Der Begriff "Demokratie" in der islamischen Geschichte. Von Muhammad 'Abduh bis hin zu al-Qaradāwī


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2014
13 Seiten
F. Gejlok (Autor)

Leseprobe

Die Demokratie, die man heute als „Volksherrschaft“ bzw. als „Herrschaft der Mehrheit“ versteht, hat nicht in allen Staaten in diesem Sinn Fuß gefasst und findet trotzdem in allen Völkern der Welt Befürworter.1 Seit 2010 und vor allem seit dem Ausbruch des arabischen Frühlings hört man in vielen islamischen Ländern von Demonstranten nicht nur die Forderung nach Freiheit (al- Ḩ urr ī ya), Gerechtigkeit (al- ʽ Ad ā la) und Würde (al-Kar ā ma), sondern auch jene nach Demokratie (al-D ī muqr āṭī ya). Doch der Ursprung dieses Begriffes liegt von jenen Ländern und jener Gegenwart, in denen man sich nach Demokratie sehnt, weit entfernt, nämlich im antiken Griechenland. Laut Bien ist das Wort Demokratie als erstes bei Herodot aufgetaucht, welcher nicht nur den „ allersch ö nsten Namen “ gelobt habe2, sondern auch die daraus zu entnehmenden Vorteile für die Menschen, namentlich die Gleichheit vor dem Gesetz [ Isonomie ] und das Vermeiden der Alleinherrschaft bzw. der Tyrannei.3 Diese Gleichheit vor dem Gesetz ist jedoch nicht gleichbedeutend mit dem im modernen Sinne verstandenen Begriff, sondern meint nur die Gleichheit der Bürger in Bezug auf deren politische Rechte.4 Genauer gesagt ermöglichte die Demokratie als ein Herrschaftssystem den griechischen Bürgern die Gleichheit hinsichtlich politischer Rechte, welche sie schließlich in den Volksversammlungen wahrnehmen konnten.5 In Platons „ Politikos “, wird später der Unterschied zwischen den von Herodot vorgestellten drei Herrschaftstheorien - die vollkommenste Demosherrschaft, die vollkommenste Oligarchie und die vollkommenste Monarchie - geklärt.6 Dieser Unterschied soll demgemäß in der Bindung einer Herrschaft an das Gesetz oder in ihrer Gesetzlosigkeit liegen.7 Platons Definition der Demokratie bedeutet damit nicht unbedingt die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, sondern schlicht Ordnung. Jeder Bürger müsse für die Erlangung der Gerechtigkeit „ [...] das tun [...], was ihm als ‚ das Seine ‘ , [d.h.] als seine Aufgabe erscheine “.8

Es war jedoch die aristotelische Theorie zur antiken Demokratie, die für das Verständnis des Begriffs bis in das 18. Jahrhundert hinein eine entscheidende Rolle spielte.9 Aristoteles stellte die Demokratie als eine Staatsform dar, in der die Mehrheit der Bürger zu allen politischen Funktionen Zugang hat und den Bürgern somit ermöglicht wird, dass „ alle an allem teilnehmen “.10 Demnach wird die Demokratie als eine Volksherrschaft definiert, hinter der die Mehrheit des Volkes steht. Dabei bleibt allerdings weiterhin die Frage offen, um welche „Mehrheit“ es sich handelt:11 Aus Aristoteles‘ Philosophie ist zwar zu entnehmen, dass die Weisheit der Mehrheit jener eines (weisen) Einzelnen zu vorzuziehen sei, doch wird nicht weiter darauf eingegangen, welche „Mehrheit“ Aristoteles hier meint, ebenso wenig gibt er Hinweise auf Abgrenzungen.12 Daher wird vermutet, dass die Gesamtheit der griechischen Vollbürger, ungeachtet ihrer sozialen Stellung in der Gesellschaft, gemeint war.13 Zieht man die Meinung Ciceros diesbezüglich in Betracht, so wird von einer Mehrheit gesprochen, wenn „ alle Macht beim Volk liegt “ (civitas popularis).14

Die heutige, moderne Auffassung von Demokratie entwickelte sich erst während der Französischen Revolution. Nun wurde Demokratie nicht mehr als ein rein politischer Begriff, der sich auf eine bestimmte Staatsform bezieht, verstanden, sondern auch als ein sich auf „ soziale und politische Kr ä fte “ bezogenes Wort neu interpretiert.15 Dies lässt sich Carl von Rottecks Artikel „ Das demokratische Prinzip “ aus dem Jahr 1835 entnehmen. Hier spricht sich v. Rotteck für die Verwirklichung eines „ demokratischen Prinzips “ aus, welches „ nicht nur die Ausschlie ß ung aller nat ü rlich Nicht-Vollb ü rtigen vom Stimmrecht “ fordert, sondern auch der „ [...] sich richtenden faktischen Ungleichheit des politischen Einflusses wie der Teilnahme an den sozialen Gen ü ssen “.16 Gemäß einer heute verwendeten Definition ist die Demokratie „ diejenige Form des Staates, in der die Mehrheit des Volkes sich ausdr ü cklich mit der Ü bertragung der Regierungsgewalt auf einzelne Volksvertreter einverstanden erkl ä rt, sich aber das Recht der Kontrolle vorbeh ä lt “ ; dank der Neuausrichtung der Bedeutung gelte, dass die Demokratie „ nicht mehr allein auf die Staatsform bezogen wird, sondern soziale und politische Kr ä fte einbezieht und sie zu demokratisieren sucht, woraus unter den jeweiligen Verh ä ltnissen eine Praxis der Demokratie entsteht “ .17

Demnach hat sich das Verständnis des Demokratiebegriffes im Laufe der europäischen Geschichte ständig weiterentwickelt und wird dies auch weiterhin tun. Anhand der hier nur angedeuteten Begriffsgeschichte wird auch ersichtlich, dass sich in jedem Zeitalter das Verständnis von Demokratie wandelt, sodass es letztlich von der ursprünglichen Auffassung stark abweicht. Dies gilt ganz genauso in der islamischen Welt, deren Verständnis des Demokratie begriffs in vorliegender Arbeit analysiert wird. Wie eingangs erwähnt: Seit 2010, damit seit dem Ausbruch und dem sich rasch ausbreitenden arabischen Frühling, wächst das Verlangen der Menschen nach „der Demokratie“ (arab. al-D ī muqr āṭī ya). Doch welcher eigentliche Sinn sich hinter diesem Wort verbirgt, ob die arabische Auffassung dem westlichen Verständnis ähnelt oder - wie anzunehmen ist - davon doch stark abweicht, soll im Folgenden geklärt werden.

Begriff Demokratie in der islamischen Geschichte

Fragt man heute die Bürger einer beliebigen islamisch geprägten Stadt nach der Bedeutung des Begriffes „Demokratie“, so wird man fast einstimmig entweder die etwas spöttische Definition hören, es handle sich um ein in der islamischen Welt „nicht existierendes“ Herrschaftssystem, oder die Menschen werden das Konzept „Demokratie“ mit sozialer Gleichheit assoziieren. Gerade der Normalbürger verbindet mit der Durchsetzung der Demokratie hauptsächlich eine Gleichstellung in Bezug auf Rechte und Pflichten des Menschen und die Gleichheit vor dem Gesetz, sehr häufig mit dem Verweis auf die als „korrupt“ (arab. f ā sid) bezeichnete Bürokratie. Er wünscht sich Gleichheit im Hinblick auf das Recht auf Bildung und einen gerecht verteilten Lohn zum Lebensunterhalt. Zusammengefasst betrachtet ein Normalbürger die Demokratie als ein für alle faires Rechtssystem. Seine Vorstellung umfasst somit nicht zwangsläufig die Idee einer politischen Demokratie bzw. eines Systems, das den Menschen das Recht auf freie und unabhängige Wahlen oder das freie Gründen einer politischen Partei ermöglichen könnte. Fragt man, ob die Demokratie als ein „von den Bürgern für die Bürger“ gewähltes Herrschaftssystem vorstellbar wäre, so lautet oft die Antwort, dass „solch eine Demokratie“ nur den wohlhabenden Bürgern und dem Herrscher (arab. al- Ḥā kim Pl. al- Ḥ ukk ā m) selbst Vorteile bringen würde. Und trotzdem hört man seit dem Ausbruch des arabischen Frühlings im Jahr 2010 neben dem Verlangen der Demonstranten nach Freiheit (al- Ḩ urr ī ya), Gerechtigkeit (al- ʽ Ad ā la) und Würde (al-Kar ā ma) auch vom Verlangen nach Demokratie (al-D ī muqr āṭī ya), so beispielsweise in Ländern wie Tunesien, Ägypten, Libyen, Bahrain und Syrien.

[...]


1 Lambrecht: Enzyklop ä die Philosophie, Bd. 1: Demokratie, S. 1f.

2 Ritter: Historisches W ö rterbuch der Philosophie, Band 2: D-F: Demokratie: I, verfasst von G. Bien, S. 50f.

3 Meier: Zum Aufkommen des Demokratie-Begriffs. Eine Nachlese, in: Gegenw ä rtige Antike - antike Gegenwarten: Kolloquium zum 60. Geburtstag von Rolf Rilinger, S. 58ff.

4 Ders., S. 59ff.

5 Ebd.

6 Pufendorf: The two Books on the Duty of Man and Citizen according to the Natural Law: The Second Book on the Duty of Man and Citizen: Chapter VIII On the Forms of Government, § 3, S. 186f.

7 Ebd.

8 Platon: Der Staat, Anmerkungen zu Buch IV, (433b), S. 532ff.

9 Ritter: Historisches W ö rterbuch der Philosophie, Bd. 2: D-F: Demokratie: II, verfasst von H. Maier, S. 51ff.

10 Ebd.

11 Barker: The politics of Aristotle: Introduction, Book III, S. LXVff.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Cicero: Der Staat - De Re Publica: Erstes Buch, S. 107 und 109ff.

15 Schmidt: Philosophisches W ö rterbuch: Demokratie, S. 112.

16 v. Rotteck: Das demokratische Prinzip, S. 716f.

17 Schmidt: Philosophisches W ö rterbuch: Demokratie, S. 112.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Begriff "Demokratie" in der islamischen Geschichte. Von Muhammad 'Abduh bis hin zu al-Qaradāwī
Hochschule
Universität zu Köln
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V308730
ISBN (eBook)
9783668074088
ISBN (Buch)
9783668074095
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
demokratie, islamische Welt
Arbeit zitieren
F. Gejlok (Autor), 2014, Der Begriff "Demokratie" in der islamischen Geschichte. Von Muhammad 'Abduh bis hin zu al-Qaradāwī, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308730

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Begriff "Demokratie" in der islamischen Geschichte. Von Muhammad 'Abduh bis hin zu al-Qaradāwī


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden