Das Bild des Arztes bei Honoré de Balzac. Figurennalyse des Horace Bianchon in der "Comédie humaine"


Hausarbeit, 2015

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Arztbild im 19. Jahrhundert

3 Die Darstellung Horace Bianchons 3.1 Äußeres Erscheinungsb ild (portrait phy sique) 3.2 Persönliche Eigenschaften 3.3 Position in der Gesellschaft 3.4 Moralische und politische Einstellungen

4 Die Typisierung Horace Bianchons als Arzt 4.1 Beruflicher Werdegang 4.2 Behandlungsmethoden 4.3 Berufsethik

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis 6.1 Primärliteratur 6.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Die Wissenschaft der Medizin, sowie auch ihre Praxis erfährt im 19. Jahrhundert einen deutlichen Wandel. Bariety und Coury, welche das 19. und 20. Jahrhundert als «siècles de vérité»1 bezeichnen, sehen im 19. Jahrhundert den Übergang zur modernen Medizin: «Le passage de la médecine ancienne à la médecine moderne coïncide […] avec le début du XIXe siècle.»2. Dieser Wandel wirkt sich auch auf das Bild des Arztes aus, welcher in der Gesellschaft bis zu diesem Zeitpunkt vor allem mit einem Scharlatan gleichgesetzt wurde und dessen Beruf wenig Ansehen hatte.

Wurden diese Veränderungen auch in der Literatur aufgenommen? Welches Bild eines Arztes wird durch die fiktiven Repräsentanten dieser Berufsgruppe widergespiegelt? Diesen Fragen soll im Verlauf dieser Arbeit auf den Grund gegangen werden. Die Com é die humaine eignet sich hierbei besonders aufgrund der Technik der retour des personnages für eine Untersuchung dieses Themas, da sich bei den meisten Figuren des Werkes Balzacs ein breitgefächertes Figurenportrait ergibt. Zudem tauchen in der Com é die humaine verschiedene Ärzte auf, so z.B. Dr. Benassis aus M é decin de campagne, Dr. Desplein aus La messe de l'ath é e oder Dr. Minoret aus Ursule Mirou ë t. Für diese Arbeit soll der Fokus jedoch auf der Figur des Horace Bianchon liegen. Obwohl er bis auf wenige Einsätze als Erzähler meist die Rolle einer Nebenfigur einnimmt, ist er zusammen mit dem Bankier Nucingen und dem jungen, aufstrebenden Rastignac eine der meist auftretenden Figuren des Romanzyklus3.

Die Darstellung dieser Figur soll daher nach einem kurzen Abriss über das Arztbild im 19. Jahrhundert näher untersucht werden. Neben seinem äußeren Erscheinungsbild werden auch seine persönlichen Eigenschaften, sowie auch seine moralischen und politischen Einstellungen und letztlich seine Position in der Gesellschaft beleuchtet. Im Anschluss soll der eigentlichen Fragestellung nach der Typisierung Horace Bianchons als Arzt nachgegangen werden. Welches Bild eines Arztes wird anhand der Figur des Horace Bianchons skizziert? Wie sieht sein beruflicher Werdegang aus? Welche Behandlungsmethoden wendet er bei seinen Patienten an und welche Berufsethik liegt seiner Behandlungspraxis zugrunde?

All diese Untersuchungsschwerpunkte dienen schließlich dazu, ein Gesamtbild des Typs des Arztes in der Com é die humaine zu erhalten und abgleichen zu können, inwiefern dieses Bild des Arztes die entscheidenden Entwicklungen der damaligen Zeit in dieser Berufsgruppe aufgreift.

2 Das Arztbild im 19. Jahrhundert

Der Arzt des 19. Jahrhunderts hatte nach wie vor mit den Nachwirkungen der vergangenen Jahrhunderte zu kämpfen. Zu lange war die Reputation dieser bis dahin ungeschützten Berufsbezeichnung des Arztes durch die Arbeit Scharlatanen und Heilern, Religiösen und Apothekern geschädigt worden. Eine wirkliche klinische Forschung fand im 18. Jahrhundert noch nicht statt, sondern war eher das Werk einzelner Forscher. Dabei waren diese Forschungsarbeiten weniger intrinsisch durch die wissenschaftliche Neugier motiviert, sondern durch den Wunsch nach Ansehen in der Gesellschaft4.

