeit wird ersichtlich werden, dass unterschiedliche Differenzkategorien ineinander greifen und in Wechselwirkung stehen, weshalb ich den Intersektionalitätsansatz als einen angemessenen Weg betrachte, um über Differenzen zu sprechen. Bezug nehmend auf die in der Tabelle aufgeführten Differenzlinien werden beispielsweise neben männlich und weiblich auch Angehörige bzw. Einheimische ebenso thematisiert wie Nicht-Angehörige und Zugewanderte. Die selbst attestierte Modernität und Fortschrittlichkeit 'des Westens' wird hinsichtlich der Konstruktion eines rückständigen und traditionellen Gegenbildes in den Blick genommen. Zudem werden sowohl die ethnische Markierung und Religiosität als auch die soziale Etablierung eine Schlüsselrolle in dieser Abhandlung spielen. Mit der primären Fokussierung dieser Arbeit auf 'Geschlecht' und 'Ethnie' scheint der Anspruch des Intersektionalitätsansatzes nicht erfüllt zu werden. Um allerdings die Verschränkung von bestimmten Kategorien sichtbar zu machen, d.h. auch den gesellschaftlich-historischen Kontext, aus welchem sie sich herausgebildet haben, bestimmte Funktionsweisen und Wirkungen sowie die dazugehörigen Folgen, ist es in dem begrenzten Rahmen dieser Arbeit nicht anders bearbeitbar zu gestalten. Ebenso kann die Komplexität dieser Thematik im Kontext einer Masterthesis nicht in ihrer Gänze dargestellt werden, weshalb es notwendig sein wird, sich hinsichtlich der einzelnen Diskurse einzuschränken bzw. sich auf zielführende Aspekte vor dem Hintergrund des Interesses dieser Arbeit zu fokussieren.

Um zu Beginn aufzuzeigen, in welcher Weise das 'Geschlecht' ein sozial gemachtes, d.h. eine Konstruktion darstellt, wird Kapitel 1 zum einen die sozial-geschichtlichen Hintergründe der Thematik des Geschlechts umfassen. Ausgangspunkt stellt hierbei die Aufklärung und ihr Postulat der Gleichheit aller Menschen dar. Es wird versucht zu veranschaulichen, wie das Geschlecht als Folie zur Legitimation von gesellschaftlicher Hierarchisierung fungiert. Daran anknüpfend wird die perspektivische Entwicklung der Trennung von 'sex' und 'gender', wobei 'sex' das biologische und 'gender' das gesellschaftliche bzw. soziale Geschlecht darstellt, näher beleuchtet. Die poststrukturalistische Perspektive, welche 'sex' und 'gender' auf eine Art gleichsetzt, da 'sex' als rein natürliches, abseits von Kultur und gesellschaftlicher Hervorbringung existierendes Geschlecht kritisiert wird, markiert einen weiteren Bestandteil der vorliegenden Arbeit.

Dass nicht nur das 'Geschlecht' eine Konstruktion darstellt, welche als gesellschaftliche Strukturkategorie fungiert, sondern auch die 'Ethnizität' bzw. 'Kultur' und damit die Hervorbringung 'der Anderen', wird in Kapitel 2 explizit veranschaulicht. Die im Verlauf dieser Arbeit beschriebene Markierung 'der Anderen' lässt sich als kultureller Rassismus, genauer gesagt als antimuslimischer Rassismus, erfassen. Denn die in der Bundesrepublik zu 'Anderen' gemachten sind nicht alle oder beliebige Migrant_innen6. Mit der Thematik der Migration7, vorwiegend der Arbeitsmigration ab den 1960er Jahren, befasst sich das dritte Kapitel dieser Arbeit. Dieses umfasst im Speziellen die ethnisierende Konstruktion der 'Anderen' als 'weibliche Andere' und 'männliche Andere'. Die Bezugnahme auf Studien, Fallbeispiele, mediale Darstellungen und Literatur wird der besseren Verdeutlichung der hier bearbeiteten Thematik dienlich sein. Dabei erfolgt die Bemühung zu veranschaulichen, wie zeitlich zurückliegende Konstruktionen und Darstellungsweisen auch noch aktuell wirksam sind und weiterhin zur Reproduktion von machtvollen Unterscheidungen beitragen.

Die Hervorbringung 'der Migrantin' und 'des Migranten' sowie den damit verbundenen Folgen sozialer Ungleichheit und Hierarchisierung stellt selbstredend auch für die Pädagogik eine bedeutende Thematik dar. Nicht zuletzt aus dem Grund, weil pädagogische Theorie und Praxis einen Teil dieser gesellschaftlichen Machtverhältnisse darstellen und damit zu einer hierarchisierenden Reproduktion mit beitragen. Das vierte Kapitel beschäftigt sich daher mit dem pädagogischen Umgang hinsichtlich der Differenzkategorien 'Geschlecht' und 'Kultur'. Es erfolgen Einblicke in die Perspektiven der Ausländerpädagogik der 1970er Jahre und der daran anknüpfenden Kritik der 1980er Jahre, welche als Interkulturelle Pädagogik erfasst werden kann. Es wird aufgezeigt, wie pädagogische Unterscheidungspraktiken Differenzen reproduzieren und gesellschaftliche Machtverhältnisse konstituieren. Eine mögliche Antwort auf den kulturalistischen Ansatz der Interkulturellen Pädagogik bietet die Migrationspädagogik, welche seit Beginn der 2000er Jahre Eingang in die erziehungswissenschaftliche Theorie gefunden hat. In den Fokus gerückt wird zudem die Thematisierung von 'Geschlecht' in der Migrationsforschung sowie die Beachtung der Differenzkategorie 'Kultur' in der Frauen- und Geschlechterforschung.

Die thematische Auseinandersetzung mit machtvollen Unterscheidungen weist eine große Relevanz für die pädagogische Wirklichkeit auf: denn die Bedingung, einen Raum zu schaffen für mögliche Verschiebungen von hierarchischen Ordnungen, ist die einer kritischen Reflexion des eigenen pädagogischen Wissens über Frauen/Männer8 und Migrant_innen, d.h. die eigene Verstrickung in Macht- Herrschaftsverhältnisse sowie die Reflexion und Thematisierung von gesellschaftlich dominanten und meist unthematisierten Normalitätsvorstellungen.

1. Frauen- und Geschlechterforschung: Geschlecht in der Perspektive

Dass Geschlecht eine rein natürliche Gegebenheit darstellt, wurde nicht zuletzt von Simone de Beauvoirs bekanntester Aussage, man würde erst zur Frau werden und nicht bereits als solche zur Welt kommen9, stark angezweifelt.

Die Forschung, welche sich mit 'der Frau' oder 'den Frauen' beschäftigt, keimt aus der nach den 1968er Jahren entstandenen Frauenbewegung erneut auf, welche in der bundesrepublikanischen Literatur bereits die 'zweite Welle'10 markiert. Die historische Entwicklung wird in der öffentlichen Diskussion in drei große 'Wellen der Frauenbewegungen' unterteilt: Die erste Bewegung war die bürgerliche und proletarische Frauenbewegung im deutschen Kaiserreich, welche spätestens mit Beginn des Nationalsozialismus in Deutschland zum Erliegen kam. Die 'zweite Welle' bildete sich erst nach 1968 und gründete zunächst in den Student_innenprotesten.11

Bereits in der frühen feministischen Theorie und Forschung stand im Fokus der Kritik ein scheinbar natürlicher und unhinterfragter Androzentrismus: Alles, was als allgemein menschlich ausgegeben, wurde im Grunde nur rein männlich gedacht.12 Ob es sich um einen behandelnden Arzt, den nachts im Labor stehenden oder am Schreibtisch forschenden Wissenschaftler handelt, es sind niemals Bilder und Darstellungen geschlechtsneutraler Menschen, sondern erweisen sich diese stets als androzentristisch. Die frühe feministische Theoriebildung kritisiert die gesellschaftliche Stellung von Frauen und die patriarchale Beziehung zwischen den Geschlechtern, in denen Männer dominant und Frauen dominiert sind13.

