Gryphius' "Cardenio und Celinde". Ein Bürgerliches Trauerspiel?

Eine Gattungseinordnung


Hausarbeit, 2014
10 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil

Schluss

Einleitung

Das 1657 von Andreas Gryphius verfasste Werk „Cardenio und Celinde. Oder Unglücklich Verliebte?“[1] ist und bleibt Gegenstand der Literaturforschung. Zentral ist hierbei die Frage, ob es sich um ein Bürgerliches Trauerspiel handelt.

Diese Frage wird Grundlage des folgenden Essays, der sich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden des Werkes zum Bürgerlichen Trauerspiel auseinandersetzt. Das Drama, das Andreas Gryphius selbst als Bürgerliches Trauerspiel bezeichnet, soll hier in seiner Gattungszugehörigkeit untersucht werden.

Um die Zugehörigkeit zu einer Gattung möglich zu machen, muss eine genaue Definition der Gattung des Bürgerlichen Trauerspiels gefunden werden. Grundlage hierfür bilden Karl S. Guthkes Überlegungen. Er bezeichnet das Bürgerliche Trauerspiel als eine „tote Gattung“[2], die sich im 18. Jahrhundert verorten lässt. Familiäre Konflikte sowie die damit einhergehenden bürgerlichen Tugend- und Moralvorstellungen sind laut Guthke zentrales Merkmal dieser Gattung.[3]

Lessings Werk ‚Miss Sara Sampson‘ aus dem Jahre 1755 ist gemäß des literarhistorischen Bewusstseins dieses Jahrhunderts der Beginn der Geschichte des Bürgerlichen Trauerspiels.[4] Das, zwischen 1648 und 1649 entstandene, Werk „Cardenio und Celinde“ wird in Deutschland häufig als erstes Bürgerliches Trauerspiel bezeichnet.[5] Viele Aspekte, inhaltlich sowie formal, jedoch scheinen gegen diese Zuordnung zu sprechen. Das bereits erwähnte zentrale Merkmal der bürgerlichen Tugend- und Moralvorstellungen scheint nur bedingt vertreten. Gryphius selbst bezeichnet die Personen seines Werkes als „fast zu niedrig für ein Traur-Spiel“[6].

Betrachtet man den Titel des Werks, so ruft dieser sofort Assoziationen zu Shakespeares „Romeo und Julia“ hervor. Dies lässt den Leser zunächst ein tragisches Ende erwarten, in der Vorrede Gryphius‘ jedoch wird diese Erwartung bereits zerstört. Im Mittelpunkt steht nicht die unerschütterliche Liebe zweier Menschen, die über den Tod hinaus reicht, sondern Cardenios und Celindes Überwindung ihrer „[…] rasenden, nämlich unvernünftigen, sündigen sinnlichen Leidenschaft“.[7] Die Vergänglichkeit des Lebens und der Liebe sowie die Hinwendung zu einem gottesfürchtigen und demütigen Leben sind zentrale Themen des Werkes.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden neben diesem Aspekt weitere Merkmale auf die Zuordnung zur Gattung des Bürgerlichen Trauerspiels untersucht.

Hauptteil

Um das Werk einer Gattung zuzuordnen wird zunächst der Aspekt des Inhalts näher betrachtet.

Auffällig ist hierbei die Orientierung Gryphius‘ an Cialdinis italienischer Bearbeitung von Montalvans spanischer Novelle „Die Macht der Enttäuschung“ orientiert.[8] Gryphius selbst jedoch betont in diesem Fall die Abweichung von der Tradition der Tragödiendichter. Er bedient sich demnach nicht dem Stoff aus hohen Kreisen, noch wendet er den gebräuchlichen Pathos und Stil an.[9] Gryphius‘ setzt sich über die Ständeklausel, wie sie in der Tragödie gefordert wird, hinweg und rechtfertigt dies mit den Worten „Die Personen so eingeführet sind fast zu niedrig vor ein Traur-Spiel […]“.[10] Seine Protagonisten Cardenio und Celinde entstammen der bürgerlichen Schicht.

Seine Absicht mit seinem Drama, „[…] die Jugend vor den „Eitelkeiten“, d.h. Verkehrtheiten zu warnen, in die sie, durch Leidenschaft verblendet, geraten könnte“[11], ist der Gattung des Bürgerlichen Trauerspiels zuzuordnen.

Der spanische Student Cardenio ist in Olympia verliebt. Diese jedoch wendet sich von Cardenio ab und wird Lysanders Gemahlin. Cardenio wiederum tröstet sich mit Celinde, nachdem er deren Gemahl aus dem Weg geräumt hat. Er kann nicht akzeptieren, dass Olympia sich auf Lysander eingelassen hat und beschließt sich zu rächen. Er möchte zu seiner alten Liebe Olympia zurückkehren und deren Gemahl ermorden. Aufgehalten wird er jedoch durch die Erscheinung eines Gespenstes, das in der Gestalt Olympias erscheint. Als Cardenio dieser näher kommen und sie umarmen will, entpuppt sich diese als Totengerippe. Kurze Zeit später trifft Cardenio abermals auf seine ehemalige Geliebte Celinde, die gerade im Begriff ist, dem von Cardenio getöteten Geliebten das Herz auszuschneiden. Sie will so durch Zauber Cardenio wieder an sich fesseln. Diese Geschehnisse führen letztendlich zur Reue beider Beteiligten. Mit dem Hinweis auf „die ewig Ewigkeit“ und das Sterben endet das Stück.[12]

Betrachtet man die inhaltlichen Aspekte, so fällt zunächst der Verstoß der Figuren gegen die Ständeklausel auf. Neben diesem Aspekt sind noch weitere Merkmale der Gattung des Bürgerlichen Trauerspiels zu finden, die teilweise mehr und teilweise weniger erfüllt werden. „[…] es handelt sich um gemischte Charaktere, deren Untergang in dieser säkularisierten Gattung aus einem Fehler bzw. Irrtum und nicht aus göttlicher oder schicksalhafter Fügung resultiert“.[13] Dieser Sachverhalt ist bei Gryphius` „Cardenio und Celinde“ fragwürdig hinsichtlich seiner Erfüllung, da sich im Drama transzendentale und okkulte Elemente wie Geister und eine Zauberin finden. Nicht nur Cardenio, sondern auch Celinde, werden sich ihrer Schuld bewusst und bereuen ihr Verhalten zutiefst. Dies wird tatsächlich jedoch erst durch eine höhere Macht ausgelöst. Cardenio wird von einem Gespenst geleitet, Celinde beruft sich auf den Rat einer Hexe. Dies passt insofern nicht zur Gattung des Bürgerlichen Trauerspiels, da die eben genannten Elemente mit dem Zeitraum der Aufklärung, nach der das Bürgerliche Trauerspiel seinen Anfänge nimmt, kaum zu vereinbaren sind.[14]

Auffällig ist die Ähnlichkeit zur griechischen Mythologie. Die inhaltlichen Aspekte stehen in unmittelbarer Nähe dazu, das Drama wird jedoch von christlichen Motiven dominiert. Das Werk rückt somit inhaltlich wieder in die Nähe des Bürgerlichen Trauerspiels, wegweisend sind die bürgerlich-christlichen Moralvorstellungen.

Neben den inhaltlichen Aspekten sind auch die sprachlichen ausschlaggebend für die Zuordnung zu einer Gattung. Zunächst ist das Fehlen eines gehobenen Stils zu erkennen. Gryphius selbst nimmt dazu in seiner an den Leser gerichteten Vorrede Bezug. Mit den Worten „[…] die Art zu reden ist gleichfalls nicht vil über die gemeine […]“[15], wird die sprachliche Anpassung an den niederen Stand, beziehungsweise an die dem Mittelstand entstammenden Personen, deutlich. Dieses Merkmal symbolisiert die Zugehörigkeit zur Gattung des Bürgerlichen Trauerspiels.

[...]


[1] GUTHKE, Karl S.: Das deutsche bürgerliche Trauerspiel. 4., durchgesehene Auflage. Stuttgart 1984, S. 21.

[2] Vgl. ebd., S.1.

[3] GUTHKE, Karl S.: Das deutsche bürgerliche Trauerspiel. 5., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart/Weimar 1994. S. 22.

[4] Vgl. ebd., S. 20.

[5] Vgl. ebd., S. 21.

[6] TAROT, Rolf (Hrsg): Cardenio und Celinde oder Unglücklich Verliebete. Trauerspiel. Stuttgart 1968 (Reclamausgabe UB 8532).

[7] GUTHKE, Karl S.: Das deutsche bürgerliche Trauerspiel. 4., durchgesehene Auflage. Stuttgart 1984. S. 21.

[8] SALZER, Anselm/ VON TUNK; Eduard, Neubearbeitung und Aktualisierung durch HEINRICH, Claus und MUNSTER-HOLZLAR, Jutta: Illustrierte Geschichte Der Deutschen Literatur In Sechs Bänden. Vom Barockzeitalter bis zum Sturm und Drang. Band 2, Köln 1998, S. 114.

[9] Vgl. ebd.

[10] FISCHER-LICHTE, Erika: Semiotik des Theaters. Vom „künstlichen“ zum „natürlichen“ Zeichen. Theater des Barock und der Aufklärung. 5., unveränderte Auflage. Tübingen 2007. S. 6, Vers 7f.

[11] SALZER, Anselm / VON TUNK, Eduard, Neubearbeitung und Aktualisierung durch HEINRICH, Claus und MÜNSTER-HOLZLAR, Jutta: Illustrierte Geschichte Der Deutschen Literatur In Sechs Bänden. Vom Barockzeitalter bis zum Sturm und Drang. Band 2, Köln 1998. S.114f.

[12] Vgl. ebd.

[13] HEINZ, Andrea: Bürgerliches Trauerspiel. In: BURDORF, Dieter; FASBENDER, Christoph; MOEN-NIGHOFF, Burkhard (Hrsg.): Metzler Lexikon. Literatur. Begriffe und Definitionen. Stuttgart/Weimar 2007, S. 109f.

[14] GUTHKE, Karl S.: Das deutsche bürgerliche Trauerspiel. 4., durchgesehene Auflage. Stuttgart 1984, S. 21f.

[15] TAROT, Rolf (Hrsg.): Cardenio und Celinde oder Unglücklich Verliebete. Trauerspiel. Stuttgart 1968 (Reclamausgabe UB 8532), S. 6.

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Details

Titel
Gryphius' "Cardenio und Celinde". Ein Bürgerliches Trauerspiel?
Untertitel
Eine Gattungseinordnung
Autor
Jahr
2014
Seiten
10
Katalognummer
V306851
ISBN (eBook)
9783668048454
ISBN (Buch)
9783668048461
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Cardenio und Celinde, Andreas Gryphius, Gattung, Gattungseinordnung, Bürgerliches Trauerspiel, Drama, Gattungszugehörigkeit
Arbeit zitieren
Julia Jusa (Autor), 2014, Gryphius' "Cardenio und Celinde". Ein Bürgerliches Trauerspiel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306851

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