Teilweise zurecht wurde das Bild des Arztes ins Lächerliche gezogen. Eine besondere Rolle spielte Kunst und Literatur hierbei. Zahlreiche Karikaturisten und Autoren skizzierten die Figur des verkleideten Arztes, der wirkungslose Behandlungsmethoden verschreibt, um so in Zusammenarbeit mit dem Apotheker einen möglichst großen Profit zu machen5. Man denke hierbei nur an Monsieur Purgon, Monsieur Diafoirus und nicht zuletzt an Toinette aus Molières Stück Le Malade imaginaire, welche die Berufsgruppe der Ärzte verkleidet als Arzt ins Lächerliche zieht. Der Arzt schien sich nur durch seine Kleidung und seine Sprache von der restlichen Gesellschaft zu unterscheiden, ohne dabei zu helfen. Er wurde als Quacksalber, teils sogar als Hochstapler dargestellt.

Diese Tendenz war letztlich auch ein Resultat der fatalen Zustände, in denen sich die medizinischen Lehrstätten nach der Revolution befanden. Lehreinrichtungen des alten Regimes waren abgeschafft worden und so fehlte eine Instanz, die offizielle Titel vergab. Die Universitäten von Montpellier, Paris und Straßburg, die einzigen Universitäten, die zu diesem Zeitpunkt Ärzte ausbildeten, vergaben inoffiziell Titel, die 1797 schließlich anerkannt wurden. Dennoch befand sich die Ausbildung von Ärzten nach wie vor in einem weitestgehend ungeregelten Zustand, was das Aufkommen von Scharlatanerie begünstigte6. Dieser Vorwurf traf jedoch bei Weitem nicht auf alle Ärzte zu, wie sich in den Entwicklungen des folgenden Jahrhunderts zeigen sollte. Ein erster Schritt war das Ende der Rivalität zwischen Chirurgen und Medizinern im Verlauf des

18. Jahrhunderts7. Die Situation des Arztes, vor allem in der Gesellschaft, blieb jedoch zunächst prekär, wie Bariety und Coury hervorheben:

«La reconnaissance sociale […] est encore faible. ils font face à des populations qui rechignent souvent à payer leurs services et sont confrontés à une concurrence exra médicale redoutable, celle des guérisseurs, des religieuses, des pharmaciens.»8

Der Arzt war also noch weit von seiner heutigen Reputation entfernt ebenso wie von seinem heutigen Einkommen. Neben dieser Konkurrenz von außen herrschte aber auch innerhalb der Berufsgruppe eine große Spaltung. Diese ergab sich aus der Unterscheidung in officiers de sant é und docteurs 9 . Diese Unterscheidung war ein Ergebnis zweier Gesetze Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts. Das erste Gesetz von 1793 war eine Reaktion auf den dringenden Bedarf nach medizinischen Fachkräften in Krankenhäusern und in der Armee, welche es auch Bürgern ohne Abitur ermöglichte eine verkürzte, medizinische Ausbildung zu durchlaufen, um im medizinischen Bereich tätig zu werden10. Bis dahin war keine offizielle Unterscheidung zwischen dieser und der universitären Ausbildung gemacht worden.

Dies änderte sich mit dem Gesetz von 1803, welches zwar die obengenannte Gleichstellung von Medizinern und Chirurgen zur Folge hatte, aber die praktische Ausübung des Medizinerberufs an ein Diplom band. Der Begriff des officier de sant é wurde etabliert und beschrieb die oben genannte verkürzte Ausbildung. Dieser Begriff beschrieb Medizinern zweiter Klasse, welche nicht in Krankenhäusern arbeiten durften und nur in der Region, in der sie ihre Ausbildung gemacht hatten, praktizieren durften. Zudem durften sie gewisse Eingriffe nur unter Aufsicht eines docteur durchführen. Diese Spaltung hielt bis 1892 an, als die medizinische Ausbildung vereinheitlicht wurde11.

Wenn diese Gesetzesgebung auch für große Konkurrenz sorgte, so war sie doch ein Schritt in Richtung Professionalisierung. So regelte das Gesetz z.B. auch für eine geregelte Medikamentenherstellung und eine offizielle Regelung des Medikamentenverkaufs12.

Ein endgültiger Wandel fand mit der Einführung und Umsetzung der m é thode anatomo-

clinique statt, welche vor allem von Laënnec vorangetrieben wurde13. Diese Methode basiert auf der sorgfältigen Beobachtung der Symptome und anschließendem Abgleich von anatomischen Verletzungen z.B. im Rahmen der Autopsie. Dies ermöglichte eine Abwendung von der bisher herrschenden „Krankenbettmedizin“14, sowie auch eine präzise und individuelle Skizzierung unterschiedlicher Krankheitsbilder. Bisher fand die medizinische Praxis im Rahmen eines sogenannten „Patronagesystems“ statt, indem der Patient die Behandlung bestimmte, vor allem auch weil der Arzt komplett von seiner Aussage über das Krankheitsbild und eventuelle Symptome abhing. Wie Lachmund aufzeigt hing somit auch die gesamte Autorität des Arztes vom Patienten und seinen Angehörigen ab.

„Die Zuschreibung von 'Geschick' durch das lokale Laienpublikum, das sich hierbei an den Erfolgen und Mi[ss]erfolgen früherer Diagnosen und Kuren orientiert, bildet die einzige Ressource kognitiver Autorität des Arztes.“15

Dies änderte sich mit der m é thode anatomo-clinique entscheidend, denn die Behandlung wurde in das Krankenhaus verlegt und die Forschung im Krankenhaus begann16. Auch die Entdeckung neuer Behandlungsmethoden und neue wissenschaftliche Erkenntnisse trugen zum Wandel des Arztbildes bei. Die bis 1830 gängigen Diagnosemethoden der Befragung, Inaugenscheinnahme, Palpation (Abtasten), Perkussion (Abklopfen) und Auskultation (Abhören) konnten so professionalisiert werden.

Eine besondere Bedeutung kam hier der Erfindung des Stethoskops im Jahre 1818 zu, durch welche der Arzt „zum unumgänglichen Spezialisten der Repräsentation der in das Körperinnere verlagerten Wirklichkeit der Krankheit“17 wurde und so an Autorität gewann. Weitere Entdeckungen und Entwicklungen wie die Endoskopie 1851 durch den Deutschen Helmholtz18, die weiterentwickelte Untersuchung von Körperflüssigkeiten wie Blut und Urin19, die Röntgenstrahlen im Jahr 188520, die Entdeckung von Zellmembranen in tierischem Gewebe sowie die Grundlagen der Zellproduktion21 folgten. Von großer Relevanz waren zudem die auf Pasteur und Koch zurückgehenden

Fortschritte in der Mikrobiologie, welche erste Erkenntnisse über Bakterien und später auch über Viren als Krankheitsauslöser brachten. So entdeckte Koch selbst die bakteriellen Auslöser von Tuberkulose (1882) und Cholera (1883). Dies stellte einen großen Fortschritt dar, da ansteckbare Krankheiten immer noch weit verbreitete Todesursachen waren, vor allem auch im Krankenhaus22.

Diese Entwicklungen sind zeitlich jedoch alle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einzuordnen. Zeitgleich verbessert sich auch die Situation der Ärzte. Die Gehälter steigen23. Auch entstehen in Frankreich zum Ende des 19. Jahrhunderts erste Formen eines sozialen Gesundheitssystems. Die demographischen Veränderungen, die Landflucht ausgelöst durch die industriellen Fortschritte und das erste Erwachen eines kollektiven, nationalen Verantwortungsbewusstseins innerhalb eines politischen Systems, das zunehmend sozialer und liberaler wurde, legten die Grundsteine hierfür. Die vom französischen Arzt und Hygieniker Jean Noël Hallé bereits seit 1796 geforderte Entwicklung einer Allgemeinhygiene und eines sozialen Gesundheitssystems wurde 1893 erstmals angegangen. Eine kostenfreie medizinische Versorgung für Arme wurde eingerichtet. 1898 wird die erste Versicherung für Arbeitsunfälle ins Leben gerufen und somit der erste Schritt in Richtung der heutigen Krankenkassen24.

Zusammenfassend stellten die systematisierte und in die Krankenhäuser und Universitäten verlagerte wissenschaftliche Forschung und die daraus resultierenden Entdeckungen die entscheidende Wende da, die dazu beitrug, das Bild des Arztes vom Quacksalber und Hochstapler hin zum fachlich versierten Experten zu verändern. Das

19. Jahrhundert verkörpert somit in vielfacher Hinsicht einen Übergang zur modernen Medizin. Die medizinische Bildung wird politisch umstrukturiert und zunehmend vereinheitlicht und kämpft so gegen Scharlatane an. Die Medizin bedient sich neuer Methoden und erlangt wissenschaftlichen Anspruch. Neue Diagnose- und Behandlungsmethoden werden entdeckt, ebenso wie neue Krankheiten, die nun wissenschaftlich erfasst werden können. Schließlich finden sich auch erste Ansätze für das moderne Gesundheitssystem. Der Beruf des Arztes erhält so einen völlig neuen Status und gewinnt an Autorität und Reputation.

[...]


1 Bariety, Maurice/ Coury, Charles: Histoire de la M é decine, (o.O.): Fayard 1963, S. 594.

2 Ebd., S. 595.

3 Mikhalevitch, Alexandre: Balzac & Bianchon, Paris: Honoré Champion 2014, S. 10.

4 Bariety, Maurice/ Coury, Charles: Histoire de la Médecine, S. 583.

5 Ebd., S. 590.

6 Heller, Robert: „Officers de Santé: The Second-Class Doctors of Nineteenth-Century France“, in:Medical History 22 (1978), S. 25-43, hier: S. 25.

7 Bariety, Maurice/ Coury, Charles: Histoire de la Médecine, S. 585.

8 Guillemain, Hervé: „Devenir médecin au XIXe siècle“, in: Annales de Bretagne et des Pays de l'Ouest 116 (2009), S. 109-123, hier: S. 2.

9 Ebd., S. 2.

10 Heller, Robert: Officers de Santé, S. 26.

11 Ebd., S. 26-29.

12 Guillemain, Hervé: „Devenir médecin au XIXe siècle“, S. 14.

13 Bariety, Maurice/ Coury, Charles: Histoire de la Médecine, S. 600.

14 Lachmund, Jens: „Die Erfindung des ärztlichen Gehörs. Zur historischen Soziologie der stethoskopischen Untersuchung“, in: Zeitschrift für Soziologie 21, Ausgabe 4 (1992), S. 235- 251, hier: S. 238.

15 Ebd., S. 238.

16 Bariety, Maurice/ Coury, Charles: Histoire de la Médecine, S. 610.

17 Lachmund, Jens: „Die Erfindung des ärztlichen Gehörs“. S. 248.

18 Bariety, Maurice/ Coury, Charles: Histoire de la Médecine, S. 630.

19 Ebd., S. 633-643.

20 Ebd., S. 644.

21 Ebd., S. 699-702.

22 Bariety, Maurice/ Coury, Charles: Histoire de la Médecine, S. 703-711.

23 Guillemain, Hevé: Devenir médecin au XIXe siècle, S. 14.

24 Bariety, Maurice/ Coury, Charles: Histoire de la Médecine, S. 795-797.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Bild des Arztes bei Honoré de Balzac. Figurennalyse des Horace Bianchon in der "Comédie humaine"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Romanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V309678
ISBN (eBook)
9783668079182
ISBN (Buch)
9783668079199
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bild, arztes, honoré, balzac, figurennalyse, horace, bianchon, comédie
Arbeit zitieren
Jacqueline Rauhaus (Autor), 2015, Das Bild des Arztes bei Honoré de Balzac. Figurennalyse des Horace Bianchon in der "Comédie humaine", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309678

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