„Feminismus [selbst] lässt sich als Ensemble von Debatten, kritischen Erkenntnissen, sozialen Kämpfen und emanzipatorischen Bewegungen fassen, das die patriarchalen Geschlechterverhältnisse, die alle Menschen beschädigen, und die unterdrückerischen und ausbeuterischen gesellschaftlichen Mächte, die insbesondere Frauenleben formen, begreifen und verändern will“14.

Es scheint, als sei nicht nur die politische und rechtliche Unterschiedlichkeit bzw. Differenz der Geschlechter vorausgesetzt, sondern sei diese soziale Ungleichheit auch eine natürliche bzw. in der Natur zu verankern.

Im feministischen Diskurs lassen sich hinsichtlich der Frage der Differenz vier Strömungen vorfinden: Wir stoßen auf einen Diskurs der Gleichheit, welcher primär auf gesellschaftlich-politische Gleichberechtigung abzielt und naturalisierende Erklärungsansätze zur Legitimierung von Ausschlüssen von Frauen ablehnt. Als zweite Strömung ist die Ontologisierung zu nennen, d.h. die Betonung von positiver Differenz zwischen den Geschlechtern. Beabsichtigt ist die Hervorhebung des 'Andersseins' von Frauen gegenüber Männern. Das Androgynitätskonzept fokussiert eine Aufhebung der Geschlechterdifferenz zugunsten von Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten zwischen Männern und Frauen. Ausgangspunkt ist die Annahme einer psychischen Bi-Sexualität des Menschen. Die vierte Perspektive markiert der Post-Feminismus, welcher heute kaum ohne Judith Butler, auf die im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch eingegangen wird, zu denken ist.15

Seit den 1990er Jahren spricht man von der 'dritten Welle' der Frauenbewegung, welche im US-amerikanischen Raum ihre Wurzeln hat. Denn obgleich bislang von 'den Frauen' die Rede ist, gibt es diese in einem homogenen Verständnis nicht: Schreibe ich über ein hierarchisches Verhältnis zwischen Männern und Frauen, so sind nicht alle Frauen gleich davon betroffen. Klasse und Ethnizität beispielsweise spielen ebenfalls eine große Rolle und verändern die Situation und die jeweiligen Erfahrungen unterschiedlicher Frauen. Dieser Einwand ist, wie zuvor erwähnt, keineswegs neu, denn bereits in den frühen 1980er Jahren verwies darauf z.B. Hazel Carby mit ihrer Anfrage an weiße Feministinnen aus der Mittelschicht: „What exactly do you mean when you say WE?“16. Die Kritik schwarzer afroamerikanischer Frauen aus den USA war nun kein 'regionalspezifisches' Problem, denn auch aus dem deutschsprachigen Raum wurden kritische Stimmen bereits in den 1970er Jahren deutlich wahrnehmbar.

„Die feministische Diskussion um Differenz hat sich selbstkritisch auf den eigenen Subjektstatus gewendet und die vermeintliche Einheit der Kategorie Frau gesprengt […] Eine Kritik an einem Mittelschichts- und Heterosexualitätsfokus sowie vor allem die Kritik von Schwarzen Feministinnen an einer dominanten weißen Perspektive hat eine Multiperspektivität sowohl auf Subjektivitäten wie auf Herrschaftsverhältnisse hervorgebracht“17

Seit einigen Jahren geht es also nicht mehr nur um Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, sondern verstärkt auch innerhalb dieser. Eine Einsicht darüber, dass mehrere Herrschaftsachsen durch die Kategorie 'Frau' laufen, führte zu Veränderungen im Feminismus. Der Perspektivwechsel, welcher nicht länger den Begriff 'Frauen' als Verweis auf gemeinsame Erfahrungen fokussiert, zieht es vielmehr nach sich, dass die Differenzen zwischen Frauen deutlicher in den Blick geraten: „Das frühere Wir ist nicht länger unproblematisch, und es wird deutlich, dass es von Anfang an nicht so einfach war, das Wir von uns Frauen“18.

Die Konstruktion des 'wir' (und damit auch 'der Anderen') steht mit Blick auf eine weitere Kategorie, nämlich die der 'Ethnie' oder 'Kultur', im Zentrum dieser Arbeit. Bevor dies hier allerdings vertiefender Gegenstand sein soll, gehe ich einen Schritt zurück und thematisiere die Konstruktion von Geschlecht. Für das Verständnis der Argumentationslinie dieser Abhandlung ist es wichtig, vorab zu klären, auf welche Weise Geschlecht gesellschaftlich konstruiert ist und welche Entwicklungen in der Perspektive stattgefunden haben.

Die Thematik der Konstruktion wird in zwei der drei Hauptströmungen der Geschlechterforschung explizit: Im diskurstheoretischen Dekonstruktivismus und im interaktionistischen Konstruktivismus. Bei der dritten Strömung handelt es sich um die strukturorientierte Gesellschaftskritik.

Die strukturorientierte Gesellschaftskritik fokussiert Geschlecht als ein sozialstrukturelles Phänomen. Sie richtet ihren Blick auf die Unterdrückung von Frauen sowie hierarchische Geschlechterverhältnisse. Diese Strömung weist eine hohe Affinität zur Frauenbewegung auf und fasst das Geschlecht als bedeutsame gesellschaftliche Strukturkategorie. Im Gegensatz zur strukturorientierten Gesellschaftskritik thematisiert der interaktionistische Konstruktivismus weniger die Ungleichheitsstrukturen, sondern vielmehr den konkreten Prozess der Konstruktion von Geschlecht. Diese Theoriefolie widmet ihr Interesse dem wie der Herstellung von Geschlecht anhand sozialer Interaktionen. Eine weitere Perspektive auf die Thematik stellt der diskurstheoretische Dekonstruktivismus dar, welcher das Geschlecht als ein „Ordnungsprinzip auf der Ebene von Bedeutungen“19 begreift. Ausgehend davon, dass Diskurse Bedeutungen produzieren und damit erst gesellschaftliche Realität entsteht, betrachtet der diskurstheoretische Dekonstruktivismus auch das, was eben nicht thematisiert bzw. ausgeschlossen wird20.

Alle drei Betrachtungsweisen bezüglich der Thematik des Geschlechts sind hinsichtlich ihres jeweiligen Schwerpunkts eine große theoretische Bereicherung:

„Die eine Perspektive ist gut darin, empirische Prozesse wie die Konstruktion von Geschlecht zu rekonstruieren, die andere bekommt eher gesellschaftliche Machtverhältnisse in ihrer Verschränkung mit Sozialstruktur in den Blick, während die dritte ihr Augenmerk darauf legt, ob die gewählten Kategorien der jeweiligen Frage angemessen sind“21.

Unter dem Label 'konstruktivistisch' lassen sich weit mehr als beispielsweise sozialkonstruktivistische, diskurstheoretische und dekonstruktivistische Ansätze finden. Wenn wir über Konstruktionen bzw. konstruktivistische Perspektiven sprechen, so ist zu sagen, dass wir weit entfernt sind von einer klaren und „wie auch immer einheitlichen Theorie der Geschlechterkonstruktion“22. Wichtig sei an dieser Stelle primär das Bewusstsein des 'Hergestellten', des 'Gemachten' bezüglich der Geschlecherthematik.

1.1 Die Unterscheidung von Sex und Gender

Seit den 1970er Jahren ist in der Geschlechterforschung eine grundlegende Trennung in Sex und G ender gang und gäbe.

Eingeführt wurde damit das 'Zugeständnis', Geschlecht habe einen sozial konstruierten Anteil: Denn während S ex das biologische, anatomische Geschlecht meint, bezeichnet G ender eine Geschlechtsidentität23 und somit eine sozial-kulturelle Dimension bzw. die „soziale Formung von Geschlecht hinsichtlich der Identität, Rolle und Wahrnehmung, also Kultur“24. Diese Unterscheidung hatte für den Feminismus eine große (politische) Bedeutung: Das, was vorher als natürliche Konsequenz und naturgegeben betrachtet, wurde nun in Zweifel gezogen. Die Kritik an der Kategorie 'Geschlecht' wiederum impliziert die grundsätzliche Möglichkeit einer Veränderbarkeit der selbigen Kategorie. Für die Diskussion um Geschlechterhierarchien war diese Unterscheidung ein erheblicher Fortschritt.

