Windenergie als Gesundheitsgefahr?

Mögliche gesundheitliche Risiken durch Windkraftanlagen in Deutschland und Bremen


Seminararbeit, 2015

39 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Block 1 – Windkraft Deutschland
1. Einleitung
2. Exposition
2.1. Gesetze, Häufigkeit und Ausmaß
2.2. Gesundheitseffekte
3. Präventionsmaßnahmen
4. Risiko- und Folgenabschätzung
5. Evaluation und deren Ergebnisse
6. Umweltgerechtigkeit
7. Diskussion

Block 2 – Windkraft in Bremen
1. Exposition: Gesetze, Häufigkeit und Ausmaß
2. Präventionsmaßnahmen
3. Risiko- und Folgenabschätzung
4. Konkrete Projekte
5. Umweltgerechtigkeit
6. Diskussion
7. Fazit

Literaturverzeichnis

Block 1 – Windkraft Deutschland

1. Einleitung

Der Mensch als soziales Lebewesen verändert und gestaltet stets seine Lebensumgebung. Die geschaffenen Strukturen haben eine intensive Wirkung auf das Wohlbefinden der Menschheit. In der Ottawa-Charta der WHO zur Gesundheitsförderung wurde aufgrund der engen Beziehung zwischen Mensch und Umwelt der sozial-ökologische Ansatz der Gesundheitsförderung im Sinne der Schaffung gesundheitsförderlicher Lebensumwelten und der Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten in den Mittelpunkt gestellt (vgl. WHO 1986).

Die Energiewende soll einen Weg in die Zukunft als Industriegesellschaft ohne Atomenergie erschaffen. Dabei steht der Gedanke der Nachhaltigkeit und der Verantwortung gegenüber kommender Generationen im Fokus. Die wichtigsten erneuerbaren Energieträger der Energiewende sind Sonnen- und Windenergie. Zusätzlich leisten Biomasse, Wasserkraft und Geothermie einen wertvollen Beitrag zur nachhaltigen Energieversorgung in Deutschland. Ziel ist es, dass der Strom in Deutschland bis 2035 zu 55 % bis 60 % und bis 2050 zu 80 % aus erneuerbaren Energiequellen kommt (vgl. BMWi 2015).

Public Health gilt als die Wissenschaft und Praxis zur Gesunderhaltung der Bevölkerung. Jeder Einzelne soll befähigt werden, seine Gesundheit zu fördern und zu stärken. Als wissenschaftliche Forschungsrichtung beschäftigt sich Public Health mit dem Gesundheitszustand von Bevölkerungsgruppen und Einzelpersonen. Ein Public-Health-Ansatz ist vorwiegend interdisziplinär ausgerichtet und erfordert die Einbeziehung verschiedener Fachdisziplinen (vgl. Schwartz et al. 2003).

Die Public Health Relevanz bei dieser Thematik ergibt sich daraus, dass aus Sicht des umweltbezogenen Gesundheitsschutzes frühzeitig Chancen und Risiken ermittelt werden müssen, die aus den energiepolitischen Entwicklungen resultieren und sich auf die menschliche Gesundheit auswirken können (vgl. Sutcliffe et al. 2014). Das aus Public-Health-Gesichtspunkten interessante Thema gesundheitlicher Belastungen durch Windenergie in Deutschland und in Bremen wird in dieser Arbeit mit folgender Fragestellung betrachtet: Inwieweit kann sich das Errichten von Windkraftanagen zur Energiegewinnung auf die menschliche Gesundheit auswirken? Die Fragestellung wird auf Grundlage einer systematischen Literaturrecherche bearbeitet. Eingeschlossen wird deutsche und internationale Fachliteratur.

