Allein reisende Frauen im "Wigalois" Wirnts von Grafenberg. Was erklärt die Ausführlichkeit, mit der Wirnt sich ihnen widmet?


Seminararbeit, 2014
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Brauch zur Strukturbildung

Kritik an der außerhöfischen Liebe

Topos des vergangenen Friedens

Hinweise auf die außerschriftliche Wirklichkeit Wirnts

Einstellung Wirnts zur Gewalt gegen Frauen

Der Topos der laudatio temporis acti

Abschließende Zusammenfassung

Bibliographie

Einleitung

„bî den selben zîten / was daz gewonlîch“[1]lautet der Titel des Aufsatzes, in dem sich Nathanael Busch der gleichlautenden Passage in Wirnts von GrafenbergWigaloiswidmet. Diesen zwei folgen fünfunddreißig weitere Verse, in denen Wirnt davon berichtet, dass es zur Zeit der Romanhandlung noch ohne weiteres möglich gewesen sei, dass Frauen ohne Begleitung reisten, ohne sich in Gefahr zu begeben oder in Verruf zu geraten. Heute, zur Zeit des Erzählers, sei dies nicht mehr möglich, statt dessen könnten Frauen „vür ir hûs niht komen“ (2379) ohne, dass ihre Reise als zwielichtig gelte. Nun seien die Ehrlosen angesehen, die ihr Gespött mit der Welt treiben, obwohl es besser wäre, sie zu meiden. Der Auszug endet mit einer Lobpreisung der „guoten wîben“ (2389).

Inhaltlich kann die Textstelle in denWigaloiseingeordnet werden, als Wigalois sich mit Nereja, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht von seiner Tauglichkeit überzeugt ist, auf der Reise nach Korntin befindet. Auf ihrem Weg treffen die beiden auf die allein reisende Königin von Tyrus, Elamie, die darüber klagt, dass ihr der vom König von Irland ausgesetzte Schönheitspreis, den sie gewann, von einem roten Ritter, Graf Hojir von Mannsvelt, geraubt wurde. Elamie bittet Wigalois in ihrem Namen den Preis zurückzugewinnen. Bevor es zum Kampf kommt, versucht Wigalois Hojir davon zu überzeugen, dass dieser Unrecht getan hat und sucht ihn zu diesem Zweck, Hand in Hand mit Elamie, in seinem Zelt auf. Nachdem Hojir nicht auf Wigalois eingeht, bezwingt dieser ihn im Kampf und gewinnt so den entwendeten Preis zurück. Nachdem Wigalois, als er, Elamie und Nereja weiterziehen, es ablehnt Elamie in ihr Land zu begleiten, wo diese „verdiene die grôzen nôt“ (3206), die er ihretwegen durchstehen musste, dieses Angebot ablehnt, jagt Elamie ihren Gewinn, ein Pferd, das von einem Zwerg gepflegt wird und einen sprechenden Papagei, von sich und reitet davon. Wigalois überlässt den Gewinn Nereja, woraufhin diese ihm im freundlicher gesinnt ist.[2]

Wirnts Exkurs darüber, wie viel besser die Zeiten der Romanhandlung waren, steht direkt nach dem ersten Aufeinandertreffen von Wigalois und Elamie. Da er sich nicht direkt auf die Handlung zu beziehen scheint und dennoch siebenunddreißig Verse lang ist, stellt sich die Frage, warum Wirnt sich über so viele Verse damit auseinandersetzt, wie sicher es für Frauen war und heute ist, allein zu reisen.

Der anfangs erwähnte Aufsatz von Nathanael Busch untersucht eben diese Fragestellung und hält verschiedene Deutungen der Textstelle für möglich. Inszeniert sich Wirnt als den „letzte[n] Verteidiger der Frauen in einer zunehmend misogynen Welt“ oder deutet der Text sogar eine wachsende Unsicherheit des Reisens im 13. Jahrhundert an?[3]Busch beleuchtet die Textstelle, zur Beantwortung dieser Fragen, aus fünf verschiedenen Perspektiven, die hier noch einmal genauer nachvollzogen werden und denen noch eine sechste hinzugefügt werden soll.

Brauch zur Strukturbildung

Die erste von Busch untersuchte Perspektive fragt, ob es einen Brauch gibt, der allein reisende Frauen betrifft, auf den sich die Handlung imWigaloisbezieht und der bei der Bildung der Struktur der Handlung eine Rolle spielt. Busch bezieht sich hierbei auf einen Brauch, der in ChrétiensLancelot[4]vorkommt, welcher besagt, dass allein reisenden Frauen nichts angetan werden darf, bis ihr Ritterbegleiter besiegt ist. Ist dies geschafft darf der Sieger nach Belieben mit ihr verfahren. Handelt jemand diesem Brauch zuwider, büßt der Täter seine Ehre ein, es ist also nicht sinnvoll für Frauen prinzipiell allein zu reisen, da der Brauch sie nur vor Männern schützt, denen etwas an ihrer Ehre gelegen ist.[5]

Dieser Brauch hilft imLancelotstark bei der Strukturbildung, so Busch. Indem Lancelot das Angebot der in der Textstelle zu beschützenden Dame, „mit ihr ins Bett zu steigen“[6]ablehnt, kann er sich eindeutig als er selbst ausweisen, wodurch sich die Dame sicher sein kann, dass er als Artusritter mit dem Brauch vertraut ist und nach ihm zufolge handeln wird.

Diese Verknüpfung von Handlung und Brauch sieht Busch imWigaloisnicht gegeben. „Eine spezielle Ausgestaltung von auf sich selbst bezogenen Spielregeln des eigenen Romans“[7]finde sich imWigaloisnicht, sondern die betreffenden Stellen seien einfach in die Handlung eingefügt.[8]

Tatsächlich wird dieser oder ein ähnlicher Brauch imWigaloisnicht näher erklärt. Es kann aber dennoch behauptet werden, dass die Passage, in der Wigalois sich der allein reitenden Elamie annimmt, prägend für den folgenden Roman ist. Buschs Ausführungen zur Textstelle wären also wenigstens teilweise zurückzuweisen. So bietet die Textstelle beispielsweise die Gelegenheit für Wigalois sich als Beschützer der Frauen zu beweisen, eine Rolle, die er im Gesamten weiteren Verlauf des Romans einnimmt. Wigalois wird zum Aufrechterhalter der in der untersuchten Passage angepriesenen Welt, in der derjenige, der Frauen, die allein reisen etwas antut, bestraft wird. Zwar geschieht dies nicht über einen zuvor erklärten Brauch, doch dieser Brauch ist auch nicht, anders als besagte Textstelle, Objekt dieses und auch nicht Buschs Aufsatzes.

Kritik an der außerhöfischen Liebe

Eine zweite Perspektive, mit der Busch sich auseinandersetzt, ist die von Gert Kaiser. Kaiser sei der erste, der versucht die Textstelle konzeptionell zu verarbeiten.[9]In seinem AufsatzLiebe außerhalb der Gesellschaft. Zu einer Lebensform der höfischen Liebebemerkt Kaiser zunächst, was für eine „merkwürdige, ja bizarre Erscheinung aus dem Bildervorrat der Liebe in der höfischen Literatur des Mittelalters“[10]der allein, mit einer Geliebten umherziehende Ritter ist. Diese Paare kämen im Artusroman zu Hauf vor, wobei Kaiser auf mehrere Beispiele, wie Orilus und Jeschute aus Wolframs von EschenbachParzival, eingeht. Diese Paare, oder vielmehr diese spezielle „Lebensform der höfischen Liebe“[11], stellten eine „latente Gegenfigur“ zur Idee der höfischen Liebe dar. In ihr sei zwar, wie in keiner anderen, die Verbindung ausâventiureundminneenthalten, die zentrale Idee des ritterlichen Lebens, allerdings enthalte sie auch die Kräfte der Liebe, die von der Gesellschaft am Hof wegstrebten und diese somit in Frage stellten. Aufgrund dieser „enormen Spannung“ sei es leicht nachvollziehbar, dass diese Spannung nicht ausgehalten werden kann. Nach Kaiser bricht sie in dem Moment zusammen, in dem der Hof kein Problem mehr für die Liebe darstellt.[12]

Busch fragt nun, in Anlehnung an Kaiser, ob die in diesem Aufsatz behandelte Textstelle auf eben diese Gefahr der Lebensform der außerhöfischen Liebe hinweisen soll. Wäre dies der Fall wäre sie Teil eines intertextuellen Geflechts und würde auf Stellen aus anderen Werken anspielen. Und obwohl er Kaisers Ausführungen für „einleuchtend“ hält, weist er sie, zumindest für WirntsWigalois, zurück. Ausgangspunkt der Fragestellung sei eine allein reisende Frau und nicht die alternative Lebensform der höfischen Liebe des allein umherziehenden Paares.[13]

Kaiser geht allerdings explizit auf denWigaloisein, was Busch nicht erwähnt, und hierbei sogar auf genau die Textstelle, die eine direkte Folge derer ist, die Ausgangspunkt dieses Aufsatzes war. Obwohl Elamie nicht die Geliebte des Wigalois ist, scheinen die beiden dennoch für ein Paar gehalten zu werden. So nennt Hojir Elamie, als Wigalois mit dieser Hand in Hand dessen Zelt aufsucht, Wiglaois „âmîen“ (2786) und auch Elamie selbst scheint sich, so Kaiser, für Wigalois rechtmäßigeâmîezu halten, nachdem dieser den Kampf gegen Hojir für sie gewonnen und ihren Schönheitspreis zurückerlangt hat. Dies erkläre auch ihren Ärger, als Wigalois ihr offenbart, dass das gemeinsame Abenteuer „nur ein Abstecher auf dem Weg zu seinervrouwen“ war.[14]Schon bei Wolframs Orilus und Jeschute sei die mangelnde Kommunikation ein Problem, das die außerhöfische Liebe belastet: ohne eine Erklärung abzuwarten straft Orilus seine Frau, als er die Spuren von Parzivals Übergriff entdeckt und für Zeichen eines Ehebruches hält. Erst nachdem Parzival das Missverständnis aufklärt und das Paar sich verträgt und auf den Weg zum Artushof macht, womit es in die höfische Gesellschaft zurückkehrt, verbessert sich auch die Kommunikation zwischen beiden Partnern.[15]Die imWigaloisdargestellte Gefahr eines umherziehenden Liebespaares könnte also in genau diesem Missverständnis liegen: Elamie hält Wigalois für ihren Geliebten während dieser nur auf dem Weg zu seiner am Hof wartenden Liebe ist, der Form der Liebe, die die Lebensform des umherziehenden Paares ablösen soll.[16]

Es muss aber auch bemerkt werden, dass selbst, wenn man diese Zusammenhänge als Risiko der außerhöfischen Liebe deutet, die Episode in der Wigalois Elamie zu Seite steht alles andere tut, als das etablierte gesellschaftliche Gefüge ins Wanken zu bringen. Im Gegenteil: dadurch, dass Wigalois Elamie hilft, wird die gesellschaftliche Ordnung wieder hergestellt, die durch Hojirs Verbrechen gestört wurde.

Kann es sich also bei der hier behandelten Textstelle um eine Warnung vor der alternativen Lebensform der außerhöfischen Liebe handeln? Buschs Antwort, imWigaloishandele es sich nicht um ein Liebespaar, wirkt etwas zu einfach, dennoch kommen wir zum selben Schluss: obwohl die Beziehung zwischen Wigalois und ihr von Elamie missverstanden wird, trägt der Verlauf der Handlung eher dazu bei die gesellschaftliche Ordnung wieder zu etablieren als sie in Frage zu stellen. Auch entstehen die hier diskutierten Zusammenhänge in Folge der Textstelle, um die es hier eigentlich gehen soll und nicht aus der Stelle an sich. Eine Antwort auf die Frage, warum Wirnt sich so ausführlich über den Umgang mit allein reisenden Frauen äußert, scheint also noch nicht gefunden.

[...]


[1]Im Folgenden beziehen sich Zitate aus demWigaloisauf: Wirnt von Grafenberg:Wigalois. Text der Ausgabe von J. M. N. Kapteyn übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort versehen von Sabine Seelbach und Ulrich Seelbach. Berlin und New York 2005. Dieses Zitat entstammt den Versen 2358-59.

[2]Vgl. hierzu die Verse 2349-3285.

[3]Busch, Nathanael: bî den selben zîten, was daz gewonlîch. Stellen alleinreisende Frauen ein Problem dar?. In: Wolfzettel, Friedrich/Dietl, Cora/Däumer, Matthias (Hg.): Atrusroman und Mythos. Berlin [u.a.] 2011, S. 128.

[4]Chrétien de Troyes:Lancelot. Übersetzt und eingeleitet von Helga Jauss-Meyer. München (1974), V. 1307-1328.

[5]Busch (2011), S. 129.

[6]Ebd.

[7]Ebd., S. 30.

[8]Ebd.

[9]Ebd., S. 131.

[10]Kaiser, Gert: Liebe außerhalb der Gesellschaft. Zu einer Lebensform der höfischen Liebe. In: Krohn, Rüdiger (Hg.): Liebe als Literatur. Aufsätze zur erotischen Dichtung in Deutschland. München 1983, S. 79.

[11]Ebd.

[12]Ebd., S. 96.

[13]Busch (2011), S. 131.

[14]Kaiser (1983), S. 96.

[15]Ebd., S. 85.

[16]Ebd., S. 96 f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Allein reisende Frauen im "Wigalois" Wirnts von Grafenberg. Was erklärt die Ausführlichkeit, mit der Wirnt sich ihnen widmet?
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V305461
ISBN (eBook)
9783668035065
ISBN (Buch)
9783668035072
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirnt von Grafenberg, Wigalois, Frauen, Mittelalter, allein reisende Frauen, allein reisen, außerhöfische Liebe, Topos des vergangenen Friedens, laudatio temporis acti, Gewalt gegen Frauen
Arbeit zitieren
Fabian Wiez (Autor), 2014, Allein reisende Frauen im "Wigalois" Wirnts von Grafenberg. Was erklärt die Ausführlichkeit, mit der Wirnt sich ihnen widmet?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305461

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