Der Körper als biologische Gegebenheit (S ex) sei also eine Art 'Basis' des sozialen Geschlechts (G ender). So kann diese Entwicklung als eine mögliche Notwendigkeit für eine beginnende Veränderung betrachtet werden – dennoch sollte auch dieser Erkenntnisprozess nicht zum 'Stillstehen' kommen.

Denn G ender ist mehr als bloß das soziale Geschlecht; vielmehr umfasst dieser Begriff einen ganzen Diskurs der 1990er Jahre und meint auch die Infragestellung der zweigeschlechtlichen Ordnung.

Judith Butler, Philosophin und bedeutsame Theoretikerin auf dem Gebiet der Geschlechterforschung, kann zum bereits erwähnten Post-Feminismus gezählt werden. Ihre Kritik an der S ex-Gender -Unterscheidung sowie ihre Theorie im Allgemeinen ist maßgeblich leitend für eine gender-theoretische Pädagogik25 und soll daher im Folgenden näher beleuchtet werden.

1.2 Postfeministische Kritik an der Differenzierung von Natur und Kultur

Judith Butler thematisiert das Geschlecht zwar anknüpfend an die de Beauvoirische Auffassung über „die Gewordenheit der Frau“26, allerdings deutlich radikaler in dem Sinne, als dass sie auch den Körper als biologisches Fundament anzweifelt.

Denn kritikwürdig an der Separation von S ex und G ender bleibt die damit unangetastete „Unterscheidung […] von Natur und Kultur/Gesellschaft“27. So wirft Judith Butler in ihrer Abhandlung „Das Unbehagen der Geschlechter“ genau diese Frage auf und argumentiert wie folgt:

„Werden die angeblich natürlichen Sachverhalte des Geschlechts nicht in Wirklichkeit diskursiv produziert, nämlich durch verschiedene wissenschaftliche Diskurse, die im Dienste anderer politischer und gesellschaftlicher Interessen stehen?“28

Butler widerstrebt es, das Geschlecht als etwas Nicht-Veränderbares und Feststehendes anzusehen, da sie davon ausgeht, dass nicht nur G ender, sondern auch S ex ein rein kulturelles Produkt dargestellt und es demzufolge keiner Trennung bedarf:

„Ja, möglicherweise ist das Geschlecht (sex) immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen, so daß sich herausstellt, daß die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität letztlich gar keine Unterscheidung ist […] Die Geschlechtsidentität darf nicht nur als kulturelle Zuschreibung von Bedeutung an ein vorgegebenes anatomisches Geschlecht gedacht werden […] Vielmehr muss dieser Begriff auch jenen Produktionsapparat bezeichnen, durch den die Geschlechter (sexes) selbst gestiftet werden. Demnach gehört die Geschlechtsidentität (gender) nicht zur Kultur wie das Geschlecht (sex) zur Natur“29.

Es stellt sich also die Frage, wie man die Geschlechtsidentität so neu formuliert, „damit sie auch jene Machtverhältnisse umfasst, die den Effekt eines vordiskursiven Geschlechts (S ex) hervorbringen und dabei diesen Vorgang der diskursiven Produktion selbst verschleiern.“30 So gibt es keinen Körper, der nicht bereits durch kulturelle Werte 'beladen' ist. Der Körper ist keine nicht-interpretierte, bedeutungslose und wertfreie Fläche. Der Körper ist selbst eine Konstruktion – und damit ist nicht gemeint, dass Butler keinen biologischen Unterschied zwischen Lebewesen sehe, sondern dass dieser Unterschied unzählige Bedeutungen hat. Keine solch kulturelle Interpretation und Bedeutung hat beispielsweise die Augenfarbe: Kommt ein Neugeborenes zur Welt, lautet in der Regel der erste Satz der Mediziner_in: „Es ist ein Mädchen/Junge“, nicht etwa „es ist ein Blauauge“. Denn genau hier liegt der Unterschied: Die Aussage über das Geschlecht des Kindes ist b eladen bzw. a ufgeladen mit Wert, Interpretation, Bedeutung, schlichtweg Kultur, die maßgeblich das weitere soziale und gesellschaftliche Leben des Kindes bestimmt bzw. festlegt. Die Augenfarbe hat keine strukturierende Bedeutung – und daher wird es wohl kaum eine der ersten Antworten der Ärzt_innen sein, wenn es die Frage betrifft, was das Kind denn nun sei. Zudem funktionieren gesellschaftliche Diskurse auch so, dass „bestimmte Handlungen als Ausdruck von Identitäten kategorisiert werden“31. So wähle ich z.B. ein Kleid als Kleidungsstück, lange Haare und Schminke zur Dekoration und werde 'problemlos' als Frau identifiziert, d.h. wiederum aber auch, dass ein bestimmtes Alltagswissen darüber, „was Männer und Frauen 'sind' […] den Rahmen dafür schafft, welche Formen von Identität existieren können und dürfen“32.

„Man kann [...] dem Körper keine Existenz zusprechen, die der Markierung ihres Geschlechts vorherginge. So stellt sich die Frage, inwiefern der Körper erst in und durch die Markierung(en) der Geschlechtsidentität ins Leben gerufen wird […] Daher kann das Geschlecht keine vordiskursive, anatomische Gegebenheit sein. Tatsächlich wird sich zeigen, daß das Geschlecht (sex) […] immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen ist“33.

Hier ist kaum zu übersehen, dass es sich bei Judith Butler um eine Vertreterin des (diskurstheoretischen) Dekonstruktivismus handelt, einer der drei eben benannten grundlegenden Strömungen der feministischen Theoriebildung.

Die Wurzeln der diskurstheoretischen Dekonstruktion lassen sich in den Sprachwissenschaften finden; diese gehen davon aus, dass sich Realität erst durch die Sprache konstituiert. Diskurse, wie oben bereits erwähnt, sind folglich keine Abbildungen von gesellschaftlicher Realität, sondern stellen diese erst her. „Hegemoniale, durch Normen und Zwänge geprägte Machtverhältnisse kommen in Diskursen zum Ausdruck […] Sie schaffen Wirklichkeiten, indem sie Dinge benennen, Ausschlüsse produzieren und damit menschliche Wahrnehmung und Handeln rahmen, prägen, steuern“.34 Auch bei Butler sind die Sprache und der Diskurs zentrales Moment zur Konstruktion von Geschlecht. Aus einer poststrukturalistischen Sichtweise sind Diskurse insofern produktiv, als dass sie das, was sie anscheinend nur benennen, in Wirklichkeit (erst) hervorbringen, und dies allein dadurch, dass eine Aussage getätigt wird: „Diskurs ist nicht bloß gesprochene Wörter, sondern ein Begriff der Bedeutung; […] Ein Diskurs stellt nicht einfach vorhandene Praktiken und Beziehungen dar, sondern er tritt in ihre Ausdrucksformen ein und ist in diesem Sinne produktiv“35. Was zwischen einer angeblichen Geschlechtsnatur und uns steht, ist aus diskursanalytischer Perspektive die Sprache selbst, da der 'Bezug auf etwas' stets ein „linguistischer Rekurs“36 ist. Butler selbst macht in diesem Kontext Gebrauch von Austins Theorie der Performativa. Sprechen als Handlung bzw. Tätigkeit ist eine performative als solche, „die das, was sie benennt, hervorruft oder in Szene setzt und so die konstitutive Macht der Rede unterstreicht“37. Sprachliche Performativität meint an dieser Stelle eine sich ständig zitierende und wiederholende Praxis. Dies scheint schlüssig, da alles, was gesagt wird, bereits gesagt wurde und damit stets ein Zitat darstellt, durch welches ich in einen bereits bestehenden Diskurs eintrete. So schreibt auch Butler: „Sprechen bedeutet also zwangsläufig zu zitieren – es gibt keine Möglichkeit, nicht zu wiederholen“38. Der Sinngehalt einer Zitation ist selbstredend nicht bloße Wiederholung sondern immer ein einzigartiges Moment. Doch gerade performative Akte wie das Sprechen verschleiern ihren sozialen Charakter und wirken natürlich.

Bestimmte Gegebenheiten und Voraussetzungen werden von Dekonstruktivist_innen wie Judith Butler in Frage gestellt und ermöglichen damit, bestimmte Phänomene als geschichtlich entstandene Resultate von Machtwirkungen zu begreifen.

1.3 Die Herstellung von Differenz als machtvolle Unterscheidung

In ebenso einer Abgrenzung zur herkömmlichen S ex-Gender -Unterscheidung entwickelten West/Zimmermann in den 1980er Jahren den Ausdruck doing gender, um aufzuzeigen, dass Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität ein permanenter Herstellungsprozess ist, welcher durch praktisch jede menschliche Handlung vollzogen wird. Sie schreiben dazu:

„Das Herstellen von Geschlecht (doing gender) umfasst eine gebündelte Vielfalt sozial gesteuerter Tätigkeiten auf der Ebene der Wahrnehmung, der Interaktion und der Alltagspolitik, welche bestimmte Handlungen mit der Bedeutung versehen, Ausdruck weiblicher oder männlicher 'Natur' zu sein. Wenn wir das Geschlecht (gender) als eine Leistung ansehen, als ein erworbenes Merkmal des Handelns in sozialen Situationen, wendet sich unsere Aufmerksamkeit von Faktoren ab, die im Individuum verankert sind, und konzentriert sich auf interaktive und letztlich institutionelle Bereiche. In gewissem Sinne sind es die Individuen, die das Geschlecht hervorbringen. Aber es ist ein Tun, das in der sozialen Situation verankert ist und das in der virtuellen oder realen Gegenwart anderer vollzogen wird von denen wir annehmen, dass sie sich daran orientieren. Wir betrachten das Geschlecht weniger als Eigenschaft von Individuen, sondern vielmehr als ein Element, das in sozialen Situationen entsteht: Es ist sowohl das Ergebnis wie auch die Rechtfertigung verschiedener sozialer Arrangements sowie ein Mittel, eine der grundlegenden Teilungen der Gesellschaft zu legitimieren“39.

Zum einen 'macht' man also das Geschlecht und zum anderen 'tut' man dies in Interaktionen: Frei nach dem Motto, „man hat ein Geschlecht erst dann, wenn man es für andere hat“40, benötigt der Prozess der Herstellung, das doing gender, stets ein Gegenüber bzw. einen Anderen, der mich wahrnimmt, auf mich reagiert und umgekehrt. Interessant und bezeichnend ist, dass wir stets nur vermuten können, welches Geschlecht der jeweils Andere hat. Die Genitalien, welche ausschlaggebend sein müssten, werden in den seltensten Fällen von unserem Gegenüber wirklich gesehen; so wird stattdessen aufgrund von Verhalten, Kleidung, Stimme etc. die Klassifikation vorgenommen. Nachdem wir unser Gegenüber und ebenso wir selbst kategorisiert worden sind, wird unser Handeln und Agieren immer wieder hinsichtlich der Adäquatheit überprüft, so dass letztlich das Bild von Geschlecht als Mann oder Frau permanent reproduziert wird41.

Erwähnenswert sei an dieser Stelle, dass das erste Fundament einer Theorie der Geschlechterkonstruktion aus eben der Interaktionstheorie heraus entstand: Harold Garfinkels Studie (1967) zum Wechsel des Geschlechts der transsexuellen Person namens Agnes verdeutlichte bereits gegen Mitte der 1960er Jahre, wie die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht permanent im Alltag hergestellt wird42.

Abrundend lässt sich sagen, dass konstruktivistische Ansätze Erklärungsmodelle, welche naiv auf alltägliches Wissen und Stereotype hinsichtlich des Geschlechts zurückgreifen, kategorisch ablehnen: Denn die Dinge sind nicht so wie sie sind, sondern so, wie Gesellschaft sie deutet und interpretiert. Ziel ist also die Antwort, wie „ Ungleichheiten durch die Klassifikation von Geschlecht“43 hergestellt werden. Geschlecht als solches ist eine interaktive Leistung zwischen Darsteller_in und Beobachter_in bzw. das Ergebnis sozialen Handelns; und damit haben konstruktivistische Ansätze alle eine Gemeinsamkeit: Die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur und damit von Sex und Gender wird aus konstruktivistischer Perspektive abgelehnt44.

Die Frage, die sich nun unweigerlich stellen müsste – und in Ansätzen bereits Erwähnung fand - ist die nach der 'gesellschaftlichen Produktivität' einer solchen Struktur(-Kategorie). Es geht um die soziale Relevanz von Differenzen. Menschen unterscheiden sich in vielen Merkmalen und Eigenschaften, doch es gibt solche „Unterschiede, die einen Unterschied machen“45 und damit machtvoll und strukturierend sind. Nicht jede körperliche Differenz formt eine soziale Kategorie; so formuliert Rolf Nemitz meines Erachtens sehr treffend:

„Die Gesellschaft stellt nicht die Kahlen und die Behaarten gegenüber. Die Gesellschaft beachtet den Sexualdimorphismus, statt ihn nicht zu beachten. Warum? Das wird in der Regel durch einen Hinweis auf die Fortpflanzung erklärt. Unter dem Fortpflanzungsgesichtspunkt betrachtet, könnte das Geschlecht während des Lebenszyklus jedoch wechseln […] In unserer Gesellschaft ist das anders. Mann oder Frau ist man lebenslänglich. Das heißt aber: Die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht orientiert sich nicht an der Reproduktionsfunktion sondern an der Beschaffenheit der Genitalien […] Wenn die Zweiteilung des sozialen Geschlechts als ein Reflex der anatomischen Binarität erscheint, so liegt dem ein ideologischer Mechanismus zugrunde, die Naturalisierung des Sozialen. Diese Figur – die Gründung von Kultur und Natur – hat selbst historischen Charakter“46.

Nehmen wir Bezug auf den Beginn dieser Arbeit, welche von patriarchalen Verhältnissen zwischen den Geschlechtern und der Kritik an diesen, im Sinne von Widerstand und Protest in sozialen Bewegungen, handelt, und stellen im Folgenden die Geschlechterkonstruktion als Moment von Macht- und Herrschaftsstrukturen in den Fokus.

1.4 Geschlecht als Macht- und Strukturkategorie

Die Konstruktion von Geschlecht – wie auch andere Konstruktionen – sind Teil der Erschaffung von gesellschaftlicher Wirklichkeit. Von den Mitgliedern dieser werden die Konstruktionen als natürlich wahrgenommen, wobei sie rein „selbstproduzierte soziale Ordnungen“47 darstellen. Interessant ist doch, dass lange Zeit die Unterscheidung von S ex und G ender – also eine Gegensätzlichkeit zwischen Natur und Kultur, eine Ansicht, welche die Aufklärung mit einführte und festigte - weiter unhinterfragt blieb. Erst nach einer Weile 'erkannte' man, dass die Bedeutung von Geschlecht sich von Epoche zu Epoche veränderte und von 'Kulturkreis' zu 'Kulturkreis' verschieden sein kann. Durchaus ist seit Beginn der Menschheit die Differenz der anatomischen Körper 'bekannt' und keine neue Erfindung, allerdings ist die Transformation von bloßer Differenz in Dominanz bzw. Hierarch isie rung unter den Geschlechtern auch Mitresultat der Aufklärung und dem Postulat einer Gleichheit zwischen den Menschen. Dies mag zuerst widersprüchlich erscheinen, doch wurde im 18. Jahrhundert aufgrund der Gleichheitsidee eine (scheinbar) vernünftige Begründung notwendig, die geringwertige Positionierung von Frauen in der Gesellschaft zu legitimieren48. Denn das aufklärerische Ideal von selbstbestimmten und unabhängigen Bürgern galt selbstredend nur für Männer: Ihnen stand die dominierende Stellung in Politik, Wirtschaft und der Gesellschaft im Allgemeinen zu – denn Männer seien die vernunftbegabten (und rationalen) Wesen; Frauen hingegen stünden der Natur (und Emotionen) viel näher. Im aufklärerischen Zeitalter bedeutete Mensch sein, Mann sein49. Alltägliches Wissen über Geschlechterdifferenz und die natürliche zweigeschlechtliche Ordnung wurde vor allem mit Hilfe der Wissenschaften ab dem 18. Jahrhundert verfestigt. Anschaulich rekonstruiert hierzu Thomas Laqueuer (1990/dt. 1992) das zweigeschlechtliche Wissenssystem, welches das noch aus der Antike stammende medizinische 'Ein-Geschlechter-Modell' fortan ablöste50. Anhand unterschiedlicher Genitalien von Mann und Frau wurden Schlüsse über die grundsätzliche Unterschiedlichkeit der Geschlechter gezogen und zudem die Frau als Naturwesen proklamiert. Die scheinbar natürliche Bestimmung der Frau lasse sich an dem zum zentralen Organ erklärten Uterus selbstredend ableiten. Überdies wurden seit dem 18. Jahrhundert auch andere Bereiche der 'Welt' immer weiter und selbstverständlich verzweigeschlechtlicht: Ob beispielsweise eine Pflanze männlich oder weiblich klassifiziert wird, war vorher von keiner wirklichen Relevanz; andere Merkmale waren für die Analyse und Natur der Pflanzenwelt von größerer Bedeutung. Doch „auch die man-the-hunter-woman-the-gatherer- Hypothese der Primatenforschung oder die vom aktiven Sperma und dem passivem Ei handelnde Erzählung der Molekularbiologie zeigen, dass die Produktion wissenschaftlichen Wissens als ein spezifischer, den Regeln wissenschaftlichen Beweisens folgender Modus der Geschlechterkonstruktion zu verstehen ist“51.

Dazu kommt noch die Erkenntnis, dass Geschlechterdifferenzen aus der Gesellschaft hinein in die Wissenschaft und von dort aus in die Natur transferiert werden – und nicht anders herum.

Dieses Jahrhundert also, welches Aufklärung und die Französische Revolution birgt, hängt mehr als nur eng mit der ersten Welle der Frauenbewegung zusammen; diese Zeit gilt als Geburtsstunde des Feminismus, weil im Vordergrund die Ausweitung der Menschenrechte auch auf Frauen stand52.

Es etablierte sich zu dieser Zeit verstärkt die Vorstellung über die Komplementarität zwischen Männern und Frauen, und damit eine grundlegende Unterschiedlichkeit der Geschlechtscharaktere. Eine hierarchische Geschlechterbeziehung ließ sich zwar auch vor dem 18. Jahrhundert vorfinden, allerdings galten Frauen als 'geringere' Männer: den Männern zwar untergeordnet, aber im Prinzip gleichartig und nicht gänzlich verschieden53. Eine grundlegende Unterschiedlichkeit sowie die Vorstellung von Komplementarität ist ein Modell der „wechselseitigen Ergänzung zur Vollständigkeit“54 und birgt – als produktiver Effekt – eine konkurrenzvermeidende Wirkung hinsichtlich dem gesellschaftlichen und privaten Leben der beiden aufeinander bezogenen Geschlechter.

Zuschreibungen von Eigenschaften delegierten Frauen in den privaten (häuslichen und familiären) Bereich und Männer in den öffentlichen. Eine geschlechtliche Arbeitsteilung und das Idealbild der bürgerlichen Ehe und Familie sind Folgen dieser Zeit. So schreibt meines Erachtens Wetterer 2010 sehr treffend:

„Im 18. Jahrhundert finden wir nicht nur Anfänge des zweigeschlechtlichen Wissenssystems in Biologie, Medizin und Anthropologie, sondern auch die Anfänge der bürgerlichen Familie und einer mit ihr verbundenen Arbeitsteilung, die Frauenwelt und Männerwelt in einer Weise trennen, die in der Geschichte beispiellos ist“55 56.

Dieses Idealbild der bürgerlichen Familie und der daran gebundenen unterschiedlichen Rollenverteilung wurde auch mithilfe pädagogischer und populärwissenschaftlicher Lektüre verbreitet und angepriesen. Pädagogik und Bildung umfassten somit auch das Ziel, Frauen besser an ihre (zugeschriebene) Bestimmung heranzuführen:

„Die Definition der Geschlechtscharaktere ist zugleich die Formulierung eines Bildungsprogramms. Als man daran ging, auch den Mädchen eine planvolle Ausbildung zukommen zu lassen, stand das Urteil über das Wesen der Frau bereits fest. Ausbildung zielte einzig und allein darauf ab, dieses Wesen eindeutiger herauszubilden“57.

An die Partizipation von Frauen an Politik und Wirtschaft war nicht zu denken; zur Aufgabe der Frau wurde es, sich um die private Sphäre zu kümmern. Die bürgerliche Frau war für Ehe und Familie zuständig und dafür, dem „Mann in den unruhigen Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs Ruhe und Stabilität zu sichern“58. Immerhin gehöre dies ganz natürlich zu dem Charakter einer Frau dazu.

Diese unterschiedlichen Charaktereigenschaften und die damit einhergehende Geschlechterdifferenz wurden als naturgegeben bzw. natürlich betrachtet und nicht als soziales Ordnungssystem, welches die patriarchale Vormachtstellung der Männer garantierte und die rechtliche Privilegierung legitimierte59. Doch genau dies war es: Geschlecht wurde (noch mehr) zur Dimension sozialer Ungleichheit. Die Geschlechterdifferenz erweist sich damit nämlich als Resultat und „Erfindung medizinischer, biologischer, psychiatrischer, philosophischer und politischer Diskurse“60. Drastisch bezeichnet Degele die moderne Erfindung der Geschlechterdichtonomie als Reaktion zur Abwehr des Emanzipationsbestrebens von Frauen: Dort, wo Frauen nach gesellschaftlicher Macht und Anerkennung drängen, stehen ihnen plötzlich gesellschaftliche Ideologien im Weg61 und tun dies bis heute; Degele verweist hier auf den 'Schlankheitswahn', wenn sie schreibt: „Auch heute findet dieser Mechanismus einen sogar körperlichen Niederschlag. So wurden Frauen gerade dann dünner und unsichtbarer, als die zweite Frauenbewegung zunehmend in gesellschaftliche Machtpositionen drängte“62.

An dieser Stelle ist es nicht angemessen, lediglich in einer vergangenen Form hinsichtlich sozialer Ungleichheit zu sprechen: Denn auch heute ist das Konstrukt 'Geschlecht' fester Bestandteil jeder gesellschaftlichen Ordnung. Eine Ordnung, die Macht- und Herrschaftsverhältnisse reguliert und in gewissem Maße kaum angezweifelt wird. Bei dieser Konstruktion handelt es sich um:

„[...] a system of social practices within society that constitutes people as different in socially significant ways and organizes relations of inquality on the basis of the difference […] The continued, everyday acceptance of the gender system requires that both people's experiences and widely shared cultural beliefs confirm for them that men and woman are sufficiently different in ways that justify men's greater power and privilege“63.

Denn 'Geschlecht' ist ein gesellschaftliches Strukturierungsprinzip, welches auf eine bestimmte Gliederung verweist: „Männer und Frauen werden als Genus-Gruppen entlang dieser Trennlinie sozial verortet. Wir finden in allen sozialen Bereichen geschlechtliche Hierarchien, Segmentationen und Marginalisierungen. Geschlecht ist somit ein struktureller Indikator von sozialen Ungleichheitslagen.“64

Eine vertiefende Auseinandersetzung mit ungleichen Löhnen bei gleicher Arbeitsstelle65, Statistiken zu männlich besetzten Führungspositionen in Unternehmen, Habilitationen sowie die stark ungleich verteilte Anzahl der Professor_innenstellen an Universitäten u.v.m. würde an dieser Stelle allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen, denn thematisch soll es nicht nur um das 'gemachte Geschlecht' gehen.

Das Eingeständnis, dass Geschlecht eine sich verändernde soziale Kategorie darstellt, die einen Prozesscharakter aufweist, erlaubt nun im nächsten Schritt, die Dimension Geschlecht eben auch als eine Kategorie zu beleuchten, die in weitere soziale Bezüge und Herrschaftsverhältnisse eingebunden ist und Geschlecht „als durch und durch soziales Phänomen und im größeren Zusammenhang gesamtgesellschaftlicher Prozesse zu erfassen. Dieser Theoretische Wendepunkt (in der deutschen Frauen und Geschlechterforschung – v.m.e.) bereitet den Weg dafür, andere Kategorien wie 'Ethnizität' oder 'ethnische Differenzen' aufzunehmen“66.

Denn obgleich von 'den Frauen' gesprochen wurde, gibt es diese - wie bereits erwähnt - in einem homogenen Verständnis nicht: Schreibe ich über ein hierarchisches Verhältnis zwischen Männern und Frauen, so sind nicht alle Frauen gleich davon betroffen. Denn oft geht es um bestimmte Frauen. Geschlecht sollte nie als alleinstehende Kategorie betrachtet werden, isoliert von anderen sozialen Kategorien. Aus dem US-amerikanischen Raum markiert der Diskurs zu race-class-gender die Kritik der 1990er Jahre. Geschlecht hat in dieser Abhandlung einen großen thematischen Stellenwert, aber nicht weil es die 'wichtigste' Kategorie darstellt – diese sind niemals in einer hierarchischen Ordnung zu betrachten – sondern weil das Geschlecht die Diskussion um Differenzen in der Forschung, auch in der erziehungswissenschaftlichen Forschung, stark prägt. Sie ist die erste Kategorie, welche Differenzen als Diskussionsgegenstand in die Erziehungswissenschaft brachte67. So schreibt auch Astrid Messerschmidt, dass der interkulturelle Differenzdiskurs aus dem feministischen inspiriert ist68.

Da Geschlecht also eine Kategorie darstellt, durch die weitere Achsen verlaufen, wird im Folgenden eine weitere bedeutende aufgegriffen, welche zur Konstruktion von wir und den Anderen maßgeblich beiträgt und das Geschlecht da ganz klar mit einbindet: die Ethnie.

2. Die Erfindung von 'Wir' und den 'Anderen'

Begrifflichkeiten wie Ethnie69, Rasse, Volk, Nation und Kultur70 markieren eine Unterscheidung zwischen 'uns' und 'den Anderen' oder mehreren unterschiedlichen 'Anderen'. Gemeint ist hier die Kategorisierung nach einer bestimmen Differenzdimension, und zwar die der 'Fremdheit' oder 'Andersartigkeit'.

Der Begriff 'Rasse' erfährt heutzutage (und vor allem hierzulande) starke Ablehnung. In der öffentlichen Diskussion wird nunmehr von Ethnien, Kulturen usw. gesprochen: Für diese Arbeit ist die Wahl einer expliziten Benennung von keiner erheblichen Relevanz, da die Verwendung des Begriffs keinen großen Unterschied für die Konstruktion 'der Anderen', ihre Wirkungsweise und die damit verbundenen Folgen macht. T.W. Adorno schreibt 1955: „Das vornehme Wort 'Kultur' tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse [...]“71, und damit ist auch gemeint, dass zwar die Differenzlinie 'Rasse' nicht mehr in dieser Form aktuell ist, die strukturierende Differenzlinie 'wir' und 'nicht-wir' allerdings weiterhin bestehen bleibt. Die Konsequenzen, die Folgen dieser Differenzierung ändern sich im Grundmuster nicht. Der Rassebegriff erfuhr nach 1945 eine politische Delegitimierung, eine biologische Unterschiedlichkeit zwischen den Menschen im Sinne von 'Rassen' ist überholt und argumentativ nicht – und war auch niemals - haltbar. Die Differenzlinie an sich, die Funktionsweise des Rassebegriffs, wurde aber nicht aufgelöst: Denn je mehr 'Rasse' als Begriff in den Hintergrund rückte und Ablehnung fand, desto mehr wurden andere Unterscheidungs-Dimensionen wie 'Kultur' oder 'Ethnie' bedeutender. Diese neuen Unterscheidungslinien werden allerdings ebenso naturalisiert und es soll hier nicht um die Suche nach einem passenden Begriff gehen, sondern um die Konstruktion, Wirkungsweise und deren Folgen.

Was nicht 'wir' ist, ist 'anders' und zunächst fremd. Ursprünglich ist der/die/das Fremde jemand oder etwas, das mir nicht bekannt ist, das aus der Ferne kommt oder/und mir unvertraut ist. Dennoch muss es mir nah genug sein, dass es im Horizont meiner Wahrnehmung Präsenz zeigen kann. Aus Sicht der Psychologie beschreibt Rommelspacher das Fremdbild als „Kehrseite des Eigenen“, eine geeignete Projektionsfläche für das Unbekannte und gleichzeitig dazu dienlich, das 'ich' und/oder 'wir' abzusichern, indem im Fremden all das gebündelt wird, „was für das ich [und/oder wir] bedrohlich erscheint“72. Dabei ist das Fremde nicht unweigerlich auch gefährlich, da dies stets situationsabhängig ist: Sollte das Fremde bedrohlich oder gefährlich erscheinen, dann nicht aufgrund seiner Fremdheit an sich, sondern z.B. aufgrund einer bestimmten Eigenschaft - „oder eben weil das Fremde in einer bestimmten Absicht mit Bedrohlichkeit aufgeladen wird“73, also dazu gemacht wird.

Für die westlichen Gesellschaften, auch die deutsche, gab es im Laufe der Zeit ganz unterschiedliche Prototypen des 'Fremden'; es war und ist nicht beliebig, wer 'die Anderen' sind74. So eröffnet eine sozialhistorische Perspektive die Erkenntnis, dass nicht nur Personen außereuropäischer Gesellschaften als 'Wilde' oder 'Fremde' betrachtet wurden, sondern z.B. auch Angehörige des Proletariats. Was die 'Fremdartigkeit' anbelangt, so handelt es sich nicht um ein exklusives Merkmal von Migrant_innen, sondern kann auch bestimmten sozialen Gruppen zugeschrieben werden. Ein gutes Beispiel hierfür markieren die Spätaussiedler_innen, welche in der Ursprungslogik gar keine Fremde sind, dennoch in der deutschen Gesellschaft (oftmals) als solche wahrgenommen werden.75 So existiert die Fremdheit „immer nur in Relation zu einer sozialen Ordnung, die einen Bereich des Selbstverständlichen, Gewohnten und Vertrauten festlegt. Als fremd wahrgenommen wird, das […] als Bestandteil der gewöhnlichen Wirklichkeit nicht vorgesehen ist, was die Selbstverständlichkeit dieser Ordnung in Frage stellt“76.

Ebenso umfasst die Benennung bzw. Markierung der 'Anderen' als 'Fremde' stets auch eine gewichtige Definitionsmacht; denn erst aus einer überlegenen Position heraus kann derjenige, der 'nicht-fremd' und 'normal' ist, diejenigen, welche eine 'Abweichung' darstellen, identifizieren.

„Insofern geht es im Fremdheitsdiskurs niemals nur um Fremdheit, sondern gleichzeitig um Ungleichheit, [denn] jedes Umgehen mit Fremdheit findet im Gefüge von Machtverhältnissen statt, in einer Dominanzkultur77, in der soziale Verhältnisse durch Über- und Unterlegenheit gekennzeichnet sind“78.

2.1 Von Rasse über Ethnie zu kulturellen Unterschieden

Soweit uns die Geschichte bekannt ist, haben Menschen und Gruppen sich scheinbar immer von Anderen abgegrenzt und unterschieden. Uns bekannte Differenzmerkmale waren und sind beispielsweise Religion und Glaube, Kleidung sowie das Verhalten im Allgemeinen und Spezifischen. Doch auch Differenzmerkmale unterliegen dem Wandel der Zeit, und Begrifflichkeiten wie 'Kultur' und 'Rasse' treten verstärkt in den Vordergrund. Müller schreibt, ähnlich wie bei der Konstruktion von ‚Geschlecht‘, die Ursprünge der Differenzdimensionen ‚Rasse‘ und ‚Ethnizität‘ sowie die Gegenüberstellung moderner und traditioneller Gesellschaften der Zeit der Aufklärung und dem aufkommenden Kolonialismus zu79. Ehedem, in der feudalen Ordnung des Mittelalters, war nicht die 'Ethnizität' oder 'Kultur', sondern die Standeszugehörigkeit von viel größerer Bedeutung. Ebenso grenzte man sich von 'den Anderen' (dem Judentum und dem Islam) durch die Vorstellung einer christlichen Gemeinschaft ab. In diesem Kontext waren 'die Anderen' diejenigen, welche die Negation des christlichen Glaubens markierten. Wie zuvor dargelegt, lässt sich das 'Fremde' und 'Andere' auch als 'Kehrseite des Eigenen' beschreiben; das Fremde und 'die Anderen' als all das, was man selbst eben nicht ist (und auch nicht sein darf80 oder will) . Muslime und Juden beispielsweise stellte man sich – entgegengesetzt dem christlichen Glauben – als „barbarisch, degeneriert, aggressiv und sexuell zügellos vor“81.

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts erwuchs eine 'neue' Form von Kulturgemeinschaft, die sich am besten mit der Erfindung des Abendlandes bezeichnen lässt. Differenzmerkmale zwischen den unterschiedlichen Völkern, 'Rassen' oder 'Ethnien' waren anfangs stark umstritten und nicht eindeutig; den räumlichen Standort sowie die Differenzen zwischen den Menschen versuchte man zu naturalisieren und diese Unterschiede mithilfe der 'Natur'-wissenschaften zu belegen82. Pointiert beschreiben Autor_innen wie Müller die jeweiligen Gründe für diese Entwicklung wie folgt:

„Ursachen und historischer Hintergrund der Entstehung des ethnischen Ordnungsmodells sind ein durchgreifender Wandel der Sozialstruktur, die Auflösung traditioneller Sozialbindungen, die Urbanisierung, der Aufstieg des Bürgertums, der damit verbundene Durchbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems und nicht zu vergessen die neue Gleichheitsidee der Aufklärung. All diese sozio-kulturellen und ökonomischen Veränderungen resultierten letztlich im Abschied von der hierarchisch streng geordneten Ständegesellschaft und machten die Suche nach neuen Legitimationen für die bestehende soziale Ordnung notwendig. [Europa wurde] in den Diskursen der Aufklärung als Einheit in Abgrenzung von den neu entdeckten Menschen und Ländern konstruiert. Die Anderen waren also zunächst die exotischen und fremden Anderen, die außerhalb Europas standen [...]“83.

Unterschiede, die vorab anhand von Religion, Kleidung und Verhalten festgemacht wurden, wurden zunehmend an (willkürliche) physische Merkmale, wie beispielsweise die Nasenform und Hautfarbe etc. gebunden. Es begann eine Naturalisierung von Differenz, d.h. eine Kategorisierung aufgrund zugeschriebener natürlicher Eigenschaften. Für Nicht-Europäer_innen bedeutet dies einen ausnahmslosen Ausschluss, da die Voraussetzungen für einen Zugang zu der Gruppe der Europäer_innen durch die Geburt versperrt wurden.84

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts fand zudem eine Verengung des Rassenbegriffs statt, welche weitere Differenzierungen zwischen den Menschen, nun auch innerhalb Europas, zur Folge hatte.

Mit der Aufklärung wurde die Vernunftbegabung zu einer der wichtigsten Fähigkeiten des Menschen85 erklärt; diese macht ihn zum höchsten aller Lebewesen. Was nun allerdings aufgrund der Rassifizierung geschah, ist die Konstitution einer hierarchischen Ordnung zwischen den Menschen. Ähnlich wie bei der Konstruktion des Geschlechts, waren die Wissenschaften86 an der Erfindung von 'Rassen' stark beteiligt. Gegebene physische Unterschiede – die bis dato keinerlei Wert oder Bedeutung innehatten – wurden mit machtvollen Bedeutungen und Stereotypen versehen. Diese bezogen sich auf moralische Zuschreibungen und bloße Differenz wurde noch stärker transformiert in Hierarchie und ein Dominanzverhältnis. Vorzufinden war nun eine Norm hinsichtlich des Menschen: und zwar die des weißen europäischen Mannes. Die Unterschiede zwischen den Menschen konnten „auf diese Weise […] dann Sklaverei, Kolonialismus87 und [den] Ausschluss von Nicht-Europäern88 aus Schulen und Universitäten mit der Überlegenheit europäischer Völker [rechtfertigen] und letztlich in der Natur verankert werden“89.

[...]


1 Nicht zuletzt aus dem Grund, da sich hierzu in der deutschen Literatur weiterhin eine thematische Lücke vorfinden lässt.

2 Im deutschsprachigen Raum beschäftigen sich Cornelia Klinger und Gudrun Axeli-Knapp (2005) mit der Verschränkung von unterschiedlichen Strukturkategorien (Geschlecht, Ethnie/Rasse, Klasse) als 'Achsen', welche sich zwar als different erweisen, jedoch miteinander in Wechselwirkung stehen. (Vgl. Weber, 2009)

3 Vgl. Geimer, Online-Ressource, 2013

4 Crenshaw 2004, zit. nach Knapp, 2008, S. 43

5 Vgl. Krüger-Potratz, 2011, S. 193

6 Des Öfteren wird die Rede von 'Türkinnen' und 'Türken' sein, was daraus resultiert, dass es zum einen viele wissenschaftliche Forschungen zu dieser 'Gruppe' gibt, zum anderen, weil diese ethnisierte Gruppierung im öffentlichen Diskurs zum Prototyp der 'Anderen' gemacht wurde. Der Umstand der wiederholten Thematisierung von Personen türkischer Herkunft sollte an dieser Stelle lediglich als das Aufgreifen einer konstruierten Darstellungsweise der Migrant_innen verstanden werden.

7 Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, wird sich vorwiegend auf Zuwanderungen statt Auswanderungen konzentriert.

8 Die Bezugnahme auf eine rein zweigeschlechtliche Ordnung dient an dieser Stelle zur Verdeutlichung des Konstruktionscharakters und stellt keine zustimmende Aussage hinsichtlich dieser Perspektive dar.

9 Vgl. De Beauvoir, 1968, S. 265

10 Vgl. Gerhard, 1995

11 Vgl. Degele, 2008, S. 40

12 Androzentrismus meint „eine Zentrierung auf Männlichkeit(en) und Männer, ihre Werte, Normen und Lebenszusammenhänge“ (Degele, 2008, S. 36).

13 So schreibt die Frauenforscherin Gnauck-Kühne bereits 1905: „Wählen darf die Frau nicht. Vom Gewerbegericht hört sie ganz zufällig...Von Politik, auch von Sozialpolitik, die sie direkt angeht, darf sie nichts verstehen. So schickt es sich. Verlangt sie nach mehr, ist's 'Ungebühr', 'Unweiblich', 'Emanzipation'. Sie hat sich abzurackern und zu schweigen. Sie soll nur Hand sein. Alles andere ist Nebensache“ (Gnauck-Kühne, 1905, S. 39).

14 Degele, 2008, S. 40

15 Vgl. Lutz/Wenning, 2001, S. 13f. oder auch Messerschmidt, 2009, S. 124

16 Carby, 1982, S. 233

17 Messerschmidt, 2009, S. 127

18 Messerschmidt, 2009, S. 128

19 Ebd. S. 14

20 Vgl. ebd. S. 16-18

21 Ebd. S. 19

22 Wetterer, 2010, S. 129

23 Vgl. Wetterer, 2010, S. 122

24 Degele, 2008, S. 68

25 Vgl. Sychowski, 2011, S. 55

26 Villa, 2010, S. 153

27 Degele, 2008, S. 68

28 Butler, 1991, S. 24

29 Ebd.

30 Ebd.

31 Degele, 2008, S. 107

32 Ebd. S. 107

33 Ebd. S. 26

34 Degele, 2008, S. 103

35 Butler, 1993, S. 129

36 Villa, 2010, S. 149

37 Butler, 1993, S. 123f.

38 Butler, 1998, S. 147 zit. nach Villa, 2010, S. 150

39 West/Zimmermann 1987, S. 14 zit. nach/Übersetzung in Gildemeister/Wetterer, 1992, S. 237

40 Gildemeister, 2010, S. 138

41 Vgl. Müller, 2003, S. 112

42 Nachzulesen in: „Studies in Ethnomethodology“, Englewood Cliffs/NJ, Prentice Hall, 1967

43 Vgl. Degele, 2008, S. 78f. u. S. 82

44 Vgl. Wetterer, 2010, S. 126

45 Kalpaka, 2006

46 Nemitz, 2001, S. 182f.

47 Müller, 2003, S. 8

48 Vgl. Müller, 2003, S. 8

49 Vgl. Ebd. S. 35f.

50 Vgl. Wetterer, 2010, S. 130

51 Wetterer, 2010, S. 131

52 Vgl. Degele, 2008, S. 33

53 Vgl. Müller, 2003, S. 14

54 Pasero/Braun, 1995, S. 57

55 Wetterer, 2010, S. 131

56 Mehr zur Entwicklung der bürgerlichen Familie und ebenso den historischen Veränderungen der Geschlechterrollen in beispielsweise: Nave-Herz, Rosemarie: „Ehe- und Familiensoziologie“, Juventa Verlag, Weinheim und München, 2006

57 Müller, 2003, S. 19

58 Ebd. S. 38

59 Vgl. Müller, 2003, S. 38

60 Degele, 2008, S. 61

61 Z.B. Ideologie der bürgerlichen Familie, Nationalsozialismus mit bestimmter Vorstellung hinsichtlich der Aufgaben von Frauen und Männern etc.

62 Degele, 2008, S. 62

63 Ridgeway, 1999 zit. nach Müller, 2003, S. 108

64 Becker-Schmidt, 2007, S. 124

65 An dieser Stelle eine kurze Anmerkung zum Stichwort 'Arbeit': In einer Geschichte eines Schulbuchs heißt es beispielsweise: „Mutter spült, Vater arbeitet“, was hier einen gängigen Tagesablauf der Eltern verdeutlichen soll, allerdings noch viel mehr aussagt: Hausarbeit (eine konkrete Handlung, in dem Fall das Spülen) wird als 'Nicht-Arbeit' gewertet, während die Lohnarbeit des Vaters (hier unkonkret) als Arbeit definiert wird. Der Beitrag des Kapitalismus zum Geschlechterverhältnis würde an dieser Stelle den Rahmen dieser Arbeit sprengen, allerdings sei hiermit erneut auf die Trennung von Privatem und Öffentlichem in Hinblick auf den Arbeitsbegriff und der Folgen für die Geschlechter verwiesen (vgl. Degele, 2008, S. 63).

66 Gümen, 2007, S. 146

67 Der Klassendiskurs beispielsweise existierte zwar bereits vorher, jedoch wurde 'Klasse' nicht in dieser Art als etwas naturgegebenes und damit unveränderbares wie das Geschlecht betrachtet. 'Klasse' stellt etwas eindeutig gesellschaftliches dar, wohingegen das 'Geschlecht' lange Zeit nicht als etwas ebenso gesellschaftlich hervorgebrachtes betrachtet wurde.

68 Vgl. Messerschmidt, 2009, S. 124

69 Ein Versuch des Pädagogik-Wörterbuchs hinsichtlich einer Definition und 'eindeutiger' Klärung des Begriffs 'Ethnie': „Größere Gruppen von Menschen, die durch gemeinsame historische Erfahrungen und weitgehend gleichartige Lebensverhältnisse Ähnlichkeiten im äußeren Habitus oder der Sitten (M.Weber) entwickelt haben und ein als gemeinsam empfundenes kulturelles Erbe pflegen“. Mögliche Gemeinsame Merkmale ethnischer Gruppen sind: „a) gemeinsame geografische Herkunft, b) Einwanderer, c) Rasse, d) Sprache und Dialekt, e) Religion, f) über Verwandtschaft und Gemeinde hinausgehende Verbindungen, g) gemeinsame Traditionen, Werte und Symbole, h) Literatur und Musik, i) Speisevorlieben, j) Muster der Siedlungs- und Arbeitsweise, k) politische Sonderinteressen l) Regeln zur Sicherung des Gruppenzusammenhaltes, m) ein Gefühl der Unterschiedlichkeit gegenüber anderen Gruppen und n) die Wahrnehmung von Fremdbildern“ (Schaub/Zenke: „Ethnie“ in: „Wörterbuch Pädagogik“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2007, S. 216)

70 Kultur beschreibt, laut dem Wörterbuch Pädagogik, den von Menschen erschaffenen Umgang mit der Welt: „Weltanschauungen, Erklärungen für Entstehung und Vergänglichkeit der Natur, Sinngebungen für die täglichen Lebensverrichtungen und die soziale Ordnung, Prinzipien und Normen für richtiges Verhalten, für die Gestaltung der Lebensräume (Öffentlichkeit, Politik, Geselligkeit, Religion, Wirtschaft, Familie usw.) und der Lebenssituation von sozialer Bedeutung […] sind ebenso wie alle Werke bzw. Produkten […] als Objektivationen des kulturellen Prozesses anzusehen.“ (Schaub/Zenke: „Kultur“ in: „Wörterbuch Pädagogik“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2007, S. 375)

71 Adorno, 1975, S. 277

72 Rommelspacher, 2002, S. 9f.

73 Bokow, 1999, S. 41

74 Vgl. Rommelspacher, 2002, S. 10

75 Vgl. Scherr, 1999, S. 51

76 Ebd.

77 Den Begriff der 'Dominanzkultur' prägte Birgit Rommelspacher 1995 in ihrem Werk zu Fremdheit und Macht

78 Messerschmidt, 2009, S. 80

79 Vgl. Müller, 2003, S. 45

80 Nehmen wir beispielsweise das 'westliche' Bild vom Orient: Geschichten von 1001er Nacht wirken äußerst faszinierend. Die stark erotisierende Darstellung der Orientalin und dem dazugehörigen animalisch-lustvollen Mann können aufgrund der 'westlicher' Normen und damit der Tabuisierung, auch als eine Sehnsucht danach interpretiert werden.

81 Müller, 2003, S. 48

82 Ähnlich wie bei dem 'Geschlecht'

83 Ebd. S. 51

84 Vgl. Ebd. S. 52f.

85 Genauer gesagt, des Mannes

86 So wurde beispielsweise eine bestimmte Schädelform von Menschen als wissenschaftliche Argumentation herangezogen, bestimmte Aussagen über Intelligenz und Vernunftbegabung zu treffen.

87 Die Geschichte der Kolonialzeit ist von erheblicher Bedeutung für das gegenwärtige Verständnis von Rassismus, Abgrenzung und Zuschreibung. Im Rahmen dieser Arbeit kann die Kolonialgeschichte leider nicht sehr ausführlich thematisiert werden.

88 Und von Frauen, wie in Kapitel 1 bereits dargelegt

89 Müller, 2003, S. 63

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
"Er, Sie, Wir" und "die Anderen". Die soziale Konstruktion von Ethnie und Geschlecht als Macht- und Strukturkategorien
Untertitel
Das Geschlecht (in) der Migration
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik)
Veranstaltung
Bildungswissenschaften
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
100
Katalognummer
V302554
ISBN (eBook)
9783668006287
ISBN (Buch)
9783668006294
Dateigröße
1353 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlecht, Ethnie, Kultur, Rassismus, Migration, Kulturrassismus, antimuslimischer Rassismus, soziale Konstruktion, Macht- und Strukturkategorien, Hierarchisierung, Intersektionalität, kritische Bildungsarbeit, Rasse, Gender, Stereotype
Arbeit zitieren
Tatjana Kasatschenko (Autor), 2015, "Er, Sie, Wir" und "die Anderen". Die soziale Konstruktion von Ethnie und Geschlecht als Macht- und Strukturkategorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302554

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