Rechtsmethodische Analyse des Qisās in Bezug auf die Äquivalenz zwischen Opfer und Täter


Hausarbeit, 2014

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die islamische Rechtsfindung
a. Die ḥanafītische Rechtsschule
b. Die šāfiʽītische Rechtsschule
3. Qisās
a. Strafarten
b. Arten des Totschlags

4. Analyse der Äquivalenz zwischen Opfer und Täter beim Qisās

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Iranerin Ameneh Bahrami ist eine unabhängige und hübsche 24 jährige Ingenieursstudentin in Teheran. Ein Kommilitone an ihrer Universität, Majid Movahedi, ist einer ihrer vielen Verehrer. Obwohl sie ihn wie alle anderen abgelehnt hatte, bedrängt er sie zur Heirat, ruft sie fortwährend an und droht ihr sogar mit dem Tod. So kommt es zu der Tat im Jahr 2004. Auf dem Heimweg nach einem langen Arbeitstag bemerkt sie, dass ihr jemand folgt. In einer engen Gasse überholt Movahedi sie, steht schmunzelnd vor ihr und dann passiert die grausame Tat.1 Er schüttet ihr eine Karaffe voller Schwefelsäure direkt ins Gesicht. Es verätzt ihr das Gesicht, frisst sich durch die Augenhöhlen, die Lippen, ihre Arme, Hände und Dekolleté. Weil sie schreit, dringt die Säure in ihren Mund, in die Luftröhre und ätzt sogar Teile ihrer Bronchien. Sie verliert kurz danach ihr linkes Augenlicht und nach einer geraumen Zeit zerläuft ihr das andere Auge durch die Säure zersetzt aus der Augenhöhle.2 Während sie nach diesem Verbrechen um ihr zerstörtes Leben kämpft, verurteilt unterdessen das Teheraner Strafgericht den Täter zuzüglich der unter anderem dort herrschenden islamischen Gesetze. Die Richter versuchen Bahrami zur Annahme einer finanziellen Entschädigung zu verleiten, dem sogenannten Blutgeld(diyā). Doch sie besteht auf den ‚qisās‘, der ihr rechts islamischer Gesetzgebung zusteht. Der qisās gibt ihr das Recht diese Untat legitim zu vergelten - das heißt: Vergeltung auf die gleich Art auszuüben, wie der Täter das Opfer verletzt hat.3 Nach vier Jahren langwieriger Verhandlungen spricht ihr 2008 das iranische Gericht doch noch Vergeltung zu.4 Jedoch nur ein Auge und die Vergeltung werde unter Narkose und ärztlicher Aufsicht stattfinden. Der Grund für die Billigung nur eines Auges sei, dass nach islamischer Ansicht zwei Augen einer Frau so viel wert seien wie ein Auge eines Mannes.5 Von diesem Schicksalsschlag ausgehend möchte ich eine Analyse des qisās im Islam mit Bezug auf die šafiʽītische und ḥanafītische Rechtschule durchführen. Es soll geklärt werden, ob Menschen im Islam einen unterschiedlichen Wert aufzeigen und dementsprechend anders bestraft werden müssen oder sollen. Da das Thema des qisās sehr umfangreich ist, werde ich insbesondere den Teil der Äquivalenz des Opfers und des Täters beim absichtlichen Totschlag analysieren. Zu Beginn der Hausarbeit werde ich zunächst eine kurze Einführung in das islamische Rechtssystem geben, um somit einen allgemeinen Überblick zu schaffen. Daraufhin folgt eine knappe Beschreibung zu besagten Rechtsschulen. Nach diesem Überblick wird der Punkt der Strafarten, Strafverfahren und letztendlich die Analyse des qisās aufgefasst. Die Grundlage zu meiner Hausarbeit bildet ʼAḥmad b. Rušds Werk der islamischen Jurisprudenz ÄBidāya al- muğtahid wa nihāya al-muqtaṣid“ und durch Heranziehung der Primärquellen von al-Mawṣilīs ḥanafītischem Werk ÄAl-ʼIḫtiyār litaʽlīl al-muḫtār“ und al-Nawawīs šāfiʽītischem Werk ÄMinhāğ al-Ṭālibīn“ werde ich die Unterschiede in der Auslegung bezüglich der unterschiedlichen Rechtsschulen analysieren.

2. Einführung in die islamische Rechtsmethodik

Der Rahmen, in dessen Wirkungskreis die muslimische Gesellschaft auf Basis der islamischen Prinzipien der Jurisprudenz ihre private und öffentliche Ideologie auslebt, wird von der sogenannten šarīʿa aufgestellt. Die šarīʿa stellt die Parameter für verbindliche oder verbotene Aspekt auf und kann kurz als islamisches Gesetz bezeichnet werden.6 Der Qurʼān und die Sunna dienen als Primärquelle bei Rechtsfindungen, denn sie beinhalten spezifische Aufforderungen und allgemeine Richtlinien über die Religion selbst und seine Gesetze.7 Weiterhin gibt es die Iğmāʽ (Gelehrtenkonsens) und den qiyās(Analogieschluss) als anerkannte Quellen. Diese Quellen bergen allgemeine Richtlinien und Hinweise, die den Rechtsgelehrten bei der Entwicklung neuer Gesetze dienen.8 Über den wahren Inhalt einiger gottgegeben Quellen und Überlieferungen ist man sich bis heute nicht des Öfteren einig und diese unterschiedlichen Meinungen erfordern eine Wissenschaft, die sich mit der Erörterung und Analyse der Texte befasst. Die Wissenschaft dieses ‚tiefen Verständnisses‘ nennt sich fiqh.9 Allgemein lässt sie sich als Wissenschaft der Pflichtenlehre erklären.10 Fiqh ist nur ein Teil der šarīʿa. Im Bereich der fiqh entstanden schon in den frühen Jahren verschiedene Rechtsschulen. Diese Rechtsschulen beschäftigen sich mit dem praktischen Handeln. Die ḥanafītische, mālikītische, šāfiʽītische und ḥanbalītische sind die bedeutendsten und bekanntesten der sunnitischen Rechtsschulen. Die Unterscheidung der Rechtsschulen kommt durch die unterschiedlichen Auslegungen einiger Quelleninhalte.11 Im Folgenden möchte werde ich kurz etwas über die ḥanafītische und šāfiʽītische Rechtsschule einführen:

a. Die ḥanafītische Rechtsschule

Der Gründer der ḥanafītischen Rechtsschule ist ʼAbū Ḥanīfa (80-150h./600-769m.). Sein eigentlicher Name ist Nuʽmān b. Ṯābit. Man kennt ihn aber auch unter dem Spitznamen Al-ʼImām ʼAẓām.12 Die ḥanafītische Rechtsschule gilt manchen als Pionier in der Entwicklung der islamrechtlichen Wissenschaft.13 Im Gegensatz zu anderen Rechtsschulen beweist sie mehr Anpassungsfähigkeit und Flexibilität im Umgang mit Rechtsurteilen. Im Bezug auf die Aussprüche des Propheten(ḥadīṯ) soll ʼAbū Ḥanīfa jedoch strenger gewesen als andere und benutze nur Offenbarungen, die keine Mangel im Bezug auf Authentizität und Bekanntheit aufwiesen.

[...]


1 Vgl. Hegarty, Stephanie: Iran acid attack; in: BBC World Service Online - link: http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-13578731 (2.Juni 2011)

2 Vgl. Peteranderl, Sonja: Säure-Opfer Bahrami Verzicht in Letzter Sekunde; in: Tagesspiegel - link: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/saeure-opfer-bahrami-verzicht-auf-rache-in-letzter- sekunde/4450426.html (1.August 2011)

3 Vgl. Avenarius, Tomas: Vergeltung für Säureanschlag; in: Süddeutsche Online - link: http://www.sueddeutsche.de/panorama/vergeltung-in-iran-auge-um-auge-1.444766 (13.Mai 2011)

4 Vgl. Peteranderl, Sonja: Säureopfer Bahrami Verzicht in letzter Sekunde; in: Tagesspiegel Online

5 Vgl. Wieland, Leo: Säure-Opfer Ameneh Bahrami - Doch nicht Auge um Auge; in: faz Online - link: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/saeure-opfer-ameneh-bahrami-doch-nicht-auge-um-auge- 11111859.html (1. August 2011)

6 Vgl. Akgündüz, Ahmed: Introduction to Islamic Law; IUR Press (2010), S. 19

7 Vgl. Kamali, Mohammad Hashim: Principles of the Islamic Jurisprudence; The Islamic Texts Society (2003), S. 1

8 Vgl. Kamali, Mohammad Hashim: Principles of the Islamic Jurisprudence; The Islamic Texts Society (2003), S. 1f.

9 Vgl. Akgündüz, Ahmed: Introduction to Islamic Law; IUR Press (2010), S. 20

10 Vgl. Juynboll, Th. W.: Handbuch des Islamischen Gesetzes nach der Lehre der schĈfiʽitischen Schule; Otto Harrassowitz (1910), S. 22 f.

11 Vgl. Mertek, Muhammet: Der Islam: Glauben, Leben, Geschichte; Main Donau Verlag(2010), S. 112

12 Vgl. ҪalıƔkan: Fıkıh; nkuzem Yayınları No. 7(2005), S. 70f.

13 Vgl. Krawietz, Birgit: Hierarchie der Rechtsquellen im tradierten sunnitischen Islam; Duncker & Humblot(2002), S. 64 f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Rechtsmethodische Analyse des Qisās in Bezug auf die Äquivalenz zwischen Opfer und Täter
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Islamische Studien)
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V304586
ISBN (eBook)
9783668029385
ISBN (Buch)
9783668029392
Dateigröße
1097 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
qisas, Vergeltung, Islam, rechtsmethodik, jurisprudenz
Arbeit zitieren
Elif Yilmaz (Autor), 2014, Rechtsmethodische Analyse des Qisās in Bezug auf die Äquivalenz zwischen Opfer und Täter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304586

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