Der A/andere in Lacans Subjekttheorie und die Möglichkeit eines Scheiterns der Subjektwerdung


Forschungsarbeit, 2015

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung ... 2

II. Lacans Subjekttheorie ... 4
1. Genese des Subjekts im Spiegelstadium ... 4
2. Register des Imaginären, Symbolischen und Realen ... 6
3. Das sprachlich strukturierte Unbewusste ... 8
4. Das Lacan’sche Subjekt und das Cogito ... 11

III. Möglichkeit eines Scheiterns der Subjektwerdung ... 13
1. Verwerfung des „Namen-des-Vaters“ ... 13
2. Der A/andere in Lacans Theorie des Wahns ... 15

IV. Abschließende Überlegungen ... 18

Literaturliste ... 20

I. Einleitung

Jaques Lacan, der als wichtigster Interpret Freuds und Begründer der strukturalen Psychoanalyse gilt, hat sich in seinem Werk vielfach auf den brühmten Satz Rimbauds bezogen: ‚Ich ist ein anderer’. In seiner Neuinterpretation und Weiterentwicklung der Freud’schen Psychoanalyse entwirft Lacan eine Theorie des Subjekts, in welcher der Begriff des Anderen und seine Differenzierung von zentraler Wichtigkeit ist.

Diese Arbeit gliedert sich in zwei Hauptteile. Im ersten Teil versuche ich die grundlegenden Momente in Lacans Subjekttheorie nachzuvollziehen. Wichtig erscheint mir hier vor allem eine zusammenfassende Darstellung der Theorie des Spiegelstadiums, der drei Register des Imaginären, des Symbolischen und des Realen, sowie Lacans linguistischer Auffassung des Unbewussten. Als Abschluss des ersten Teils habe ich Lacans Subjektverständnis dem Cogito Descartes’ gegenübergestellt, um seine eigenständige strukturale Position zu verdeutlichen.

Nachdem im ersten Teil der Arbeit herausgestellt wird, inwiefern das Lacan’sche Subjekt als Resultat einer Eingliederung des Individuums in die symbolisch-sprachliche Ordnung gesehen werden kann, beleuchte ich im zweiten Teil, unter welchen Voraussetzungen eine solche Subjektwerdung nach Lacan scheitern kann, d. h. das Individuum in einer wahnhaften Struktur verfangen bleibt. Im Vordergrund steht hier die Beschreibung des Mechanismus der Verwerfung des „Namen-des-Vaters“ und seiner Folgen, sowie der erneute Bezug auf den „kleinen anderen“ und den „großen Anderen“.

Im Schlussteil des Textes versuche ich eine kritische Wertung der Subjekttheorie Lacans.

Mit dieser Arbeit habe ich mir zum Ziel gesetzt, ein grundlegendes Verständnis von Lacans Theorie des Subjekts und seiner strukturalen Analyse des Wahns zu schaffen. Dabei habe ich bei meinen Ausführungen bewusst darauf verzichtet, auf einzelne Phasen in Lacans großem Werk mit ihren jeweilig unterschiedlichen Schwerpunkten und Sinnverschiebungen einzugehen, da dies den Umfang dieser Arbeit weit überstiegen hätte. Aus dem gleichen Grund gehe ich auch nicht auf die verschiedenen Arten von Wahn[1] und einzelne Fallstudien ein und konnte auch Lacans eigenen vielfältigen und interdisziplinären Quellen nur begrenzt nachgehen.

II. Lacans Subjekttheorie

1. Genese des Subjekts im Spiegelstadium

Der Ausgangspunkt von Lacans Subjekttheorie ist das auf der Interpretation empirisch beobachtbarer Phänomen [2] basierende Theorem des Spiegelstadiums. Es beschreibt die Bildung des Ichs (‚formation du je’) im Kleinkindesalter und verdeutlicht die ambivalente Struktur des menschlichen Subjekts.

Nach Lacans Lehre gibt es beim sechs bis achtzehn Monate alten Kind ein sich wiederholendes Ereignis, bei dem es sein eigenes Bild im Spiegel [3] erkennt[4]. Während das prämaturiert geborene Kleinkind in diesem Alter seinen Körper noch als zerstückelt und zerrissen erfährt und es ihm an seiner Koordination fehlt, sieht es im Spiegel sein Bild (‚ Imago’) als ein quasi vollkommenes Ganzes. Dieses nimmt es ‚jubilatorisch’ auf und identifiziert sich mit ihm. Lacan sagt: „Man kann das Spiegelstadium als eine Identifikation verstehen im vollen Sinne, den die Psychoanalyse diesem Terminus gibt: als eine beim Subjekt durch die Aufnahme eines Bildes ausgelöste Verwandlung“.[5] Das Spiegelstadium beschreibt den „Dynamismus“ [6] dieser ursprünglichen Identifikation des Subjekts mit der visuellen Gestalt des eigenen Körpers. Das Ich ist das Resultat des Prozesses der Identifizierung mit seinem eigenen Spiegelbild und insofern einer Verkennung (‚méconnaissance’). Aufgrund dieser Umwandlung gibt es für Lacan keinen Unterschied zwischen dem Ich und dem Bild vom Ich, welches man laut Lacan mit Freud auch als ‚Ideal-Ich ’ bezeichnen kann[7]. So stellt er in seiner Lehre immer wieder heraus: „Ich ist ein anderer“. [8]In seiner Theorie des Spiegelstadiums zeigt Lacan somit: „Das Ich ist das, worin das Subjekt sich zunächst nur erkennen kann, indem es sich entfremdet.“[9] Lacan geht an dieser Stelle nicht weiter auf den Begriff der Entfremdung ein. Aus dem Kontext ergibt sich jedoch, dass er in dem Sinne gemeint ist, dass das Ich sich für etwas hält bzw. auf ein Bild projiziert, welches von ihm selbst räumlich und zeitlich getrennt ist.

Das Spiegelstadium ist demnach nach Lacan der Ort, an dem das Ich sich selbst entfremdet wird, und zwar schon „bevor es sich objektiviert in der Dialektik der Identifikation mit dem anderen und bevor ihm die Sprache im Allgemeinen die Funktion eines Subjekts wiedergibt.“ [10] Es situiert das Ich auf einer ‚fiktiven Linie’ der Zeit, indem es die „Bildung des Individuums entscheidend als Geschichte projiziert“[11], denn dieses entwirft sich im gegenwärtigen Moment seines körperlichen Mangels auf die antizipierte körperliche Integrität in der Zukunft hin. Auf diese Weise wird das Ich zu jenem Herren, „den das Subjekt in einem anderen findet und der sich in seiner Herrschaftsfunktion in seinem eigenen Herzen errichtet.“[12]

Die Theorie des Spiegelstadiums kann somit beschrieben werden als eine „Theorie des Ich, das sich über einem ursprünglichen Riß im Subjekt bildet, weil es die beiden Teile von realer Hilflosigkeit und imaginierter Vollkommenheit über eine zeitliche Antizipation zusammenhält“ [13]. Hieraus ergibt sich eine tragische ontologische Grundstruktur der menschlichen Welt, da diese immer in Gefahr ist, wieder in ihre Bestandteile auseinander gerissen zu werden. So schreibt Lacan: „das Spiegelstadium ist ein Drama, dessen innere Spannung von der Unzulänglichkeit auf die Antizipation überspringt und für das an der lockenden Täuschung der räumlichen Identifikation festgehaltene Subjekt die Phantasmen ausheckt, die, ausgehend von einem zerstückelten Bild des Körpers, in einer Form enden, die wir in ihrer Ganzheit eine orthopädische nennen könnten, und in einem Panzer, der aufgenommen wird von einer wahnhaften Identität, deren starre Strukturen die ganze mentale Entwicklung des Subjekts bestimmen werden.“[14]

Seinen Abschluss findet das Spiegelstadium in der „Wendung vom Spiegel-Ich (je spéculaire) zum sozialen Ich (je social )“[15]. Hier wird auf den notwendigen Augenblick hingewiesen, in dem die Einheit des Spiegelbildes von einem Erwachsenen bezeugt wird.[16]

Vor diesem Hintergrund ist Lacans zentrale Unterscheidung des „großen Anderen“ und des „kleinen anderen“ zu verstehen. So postuliert er: „Es sind zwei andere zu unterscheiden, mindestens zwei – ein anderer mit einem großgeschriebenen A, und ein anderer mit einem kleinen a, der das Ich ist.“[17] An anderer Stelle differenziert Lacan weiter: „Der erste, der andere mit einem kleinen a, ist der imaginäre andere, die Spiegel-Andersheit, die uns von der Form unseres Nächsten abhängen läßt. Der zweite, der absolute Andere, ist jener, an den wir uns jenseits dieses Nächsten richten, jener, den wir jenseits der Beziehung des Trugbilds anzunehmen gezwungen sind, jener, der uns gegenüber akzeptiert oder verweigert, jener, der uns gelegentlich täuscht, von dem wir niemals wissen können, ob er uns nicht täuscht, jener, an den wir uns immer richten.“[18]

Das Spiegelstadium kann nicht ohne den großen Anderen gedacht werden, denn es ist notwendig, dass der Erwachsene, der das Kind vor dem Spiegel ‚trägt’, die Einheit des Bildes im Spiegel von seinem Ort aus bestätigt. Dieser ist der Ort der Sprache. Erst mit der Unterwerfung unter die Gesetze der Sprache entsteht daher das individuelle Subjekt. So lässt sich feststellen: „Lacans Subjekt ist ein Produkt der Eingliederung des Individuums in die symbolisch-sprachliche Ordnung.“ [19] Das Ich wird hier erneut entfremdet durch seine sprachliche Vermittlung. Es wird fremdbestimmt durch den großen Anderen.

[...]


[1] Lacans Interesse gilt vor allem der Paranoia.

[2] Lacan belegt das Spiegelstadium mit Beispielen aus Verhaltensbiologie, Kinderpsychologie und psychoanalytischer Erfahrung .

[3] oder einer anderen reflektierenden Oberfläche wie z.B. der Netzhaut.

[4] Zurückgehend auf Baldwin.

[5] Schriften I, S. 64.

[6] S. 63.

[7] S. 64; Evans (2002), S. 278, Braun (2007), S. 33.

[8] Z. B. Seminar 2, S. 14, 16.

[9] Namen-des-Vaters, S. 34f.

[10] Schriften I, S. 64.

[11] S. 67.

[12] Seminar 3, S. 112.

[13] Gekle (1996), S. 46.

[14] Schriften I, S. 67.

[15] S. 68.

[16] Z. B. durch zustimmende und bekräftigende Aussagen.

[17] Seminar 2, S. 300.

[18] Seminar 3, S. 299.

[19] Zima (2010), S. 258.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der A/andere in Lacans Subjekttheorie und die Möglichkeit eines Scheiterns der Subjektwerdung
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Philosophie III, Praktische Philosophie: Technik, Geschichte, Gesellschaft)
Veranstaltung
"Ich ist ein anderer"
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V310894
ISBN (eBook)
9783668094444
ISBN (Buch)
9783668094451
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lacan, Subjekttheorie, Spiegelstadium, Psychoanalyse, Cogito, Unbewusste
Arbeit zitieren
Henri Kurt Troillet (Autor), 2015, Der A/andere in Lacans Subjekttheorie und die Möglichkeit eines Scheiterns der Subjektwerdung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310894

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