Zum Einfluss des Jazz in den Kompositionen Igor Strawinskys


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Jazzeinflüsse Strawinskys

3 Strawinskys jazzinspirierte Kompositionen
3.1 Schweizerische Phase (1914-1920)
3.2 US-amerikanische Phase (ab 1939)

4 Zusammenfassung

5 Anhang

6 Literaturverzeichnis
6.1 Bücher, Aufsätze, Artikel
6.2 Noten

1 Einleitung

„Jazz—blanket term—has exerted a time-to-time influence on my music since 1918, and traces of blues and boogie-woogie can be found even in my most “serious” pieces, as, for example, in the Bransle de Poitou and the Bransle simple from Agon and in the pas d ’ action and pas de deux (middle section) from Orpheus.“1 (Igor Strawinsky)

Der Einfluss den der Jazz und seine Vorformen auf Igor Strawinsky ausübten, ist in vielen seiner Kompositionen erkennbar. Aber auch in seinen Schriften und den Gesprächen mit Robert Craft äußerte er sich in theoretischer Form über seine Gedanken zu diesem Musikstil. In einigen Werken ist dessen Einfluss allein schon durch deren Titel offensichtlich, in anderen wiederum versteckter. Was alle jedoch gemein haben, ist die Filtration des musikalischen Ausgangsmaterials durch Strawinskys kompositorische Entscheidungen .

Ausgehend von den Gesprächen mit Robert Craft und seinen Schriften, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, woher der Jazzeinfluss in Strawinskys Musik stammt und wann Strawinsky selbst mit diesem erstmalig in Berührung kam. Dabei soll auch die Rolle der Vorformen des Jazz in der Musikwelt Europas bis etwa 1918, dem Entstehungsjahr der Histoire du Soldat, Strawinskys erster Komposition mit Jazzeinfluss, einbezogen werden. Zusammenfassend soll folgender Frage nachgegangen werden:

Woher stammt der Einfluss des Jazz in den Kompositionen Igor Strawinskys und in welcher Form nutzte Strawinsky diesen als neue Inspirationsquelle?

Dafür sollen zunächst die Einflüsse des Jazz und seiner Vorformen, die auf den Komponisten durch sein Umfeld wirkten, dargelegt und diskutiert werden (Kapitel 2). Darauf folgt eine Untersuchung der Umsetzung dieser Einflüsse anhand einer Auswahl seiner Werke, getrennt nach Schaffensphasen, wie etwa der Histoire du Soldat, dem Ragtime for 11 Instruments, oder dem Ebony Concerto (Kapitel 3). Abschließend sollen die Arbeitsergebnisse pointiert zusammengefasst werden (Kapitel 4). 1Igor Stravinsky und Robert Craft, Dialogues and a Diary, Garden City (Doubleday & Company) 1963, S. 87

2 Jazzeinflüsse Strawinskys

Strawinskys Kenntnis des Jazz stammt nach eigener Aussage ausschließlich aus Noten. Diese brachte ihm Ernest Ansermet 1918 in Form von Klavierauszügen und Instrumentalstimmen von einer USA-Tournee mit.2

My knowledge of jazz was derived exclusively from copies of sheet music, and as I had never actually heard any of the music performed, I borrowed its rhythmic style, not as played, but as written. I could imagine jazz sound, however, or so I liked to think. Jazz meant, in any case, a wholly new sound in my mind, and Histoire marks my final break with the Russian orchestral school.3

Doch es scheint fast verwunderlich, dass eine kosmopolitische Persönlichkeit wie Igor Strawinsky, der zwischen 1910 und der Uraufführung der Histoire 1918 viel in Europa umher reiste, tatsächlich niemals zuvor in direkten Kontakt mit Jazz gekommen sei. Er lebte und arbeitete während dieser Zeit in verschiedenen kulturellen Zentren Europas, wie beispielsweise Paris, Berlin, Rom, London und Madrid. Diese waren schon damals durch eine hohe kulturelle Diversität gekennzeichnet und boten daher die Möglichkeit, neue Einflüsse aus erster Hand zu erfahren.

Bereits um die Jahrhundertwende waren US-amerikanische Minstrel Shows in Frankreich bekannt. Die Musik, welche diesen Revues als Begleitung diente, wurde anfangs in den USA von weißen Musikern gespielt, die ihre Gesichter schwärzten und die Lebensweise, Musik und Tanze der Afroamerikaner in rassistischer Art und Weise karikierten. Somit ist die Minstrel-Musik keine originär afroamerikanische Erscheinung und wirkte stark auf neue, sich in den USA entwickelnde Musikstile, wie Country, Bluegrass oder archaischen Jazz, ein. Reminiszenzen der Minstrel-Musik finden sich etwa in Kompositionen Claude Debussys, zum Beispiel in Golliwog ‘ s Cakewalk aus Children ‘ s Corner (1908), Le petit N è gre (1909), oder „Minstrels“ aus Pr é ludes - Livre I (1910). In diesen Stücken sind bereits die charakterisierenden Elemente des Ragtime zu erkennen, wie zum Beispiel die stark synkopische Melodiegestaltung im Kontrast zu den rhythmisch starren Stride-Piano- Begleitmustern der linken Hand (siehe Notenbeispiele 1-3 auf der Folgeseite):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Notenbeispiel 1: Golliwog ‘ s Cakewalk T. 6-154

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Notenbeispiel 2: Le petit N è gre T. 9-165

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Notenbeispiel 3: „Minstrels“ T. 27-356

Da Debussy und Strawinsky seit 1910 eine Freundschaft verband und sie auch kompositorische Einfälle austauschen, liegt es nahe, dass Strawinsky, wenn auch unbewusst, schon um diese Zeit mit Jazz im weitesten Sinne in Berührung gekommen sein könnte. Jedoch schon vor 1900 war die Begeisterung für Jazz in Europa groß und es waren Noten von Ragtimes und Cakewalks in Umlauf:

There was an enormous fascination with ragtime in Europe. Several factors contributed to this enthusiasm, one of which was the widespread dissemination of sheet music between 1895 and 1915. Ragtime works, sometimes incorporating the word “cakewalk” in their titles, were available in published piano scores and numerous adaptations for instrumental ensembles.7

Diese „neue“ Musik erfreute sich vor allem in Großbritannien, Frankreich und Deutschland großer Beliebtheit und wurde nicht selten in Pariser Musiksälen und Salons gespielt.8 Vor allem in Paris hielt sich Strawinsky seit 1910 aufgrund der Aufführungen von Sergei Djagilews Ballets Russes oft auf und könnte durchaus live gespielten Jazz gehört haben.

Zur weiteren Verbreitung des frühen Jazz in Europa trugen auch die Konzerte US- amerikanischer Marching Bands bei. Hier sei besonders die des John Philip Sousa erwähnt, den Debussy einmal als König der amerikanischen Musik verklärte.9 Sousa spielte erstmals 1900 in Paris und anschließend gastierte er mit seinem Ensemble zwischen 1901 und 1905 in Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Polen, der Tschechoslowakei, Skandinavien und Russland.10

Es ist also schwer vorstellbar, dass live gespielter Jazz tatsächlich erst 1919, wie in Dialogues and a Diary zu lesen ist11, an Strawinskys Ohren drang. Zumal sich der russische Komponist, dies ist sicher auch seiner Berufung geschuldet, die ihn umgebende akustische Umwelt oft genau „beobachtete“. So beschreibt er etwa seinen Aufenthalt in Madrid mit folgenden Worten:

Alle Tage zur gleichen Stunde hörte ich in meinem Zimmer die entfernten Klänge einer „banda“, die einen „pasodoble“ spielte. Es scheint, dass bei solcher Musik militärische Übungen abgehalten wurden.

All diese kleinen Züge, die für das tägliche Leben der Spanier charakteristisch sind, entzückten mich und bereiteten mir viel Genuß.12

Darüber hinaus war in einer US-amerikanischen Zeitung 1916 ein Artikel mit der Überschrift „‘American Music is True Art’, says Stravinsky“13 zu lesen, nach dessen Aussage dieser bereits Jazz bei einigen Gelegenheiten gehört habe.14 Dies könnte jedoch auch eines der falschen Zeugnisse sein, die ohne sein Wissen in seinem Namen herausgegebenen wurden und ihn später dazu veranlassten, seine Chroniques de ma vie 15 zu veröffentlichten.16 Andererseits findet sich ein weiterer Anhaltspunkt für die Tatsache, dass Strawinsky schon weitaus früher als 1919 mit Jazz in Berührung kam, in folgender Aussage:

On February 17, 1904, he [Victor Yastrebtzev] writes that I played my chanson comique and that Nicolas Richter horrified Rimsky’s wife by playing a cakewalk. He adds that “Mitussov and Stravinsky amusingly demonstrated how it should be danced.” Paws up, like circus poodles, or boop-boop-a-doop? 17

Es wird deutlich, dass Jazz und seine Vorformen, wie Cakewalks und Ragtimes, in Europa sowohl in aufgeführter, als auch in gedruckter Form bereits Ende des 19. Jahrhunderts verbreitet waren und sich großer Beliebtheit erfreuten. Darüber hinaus wurden diese Musikformen als amerikanische, also definitiv außereuropäische Musikformen wahrgenommen, was sie in gewisser Weise als exotisch verklärte und höchstwahrscheinlich zu ihrer großen Beliebtheit beitrug. Daher ist es durchaus denkbar, dass Strawinsky bereits einige Zeit vor 1919 den Einflüssen dieser Musik ausgesetzt war.

[...]


1 Igor Stravinsky und Robert Craft, Dialogues and a Diary, Garden City (Doubleday Company) 1963, S. 87

2 Stravinsky und Craft, Dialogues, S. 87

3 Igor Stravinsky und Robert Craft, Expositions and Developments, 2. Aufl. London (Faber and Faber) 1981,

4 Claude Debussy, Golliwog‘s Cakewalk L 113 Nr. 6, in: ders., Children‘s Corner, hrsg. von Ernst-Günther Heinemann, München (Henle) 1983 (Urtext Neuausgabe HN 382), S. 22–26, hier: S. 22

5 Claude Debussy, Le petit Nègre L 114, hrsg. von H[ans] Swarsenski, London (Peters) 1975 (Edition Peters, Nr. 7285), S. 3

6 Claude Debussy, Minstrels L 117 Nr. 12 (1910), in: ders., Préludes. Premier Livre, Paris (Durand Cie) 1910 (Editions Durand Cie, Nr. 7687(1)), S. 50–53, hier: S. 51

7 Barbara B. Heyman, „Stravinsky and Ragtime“, in: The Musical Quaterly 68/4 (1982), S. 543–562, hier: S. 544

8 Vgl. ebd., S. 544f.

9 Vgl. ebd., S. 545

10 Vgl. ebd.

11 Stravinsky und Craft, Dialogues, S. 87

12 Igor Strawinsky, Schriften und Gespräche I, Mainz (Schott) 1983, S. 77

13 C. Stanley Wise, „‘American Music is True Art’ says Stravinsky“, in: New York Tribune (16. Januar 1916),Rubrik 5, S. 3Vgl. Heyman, „Ragtime“, S. 546

14 Heyman, „Ragtime“, S. 546

15 Igor Strawinsky, Chroniques de ma vie, Paris (Les Editions Denoel et Steel) 1935/36 Dt. Übersetzung in: Strawinsky, Schriften (wie Anm. 12), S. 25–172

16 Vgl. Wolfgang Burde, „Einleitung“, in: Igor Strawinsky, Schriften und Gespräche I, Mainz (Schott) 1983, S. 7–23, hier: S. 8

17 Stravinsky und Craft, Dialogues, S. 102

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Zum Einfluss des Jazz in den Kompositionen Igor Strawinskys
Hochschule
Universität der Künste Berlin  (Institut für Musikpädagogik)
Veranstaltung
Neue Musik und Jazz, WiSe 2013/2014
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V307318
ISBN (eBook)
9783668055049
ISBN (Buch)
9783668055056
Dateigröße
2204 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: "Diese erfreulich Kenntnis- und Erkenntnisreiche Arbeit verlässt sich nicht einfach auf die zahlreichen zitierten Quellen, sondern kontextualisiert Strawinskys Jazz-Adaptionen (die in der Regel korrekt als Porträt-Kompositionen gekennzeichnet sind) in den sich historisch und kompositionsgeschichtlich sich wandelnden Prozessen." Das vorliegende Dokument enthält Notenbeispiele.
Schlagworte
Strawinsky, Igor Strawinsky, Histoire du Soldat, Ragtime, Ragtime for 11 Instruments, Debussy, Ebony Concerto, Piano-Rag-Musik, Third Stream, Jazz, früher Jazz, Archaic Jazz, Jazz in Europa, Minstrels, Claude Debussy, Jazzeinfluss, soziale Verortung musikalischen Materials
Arbeit zitieren
Kilian Blum (Autor), 2015, Zum Einfluss des Jazz in den Kompositionen Igor Strawinskys, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307318

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zum Einfluss des Jazz in den Kompositionen Igor Strawinskys


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden