Kirche und Gemeinde im Neuen Testament


Seminararbeit, 2014
22 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Kirche und Gemeinde im Neuen Testament
2.1 Ein synoptischer Vergleich
2.1.1 Das Markusevangelium
2.1.2 Das Matthäusevangelium
2.1.3 Das Lukasevangelium
2.1.4 Das Johannesevangelium
2.2 Gemeindekonzeptionen im Neuen Testament
2.2.1 Das Gemeindekonzept Jesu
2.2.2 Die Konzeption der Urgemeinde
2.2.3 Die Gemeinde nach Paulus
2.3 Das II. Vatikanische Konzil über die Kirche
2.3.1 Pluralität von Riten und Bräuchen
2.3.2 Die Einheit der Kirche(n)
2.3.3 Amtsvermittlung und päpstlicher Primat

3 Resumée und Ausblick

1 Einleitung

Die Begriffe "Kirche" und "Gemeinde" hängen eng miteinander zusammen und sind nicht immer klar voneinander zu trennen. Das zeigt schon ein Blick auf die Übersetzung des Wortes . So wird dieses Wort in den katholischen Bibeln i.d.R. mit "Kirche" wiedergegeben.

Die Luther-Bibel und auch die Zürcher Bibel dagegen übersetzen den Begriff mit dem Wort "Gemeinde". Andere Übersetzungen lehnen sich mehr an den hebräischen Ursprung des Wortes an. Im Alten Testament meint die jüdische Gemeinde. Ein späterer Terminus des Alten Testamentes lautet und meint ebenfalls die Gemeinde vor Gott, ursprünglich besonders die gottesdienstliche Versammlung bzw. die zum Opfer versammelte Gemeinde[1], wobei hier der Aspekt der Erwählung besonders zum Tragen kommt (wenngleich der Begriff hier auch, gerade mit Blick auf die endzeitliche Heilsgemeinschaft, militärisch konnotiert ist).

Entsprechend übersetzte die Elberfelder Bibel bis 1975 mit "Versammlug", und andere Übersetzungen (DaBhaR) übertragen gar mit dem Begriff "Herausgerufene".

Was Kirche jedoch meint, macht sich nicht an dem Begriff "Kirche" ( ) alleine fest.

Karl Kertelge weist darauf hin, dass dieser Begriff "erst zu einem bestimmten Zeitpunkt in die urchristliche Überlieferung eingebracht worden ist, als es die mit diesem Wort bezeichnete Sache schon in einer bestimmten Form gab"[2].

Ursprünglich war die Kirche mit der Jerusalemer Urgemeinde identisch, später dann auch mit den v.a. durch Paulus gegründeten Gemeinden, was auch die anfängliche Undifferenziertheit der Begriffe verständlich werden lässt. Die heutige Unterscheidung der Universalkirche von der ortsgebundenen Gemeinde als "Kirche vor Ort" ist das Ergebnis eines geschichtlichen Prozesses, der bereits in den Schriften des Neuen Testamentes grundgelegt ist.[3] Seit seinen Anfängen ist das Christentum "Stadtreligion". Das religiöse Zentrum ist die Stadtkirche mit dem Bischof an der Spitze. Der Monepiskopat (eine Stadt, ein Bischof) bildete sich gegen Ende des 1. Jahrhunderts aus und setzte sich gegen Mitte des 3. Jahrhunderts endgültig durch. Sehr unterschiedlich verlief dagegen die weitere Untergliederung des Landes in Pfarreien, besonders auch im Zuge der weiteren Erschließung der ländlichen Regionen.[4] Die Pluralität (verschiedene Gemeindeordnungen, Liturgien etc.)[5] der Gemeinden sowie die Einheit im Glauben sind dabei Grundcharakteristika, die sich v.a. in der neutestamentlichen Briefliteratur niederschlagen. Den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden jedoch die (synoptischen) Evangelien.

2 Kirche und Gemeinde im Neuen Testament

Auf Grund der bereits angesprochenen Undifferenziertheit und Überschneidung der Begriffe - bzw. deren Inhalte - in der "neutestamentlichen Kirche" soll der neutestamentliche Befund im Folgenden nicht isoliert (sprich: Gemeinde hier und Kirche dort), sondern in seinem engen Zusammenhang miteinander betrachtet werden. Kernpunkte dieser Betrachtung bilden dabei: die Kirche aus Juden und Heiden sowie Leitung, Organisation und Ämter in den Gemeinden.

2.1 Ein synoptischer Vergleich

2.1.1 Das Markusevangelium

Gewöhnlich hat man das Markusevangelium "nur als Kontinuitätsbeweis für die Bindung der Kirche an die vorösterliche Jüngergemeinschaft mit Jesus"[6] gesehen; für eine theologische Reflexion der urchristlichen Gemeinde scheint das Material dagegen als nicht sehr ergiebig. Das zeigt sich u.a. daran, dass bei Markus die spätere ekklesiologische Terminologie völlig fehlt; nicht einmal der Begriff kommt in seinem Evangelium vor.[7]

Werner Bracht hat dagegen aufgezeigt, dass gerade die christologischen Prädikationen Jesu (Gottessohn - Menschensohn - Christus) nicht primär der christologischen Reflexion dienen, "um etwa zu zeigen, daß der Gottessohn auch der leidende Menschensohn ist"[8], sondern v.a. der Jüngerunterweisung dienen[9], "indem sie akkumulativ die Würde dessen zeigen, der in die Nachfolge ruft"[10]. Das zeigt sich laut Bracht besonders deutlich an der Bezeichnung Jesu als Gottessohn: Nach der Titulatur als "Sohn Gottes" gleich in 1,1 und der Bestätigung dieses Wortes durch Jesus in 1,11 wird der Leser in 1,15c (vermutlich ein redaktioneller Zusatz) aufgefordert, an das Evangelium zu glauben, was im Rückgriff auf den Eingangsvers heißt: glaubt an das "Evangelium von Jesus Christus". Der Glaube an diese Frohbotschaft manifes- tiert sich in der Nachfolge Jesu, wie sich im weiteren Verlauf des Evangeliums zeigen wird.[11] Die paränetische Belehrung der Jünger über die Notwendigkeit der Nachfolge auf dem Weg Jesu ist nach Bracht die Mitte des Markusevangeliums.[12]

Strukturell verweist Bracht auf eine Schlüsselstelle im Markusevangelium, die das Gesagte unterstreicht. Er bemerkt, dass "gerade im mittleren Teil des Evangeliums, der in besonderer Weise der Jüngerbelehrung dient und dessen ekklesiologische Ausrichtung längst erkannt ist, die redigierende Hand des Evangelisten am deutlichsten wird: Dieser Abschnitt 8,27-10,52 unterliegt einer strengen Komposition, bei der die drei Passionssummarien 8,31; 9,31; 10,33f. das auffälligste Strukturelement darstellen, dreimal gefolgt von Aussagen über das Unver- ständnis der Jünger (8,32f.; 9,32-34; 10,35-37) und jeweils von Nachfolgesprüchen (8,34ff; 9,35ff.; 10,38ff.), in denen die Auswirkung der zuvor gemachten christologischen Aussagen auf die Existenz der Gemeinde aufgezeigt wird."[13] Diese Stelle ist so konzipiert, dass "jedes- mal einem christologischen Lehrstück solche ekklesiologischen Charakters folgen, welche in der Jünger-Paränese die Verwirklichung der Nachfolge in der Gemeinde aufzeigen."[14] Auch, nein gerade hier - im Zentrum des Evangeliums - zeigt sich also, wie oben bereits dargelegt, die "integrale Verbindung von Christologie und Ekklesiologie"[15].

Weiter konstatiert Bracht, dass Markus die Gemeinde mit den Jüngern identifiziert. Durch die gemeinsame Nachfolge bleibt Christus in der Gemeinde bleibend gegenwärtig. Dabei ist der Weg in der Nachfolge Jesu keineswegs leicht, und hier liegen auch die Rahmenbedingungen, die Jesus der Gemeinde an die Hand gibt. Jesus-Nachfolge und damit das Miteinander in der Gemeinde bedeutent: "nachzufolgen in Leid und Tod". Programmatisch sind hier 8,34-36.[16]

Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.

Diese Worte gelten - im Gegensatz zur Berufung in die "engere Nachfolge" gemäß 1,17 - grundsätzlich allen Menschen, die sich von Jesus angesprochen fühlen; sie sind somit an die sich bildende "Gemeinde" Jesu gerichtet. "Für Markus geschieht 'Kirche' eben allein auf dem Weg der Nachfolge Jesu. Auch wenn daher 'Kirche' nicht eigentlich thematisiert wird, so ist das Mk keineswegs irrelevant für eine kritische Rückbesinnung auf die 'Kirche im Werden'. Denn daß Markus nicht über innerkirchliche Strukturen und Ordnungen reflektiert, sondern die Gemeinde [] im Gegensatz zu den Praktiken der Welt auf den Dienst in der Nachfolge des dienenden und sein Leben als Lösegeld hingebenden Menschensohnes verweist (10,42-45), macht das Mk zu einem nicht unwesentlichen Zeugnis urchristlicher Ekklesiologie."[17]

2.1.2 Das Matthäusevangelium

Das Matthäusevangelium gilt als das "kirchlichste" aller vier Evangelien[18], denn nahezu jede Perikope wird im Zusammenhang mit der Kirche bzw. mit der Gemeinde gelesen[19]. Dabei verfolgt der Evangelist zum einen katechetische, zum anderen aber auch apologetische Ziele.[20] Das sei kurz an zwei redaktionellen Änderungen, die der Evangelist vornimmt, verdeutlicht: Obgleich der Name des durch Jesus berufenen Zöllners bei Markus Levi heißt, weist der Ver- fasser des Mätthäusevangeliums diesem den Namen Matthäus zu, ein Namen aus der Liste des Zwölferkreises der Apostel[21] (Mk 2,13-17; Mt 9,9-13). Damit verortet er diesen Zöllner, ja diesen Sünder inmitten der Kirche. Eine weitere Änderung, die der Evangelist vornimmt, ist die Verortung bzw. die Zuweisung des Hauses, in dem Jesus mit den Zöllnern zu Tische liegt: Während Markus offen lässt, um wessen Haus es sich handelt (Jesu oder des Zöllners Haus), ist es Matthäus zufolge das Haus Jesu, in dem dieser nicht nur mit seinen Jüngern zu Tische liegt, sondern auch mit vielen Zöllnern und Sündern. Aus dem Haus des Gastmahls wird die Kirche, bestehend aus Frommen und Sündern.[22] Und so resumiert Hermann-Josef Venetz: "Wenn bei der Markuserzählung mehr über das Geheimnis Jesu Christi nachgedacht wird, [] tritt in der Matthäuserzählung [] das Nachdenken über die Kirche in den Vordergrund …"[23].

Schwierigkeiten bei der exegetischen Arbeit bildet dabei der Umstand, "dass man zwischen dem Material, das Matthäus übernimmt, und seiner eigenen Schau scheiden muss"[24]. Eduard Schweizer verdeutlicht dies an Mt 23. Demnach habe Matthäus den Standpunkt vertreten, die schriftgelehrte Tradition stehe zur Tora in einem widersprüchlichen Verhältnis. Dem hingegen lasse der präsentierte und aufgearbeitete Stoff eine "judenchristliche Gruppe [sichtbar werden] … die die Dogmatik des Schriftgelehrtentums völlig akzeptiert und ihnen nur vorwirft, nicht danach zu handeln"[25]. Vor dem Hintergrund der sich im Ablösungsprozess vom Judentum und der Synagoge befindenden Gemeinde des Matthäusevangeliums[26] vermutet Hermann- Josef Venetz, dass die Kritik an den Pharisäern und Schriftgelehrten vornehmlich zum Ziel habe, den sich herausbildenden christlichen "Klerus" zu mahnen und ihnen aufzuzeigen, wie sie sich gerade nicht verhalten sollen.[27] Die Ermahnungen der Pharisäer durch Jesus hätten demnach also nicht eine rein erinnernde, sondern vor allem auch eine paränetische Funktion.

Venetz weist auf die mahnende Funktion des Evangelisten hin, indem er unterstreicht, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht durch neue, christliche Eliten selbiger Art ersetzt werden sollen. Es gibt nur einen Lehrer und nur einen Herrn, Jesus Christus; er ist das Maß und die Richtschnur, und über ihn kann niemand hinaus![28] Venetz sieht darin auch den Grund dafür, dass Gemeindevorsteher im Matthäusevangelium nur zurückhaltend zur Sprache kommen, was aber nicht bedeutet, dass es keine Leiter in der Gemeinde gegeben habe.[29] Die Betonung des "Matthäus" liegt aber auf der Mahnung zur Demut und der Warnung vor Überheblichkeit.

Kurzum: "Darin unterscheidet sich die Gemeinde von Israel, dass sie den rechten Interpreten des Gesetzes besitzt."[30] Die Jünger lehnen das Gesetz nicht ab (15,1-20); die Erfüllung des Gesetzes liegt der Jesusgemeinde sehr am Herzen. Jedoch müssen die Gebote "'praktikabel' gemacht werden, damit die Gemeinde vor einer theologischen Spekulation bewahrt bleibe, die das Handeln vergisst. Aber das Neue besteht nicht nur darin, dass die Gemeinde wirklich tut, was die Rabbinen nur lehren. Sie tut es auch ohne 'Heuchelei'."[31] Jesus, der eine Herr, ist so auch der Lehrer der neuen Gesetzesgerechtigkeit, und dies kann er sein, weil er selbst den Weg des Gesetzes und den Weg der Gerechtigkeit in aller Aufrichtigkeit und Wahrheit, in aller Demut und Sanftmut, gegangen ist, den Weg, auf dem die Seinen ihm nun nachfolgen.[32]

Was bedeutet das für den Kirchenbegriff dieser Gemeinde? Es ist eindeutig, dass sie sich als Israel versteht. Die Frage, wo das rechte Israel zu finden ist, durchzieht das ganze Evangelium. Sie ist beantwortet durch den Hinweis auf die richtige Gesetzeserfüllung. Da diese aber nur in der Freiheit von aller 'Heuchelei' möglich ist, ist die Gemeinde die Schar der 'Kleinen', die in der Nachfolge des demütigen und sanftmütigen Königs der Niedrigkeit, belehrt durch seine Gesetzesauslegung, ihren Weg gehen.[33]

Augenfällig im Matthäusevangelium ist eine doppelte Offenheit: zum einen wäre hier zu nen- nen die Offenheit des Jüngerkreises[34], woraus folgt: "Alles, was Jesus den Zwölf oder den Jüngern sagt, gilt der Gemeinde. Sie ist die Jüngerschaft Jesu."[35] Ins Auge fällt aber noch eine andere Form der Offenheit. Die Gemeinde "erscheint bei ihm als corpus mixtum. Erst das jüngste Gericht wird enthüllen, wer wirklich zum Gottesreich erwählt ist."[36] Das bedeutet: Der Jüngerkreis wird bei Matthäus bewusst offen gelassen (Zöllner und Sünder, später auch Nicht-Juden), doch wer tatsächlich zur Gemeinde Jesu gehört, zeigt sich erst beim Gericht.

[...]


[1] Vgl. Fabry 1995 (LThK), 417 ff.

[2] Kertelge 1972, 32.

[3] Vgl. hierzu ausführlich: Sohm 1977, 45-53.

[4] Vgl. Gatz 1995 (LThK), 419 f.

[5] Vgl. hierzu: Schweizer 1962, 7-13.

[6] Bracht 1976, 144.

[7] Vgl. ebd.

[8] Bracht 1976, 149.

[9] Vgl. Bracht 1976, 147 f.

[10] Bracht 1976, 149.

[11] Ebd.

[12] Vgl. Bracht 1976, 146.

[13] Bracht 1976, 145 f.

[14] Bracht 1976, 150.

[15] Ebd.

[16] Vgl. ebd.

[17] Bracht 1976, 150 f.

[18] Vgl. Venetz 1981, 189.

[19] Vgl. Venetz 1981, 190.

[20] Vgl. Sand 1976, 180-183.

[21] Vgl. Venetz 1981, 195 f.

[22] Vgl. Venetz 1981, 191; 196 ff.

[23] Venetz 1981, 197 f.

[24] Schweizer 1962, 44.

[25] Schweizer 1962, 44 f.

[26] Vgl. Schweizer 1962, 45.

[27] Venetz 1981, 201 ff.

[28] Vgl. Venetz 1981, 202 f.

[29] Vgl. Venetz 1981, 203.

[30] Schweizer 1962, 46.

[31] Schweizer 1962, 47.

[32] Vgl. Schweizer 1962, 48.

[33] Ebd.

[34] Vgl. Venetz 1981, 203 f.

[35] Venetz 1981, 203.

[36] Schweizer 1962, 49.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kirche und Gemeinde im Neuen Testament
Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main
Veranstaltung
Lehrveranstaltung zur Exegese des Neuen Testaments
Note
2,5
Autor
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V303623
ISBN (eBook)
9783668020474
ISBN (Buch)
9783668020481
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kirche, Gemeinde, Gemeindekonzeptionen, Ur-Gemeinde, Paulus, Ekklesiologie, Zweites Vatikanisches Konzil
Arbeit zitieren
Thomas Schmitt (Autor), 2014, Kirche und Gemeinde im Neuen Testament, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303623

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