Die Stellung der Jesusbewegung im Rahmen der frühjüdischen Religionsgruppen

Eine Verhältnisbestimmung der Jesusgruppe zu den jüdischen Gruppierungen um die Zeitenwende


Seminararbeit, 2014
41 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Die frühjüdischen Religionsgruppen
2.1 Die religiöse Landschaft in Israel
2.2 Die Entstehung der großen Religionsgruppen
2.2.1 Die Sadduzäer
2.2.2 Die Essener
2.2.3 Die Pharisäer
2.2.4 Die Zeloten

3 Unterschiede und Eigenarten der drei großen Religionsgruppen
3.1 Die Sadduzäer
3.1.1 Ewiges Leben und Auferstehung
3.1.2 Engel- und Dämonenglaube
3.1.3 Das Gesetz und seine Auslegung
3.2 Die Essener
3.2.1 Ewiges Leben und Auferstehung
3.2.2 Engel- und Dämonenglaube
3.2.3 Das Gesetz und seine Auslegung
3.3 Die Pharisäer
3.3.1 Ewiges Leben und Auferstehung
3.3.2 Engel- und Dämonenglaube
3.3.3 Das Gesetz und seine Auslegung

4 Die Johannesgruppe
4.1 Endzeit und Gericht
4.2 Umkehr, Buße und Taufe

5 Positionsbestimmung der Jesusgruppe
5.1 Die Stellung zu den Sadduzäern
5.2 Die Stellung zu den Essenern
5.3 Die Stellung zu den Pharisäern
5.4 Die Stellung zu den Zeloten
5.5 Die Stellung zur Johannesgruppe

6 Der Wandel in den Evangelien
6.1 Das Markusevangelium
6.1.1 Die Sadduzäer im Markusevangelium
6.1.2 Die Pharisäer im Markusevangelium
6.2 Das Matthäusevangelium
6.2.1 Die Sadduzäer im Matthäusevangelium
6.2.2 Die Pharisäer im Matthäusevangelium
6.3 Das Lukasevangelium
6.3.1 Die Sadduzäer im Lukasevangelium
6.3.2 Die Pharisäer im Lukasevangelium
6.4 Das Johannesevangelium
6.4.1 Die Sadduzäer im Johannesevangelium
6.4.2 Die Pharisäer im Johannesevangelium

7 Schlussbetrachtungen

1 Einleitung

Die jüdische Gruppierung, die sich vor etwa 2000 Jahren um Jesus von Nazareth gebildet hat und aus der das Christentum hervorgegangen ist, stellt nur eine der zahlreichen Strömungen innerhalb des Judentums der damaligen Zeit dar. Im Laufe der geschichtlichen Umwälzungen ist die ehemals einheitliche Größe Israel (im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen wie auch auf Grund religiöser Divergenzen) in eine Vielzahl religiöser Strömungen, Schulen und Gruppen zerfallen; so bildet das Judentum zur Zeit Jesu ein äußerst heterogenes Gemisch. Dabei zeigen sich einerseits fundamentale Gemeinsamkeiten, durch welche alle Juden das eine Volk Gottes bilden, andererseits aber zeigen sich auch Unterschiede in Bezug auf die Zukunftserwartungen, die religiöse Praxis sowie auf die Auslegung der heiligen Schriften, insbesondere der Tora, die allen jüdischen Gruppen quasi als Fundament zu Grunde liegt.

Die vorliegende Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die Gemeinsamkeiten, sodann aber auch die Unterschiede der einzelnen Gruppen in den Blick zu nehmen, um auf der Basis dieser Befun- de die Stellung der Jesusbewegung innerhalb der frühjüdischen Religionsgruppen zu eruieren. Als Quellen für die Befunderhebung dienen neben den neutestamentlichen Schriften vor allem die Schriften des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus, der sich in den Wirren des Krieges gegen die Römer auf deren Seite geschlagen hatte, um dort mildernd auf die römische Besatzungsmacht einzuwirken und den Tempel zu retten, was jedoch misslang. Da Josephus für ein römisches Publikum schreibt, sind seine Texte jedoch mit Bedacht zu interpretieren.

Was das Neue Testament als Quelle zur Rekonstruktion der einzelnen Gruppen angeht, so sind hier im Wesentlichen die Evangelien von Interesse. Zwar wurden die neutestamentlichen Briefe früher und daher mit einem geringeren zeitlichen Abstand zu den Ereignissen verfasst, doch erhalten wir hier kaum Informationen zur Jesusgruppe in Bezug auf den hier relevanten Sachverhalt. Doch selbst bei den Evangelien ist zu berücksichtigen, dass diese die übrigen jüdischen Gruppen nicht selten überzeichnet, polemisch und karikierend darstellen. Auch bleibt zu bedenken, dass es sich hier nicht um reine Geschichtsschreibung handelt, sondern dass diese Texte vielmehr auch eine theologische Färbung in sich tragen. Dennoch ist eine vorsichtige Rekonstruktion und Annäherung möglich, jedoch nur in bedingtem Maße.

Im Folgenden sollen hier zunächst die geschichtlichen Entwicklungen aufgezeigt werden (2) sodann sollen die jeweiligen Spezifika der einzelnen Größen (3) und der Johannesgruppe (4) beleuchtet werden, um schließlich eine Positionsbestimmung (5) der Jesusbewegung zu den untersuchten Gruppen vorzunehmen. Ein Blick auf die Entwicklung in den Evangelien (6) sowie einige Schlussbemerkungen (7) schließen die Untersuchungen ab.

2 Die frühjüdischen Religionsgruppen

2.1 Die religiöse Landschaft in Israel

Das Judentum zur Zeit Jesu ist von einer großen religiösen Vielfalt geprägt. Es gibt zahlreiche Splittergruppen mit je eigenen Anschauungen, Hoffnungen, Erwartungen und Bestrebungen, was sich mitunter auch in einzelnen Lehrunterschieden bemerkbar macht, wenn auch nur in Nuancen. Grundsätzlich glauben alle an den einen Gott Israels, doch haben die Erfordernisse des Lebens zu unterschiedlichen Auffassungen geführt, etwa mit Blick auf die Auslegung des Gesetzes oder hinsichtlich der Anpassung an die weltlichen und politischen Gegebenheiten.[1]

Hierzu gesellt sich, seit der Rückkehr aus dem Exil und der Wiedererrichtung des Tempels, die Hoffnung auf eine messianische Befreiergestalt, welche die zwölf Stämme Israels wieder herstellen und das jüdische Volk von jeglicher Fremdherrschaft befreien würde. Es wundert nicht, dass in einer Situation, in der die Menschen von solchen Hoffnungen getragen sind, einzelne Gestalten Anhänger für sich gewinnen können: Pseudochristusse, Pseudomessiasse und Pseudopropheten (vgl. Mk 13) treten im ganzen Land auf und nähren unter den Menschen die Hoffnung auf eine Befreiung. Dabei ist zu unterscheiden zwischen der Hoffnung auf eine

(I) politische Befreiergestalt priesterlicher oder prophetischer Ausprägung, die aus dem Hause Davids stammen soll, sowie die Hoffnung auf eine (II) himmlische Erlösergestalt.[2]

Dass die Menschen zu jener Zeit in einer apokalyptischen Naherwartung lebten, dies belegen viele jüdische Schriften; besonders erhellend sind hier die Funde vom Toten Meer, doch auch Johannes der Täufer (Mt 3,7-12) und Jesus (Mk 1,15) selbst sprechen vom baldigen Gericht bzw. vom Anbruch einer neuen Zeit. Diese Hoffnung auf eine messianische Wende war im Judentum der Zeitenwende (bei allen Gruppierungen, bis auf die Gruppe der Sadduzäer) weit verbreitet; Marcel Simon bewertet die Messiashoffnung Israels gar als "das Hauptmerkmal der jüdischen Religiosität jener Zeit"[3]. Jesus scheint, je nach Perspektive, alle der o.g. Aspekte als Befreiergestalt zu erfüllen. So wird er von den einen als königlicher Messias, von anderen dagegen als endzeitlicher Prophet wahrgenommen worden sein.[4] Wie würde er handeln? Wird er Israel von der Fremdherrschaft der Römer und von der ungeliebten Führungsaristokratie befreien, notfalls auch mit Waffengewalt? Spekulationen greifen um sich. Nur einem seiner vielen Jünger wird die Messianität Jesu offenbart (Mt 16,16), doch kann auch dieser das "Wie" der Befreiung sowie die ganze Dimension des Wirkens Jesu noch nicht vollauf erfassen.

Die Messias-Hoffnung war auch innerhalb der Gruppe der Pharisäer verbreitet.[5] Daneben gab es jedoch eine Gruppe, die sich von diesen abgespalten hatte und für die das Hoffen auf einen messianischen Erlöser ein besonders großes Gewicht erhielt. Es sind die Vertreter der sog. "vierten Philosophie", und zu dieser gehört die Vorstellung, das Handeln Gottes durch eigenes Tun beschleunigen zu können, weshalb sie auch vor gewalttätigen Aktionen gegen die Römer nicht zurückschreckten. Hierin unterscheiden sie sich von den Pharisäern, die ihre Hoffnung auf einen Messias nicht mit ihrem eigenen Tun in Zusammenhang bringen. Eine Untergruppe dieser Bewegung der Zeloten sind die sog. Sikkarier (benannt nach ihrem gebogenen Dolch).[6] Der geschichtliche Hintergrund beider Gruppen sind die Befreiungskriege (siehe Kapitel 2.2).

In das Spektrum der religiösen Bewegungen jener Zeit gesellen sich auch charismatisch- religiöse Persönlichkeiten, welche die Menschen durch Taufe und Umkehr zu einer inneren Erneuerung führen wollen. Der Ort, an dem diese Persönlichkeiten wirkten, war schlechthin der Jordan (große Flüsse haben sehr oft eine religiöse Dimension: vgl. Nil, Ganges u.a.). Da rituelle Reinigungen, gemäß den Bestimmungen der Tora, im Judentum eine wichtige Rolle gespielt haben (vgl. Qumraner, Sadduzäer, Pharisäer u.a.), hatten solche Rituale eine große Anziehungskraft auf die Menschen, und viele schlossen sich ihrem Täufer als Schüler an. Sie lernten von ihm und versuchten, seiner Lehre entsprechend zu leben. Ein besonderes Charak- teristikum solcher Gruppen besteht laut Marcel Simon in einer Überbetonung des Rituellen, sogar im Vergleich mit dem sadduzäischen und dem pharisäischen Judentum.[7] Solche Grup- pen fanden sich nicht nur in Israel, sondern auch im syrisch-palästinischen Raum. Zur Zeit Jesu wirkte am Jordan ein Täufer namens Johannes, eine charismatische Gestalt, der sich viele Menschen anschlossen. Selbst im Rufe stehend, ein endzeitlicher Heilbringer zu sein, führte er sie durch Predigt und Bußtaufe zur Umkehr und inneren Erneuerung. Herodes Antipas fürchtete seinen Einfluss und ließ Johannes hinrichten.[8] Von ihm hat das Christentum wichtige Impulse empfangen; daher wird er in unserem Kontext noch eine wichtige Rolle spielen.

Bei manchen frühchristlichen Autoren (Epiphanes, Justin, Hegesipp) finden sich Listen von jüdischen Sekten, die jedoch wenig erhellend sind. Der Umstand, dass selbst Schriftgelehrte, Hellenen und Herodianer als eigenständige jüdische Sekten aufgeführt werden, ist wohl dem Bestreben geschuldet, hier eine Siebenzahl zu kreieren. Ob die Schriftgelehrten tatsächlich eine vom allgemeinen Judentum abweichende Lehre vertreten bzw. nur ihnen eigene Regeln befolgt haben, ist fraglich, zeichnen sie sich doch als maßgebliche gesamtjüdische Instanz.

Hellenen sind wohl einfach nur freigeistige, hellenisierte oder abgefallene Juden, oder aber Proselyten[9] (zur jüdischen Religion durch Beschneidung konvertierte Heiden), während die Herodianer schlicht Untergebene oder Sympathisanten des Herodes sind. Auf die Baptisten wurde oben bereits eingegangen; erwähnenswert wären noch die Meristen und die Genisten.

Erstere (von ) sind entweder (I) Juden, die unter den heiligen Schriften eine Auswahl treffen, oder (II) allgemein Sektierer, was auf die Pharisäer (von peruschim) hindeuten könnte. Mit dem Terminus "Genisten" sind offenbar all jene gemeint, die sich von der Synagoge und den mit ihr verbundenen Vorschriften abwenden, womit folglich auch die Christen gemeint sein könnten. Wirklich erhellend sind diese Listen also nicht, zumal die Übergänge zwischen den einzelnen Gruppen fließend und auch Doppelzugehörigkeiten möglich sind.[10]

Um das Bild zu vervollständigen, sollten hier auch die Samaritaner Erwähnung finden. Die Abspaltung Samarias von Restisrael hat eine längere Vorgeschichte. Spannungen zwischen dem Norden und dem Süden gab es bereits zur Zeit König Salomos. Unter ihm wurden die Nordstämme zur Fronarbeit verpflichtet. Nach Salomos Tod kam es unter seinem Sohn und Nachfolger Rehabeam zur Steinigung des Fronarbeitsministers. Die Nordstämme sagten sich von Rehabeam los und schlossen sich zum Nordreich Israel zusammen. Als die Assyrer 721 Samaria, zu dieser Zeit die Hauptstadt des Nordreiches, eroberten, wurde ein Großteil der Bevölkerung ins Exil geführt (vgl. 2 Kön 17,24-41); nur ein Teil der beiden Stämme Ephraim und Manasse verblieb in diesem Gebiet (vgl. 2 Chr 34,9 und Jer 41,5). Statt dessen wurde ein Vielvölkergemisch aus anderen von den Assyrern eroberten Gebieten (u.a. Babylon, Syrien) dort angesiedelt, und in der Folge kam es zu einer Vermischung der dort verbliebenen Juden mit den übrigen Völkern. Zwar nahmen die neuen Ethnien den Gott Israels als ihren Gott an, verehrten jedoch weiterhin ihre alten Gottheiten (vgl. 2 Kön 17,41); aus der Sicht Jerusalems und des Tempels galten sie nunmehr als kultisch unrein. Im Zuge der Wiedererrichtung des Tempels unter Esra und Nehemia kam es in der Tempelstadt zu einem Mischeheverbot. Viele trennten sich von ihren Frauen, andere zogen mit ihrer Familie weg und schlossen sich dem Nordereich an, unter ihnen auch viele Priester. Das Nordreich hatte auch angeboten, bei der Wiedererrichtung des Tempels zu helfen; dies wurde jedoch abgelehnt. Daraufhin errichtete man auf dem Berg Garizim ein eigenes Heiligtum (450 v. Chr.) für den Norden. Dieses wurde 128 v. Chr. unter dem Hasmonäer Johannes Hyrkan zerstört. Die Samarier verehren denselben Gott wie die Juden und besitzen, bis auf wenige Änderungen, auch denselben Pentateuch. Darüber hinaus lehnen sie alle weiteren Texte ab. Außerdem haben sie eine sehr alte und ei- gentümliche Liturgie bewahrt, in der auch die Erwartung eines Messiasses eine Rolle spielt.[11]

2.2 Die Entstehung der großen Religionsgruppen

Wie wir gesehen haben, herrscht im Israel der Zeitenwende eine ausgeprägte religiöse Vielfalt. Das Judentum zur Zeit Jesu wird jedoch von zwei (unterschiedlich großen) Gruppen bestimmt: der Priesterklasse der Sadduzäer und den sich in den Befreiungskriegen bildenden Pharisäern. Auf Grund ihrer großen Zahl und der allgemeinen Beliebtheit, die sie im Volk genossen, sind für uns jedoch auch die Essener von Interesse. Die Quellenlage zur Rekonstruktion der Ent- stehungsgeschichte dieser Gruppierung ist dabei nicht immer verlässlich.[12] Neben Flavius Josephus (der in seinen Berichten zum Teil nicht verifizierbare Quellen verwertet hat), nach eigenen Angaben selbst Pharisäer, berichten auch die Makkabäerbücher über die damaligen Geschehnisse. Trotz der dürftigen Quellenlage lässt sich die Entstehungsgeschichte in etwa rekonstruieren, jedoch "muss jede Rekonstruktion dieser Strömungen hypothetisch bleiben"[13].

"Die wesentlichen Angaben über die drei Gruppen [] vermittelt uns Josephus. Das von ihm entworfene Bild ist gewiß unzulässig vereinfacht ... Vor allem darf man die von ihm ange- wandten Vergleiche der Sadduzäer mit den Epikuräern, der Pharisäer mit den Stoikern und [...] der Essener mit den Pythagoreern nicht wörtlich nehmen. Diese Vergleiche bezwecken allein, den Heiden die religiösen Zustände Jerusalems begreiflich zu machen [...]."[14]

2.2.1 Die Sadduzäer

Die älteste dieser Religionsgruppen ist jene der Sadduzäer, ein altes Priestergeschlecht, das vermutlich bis in die Zeit Davids zurückreicht. Demnach wäre Zadoq, der Priester von König David, der Begründer dieser Dynastie. Da der Tempelkult in Jerusalem bis 70 n. Chr. für das Judentum ganz zentral ist, kommt den Sadduzäern, aus deren Reihen der Hohepriester stammt, in kultischen und religiösen Fragen eine bedeutende und führende Rolle zu. Durch die enge Verbindung mit dem Tempel bleibt ihr Aktionsradius auf Jerusalem beschränkt.[15]

Erstmals erwähnt werden die "Sadduzäer" von Josephus (Jüdische Altertümer) um die Mitte des 2. Jh.s v. Chr. Der Hintergrund ist hier die Einsetzung eines nicht-zadokidischen Hohenpriesters durch die Seleukiden, eine Diadochendynastie im Gefolge Alexanders des Großen, zu dessen Herrschaftsgebiet seit den Diadochenkriegen auch Palästina gehörte.[16]

Da sich an dieser Frage (nach der Legitimität bzw. der Akzeptanz der Hasmonäerherrschaft:

Haschmonaim ist der hebr. Name für Makkabäer, siehe unten: Makkabäeraufstand) ein Streit entzündete und der Name "Sadduzäer" hier erstmals erscheint, wäre es denkbar, dass dieser Terminus hier kreiert wird, um die Klasse der Priester explizit von den übrigen Gruppierungen abzugrenzen. Infolge des Niederganges der hasmonäischen Herrschaft verloren die Sadduzäer zunehmend an Bedeutung, und mit der Zerstörung des Tempels um 70 n. Chr. wurde ihnen schließlich auch ihre religiöse, politische und wirtschaftliche Grundlage entzogen.[17]

2.2.2 Die Essener

Die Essener werden weder im Neuen Testament noch in der rabbinischen Literatur erwähnt. Dies ist bemerkenswert, wenn man davon ausgeht, dass die Angaben des Flavius Josephus korrekt sind, wonach die Essener um die Mitte des 1. Jh.s mit etwa 4.000 Mitgliedern nur um rd. 1/3 kleiner waren als die Pharisäer mit etwa 6.000 Anhängern. Sadduzäer und Zeloten zählten zu dieser Zeit wohl jeweils nur einige hundert Anhänger. Gleichwenn Josephus die religiösen Gruppen Israels mit philosophischen Schulen vergleicht, um sie den Heiden näher zu bringen, so besteht hier doch kein sachlicher Grund, die zahlenmäßigen Angaben dieses jüdischen Historikers in Zweifel zu ziehen - zu welchem Zweck sollte Josephus die Zahlen hier bewusst verfälschen? Auch der jüdische Religionsphilosoph Philo von Alexandrien spricht von mehr als 4.000 Essenern und preist sie, ebenso wie Josephus, als die besten und vorbildlichsten aller Juden; die Essener genossen im Volk eine hohe Wertschätzung. Dass man die Essener vielfach auf die Klosteranlage von Qumran reduziert hat, wird den Berichten von Josephus und Philo nicht gerecht, wie der Qumran-Forscher Hartmut Stegemann hierzu bemerkt: "die abgelegene Qumran-Siedlung der Essener hielten beide Autoren für gar nicht sonderlich erwähnenswert."[18] Es kann hier von einer "gewissen geographischen Streuung der [essenischen] Bewegung im judäischen Bereich"[19] ausgegangen werden.[20]

Der geschichtliche Hintergrund zur Entstehung der Essener (wie auch der Pharisäer und der Zeloten) sind die Geschehnisse, die sich in Israel unter der Fremdherrschaft der Seleukiden zugetragen haben. Unter den Voraussetzungen, dass 1. die Funde von Qumran den Essenern zuzuschreiben sind, dass 2. die Berichte von Josephus und Philo im Wesentlichen historisch zutreffend sind und dass 3. diese Befunde gemeinsam mit den übrigen Quellen des antiken Judentums zu sehen sind, zeichnet Hartmut Stegemann folgende Entwicklung:

Trotz der religiösen Vielfalt war das Judentum bis zum Beginn des 2. Jh.s v. Chr. (bis auf die charismatisch geprägten Bewegungen: Messiasse, Täufergruppen u.a.) eine einheitliche Größe. Im Zentrum ihrer Religion stand der Tempelkult, dessen Dienst der Hohepriester und als deren Helfer die Leviten versahen. Ab 175 v. Chr. (Regierungsantritt Antiochos' IV.) nahm dann aber die Hellenisierung (als Folgeerscheinung der Diadochenherrschaft: Ptolemäer, Seleukiden) in Palästina immer stärkere Züge an: Wettkämpfe in nacktem Zustand, dazu am Sabbat und in unmittelbarer Nähe des Tempels traten an die Stelle des religiösen Eifers. In dieser Situation gelang es reformfreundlich gesinnten Kreisen, die Gunst der seleukidischen Herrscher zu erlangen; das Amt des Hohenpriesters wurde käuflich, Machtkämpfe entstanden, und infolge dessen gerieten die Zadokiden in den Hintergrund; Rivalen wurden ermordet. Man gestattete Antiochos IV. die vollständige Plünderung des Tempels. 167 v. Chr. wurde der jüdische Tempelkult abgeschafft und durch den griechischen Zeus-Olympios-Kult ersetzt. Im Zuge dessen wurde auch der priesterliche Sonnenkalender durch den Mondkalender babyloni- scher Herkunft ersetzt, die jüdischen Feste wurden nicht mehr gefeiert. Die Beschneidung der Knaben sowie die Heiligung des Sabbats standen fortan unter Todesstrafe. Diese Ereignisse sowie die Einsetzung eines einfachen Priesters nicht-zadokidischer Herkunft in das Amt des Hohenpriesters veranlassten fromme Juden, zu Tausenden das Land zu verlassen; durch die Entweihung des Tempels und die Religionsgesetzgebung 168 v. Chr. war ein toragemäßes Leben nicht mehr möglich, die Bindung zum Tempel war fortan zerstört. Um sich dem Zugriff ihrer Verfolger zu entziehen, zogen die frommen Israels, die Chassidim, in fremde Gebiete, verschanzten sich im Gebirge oder flohen in die Wüste Juda.[21] Diese Frommen, die Chassidim, bildeten eine Oppositionsbewegung, aus welcher dann später die beiden großen Gruppen der Pharisäer und der Essener hervorgehen sollten.[22]

Die zwangsweise Durchsetzung des neuen Kultes führte zu einem bewaffneten Widerstand, deren Ausgangspunkt ein einfacher Priester namens Mattatias bildet. Er verweigerte die Darbringung des heidnischen Opfers, tötete einen seiner eigenen Leute, der zum Götzenopfer bereit war und floh mit seinen Gefolgsleuten in die Berge, Scharen von freiwilligen Kämpfern schlossen sich ihm an. Von dort aus bekämpften sie sowohl die fremden Besatzer wie auch reformfreundlich gesinnte Landsleute. Uneinigkeit ergab sich hinsichtlich der Sabbatheiligung, viele ließen sich am Sabbat kampflos niedermetzeln. Dennoch gelang es den Makkabäern (benannt nach dem Beinamen des Mattatias-Sohnes Judas), die aus inneren Machtkämpfen heraus geschwächten Seleukiden zurückzudrängen und 164 v. Chr. in Jerusalem einzuziehen. Dort stellten sie den traditionellen Kult und die alte Ordnung wieder her.[23]

Den Makkabäern gelang es, das Priesteramt und überdies eine königliche Herrschaft über Israel zu erlangen. Sie übten für knapp einhundert Jahre (165 - 63 v. Chr.) die unumschränkte, von den Seleukiden gebilligte Herrschaft in Israel aus und begründeten das Herrschaftsge- schlecht der Hasmonäer. Damit war nicht nur das Amt des Hohenpriesters erblich geworden, sondern es kam überdies zu einer Vereinigung von staatlicher und religiöser Macht. Hiermit waren viele der Frommen im Volk nicht einverstanden. Während die Sadduzäer sich mit den Verhältnissen zufrieden gaben, forderten andere die strikte Trennung von Thron und Altar.[24]

Flavius Josephus schreibt, dass es in Israel eine siebenjährige Vakanz des Hohenpriesterstuhls gegeben habe. Wie Hartmut Stegemann hierzu bemerkt, habe Josephus bei seiner Darstellung alleine das Erste Makkabäer-Buch zu Grunde gelegen, das in diesem Punkt nicht ganz zuver- lässig ist. Möglich wäre auch, dass man die Essener aus Gründen der Nichtakzetanz bewusst aus dieser Historie getilgt hat. Dass es in dieser Zeit keinen Hohenpriester gegeben habe, so Stegemann, sei jedoch nicht möglich, da mit der Wiederaufnahme des Tempelkultes und der traditionellen Liturgie im Jahre 164 v. Chr. auch die jüdischen Feste gefeiert worden seien, was im Falle des Versöhnungstages etwa alleine unter der Beteiligung eines Hohenpriesters möglich gewesen sei; auch sei ein toragemäßes Leben ohne Hohenpriester überhaupt nicht denkbar. Aus den Torafunden rekonstruiert er, dass der "Lehrer der Gerechtigkeit" vor seiner Gründung der essenischen Union "Hoherpriester am Jerusalemer Tempel gewesen sein muß, und zwar als unmittelbarer Amtsvorgänger des Makkabäers Jonatan, der das Hohepriesteramt im Jahre 152 v. Chr. okkupierte."[25] Als Beleg führt Stegemann den Titel des "Lehrers der Gerechtigkeit" an, den er als traditionellen Amtstitel des Hohenpriesters ausweist. Auch, so Stegemann, wiesen die Qumaran-Texte auf seine Amtstätigkeit hin, bevor er von Jonatan aus seinem Amt vertrieben worden sei. Als Reaktion darauf habe der Lehrer der Gerechtigkeit die essenische Union gegründet; als ihr Oberhaupt sei er der legitime Hohepriester gewesen.[26]

"Die Essener haben sich von vornherein nie anders betrachtet denn als die einzig legitime Repräsentanz des gesamten Zwölf-Stämme-Volkes Israel in ihrer Gegenwart. [...] Als Zeichen dieser Gemeinsamkeit fanden die kultischen Versammlungen an allen Orten, wo es Essener gab, stets genau zu den gleichen Tageszeiten statt. Jede der lokalen Essener-Gruppen war auch Bestandteil des ideellen, 'aus Menschen gebauten' Tempels Gottes auf Erden, mit den Priestern als Allerheiligstem [...], der für das gesamte Heilige Land die vorgeschriebene Sühne zu leisten hatte, solange am Jerusalemer Tempel die falsche Kultordnung praktiziert wurde."[27]

2.2.3 Die Pharisäer

Die Frommen Israels, die Chassidim, bilden, wie bereits dargelegt wurde, auch die Vorläufer der Gruppe der Pharisäer.[28] Wenn wir uns auf die Darstllung des Josephus verlassen können (was in Fragen der Entstehung der früh-jüdischen Gruppen unter allen Quellen - neben dem Neuen Testament und den rabbinischen Texten - noch die verlässlichste aller Quellen ist)[29], dann hat sich die Trennung zwischen dem Hohenpriestertum und den Pharisäern um die Wende zum 1. vorchristlichen Jahrhundert vollzogen. Texte aus Qumran eröffnen jedoch die Möglichkeit, die Existenz der Pharisäer bereits in der Makkabäerzeit verorten zu können. Die Damaskusschrift berichtet von "'der Gemeinde der Treulosen ... die leichte Auslegungen su- chen ... und sich zusammenrotten gegen das Leben eines Gerechten' (CD 1,12-20)."[30]

Deutlich ist hier, trotz aller Rivalität und Opposition zu den Sadduzäern, der Ursprung und die geistige Haltung der Qumran-Essener zu erkennen. Gerade diese Nähe hat, ähnlich wie auch bei der Jesusgruppe und den Pharisäern, zu einer besonderen Rivalität geführt. Das ändert jedoch nichts an ihrer Grundhaltung: der Ablehnung des "Modernismus" der Pharisäer. Deut- lich klingt hier auch die Uneinigkeit heraus, die einst zur Spaltung der Chassidim geführt hat, welche dann in die Aufspaltung bzw. die Entstehung der Pharisäer einerseits und der Essener andererseits geführt hat. Es ist anzunehmen, dass die genannte Geisteshaltung der Pharisäer in Fragen der Gesetzesauslegung bereits in Kreisen der Chassidim grundgelegt worden ist. Vor allem aber wandten sich die Chassidim gegen den Pragmatismus der Sadduzäer, welche die Herrschaft der Hasmonäer und deren Freiheitskampf gegen die Seleukiden unterstützten.[31]

Roman Heiligenthal bewertet die Bewegung der Pharisäer als eine Reform von unten: "Am besten kann man die Pharisäer als 'reformerische Laienbewegung' beschreiben. Sie setzten den traditionellen Rechten der aristokratischen Sadduzäer die Ernsthaftigkeit gelebten Glaubens in Übereinstimmung mit dem Gesetz und seinen Geboten entgegen."[32]

Wie Marcel Simon in Anlehnung an Josephus ausführt, soll der Bruch zwischen dem Tempel und den Pharisäern "dadurch entstanden sein, daß ein Pharisäer namens Eleazar Hyrkanos veranlaßte, auf das Amt des Hohenpriesters zu verzichten und nur noch die politische Gewalt auszuüben. Es geht hier um die bereits erwähnte "Trennung von Thron und Altar".[33]

[...]


[1] Vgl. Simon 1964, 25.

[2] Vgl. Erlemann 2005, 40-43.

[3] Simon 1964, 46.

[4] Vgl. Erlemann 2005, 43.

[5] Vgl. Simon 1964, 45.

[6] Vgl. Pilhofer 2010, 46 f.

[7] Vgl. Simon 1964, 88.

[8] Vgl. Backhaus 2005, 44 ff.

[9] Vgl. Wander 2005, 50 ff.

[10] Vgl. Simon 1964, 85-105.

[11] Vgl. Powels-Niami 2014, 6 ff.; 12.

[12] Vgl. Schäfer, Reed, Schwartz & Yadin 2010, 341.

[13] Schäfer, Reed, Schwartz & Yadin 2010, 344.

[14] Simon 1964, 28 f.

[15] Vgl. Heiligenthal [Sadduzäer - Religiöse Vielfalt] 2005, 34.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. Heiligenthal [Sadduzäer - Religiöse Vielfalt] 2005, 34 f.

[18] Stegemann 1994, 197.

[19] Faßbeck 2005, 37.

[20] Vgl. Stegemann 1994, 194-197. Faßbeck 2005, 36 f.

[21] Vgl. Stegemann 1994, 198-203.

[22] Vgl. Heiligenthal [Pharisäer/Zeloten/Sikarier] 2005, 28. Simon 1964, 26.

[23] Vgl. Stegemann 1994, 203 f.

[24] Die nachfolgende Position ist in der Literatur als "Essenerthese" bekannt.

[25] Stegemann 1994, 205.

[26] Vgl. Stegemann 1994, 205 f. Vgl. ausführlich: ders., 206-229.

[27] Stegemann 1994, 229. Vgl. auch: Simon 1964, 26 f.

[28] Vgl. Simon 1964, 26 f. Heiligenthal [Pharisäer/Zeloten/Sikarier] 2005, 28.

[29] Vgl. Stemberger 2013, 83.

[30] Vgl. Schäfer, Reed, Schwartz & Yadin 2010, 345.

[31] Vgl. Heiligenthal [Pharisäer/Zeloten/Sikarier] 2005, 28 f.

[32] Heiligenthal [Pharisäer/Zeloten/Sikarier] 2005, 30.

[33] Vgl. Simon 1964, 27 f.

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Details

Titel
Die Stellung der Jesusbewegung im Rahmen der frühjüdischen Religionsgruppen
Untertitel
Eine Verhältnisbestimmung der Jesusgruppe zu den jüdischen Gruppierungen um die Zeitenwende
Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main
Veranstaltung
Lehrveranstaltung zur Umwelt des Neuen Testaments
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
41
Katalognummer
V303621
ISBN (eBook)
9783668019669
ISBN (Buch)
9783668019676
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die frühjüdischen Religionsgruppen, Chassidim, Pseudochristusse, Propheten, Täuferbewegungen, Johannes der Täufer, Essener, Sadduzäer, Pharisäer, Zeloten, Sikkarier, Die Jesus-Bewegung, Engel- und Dämonenglaube, Ewiges Leben und Auferstehung, Gesetzes-Auslegung, Wandel in den Evangelien, Auferstehung und Gericht, Eschatologie
Arbeit zitieren
Thomas Schmitt (Autor), 2014, Die Stellung der Jesusbewegung im Rahmen der frühjüdischen Religionsgruppen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303621

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