Vestimentäre Kommunikation als performativer Akt zur Produktion und Reprodktion von Geschlechtermodellen


Hausarbeit, 2015
17 Seiten, Note: 1,0
Robert Suckro (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gender-Theorie nach Judith Butler
2.1. Kontingenz von sex und gender
2.2. Performativität
2.3. Travestie

3. Kleidung im Rahmen von Geschlechterdiskursen
3.1. Kleidung als performativer Akt
3.1.1. Die konkret-materielle Ebene
3.1.2. Die geistig-symbolische Ebene

4. Kleidung als Hilfsmittel zur Dekonstruktion des binären Rahmens
4.1. Transsexualität
4.2. Transvestitismus

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit die Kleidung in der diskursiven Konstruktion des sex bzw. gender eine Rolle spielt. Den theoretischen Rahmen bilden die Theorien von JUDITH BUTLER zu Geschlecht, Performanz und Travestie, die zu Beginn darge- legt werden sollen. Kleidung kann - im Gegensatz zum Kunstobjekt - zumindest in ihrer all- täglichen Verwendung nicht ohne die Praxis des Ankleidens bzw. des Tragens verstanden werden. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt daher eher auf der Performativität von Kleidung; auf ein konkretes Zuordnen von bestimmten Kleidungsstücken zu einem spezifischen Ge- schlecht soll zur Vermeidung der Reproduktion von Geschlechterstereotypen weitestgehend verzichtet werden. Die Wechselwirkungen von Kleidung und Geschlecht sowie ihre gegensei- tige Einflussnahme aufeinander sollen - trotz der fließenden Übergänge - getrennt dargestellt werden. D. h., es wird zum einen der Versuch unternommen, anhand der Theorie über Kör- pertechniken von MARCEL MAUSS zu untersuchen, welchen Einfluss die Kleidung selbst auf die Konstruktion des geschlechtlichen Körpers ausübt. Zum anderen wird die Fragestellung untersucht, wie sich Zweigeschlechtlichkeit auf die Praxis des Ankleidens auswirkt. Auf die- ser Grundlage soll insbesondere die Fallstudie von CORDULA BACHMANN über das ge- schlechtsspezifische Bekleidungsverhalten von Männern und Frauen in den Fokus genommen werden. Letztlich stellt sich die Frage, ob und inwieweit Dekonstruktionen bzw. Brüche in der geschlechtsspezifischen Kleiderordnung stattfinden, welche die Binarität der Geschlechter tatsächlich aushebeln. Dementsprechend sollen - in Anlehnung an den butlerianischen Tra- vestiebegriff - Transsexualität und Transvestitismus näher untersucht werden.

2. Gender-Theorie nach Judith Butler

Grundsätzlich muss zwischen den Begriffen des sex, also dem biologischen Geschlecht, und dem Begriff des gender, d. h. der (häufig stereotypen) Geschlechtsidentität unterschieden werden. Da diese Begriffe sowohl bei BUTLER als auch bei anderen feministischen und/oder queeren Theoretiker_innen eine zentrale Rolle spielen, sollen diese im Folgenden trotz der anders lautenden Übersetzung der deutschen Ausgabe von „Gender Trouble“ (Butler 1991: 15 Fn.) im englischen Original beibehalten werden.

2.1 Kontingenz von sex und gender

Die Idee der sozialen Konstruktion des gender ist seit SIMONE DE BEAUVOIR keine neue Er- kenntnis. Ihre vielfach zitierte Bemerkung „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ (de Beauvoir 1951: 80) wird von BUTLER aufgegriffen sowie weiterentwickelt. Im Rah- men einer Auseinandersetzung mit der Frauenbewegung ihrer Zeit, die sich allein schon se- mantisch unreflektiert für die Frauen einsetzt, kritisiert sie die Reproduktion von festgelegten Geschlechterrollen. (Butler 1991: 16) Dabei spielt es grundsätzlich - die Kontingenz des gen- der vorausgesetzt - keine Rolle, mit welchem Inhalt der Begriff „Frau“ (bzw. „Mann“) gefüllt wird. Ausgehend von dieser Geschlechterdichotomie konstatiert BUTLER als Ursache und re- gulierende Kraft des Geschlechterdiskurses den „binären Rahmen“ (Butler 1991: 24). Dieser Rahmen bzw. die Zwangsheterosexualität wirken als „epistemisch/ontologisches Re- gime“ (Butler 1991: 8), gehen also in ihrer diskursiven Sedimentierung den jeweiligen Aus- formungen der Geschlechterrollen (vermeintlich) voraus. Dies bedeutet konkret, dass die Zweigeschlechtlichkeit als vordiskursive bzw. natürliche Tatsache konstruiert wird - also als „Ursprung und Ursache [...], obgleich sie in Wirklichkeit Effekt[...] von Institutionen, Verfah- rensweisen und Diskursen“ (Butler 1991: 9, Herv. i. Orig.) ist. Dem Dilemma des naturalisti- schen Fehlschlusses entgeht diese Analyse durch die der Geschlechterdichotomie zugrunde gelegte Heteronormativität sowie den Phallogozentrismus, die das Geschlechterverhältnis hierarchisieren, also ein Geschlecht potentiell begünstigen und das andere benachteiligen.

Unter der Maßgabe, dass das sex tatsächlich nicht diskursiv konstruiert, sondern vordiskursiv/natürlich gegeben sei, weist nichts darauf hin, dass bestimmte Eigenschaften, die einem gender zugeschrieben werden, aus dem sex kausal hervorgehen. Nach diesem Verständnis ist selbst die Binarität des gender als Konsequenz der vermeintlich biologisch gegebenen Zweigeschlechtlichkeit arbiträr. (Butler 1991: 23) Die Begriffe „weiblich“ bzw. „männlich“ (im Sinne des gender) können also sowohl den anatomisch männlichen als auch weiblichen Körper charakterisieren. (Butler 1991: 23) Nach BUTLER liegt der Kausalität zwischen sex und gender ein grundlegender Irrtum zu Grunde:

„Diese Produktion des Geschlechts als vordiskursive Gegebenheit muß umgekehrt als Effekt jenes kulturellen Konstruktionsapparats verstanden werden, den der Begriff Geschlechtsidentität (gender) bezeichnet.“ (Butler 1991: 24, Herv. i. Orig.)

Das sex bedingt also nicht das gender, sondern das gender bedingt die Konstruktion des sex. Trotz der schwer vorstellbaren Negation der binären Struktur des anatomischen Geschlechts darf letztlich nicht übersehen werden, dass auch das sex ein Konstrukt der Sprache - also dem wesentlichen Mittel zu Etablierung von Diskursen - ist. (Butler 1991: 27)

2.2 Performativität

Wenn also weder das biologische noch das kulturelle Geschlecht im eigentlichen Sinne seiend sind, stellt sich die Frage, wie Geschlechtsidentität produziert wird. BUTLER erklärt diese Konstruktion als Produkt von Performanzen, also „Akte[n], Gesten und Inszenierungen“ (But- ler 1991: 200). Dementsprechend muss die Geschlechtsidentität nicht als diskursiv unabän- derliche Kategorie verstanden werden, sondern als Prozess, der, je öfter ein geschlechtskon- struierender Akt wiederholt wird, umso mehr seine Prozesshaftigkeit zu Gunsten eines onto- logisch begründeten Zustandes verschleiert. (Butler 1991: 60) Ähnlich der konstruierten Kau- salität zwischen sex und gender haftet also bestimmten Akten trotz ihrer identitätskonstituie- renden Wirkung ein deklarativer Charakter an. Der Sedimentierung des sprachlichen Diskur- ses durch Reproduktion gleichend, wird Geschlechtsidentität durch die wiederholte Imitation von Performanzen festgeschrieben. (Butler 1991: 206 f.) Die Kontingenz der „gender perfor- mance“ (Butler 1991: 202, Herv. i. Orig.) ermöglicht zwar bei entsprechendem Bewusstsein Verhaltensänderungen (Butler 1991: 207), die Imitationen erfüllen jedoch das Ziel einer „Strategie“ (Butler 1991: 205, Herv. i. Orig.), die das „kulturelle Überleben“ (Butler 1991: 205) sichert.

2.3 Travestie

Mithilfe der Travestie kann das Prinzip der Imitation näher veranschaulicht werden. Unabhängig von der kritikwürdigen Stereotypisierung einer Geschlechtsidentität sowie ihrer gender performance durch Travestiekünstler_innen wird in der Parodie die Kontingenz der Imitation deutlich. (Butler 1991: 202) Parodieren also in Bezug auf sex und gender intelligible Travestiekünstler_innen die gender performance das jeweils andere Geschlecht, so geschieht dies durch Imitation. Die Art der Darstellung macht jedoch deutlich, dass nicht eine natürlich gegebene Performanz, also ein Original, imitiert wird, sondern dass die Travestie eine Imitation von Imitationen darstellt. (Butler 1991: 203)

3. Kleidung im Rahmen von Geschlechterdiskursen

Der Untersuchungsgegenstand setzt bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend unreflektiert voraus, dass Kleidung ein adäquates Mittel sei, den von BUTLER postulierten binären Rahmen zu il- lustrieren. Die Untersuchung der Kleidungspraxen von Frauen (bzw. nur von Männern) würde entsprechend BUTLERS Kritik an der Frauenbewegung (Butler 1991: 15 ff.) Gefahr laufen, diskursiv konstruierte (also i. d. R. stereotype) Geschlechterrollen zu reproduzieren, statt zu dekonstruieren. Die Kategorien „Mann“ und „Frau“ müssen daher als „Termini der Relati- on“ (Butler 1991: 9) begriffen werden, die nur in der Analyse ihres Verhältnisses, der Ge- meinsamkeiten sowie ihrer Unterschiede verstanden werden können. Innerhalb dieses Kapi- tels soll nunmehr geklärt werden, welche konkrete Rolle Kleidung als Diskurselement bei der Konstruktion des gender spielt. GAUGELE interpretiert Kleidungsstücke als „materialisierte Formen gesellschaftlichen Handelns“ (Gaugele 2005: 305); die Kleidung ist also an sich keine aktive Produzentin sedimentierter Geschlechtermodelle, sondern nur die materielle Manifesta- tion des „doing gender“. Gemäß dieser Definition und in Anlehnung an BUTLER soll Kleidung als performativer Akt begriffen werden.

Kleidung erfüllt grundsätzlich sowohl eine Schutzfunktion (vor Verletzungen und Witterung) sowie eine soziale Funktion. (von Pape 2008: 49) Erstere spielt in dieser Arbeit nur eine un- tergeordnete Rolle, da bei dieser eher Fragen der Materialkunde, nicht aber der vestimentären Kommunikation relevant sind. Kleidung bedingt die „Konstruktion des Selbst“ (Mentges 2005: 22) und macht den Körper „kulturell kommunizierbar“ (Mentges 2005: 22). Die soziale Funktion umfasst eine ganze Reihe an kommunizierbaren Elementen, welche Träger_innen an potentielle Adressat_innen übermitteln können: Alter, Status, Beruf, Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder eben das Geschlecht. (Scheiper 2008: 61) Das Geschlecht nimmt in dieser exemplarischen Auflistung möglicher Kommunikationselemente eine besondere Stel- lung ein, da dieses zu den wichtigsten bzw. (vermeintlich) augenscheinlichsten kommunizier- ten Merkmalen gehört. Kleidung ist also „ein zentrales Medium zur Konstituierung der Kate- gorie Geschlecht“ (Gaugele 2005: 305).

3.1 Kleidung als performativer Akt

Die vestimentäre Kommunikation des Geschlechts kann mithilfe der Kleidung auf unter- schiedliche Art und Weise erfolgen. MENTGES unterscheidet diesbezüglich zwischen einer „konkret-materiellen [...] und einer geistig-symbolischen Ebene“ (Mentges 2005: 22). Die Zuordnung bestimmter Kleidungstücke zu einem spezifischen Geschlecht kann der symboli- schen Ebene zugeordnet werden. Es existieren also bestimmte Geschlechternormen, die sich in Kleidung als kommunikativer Hülle widerspiegeln. Diese Manifestation ist jedoch nicht einseitig. Auch die materielle Ebene hat Einfluss auf die Produktion und Reproduktion von Geschlechterdiskursen. Dass beide Ebenen nicht streng voneinander getrennt werden können, sondern einander bedingen, ist offensichtlich - denn Kleidung ist kein Akteur, sondern ein Produkt des Diskurses.

3.1.1 Die konkret-materielle Ebene

Kleidung bietet Anknüpfungspunkte zu BUTLERS Prinzip der Performativität, die auf die ma- terielle Ebene Bezug nehmen. Beispielsweise könnte man bestimmte Kleidungsstücke als diskursive Hilfsmittel zur Etablierung einer Körpertechnik im Sinne von MARCEL MAUSS interpretieren. MAUSS sieht den Ursprung der Körpertechniken primär in der Erziehung, das Erlernen erfolgt jedoch durch Imitation, bzw. „prestigious imitation“ (Mauss 1973: 73). Das bedeutet, dass das Kind eine Person imitiert, die eine Körpertechnik erfolgreich anwendet und/oder (deswegen) einen Vorbildcharakter hat. Reguliert wird dieser Diskurs des Körpers durch „’Maßregelung oder Bestrafung’ für Regelverstöße“ (Craik 2005: 288). Das Erlernen der Körpertechniken des kulturellen oder sozialen Umfeldes sichert also im Sinne BUTLERS das „kulturelle Überleben“ (Butler 1991: 205). Ähnlich der vermeintlichen sex→gender- Kausalität werden Körpertechniken „internalisiert und naturalisiert bis zu dem Punkt, an dem wir sie nicht mehr als erlernt oder arbiträr, sondern schlicht als eine Möglichkeit des Handelns wahrnehmen“ (Craik 2005: 289).

Bestimmte weiblich konnotierte Kleidungsstücke, z. B. eng anliegende, knappe Beinbekleidungen erfordern eine bestimmte Haltung bei der Verrichtung alltäglicher Tätigkeiten oder verlangen bestimmte Sitzpositionen, um die Zurschaustellung von Intim- und/oder Glutealregionen zu vermeiden. Das Überschlagen der Beine beim Sitzen ist also eine notwendige Strategie des Schamgefühls, verortet den weiblichen Körper jedoch auch innerhalb der hegemonialen Geschlechterhierarchie. DIANA CRANE charakterisiert weibliche Kleidung als Indikator für den Raum, den eine Frau im Gegensatz zum Mann einnehmen darf:

„Women, as a consequence of their inferior status, are expected to occupy less space than men and to exert greater control over their bodies and facial expressions. This is seen in the expectation that clothing should be neat and well put together and limbs placed in disciplined postures.

[...]

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Details

Titel
Vestimentäre Kommunikation als performativer Akt zur Produktion und Reprodktion von Geschlechtermodellen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Ethnologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V304345
ISBN (eBook)
9783668026384
ISBN (Buch)
9783668026391
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Butler, Zweigeschlechtlichkeit, Kleidung, vestimentäre Kommunikation, gender, Binarität, Performativität, Transsexualität, Transvestititsmus, Travestie
Arbeit zitieren
Robert Suckro (Autor), 2015, Vestimentäre Kommunikation als performativer Akt zur Produktion und Reprodktion von Geschlechtermodellen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304345

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