"Ontologie – Gibt's das wirklich?" Glocks Aufsatz zur Widerlegung von Quines Kriterium für ontologische Verpflichtungen

Analyse und Kritik


Hausarbeit, 2015
20 Seiten, Note: 1,0

Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Das Programm Glocks in seinem Essay Ontologie – gibt’s das wirklich? ... 2

1.1 " Intension" ... 3

1.2 Quines Kriterium für ontologische Verpflichtungen (KOV) ... 3

2. Glocks Metaposition über Inflationismus und Deflationismus ... 5

2.1 Ontologischer Inflationismus ... 7

2.2 Drei Thesen Glocks über Quines Argumentation im Zusammenhang mit dem inflationistischen Argument ... 10

2.3 Ontologischer Deflationismus und das Problem der Analogie ... 12

3. Glocks eigentlicher Vorwurf an Quine ... 15

4. Ausblick: Auf den Anspruch, der mit einer Aussage verbunden ist, kommt es an! ... 17

5. Literaturverzeichnis ... 19

1. Einleitung: Das Programm Glocks in seinem Essay Ontologie – gibt’s das wirklich?

Das Programm, das Hans-Johann Glock in seinem Aufsatz Ontologie – Gibt's das wirklich? abhandelt, stellt der Autor selbst folgendermaßen vor:

"Ich werde argumentieren, daß Quines Konzeption ontologischer Verpflichtungen unzureichend ist und, daß sein ontologisches Reformprogramm scheitert, da die logische Paraphrase keinen Beitrag zur Wirklichkeitserforschung leistet, sondern höchstens zur begrifflichen Klärung. Inflationismus und Deflationismus sind keine entgegengesetzten Extreme, sondern beruhen beide auf einer gemeinsamen Einsicht. Wir sind unvermeidlicher Weise auf 'Intensionen' wie Attribute oder Propositionen festgelegt. Aber das macht nichts, weil uns diese Festlegung nicht zu einer problematischen platonistischen Metaphysik verpflichtet."[1]

Glock behauptet also, dass der Mensch zwar unvermeidlicherweise auf Intensionen festgelegt sei, das aber zu keinen ontologischen Verpflichtungen im Sinne Quines führt. Diesen Sachverhalt möchte er in seinem Aufsatz begründen.

Meine Interpretation von Glocks Aufsatz ist folgende:

Glock illustriert anhand verschiedener Beispielargumente des Inflationismus sowie des Deflationismus, dass diese tatsächlich bloß der Versuch sind, mit ontologisch scheinbar verpflichtenden Intensionen umzugehen, aber tatsächlich gar keine ontologisch relevanten Aussagen machen. Abschließend wird Quines Kriterium für ontologische Verpflichtungen direkt angegriffen, und es wird gezeigt, dass dessen logische Paraphrase die Existenzannahmen nicht verändert.[2]

Ich werde in diesem Aufsatz versuchen, seine Argumente argumentationsanalytisch zu analysieren und in Zusammenhang mit Glocks Hauptargument zu bringen. Bei der Argumentationsanalyse stütze ich mich vor allem auf Holm Tetens Schrift Philosophisches Argumentieren. Eine Einführung.[3]

Zunächst muss kurz erläutert werden, was Glock genau unter "Intension" versteht. Danach wird Quines These der ontologischen Verpflichtungen vorgestellt. Anschließend wird Glocks Argumentation gegen Quines Kriterium der ontologischen Verpflichtungen analysiert.

1.1 "Intension"

Klassischerweise versteht man unter der Extension eines Begriffes den Begriffsumfang im Unterschied zur Intension als dem Begriffs inhalt, so Kauppi.[4] Gemeint ist: Wenn zum Beispiel zwei Begriffe sich auf den selben Gegenstand beziehen, sie extensional gleich sind. "Als Extension eines Terms wird von einigen Logikern der durch den Term bezeichnete Gegenstand oder die Klasse derjenigen Gegenstände, für welche der betreffende Term anwendbar ist, bezeichnet, als Intension dagegen der mit dem Term verbundene Begriff."[5] Intension bezieht sich also auf die Begriffsinhalte und deren Eigenschaften.

Auch Glock meint an der oben angeführten Stelle den Begriff "Intension" in Bezug auf begriffliche Eigenschaften, wenn er als Beispiele für Intensionen Attribute und Propositionen nennt.[6]

1.2 Quines Kriterium für ontologische Verpflichtungen (KOV)

Glock versucht in diesem Aufsatz die Quine'sche These über ontologische Verpflichtungen zu widerlegen und präsentiert sie folgendermaßen:

"Eine Theorie T nimmt die Existenz von Gegenständen der Art K an, gdw T impliziert, daß es Gegenstände der Art K gibt. Aber welche Ausdrücke verpflichten eine Theorie? Quines Antwort: "To be is to be the value of a bound variable" (1953, S. 14-5). Daraus ergibt sich das folgende

KOV Als existent angenommen zu werden heißt, der Wert einer Variable zu sein, die von einem gegenständlich aufgefaßten Quantor gebunden wird."[7]

In der Quine'schen Textstelle, auf die sich bezogen wird, heißt es allerdings bloß: "To be is to be the value of a bound variable."[8] Es ist hier also gar nicht die Rede davon, dass Quantifizierungen immer gegenständlich aufgefasst werden müssten.[9] Glock nimmt hier bewusst eine Verengung des Existenzbegriffs auf materielle Gegenstände vor, die sich bei Quine so nicht findet. Es geht Quine in seinem Konzept der KOV eigentlich darum, zu zeigen, dass negative Existenzaussagen zum Beispiel über das mythologische Flügelpferd "Pegasus" unproblematisch sind:

"Wir müssen uns nicht länger mit dem Irrglauben herumplagen, eine Aussage, die einen singulären Ausdruck enthält, wäre nur unter der Voraussetzung sinnvoll, dass es eine von diesem Ausdruck benannte Entität gibt. Ein singulärer Ausdruck muss nicht benennen, um signifikant zu sein."[10]

Was genau aber legt uns aber nach Quine auf Universalia fest? Seine Antwort:

"Wir können uns sehr leicht in ontologische Verpflichtungen verwickeln, wenn wir zum Beispiel sagen, dass es etwas gibt (gebundene Variable), was rote Häuser und Sonnenuntergänge gemeinsam haben; oder dass es etwas gibt was eine Primzahl größer als eine Million ist. Doch das ist, im wesentlichen, die einzige Art und Weise, in der wir uns in ontologische Festlegungen hineinziehen lassen können: durch unseren Gebrauch gebundener Variablen."[11]

Was haben also zum Beispiel Sonnenuntergänge und rote Häuser gemeinsam? Röte. Wenn a "ein rotes Haus" und b "ein Sonnenuntergang" ist, und F "ist rot" bedeutet, dann sähe der Satz

(1.) "Es gibt etwas, das rote Häuser und Sonnenuntergänge gemeinsam haben" folgendermaßen aus: (∃Φ) (Φa & Φb).[12]

"Φ" ist hier die an den Quantor "∃" gebundene Variable, die auf eine gemeinsame Entität von a und b referiert: "Röte". Laut Quine verpflichtet man sich ontologisch auf die Annahme der Entität "Röte", sobald man diesen Satz "Es gibt etwas, das rote Häuser und Sonnenuntergänge gemeinsam haben" im Kontext der Theoriebildung verwendet. "Eine Theorie ist auf die und nur die Entitäten verpflichtet, auf die die gebundenen Variablen der Theorie referieren können müssen, damit die in der Theorie aufgestellten Behauptungen wahr sind."[13]

Quine versucht dieses Risiko zu minimieren, indem er betroffene Sätze in die sogenannte kanonische Schreibweise paraphrasiert. Es geht Quine hierbei allerdings nicht darum, durch bloße Umformulierung ontologische Verpflichtungen nicht eingehen zu müssen, die im Originaltext bestehen würden, sondern bloß darum, Transparenz herzustellen: "Einen Satz in die kanonische Notation der Quantifikation zu paraphrasieren, heißt vor allen Dingen, seinen ontischen Gehalt explizit machen, denn die Quantifikation ist ein Mittel, in allgemeiner Weise von Gegenständen zu reden."[14]

Quines Argument für ontologische Verpflichtungen sieht also folgendermaßen aus:

(2.) Die philosophischen Ontologen stellen fest, was es gibt und analysieren nicht nur nicht-philosophische Existenzaussagen und Begriffe wie 'existiert', 'Gegenstand' oder 'real'.

(3.) Wenn Jemand feststellt was es gibt und nicht nur nicht-philosophische Existenzaussagen und Begriffe wie 'existiert', 'Gegenstand' oder 'real' analysiert, dann gebraucht er häufig gebundene Variablen, sagt zum Beispiel, dass es etwas gibt, was rote Häuser und Sonnenuntergänge gemeinsam haben.

(4.) Wenn Jemand häufig gebundene Variablen gebraucht, zum Beispiel indem er sagt, dass es etwas gibt, was rote Häuser und Sonnenuntergänge gemeinsam haben, dann kann er sich leicht in ontologische Verpflichtungen verwickeln.

(5.) Philosophische Ontologen können sich leicht in ontologische Verpflichtungen verwickeln.

Schon hier wird deutlich, dass die Konklusion (9.) von Glocks Hauptargument: "Die philosophischen Ontologen stellen nicht fest, was es gibt, sondern analysieren nur nicht-philosophische Existenzaussagen und Begriffe wie 'existiert', 'Gegenstand' oder 'real'" die Quine'sche Prämisse (2.) angreift. Unten wird ausgeführt, wie Glock diesen Angriff mit Hilfe eines Analogie-Arguments stützt.

Es handelt sich beim KOV also tatsächlich um ein Kriterium im wörtlichen Sinne: Aussagen, die sich nach der logischen Paraphrase als unproblematisch und ontologisch nicht-verpflichtend herausstellen, sind unbedenklich und können ohne Weiteres getätigt werden. Bei Aussagen aber, die sich durch die logische Paraphrase als ontologisch verpflichtend (wenn eine gebundene Variable enthalten ist) herausstellen, ist Vorsicht geboten! Ist man mit einer solchen konfrontiert, muss man sie sehr genau analysieren und überprüfen, um die Verantwortung für ihre Implikationen übernehmen zu können. Die logische Paraphrase dient hier als Richtmaß.

2. Glocks Metaposition über Inflationismus und Deflationismus

Auf der Einsicht, dass Menschen unvermeidlicherweise auf Intensionen festgelegt sind, beruhten die auf den ersten Blick sich kontradiktorisch zu widersprechen scheinenden Positionen des Inflationismus und des Deflationismus, so Glock.[15] Beide Positionen sehen sich der Herausforderung ausgesetzt, den Intensionen zu begegnen und sich ihnen gegenüber zu positionieren: einerseits durch das bewusste und ernsthafte Eingehen mannigfaltigster ontologischer Verpflichtungen (Inflationismus), andererseits durch möglichste Vermeidung von intensionalen Bindungen (Deflationismus).

Aber gerade weil beide Positionen dieser gemeinsamen Erkenntnis entspringen, diagnostiziert Glock in beiden Phänomenen keinen kontradiktorischen, sondern einen bloß konträren Widerspruch, der nichts über deren Wahrheitsgehalt aussagt, denn hierbei könnten, im Gegensatz zum kontradiktorischen Widerspruch, auch beide Aussagen wahr oder falsch sein.[16]

Glock widerspricht aber ihrer gemeinsamen Prämisse: Von einer Metastufe aus räumt er zwar ein, dass der Mensch in Bezug auf Gegenstände de dicto auf Intensionen festgelegt ist, behauptet aber, dass diese ihn in Bezug auf Gegenstände de re nicht auf eine Metaphysik verpflichten. Es sieht zwar sowohl innerhalb des inflationistischen als auch des deflationistischen Monologs jeweils so aus, als müssten einerseits zahlreiche abstrakte Entitäten angenommen und andererseits möglichst im Sprachgebrauch vermieden werden. Aber Glock geht von seiner Metasicht aus pragmatisch vor und sagt: Der Mensch ist zwar so organisiert, dass er in Erkenntnisfragen intensional vorgeht. Das heißt aber noch lange nicht, dass erstens Intensionen notwendige Erkenntnisverfahren sind und zweitens, dass man sich ontologisch verpflichtet.[17]

Glock möchte dieses Argument dafür nutzen, seine zentrale These zu plausibilisieren:

"Ontologie in dem von traditionellen und analytischen Ontologen geteilten Sinn gibt es nicht. Die Philosophie kann zur Erforschung der Wirklichkeit durch die Einzelwissenschaften keinen direkten Beitrag leisten. […] Sie beschäftigt sich nicht mit der Welt selbst, sondern mit dem begrifflichen Apparat, den wir außerhalb der Philosophie, z.B. in den Wissenschaften, bei der Beschreibung der Welt benützen. Ihre 'ontologische' Aufgabe besteht nicht darin, festzustellen, was es gibt, sondern darin, nicht philosophische [sic!] Existenzaussagen zu klären, und Begriffe wie 'existiert', 'Gegenstand' oder 'real' zu analysieren."[18]

Glocks Hauptargument sieht folgendermaßen aus:

(6.) Wenn etwas/Jemand unvermeidlicherweise auf Intensionen wie Attribute und Propositionen festgelegt ist, dann beschäftigt sich es/er mit dem begrifflichen Apparat, den der Mensch außerhalb der Philosophie bei der Beschreibung der Welt benutzt.

(7.) Wenn sich etwas/Jemand mit dem begrifflichen Apparat beschäftigt, den der Mensch außerhalb der Philosophie bei der Beschreibung der Welt benutzt, dann stellt es/er nicht fest, was es gibt, sondern analysiert nur nicht-philosophische Existenzaussagen und Begriffe wie 'existiert', 'Gegenstand' oder 'real'.

(8.) Die philosophischen Ontologen sind unvermeidlicherweise auf Intensionen wie Attribute und Propositionen festgelegt.

(9.)Die philosophischen Ontologen stellen nicht fest, was es gibt, sondern analysieren nur nicht-philosophische Existenzaussagen und Begriffe wie 'existiert', 'Gegenstand' oder 'real'.

In seinem Aufsatz geht Glock strategisch vor: Indem er als Advocatus Diaboli die Positionen erst des Inflationismus und anschließend des Deflationismus vordergründig verteidigt, widerlegt er, wie unten dargestellt wird, beide Positionen selbst und bestreitet den Anspruch des Wahrheitsbezugs der Ontologie als philosophischer Disziplin im Allgemeinen. Das hat natürlich Konsequenzen für Quines Kriterium für ontologische Verpflichtungen. Denn wenn die philosophischen Ontologen gar nicht feststellen, was es gibt, sondern nur nicht-philosophische Existenzaussagen und Begriffe analysieren, dann macht es auch keinen Sinn zu behaupten, dass sie sich ontologisch verpflichten, so Glock.

2.1 Ontologischer Inflationismus

Glock führt beispielhaft folgendes inflationistisches Argument an:

Aus:

(10.)Betty ist pfiffig und Sarah ist pfiffig Fa & Fb

leitet Glock logisch legitim durch die implizite Prämisse (P1) Existenzeinführung (aus "auf a1 bis an trifft F zu" und "a 1 und a2 ist der Fall" folgt "auf mindestens ein x1 bis xn trifft F zu" ) folgende Aussage ab:

(11.) Jemand ist pfiffig (∃x)Fx

Des Weiteren behauptet er aber auch, folgende Aussage ableiten zu können (mit einem Schlussprinzip als impliziter Prämisse (P2) das folgendermaßen aussieht: aus " auf a1 bis an trifft F zu" ; "a1 und a2 ist der Fall" und "wenn es eine Eigenschaft F gibt, dann gibt es auch den Gegenstand Φ, und umgekehrt" folgt "auf mindestens ein Φ trifft a und b zu"):

(12.) Es gibt etwas, das Betty und Sarah beide sind (∃Φ) (Φa & Φb)

Die implizite Prämisse (P2) ist aber als Schlussprinzip nicht begrifflich wahr, logisch deshalb äußerst angreifbar. Glock hat an dieser Stelle nämlich genau das gemacht, was er vorher auch angekündigt hat. Er hat von einem Prädikat auf einen Gegenstand geschlossen: Pfiffigkeit. Logisch ist diese vorgehensweise allerdings problematisch, da ein Schlussprinzip verwendet wird, das nicht begrifflich wahr, also nicht schlüssig ist.[19]

Führt Glock dieses logisch äußerst schwache Argument aber an, um den Inflationismus zu plausibilisieren? Nein! Denn Glock versucht hier in der Rolle des Advocatus Diaboli für den Inflationismus, den Inflationismus selbst zu widerlegen.

Es geht Glock hier eigentlich nur um die Provokation, sich ontologisch (als Konsequenz von Quines Kriterium für ontologische Verpflichtungen) auf etwas wie 'Pfiffigkeit' verpflichten zu müssen, um anschließend beruhigend hinzufügen zu können, was er eigentlich zeigen will: "man kann sich auf Dinge beziehen und über sie quantifizieren, ohne ihnen Existenz zuzusprechen."[20]

Der Leser dieses Arguments fängt unwillkürlich an, diesen problematischen prädikatenlogischen Argumentationszusammenhang zu analysieren und auf seinen Gehalt zu untersuchen, etwa wie ich es hier getan habe. Genau das ist es, was Glock erreichen will. Denn eine seiner Hauptthesen ist: Die Ontologie beschäftigt sich bloß mit dem begrifflichen Apparat, der außerhalb der Philosophie zur Beschreibung der Welt benutzt wird.

Glock möchte also nicht das von ihm vordergründig vorgebrachte Argument über die Pfiffigkeit starkmachen, sondern steht als Advocatus Diaboli auf einer Metaebene des Inflationismus und versucht ihn eigentlich performativ zu widerlegen. Das performative Argument, das er zu diesem Zweck vorbringt, sieht nach dieser Interpretation folgendermaßen aus:

(13.) Ontologen (wie die Leser dieses Aufsatzes von Glock) sehen sich mit der ontologischen Konklusion 'Pfiffigkeit existiert' konfrontiert.

(14.) Sehen sich Ontologen (wie die Leser dieses Aufsatzes von Glock) mit der Konklusion 'Pfiffigkeit existiert' konfrontiert, so sehen sie sich dazu veranlasst, Begriffsanalyse zu betreiben.

(15.) Wenn Ontologen durch eine ontologische Konklusion wie 'Pfiffigkeit existiert' dazu veranlasst werden, Begriffsanalyse zu betreiben, dann sind sie unvermeidlicherweise auf Intensionen wie Attribute und Propositionen festgelegt.

(16.) Ontologen (wie die Leser dieses Aufsatzes von Glock) sind unvermeidlicherweise auf Intensionen wie Attribute und Proportionen festgelegt.

(17.) Wenn Jemand/etwas unvermeidlicherweise auf Intensionen wie Attribute und Proportionen festgelegt ist, dann geht es/er durch dessen Aussagen keine ontologische Verpflichtungen ein.

(18.) Ontologen (wie die Leser dieses Aufsatzes von Glock) gehen durch ihre Aussagen keine ontologischen Verpflichtungen ein.

Wie in dieser Darstellung ersichtlich wird, dient dieses 'Pfiffigkeits-Argument' eigentlich dazu, durch die Zwischenkonklusion (16.) die Prämisse (8.) von Glocks Hauptargument zu stützen: Die philosophischen Ontologen sind unvermeidlicherweise auf Intensionen wie Attribute und Propositionen festgelegt.

Diese (auf den ersten Blick bloße) Behauptung des Hauptarguments wird durch diese Stützung plausibilisiert und gestärkt.

2.2 Drei Thesen Glocks über Quines Argumentation im Zusammenhang mit dem inflationistischen Argument

Glock macht immerhin geltend, dass auch Quine (12.) nicht zustimmen könne, dass sein Beispiel also unter Umständen schlecht gewählt sein könnte. Quine bezeichne Aussagen wie (12.) als »sinnlos« und eine »Verletzung der Grammatik«. "Diese Behauptung stützt sich auf seine Überzeugung, daß alle echten Existenzbehauptungen die Form 'Es gibt einen Gegenstand derart daß...' aufweisen müssen [...]."[21] Unter dieser Voraussetzung sei (12) tatsächlich illegitim.

Glock fährt fort:

"Aber warum sollte man Quantifizierung gegenständlich auffassen müssen? Quines Antwort ist: Variablen nehmen die Stelle von Pronomen ein und diese können nur in Positionen auftauchen, in denen singuläre Termini zulässig sind (1976, 198). Aber die Replik ignoriert, daß es außer Pronomina ('Betty ist pfiffig aber sie ist sanfmütig') auch Pro-verben ('Betty geht in den Urlaub und Peter tut es auch') und Pro-adjektive ('Der Kreml ist rot und der Tower ist es auch') gibt. Entgegen Quines Behauptung [...], gibt es akzeptable »idioms of ordinary language« für das Quantifizieren in die Position von Prädikaten."[22]

In dieser Textstelle stellt Glock also drei zentrale Thesen über Quine's Philosophie auf: (a) Quantifizierungen müssten laut Quine gegenständlich aufgefasst werden; (b) Es gebe neben Pronomen auch "Pro-verben" und "Pro-adjektive" und (c) es gebe Redensarten der Alltagssprache für das legitime Quantifizieren in die Position von Prädikaten.

Im Folgenden werde ich diese drei Thesen erläutern:

(a) In der Quine'schen Textstelle, auf die sich bezogen wird (in Ways of paradox and other Essays), heißt es allerdings bloß: "Variables are pronouns, and make sense only in positions which are available to names."[23] Es ist hier also gar nicht die Rede davon, dass Quantifizierungen immer gegenständlich aufgefasst werden müssten. Im Gegenteil geht es Quine in seinem Konzept des Kriteriums für ontologische Verpflichtungen vielmehr darum, zu zeigen, dass negative Existenzaussagen zum Beispiel über das mythologische Flügelpferd " Pegasus" unproblematisch sind: " Wir müssen uns nicht länger mit dem Irrglauben herumplagen, eine Aussage, die einen singulären Ausdruck enthält, wäre nur unter der Voraussetzung sinnvoll, dass es eine von diesem Ausdruck benannte Entität gibt. Ein singulärer Ausdruck muss nicht benennen, um signifikant zu sein."[24]

(b) Zugestanden, man kann sich vorstellen, dass man Aussagen grammatikalisch als "Pro-verben" bzw. "Pro-adjektive" bezeichnen kann. Aber nur weil das Prefix "Pro" in dieser Glock'schen Wortschöpfung allen drei genannten grammatikalischen Ausdrücken zukommt, heißt das nicht, dass ihnen allen gleichermaßen gegenständliche Existenz zugesprochen werden muss. Es geht in Quines Kriterium für ontologische Verpflichtungen ja darum, Aussagen und Behauptungen mit gebundenen Variablen im Kontext der Theoriebildung, also tatsächlichen Existenzannahmen, auf ontologische Verpflichtungen zu untersuchen. Vor diesem Hintergrund hat der Glock'sche Einwand – es gebe neben Pronomen auch "Pro-verben" und "Pro-adjektive" – gar keine Relevanz für Quines ontologisches Kriterium. An dieser Stelle könnte man Glock unterstellen, er wolle seine Leser suggestiv durch onomatopoetische Ähnlichkeit der Begrifflichkeiten dazu bringen, seiner Argumentation zuzustimmen.

(c) Diese Behauptung führt Glock auf das eingangs illustrierte Argument (12.) zurück. Aber dadurch, dass seine implizite Prämisse (P2) angreifbar ist, muss auch diese Glock'sche Konsequenz als mindestens problematisch gelten. Außerdem trifft hier ein ähnlicher Punkt wie bei (b) zu: Es geht bei Quine um Existenzbehauptungen mit gebundenen Variablen im Kontext der Theoriebildung. Welche Redensarten und Gebräuche es in der Alltagssprache gibt, spielt hier gar keine Rolle. Ich vermute, Glock betont diesen Punkt an dieser Stelle dermaßen, weil er seinen Lesern die Relativität der Sprache vorführen möchte. Bei dem Leser soll Verständnis für seine abschließende Prämisse (27.) geregt werden, dass de re Aussagen zu de dicto Aussagen führen und diese, auch paraphrasiert in andere de dicto Aussagen, nichts mehr über die Welt de re aussagen.

In seinem Kapitel über den ontologischen Inflationismus stellt Glock also mit Hilfe eines logisch angreifbaren Beispielarguments die These auf, dass ontologische Verpflichtungen problematisch sind. Ferner behauptet er, dass Quine davon ausgehe, dass Quantifizierungen stets gegenständlicher Natur seien (was nachweislich nicht stimmt), um diese Quine in den Mund gelegte Behauptung ad absurdum zu führen.

Was will Glock in diesem Kapitel über den Inflationismus zeigen? Er möchte performativ vorführen, dass das, was die Ontologen betreiben reine Begriffsanalyse ist, keine Ontologie; sogar wenn man sich vordergründig ontologisch verpflichtet fühlt, betreibe man bloße Begriffsanalyse.

2.3 Ontologischer Deflationismus und das Problem der Analogie

In dem Kapitel über den ontologischen Deflationismus geht Glock ähnlich wie in dem über den ontologischen Inflationismus vor: Er behandelt verschiedene mehr oder weniger plausible Versionen des ontologischen Deflationismus.

Ich beschränke mich hierbei nur auf die für Glocks Kritik des Quine'schen Kriteriums für ontologische Verpflichtungen relevanten Punkte.

Eingangs stellt Glock zu Recht fest:

"Quine ist kein Nominalist, da er die Existenz von Zahlen bzw. Mengen zugesteht, wenngleich widerwillig. Aber abstrakte Entitäten intensionaler Art, wie z.B. Bedeutungen, Eigenschaften oder Propositionen, lehnt er kategorisch ab, und er verbannt die entsprechenden Ausdrücke aus seiner kanonischen Schreibweise."[25]

Quine hat zu Beginn zwar seine Position als Nominalismus bezeichnet[26], sei aber schließlich davon abgerückt, weil er große Probleme in Bezug zur klassischen Mathematik feststellte, so Schneider.[27]

Trotzdem bezeichnet Glock Quine's Vorgehensweise als 'nominalistische bzw. extensionalistische Sprachhygiene'. Glock ist sich der Nähe Quine's zum Nominalismus also durchaus bewusst. "Folgt man QUINES Vorschlag zur Eliminierung der Eigennamen und seinem weithin akzeptierten Kriterium zur Feststellung der «ontological commitments» eines Sprachsystems [...], dann unterscheidet sich der N[ominalismus] von seiner von Quine als 'Platonismus' bezeichneten Gegenposition darin, daß er nur Individuen als Werte für Variable akzeptiert, während letzterer auch Entitäten wie Attribute, Begriffsumfänge und insbesondere Mengen zuläßt. Für den so bestimmten N[ominalismus]. entsteht die Aufgabe, zu zeigen, wie alle von ihm als sinnvoll betrachteten Aussagenbereiche ohne die Benutzung der 'platonistischen' Ausdrucksmöglichkeiten reformuliert werden können."[28]

Die Ausführung dieser 'Aufgabe' ist es, was Glock als 'nominalistische bzw. extensionalistische Sprachhygiene' bezeichnet. Er stellt ihr das Programm der ontologischen Deflationisten entgegen:

"Ontologische Deflationisten wiederum versuchen, diese gesamte Debatte zu untergraben. Ihnen zufolge besteht das Rezept zur Vermeidung des Platonismus nicht in nominalistischer bzw. extensionalistischer Sprachhygiene à la Quine, sondern in der Klärung unserer Rede von abstrakten Gegenständen. Das Resultat dieser Klärung ist entweder daß abstrakte singuläre Termini sich nicht auf echte Gegenstände beziehen, oder daß die Existenz abstrakter Gegenstände eine harmlose und einsehbare Sache ist."[29]

Ähnlich wie im Kapitel über den ontologischen Inflationismus geht es Glock auch hier im Wesentlichen darum, zu zeigen, dass wir (1.) auf 'Intensionen' festgelegt sind und (2.) trotzdem das Quine'sche Kriterium für ontologische Verpflichtungen seine Gültigkeit verliert.

Glock führt an dieser Stelle die Unterscheidung zwischen Gegenständen der Rede (De Dicto) und Gegenständen (De Re) ein. Das Problematische ist, dass, wenn es sich um Gegenstände de dicto handelt, die betreffenden Aussagen keinen Bezug zur Wahrheit bzw. Sein haben, sondern sich, wie Glock behauptet, bloß auf Begriffe und Begrifflichkeiten beziehen. Dieses Problem führt Glock folgendermaßen aus:

"Die Analogie zwischen echten Gegenständen und bloßen Gegenständen der Rede ist begrenzt und rein logisch: beide können identifiziert und charakterisiert werden [...]. Als bloße Gegenstände der Rede geben Intensionen aber kein Rätsel auf. So können wir materielle Gegenstände durch Prädikate charakterisieren, und dann die dabei zugeschriebenen Attribute in höherstufigen Prädikationen wiederum charakterisieren, wie z.B. in 'Pfiff zu haben ist eine wünschenswerte Eigenschaften bei einem Freund'."[30]

Glock argumentiert hier metalogisch. Er diagnostiziert folgende Analogie bezüglich der Logik und ontologischen Aussagen und greift diese an:

(19.) Hinsichtlich ihres Zusammenspiels verhalten sich Gegenstände de dicto mit ihren Intensionen genauso wie Gegenstände de re mit ihren ontologischen Annahmen.

(20.) Gegenstände de dicto implizieren Intensionen.

(21.) "Verhalten sich Gegenstände X in Bezug auf den Aspekt Z∗ genauso wie Gegenstände Y auf den Aspekt Z, trifft auf Gegenstände Y in Bezug auf den Aspekt Z S zu und entspricht der Sachverhalt S∗ hinsichtlich des Aspekts Z∗ dem Sachverhalt S, so trifft auf Gegenstände X S∗ zu."[31]

(22.) Gegenstände implizieren ontologische Annahmen.

Glock bestreitet aber die Richtigkeit der impliziten Prämisse (21), das Analogieprinzip. Den Grund führt er an dieser Stelle zwar nicht explizit an. Die Problematik des Analogieprinzips ist aber allgemein nachvollziehbar. So erläutert zum Beispiel Tetens die Problematik von Analogieargumenten folgendermaßen: Entweder man weiß bereits, dass die Logik mit ihren Gegenständen de dicto sich zu ihren Intensionen verhält wie die Gegenstände zu ihren ontologischen Annahmen, dann wäre das Analogieargument überflüssig; oder man möchte sich durch das Analogieargument davon überzeugen, dass dieser Sachverhalt zutrifft. Allerdings stünde die Wahrheit der Prämisse, dass sich Gegenstände de re zu ihren Intensionen genauso verhalten wie Gegenstände zu ihren ontologischen Annahmen erst in der Konklusion fest. "Analogieargumente zählen daher nicht zu den deduktiv schlüssigen Argumenten."[32]

Deshalb wertet Glock die Analogie als begrenzt und rein logisch ab.

Dieses Argument, das den grundsätzlichen Stellenwert der Logik in Bezug auf die Ontologie betrifft, stärkt wiederum Glocks Konklusion (9.) seines Hauptarguments durch die Prämisseneinführung:

(23.) Wenn Ontologen nicht wissen, ob sie von Gegenständen de dicto auf Gegenstände de re schließen können, dann stellen sie nicht fest, was es gibt, sondern analysieren nicht-philosophische Existenzaussagen und Begriffe wie 'existiert', 'Gegenstand' oder 'real'.

(24.) Durch die Problematik des Analogieprinzips wissen Ontologen nicht, ob sie von Gegenständen de dicto auf Gegenstände de re schließen können.

(25.) Ontologen stellen nicht fest, was es gibt, sondern analysieren nicht- philosophische Existenzaussagen und Begriffe wie 'existiert', 'Gegenstand' oder 'real'.

Die Konklusion (25.) ist dieselbe wie (9.) in Glocks Hauptargument, also erhärtet und bestärkt dieses Argument die Konklusion des Hauptarguments.

3. Glocks eigentlicher Vorwurf an Quine

Schauen wir uns Glocks Beispiel für den sprachlicher Deflationismus an:

(26) Die Farbe Rot existiert.

Diese Aussage könne man als eine empirische Aussage wie

(26') Es gibt rote Dinge

verstehen, oder als eine Aussage über Sprache:

(26∗) Das Wort 'rot' hat in unserer Sprache eine Bedeutung

(26') wäre dann, so Glock, eine Aussage über Gegenstände de re, die aber trivial wäre, und (26∗) eine Aussage über Gegenstände de dicto, die aber keine Existenzaussagen generiert.

Quine würde, so Glock, noch eine dritte Interpretation von (26) zulassen:

(26#) In einer kanonischen Schreibweise kommen neben konkreten generellen Termini wie 'ist rot' auch abstrakte singuläre Termini wie 'die Farbe Rot' vor.[33]

Und das ist der Kern von Glocks Kritik: "Nun unterscheidet sich diese Interpretation von denen der sprachlichen Deflationisten nur dann, wenn man annimmt, daß die Reform der kanonischen Schreibweise durch logische Paraphrase auf der selben Ebene steht wie wissenschaftlichen (sic!) Entdeckungen über die Wirklichkeit."[34]

Und genau dies bestreitet Glock. Vor dem Hintergrund des oben dargelegten Analogiemarguments auch zu Recht: Die Reform der kanonischen Schreibweise durch logische Paraphrase ist zwar möglich, modifiziert aber bloß Gegenstände de dicto derart, dass diese entweder keine Intensionen mehr implizieren (wie es vor der Paraphrase den Anschein hatte) oder ihre Implikationen transparent dargestellt werden. Das sagt aber trotzdem nichts über Gegenstände de re aus, da das Analogieprinzip nicht deduktiv schlüssig und auf diese Weise angreifbar ist. Wenn also in der kanonischen Schreibweise Quines singuläre Termini wie ,die Farbe Rot' vorkommen, so heißt das nur, dass dieser singuläre Terminus als Gegenstand de dicto in einem intensionalen Kontext vorkommt. Aber da es kein Gegenstand de re ist, legt 'die Farbe Rot' nicht auf eine ontologische Annahme fest.

Glock wirft Quine also vor, dass er nur das macht, was Glock ebenfalls von sich behauptet: Empirische Existenzaussagen als Aussagen de dicto begriffsanalytisch zu untersuchen. Die Ontologie prägt das Begriffsschema, das von dem 'Ontologen' dann als Gegenstand de dicto analysiert werden kann. Das es rote Dinge gibt, wie in (26') ist zwar einerseits trivial, andererseits aber nicht durch philosophische Ontologen festgestellt worden, sondern durch Empirie. Philosophische Ontologen sind bloß mit Gegenständen de dicto wie in (26∗) konfrontiert, welche sie dann analysieren und umformulieren können. Sie generieren aber keine erneuten Existenzaussagen.

Das zentrale Argument, welches Glock gegen Quine vorbringt, sieht also folgendermaßen aus:

(27.) Wenn de re Aussagen zu de dicto Aussagen führen und diese de dicto Aussagen logisch zu anderen de dicto Aussagen paraphrasiert werden, wird eine weitere Aussage de dicto generiert, und diese paraphrasierten Aussagen de dicto stehen nicht auf der selben Ebene wie die wissenschaftlichen Entdeckungen über Gegenstände de re.

(28.) Wenn jemand die Quine'sche Reform der kanonischen Schreibweise durch logische Paraphrase anwendet, dann paraphrasiert er die Aussagen de dicto, zu denen Aussagen über Gegenstände de re geführt haben.

(29.) Wenn jemand die Quine'sche Reform der kanonischen Schreibweise durch logische Paraphrase anwendet, dann generiert er eine weitere Aussage de dicto, die nicht auf der selben Ebene steht wie die wissenschaftlichen Entdeckungen über Gegenstände de re.

(30.)Wenn etwas eine Aussage de dicto generiert und die nicht auf der selben Ebene steht wie die wissenschaftlichen Entdeckungen über Aussagen über Gegenstände de re, dann wird nicht festgestellt, was es gibt, sondern es werden nicht-philosophische Existenzaussagen und Begriffe wie 'existiert', 'Gegenstand' oder 'real' analysiert.

(31.) Wenn jemand die Quine'sche Reform der kanonischen Schreibweise durch logische Paraphrase anwendet, dann wird nicht festgestellt, was es gibt, sondern es werden nicht-philosophische Existenzaussagen und Begriffe wie 'existiert', 'Gegenstand' oder 'real' analysiert.

(32.) Die philosophischen Ontologen wenden die Quine'sche Reform der kanonischen Schreibweise durch logische Paraphrase an.

(33.) Die philosophischen Ontologen stellen nicht fest, was es gibt, sondern analysieren nicht-philosophsiche Existenzaussagen und Begriffe wie 'existiert', 'Gegenstand' oder 'real'.

Auch hier liegt also wieder eine Stärkung des Glock'schen Hauptarguments vor: Die Konklusion (33.) entspricht der Konklusion (9.) aus Glocks Hauptargument. Glock nutzt hier Quine gewissermaßen, um seine Hauptkonklusion zu plausibilisieren, indem er 'beweist', dass auch Quine keine Ontologie praktiziert, sondern bloß Begriffsanalyse und dass das Quine'sche Kriterium für ontologische Verpflichtung (ausgerechnet!) einer Prämisse bedarf (des Analogieprinzips), die jedenfalls auf die hier dargestellte Art und Weise problematisch und angreifbar ist.

4. Ausblick: Auf den Anspruch, der mit einer Aussage verbunden ist, kommt es an!

Wer hat aber Recht? Besteht die Gefahr, dass wir uns ontologisch verpflichten, wenn wir gebundene Variablen benutzen, wie Quine meint, oder ist es gar nicht möglich, philosophische Ontologie zu betreiben, wie Glock behauptet?

Meiner Meinung nach haben beide Denker Recht: Wer eine Theorie vertritt, muss deren notwendige Implikationen mitvertreten, sonst ist er inkonsequent. Insofern hat Quine Recht. Wer aber behauptet, nur weil man den Satz ausspricht 'Rote Häuser und Sonnenuntergänge haben etwas gemeinsam' gebe es eine Entität 'Röte', macht sich lächerlich. Also hat auch Glock Recht.

Eigentlich geht es nämlich darum, mit welchem Anspruch eine Aussage getätigt wird. Wird eine Theorie aufgestellt und vertreten, so wird sie mit dem Anspruch vertreten, wahr zu sein. Das bedeutet, dass der Anspruch erhoben wird, dass in diesem Einzelfalle, das oben erläuterte Analogieprinzip (21.) zwischen diesen Gegenständen de dicto und diesen Gegenständen de re zutrifft. Der Vertreter einer Theorie, der mit dem ernsthaften Anspruch, seine Theorie sei wahr, auftritt, muss dann auch deren ontologische Implikationen mitvertreten.

Nur weil das Analogieprinzip nicht deduktiv schlüssig ist, heißt das nämlich noch lange nicht, dass es immer falsch ist, wie Glock nahezulegen scheint.

Genau betrachtet sind die Positionen von Glock und Quine in dieser Frage gar nicht soweit auseinander, wie man meinen könnte: Glock argumentiert (meines Erachtens erfolgreich), dass man Aussagen treffen könne, ohne sich deswegen ontologisch zu verpflichten. Quine argumentiert (zumindest in seinem Aufsatz On What There is) dafür, dass man negative Existenzaussagen (mit Wahrheitsanspruch), zum Beispiel über das mythologische Flügelpferd "Pegasus", bedenkenlos tätigen kann, ohne sich ontologisch zu verpflichten. Außerdem schlägt er ein Richtmaß vor (die logische Paraphrase), um Aussagen auf deren mögliche ontologische Implikationen zu untersuchen. Es dient der Transparenz, nicht der ontologischen Auf- bzw. Entladung, wie Glock in seinem Aufsatz zu suggeriert.[35] Das Kriterium ist dabei, dass wenn sich Aussagen (durch die logische Paraphrase) so reformulieren lassen, dass diese keine ontologischen Implikationen mehr aufweisen, man beruhigt diese Aussagen tätigen kann, ohne sich ontologisch auf etwas zu verpflichten bzw. umgekehrt, man mit Bedacht mit Aussagen mit gebundenen Variablen umgehen sollte.

Außerdem ist Glocks Auffassung, Quantifizierungen müssten nach Quine immer gegenständlich aufgefasst werden, nachgewiesenermaßen falsch, wie oben erläutert wurde. Quine reduziert eine ontologische Entität nicht voreilig auf materialistische Weise, sondern behauptet, dass das Sein eines Dinges vom Wert einer Variable abhängt: "To be assumed as an entity is, purely and simply, to be reckoned as the value of a variable."[36] Quine lässt den Charakter einer ontologischen Entität also ausdrücklich offen, während Glock die Wirklichkeit auf den Materialismus reduziert. Dies macht Glock vorsätzlich, denn er zitiert auf Englisch eine Quine'sche Stelle über das Sein als Wert einer Variable und legt Quine unkommentiert in seiner deutschen Schlussfolgerung den Materialismus in den Mund.[37]

Wenn also eine Theorie mit dem Anspruch aufgestellt wird, dass diese wahr ist (was praktisch bei jeder ernstgemeinten Theorie zutrifft), so betreibt er nicht nur reine Begriffsanalyse, sondern behauptet etwa auch, dass in diesem Fall die oben dargelegte Analogie zutrifft. Also verpflichtet er sich auch auf eventuelle ontologische Implikationen dieser Theorie; Dann gilt: Trete ich mit dem Anspruch an, eine Theorie sei wahr, dann müssen auch deren Implikationen wahr sein. Ob diese in echt wahr sind oder nicht, spielt hierbei noch gar keine Rolle. Das Entscheidende ist der Wahrheits-Anspruch!

Glock selbst bestreitet in diesem Aufsatz explizit keinen ontologischen Anspruch. Deshalb betreibt er meines Erachtens auch keine Ontologie, sondern tatsächlich Begriffsanalyse.

Mit einer Ausnahme jedoch! Seine Verabsolutierung der Negation des Analogie-Prinzips (von (24.) auf (25.)) beinhaltet ontologische Relevanz: Dadurch, dass er das 'deduktiv nicht schlüssig' auf 'immer unwahr' generalisiert, tritt er negativ mit einem ontologischen Anspruch auf, den er nach eigenem Bekunden gar nicht vertreten kann. Also betreibt Glock in diesem Aufsatz wider aller Selbstbeteuerungen Ontologie!

Dass dieser ontologische Anspruch meines Erachtens eine problematische Anmaßung ist, habe ich bereits erörtert. Ob diese Stelle aber sogar ein Hinweis dafür ist, dass es vielleicht unmöglich ist, nicht-ontologisch zu philosophieren, das wäre die nächstliegende Frage und müsste in einer weiteren Darstellung untersucht werden.

5. Literaturverzeichnis

Glock, Hans-Johann: Ontologie_Gibt's das wirklich? In: Argument und Analyse: Proceedings of GAP 4. Hrsg. v. C. Nimtz u.a. Paderborn 2001. S. 436 – 447.

Kauppi, R.: Art. Extension/Intension. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2. Basel 1972. S. 878.

Quine, Willard van Orman: From a Logical Point of View. Three Selected Essays. Von einem logischen Standpunkt aus. Drei ausgewählte Aufsätze. Englisch/Deutsch. Hrsg. Und übers. v. Roland Blum und Christian Nimtz. Stuttgart 2011.

Quine, Willard van Orman: Grundzüge der Logik. Frankfurt am Main 1974.

Quine, Willard van Orman: Ways of Paradox and Other Essays. Cambridge 1976.

Quine; Willard van Orman: Wort und Gegenstand (Word and Object). Übers. v. J. Schulte u. D. Birnbacher. Stuttgart 1980.

Schneider, H.-J.: Art. Nominalismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6. Basel 1972. S. 884-888.

Tetens, Holm: Philosophisches Argumentieren. Eine Einführung. 3. unveränderte Auflage. München 2010.

Tugendhat, E./U. Wolf: Logisch-semantische Propädeutik. Stuttgart 1983.


[1] Glock, Hans-Johann: Ontologie – Gibt's das Wirklich? In: Argument und Analyse: Proceedings of GAP 4. Hrsg. v. C. Nimtz u.a. Paderborn 2001. S. 438.

[2] Vgl. Glock: Ontologie. S. 438.

[3] Tetens, Holm: Philosophisches Argumentieren. Eine Einführung. 3. unveränderte Auflage. München 2010.

[4] Vgl. Kauppi, R.: Art. Extension/Intension. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2. Basel 1972. S. 878.

[5] Kauppi: Art. Extension/Intension. S. 878.

[6] Vgl. Glock: Ontologie. S. 438.

[7] Glock: Ontologie. S. 437f.

[8] Quine, Willard van Orman: Ways of Paradox and Other Essays. Cambridge 1976. S. 198.

[9] Vgl. hierzu auch meinen abschließenden Kommentar unten in Kap. 4.

[10] Quine, Willard van Orman: Über was es gibt. In: From a Logical Point of View. Three Selected Essays. Von einem logischen Standpunkt aus. Drei ausgewählte Aufsätze. Englisch/Deutsch. Hrsg. und übers. v. Roland Blum und Christian Nimtz. Stuttgart 2011. S. 27.

[11] Quine: Über was es gibt S. 37.

[12] Ich habe hier diese Darstellungsweise gewählt, um auf die Gemeinsamkeit mit Glocks 'Pfiffigkeits-Argument' (12.) hinzuweisen.

[13] Quine: Über was es gibt. S. 41.

[14] Quine, Willard van Orman: Wort und Gegenstand (Word and Object). Übers. v. J. Schulte u. D. Birnbacher. Stuttgart 1980. S. 418.

[15] Vgl. Glock: Ontologie. S. 438.

[16] Vgl. Tugendhat, Ernst; Ursula Wolf: Logisch-semantische Propädeutik.Stuttgart 1983. S. 52.

[17] Vgl. auch Tetens: Philosophisches Argumentieren. S. 263.

[18] Glock: Ontologie. S. 437.

[19] Vgl. Tetens: Philosophisches Argumentieren. S. 28ff.

[20] Glock: Ontologie. S. 438.

[21] Glock: Ontologie. S. 439.

[22] Glock: Ontologie. S. 439.

[23] Quine: Ways of Paradox and Other Essays. Cambridge 1976. S. 198.

[24] Quine: Über was es gibt. S. 27.

[25] Glock, Ontologie. S. 440.

[26] Vgl. Schneider, H.-J..: Art. Nominalismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6. Basel 1972. S. 885.

[27] Vgl. Schneider: Art. Nominalismus. S. 886.

[28] Schneider: Art. Nominalismus. S. 886.

[29] Glock: Ontologie. S. 440.

[30] Glock: Ontologie. S. 443.

[31] Tetens: Philosophisches Argumentieren. S. 173.

[32] Tetens: Philosophisches Argumentieren. S. 174.

[33] Vgl. Glock: Ontologie S. 444.

[34] Glock: Ontologie S. 444.

[35] Vgl. Glock: Ontologie. S. 440.

[36] Quine: Über Was es Gibt. S. 36.

[37] Vgl. Glock: Ontologie S. 438.

20 von 20 Seiten

Details

Titel
"Ontologie – Gibt's das wirklich?" Glocks Aufsatz zur Widerlegung von Quines Kriterium für ontologische Verpflichtungen
Untertitel
Analyse und Kritik
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V308925
ISBN (Buch)
9783668076235
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Quine, Glock, ontologische Verpflichtung, ontological commitment, aktuelle Metaphysik, on what there is, Argumentationsanalyse, Ontologie - Gibt's das wirklich?, Platonismus, Anspruchstheorie, Metaphysik
Arbeit zitieren
Helmut Dietz (Autor), 2015, "Ontologie – Gibt's das wirklich?" Glocks Aufsatz zur Widerlegung von Quines Kriterium für ontologische Verpflichtungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308925

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Ontologie – Gibt's das wirklich?" Glocks Aufsatz zur Widerlegung von Quines Kriterium für ontologische Verpflichtungen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden