Massenmedien oder Öffentlichkeit als Funktionssystem der Gesellschaft? Medien in der Systemtheorie nach Niklas Luhmann


Hausarbeit, 2015
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Systeme und Systemtheorien
2.1 Der Begriff System
2.2 Systemtheorie nach Luhmann

3. Die Rolle der Medien in der Systemtheorie
3.1 Nachrichten und Berichte
3.2 Werbung
3.3 Unterhaltung

4. Die Funktion der (Massen-)Medien in der Systemtheorie

5. Kritik an Luhmanns Systemtheorie

6. Öffentlichkeit als Funktionssystem der Gesellschaft

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann ist eine der komplexesten, aber auch der ausdifferenziertesten Theorien über die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Luhmann verbrachte einen Großteil seines Lebens damit, diese Theorie zu entwickeln, zu überarbeiten und weitestgehend zu optimieren. Sein Abschlusswerk, Die Gesellschaft der Gesellschaft, welches 1997 erstmalig erschien, stellt das Hauptwerk und sein Resultat 30-jähriger Forschung dar und bietet damit den umfassendsten und aktuellsten Überblick über seine Theorie sozialer Systeme (Reese-Schäfer, 2011). Die vorliegende Hausarbeit soll sich nun eben dieser Theorie sozialer Systeme widmen. Dabei wird insbesondere die Rolle der Massenmedien betrachtet, welche Luhmann diesen, in seiner Theorie zu Teil werden lässt. Außerdem wird der Versuch einer Übertragung auf die heutige kommunikationswissenschaftliche Betrachtung der Gesellschaft unternommen. Die Arbeit gliedert sich dahingehend in zwei Teile; im ersten Abschnitt sollen zunächst die komplexen Strukturen der Luhmannschen Systemtheorie aufgefächert und entwirrt werden, um einen simpleren und fundamentalen Einblick in ihre einzelnen Bestandteile zu erlangen. Im Zuge dessen soll auch die spezifische Rolle des Systems der Massenmedien in der Systemtheorie betrachtet und analysiert werden. Im zweiten Teil soll anschließend die zu beantwortende Fragestellung: ‚Massenmedien oder Öffentlichkeit als Funktions- system der Gesellschaft?’ genauer untersucht werden. Dahingehend werden einige Kritiker und deren alternative Ansichten auf die Rolle der Massenmedien vorgestellt und schlussendlich ein allumfassendes Fazit gezogen.

2. Systeme und Systemtheorien

2.1 Der Begriff System

Um sich einer komplexen Theorie über die Gesellschaft und ihre einzelnen Funktionssysteme wie der von Niklas Luhmann zu nähern, erscheint es zunächst sinnvoll zu klären, wie der Begriff System definiert wird und woher er stammt. Allgemein wird der Begriff „System“ in der Wissenschaft schon seit dem 18. Jahrhundert verwendet und geht auf das griechische Wort ‚systema’ zurück, was zunächst so viel bedeutet wie „ein geordnetes, strukturiertes bzw. gegliedertes Ganzes, das aus einzelnen Teilen (Elementen bzw. Komponenten) besteht“ (Weber, 2010, S.190).

Die erste große Ausformulierung eines „wissenschaftstheoretischen System- Ansatzes“ (ebenda) stammt von Ludwig von Bertalanffy aus dem 20. Jahrhundert. Er definiert Systeme als „sets of elements standing in interrelation“ (Bertalanffy, 1971, S.37). Er erweitert den oben aufgeführten System-Begriff damit noch um die Beobachtbarkeit von Beziehungen der einzelnen Elemente im System zueinander. Zudem unterscheidet er zwischen offenen und geschlossenen Systemen. Offene Systeme stehen permanent im Austausch mit ihrer Umwelt, wogegen geschlossene Systeme von ihrer Umwelt abgeschlossen sind (ebenda). Sie verfügen also über eine feste Systemgrenze (Weber, 2010).

2.2 Systemtheorie nach Luhmann

Natürlich stellt Luhmann neben Bertalanffy nicht den einzigen Wissenschaftler dar, der sich mit Systemen und einer ausformulierten Theorie über diese beschäftigt hat. Auch George Spencer differenzierte bereits 1977 in seinen „Laws of Form“ zwischen System, Umwelt und Welt (Weber, 2010), um nur einen von vielen zu nennen. Luhmann gilt jedoch als der Begründer der modernen Systemtheorie und soll daher als Anhalts- und später als Kritikpunkt der folgenden Betrachtungen fungieren.

Niklas Luhmann wurde 1927 in Lüneburg geboren und starb im Jahre 1998 in der Nähe von Bielefeld. Zeit seines Lebens studierte er Rechtswissenschaften an der Universität in Freiburg und wurde später zum Abteilungsleiter der Sozialforschungsstelle in Dortmund ernannt. 1968 wechselte er an die neu gegründete Universität in Bielefeld und lehrte dort als Professor für Soziologie. Sein Hauptwerk Die Gesellschaft der Gesellschaft stellt, wie bereits erwähnt, sein Resultat 30-jähriger Forschung und zugleich den „Schlussstein des luhmannschen Systemgebäudes“ (Reese-Schäfer, 2011) dar und vermittelt damit einen guten Überblick zum Verständnis seiner Systemtheorie (ebenda, 2011).

Luhmann geht in seiner Theorie zunächst einmal davon aus, „dass es Systeme gibt“ (Luhmann 1984, S.30). Er unterscheidet dabei zwischen vier verschiedenen System- Typen: Maschinen, biologischen Systemen (Organismen), psychischen Systemen (Bewusstseinen) und sozialen (Funktions-) Systemen. Letztere gliedern sich zudem in Interaktionen, Organisationen und Gesellschaften (Luhmann 1991, S.16). Die Bildung von Systemen dient in erster Linie der Komplexitätsreduktion der Weltgesellschaft (Gripp-Hagelstange, 1995). Im Hinblick auf die zu untersuchende Fragestellung ist aber lediglich die nähere Betrachtung des Typs ‚sozialer Systeme’ relevant, welchen auch Luhmanns umfassendste Theorienentwürfe gelten (Weber 2010).

Er greift diesbezüglich die schon von Bertalanffy ausformulierte Systemabgrenzung auf und beschreibt Systeme als „Einheiten in Differenz zur Umwelt“ (Luhmann, 1990, S.278), die a) operativ geschlossen und b) selbstreferenziell sind (ebenda). Operative Geschlossenheit bedeutet, dass auf der Ebene der eigenen Operationen kein Durchgriff in die Umwelt möglich ist, genauso wenig wie ein Mitwirken anderer Umweltsysteme auf das geschlossene System. Dies hat zur Folge, dass das System auf Selbstorganisation angewiesen ist1.

Selbstreferenzialität beschreibt den „permanenten Bezug von Elementen des Systems auf andere Elemente des Systems“ (Weber 2010, S.191) oder mit anderen Worten: „Ein System reagiert auf Umwelteinflüsse immer gemäß seinen eigenen Strukturen“ (Kohring, 2004, S.186). Wichtig ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass soziale Systeme zwar operativ geschlossen, jedoch nicht ‚autark’ sind, sondern offen für Einflüsse (auch kognitive Öffnung genannt). Operative Geschlossenheit und kognitive Öffnung sind Vorrausetzungen für die strukturelle Kopplung eines Systems mit anderen Funktionssystemen (ebenda), dazu später mehr.

Zu Beginn der achtziger Jahre fügt Luhmann der Unterscheidung System/Umwelt noch den Begriff der Autopoiesis hinzu und bezeichnet das Ganze als „Paradigma- Wechsel“ (Luhmann 1991, S.15; Weber, 2010; Reese-Schäfer 2011). Autopoietische Systeme sind demnach

[...] alle elementaren Einheiten, aus denen sie bestehen, durch ein Netzwerk eben dieser Elemente reproduzieren und sich dadurch von einer Umwelt abgrenzen - sei es in der Form von Leben, in der Form von Bewusstsein oder (im Falle sozialer Systeme) in der Form von Kommunikation. Autopoiesis ist die Reproduktionsweise dieser Systeme. (Luhmann, 1986, S. 266)

Im Gegensatz dazu stehen die allopoietischen Systeme, die, wie von Luhmann aufgeführt, dem Systemtyp Maschinen entsprechen. Allopoietische Systeme sind Systeme „bei denen [...] das Produkt ihres Funktionierens von ihnen selbst verschieden ist“ (Maturana, 1958, S.159), also Systeme die etwas anderes als sich selbst produzieren.

Außerdem charakteristisch für soziale Systeme ist ihre „je spezifische Funktion für die Gesamtgesellschaft“ (Weber 2010, S.194). Jedes Funktionssystem erfüllt also je eine Aufgabe für die Gesellschaft, die sich aus dieser Arbeitsteilung strukturiert. Soziale Funktionssysteme sind bei Luhmann Wirtschaft, Politik, Religion, Kunst, Recht, Wissenschaft, Erziehung, Familie bzw. Intimbeziehung und die Massenmedien (ebenda). So besteht die Funktion der Politik zum Beispiel im Herstellen kollektiv verbindlicher Entscheidungen. Des Weiteren unterscheidet Luhmann wie bereits oben aufgeführt, zwischen Interaktions-, Organisations- und Gesellschaftssystemen. „Ein Interaktionssystem wird durch die Anwesenheit von Interaktionspartnern konstituiert“ (ebenda, S.194), beschreibt also die Mikro-Ebene.

Organisationssysteme beziehen sich auf den nächst höheren Differenzierungsgrad, die Meso-Ebene. Sie umfassen alle Mitgliedsrollen und deren Zuschreibungen als systemische Einheit. Die Gesellschaftsebene, also die Makro-Ebene, ist bei Luhmann die Weltgesellschaft, also die, die sich in die zuvor genannten Funktionssysteme differenziert (ebenda).

Neben der einen Funktion, die jedes System für die Gesellschaft erfüllt, erbringt es zudem bestimmte Leistungen. Durch Leistungen und Funktion legitimiert und stabilisiert sich das soziale System. Außerdem besitzt jedes Funktionssystem ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium. Dieses garantiert eine erfolgreiche Anschlusskommunikation und kann als ‚Währung’ des Systems verstanden werden (ebenda). Das Kommunikationsmedium der Wissenschaft ist beispielsweise Wahrheit, das der Wirtschaft Geld. Die Antwort auf dieses Kommunikationsmedium ist der binäre Code, also die beiden Ausprägungen vorhanden /nicht vorhanden, die das Medium annehmen kann.

Soziale Funktionssysteme bestehen laut Luhmann nicht aus Personen oder Handlungen (Luhmann 1991, S.193), sondern aus Kommunikationen. Kommunikation ist bei Luhmann ein dreistelliger Selektionsvorgang aus Information, Mitteilung und Verstehen (ebenda, S.196). Die Information muss zunächst aus einem unbegrenzten Vorrat dieser selektiert und in einem bestimmten Kontext als Mitteilung ausgesprochen werden. Entscheidender ist für Luhmann jedoch das Verstehen, welches nicht mit inhaltlichem Verstehen gleichgesetzt werden darf, sondern lediglich bedeutet, dass die mitgeteilte Information überhaupt als solche erkannt wird (Kock, 2010).

Die Grenzen sozialer Systeme lassen sich folglich auch nicht anhand materieller oder struktureller Gegebenheiten definieren, sondern werden von Luhmann als Sinngrenzen bezeichnet. Die Zugehörigkeit zu einem System erfolgt also über einen bestimmten gemeinsamen Sinn:

Sinn ermöglicht die Interpenetration psychischer und sozialer Systembildung bei Bewahrung ihrer Autopoiesis; Sinn ermöglicht das Sichverstehen und Sichfortzeugen von Bewu ß tsein in der Kommunikation und zugleich das Zurückrechnen der Kommunikation auf das Bewusstsein der Beteiligten. (Luhmann, 1991, S.297)

Dabei gibt es keine Schnittmengen. Eine Kommunikation kann also nur (gemäß ihrem Sinn/Inhalt) Teil des einen oder des anderen Systems sein, aber nicht Teil beider Systeme (Weber, 2010).

An dieser Stelle soll der Begriff der strukturellen Kopplung wieder aufgegriffen werden. Durch strukturelle Kopplung ist es Systemen möglich trotz verschiedener Codes (z. B. +/- Macht) miteinander zu kommunizieren und damit ihre Differenz zur Umwelt für einen kurzen Moment zu überbrücken (Luhmann 1991). Nach Luhmann bedeutet das, dass „die Grenzen des einen Systems in den Operationsbereich des anderen übernommen werden können“ (ebenda, S.295). Im Folgenden soll die Rolle, die das schon erwähnte Funktionssystem Massenmedien in Luhmanns Systemtheorie einnimmt, näher erläutert werden.

3. Die Rolle der Medien in der Systemtheorie

Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. [...] Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, dass wir diesen Quellen nicht trauen können. (Luhmann 1996, S.9)

Mit diesem Satz beginnt Luhmann seinen Vortrag „Die Realität der Massenmedien“ am 13. Juli 1994 in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften in Düsseldorf im Rahmen einer Vortragsreihe. Der Inhalt des Vortrags wurde kurz darauf von Luhmann noch erweitert und ergänzt und ein Jahr später unter gleichnamigem Titel als gebundene Ausgabe veröffentlicht (ebenda, S.7). Mit diesem Werk stellt er neben Frank Marcinowski und Bernd Blöbaum die dritte Systemtheorie der Medien auf. Während Luhmann jedoch die Massenmedien als soziales Funktionssystem versteht, definieren Marcinowski und Blöbaum Publizistik und Journalismus als autopoietische/soziale Systeme (Weber, 2010). Luhmann begründet seine Definiton folgendermaßen:

Wie in anderen Funktionssystemen auch ist ein besonderer Code Voraussetzung für die Ausdifferenzierung eines besonderen Funktionssystems der Gesellschaft. Unter ‚ Ausdifferenzierung ’ ist die Emergenz eines besonderen Teilsystems der Gesellschaft zu verstehen, das die Merkmale der Systembildung, vor allem autopoietische Selbstreproduktion, Selbstorganisation, Strukturdeterminiertheit und mit all dem: operative Schlie ß ung selbst realisiert. Es handelt sich in einem solchen Falle nicht nur um ein Phänomen, das ein Beobachter, der es darauf anlegt, unterscheiden kann. Sondern das System unterscheidet sich selbst. Die Analyse des Systems der Massenmedien liegt deshalb auf derselben Ebene wie die Analyse des Wirtschaftssystems, des Rechtssystems, des politischen Systems usw. der Gesellschaft und hat über alle Unterschiede hinweg auf Vergleichbarkeit zu achten. Der Aufweis eines funktionsspezifischen Codes, der nur in dem betreffenden System als Leitdifferenz benutzt wird, ist ein erster Schritt in diese Richtung. (Luhmann 1996, S.49)

Luhmann definiert die Massenmedien als eigenständiges Funktionssystem, also über das Vorhandensein des für dieses System spezifischen Codes, sowie seine Eigenschaften der Autopoiesis und der Selbstreferenzialität. Das System Massenmedien lässt sich demnach mit dem Funktionssystem Wissenschaft oder dem Funktionssystem Politik vergleichen und geht auf Luhmanns Grundtheorie sozialer Systeme zurück.

Bevor wir uns jedoch der spezifischen Funktion der Massenmedien für die Gesellschaft zuwenden, soll zunächst einmal geklärt werden, was unter diesem Begriff zu verstehen ist. Luhmann definiert unter Massenmedien nämlich „alle Einrichtungen der Gesellschaft [...], die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen“ (ebenda, S.10) und grenzt sich damit von vorhergehenden Definitionen (vgl. Burkart 2014) ab. Die Massenmedien umfassen somit nicht nur alle Medien die mit der „Druckpresse“ (Luhmann 1996, S.10) hergestellt werden, wie Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, sondern auch den Bereich Funk. Ausgeschlossen von dieser Definition sind die Massenproduktion von Manuskripten, sowie öffentlich zugängliche Kommunikationen in Form von Vorträgen, Theateraufführungen, Ausstellungen oder Konzerten, außer im Falle einer technischen massenmedialen Verbreitung, zum Beispiel in Form von Filmen oder Disketten (ebenda).

[...]


1 wikia (2015). Luhmann wiki: Operative Geschlossenheit. Verfügbar unter: http://de.luhmann.wikia.com/wiki/Operative_Geschlossenheit [03.03.2015]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Massenmedien oder Öffentlichkeit als Funktionssystem der Gesellschaft? Medien in der Systemtheorie nach Niklas Luhmann
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Medientheorien
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V303322
ISBN (eBook)
9783668016606
ISBN (Buch)
9783668016613
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemtheorie, Luhmann, Medien in der Systemtheorie, Öffentlichkeit, Funktionssysteme
Arbeit zitieren
Marketa Kötter (Autor), 2015, Massenmedien oder Öffentlichkeit als Funktionssystem der Gesellschaft? Medien in der Systemtheorie nach Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303322

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