Möglichkeiten und Grenzen von Ironie in der Lehrer-Schüler-Kommunikation


Seminararbeit, 2015
24 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Begrifflichkeit

3. Ironietheoretische Erklärungsversuche
3.1 Erste linguistische Analysen ironischer Äußerungen
3.2 Ironie als konversationelle Implikatur
3.3 Die Echoic –Mention -Theory
3.4 Die Pretense- Theory

4. Motive der Ironieverwendung

5. Zum Einsatz von Ironie im schulischen Kontext
5.1 Über die (Un-)Verständlichkeit von Ironie in der Lehrer- Schüler- Kommunikation
5.2 Ironische Lehrer- Schüler- Kommunikation als verständnisloser Sprechakt
5.3 Ironie als förderliches Erziehungsmittel

6. Abschluss und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Du bist ja ein Blitzmerker!“ Obgleich Sätze wie dieser etwas gänzlich anderes meinen, als sie wörtlich ausdrücken, fällt es uns in der Regel nicht schwer sie richtig zu deuten und einzuordnen. Wir bezeichnen sie als ironisch. Ironie in der Kommunikation ist allgegenwärtig, sie begegnet uns in Alltagsgesprächen, sowie in Theaterstücken oder Filmen, aber auch in schriftlicher Form auf Werbeplakaten oder in der aktuellen Schlagzeile der Tageszeitung. Neben dem Gesagten wird Ironie meist schnell durch sogenannte „Ironiesignale“ wie beispielsweise eine besondere Mimik und Gestik, die der Ironisierende[1] anwendet um eventuell aufkommende Missverständnisse zu vermeiden, erkennbar. Im Gegensatz zu dem Einsatz von Ironie in alltäglichen Gesprächen, welche für gewöhnlich und bis zu einem gewissen Grad allgemein befürwortet wird, wird die ironische Kommunikation im pädagogischen Kontext Schule um einiges kritischer angesehen und wurde von der Mehrheit der Vertreter der Schulpädagogik lange Jahre als verwerflich und illegitim angesehen. Die folgende Arbeit soll der Ursache für diese starke Ablehnung auf den Grund gehen und untersuchen, inwiefern sich ein Einsatz ironischer Kommunikation im schulischen Kontext förderlich oder schädlich auf die Lehrer- Schüler- Beziehung auswirken kann.

Hierzu wird im zweiten Kapitel zunächst der Ironiebegriff knapp erläutert, um im Anschluss einen Überblick über die bedeutendsten erklärungstheoretischen Ansätze verschiedener Vertreter der Sprachwissenschaft (3.) zu geben. Im vierten Abschnitt werden die Motive für die Verwendung ironischer Äußerungen in der Kommunikation betrachtet und an von anschaulichen Beispielen[2] auf die Vor- bzw. Nachteile für die Teilnehmer einer ironischen Kommunikation hin untersucht. Der zweite Teil dieser Arbeit (5.) widmet sich der Ironieverwendung im pädagogischen Kontext und gibt einen Einblick in die kontrastierenden Positionen der Vertreter von Schulpädagogik und Sprachwissenschaft zu diesem Thema. Es werden die Schwierigkeiten, sowie die eventuellen Vorteile von Ironie in der pädagogischen Kommunikation aufgezeigt und abschließend ein sich auf den Erkenntnissen, die durch diese Arbeit gewonnen werden konnten, stützendes Fazit gezogen (6.).

2. Zur Begrifflichkeit

Der Wortstamm des Begriffs Ironie, eironeia, entspringt dem Griechischen und wird auf Deutsch mit „Verstellung“ oder „Vortäuschung“ übersetzt (Lotter 1992, 112). Dies lässt bereits darauf schließen, dass mit dem Gebrauch von Ironie etwas anderes vermittelt werden soll, als wörtlich ausgesprochen wird. In der Geschichte der Sprachforschung wurde ein Vielfaches an Versuchen unternommen, das Phänomen ironischer Äußerungen vollständig aufzuschlüsseln und zu erklären. Doch trotz der bisher zahlreichen aufgestellten Theorien einiger bedeutender Philologen und Sprachphilosophen herrscht bis heute kein eindeutiger Konsens über eine allgemeingültige Definition und Erklärung des Ironiebegriffs.

3. Ironietheoretische Erklärungsversuche

Eine bis heute gültige klassische Beschreibung der Ironie wurde bereits in der Antike gegeben. Sie wurde als „rhetorischer Tropus [bezeichnet], in dem das Gemeinte durch einen entgegengesetzten Ausdruck ersetzt wird“ (Bußmann 1990, 335). In der verbalen Ironie wird dementsprechend eine bestimmte Bedeutung ausgedrückt, während der Sprecher eine andere, meist widersprüchliche Bedeutung intendiert. Das nachfolgende Kapitel beschäftigt sich mit den Anfängen der sprach-wissenschaftlichen Versuche das Phänomen der Ironie aufzuschlüsseln. Weiter werden jüngere ironietheoretische Überlegungen veranschaulicht und im Hinblick auf ihre Fähigkeit hin untersucht, der Vielzahl an unterschiedlichen Funktionen des ironischen Sprechaktes gerecht zu werden.

3.1 Erste linguistische Analysen ironischer Äußerungen

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung der Linguistik mit der Ironie begann in den Sechzigerjahren mit der Veröffentlichung des Essays „Linguistik der Lüge“ von Harald Weinrich (Hartung 2002 & Müller 1995). Der Sprach- und Literaturwissenschaftler beschäftigte sich im Zusammenhang mit der Beantwortung der Preisfrage „Kann Sprache die Gedanken verbergen?“, die die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung 1964 gestellt hatte, mit dem Gebrauch von Ironie und ihrer Abgrenzung zur Lüge (Hartung 2002; Müller 1995). Weinrich berücksichtigt in seinen Ausführungen die Ironie in geschriebener als auch gesprochener Sprache, wobei er Ironie in seinem Werk nicht an dessen Gebrauch in der Alltagskommunikation, sondern an den Platonischen Dialogen untersucht. In diesen versucht Sokrates durch ironische Äußerungen dem „neunmalklugen Priester“ Euthyphron dessen geistige Unterlegenheit aufzuzeigen (Weinrich 2000, 65 f.).

Nach Weinrich stellt das „Ironiesignal“ das entscheidende Unterscheidungsmerkmal zwischen einer Lüge und einer ironischen Äußerung dar: Während der Sprecher bei einer gelogenen Äußerung versucht den Vorgang des Lügens zu verbergen, zeigt der Ironisierende offen, dass es sich bei der Bedeutung seiner Äußerung nicht um die wörtliche handelt. Der Ironisierende „verstellt sich, gewiß, aber man zeigt auch, dass man sich verstellt“ (Weinrich 2000, 66). Weinrich beschreibt das Ironiesignal als „Sprachzeichen, das die gesprochene Sprache begleitet“ (Weinrich 2000, 66) und begründet hierdurch dessen Einordnung in den Fachbereich der Sprachwissenschaft (Müller 1995 & Weinrich 2000). Er betont weiterhin, dass das Ironiesignal selbst „sowohl vernommen als auch überhört werden“ kann (Weinrich 1966, 66). Die Schuld einer Nichterkennung von Ironie trägt hier jedoch der Hörer, der in diesem Fall nach Weinrich zu den „Halbgebildeten und Süffisanten“ gehört (Weinrich 2000 66).

Zum Zwecke weiterer linguistischer Untersuchungen nimmt Weinrich (2000) eine Erweiterung des herkömmlichen Kommunikationsmodells vor, welches er als „elementares Ironiemodell“ und Lapp (1997) später als „triadisches Personen-modell“ bezeichnet. In diesem ist neben dem Sprecher und Hörer noch eine dritte Person anwesend, die bei ironischen Äußerungen die Rolle des Publikums einnimmt (u.a. Hartung 2002; Krüger 2011; Lapp 1997 & Weinrich 2000). Während eine Informationskette bei der Äußerung einer ironischen sprachlichen Mitteilung in die Richtung des Hörers geht und den wörtlichen Sinn der Äußerung übermittelt, geht eine weitere Informationskette zum Publikum und verneint den Wahrheitsgehalt der wörtlichen Bedeutung (Weinrich 2000, 68 f.). Dieser Vorschlag Weinrichs entwickelte sich zum „Standard- Ironie- Modell“, obgleich andere Wissenschaftler wie Warning die Erweiterung auf drei Instanzen in späteren Untersuchungen wieder zurücknahmen (Hartung 2000): „Es bietet sich an […] ein vermeintlich elementares Ironiemodell in das elementare Kommunikationsmodell mit Sprecher, Hörer und Sprechgegenstand zurückzunehmen“ (Warning 1976, 417). Weinrich betont ebenfalls, dass die Möglichkeit wahrscheinlicher ist, „dass kein Dritter da ist“ (Weinrich 2000, 65). Auch die Abwesenheit des Hörers schließt er nicht aus und beschreibt mit der Selbstironie einen Fall, bei dem der Ironisierende „sich selber zum Schauspiel“ (Weinrich 2000, 68) wird, indem der Ironisierende die Rollen des Sprechers, Hörers, und zuletzt der dritten Instanz des Publikums einnimmt.

3.2 Ironie als konversationelle Implikatur

In einer erfolgreichen Kommunikation sind sich Sprecher und Hörer über die Intention einer Gesprächssituation einig, verfolgen das gleiche Ziel und verhalten sich dementsprechend kooperativ (Lapp 1997). Im Zuge der Überlegungen, die den Sprachphilosophen Paul Grice (1975) in seiner Arbeit Logic and Conversation zu dieser Ansicht führten, widmet dieser sich dem Versuch, ironische Äußerungen und ihre Bedeutung für die Kommunikation zu erklären. Hierzu zieht Grice seine Theorie der konversationellen Implikatur heran, welche nach Lapp (1997) eine der einflussreichsten Theorien der Pragmatik darstellt. Diese schlüsselt den Prozess auf, den beide Gesprächsteilnehmer für eine erfolgreiche Kommunikation vollziehen müssen, wenn der Sprecher eine indirekte Bemerkung, also eine Äußerung, bei der sich das wörtlich Gesagte von dem intentional Gemeinten unterscheidet bzw. bei der die Bedeutung über den wörtlichen Äußerungsgehalt hinausgeht (Lapp 1997 & Meibauer 1999).

Um die von dem Sprecher intendierte kommunikative Bedeutung einer sprachlichen Mitteilung auf Hörerseite korrekt zu übermitteln und um dem Sprecher die Sicherheit des erfolgreich durchgeführten Kommunikationsaktes zu gewährleisten, müssen die Gesprächsteilnehmer sich nach Grice wie bereits oben erwähnt kooperativ, nach dem sogenannten Kooperationsprinzip, verhalten, sowie bestimmen Richtlinien folgen, die er unter dem Begriff Konversationsmaximen zusammenfasst (Hartung 2000& Lapp 1997). Die vier Konversationsmaximen und ihre Untermaximen, die Grice aufstellt um auf ihrer Grundlage auf Hörerseite Inferenzen ziehen zu können, nennen sich Maximen der Quantität, Maximen der Qualität, Maxime der Relevanz, sowie Maximen der Modalität. Während die Maximen der Quantität die Informativität des Gesprächsbeitrags behandelt, fordert Grice in den Maximen der Qualität die Gesprächsteilnehmer dazu auf, ausschließlich wahre Beiträge zu formulieren. Die Relevanzmaxime stellt die Bedingung einer relevanten Aussage und die Modalitätsmaximen die Prämisse einer klaren und übersichtlichen Darstellung des Beitrags zur Kommunikation (Meibauer 1999, 25). Das Einhalten dieser Maximen sieht Grice als Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation auf Sprecher- und Hörerseite.

Auf Grundlage der eingehaltenen Maximen kann der Hörer in der Konversation Inferenzen „implikatieren“ um das Gemeinte zu verstehen. Diese aus dem Kontext zu erschließende Bedeutung nennt Grice die konversationelle Implikatur.

In seinem Werk Logic and Conversation befasst sich Grice außerdem mit ironischen Äußerungen, denen er den Fall der konversationelle Implikatur zuschreibt. Das Formulieren eines ironischen Beitrags in einem Gespräch sieht er als einen offensichtlichen Verstoß gegen die Qualitätsmaxime, da der Sprecher wörtlich nicht das wirklich Gemeinte sagt. Hierzu ein Beispiel:

Beispiel 1:

Peter und Paula warten seit einiger Zeit auf Hans, mit dem sie sich verabredet haben.

Peter: Hans kommt heute wieder überpünktlich.

In Beispiel 1 verletzt Peter offensichtlich die Qualitätsmaxime, da Hans nicht pünktlich erschienen ist. Da dieses Kontextwissen jedoch von beiden Gesprächsteilnehmern geteilt wird, weiß Peter, dass Paula die Unangemessenheit dieser Äußerung erkennt. Damit kann diese die wahre Bedeutung Hans kommt (wieder) zu spät von Peters Aussage inferieren und damit seine Bemerkung als ironisch erkennen und richtig einordnen. Nach Grice ist eine ironische Äußerung demnach eine Implikatur, die im Widerspruch zum wörtlich Gesagten steht. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass hiermit nicht das „Gegenteil“ der klassischen Definition von Ironie gemeint ist, da ein Widerspruch nicht zwangsläufig das Gegenteil meint.

Mithilfe der Griceschen Theorie der konversationellen Implikatur lässt sich demnach aufzeigen, wie ironische Äußerungen auf Hörerseite rezipiert werden. Dem Phänomen der Ironie als Ganzes wird Grices Ansatz jedoch nicht gerecht. In einer zweiten Arbeit (1978) fügt er seinem ersten Erklärungsansatz zur Ironie noch einige Ausführungen hinzu, in denen er darlegt, dass es sich bei Ironie um „the expression of a feeling, attitude or evaluation“ handelt, welches mit einem „hostile or degatory judgement“ (Grice 1975, 124 nach Hartung 2000, 42) einhergeht und betont, dass es keinen bestimmten ironischen Tonfall gibt, sondern das jeweilige ausgedrückte Gefühl sich in der Art der Artikulation niederschlägt. Weiter betont Grice hier, dass „Ironie eine transparente Verstellung ist“ (Hartung 2000, 42). Da Grice in beiden Texten Erklärungen zur Funktion ironischer Äußerungen in einer Interaktion schuldig bleibt und keine Anhaltspunkte zu ironische Fragen, Aufforderungen oder Untertreibungen liefert (Hartung 2000 & Lapp 1997), wurden weitere erklärungs-theoretische Versuche unternommen um das Phänomen Ironie vollständig zu erklären.

3.3 Die Echoic –Mention -Theory

Die Linguisten Dan Sperber und Deirdre Wilson beschäftigten sich ausführlich mit den Ausführungen Grices zur Ironie als konversationelle Implikatur und merkten unter anderem kritisch an, diese sei „nicht in der Lage, zu erklären, warum nicht alle offenkundig falschen Äußerungen figurativ erklärt werden konnten“ (Lapp 1997, 74). Des Weiteren gelingt es ihnen nach Lapp mithilfe ihrer Echoic–Mention-Theory aufzuzeigen, dass die „Gricesche Analyse ironischer Äußerungen als offenkundige Verletzung der Maxime der Qualität als allgemeine Definition der Produktion und Rezeption von Ironie noch mit entscheidenden Mängeln behaftet ist“ (Lapp 1997, 74).

Die Theorie von Sperber und Wilson basiert auf einer klaren Unterscheidung zwischen dem Gebrauch und der Erwähnung einer Bedeutung: Während der Sprecher bei dem Gebrauch seine Einstellung zu dem Gegenstand selbst durch die wörtliche Bedeutung mitteilt, vermittelt er bei der Erwähnung seine persönliche Meinung zum Gegenstand der Äußerung, sowie die Einstellung zur Äußerung selbst (Hartung 2000 & Wojcik 2013).

Im Falle des Ironisierens handelt es sich nach Sperber und Wilson um eine Erwähnung, da mit der Äußerung nicht die wörtliche Bedeutung selbst gebraucht wird um einen Sachverhalt auszudrücken, sondern die persönliche Sprechereinstellung zu jenem Sachverhalt ausgedrückt wird. Weiter ist diese Erwähnung echoic (dt. echoartig ), der Ironisierende gibt dementsprechend etwas bereits Geäußertes wieder und teilt hiermit implizit seine abwertende Haltung gegenüber der Proposition mit. (Hartung 2000 & Hodske, Pahl & Strohnert 2007). Hierzu ein Beispiel:

Beispiel 2: Es schneit .

Hans: Was für ein Frühlingswetter heute!

Dadurch, dass Hans die Bemerkung an einem offensichtlich kalten Tag gemacht hat (es schneit), ist anzunehmen, dass diese nicht wörtlich gemeint war. Sperber und Wilsons Theorie folgend muss nun auf Hörerseite für das korrekte Verständnis der Äußerung zunächst realisiert werden, dass das Wetter in dem Moment von Hans` Äußerung keineswegs frühlingshaft war. In einem nächsten Schritt sollte er durchschauen, dass es sich hier um eine Erwähnung und nicht um den Gebrauch einer Äußerung (und damit die Vermittlung des Sachverhalts selbst) handelt. Weiter muss der Rezipient wissen, dass Hans mit dieser Erwähnung seine persönliche kritische Meinung zu dieser Äußerung vermitteln möchte. Diese könnte in diesem Beispiel sein, dass Hans nicht nachvollziehen kann, wie jemand überhaupt von einem wärmeren Tag hätte ausgehen können.

An dieser Stelle ist anzumerken, dass es sich bei der echoartigen Erwähnung keineswegs zwingend um eine Reaktion auf eine kurz zuvor getätigte Äußerung handeln muss. Ebenso kann sie verzögert (vielleicht hat in Beispiel 2 der Wetterbericht wärmeres Wetter vorhergesagt) oder sogar vorwegnehmend getätigt werden. Weiter kann der Ironisierende eine echoartige Erwähnung auch ganz ohne den direkten Bezug auf eine bestimmte Äußerung machen, dann nämlich, wenn er seine kritische Meinung zu Auslösern wie Sachverhalten, Geschehen oder auch bestimmten Normen ausdrücken möchte (Lapp 1997 & Wilson & Sperber 1981 nach Hodske, Pahl & Strohnert 2007).

Sperber und Wilson erheben den Anspruch traditionelle Substitutionstheorien, welche sie als misslungen betrachten, durch ihre Theorie zu ersetzen. Letztendlich bleiben hierfür aber zu viele Kritikpunkte und offene Fragen. Da die echoartige Erwähnung durch ihre vielfältigen möglichen Auftrittsformen (antizipatorisch, als direkte Reaktion, keine Äußerung betreffend) kann es kompliziert und zeitaufwändig sein den Kontext zu überblicken um herauszufinden, worauf sich der Erwähnende mit seiner ironischen Äußerung bezieht. Ferner ist es gewagt jeden ironischen Sprechakt als echoartige Erwähnung zu rechtfertigen und gleichzeitig eine echoartige Erwähnung für eine ironische Bemerkung zu halten, da es durchaus echoartige Äußerungen ohne eine ironische Bedeutung gibt. Auf eine bedeutende Tatsache hat die Echoic – Mention - Theory dennoch verwiesen, indem sie als erste Ironietheorie die Einstellungen der Sprecher zur Äußerung selbst und nicht nur zu dessen Gegenstand berücksichtigt. (Lapp 1997; Hartung 2000 & Van der Auwera & Rombouts 1982).

3.4 Die Pretense- Theory

Obgleich sie in einigen Punkten große Ähnlichkeit mit der Echoic-Mention–Theory aufweist, entwickelten die Psycholinguisten Herbert H. Clark und Richard J. Gerrig die Pretense-Theory im Jahr 1984 als dessen Gegenmodell. Auf Grundlage der Aussagen von Grice über „Ironie als transparente Verstellung“ (Hartung 2000, 42 & Lapp 1997) konzentriert sich die Pretense- Theory auf diesen Verstellungsaspekt, der ihrer Ansicht nach die „Bedeutung des common ground als „Voraussetzung für den Hörer zum Verstehen“ (Hartung 2000, 47) betont.

Clark und Gerrig gehen davon aus, dass der Ironisierende nur vorgibt, eine geäußerte Proposition zu meinen und gleichzeitig möchte, dass der Hörer diese Verstellung gemeinsam mit seiner abwertenden Haltung gegenüber Personen, die diese tatsächlich vertreten, erkennt. Im Gegensatz zur Echoic- Mention- Theory, in der der Sprecher seine Abneigung gegenüber den geäußerten Gedanken aufzeigt, richtet sich die abwertende Haltung hier gegen die Personen, die diese Gedanken ausrücken oder auch nur dulden. Dementsprechend wird auf Hörerseite für das Erkennen der ironischen Äußerung nach der Pretense- Theory folgendes Kontextwissen benötigt: Die Kenntnis über die Person oder Personengruppe, die der Ironisierende vorgibt zu sein, sowie die Erkenntnis über den oder die angeblich angesprochenen Hörer (Hodske, Pahl & Strohnert 2007). Folgendes Beispiel soll dies verdeutlichen:

Beispiel 3: Es regnet. Laut Peter wurde jedoch Sonnenschein angekündigt.

Paula: Glückwunsch Peter, du bist prä­de­s­ti­niert für einen Job beim Wetterdienst!

Um die ironische Äußerung zu verstehen benötigt Peter in dieser Situation das Wissen darüber, dass Paula die Glückwünsche nur vorgetäuscht hat um ihre negative Haltung gegenüber Peter auszudrücken. Weiter kann die Äußerung von Beispiel 3 nur funktionieren, wenn Peter über das Regenwetter informiert ist. Ohne dieses Wissen könnte die Bemerkung von ihm tatsächlich als Lob verstanden werden.

Clark und Gerrig sind von der besseren Erklärungsstärke ihrer Theorie gegenüber Wilsons und Sperbers Echoic-Mention–Theory überzeugt. Sie vertreten die Meinung, dass sich „alle Fälle des ironischen Erwähnens als Beispiel für ironisches Verstellen interpretieren lassen“ (Lapp 1997, 83) und es gleichzeitig „Fälle von pretense gibt, deren Auffassung als mention nicht möglich ist“ (Hartung 2000, 47 nach Clark & Gerrig 1984). Tatsächlich können mit der pretense- theory alle Fälle sprachlicher Ironie erfasst und aufgeschlüsselt werden. Was jedoch auch diese Theorie nicht leisten kann ist eine umfassende Erklärung der Ironie. So weisen Clark und Gerrig in ihrer Arbeit darauf hin, das „to be ironical is, among other things, to pretend “ (Clark & Gerrig 1984, 125). Auf die „ other things “, für die Ironie eingesetzt wird, wird jedoch nicht eingegangen.

[...]


[1] In der nachfolgenden Arbeit wird zur Wahrung der Übersichtlichkeit und Lesbarkeit ausschließlich die männliche Schreibweise verwendet, die die weibliche Form selbstverständlich mit einschließt.

[2] Sämtliche aufgeführte Beispielsätze in dieser Arbeit sind fiktiv und zur besseren Verständlichkeit konstruiert worden.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten und Grenzen von Ironie in der Lehrer-Schüler-Kommunikation
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau  (Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Pragmatik
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V305325
ISBN (Buch)
9783668032958
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
möglichkeiten, grenzen, ironie, lehrer-, schüler-, kommunikation
Arbeit zitieren
Fanny Mundt (Autor), 2015, Möglichkeiten und Grenzen von Ironie in der Lehrer-Schüler-Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305325

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