Die Entstehung der neutestamentlichen Schriften und des biblischen Kanons in der Kirche des Westens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
33 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Die Entstehung der neutestamentlichen Schriften und die Kanonfrage

3 Die Schriften des neutestamentlichen Kanons
3.1 Die authentischen Paulusbriefe
3.1.1 Der erste Thessalonicherbrief
3.1.2 Der Galaterbrief
3.1.3 Die Korintherbriefe
3.1.3.1 Der verlorengegangene Brief
3.1.3.2 Der erste Korintherbrief
3.1.3.3 Der Tränenbrief
3.1.3.4 Der zweite Korintherbrief
3.1.4 Der Philipperbrief
3.1.5 Der Philemonbrief
3.1.6 Der Römerbrief
3.2 Die synoptischen Evangelien
3.2.1 Das Markusevangelium
3.2.2 Das Matthäusevangelium
3.2.3 Das Lukasevangelium
3.3 Die Apostelgeschichte
3.4 Die deuteropaulinischen Briefe
3.4.1 Der Kolosserbrief
3.4.2 Der Epheserbrief
3.4.3 Der zweite Thessalonicherbrief
3.4.4 Die Pastoralbriefe
3.4.4.1 Der erste Brief an Timotheus
3.4.4.2 Der zweite Brief an Timotheus
3.4.4.3 Der Brief an Titus
3.4.5 Der Hebräerbrief
3.5 Die johanneische Literatur
3.5.1 Das Johannesevangelium
3.5.2 Der erste Johannesbrief
3.5.3 Der zweite Johannesbrief
3.5.4 Der dritte Johannesbrief
3.5.5 Die Offenbarung des Johannes
3.6 Die übrigen katholishen Briefe
3.6.1 Der erste Petrusbrief
3.6.2 Der Jakobusbrief
3.6.3 Der Judasbrief
3.6.4 Der zweite Petrusbrief

4 Erkenntnisse für die Exegese

1 Einleitung

Die Schriften der christlichen Bibel, die uns heute so selbstverständlich vorliegen, haben in Wirklichkeit allesamt eine bewegte Geschichte hinter sich, und die Zusammenfügung dieser in ihrer Form und in ihrem Inhalt oft so verschiedenen Schriften ist kein greifbares, ist kein punktuelles Ereignis, sondern vielmehr das Resultat eines langen Weges, der sich über zwei volle Jahrhunderte seit dem großen Ereignis der Menschwerdung Gottes erstreckt.

Schon zu Jesu Lebzeiten hatten dessen Worte und Taten eine solche Wirkkraft, dass sich die Kunde davon überall verbreitete. Deshalb steht vor dem geschriebenen Wort zunächst die mündliche Überlieferung. Diese mündliche Tradition wurde nach Jesu Tod auch über Israels Grenzen hinausgetragen. Es entstanden Niederschriften dieser Traditionen, Sammlungen von Aussprüchen Jesu sowie von Ereignissen, die sich zu dessen Lebzeiten zugetragen hatten.

Diese Niederschriften markieren also den Übergang des mündlich tradierten hin zu unseren Evangelien, die aus der Komposition solcher Quellen allmählich entstanden sind.

Neben den Evangelien haben jedoch auch andere christliche Autoren Schriften verfasst, allem voran Paulus, den Gott vom Pharisäer und Christenverfolger zum Diener Jesu berufen hat. Seine Briefe geben weniger die Ereignisse wieder, die sich zur Zeit Jesu zugetragen haben; vielmehr reflektieren sie über Christus, seine Bedeutung, seine Botschaft und seine Lehre. Die Menschen aus den neu von Paulus gegründeten Gemeinden, die zum Glauben an Christus gekommen waren, wurden durch die Briefe des Apostels in allem unterwiesen, was sie zum Leben im Glauben und in der Gemeinschaft mit dem Herrn wissen mussten.

Doch auch andere Autoren machten sich mit der gleichen Intention ans Werk. Sie schrieben Briefe an bereits bestehende Gemeinden und versuchten auf diese Weise, ebenfalls einen Beitrag zur Verbreitung des Glaubens an Jesus Christus zu leisten.

Eine große Gefahr für die frühe Kirche stellte die Gnosis dar, aber auch christliche Irrlehren wie etwa der Doketismus. Für die Kirche ergab sich daraus schon bald die Notwendigkeit, zwischen echten und sog. pseudepigraphen Texten zu unterscheiden. Jene Schriften, welche gnostische Elemente oder Elemente anderer Irrlehren in sich bargen, wurden im Verlauf der Kanonbildung sukzessive aus dem Corpus der heiligen Schriften verbannt.

Im Folgenden soll zunächst die Kanonbildung in ihren groben Zügen dargestellt werden; im Anschluss werde ich die Entstehung der einzelnen Schriften gesondert in den Blick nehmen.

2 Die Entstehung der neutestamentlichen Schriften und die Kanonfrage

Die Festschreibung des neutestamentlichen Kanons ist das Ergebnis eines langen Prozesses, der sich im Wesentlichen über die ersten beiden Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung erstreckt. Als Ergebnis dieses Prozesses wurden 27 Schriften des frühchristlichen Zeugnisses zu einem "Zweiten Testament" (in Anlehnung an das "Erste Testament", d.h. die heiligen Schriften der Juden) zusammengefasst. Diese lassen sich gliedern in: Eine Apostelgeschichte, 13 Apostelbriefe (zur Echtheit siehe weiter unten), ein Hebräerbrief, sieben sog. Katholische Briefe sowie eine Apokalypse, die dem Apostel Johannes zugeschrieben wird.[1]

Zunächst hat man die Briefe des Apostels Paulus unter den frühen christlichen Gemeinden weitergereicht (vgl. Kol 4,16) und zu einem sog. "Corpus Paulinum" zusammengefasst. Dazu zählten wohl nicht alleine die echten Paulusbriefe, sondern auch solche, die dem Apostel nur zugeschrieben wurden sowie die Pastoralbriefe. Schon der 1. Klemensbrief, um das Jahr 96 in Rom abgefasst, verfügt über die Kenntnis zumindest des Römerbriefes sowie des 1. Korin- therbriefes. Bischof Ignatius von Antiochien, gestorben um 115, ruft in seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus (IgnEph 12,2) "jeden" Paulusbrief in Erinnerung, und auch der Autor des 2. Petrusbriefes stützt sich bereits auf die Kenntnis "aller" Paulusbriefe (2 Petr 3,15 f.).

Die Evangelien, die in den verschiedenen Regionen des Römischen Reiches entstanden sind, wurden schon wenige Zeit später zu einem "Viererevangelium" zusammengefasst und fanden in der frühen Kirche weite Verbreitung. Schon das Papyrusfragment p[52] bezeugt die Kenntnis des Johannesevangeliums im ägyptischen Raum um das Jahr 125, und auch der Verfasser des sekundären Markusschlusses kennt bereits alle vier Evangelien; er komponiert aus ihnen eine Harmonie der Ostererzählungen (Mk 16,9-20).

Gegen Mitte des 2. Jh.s berichtet Justin der Märtyrer, dass in der gottesdienstlichen Versamm- lung neben den Schriften der Propheten auch "die Erinnerungen der Apostel" (Apol. I 66,3; 67,3) verlesen werden. Die von den apostolischen Vätern aufgegriffene mündliche Tradition von Jesusworten wurde gelegentlich auch als bezeichnet; was Christus der Herr gesagt hat, gilt wie ein Wort der heiligen Schrift. Grundsätzlich gilt alles als inspiriert, was die Wahrheit über das Geheimnis Jesu Christi unverfälscht wiedergibt, sodass eben auch jene "Erinnerungen der Apostel" im Gottesdienst verlesen werden konnten. Was zum christlichen Kanon gehört, war also noch nicht ganz klar. Zudem existierten in den Gemeinden oft unter- schiedliche Präferenzen dahingehend, welche Schriften in der heiligen Feier verlesen wurden.

Einen nicht unwesentlichen Impuls zur weiteren Kanonbildung gab um die Mitte des 2. Jh.s Marcion, der den Gott des Alten Testamentes zwar als Weltschöpfer anerkannte, ihn jedoch nicht mit dem Gott und Vater Jesu Christi identifizierte, was die Ausscheidung aller alttestamentlichen Schriften aus seinem Kanon zur Folge hatte. Neben dem Lukasevangelium, aus dem er alle jüdischen Bezüge verbannt hatte, zählte Marcion nur noch zehn Paulusbriefe zu seinem Kanon; auch die Pastoralbriefe blieben außen vor. Dadurch wurde die Großkirche zu einer Reaktion und ihrerseits zur Definition eines verbindlichen Schriftenkanons gezwungen. Dieser steht gegen Ende des 2. Jh.s in seinen Grundzügen fest.

Bischof Irenäus von Lyon verwendet um die Wende zum 3. Jh. ganz selbstverständlich alle vier Evangelien, außerdem die Apostelgeschichte und den gesamten Corpus Paulinum (außer Philemon), darüber hinaus noch die katholischen Briefe: 1. Petrusbrief sowie 1. und 2. Johannesbrief; auch die Apokalypse ist ihm bekannt. Es fehlen bei Irenäus also der 2. Petrusbrief, der dritte Johannesbrief, der Judasbrief, der Jakobusbrief sowie der Hebräerbrief. Unklar ist also im Wesentlichen die Festlegung der katholischen Briefe. Tertullian bekennt sich für den Westen zu 22 neutestamentlichen Schriften, wohingegen Clemens von Alexandria u.a. auch heidnische und apokryphe Schriften als inspiriert anerkennt, so etwa den Hirten des Hermas, die Didache, die Petrusapokalyse oder den 1. Clemensbrief.

Eine der interessantesten Quellen aus jener Zeit ist jedoch das moratorische Fragment, das um 200 im sog. Kanon Muratori (benannt nach seinem Entdecker) nicht nur die Reihenfolge der heiligen Schriften aufzählt, sondern auch Einblicke in die Entstehung dieser Schriften und deren Bedeutung gewährt. So werden die Schriften überwiegend auf die Apostel oder deren Schüler zurückgeführt und dadurch legitimiert, und zwar auch solche Schriften, die heute nicht mehr zum christlichen Kanon gehören (Petrusapokalypse). Andere Schriften, wie etwa der Hirte des Hermas, gelten als lesenswert, jedoch nicht als gottesdiensttauglich. Anliegen des Textes ist es, durch die Auflistung möglichst aller (neuen, nicht die alttestamentlichen) heiligen Schriften die Grenzen des damaligen Kanons zu markieren.

Doch die Zurückführung auf einen Apostel oder auf einen ihrer Schüler, ein nicht illegitimes Unterfangen in antiker Zeit, reicht als Kriterium für die Kanonizität einer Schrift alleine nicht aus. Ausschlaggebend ist auch das Urteil des Bischofs, wie das Urteil des Bischofs Serapion von Antichia zeigt. Er hat die in einigen seiner Gemeinden kursierende Petrusapokalypse auf Grund ihres gnostisch-doketischen Gehaltes als nicht apostolisch, d.h. als nicht echt eingestuft und ihre Verwendung untersagt. Durch solche inhaltliche Prüfung versucht die Kirche, die authentischen Schriften des frühen Christentums von unechten Schriften zu unterscheiden.

Um 200 steht der neutestamentliche Kanon in seinen Grundzügen fest. Unsicher im Osten ist noch die Stellung der "katholischen" Briefe sowie die Apokalypse, im Westen hingegen steht die Echtheit des Hebräerbriefes noch in Zweifel. Im Laufe des dritten und vierten Jahrhun- derts vollzog die lateinische Kirche eine Annäherung an den Osten; von hier wurden sowohl der Hebräerbrief, aber auch die Abgrenzung der katholischen Briefe, übernommen. Der noch offene Kanon wurde bald durch Synoden und Bischofsentscheide allmählich geschlossen; Bischof Athanasius von Alexandria listet in seinem Osterfestschreiben von 367 schließlich 27 kanonische Schriften auf. Diese, und nur diese Schriften, gelten ihm als "Quellen des Heils". Diese Kanongrenzen gelten mit den Synoden von Hippo (393) und Karthago (397) als fixiert.

Im syrischen Raum hatte Tatian seine Evangelienharmonie (Diatessaron) verbreitet und durchgesetzt. Nachdem Tatian, der sich in Rom mit seinem Lehrer Justin dem Märtyrer über- worfen hatte, nach Syrien zurückgekehrt war, sammelte er eine asketische Anhängerschaft um sich; die Gemeinschaft, die sowohl die Ehe als auch den Fleisch- und Weingenuss ablehnte, stand bald im Verdacht, eine gnostische Sekte zu sein. Es war nicht zuletzt die Ablehnung des Geschlechtsaktes, die schließlich zum Schwinden dieser Gemeinschaft geführt hatte, doch das Diatessaron konnte sich noch eine Weile im syrischen Raum halten. Erst Bischof Rabbula von Edessa setzte schließlich im 5. Jahrhundert den Gebrauch der vier Evangelien durch, wie sie auch in den übrigen Teilkirchen des ehemaligen römischen Imperiums, ebenso auch im Osten, benutzt wurden. Infolge dessen kam es zu einer Verdrängung von Tatians Diatessaron, und auch in Bezug auf die katholischen Briefe kam es hier bald zu einer Angleichung.

Die Entscheide von Hippo (393) und Karthago (397) wurden im ausgehenden Mittelalter durch das Konzil von Trient (1546) nochmals - hier mit antireformatorischer Stoßrichtung - höchst offiziell bestätigt. Auch die Reformatoren behielten den 27 Schriften umfassenden Kanon bei, nahmen jedoch einige Korrekturen vor. Für Luther war das Kriterium für den Wert einer Schrift darin zu finden, ob sie den Leser mehr zu Christus hinführt oder eben nicht. Gleiches gilt auch anders herum: "'Was Christus nicht lehrt, das ist nicht apostolisch, wenn's gleich Petrus oder Paulus lehrt [...]'"[2]. Vor diesem Hintergrund stellt Luther dem Jakobusbrief, dem Hebräerbrief, dem Judasbrief, dem 2. Petrusbrief und der Apokalypse aus verschiedenen Gründen ein schlechtes Urteil aus, weshalb er diese Schriften an das Ende des Kanons setzt. Durch diese Positionierung wurden diese Schriften als geringwertiger qualifiziert. Dagegen stellte das Konzil von Trient fest, dass alle 27 Schriften des neutestamentlichen Kanons in gleicher Weise als heilige Schriften gelten und daher mit Recht ihren Platz im Kanon haben.

3 Die Schriften des neutestamentlichen Kanons

Für gewöhnlich werden die neutestamentlichen Schriften in ihrer Abfolge gemäß ihrer Positi- onierung im Kanon des Neuen Testamentes behandelt. Dem hingegen sollen diese Schriften nachfolgend in der Abfolge ihrer vermutlichen Entstehung in den Blick genommen werden.[3]

3.1 Die authentischen Paulusbriefe

Die Briefe des Apostels Paulus sind die ältesten Schriften des neutestamentlichen Kanons. Dem hingegen wurde die Apostelgeschichte, welche auch über die Missionsreisen des Paulus berichtet, erst gegen Ende des 1. Jahrhunderts verfasst, wenngleich bei der Anfertigung des Textes wohl ältere Quellen als Vorlage dienten. Von daher wird verständlich, dass viele der Aussagen, die wir in der Apostelgeschichte über die Missionsreisen des Paulus finden, nicht in Übereinstimmung zu bringen sind mit den Aussagen, die Paulus selbst in seinen Briefen macht. Ein Grund hierfür dürfte darin zu sehen sein, dass es sich bei den Briefen des Paulus überwiegend um Gelegenheitsschrieben gehandelt hat, wohingegen Lukas mit seiner Apostelgeschichte schon auch seine eigene Theologie transportieren wollte.[4]

3.1.1 Der erste Thessalonicherbrief

Die überwiegend heidenchristliche Gemeinde der römischen Provinz Mazedonien wurde im Jahre 50 von Paulus auf seiner zweiten Missionsreise gegründet. Einige Monate nach seiner Abreise hat Paulus den Brief von Korinth aus verfasst. Die Gemeindemitglieder, die durch ihre heidnischen Zeitgenossen verfolgt worden waren, hatten durch Paulus eine nur kurze und unvollständige Glaubenseinführung erhalten; vieles blieb noch ungeklärt. Paulus erinnert an das bereits mitgeteilte Wissen und beantwortet noch unbeantwortete Fragen über die Parusie. Der Brief ist insgesamt von Dankbarkeit und Anerkennung gegenüber der Gemeinde getragen.[5]

Wichtige Stellen des Briefes sind: das Ablassen von Götzen, die Bekehrung zum lebendigen und wahren Gott sowie der Glaube an die Auferstehung und die Wiederkunft Christi (1,9f.), ferner die Polemik gegen die ungläubigen (untreuen?) Juden (2,15). Paulus hofft, die Parusie noch selbst zu erleben (4,17). Aus dem Brief geht hervor, dass es in der Gemeinde bereits Vorsteher mit leitenden Vollmachten gibt (5,12f.).

3.1.2 Der Galaterbrief

In der Einleitungswissenschaft herrscht Uneinigkeit hinsichtlich der Frage, ob Paulus seinen Brief an die Bewohner der ursprünglichen Region Galatien (nordgalatische Hypothese) oder an die Gemeinden der Provinz Galatia (südgalatische Hypothese) gerichtet hat. Da Paulus jedoch auf seiner zweiten Missionsreise selbst Gemeinden in der ehemaligen Region Galatien gegründet hat, entscheidet man sich heute mehrheitlich für die nordgalatische Hypothese.[6]

Diese Gemeinden wurden später von judaistischen Missionaren unterwandert, die das Gesetz und die Beschneidung als heilsnotwendige Bedingung lehrten, was Paulus sehr zornig werden lässt. Er verflucht alle, die ein anderes Evangelium verkünden. Den Werken des Gesetzes setzt Paulus das Gesetz Christi entgegen. Der Schwerpunkt des Briefes liegt in der theologischen Begründung seines gesetzesfreien Evangeliums. Der Mensch werde nicht durch die Beschnei- dung zu einer neuen Schöpfung, sondern durch die Macht und Kraft des Kreuzes Jesu Christi.

Wichtige Stellen des Briefes sind: "Ich bin mit Christus gekreuzigt worden" (2,19); "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir (2,20); "Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist" (3,13); Christus als Gewand, das wir in der Taufe empfangen (3,27); "Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!" (5,13); "Wenn ihr euch vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz" (5,18); "Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (6,2).

3.1.3 Die Korintherbriefe

In der Hafenstadt Korinth, berüchtigt für ihre Sittenlosigkeit, hatte Paulus im Jahre 50/51 während seines 18-monatigen Aufenthalts eine gemischte Gemeinde aus Juden und Heiden gegründet. Über die Korrespondenz zwischen Paulus und der Gemeinde sind uns leider nur die beiden kanonischen Briefe überliefert, doch hat es wohl einen umfangreicheren Austausch zwischen beiden Seiten gegeben. Bereits dem 1. Korintherbrief war ein Schreiben des Paulus vorausgegangen (vgl. 1 Kor 5,9), und alle weitere Korrespondenz wurde dann später zu einem 2. Korintherbrief zusammengefügt. Insgesamt haben wir es hier mit mindestens vier Briefen zu tun, die entweder ganz oder teilweise in den beiden Briefen unseres Kanons enthalten sind.[7]

3.1.3.1 Der verloren gegangene Brief

In den Jahren zwischen 54 und 57 verweilte Paulus in der Stadt Ephesus. Während dieser Zeit blieb er durch Korrespondenzen eng mit der Gemeinde von Korinth verbunden. Über die Ab- fassungszeit und den Inhalt des verloren gegangenen Briefes ist uns leider nichts bekannt. Nur ein Themenpunkt wird von Paulus genannt, nämlich die Warnung, nicht mit Unzüchtigen zu verkehren (1 Kor 5,9). Dies betraf nicht nur den sexuellen Verkehr, sondern bezog sich wohl auf ein lasterhaftes Leben insgesamt (vgl. 1 Kor 5,10-13). Eine völlige Abgrenzung von der Welt hatte Paulus aber nicht verlangt, wie er im 1. Korintherbrief klarstellt. Möglicherweise haben die Abschnitte 1Kor 6,1-11 oder 6,12-20 bzw. 2 Kor 6,14-7,1 einst zu dem verlorenge- gangenen Brief gehört; dies kann jedoch abschließend nicht mehr geklärt werden.[8]

3.1.3.2 Der erste Korintherbrief

Die Probleme in der Gemeinde waren zahlreich: eine Sexualmoral zwischen ausschweifender Zügellosigkeit einerseits und einer völligen Geschlechtsfeindlichkeit andererseits; die Frage, des Verzehrs von Götzenopferfleisch; Fragen über die rechte Ordnung des Herrenmahls ... Paulus stellt hier einiges klar. Die Botschaft vom Kreuz verlangt nach Rücksichtnahme auf den anderen, besonders auf den Schwächeren. Dieses Kriterium dient als Wegweiser zur Be- antwortung vieler Fragen: in der Ehe, im Verständnis der christlichen Freiheit, bei der Feier des Abendmahls oder dem Gebrauch der Charismen. Grundpfeiler der paulinischen Theologie ist die Botschaft vom Kreuz, die zutiefst Einheit stiftet. Das Kreuz verlangt nach Demut und stellt den Stolz und die Überheblichkeit der Menschen bloß. Christus ist auch für die Schwa- chen gestorben, aber in Anbetracht der Allmacht Gottes und der demütigen Liebestat Jesu am Kreuz ist jeder Mensch schwach. Paulus mahnt die Gemeinde zur Heiligkeit; diese aber ist nur möglich durch die Demut gegenüber dem Kreuz und folglich gegenüber dem Nächsten.[9]

Wichtige Stellen des Briefes: die Predigt vom Kreuz (1,18-31); die Ausführungen über die Weisheit (2,6-16); "Die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott" (3,19); "als Paschalamm ist Christus geopfert worden" (5,7); "Es ist besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren" (7,9); "die Erkenntnis macht aufgeblasen, die Liebe baut auf" (8,1); das Hohelied der Liebe (13,1-13); das urapostolische Kerygma (15,3ff.); Sonntagskollekte für Jerusalem (16,1-4).

[...]


[1] Zum Folgenden vgl. Lohse 62001, 12-17. Schierse 52001, 25 ff.

[2] Lohse 62001.

[3] Vgl. hierzu: Schierse 52001, 11.

[4] Vgl. hierzu: Lohse 62001, 28-33. Ohler 32006, 194-203. Charpentier und Burnet 2006, 101-105.

[5] Zum Folgenden vgl. ausführlich: Lohse 62001, 34f. Schierse 52001, 53 ff. Dohmen und Hieke 2005, 179. Ohler 32006, 203. Charpentier und Burnet 2006, 106 f.

[6] Zum Folgenden vgl. ausführlich: Lohse 62001, 35 ff.. Schierse 52001, 55-59f. Dohmen und Hieke 2005, 176. Ohler 32006, 207. Charpentier und Burnet 2006, 110 ff.

[7] Zum Folgenden vgl. ausführlich: Lohse 62001, 38-45. Schierse 52001, 59-67. Dohmen und Hieke 2005, 174 ff. Ohler 32006, 205. Charpentier und Burnet 2006, 112-116.

[8] Zum Folgenden vgl. ausführlich: Lohse 62001, 38-41. Schierse 52001, 59-65. Dohmen und Hieke 2005, 174 f. Ohler 32006, 205. Charpentier und Burnet 2006, 112 ff.

[9] Zum Folgenden vgl. ausführlich: Lohse 62001, 38-41. Schierse 52001, 59-65. Dohmen und Hieke 2005, 174 f. Ohler 32006, 205. Charpentier und Burnet 2006, 112 ff.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Entstehung der neutestamentlichen Schriften und des biblischen Kanons in der Kirche des Westens
Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main
Veranstaltung
Lehrveranstaltung zu den Schriften des Neuen Testaments
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
33
Katalognummer
V303622
ISBN (eBook)
9783668019706
ISBN (Buch)
9783668019713
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Schriften des Neuen Testaments, Entstehung des neutestamentlichen Kanons, Kanonbildung, Echte Paulusbriefe, Deuteropaulinen, Die katholischen Briefe, Die Pastoralbriefe, Pseudepigraphen, Die Evangelien
Arbeit zitieren
Thomas Schmitt (Autor), 2013, Die Entstehung der neutestamentlichen Schriften und des biblischen Kanons in der Kirche des Westens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303622

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