Inhaltlich ist die nachfolgende Arbeit in zwei Kapitel geteilt. Im ersten Teil der Arbeit wird die Windenergie in Deutschland thematisiert. Das zweite Kapitel betrachtet die gesundheitliche Belastung durch Windenergie in Bremen.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher und männlicher Sprachformen in dieser Arbeit verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

2. Exposition

Windkraft ist eine der wesentlichen erneuerbaren Energiequellen. Wind ist die bewegte Luftmasse der Atmosphäre. Die kinetische Energie des Windes wird als Bewegungsenergie bezeichnet. Diese wird technisch genutzt, dabei wandeln Generatoren die Windenergie zu elektrischer Energie (Strom) um (vgl. Heier 2013). Daraufhin folgt die Einspeisung in das Stromnetz. In Deutschland werden ca. 8 % des Stroms aus Windkraftanlagen eingespeist. Bereits Mitte 2003 hat der Anteil der Windenergie bei der Elektrizitätserzeugung in Deutschland die Beiträge der Wasserkraft überstiegen und gewinnt weiterhin an Bedeutung (vgl. Heier 2013).

2.1. Gesetze, Häufigkeit und Ausmaß

Das deutsche Stromeinspeisegesetz (StromEinspG) trat zum 1. Januar 1991 in Kraft. „Ziel der gesetzlichen Regelung war die vergütete Abnahme von Strom, der ausschließlich aus Wasserkraft, Windkraft, Sonnenenergie, Deponiegas, Klärgas oder aus Produkten oder biologischen Rest- und Abfallstoffen der Land- und Forstwirtschaft gewonnen wird, durch öffentliche Elektrizitätsversorgungsunternehmen“ (BMWi 2015, 1). Der Langtitel des Gesetzes lautete: „Gesetz über die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien in das öffentliche Netz vom 7. Dezember 1990“ (BMWi 2015, 1).

Mit dem Stromeinspeisegesetz wurden erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Elektrizitätsversorgungsunternehmen verpflichtet, elektrische Energie aus regenerativen Umwandlungsprozessen von Dritten abzunehmen und zu vergüten. Das Stromeinspeisegesetz ist demnach der Vorgänger des im Jahr 2000 gesetzlich verabschiedeten Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Das Stromeinspeisegesetz führte zu einer wesentlichen Verbesserung der Produktion von erneuerbaren Energien in Deutschland. In den 1990 er Jahren entstanden gehäuft Windkraftanlagen. Die Bestätigung des Stromeinspeisegesetzes erfolgt im Januar 1996 vom Bundesverfassungsgericht und 2001 vom Europäischen Gerichtshof. Die Befürworter erneuerbarer Energien hatten sich durchgesetzt (vgl. BMWi 2015).

Da der Ausbau der erneuerbaren Energien ein zentrales Element der Energiewende darstellt, wurde das EEG zur Förderung des Ökostroms entwickelt. Das EEG trat erstmals im Jahr 2000 in Kraft und wurde seither stetig weiterentwickelt (EEG 2004, EEG 2009, EEG 2012, PV-Novelle, EEG 2014) (vgl. BMWi 2015). „Das EEG ist und bleibt das zentrale Steuerungsinstrument für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Ziel des EEG ist es, die Energieversorgung umzubauen und den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung bis 2050 auf mindestens 80 % zu steigern. Der Ausbau der erneuerbaren Energien erfolgt insbesondere im Interesse des Klima- und Umweltschutzes zur Entwicklung einer nachhaltigen Energieversorgung. Daneben sollen die volkswirtschaftlichen Kosten der Energieversorgung verringert, die fossilen Energieressourcen geschont und die Technologieentwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien vorangetrieben werden“ (BMWi 2015, 2).

Das EEG sorgt für stabile Rahmenbedingungen für den Ausbau der Windenergie in Deutschland. Außerdem setzt das EEG 2012 Anreize für das Repowering der Windkraftanlagen. Beim Repowering werden ältere Windkraftanlagen mit moderneren Turbinen ausgestattet. Dies bietet mehrere Vorteile. So kann bei „[...] einer Halbierung der Anlagenzahl und gleichzeitiger Verdoppelung der Leistung durch effizientere Nutzung der Standorte eine Verdreifachung des Ertrags erreicht werden“ (BWE 2012, 8). Das Repowering wird jedoch bisher nur in geringem Maße umgesetzt. Im Jahr 2011 wurden nur 170 alte Windenergieanlagen mit einer Leistung von 123 MW durch Anlagen mit einer Leistung von 238 MW ersetzt. Es besteht demnach zukünftig großes Potenzial für das Repowering. Aktuell sind ca. 50 % der 22.000 Windenergieanlagen in Deutschland älter als zehn Jahre. Oftmals verhindern jedoch Höhen- und Abstandsbegrenzungen vor Ort den Einsatz effizienterer Technologien des Repowerings (vgl. BWE 2012).

„In Deutschland stehen Ende 2014 insgesamt 24.867 Windenergieanlagen. Im Rahmen des Repowerings wurden nach unverbindlichen Angaben 544 Anlagen abgebaut und 413 aufgebaut. 4.750 MW Windleistung wurden im Jahr 2014 neu installiert. Die installierte Gesamtleistung aus Windenergie beträgt damit 38.115 MW. Die Windindustrie erwartet 2015 einen Zubau von 3.500 bis 4.000 MW“ (BWE 2015, 3 f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Quelle: BWE 2015

2.2. Gesundheitseffekte

Basierend auf der Energiewende und den damit verbundenen neuen Quellen zur Energiegewinnung werden zunehmend auch gesundheitliche Risiken dieser neuen Energiequellen diskutiert. Bei der Diskussion um gesundheitliche Risiken in Bezug auf die Energiewende, geht es vor allem darum, „[...] dass die neuen Energieformen, was ihren Nutzen und ihre Risiken betreffe, mindestens ebenso gut seien wie die alten, wenn nicht besser“ (Deutsches Ärzteblatt 2014). Ein Großteil dieser erneuerbaren Energien wird durch den Einsatz von Windkrafträdern gewonnen, welche eine nachhaltige Energieversorgung leisten können und dabei eine regenerative Energiequelle darstellen, die dauerhaft zur Verfügung steht (vgl. Twardella 2013). Diese Arbeit beschäftigt sich im Folgenden ausschließlich mit der Windenergiegewinnung und den Auswirkungen von Windkrafträdern auf die menschliche Gesundheit.

Bei der Diskussion darüber, ob Windkraftanlagen Auswirkungen auf die Gesundheit haben, geht es im Wesentlichen um vier Punkte. Hierzu gehören: Das Landschaftsbild einhergehend mit räumlicher Bedrängung, Eiswurf, Schattenwurf sowie Lärmbelästigung und Infraschall (vgl. LfU 2013).

Landschaftsbild

Aufgrund der technischen Gestaltung, Größe und Bewegung können Windkraftanlagen das allgemeine Landschaftsbild beeinflussen. Sie sind deutlich höher als Häuser, Bäume oder Kirchtürme. Hinzu kommt, dass Windkraftanlagen meist an Wind-exponierten Stellen, wie Kuppen oder großen Freiflächen errichtet werden und nachts durch Befeuerung gekennzeichnet sind. Grade die rotierenden Bewegungen und die Befeuerung sorgen dafür, den Blick eher auf die Windkraftanlagen als auf die Umgebung zu lenken (vgl. LfU 2013). Hinzu kommt, dass im Laufe der Jahre Windkraftwerke immer größer werden und im Vergleich zu den 1990 er Jahren, in denen ein Windkraftwerk meist eine Größe von 100 m nicht überschritt, die heutigen Anlagen meist größer als 200 m sind. Dies hat zur Folge, dass die Anlagen besser sichtbar sind und deutlicher wahrgenommen werden. „Diese Entwicklung hat Auswirkungen auf die Akzeptanz in der Bevölkerung für die Errichtung von Windkraftanlagen grade in ihrem näheren Wohnumfeld“ (Scheidler 2014, 673). Inwieweit das Landschaftsbild tatsächlich negativ von Windenergieanlagen beeinflusst wird, hängt vom jeweiligen subjektiven Empfinden des Betrachters ab. Als problematisch wird vor allem die Veränderung von Gebieten bezeichnet, die zur Erholung dienen. Hierbei wird vor allem auf die Verstellung der Sichtachse und der Störung von landschaftsprägenden Strukturen hingewiesen (vgl. LfU 2013). Befinden sich Windkrafträder zunehmend in der Nähe des eigenen Wohnorts und stehen im Sichtfeld des Betroffenen, kann dabei auch die Befürchtung einer sogenannten optischen Bedrängung entstehen (vgl. Scheidler 2014). Der Begriff der optischen Bedrängung wird im Gliederungspunkt 3. Präventionsmaßnahmen genauer erklärt.

Eiswurf

Bei entsprechenden Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, bei Schneefall oder Eisregen können sich an den Rotorblättern der Windkraftanlagen Reif oder Eisschichten bilden. Dies ist vor allem für die Gebiete in Deutschland relevant, die vermehrt von Schneefall betroffen sind (vgl. LfU 2013). Das gebildete Eis kann, sobald es sich wieder von den Rotorblättern löst, dies geschieht entweder durch den allgemeinen Tauvorgang oder durch eine entstehende Unwucht, parallel zum Mast der Anlage herabfallen oder mit der Bewegung der Rotorblätter weggeschleudert werden. Somit kann herabfallendes oder auch geschleudertes Eis zu einer direkten Gefährdung führen (vgl. Twardella 2013). Um diese Gefährdungen zu verhindern sind Mindestabstände einzuhalten. Grundsätzlich sind zudem, vor allem aber, wenn kein ausreichender Sicherheitsabstand eingehalten werden kann, betriebliche oder technische Vorkehrungen zu treffen. Dies geschieht durch Eiserkennungssysteme, die die Windkraftwerke bei Vereisung abschalten oder durch Enteisungssysteme (vgl. LfU 2013). „Bei der Problematik des Eiswurfes handelt es sich somit um ein klar umschriebenes Risiko, welches durch die entsprechenden Maßnahmen minimiert werden kann“ (Twardella 2013, 15).

Schattenwurf

Bei entsprechender Sonneneinstrahlung kommt es durch die periodische Bewegung der Rotorblätter von Windenergieanlagen zu einem bewegten Schattenwurf. Dieser wandert in Abhängigkeit mit dem Sonnenstand (vgl. LfU 2013). Der periodische Schattenwurf ist abhängig von den Wetterbedingungen, der Windrichtung, dem Sonnenstand und den Betriebszeiten der Anlage (vgl. LAI 2002). Als hauptsächliche Wirkung des periodischen Schattenwurfes wird die zum Teil erhebliche Belästigung gesehen. Zur Verhinderung dieser erheblichen Belästigung werden von den Ländern Schattenwurf-Hinweise herausgegeben (vgl. Twardella 2013). Die Inhalte dieser Hinweise werden im Punkt 3. Präventionsmaßnahmen dieser Arbeit erläutert.

Wissenschaftliche Studien zur Wirkung von periodischem Schattenwurf auf die menschliche Gesundheit gibt es bisher kaum. Im deutschsprachigen Raum wurden im Auftrag der Länder Schleswig Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen Feld- und Laborpilotstudien zur Belästigung durch Schattenwurf von Pohl et al. 1999 und 2000 durchgeführt. Die erste Feldstudie beschäftigte sich mit der Frage, „[…] ob bei einer Entscheidung nach einer Regel, die einen Berechnungswert von 30 min/Tag bzw. 30h/Jahr astronomischer periodischer Schattendauer als Kriterium zur Einleitung von Minderungsmaßnahmen zugrunde legt, eine erhebliche Belästigungsdauer ausgeschlossen werden kann“ (Pohl et al. 1999, 1). Dabei kam die Studie zu dem Ergebnis, dass eine Zunahme von gewichteter Schattendauer mit einer Zunahme der Beeinträchtigung verbunden ist und sich die Probanden bereits mit einer Beschattungsdauer von mehr als 15 Stunden pro Jahr stark belästigt fühlen. Ob eine Beschattungsdauer von maximal 30 Stunden pro Jahr zumutbar ist, konnte aufgrund der zu geringen Studienpopulation nicht beantwortet werden (vgl. Pohl et al. 1999). In der darauf folgenden Laborstudie wurde der Frage nachgegangen, „[…] ob periodischer Schattenwurf als alleinige Einflussgröße bei einer Dauer von mehr als 30 min und einmaliger Darbietung zu Stresseffekten führt“ (Pohl et al. 2000, 1). Dabei kam die Studie zu dem Ergebnis, dass unter speziellen Laborbedingungen untersuchter periodischer Schattenwurf nicht zu Belästigungen führt, die als erheblich eingestuft werden könnten. Es konnten jedoch erhöhte Anforderungen an die psychischen und physischen Ressourcen nachgewiesen werden, die darauf hinweisen, dass eine kumulative Langzeitwirkung als eine erhebliche Belästigung angesehen werden könnte. „Die Ergebnisse dieser Pilotstudie in ihrer Gesamtheit lassen es sinnvoll erscheinen, weitere Untersuchungen […] durchzuführen“ (Pohl et al. 2000, 2). Laut Twardella (2013) seien diese beiden Arbeiten jedoch nur Abschlussberichte und nicht in einem peer-review-Journal veröffentlicht. Auch im internationalen Raum zeigt sich, dass kaum wissenschaftliche Studien zu gesundheitlichen Risiken aufgrund von periodischem Schattenwurf durch Windkraftanlagen durchgeführt und veröffentlicht sind (vgl. Twardella 2013).

Infraschall

Infraschall wird in der Umwelt durch physikalische Ereignisse ausgelöst und entsteht praktisch bei allen Vorgängen und Tätigkeiten, die Geräusche erzeugen. Die Quellen der Geräuscherzeugung werden in natürliche und künstliche Quellen unterteilt (vgl. LfU 2013). Die natürlichen Quellen von Infraschall sind meist Wettererscheinungen wie starke Winde, Stürme, Unwetter, Gewitter und Donner. Aber auch Eruptionen wie Erdbeben und Vulkanausbrüche, Schnee und Gerölllawinen sowie Meeresbrandung und hoher Seegang können ein natürliches Infraschallereignis sein. Die Basis der künstlichen Quellen bilden zahlreiche Anlagen und Tätigkeiten von Menschen, die zusätzlich zu dem Hörschall auch Infraschall erzeugen. Hierzu gehören zunächst alle Arten von Verkehrsmitteln wie beispielsweise Lastkraftwagen, Flugzeuge, Schiffe und Triebwerke. Bei industriellen Vorgängen sind es große Gasturbinen, Stanzen, Vibratoren, Pumpen, Kompressoren, Rütteln und Verdichterstationen. Ansonsten können Sprengungen und Explosionen, der Überschallknall von Flugzeugen und Lautsprechersysteme Infraschall erzeugen (vgl. LfU 2014).

Physikalisch betrachtet versteht man unter der Entstehung von Schall die Ausbreitung von Wellen in der Luft, dem Wasser oder dem Boden. Somit können Schallarten nach ihren Ausbreitungsmedien klassifiziert werden. Im Fall von Schall entstehend durch Windkraftwerke spricht man vom Luftschall. Hierbei verbreiten sich Schallwellen kugelförmig von der Schallquelle abgehend und werden als Luftschallenergie oder auch Emission bezeichnet. Dabei nimmt der Schall mit wachsender Entfernung vom Windkraftwerk ab (vgl. Malsch & Hornberg 2007). Der Schall breitet sich mit einer Geschwindigkeit von rund 343 m/s aus, das entspricht 1.235 km/h und wird als Schallgeschwindigkeit bezeichnet. Die Ausbreitung der Schallwellen erfolgt als Luftdruckschwankung (vgl. LfU 2014).

Die Entstehung von Infraschall bei Windkraftwerken erfolgt durch Erzeugung von Schwingungen und Luftturbulenzen. Dies geschieht durch die Bewegungen der großen Rotorblätter und die dabei entstehenden Vibrationen, die sich sowohl auf die Rotorblätter selbst als auch auf den Turm des Windkraftwerkes übertragen. Ältere Anlagen mit dem Wind abgewandten Rotoren erzeugen dabei deutlich mehr Infraschall, weil die Rotoren regelmäßig im Windschatten des Turmes liegen. Neuere Anlagen sind so ausgestattet, dass die Rotorblätter stets dem Wind zugewandt und vor dem Turm sind. Es kommt somit zu weniger Schallemission verursachenden Turbolenzen (vgl. LfU 2014). „Es wurde festgestellt, […] dass die harmonischen Schwingungen der Rotoren durch die Unterschiede der Windgeschwindigkeiten über die Rotorfläche entsteht und, bezogen auf WKA mit dem Rotor auf der Leerseite (Hinterläufer), durch die Impulse verursacht durch die Flügel, wenn diese den Windschatten durchqueren. Besonders der letzte Mechanismus ist verantwortlich für ein hohes Maß an diskreten Frequenzen von Infraschall […]“ (Möller & Pedersen 2010, 7).

Es gibt drei verschiedene Bereiche des Schalls und deren Wahrnehmbarkeit durch das menschliche Gehör (vgl. Möller & Pedersen 2010). Schallwellen mit einer Frequenz zwischen 20 und 20.000 Hz werden als sogenannter Hörschall bezeichnet. In diesem Bereich ist dem menschlichen Gehör die Wahrnehmung von Tonhöhen und deren Lautstärke möglich. Schallwellen mit Frequenzen oberhalb von 20.000 Hz werden als Ultraschall bezeichnet. Liegen die Schallwellen unterhalb von 100 Hz werden sie als tieffrequenter Schall bezeichnet (vgl. LfU 2014). Unterhalb von 100 Hz verändert sich die Art und Qualität der akustischen Wahrnehmung. Unterhalb von 50 Hz werden Töne schlechter und unterhalb von 20 Hz meist nicht mehr wahrgenommen. Somit umfasst tieffrequenter Schall den Bereich des Infraschalls, welcher ab 20 bzw. 16 Hz beginnt. Festgelegt ist die Grenze von 20-1 Hz für Infraschall in der ISO 7196 aus dem Jahre 1995 und gilt als internationaler ausgewiesener Standard (vgl. Malsch & Hornberg 2007). Betrachtet man die dazugehörigen Schallwellen zeigen sich im Bereich von Ultraschall sehr kurze Wellenlängen mit rund 1,7 cm und im Bereich von Infraschall bei 20 Hz sehr lange Schallwellen mit einer Länge von etwa 17 m (vgl. LfU 2014).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Infratherapie 2004

Grundsätzlich umfasst laut ISO 7196 (1995) Infraschall Frequenzen unterhalb von 20 Hz. Die Grenze von 20 Hz wird jedoch in Bezug auf den Übergang zwischen Hören und Fühlen diskutiert. Dieser Übergang ist im Bereich des Infraschalls fließend (vgl. Twardella 2013). Immer wieder wird in der Literatur eine Grenze von 16 Hz diskutiert. „Es gibt bei 16-20 Hz keine distinkte Hörgrenze, unterhalb derer keine ‚Hörwahrnehmung‘ mehr erfolgt, sondern vielmehr einen nicht eindeutig abgrenzbaren Übergangsbereich, in dem lediglich die Tonhöhenwahrnehmung, nicht aber andere Wahrnehmungsgrößen, verschwinden“ (Malsch & Hornberg 2007, 1583). Grundsätzlich besteht der Unterschied zwischen Hörschall und Infraschall darin, dass Hörschall eine Lautstärken- und Tonwahrnehmung beinhaltet, Infraschall hingegen nur eine Lautstärkenwahrnehmung. Unterhalb von 20 Hz ist keine tonale Bewertung mehr möglich. Der Ton bekommt einen eher diskontinuierlichen Charakter und ist über ein Druckempfinden auf dem Trommelfell fühlbar (vgl. Möller & Pedersen 2010). Infraschall ist jedoch nicht nur über das reine Gehör wahrnehmbar, sondern kann auch mit anderen Bereichen des Körpers gefühlt werden. Dies wird häufig in Form von Ohrendruck, Unsicherheitsgefühlen und das Wahrnehmen von Vibrationen beschrieben (vgl. Twardella 2013).

Für die Wahrnehmung weiterhin wichtig ist die Einbeziehung des Schalldruckpegels, der auch als Laustärke bekannt ist. Je tiefer eine Frequenz ist, desto höher muss der Schalldruckpegel sein, damit der Mensch etwas wahrnehmen kann (vgl. LfU 2014). In Bezug auf Windkraftanlagen ist es bei ausreichendem Schalldruck und wenigen Hertz möglich, einzelne Schwingungen zu erkennen und sogar zu zählen (vgl. Möller & Pedersen 2010).

Im Zusammenhang mit Infraschall werden immer wieder gesundheitliche Risiken diskutiert. Gesundheitliche Wirkungen von tieffrequentem Schall ließen sich bisher in wissenschaftlichen Studien jedoch nur in Bezug auf Schallpegel oberhalb der Hörschwelle zeigen (vgl. Twardella 2013). Hierbei zeigten sich vor allem: Ermüdung, Konzentrationsminderung und Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit. Hinzu kamen subjektive Beschwerdebilder wie Schwingungsgefühle und Benommenheit. Neben der Vermutung, dass Infraschall spezifisch auf das Vestibularsystem wirkt, konnte am besten gesichert werden, dass es nach mehrstündiger Exposition mit Infraschall zu Müdigkeit und einer Senkung der Atemfrequenz kommt (vgl. Malsch & Hornberg 2007). Die Emission von Windkraftanlagen befindet sich jedoch unterhalb der Hörschwelle. „Liegen die Pegel des Infraschalls unterhalb der Hörschwelle, konnten in Studien an Menschen bisher keine Wirkungen auf das Gehör, […] oder andere Systeme beobachtet werden“ (LfU 2014, 4). Der Forschungsstand in diesem Bereich ist jedoch kritisch zu betrachten. Aufgrund der schwachen Studienlage liegen nur begrenzte Erkenntnisse vor (vgl. Twardella 2013).

3. Präventionsmaßnahmen

Grundsätzlich beinhalten sowohl das Baugesetzbuch (BauGB) als auch das Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) Richt- und Grenzwerte für Windenergieanlagen. Das BImSchG verfolgt den Zweck „[...] Menschen, Tiere und Pflanzen, den Boden, das Wasser, die Atmosphäre sowie Kultur- und sonstige Sachgüter vor schädlichen Umwelteinwirkungen zu schützen und dem Entstehen schädlicher Umwelteinwirkungen vorzubeugen“ (BImSchG 2014, 5).

Windkraftanlagen unterliegen dem Planvorbehalt nach § 35 Abs. 3 Satz 3 BauGB. Gemeinden und deren kommunale Raumplaner können die Zulässigkeit von Windenergieanlagen im Außenbereich auf bestimmte Flächen beschränken (Konzentrationszonen), indem sie im Flächennutzungsplan Flächen für die Windenergie ausweisen (§ 35 Abs. 1 Nr. 5 BauGB). In der Praxis erfolgt eine solche Steuerung mit Hilfe der Darstellung von Standorten für Windenergie im Flächennutzungsplan (vgl. Deutscher Städte- und Gemeindebund 2014).

Landschaftsbild

Mit der Novellierung (1997) des § 35 BauGB hat der Gesetzgeber den Gemeinden in planungsrechtlicher Hinsicht die Möglichkeit zur Steuerung von Windkraftanlagen gegeben. Mit dieser Neuerung sollte besonders der Verunstaltung des Orts- und Landschaftsbildes entgegengewirkt werden (vgl. Deutscher Städte- und Gemeindebund 2014). „Das Bauplanungsrecht ermöglicht grundsätzlich die Zulassung von Windkraftanlagen sowohl im mit einem Bebauungsplan beplanten Bereich als auch im unbeplanten Innenbereich. In diesen Gebieten ist aber regelmäßig nur eine private Windenergieanlage als untergeordnete Nebenanlage zulässig, wenn sie der Eigenart des Gebiets nicht widerspricht bzw. sich in die nähere Umgebung einfügt. Wegen der günstigeren Windverhältnisse sind Windkraftanlagen regelmäßig auf einen Standort im bauplanungsrechtlichen Außenbereich angewiesen. Der § 35 BauGB enthält hierfür die Voraussetzungen und unterscheidet zwischen den im Außenbereich privilegierten und erleichtert genehmigungsfähigen Vorhaben (Abs. 1) und sonstigen Vorhaben (Abs. 2). ‚Um den Anteil erneuerbarer Energie an der Energieversorgung zu steigern und eine Beseitigung baurechtlicher Hemmnisse zu erreichen‘ hat der Deutsche Bundestag am 20. Juni 1996 einstimmig Windkraftanlagen nach § 35 Abs. 1 Nr. 6 BauGB den privilegierten und somit erleichtert genehmigungsfähigen Vorhaben zugeordnet. Damit besteht für Windenergieanlagen ein Rechtsanspruch auf Genehmigung, wenn die Erschließung gesichert ist und öffentliche Belange nicht entgegenstehen“ (Deutscher Städte- und Gemeindebund 2014, 2 f.).

Am 01. Januar 1997 trat eine Privilegierung der Windenergienutzung im Außenbereich gemäß § 35 Abs. 1 Nr. 6 BauGB in Kraft. Gemeinden können den so genannten ‚Planvorbehalt‘ in § 35 Abs. 3 BauGB nutzen um Vorrangflächen bzw. Konzentrationszonen im Flächennutzungsplan für Windkraftanlagen zu bestimmen. Bürgerinnen und Bürger können somit den Bau von Windkraftanlagen auf wenige Räume des Gemeindegebiets konzentrieren und andere schützenswerte Räume des Gemeindegebietes von der Windenergienutzung ausschließen. Es erfolgt die räumliche Eingrenzung von negativen Auswüchsen der ‚Verspargelung der Landschaft‘ und die weitere ‚Technisierung der Landschaft‘ (vgl. BDLA 2003). „Eine bewusste Steuerung durch planerische Vorsorge der Gemeinde ist einem ungeordneten Wildwuchs von Windenergieanlagen vorzuziehen. Eine Darstellung im Flächennutzungsplan führt insbesondere dazu, dass konfliktreiche Standorte (Landschaftsschutz, Fremdenverkehr, Nachbarschutz) ausgeschlossen werden können und konfliktarme Standorte favorisiert werden sowie potenziellen Anlagenbetreibern Rechtsicherheit gegeben wird und durch die Transparenz des Planungsprozesses Akzeptanzprobleme auch bei Bürgerinnen und Bürgern verringert werden können“ (Deutscher Städte- und Gemeindebund 2014, 3 f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Windenergie als Gesundheitsgefahr?
Untertitel
Mögliche gesundheitliche Risiken durch Windkraftanlagen in Deutschland und Bremen
Hochschule
Universität Bremen
Jahr
2015
Seiten
39
Katalognummer
V306214
ISBN (eBook)
9783668041813
ISBN (Buch)
9783668041820
Dateigröße
1173 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Public Health, Gesundheitswissenschaften, Umweltfaktoren, Windkraft, gesundheitliche Belastungen, Windenergie, Wohnumwelten, Sozialräume
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Windenergie als Gesundheitsgefahr?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306214

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