Die „Karriere“ der Krankheiten. Das Medizinsystem und dessen Anpassung an gesellschaftliche Probleme


Essay, 2010
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Ist unsere Gesellschaft krank? Diese Frage haben sich schon viele gestellt. Die westliche Gesellschaft suggeriert ihren Mitgliedern wachsende Gefahren durch Krankheit, Armut, Unglück, Gewalt. Angst ist die Klammer, die unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Gesellschaft gestaltet ein Programm, das die Bewusstseinsebenen der Menschen so beeinflusst, dass wirkliches Eigeninteresse und eigene Bedürfnisse nicht mehr definiert werden können. Dies führt dazu, dass wir zur Fremdbestimmung nicht mehr „nein“ sagen können, weil wir diese nicht wahrnehmen. In den Medien ist ständig die Rede von neuen Krankheiten, für die es natürlich schon Heilmittel gibt. Die Pharma-Industrie sorgt dafür, dass es für jedes neue Medikament eine passende Werbung gibt, so dass es verbreitet und bekannt wird. Krankheiten, vor allem psychische, werden immer häufiger. Burn-Out-Syndrom, Depressionen, Ess- und Schlafstörungen, chronische Müdigkeit, AD(H)S, Pillenmissbrauch sind zu alltäglichen Themen geworden. Ist die Zunahme dieser Krankheiten, die wie Rolf Haubl sagt, „Karriere machen“[1], ein Anzeichnen, ein Symptom, dafür, dass unsere Gesellschaft und mit ihr auch das Medizinsystem erkranken? Was oder wer steckt hinter der Karriere der Krankheiten? Welche Rolle spielt das Medizinsystem? Wer profitiert von diesen Krankheiten?

Um das Fortschreiten der Karriere der Krankheiten zu erklären, muss man sich in erster Linie mit dem Medizinsystem auseinandersetzen. Das Medizinsystem ist diejenige Instanz, die darüber entscheidet, wer „krank“ oder „gesund“ ist. Doch die heutige Grenze zwischen krank und gesund wird dünner, fließender: Es gibt immer mehr Krankheiten, die versuchen, eine Bestätigung zu finden und sich durchzusetzen, und einen gesunden Zustand zu erreichen oder gar zu halten scheint immer schwieriger. Wenn man zum Arzt geht, geht man nicht in der Erwartung, geheilt zu werden, sondern erwartet man eine bestimmte Diagnose, von der man schon viel gehört und gelesen hat, und bestimmt auf jeden Fall Krankheit sein soll, die man jetzt hat. Das Medizinsystem ist darüber hinaus ein ökonomisches System, das nach Profit strebt dar. In diesem Sinne werden Krankheiten als Wirtschaftsfaktoren kalkuliert. Die Pharmazeutische Industrie übt Einfluss darauf, was als Krankheit anerkannt und bestätigt wird, um Behandlungen mit von ihr entwickelten Medikamenten legitimieren zu können. Ein Beispiel dafür ist das „Sissi-Syndrom“, eine untypische Form von Depression, die vor allem Frauen betrifft. Ein pharmazeutisches Unternehmen hatte es in Auftrag gegeben. Dasselbe Unternehmen hatte aber auch das richtige Medikament zur Therapierung der Krankheit. Es wurde dann dafür gekämpft, das Syndrom als anerkannte Krankheit zu behaupten. Jedoch wurden die Veröffentlichungen und der Bericht, die aus der Forschung entstanden, letztendlich als wissenschaftlich unbegründet erklärt. Die Absicht ist mehr als deutlich: Das pharmazeutische Unternehmen hat ein Medikament entwickelt, das für keine schon bestehende Krankheit gepasst hat. Was machen sie? Sie erfinden eine Diagnose, eine scheinbar schlimme Krankheit, die nur mit diesem Medikament geheilt werden kann. Die Frage ist: Sollte das Medizinsystem nicht dafür sorgen, Therapien und Medikamente zu entwickeln, für schlimme Krankheiten, die es schon gibt? Sind Pharmazie und Medizin nur daran interessiert, Medikamente zu verkaufen, statt Menschen zu heilen?

Das Medizinsystem agiert aber auch als ein System sozialer Kontrolle, das versucht, Devianzen oder was man als „abweichendes“ Verhalten bezeichnet, zu bewältigen, um die Existenz und die Entwicklung der Gesellschaften zu stabilisieren. Somit entsteht ein Medizinsystem, das Krankheiten individualisiert: Es behandelt die vereinzelten Menschen, die krank sind, jedoch nicht das, was sie krank macht, nämlich die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben. Und so sorgt das Medizinsystem dafür, dass diese gesellschaftlichen Verhältnisse nicht thematisiert werden, denn dies würde bedeuten, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse verändert werden müssen. Darüber hinaus muss das Medizinsystem dafür sorgen, das Leiden, das als Krankheit anerkannt wird, knapp zu halten, denn krank zu sein bedeutet eine begründete Berechtigung, sich der gesellschaftlichen Pflichten zu entziehen. Deswegen wird bei der Anerkennung einer Krankheit nicht nur nach wissenschaftlichen Befunden entschieden, sondern wird in Betracht gezogen, welche Interessengruppe mehr Einfluss ausüben kann. Krankheitsdiagnosen haben für die kranken Menschen zwei Bedeutungen. Einerseits bedeutet eine Diagnose die Möglichkeit, das Leiden anzuerkennen, aber vor allem es ausdrücken und bezeichnen zu können. Durch die Spezifizierung des Leidens können medizinische Laien erst einmal verstehen, woran sie leiden. Andererseits werden Gesellschaftsmitglieder durch Krankheitsdiagnosen „klassifiziert“, also zu Menschen einer bestimmten Art: Sie werden als Menschen dieser bestimmten Art von ihren Mitmenschen und den Institutionen ihrer Gesellschaft wahrgenommen und behandelt. Die Krankheitsdiagnose beeinflusst aber auch, wie diese Menschen sich selbst wahrnehmen: Sie können sich im Denken, Fühlen und Handeln ihrer von der Diagnose festgelegten Art anpassen, oder sie können sich dagegen wehren, indem sie es nicht akzeptieren oder es sogar bekämpfen.

Doch um zu verstehen, warum man von der „Karriere“ der Krankheiten spricht, muss man sich Fälle anschauen, die diese Karriere verdeutlichen. Ein Beispiel dafür sind wertkonservative Krankheiten. Diese Art von Krankheiten erregen Ansehen, weil sie Kontroversen auslösen, in denen durch die Medizin zentrale Konflikte des gesellschaftlichen Lebens verbrämt werden. Die Krankheit „Multiple Persönlichkeitsstörung,“ „(ist) eng mit den Identitätsproblemen der Postmoderne verbunden“ (S. 168). Als bevorzugte Erklärung für diese Krankheit gilt die Annahme, dass frühkindliche traumatische Erlebnisse zu Dissoziationen führen. Dissoziation ist ein Abwehrmechanismus, der einem Menschen erlaubt, mehrere Alter-Egos (also mehrere Persönlichkeiten oder „Selbste“) zu bilden, die nebeneinander bestehen, jedoch voneinander nichts wissen. Diese Alter-Egos wechseln sich, meistens plötzlich. Ein interessanter Aspekt dabei ist, dass durch die psychiatrische Anerkennung und Popularisierung des Krankheitsbildes nicht nur die Zahl der Patientinnen steigt, sondern auch die Menge der Alter-Egos, die diese Patientinnen zeigen, die immer flüchtigere Ausarbeitungen haben und schneller zwischen ihnen wechseln. So würden die Patientinnen durch das schnelle „Umschalten“ der Alter-Egos mögliche Persönlichkeiten zeigen, um Anerkennung durch den Arzt zu finden. Dieses Verhalten zeigt, dass die Patientinnen sich nicht wirklich sicher sind, wer sie sein können, sollen oder dürfen, um gesellschaftlich anerkannt zu werden, und der Arzt ist derjenige, der das entscheiden muss. Denn das Ziel der Therapie besteht darin, die Multiplizität verschwinden zu lassen. Dies geschieht durch die Auszeichnung eines Alter-Egos als „wahres Selbst“. Dieses Verfahren zeigt, dass es in der Therapie um die „Verteidigung eines klassisch bürgerlichen Identitätsprozesses geht“ (S. 169). Dies bedeutet also, dass es auf keinen Fall gesellschaftlich anerkannt wird, dass eine „multiple Persönlichkeit“ als „normal“ gesehen wird.

[...]


[1] Text: Krankheiten, die Karriere machen: Zur Medizinalisierung und Medikalisierung sozialer Probleme.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die „Karriere“ der Krankheiten. Das Medizinsystem und dessen Anpassung an gesellschaftliche Probleme
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Seminar: Armut, Suizid, Prostitution: zur Mikrosoziologie des „abweichenden“ Verhaltens
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V303199
ISBN (eBook)
9783668013841
ISBN (Buch)
9783668013858
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
karriere, krankheiten, medizinsystem, anpassung, probleme, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Melisa Bel Adasme (Autor), 2010, Die „Karriere“ der Krankheiten. Das Medizinsystem und dessen Anpassung an gesellschaftliche Probleme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303199

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